Ueberlegungen zum Begriff der Normalität beim Kind

Ueberlegungen  zum Begriff der Normalität beim Kind

 

 

 

Immer wieder fragen sich Eltern,  ob die Entwicklung ihres Kindes normal verlaufe;  ob es normal sei, dass das Kind so viel weine, immer wieder das Essen verweigere,  so starke Wutanfälle habe, immer noch das Bett nässe usw.  Zwar sind sie in den meisten Fällen in der Lage, ziemlich zweifelsfrei zu entscheiden,  ob ihr Kind körperlich gesund sei oder nicht; auch ob sich seine intellektuellen Fähigkeiten befriedigend entwickeln, ob sein Erkennen und Verstehen, seine Reaktions- und Mitteilungsmöglichkeiten den Erwartungen entsprechen.

Doch da gibt es Fälle, wo ein körperlich gesundes und sogar überdurchschnittlich  intelligentes Kind es scheinbar nicht schafft, jene schwierige Koordinationsleistung zu erbringen,  die seine Gesamtpersönlichkeit  als “normal” erscheinen lässt. Aber was heisst “normal”? Wenn man nun Aerzte, Psychologen,  andere Eltern, Lehrer, vielleicht gar einen Philosophen fragt, was denn unter “normal” zu verstehen sei,  da sind die Antworten so vielfältig, dass man am Schluss noch ratloser ist1, von allen Meinungen absieht, sich ganz auf sein Kind konzentriert – und dieses dann plötzlich als durchaus normal empfindet  (was es in der Tat auch häufig ist).

Wir wollen als erstes uns überlegen, woher die Schwierigkeit und Vieldeutigkeit  des Begriffs “Normalität” herrührt. Wir wollen in der Folge herauszufinden  versuchen, was trotz all dieser Meinungsverschiedenheiten  “normal” für ein Kind bedeuten mag. Und wir werden letzt diese Ueberlegungen mit dem Entwicklungs-Diagramm in Verbindung bringen (aus: Eric H.Erikson,  Identität und Lebenszyklus), von dem ich Ihnen eine Kopie vor einigen Abenden ausgeteilt habe.

Wenn wir zuerst allein auf den Wortsinn achten,  so ist “normal” ein vom Substantiv Norm abgeleitetes Adjektiv. Norm bezeichnet Richtmass: nämlich das,  was unbedingt sein soll oder  geschehen soll.

Das wiederum kann etwas Doppeltes bedeuten:  es kann ein gefordertes Ziel sein,  ein Ideal, eine Art Grenze nach oben;  es kann aber auch ein minimales Richtmass bedeuten, das Durchschnittsmass,  den Durchschnittswert  (was  u n b e d i n g t  sein muss oder geschehen muss). (Von der Norm unterscheiden sich die Regel, die erfüllt werden kann oder nicht; und das Gesetz, welches mit einem Sein oder Geschehen auf notwendige Weise verbunden ist, diesem innewohnt). Die Norm ergibt sich einerseits aus der Beobachtung, aus der Statistik (d.h. aus einer gewissen Häufigkeit oder Regelmässig- keit des Erscheinungsbildes); andererseits wird sie auf bestimmte Weise, nach ganz bestimmten Kriterien als Ziel gesetzt.

Wir sagten, dass sich die erste Bedeutung aus der Beobachtung ergibt, aus der Beobachtung und dem Vergleich, wobei die Häufigkeit als Masstab gilt.

Beispiel: Für einen Arzt mag eine bestimmte Körperlänge eines Kindes als durchaus normal gelten (im Vergleich mit den andern Kindern desselben Alters), innerhalb der Familie aber, deren Mitglieder alle sehr klein sind, wirkt das Kind abnormal gross.

Oder: In bestimmten Ländern mag es als durchaus normal gelten, dass ein Kind mit drei Jahren noch von der Brust trinkt, in Mitteleuropa aber ist dies eher selten und wirkt daher befremdlich.

Oder: Ein Kind schreit, wenn es Hunger hat; das ist zweifellos normal, solange es ein Säugliing ist. Tut es dies jedoch später, wenn esschon sprechen kann und andere Ausdrucksmöglichkeiten als das Weinen besitzt, so kann man sich mit Recht fragen, ob das normal sei.

Neben dem Vergleich innerhalb des soziologischen und kulturellen Umfelds drängt sich noch ein anderer Vergleich auf: der Vergleich zwischen dem Verhalten des Kindes und dem Entwicklungsstand seiner Fähigkeiten und Bedürfnisse. So ist es kaum normal, wenn ein dreijähriges Kind, das an sich gehen kann und sprechen kann, nur weint und nur getragen sein will. Oder dass ein  neunjähriges   Kind , das  schon jahrelange Erfahrungen mit andern Kindern hat (in Spielgruppe, Kindergarten und Schule), überhaupt mit keinem Gleichaltrigen spielen will, sondern allein mit seiner Mutter.

Normalität bedeutet somit in erster Linie eine Art Integrationsleistung der verschiedenen Elemente der kindlichen Persönlichkeit zu einem sowohl in sich abgerundeten wie auch in die Gemeinschaft einfügbaren Ganzen.

Wenn das Kind aber nicht innerhalb des Gemeinschaftsbezuges betrachtet wird, sondern für sich allein, wird Normalität heissen, dass das Kind es fertig bringt, seine ursprünglichen Bedürfnisse und Triebe allmählich durch sein  Denken und seinen Willen zu steuern, dass es ihnen zunehmend weniger ausgeliefert ist und dafür zu einer immer gelösteren und bewussteren Einteilung und Kontrolle dieser Kräfte gelangt, zu einer wachsenden Autonomie. Die Autonomie hat aber wiederum eine soziale Funktion. Damit sie jedoch nicht in Rücksichtslosigkeit ausartet, sondern sich zu Selbständigkeit innerhalb der Gemeinschaft entwickelt, bedarf es der schwierigen Verbindung von Treue zu den eigenen inneren Massstäben des Verhaltens und Handelns und von Anpassung im geforderten Rahmen. Und was dann aus dieser komplizierten Leistung erwächst, ist entweder ein Durchschnittskind, ein Durchschnittsmensch, der dann zweifelsfrei als normal gilt, oder aber ein Kind und ein Mensch, der zwischen seiner eigenen Norm und der gesellschaftlichen Norm eine erträgliche Spannung, ein Verhältnis schöpferischer persönlicher Normalität herstellen kann.

Normalität bedeutet somit die Verbindung von bestmöglicher Selbstentfaltung  und  Anpassung an die Bedingungen von Familie und Umwelt, nicht ein für allemal, sondern Schritt für Schritt. Wird die seelische Entwicklung des Kindes auf einer bestimmten Stufe gestört, sei es,dass das Kind in einem seiner wesentlichen Bedürfnisse zu kurz komme, sei es, dass es wegen Krankheit, Wohnungsumzug, Geburt eines Geschwisterchens oder anderer äusserer Ursachen auf  bedeutende Weise verunsichert   werde,  so  muss   es  immer wieder auf diese Stufe zurückkehren (wenn ähnliche Umstände auftreten und es wird immer wieder die Reaktionsweise eines Säuglings oder Kleinkinds aufweisen, bis es den Mangel oder die Störung überwunden hat.  (Gibt es nicht viele Erwachsene, von denen wir sagen, dass sie sich wie ein Kind verhalten, wenn jedesmal, wenn ihnen etwas nicht gewährt wird, oder wenn sie eine Leistung zu erbringen haben, die sie glauben nicht erbringen zu können, Herzbeschwerden einsetzen oder Zorn- und Wutanfälle. Einen Menschen zu finden, der keine Störungen erlebt hat, ist kaum möglich. Menschen haben aber die Fähigkeit, mit Versagungen und Anforderungen fertig zu werden.

Bevor wir weiter von Störungen sprechen und von den Symptomen, mit denen sie sich zeigen, müssen wir uns einmal mehr bewusst werden, dass auch unter den idealsten Verhältnissen das Leben des Säuglings und Kleinkinds ein sehr schwieriger Lernprozess ist: Da ist ein kleiner, unerfahrener Mensch, der dem Ansturm stärkster Bedürfnisse und Gefühle ausgesetzt ist, und der nur leben und sich entwickeln kann, wenn er diese mitteilen und begreiflich machen kann. Er kennt aber weder die Begriffe noch die Regeln der Gesellschaft und der Sprache dieser Gesellschaft, in die er hineingeboren ist; auch ist er noch unfähig, diese Gefühle zu filtern und zu dämpfen, damit sie nicht auf Abwehr und Empörung stossen. Missverständnisse, Versagungs- und Verzichtserfahrungen sind fast nicht auszuschliessen, sodass gewisse Störungserscheinungen bei jedem Kind mit zur Entwicklung gehören. Die Frage ist, wie das Kind und die Eltern mit diesen Störungen leben können, wie sie damit zurechtkommen, ob die Symtome, durch welche sie sich zeigen, von den Eltern richtig verstanden werden: als Zeichen, als Signale, dass das Kind Hilfe braucht. Erst wenn sie nicht verstanden werden, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllen, wird das Kind seelisch krank. Denn bevor es sich der “abnormalen” Symptome bedient, um auszudrücken, dass es auf schwerwiegende Weise in einem seiner Bedürfnisse zu kurz kommt, wird es schon erfolglos auf verschiedene “normale” Weise versucht haben, zu seinem Recht zu kommen. Zum Beispiel ist das Bettnässen bei grösseren Kindern ein deutliches Zeichen des kindlichen  Protests gegen zu strenge, lieblose Erziehungsmethoden (- die heute 14-jährige Monika). Als  seelissh krank, als nicht normal muss diese Reduktion, diese Fixierung auf eine einzige unter vielen Möglichkeiten der Bedürfnismitteilung verstanden werden. In andern Fällen hat das Kind das Glück, Eltern zu haben, die seine sehr reduzierte Ausdrucksfähigkeit verstehen und darauf mit Geduld reagieren, weil sie dem Bedürfnis oder der Angst, die dahinter steht, abhelfen wollen (Beispiel: die Schreikrämpfe von Martin, Frühgeburt, bei jeder geringfügigen Aenderung der Ess- oder Trinkgewohnheiten).

Normalität bedeutet somit, dass das Kind in zunehmendem Mass von seiner Freiheit Gebrauch machen kann:  “Autonomie” statt Automatismus; schöpferisches Spiel statt eintönige Wiederholung; Freude am Entdecken statt unüberwindliche Angst vor dem Neuen; zur Normalität gehört auch, dass das Kind nach und nach Verzicht und Verlusterfahrungen ertragen kann, weil damit ja nicht alles verloren ist, sondern so vieles noch bleibt; dass es Alleinsein und Gemeinschaft ertragen kann, und innerhalb der Gemeinschaft sowohl die Unterlegenheit  wie die Ueberlegenheit  aus der Erfahrung und dem Wissen liebevoller Gleichheit: wird Normalität so verstanden, so ist sie ein Ziel, welches anzustreben sich für uns und unsere Kinder lohnt, in einer Zeit,  in der Normalität gemeinhin Anpassung und Gleichschaltung  bedeutet.

Normalität im Sinn einer möglichst reichen Selbstenfaltung und Toleranzfähigkeit, im Sinn der Selbstbejahung und der Gemeinschaftsbejahung fällt mit dem Ziel der Identität zusammen, wie Erikson es entwickelt hat. Wir wollen zum Abschluss das Diagramm,  das stichwortmässig den Weg dazu zusammenfasst,  durchsehen und erläutern.

 

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