Gespräch über Kunst mit dem Maler Michael Wyss, Galerie Alex Schlesinger, Zürich, 14. September 2004

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Gespräch über Kunst

mit dem Maler Michael Wyss, Galerie Alex Schlesinger, Zürich, 14. September 2004

 

  • In beiden Räumen der Galerie sind Bilder und Objekte Ihrer jüngsten Arbeitsperiode ausgestellt, eine bedeutende Anzahl persönlicher Werke, die Sie aus der Hand gegeben haben und die wir betrachten. Wie empfinden Sie es, dass wir darüber sprechen?

 

  • Sie kamen 1952 – vor 52 Jahren – in einer geordneten und wohlhabenden, intellektuellen Schweizer Familie zur Welt. Sie wurden nicht Wissenschaftler und nicht Schriftsteller, sondern Zeichenlehrer, dann Maler – ein eigenständiger Künstler. Genügte für sie die Sprache der Worte nicht? War die Grammatik der Worte zu eng? Galt es für sie, aus dem Regelsystem der Vernunft auszubrechen und über die künstlerische Arbeit eine eigene Sprache, eine sinnesnahe Sprache zu finden?

 

  • Sind Sie einverstanden, dass wir auf das eingehen, was für Sie Kunst bedeutet? Ich mache dazu einen kleinen philosophiegeschichtlichen Bogen. Eine zugleich erkenntnistheoretische und analytische Betrachtung über Kunst findet sich bei Friedrich Schiller. Er hatte 1794, fünf Jahre nach Ausbruch der Französischen Revolution, die sich zu einer Diktatur der ideologischen und menschlichen Gewalt entfesselte und nicht zu einer gerechteren Gesellschaftsordnung führte, seine Briefe “Über die ästhetische Erziehung des Menschen” verfasst. Er versuchte, mit seinen Überlegungen über die menschlichen Triebe Möglichkeiten einer Korrektur der destruktiven menschlichen Kräfte zu entwerfen. Er hielt fest, dass es nicht gelte, die Triebe zu verdammen, sondern sie mit Wahlmöglichkeiten zu verbinden, die sich auf die kreativen Befähigungen des Menschen beziehen. Schiller äusserte sich dabei über den “Stofftrieb”, den er mit dem Drang nach immer neuen Erfahrungen verband, sodann über den “Formtrieb”, den er mit dem Streben nach persönlicher Identität in Verbindung brachte; schliesslich ging er auf den “Spieltrieb” ein, den er auf dialektische Weise durch die Verbindung des einen menschlichen Grundtriebs mit dem anderen verstand. Der Spieltrieb strebe danach, hielt Schiller fest, “so zu empfangen, wie er selbst hervorgebracht hätte, und so hervorzubringen, wie der Sinn zu empfangen trachtet”. Die persönliche Freiheit, die sich darin manifestiert, schafft das, was er den “ästhetischen Zustand” nennt, der in der Kunst zum Ausdruck kommt. Entspricht dieses Verständnis von Kunst Ihrem persönlichen Verständnis? Liegt es ihrem Werk zugrunde?

 

  • Gehen wir zuerst auf die Malerei ein. Malen ist schöpferisches Tun. Die Malerei bringt auf der Fläche mit Hilfe von Farbe und Figur zum Ausdruck, was Sie beschäftigt und was Sie zu vermitteln wünschen – bei Ihren Bildern mit Hilfe geometrischer Flächen oder menschlicher resp. animalischer Figur. Ihre Bilder scheinen mir zugleich eine zweidimensionale malerische Übersetzung Ihrer Erfahrung von Raum und Zeit zu sein wie einer  – eventuell – erkenntnismässigen oder emotionalen Dringlichkeit zu entsprechen, die Sie empfanden, als Sie malten. Stimmt diese Deutung? Findet in den Bildern ein Teil Ihrer inneren, verborgenen Welt Ausdruck, ein Teil Ihrer selbst – indem Sie “das Unbegreifliche fühlbar machen”, wie  Jean-François Lyotard die Aufgabe der Kunst verstand?

 

  • Was bedeuten für Sie dabei die Farben? – was z. B. bedeutet für Sie Rot? – was Grau? – diese Farben, die auf Ihren Gemälden dominieren?

 

  • Was bedeuten die Linien, mit welchen Sie die Farben durchbrechen. Sind die Linien – eventuell – Ausdruck eines Rhythmus resp. einer inneren Struktur, wie es die Zwischentöne in einer Tonleiter sind? – und wenn die Linien sich formieren und schliessen, haben sie die Bedeutung traumartiger körperlicher Figuren?

 

  • Die Objekte entsprechen zumeist architektonischen Entwürfen von Traumschlössern, analog dem Holzklötzchenspiel der Kinder. Sie stehen voll im Raum und haben dadurch den Vorteil, von verschiedenen Seiten betrachtet zu werden. Welche Bedeutung haben diese Objekte für Sie?

 

  • Eine letzte Frage: Was heisst es für Sie, ein Bild wegzugeben, es zu verkaufen resp. den Blick darauf jemandem zu übergeben, der/die Ihnen ev. fremd ist? Geben sie damit einen Teil der Dauer weg, die Sie gegen die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit der Zeit – Ihrer Zeit – durch Ihr Werk geschaffen haben? Was empfinden Sie dabei?

 

 

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Copyright:

Dr. Maja Wicki-Vogt, Bellerivestr. 221, 8008 Zürich, Tel./Fax 01 383 01 44   e-mail: majawicki@bluewin.ch

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