Einführung zur Ausstellung von Fraenzi Neuhaus in der IG Halle / Kulturzentrum Alte Fabrik, 8640 Rapperswil

Einführung zur Ausstellung von Fraenzi Neuhaus

in der IG Halle / Kulturzentrum Alte Fabrik, 8640 Rapperswil

am 8. April 2005

 

Es ist einige Jahre her, dass ich Fraenzi Neuhaus kennen lernte. Schon damals war ich beeindruckt von ihrer eigenwilligen künstlerischen Präzision. Heute zeigt sich diese auf vielgestaltete Weise. Eine bedeutende Anzahl Werke von Fraenzi Neuhaus’ jüngster Arbeitsperiode finden sich hier im grossen Raum der Alten Fabrik. Es sind Werke intensiver künstlerischer Arbeit, die jede Art von neugieriger oder staunender, von erkennender und ästhetischer Aufmerksamkeit wecken, die gleichzeitig sprachlos machen. Es ehrt mich, dass Fraenzi Neuhaus mich gebeten hat, über ihre Arbeit einleitend zu sprechen. Das ist nicht einfach. Es bedeutet, für die Wahrnehmung über das Sehen eine Übersetzung in Worte zu finden, die der erstaunlichen Werkübersetzung von Fraenzi Neuhaus’ sinnlichem und intellektuellem Prozess in räumliche, materielle Strukturen gerecht werden können.

Hier in Rapperswil fügt die Künstlerin eine Auswahl aus ihrem Werk zusammen, die sich gewissermassen in zwei Teile gliedern lässt. Ich will Ihnen die einzelnen Objekte dieser zwei Teile kurz vorstellen:

Der erste Teil – “Saitenkörper” nennt Fraenzi Neuhaus die Gestalten aus komplex verflochtenen Kabelbindern – erinnert an Fabelgebilde aus einem Wundergarten, die da stehen wie aufrechte Igelskelette, als würden sie darauf warten, besondere Aufgaben wahrzunehmen: etwa als Wächter die beiden ersten – der weisse, dicht geballte ebenso wie der hell und fein gefestigte mit den dunkeln Borsten, von welchem ein kleiner Ausschnitt Sie zur Ausstellung einlud. Oder die drei anderen, hoch aufgerichteten Gestalten, die zueinander, gegen- oder miteinander kommunizieren, wirken wie postmoderne und gleichzeitig urzeitliche Schutzgeister, die schwarze Gestalt männlich dominant und heftig anmutend, die weisse üppig weiblich, vielleicht schwanger wirkend, mit gelben und weissen Innenverflechtungen, schliesslich die tänzerisch feine Gestalt, die sich den beiden grösseren zuwendet wie deren Tochter oder Sohn. Als Paar wirken auch die mächtige und vielschichtige, sonnengelbe Gestalt, die auf dem Boden liegt, sowie die weisse, viel zartere, die sich ihr nähert. Zwei weitere, noch dichtere und zugleich flexiblere, erst jüngst geschaffene Gestalten sind die an riesige Mollusken erinnernden “Saitenkörper”, als seien sie aus Urmeeren ausgestiegen, die einst auch unser Land überflutet hatten. Was statisch-zeitlos wirkt, sind die hingelegten schlichten, zugleich festen und leeren Umrisse von Traumgestalten, die ruhig, wie versargt, einen Halt darstellen. Eine hängende Wandstruktur, wie ein lichtdurchscheinender Teppich aus vernetzten Einzugssaiten und Borsten schliesst den ersten Teil mit seinen animalisch-sinnlichen, versponnenen und verspielten Gestalten ab.

Der zweite Teil wird durch seidenweiss durchschimmernde, hautfeine und an kostbarste bräutliche Organza erinnernde  Paravents eingeführt, die einen Durchgang bilden. Er führt in den Bereich der meditativen, denkerisch präzise strukturierten Werke. Auch hierfür benutzt Fraenzi Neuhaus hochtechnisches Material, Plastikpolymere, das wie feinstes, faltenloses Leinen wirkt und das sie, über eine horizontale Fläche gelegt, rhythmisch malend wie in tranceähnlicher Kontinuität beschrieben hat. Es sind die frei hängenden, textilisch und zugleich räumlich wirkenden Bilder mit der tatsächlich an eingewobene Kalligraphie erinnernden, in grau-hell-dunkeln oder in blauen Farbtönen variierenden, moiré-artigen Lichtspielen, deren sich wiederholende und variierende  Linienstruktur in mir Assoziationen mit musikalischen  Kompositionen – etwa mit den Bach’schen Fugen – weckt. (Es bestehen noch etwas frühere Bilder, in künstlerisch analoger Technik hergestellt, in warm schimmernden, erdnahen Rottönen, die in früheren Ausstellungen zu sehen waren). In Vitrinen finden sich sodann einschichtige oder mehrschichtige Zeichnungen vor, die jetzt – in den eben vergangenen Wochen – von Fraenzi Neuhaus geschaffen und von ihr als “Francadora-Serie” bezeichnet werden, wie kleine kalligraphische Studien oder wie knappe Einblicke in vielfach verwobene neurologische oder viszerale Strukturen. Schliesslich finden sich in diesem Teil die flächenfreien, zum Klettern und Schwingen anregenden gelben und grünen Skulpturen, die zugleich an geometrische und biologische Formen erinnern, etwa an übergrosse, auf dem Boden erstarrte Pollengebilde, die mit ihren Dodekaeder, Ikosaeder und andere platonischen und archimedischen Körpern ähnelnden Formaten das Wissenschaftliche ins Spielerische verwandeln. Es sind wasserfeste und starke, allen Temperaturen standhaltende Gebilde, welche Erwachsene ebenso faszinieren wie Kinder. Drei metallene Exemplare der Foto-Farbvariationen von Pollenkörpern, die Fraenzi Neuhaus schuf – und die auch in einem Video dokumentiert wurden – finden sich schliesslich auf den Boden gelegt vor.

So dicht und vielfältig ist das dem Fantastischen wie dem zutiefst Geregelten nahestehende, selbst an wissenschaftliche Präzision erinnernde künstlerische Werk von Fraenzi Neuhaus. Wie ist es entstanden? – wie und woraus entsteht es?

Fraenzi Neuhaus kam vor 45 Jahren im Gebiet von Aare und Jura zur Welt, geprägt von diesem Land: vom steten, ruhigen und starken Fluss, der ständig fliesst, von der in Felsmoränen gebändigten, geologischen Zeitgeschichte und von der fruchtbaren, hügeligen, landwirtschaftlich genutzten Ebene, die wie alles, was Natur bedeutet, von der in den verborgenen Schichten der Erde harrenden Vitalität mit deren schlummernden, aus den vergangenen neu wachsenden Kräften geprägt ist. Fraenzi Neuhaus’ Neugier im Erforschen der geheimnisvollen, zeitlosen Ordnungen erinnert mich an Jean-Henri Fabre, der 1823 im französischen Massif Central geboren worden war und zehn Bände faszinierendster Insektenforschung zurückliess. Er hatte im Zweiten Band, der 1882 erschien, festgehalten, “des Meeres Tiefen werden ausgebaggert, aber wissen wir, was unter dem Boden vorgeht, über den wir täglich schreiten?” Fraenzi Neuhaus wurde mit ihren kreativen Befähigungen nicht Wissenschaftlerin, sondern Künstlerin. Möglicherweise genügte für sie die Sprache der Worte nicht, war für sie die Grammatik der Sprache zu eng? Möglicherweise galt es für sie, das Regelsystem der Vernunft, das sich in Mathematik und Geometrie, in Biologie, Physik und Chemie ins Abstrakte flüchtet, mit der schöpferischen Kraft der Sinne und Triebe zu verbinden, um den Händen die Aufgabe zu übergeben, die vielfache erkennende Kraft umzusetzen? Findet sich hierin die Erklärung für das künstlerische Schaffen?

Kunst verbindet sich mit dem Bedürfnis wie mit dem Wagnis, der persönlichen Verdichtung vielfacher sinnlicher und denkerischer Erfahrung Form und Ausdruck zu geben. Ich beziehe mich dabei auf Friederich Schillers Briefe “Über die ästhetische Erziehung des Menschen”, 1794 geschrieben, fünf Jahre nach Ausbruch der Französischen Revolution, die sich zu einer Diktatur der ideologischen und menschlichen Gewalt entfesselte und nicht zu einer gerechteren Gesellschaftsordnung führte. Er versuchte, mit seinen Überlegungen über die menschlichen Triebe Möglichkeiten einer Korrektur der destruktiven menschlichen Kräfte zu entwerfen. Er hielt fest, dass es nicht gelte, die Triebe zu verdammen, sondern sie mit Wahlmöglichkeiten zu verbinden, die sich auf die kreativen Befähigungen des Menschen beziehen. Schiller äusserte sich dabei über den “Stofftrieb”, den er mit dem Drang nach immer neuen Erfahrungen verband, sodann über den “Formtrieb”, den er mit dem Streben nach persönlicher Identität in Verbindung brachte. Schliesslich ging er auf den “Spieltrieb” ein, den er auf dialektische Weise durch die Verbindung des einen menschlichen Grundtriebs mit dem anderen verstand. Der Spieltrieb strebe danach, heisst es bei Schiller, “so zu empfangen, wie er selbst hervorgebracht hätte, und so hervorzubringen, wie der Sinn zu empfangen trachtet”. Die persönliche Freiheit, die sich darin manifestiert, schafft das, was er den “ästhetischen Zustand” nennt, der in der Kunst zum Ausdruck kommt.

  • Kunst ist somit schöpferisches Tun, das zum Werk wird. Fraenzi Neuhaus tut dies auf eine Weise, die der Beharrlichkeit und der Intensität bedarf. Im rhythmisch geregelten Ablauf ihrer Arbeit, zu welcher das in ihr pulsierende Leben sie drängt, entscheidet sie sich immer wieder neu, das Unsichtbare und Immaterielle – das Räumliche und das Zeitgebundene – auf sichtbare Weise zu gestalten und in materielle Komponenten zu übertragen. Sie wählt hierfür weder die Erde selbst, weder Lehm noch Stein noch Metalle, sondern Material, das aus der industriellen Produktion unserer Epoche geschaffen wird – Nylon, Kabel, auch flüssige, erstarrende Masse –, um einen architektonischen Ablauf und ein Werk zu erreichen, das hält und Dauer vermittelt.
  • Mit Hilfe räumlich gebändigter und strukturierter Materie bringt Fraenzi Neuhaus zum Ausdruck, was sie in der Widersprüchlichkeit von Flüchtigkeit und Dauer, von Postmoderne und Erdgeschichte, von Geistigkeit und sinnesgebundener Körperlichkeit, von räumlicher Grenzenlosigkeit und Begrenztheit zugleich empfindet und erkennt – und was Sie mit Hilfe geometrischer Flächen und Strukturen, die zugleich gefestigt und räumlich offen sind, zu vermitteln vermag: eine zwei- oder dreidimensionale Übersetzung in vielfältig variierende vertikale oder horizontale Gebilde. Wenn Linien sich formieren und schliessen, haben sie die Bedeutung traumartiger körperlicher Figuren. Es sind Raumkörper, die architektonische Entwürfe von körperinneren, komplexen neurologischen und muskulaturähnlichen Strukturen miteinbeziehen. Sie stehen voll im Raum und haben dadurch den Vorteil, von verschiedenen Seiten betrachtet zu werden.
  • Doch stimmt diese Deutung, die meinen Wahrnehmungen und Überlegungen entspricht, mit den Motiven der Künstlerin überein? Lässt sich dem gerecht werden, was im künstlerischen Werk als Teil der inneren, verborgenen Welt Ausdruck findet, als Teil der Künstlerin selbst – indem sie “das Unbegreifliche fühlbar macht”, wie Jean-François Lyotard die Aufgabe der Kunst verstand? Mein Blick auf ihr Werk ist persönlich geprägt, von meinem eigenen inneren Gehäuse. Nur ahnend kann ich daher deuten, aber nicht wissen, was die sanften, teilweise erdnahen Farben für Fraenzi Neuhaus bedeuten, was die Rottöne,  was Grau- und Braun- und Weisstöne, die dominieren, die Nebelfarben, die Farbtöne von Wärme und von Dunkelheit, von Erz und von erstarrtem Lehm, womit sie wirken lässt, was sie aus Kunststoffen schafft. Es ist an Ihnen selber, sehr geehrte Damen und Herren, zu schauen und in sich aufzunehmen, was sich der Flüchtigkeit entgegenstellt, mit den Farben wie mit den Linien, welche sich zu räumlichen Strukturen zusammenfinden, als Rhythmus und Ordnung aufwühlend und herausfordernd, wie es die Zwischentöne in einer Tonleiter sind.
  • Damit schliesse ich ab. Die eindrückliche Sorgfalt, mit welcher Fraenzi Neuhaus ihre kreativen Kräfte – “Stofftrieb”, “Formtrieb” und “Spieltrieb” – umsetzt, um aus den inneren Bildern  im Zusammenhang ältester Lebensstrukturen, die sie beschäftigen, mit Methoden und Material der aktuellen post-industriellen Zeit jene räumliche Übersetzungen zustande zu bringen, die als ihr Werk hier ausgestellt sind, schafft jenen besonderen Wert, der tatsächlich Kunst bedeutet.

 

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