Über Not und Zorn, Schönheit und Freiheit sowie über die besondere Armut der Frauen

Über Not und Zorn, Schönheit und Freiheit

sowie

über die besondere Armut der Frauen

 

Ich will zuerst eine Geschichte erzählen. Sie handelt vom griechischen Weisen Sokrates, der vor mehr wie 2200 Jahren  als Lehrer in Griechenland lebte. Mit einem Begleiter spazierte er einmal in Athen über den vor Köstlichkeiten überquellenden Markt, schaute sich um und bemerkte, wie viele Dinge es doch gebe, die er nicht brauche. Und ein anderes Mal, als die Freunde sich beeilten, sich zur Tafel zu setzen, spazierte er weiter durch die Stadt und antwortete auf die Frage, ob er denn nicht essen wolle, er fände es richtig, zuerst den Hunger einzukaufen.

Die Geschichte soll deutlich machen, dass Genügsamkeit und Verzicht auf Überfluss ein Ausdruck von Freiheit ist, der voraussetzt, dass nicht Not oder Hunger, dass nicht der Stress der dringenden Bedürfnisstillung und des Überlebens das Handeln bestimmen. Das Fehlen oder der Verlust dieser Freiheit macht das schwerwiegendste Leiden aus, das grosse Armut verursacht.

Armutserfahrungen

Ich will mit ein paar eigenen Beobachtungen und Erfahrungen beginnen: Im Dorf, wohin meine Eltern als “Fremde” gezogen waren, wo ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr lebte und auch die ersten Schuljahre absolvierte, gab es nicht wenige arme Familien. Die einen gehörten zur Fabrik, die es im  Dorf gab, die anderen wurden zu Hilfsarbeiten zugezogen, auf Abruf, etwa zum Umgraben des Gartens oder zum Waschen und Bügeln der Wäsche, andere wiederum kamen ungerufen, leuteten an der Haustüre, Hausierer und Hausiererinnen, Korbflicker, Messerschleifer oder auch Taglöhner, die fragten, ob es für sie eine Arbeit gebe. Es gab in der Schule auch arme Kinder. Sie waren scheuer als die anderen Kinder, sie bekamen mittags in der Schule eine Suppe und ein Stück Brot zu essen, sie gehörten nicht zu den guten Schülern und Schülerinnen, sie wurden häufig gestraft, sie trugen zu kleine oder zu grosse Kleider.

Eine weitere Erfahrung kam auf mich zu, als ich, siebzehn Jahre alt, damals in der sechsten Klasse des Gymnasiums, beschloss,  mich während der Sommerferien für einen Sozial-Einsatz zu melden. Ich wurde in den Solothurner Jura in ein kleines Dorf geschickt, in eine Familie mit neun Kindern und einem blinden, pflegebedürftigen Grossvater, deren Armut ich während fünf Wochen teilte, wobei ich versuchte, die übermüdete, überanstrengte Hausfrau so zu entlasten, damit sie den schweren Karren wieder weiterziehen mochte. Ich bewunderte sie: Sie klagte nie, sie hatte ihre Kinder und ihren Mann gern, sie versuchte, trotz der Enge und Morschheit des Häuschens, wo sie lebten, trotz der entsetzlichen Geldknappheit, trotz der Winterhilfe-Kleider, die kaputt waren, bevor die Kinder sie trugen, trotz des kargen und monotonen Essens, trotz alledem eine Stimmung des “guten Lebens” zu schaffen. Immer versuchte sie, ihren Stolz zu wahren und etwas davon ihren Kindernmitzugeben.

Als ich erwachsen war, lernte ich die Armut in den Aussenbezirken und in den Schächten der Untergrundbahnen der grossen Städte kennen, in Barcelona zum Beispiel die Armut der Arbeitslosen, die aus Andalusien zugezogen waren, als Illegale am Rand der Stadt lebten und gar keine Chance hatten, irgend eine Arbeit zu finden, da sie weder lesen noch schreiben konnten. Oder die Armut der illegalen Immigranten und Immigrantinnen aus Ländern des Südens und des Ostens. Aber auch in der Schweiz konnte ich ihr nicht ausweichen. Ende der achtziger Jahre begann das Schweizerische Arbeiterlnnenhilfswerk SAH, Lese- und Schreibkurse für Erwachsenen zu organisieren. Überall wurden sie angeboten, in den Städten und auf dem Land. In kurzer Zeit waren alle Kurse ausgebucht, die Nachfrage war enorm. Ich machte damals zahlreiche Interviews mit Frauen und Männern, die sich für diese Kurse angemeldet hatten, funktionale Analphabetinnen und Analphabeten, die von Kindheit an nur auf der Schattenseite der Gesellschaft gestanden hatten, Frauen und Männer meiner Generation, aus diesem Land, deren Biographien nicht anders lauteten als jene, die wir aus Fürsorgechroniken aus dem  letzten Jahrhundert kennen, auch kaum anders als jene von Taglöhnerinnen und Taglöhnern aus Brasilien oder aus einem der vielen Armutsländer der Welt.

Ich will kurz schildern, was ich aus diesen Lebensgeschichten erfuhr: Da waren zumeist schon trostlose elterliche Verhältnisse, eine düstere Kindheit, Überarbeitung von Vater oder Mutter oder Arbeitslosigkeit, Krankheit, manchmal Alkoholismus, Hilfsarbeit schon im Kindesalter von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht hinein, Botengänge, Mitarbeit im Stall oder auf dem Hof,  frühe Verantwortung für Geschwister oder fremde Kinder, eine enge Küche, in der die Schularbeiten beim besten Willen nicht gut gemacht werden konnten, Unpünktlichkeit und Unregelmässigkeit des Schulbesuchs, Rückstände, Rügen und Schläge durch den Lehrer, Gespött der übrigen Kinder, Kleider von der Winterhilfe, die zu gross oder zu klein waren, nie neue  gute Schuhe, eine ständige Erfahrung der Minderwertigkeit, Abkapselung, Scham, hilflose Wut, häufig Fremdplatzierungen, selten zum Guten des Kindes, manchmal schlimmste Ausnützung, selbst sexuelle Ausnützung. Eine Frau, zum Beispiel, lernte ich kennen, die als Verdingkind mit zwölf-dreizehn Jahren  täglich während des Kirchenbesuchs der Bäuerin durch den Bauern missbraucht wurde, und da war keine Möglichkeit, über Gewalt und Not zu reden, da der Bauer es eingerichtet hatte, dass sein eigener Bruder zum Vormund des Mädchens ernannt wurde, da gab es keine Möglichkeit, Freundschaften zu pflegen, einen Beruf zu erlernen, dagegen wurde sie, wie viele, weitergereicht von einer Hilfsarbeit zur anderen, wurde in fremden Haushalten platziert als Mägde bei Bauern, als Hilfsarbeiterinnen in kleinen Fabrikationsbetrieben, als Hilfskräfte im Gastgewerbe, in Wäschereien, so wie die Männer als Handlanger auf dem Bau und als Knechte in der Landwirtschaft, dann kam es zumeist zur frühen Heirat im gleichen Milieu, zu frühen und zahlreichem Schwangerschaften, und unversehens ging die Trostlosigkeit der Jugend über in die Trostlosigkeit einer Ehe, die sich kaum von jener der Eltern unterschied, und das Unglück nagte an ihnen, den eigenen Kindern, die sie nun in die Welt stellten, nicht ein besseres Leben bieten zu können, als sie es selbst erfahren hatten, Krankheiten stellten sich ein, Betreibungen und Pfändungen, immer wieder erfolglose Stellensuche, Fürsorgeabhängigkeit, Wut, Kraftlosigkeit, Demütigung um Demütigung. Kein bisschen Schönheit, keine Freude. Dann plötzlich, von irgend jemandem aufgeschnappt, bot sich diese Möglichkeit, noch lesen und schreiben zu lernen, und plötzlich keimte leise die Hoffnung auf, vielleicht doch noch aus dem Kreisen im immer gleichen grauen, miefigen Kreis heraustreten zu können, vielleicht doch noch eine Chance zu haben, eine Stelle, eine bessere Stelle finden zu können, sich wehren zu können, geachtet zu sein.

Das hat mich bei all diesen Menschen, die in Armut leben und deren Leben ich kennenlernte, am meisten berührt: der Mangel an Achtung, der Mangel an Anerkennung, der Mangel an Glück, vor allem aber das Leiden über diesen Mangel. Für viele empfand ich grosse Bewunderung. Sie verloren ihre Würde nicht, im Gegenteil, sie schufen sich eine eigene Würde. Andere aber erschienen mir als gebrochen. Woher sollten sie die Kraft nehmen, ihrem Leben eine positive Wende zu geben? Ihre Auflehnung mündete häufig in Wut, wodurch sie nicht selten in Situationen gerieten, in denen sie gar straffällig wurden – ein Ausdruck ihrer grossen Hilflosigkeit und eigenen Verletztheit.

 

Die besondere Armut der Frauen

Ich musste – wollte – zuerst die Unerträglichkeit der Armut überhaupt schildern, bevor ich auf die besondere Armut von Frauen eingehe. Sie ist auf anschauliche Weise eine Folge des hierarchisierten Menschenbilds, das dem konventionellen Geschlechterverhältnis in allen Schichten der Gesellschaft  zugrunde liegt, dem entsprechend den Frauen ein noch geringerer Wert, ein noch geringeres Recht auf Freiheit zugesprochen wurde – und zum Teil noch immer wird – als selbst von den sozial am wenigsten geachteten Männern. Jeder Proletarier hat noch eine Frau, die ärmer ist als er und die er unterdrücken kann”, schrieb Flora Tristan, die 1844 in Bordeaux gestorbene Frühsozialistin und Frühfeministin.

Eine besondere Armut? Es sind gemäss allen Statistiken und Armutsstudien tatsächlich mehr Frauen als Männer, die unter dem Existenzminimum leben, zugleich aber verwendet der Grossteil der in Armut lebenden Frauen  ihre Energie vor allem darauf, die Armut zu verbergen. Im Strassenbild in den grösseren Städten der Schweiz treten sie kaum in Erscheinung, in den Obdachlosenunterkünften sind sie seltener als die Männer, und falls sie dort unterkommen, wirken sie häufig eher wie Pensionärinnen. Auch mit den spärlichsten Mitteln gelingt es vielen, die sichtbare Verelendung, ja Verwahrlosung aufzuhalten, nicht nur die Äussere, die mit der Erscheinung zu tun hat, sondern auch die innere, die mit der sozialen Kompetenz korreliert ist. Da bei Dreivierteln der Scheidungen die Kinder bei der Mutter bleiben, jedoch bei einem ebenso grossen Prozentsatz Frauen und Kinder nach der Scheidung ärmer sind als vor der Scheidung und ärmer als die Männer nach der Scheidung, bedeutet für viele Frauen Scheidung zugleich Armut. Bis zur jüngsten Revision der AHV hatte eine Scheidung vor allem katastrophale Folgen im Alter, vor allem für Frauen ohne eigenes Einkommen. Seit kurzem werden nun Haus- und Erziehungsarbeit als rentenberechtigt gewertet – ein grosser Fortschritt, der nicht gefährdet werden darf. Doch nicht erst im Alter, zumeist schon im aktiven Leben bedeutet Scheidung für viele Frauen, dass sie von diesem Augenblick an auf Sozialhilfe angewiesen sind, auf staatliche Alimentenbevorschussung, auf stundenweise, schlecht bezahlte Arbeit, falls sie überhaupt Arbeit finden. Noch immer ist es in der Schweiz so, dass die Arbeit von Frauen bis zu einem Drittel schlechter bezahlt wird als die Arbeit von Männern – gleichwertige Arbeit -, um welche Arbeit es sich auch handle, um sogenannt “unqualfizierte” oder um “qualifizierte” Arbeit, um Fabrikarbeit oder um intellektuelle Arbeit. Aber Arbeitszeit ist Lebenszeit, d.h. die Geringerwertung der Arbeitszeit von Frauen bedeutet zugleich die Geringerwertung der Lebenszeit von Frauen. Es ist ein offener Skandal, der jedoch von einem Teil der Arbeitgeberseite kaltblütig fortgesetzt wird. Und da die Löhne der Frauen tiefer sind, da sie infolge von Familienrücksichten und aus anderen Gründen häufiger die Stelle wechseln müssen, sind sie auch bei den Arbeitslosenentschädigungen benachteiligt, da diese ja nach Lohnprozenten und Dauer der Anstellung ausgerechnet werden. Dazu kommt, dass in der Schweiz wichtige soziale Absicherungen, wie die Mutterschaftsversicherung, noch immer ausstehen und von bürgerlicher Seite auch weiterhin torpediert werden. Auch die Tatsache der häufigen Konsumkredite führt zu einer weiteren Zunahme der Armut von Frauen, nicht weil diese sich häufiger verschulden würden als Männer, im Gegenteil, sondern weil sie nach Trennungen und Scheidungen auf den Kredit- und Abzahlungsverträgen sitzenbleiben, die sie mitunterschrieben haben, manchmal noch jahrelang, nachdem die Männer  sich aus dem Staub gemacht haben.

Gestützt auf die Erfahrungen der Armutsbekämpfung in der Dritten Welt, bei der spürbare Erfolge an der Basis über Frauenbildungs- und Unterstützungsprojekte erzielt werden, sollten auch bei uns die Mittel zur Veränderung der Lebensbedingungen analog eingesetzt werden. Frauenprojekte in Nicaragua, in San Salvador oder in Burkina Faso, von denen ich Kenntnis habe, konnten erreichen, dass Frauen ihre Vereinzelung durchbrechen und sich, zum Beispiel, in Produktions-, Verkaufs- oder Weiterbildungskollektiven zusammenschliessen. Es ist nötig, dass Frauen  sich in stärkerem Mass miteinander und untereinander solidarisieren, aus welcher sozialen Schicht, aus welchem Land sie auch kommen, Einheimische und Ausländerinnen.

Jede echte Solidarisierung kann schon nach kurzer Zeit positive Folgen haben, sowohl für die tatsächlichen Lebensbedingungen von Frauen im Zusammenhang mit konkreten Projekten wie auch in politischer Hinsicht, wenn Frauen ihre Abstimmungs- und Wahlzettel in Übereinstimmung mit ihrem Bedürfnis nach gerechten Lebensbedingungen für alle ausfüllen, wenn sie sich auch zumuten, selbst für politische Mandate zu kandidieren .. Die Veränderung der Armuts- und Unrechtsbedingungen auf demokratischem Weg ist kein phantastischer Traum. Die Frauen sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung, und da in der anderen Hälfte auch ein Teil der Männer die grossen sozialen und kulturellen Diskriminierungen als unerträglich empfindet, könnten neue Arbeitszeitmodelle, fortschrittliche Sozialversicherungen, Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, könnten in sozialer und kultureller Hinsicht ganze Strukturveränderungen auf politischem Weg erreicht werden.

 

Kein phantastischer Traum?

Es sind weltweit Millionen von Menschen, es ist zumindest die Hälfte der Menschheit, die Opfer der Kälte, der Härte und Indifferenz der anderen Hälfte sind, allein in der Schweiz, nach offiziellen Statistiken, an die 500’000, die unter dem sogenannten “Existenzminimum” leben, die ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllen können. Die Zahlen wachsen schnell an: 1994 waren es gesamtschweizerisch insgesamt 245’000  Menschen, die Sozialhilfe brauchten, doppelt so viele wie 1990. Innerhalb von zwei Jahren, von  1994 bis heute, hat sich die Zahl wieder verdoppelt. Um zu wissen, was diese zahlen bedeuten, müssen wir unsere Vorstellungskraft anstrengen, müssen wir uns 500’000mal je ein einzelnes Leben vorstellen, ein Leben der ständigen Erniedrigung, des ständigen Leidens. Es ist tatsächlich der Folter vergleichbar. Die aufwühlendste Tatsache ist, dass, wer arm ist, keine Freiheit wahrnehmen kann. Wer arm ist, lebt allein unter dem Gesetz zwingender Notwendigkeiten, zwingender “Notdurft”, wie die Philosophin Hannah Arendt die blasse Subsistenzerhaltung nennt. Ein Leben ohne Freiheit ist ein Leben der Unterdrückung. Was aber sind die Folgen eines Lebens in Unterdrückung, in Unfreiheit und in ständigem Leiden? Es sind Hoffnungslosigkeit und Bitterkeit, es sind tiefe Depressionen, das heisst ein allmähliches Absterben der Lebenskräfte – oder es ist Auflehnung, eventuell sogar aggressive Auflehnung, Auflehnung, die in Gewalt übergeht, wie sie immer wieder in grossen Städten, in New York, in Paris, Marseille, London und anderswo aufflammt, wie sie jedoch immer durch die viel mächtigere Gegengewalt des Staates, durch Polizeigewalt, durch Waffengewalt erstickt wird, ohne dass deren Ursachen verändert würden. Darum aber muss es gehen: um die Veränderung der Ursachen der Armut. Die Folgen der Armut werden sich dann von selbst verändern. Wenn, wenn … Solange mit “wenn” argumentiert wird, geschieht nichts.

Als die UNO das Jahr 1996 zum Internationalen Jahr der Armut erklärte, liess sie es nicht dabei bewenden. Sie liess mit diesem Jahr eine Dekade beginnen, ein Zehnjahresprogramm, in dessen Rahmen alle Länder der Welt verpflichtet werden sollen, die Ursachen der Armut zu beheben. Man mag sich fragen, ob das nicht eine Art von phantastischem Traum sei, eine Utopie? Man mag einwenden, Armut habe es immer gegeben, das gehöre eben zur Gesellschaft, so wie die Nacht zum Tag, dagegen könne man nichts tun? Aber Armut ist kein Naturereignis. Armut ist das Resultat einer bestimmten Verteilung der Möglichkeiten zur – materiellen und immateriellen – Mehrwertschöpfung, d.h. zur Steigerung von Wohlstand und von Macht, jedoch nicht einer zufälligen, quasi naturhaften Verteilung, sondern einer sehr gezielten Ungleichverteilung. Meine Vermutung ist, dass dadurch ständig von neuem jene hierarchische Pyramide geschaffen wird, deren schmale Spitze Überfluss anhäuft und Privilegien verteidigt, Eigentums- und Machtprivilegien, welche durch den Ausschluss der vielen geschaffen werden, durch deren Abdrängen in Abhängigkeit, in Überlebensnöte, in – politisch und ökonomisch – manipulierbare Zwänge. Ist nicht der immer wieder gehörte Satz, jeder (resp. jede) sei seines (ihres) eigenen Glückes Schmied (Schmiedin?) ein Affront, wenn gleichzeitig behauptet – und nicht nur behauptet, sondern mit aller Effizienz durchgesetzt wird – , Gerechtigkeit und Freiheit seien unvereinbar? Wenn behauptet wird, Gerechtigkeit sei der Freiheit hinderlich, dem freien Markt, der freien Expansion der Stärksten? Ist dies nicht ein Affront, wenn den einkommensstärksten Schichten der Bevölkerung Steuerprivilegien zugestanden werden und gleichzeitig erwogen wird, für den Besuch der Primarschulen wieder Schulgelder zu erheben, resp. selbst vor der obligatorischen Grundschule eine Zugangsbarriere für die Kinder einkommensschwacher oder gar  armer Bevölkerungsschichten zu schaffen? Es ist tatsächlich ein Affront, und  es ist mehr wie ein Affront.  Es sind politisch und gesellschaftlich und ökonomisch unverantwortbare Fehlentscheide. Denn das Gegenteil der neoliberalen Behauptung trifft zu: Freiheit bedarf der Gerechtigkeit, damit sie nicht zur Tyrannei weniger über viele wird, und Gerechtigkeit bedarf der Freiheit, damit sie nicht zur totalitären Gleichschaltung wird.

Das mag abstrakt klingen, doch wenn wir unsere heutige Gesellschaft unter dem globalisierten neoliberalen Marktdiktat näher anschauen, wird klar, warum ich einleitend sagte und nun wiederhole: Armut ist der grosse Menschheitsskandal unserer Zeit. Es gibt heute für die Armut keine “Standort”-Ausreden mehr wie in der Vergangenheit, wo von sogenannt traditionellen Armutsgebieten und -Populationen die Rede war. Heute ist es möglich, in  kürzester Zeit grösste Mengen von Gütern – und von Waffen – aus Marktinteressen zu verschieben, heute ist es auch möglich, in  kürzester Zeit jede Art und Menge von Know-how zu verschieben, heute hat die Technologie in jedem Bereich (auch wenn ich nun lediglich den Transport und die Kommunikation erwähne) einen Grad des Fortschritts erreicht, der erlauben würde, dass jede Art von Mangel und jede Art von Ungerechtigkeit behoben sein könnten. Sie sind es nicht, sie wachsen im Gegenteil noch an, und dies ist der grosse Skandal. Auf Grund der Tatsache, dass die Gerechtigkeit von der Freiheit abgekoppelt wird, dass sie als markthinderlich deklariert wird und ein Grossteil der politischen Verantwortlichen in den Legislativen und in den Exekutiven beim Marktdiktat mitspielen oder dessen einseitiger Umsetzung zudienen, werden Strukturen der Unfreiheit und der Existenzangst, der demütigenden Abhängigkeit und des beengenden, krankmachenden Stresses für Zehntausende und Hunderttausende von  Menschen in der Schweiz geschaffen, für Milliarden von Menschen weltweit.

Wenn die UNO der Überwindung der Armut so viel Gewicht beimass und weiterhin beimisst und diese zur höchstdringlichen Aufgabe erklärt, so hat dies damit zu tun, dass es sinnlos ist, Menschenrechtsdeklarationen zu verfassen oder Menschenrechtsverletzungen zu ahnden, solange die Menschen ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllen können. Die Grundbedürfnisse kennzeichnen das Menschsein, resp. die Menschheit in jedem Menschen. Sie haben zu tun mit der Körperlichkeit des Menschen, mit seiner Geistigkeit und Emotionalität sowie mit der gesellschaftlichen und politischen Organisation der Menschen. Dabei geht es beim ersten Bereich sowohl um das Bedürfnis nach gesunder und genügender Nahrung, nach Schutz vor Hitze, Nässe und Kälte, resp. nach hygienischen Wohnverhältnissen, nach genügender medizinischer Hilfe bei Erkrankung und nach nicht-entwürdigender Arbeit: beim zweiten Bereich geht es um das Bedürfnis nach Erkenntnis und Wissen, nach einer Stimme in der Gesellschaft, nach Anerkennung und Respekt der Person, nach Zuwendung und nach frei gewählten Beziehungen, auch nach Schönheit und Erholung: beim dritten Bereich geht um das Bedürfnis, das Zusammenleben im Kleinen wie im Grossen mitzugestalten und mitzubestimmen, ob im privaten Leben oder im Öffentlichen, um nicht ein Objekt, sondern ein gesellschaftliches und politisches Subjekt zu sein. Für die Erfüllung dieser Bedürfnisse sind alle Menschen aufeinander angewiesen, ohne Ausnahme. Aus der wechselseitigen Anerkennung dieser vielseitigen wechselseitigen Abhängigkeit erwachsen die Grundrechte. Nicht die Grundrechte sind primär, sondern die Grundbedürfnisse. Armut, insbesondere grosse Armut, kennzeichnet sich durch die Nichterfüllung dieser Grundbedürfnisse. Die Verursachung und Duldung grosser Armut bedeutet letztlich die Aberkennung des gleichen Menscheins. Hierin liegt der Skandal der Armut, der Menschheitsskandal.

Nochmals, auch wenn wir es zur Genüge wissen: Armut ist die Schuld jenes Teils der Welt, der im Überfluss lebt, der diesen Überfluss vergeudet und verschwendet, ob für private oder für militärische und andere nicht-gemeinwohlfördernde öffentliche Zwecke, ist die Schuld jenes Teils der Welt, der eifersüchtig und schlau sein Eigentum verteidigt und die Augen verschliesst vor jenem anderen Teil der Welt, vor jenen Menschen, “die im Dunkeln leben”, wie Bertold Brecht schrieb, die nichts haben, weder die Möglichkeit zu lernen und sich Wissen anzueignen noch so zu arbeiten, dass sie sich und die Ihren ohne Not ernähren können, die keinen Ort haben, wo sie sich wirklich erholen können, keinen Ort, wo es schön ist, die auch keine Aussicht auf echte Erleichterung und nachhaltige Veränderung ihrer Situation oder jener ihrer Kinder haben. Gewiss, es gibt verschiedene Stufen auf der grossen Skala der Armut. Sie reichen von der Erfahrung eines geringeren Einkommens und einer Verknappung der Mittel, die über kürzere oder längere Zeit, als befristete Erfahrung, beinah jedes Leben einmal, vielleicht auch mehrmals prägen, bis zur “grossen Armut” , die von den Menschen selbst wie ein unentrinnbarer Fluch oder wie eine unheilbare Krankheit oder wie eine ungerechte lebenslängliche Verurteilung empfunden wird.

Eine der verhängnisvollsten Folgen der Armut ist, dass da, wo keine Schönheit ist, wo nur gerade das Überlebensminimum gewährt wird, dass da Gewalt und Verzweiflung und das Bedürfnis nach Kompensation für erlittene Demütigungen in einem Mass anwachsen, das nicht mehr kontrollierbar ist, das zu weiterer Gewalt und Gegengewalt führt, deren Opfer die immer je Schwächeren sind, seien dies die Kinder und Jugendlichen, oder die Ausländerinnen und Ausländer unter den Armen, oder die sogenannten “Illegalen” unter den Ausländern. Die Aberkennung der gleichen Grundbedürfnisse grosser Gruppen von Menschen durch andere Menschen bedeutet einen bedrohlichen Verlust an Kultur, und die Nichterfüllung der Grundbedürfnisse führt nicht nur zu einem erbitterten Abgrenzungs- und Ausgrenzungskampf sondern kann einen völligen Verlust der Kultur nach sich ziehen. Denn Kultur würde ja bedeuten, dass keine Menschen und keine Gruppen von Menschen gegen andere ausgespielt werden , dass keine zu Gunsten anderer diskriminiert werden, dass der gleiche Respekt vor jeder Besonderheit, vor jeder Differenz einhergeht mit dem Respekt vor dem gleichen Menschsein.

Als die UNO die Überwindung der grossen Armut zum Programm erklärte, hoffte ich, es würde eine breite Bewegung entstehen, welche das unzumutbare Unglück, die Unerträglichkeit der Armut aufdecken und zu deren Bekämpfung aufrufen würde – eine Bewegung, wie in den siebziger Jahren Black Power in den USA zur Bekämpfung der Rassendiskriminierung, oder wie Greenpeace zur Bekämpfung der Zerstörung der Weltressourcen. Armut bedeutet die Zerstörung der Hoffnungsressourcen einer ganzen Menschheit. Eine solche Bewegung kann nur unter grossen Widerständen und Rückschlägen zustande kommen, so wie die Friedensbewegung. Aber, ist nicht ein verstärktes Bewusstsein bei immer mehr Menschen festzustellen, eine wachsende Beunruhigung, dass Armut weltweit der am meisten verdrängte und zugleich der grösste und ständig sich noch vergrössernde Menschenrechtsskandal ist, eine Verletzung der körperlichen und seelischen Integrität von Milliarden von Menschen bedeutet – und dass Armut trotzdem als etwas “Unvermeidliches” weiterhin als “systemimmanent” geduldet wird? Und gibt es nicht, als Gegenhaltung zu dieser Haltung der neoliberalen Toleranz des Skandals, trotzdem eine zunehmende Aktivierung des gemeinsamen Kampfs der Armen sowie der Nicht-Armen und Weniger-Armen für eine Beseitigung der Ursachen und der Folgen der Armut, und damit für eine Kultur des Respekts der gleichen Grundbedürfnisse aller Menschen?

Damit Kultur, so verstanden, eine Chance hat gegen die Tyrannei des Marktes, der mit grosser Geschwindigkeit, allein auf Grund von Wettbewerbskriterien, eine wachsende Zahl von Menschen für unwert, für überflüssig erklärt und ausgrenzt, und damit Kultur eine Chance hat gegen die bedrohliche Entwicklung zu Gewalt und gesellschaftlicher Auflösung, braucht es tatsächlich eine starke und spürbare Gegenbewegung, eine Bewegung des Widerstandes und zugleich der eigenen, aufbauenden Dynamik.

Ungerechtigkeit, Demütigung, wirtschaftliche und kulturelle Not können nicht “mitleidvollen Gaben” oder Zustupfleistungen der Fürsorge aufgehoben werden. Diese dienen eher dazu, die Armen in ihrer Armut, in ihrem “Stand” zu fixieren, resp. die nach wie vor sich durchsetzenden ständischen Hierarchien, zu denen eben auch die Armut gehört, aufrecht zu erhalten, gleichzeitig dienen sie der Gewissensberuhigung der Reichen. Aber die Armen wollen kein Mitleid und keine “milden Gaben”, sondern eine Ende der Ausgrenzung. Sie wollen Gerechtigkeit und volle gesellschaftlliche und politische Partizipation.

Gewiss, an einigen Orten setzt allmählich ein Umdenken ein. Es werden, zum Beispiel, für Frauen und Männer, die in Armut leben, Befähigungsprogramme geschaffen, Umlern- und Weiterlernangebote, die aus den Engpässen von Arbeitslosigkeit, Fürsorgeabhängigkeit und Selbstwertverlust herausführen sollen, die Kenntnisse und Selbstvertrauen vermitteln sollen. Doch es braucht dazu nicht nur diese Programme, es braucht bei den Armen Mut, vor allem aber braucht es Ermutigung durch die Gesellschaft. Diese aber fehlt zumeist. So ist es häufig der Mut der Verzweiflung, der hinter dem Entschluss steht, sich für Kurse und Weiterbildungsprogramme zu melden, da die heutige Arbeitsmarktsituation Menschen, die keine Erfolgszeugnisse vorzeigen können, die von Misserfolgen gezeichnet sind, schon kaum mehr eine Einstiegschance gewährt. Es ist eine Welt der gnadenlosen Härte. Ist es da verwunderlich, dass viele, die sich ein Herz genommen haben, ihre Situation zu verändern, nach kurzer Zeit resignieren? – oder die für einige Zeit im “alternativen Arbeitsmarkt” stecken bleiben, ohne ihre Lebensmisere wirklich verändern zu können? Ich kenne zum Beispiel eine knapp vierzigjährige Frau, die in armen ländlichen Verhältnissen aufgewachsen war, schon als Sechzehnjährige in einem Gasthaus zu arbeiten begann, schwanger wurde und eine Tochter zur Welt brachte, die schon bald nach der Geburt in einem Kinderheim untergebracht wurde, wo sie aufwuchs, während die Mutter zu trinken begann, häufig die Stelle wechselte und immer weniger belastbar wurde. Vor ein paar Jahren hat sie sich entschlossen, einen Maschinenschreibkurs zu absolvieren, “vor allem wegen der Tochter”, sagte sie mir, die nun achtzehn Jahre alt wird. Doch der Kurs verhalf ihr nicht zur erhofften Lebensveränderung, da heute auch für einfache Büroarbeiten nicht Maschinenschreiben, sondern Computerkenntnisse erfordert sind. Sie fand schliesslich eine Wohnmöglichkeit und eine Arbeit in einem Heim für Männer, die zwischen die Maschen der Gesellschaft gefallen sind. Sie hat dort einen “Unterschlupf” gefunden, wie sie mir sagte, aber ihren Entschluss, in diesem Heim zu arbeiten, hat sie aus Resignation getroffen. Sie hat den Weg “in der Welt”, in der Stadt, nicht geschafft.

Die Verringerung und Überwindung der Armut muss ein vorrangiges politisches Ziel sein, nicht nur einer linken Politik, sondern der Politik überhaupt. Eine Gesellschaft ist nur so stark wie ihre schwächsten Glieder es sind. Die Erfahrung der grossen allgemeinen Armut und Verelendung in der Zwischenkriegszeit infolge der enormen Inflation und Arbeitslosigkeit müsste genügen, damit nicht länger gezögert wird. Es braucht dringend neue Arbeitszeitmodelle, damit Arbeit nicht zum seltenen Privileg von wenigen wird, damit nicht länger eine zunehmende Zahl von Menschen ihre Existenz als wertlos erleben, und es braucht neue Partizipationsmodelle dank einer Verstärkung der Bildungs- und Weiterbildungsangebote. Schliesslich braucht es neue Verteilungsmodelle des kollektiven Mehrwerts. Nicht nur die Verursachung der Armut, auch die Bekämpfung der Armut ist eine Frage der Verteilung – der Umverteilung des kollektiven Mehrwerts. Dass zusätzliche Quellen für die Erfüllung der wachsenden Aufgaben gefunden werden müssen – sei  dies zum Beispiel über die Besteuerung der Spekulationsgewinne oder des Verbrauchs der nicht-erneuerbaren Energien – muss ernsthaft mitberücksichtigt werden.

Meine Vorstellung ist, dass in allen Kantonen und auf Bundesebene zu diesem Zweck aus allen Schichten der Bevölkerung, mithin unter Einbezug von Vertreterinnen und Vertretern der aktiven Anti-Armutsbewegungen, innovative “brain pools” geschaffen werden, welche die verschiedenen kurz- und längerfristigen Massnahmen zur Armutsbekämpfung untersuchen und ausformulieren, nicht zuletzt die Errichtung einer konjunkturunabhängigen Existenzsicherung, d.h. eines gesicherten Grundeinkommens für alle Menschen, die in unserem Land leben. Zusätzlich müssen, parallel zur Globalisierung des Marktes, Massnahmen zur Globalisierung von Kriterien der Lebensqualität durchgesetzt werden, auf nationaler wie auf transnationaler Ebene, damit auch die Phänomene der Migration  – zumeist Folgen von unerträglicher Armut – berücksichtigt werden.

Wir haben genug Fachleute, die in der Lage sind, praktische Umsetzungsmöglichkeiten dieser Modelle zu erarbeiten. Was wir jedoch schaffen resp. stärken müssen, ist die Einsicht in die politische Dringlichkeit dieser Aufgabe, sodann den politischen Wille, aus der Einsicht die politischen und sozialen Konsequenzen zu ziehen. Das bedeutet im Klartext, dass diejenigen, die nicht in Armut leben, bereit sein müssen, den Gürtel enger zu schnallen.

 

Zum Schluss nicht Rezepte, sondern Fragen, die der Klärung bedürfen

Bedarf es dazu einer “neuen Moral”? Vielleicht eher der Rückbesinnung auf Moral überhaupt, die ja immer Ausdruck der individuellen Verantwortung, der Folgen und Wechselwirkungen von  Entscheiden  und Handeln im Zusammenleben der  Menschen ist. Ausschliessliche Ausrichtung auf partikulären Profit ist amoralisch. Und  es bedarf der Rückgewinnung der politischen Handlungs-  und Regulierungsmöglichkeiten, wenn nicht auf nationaler so doch auf transnationaler Ebene. Vorgängig aber bedarf es einer  ernstgemeinten, gründlichen Untersuchung, wie und wann es in der Schweiz zur Priorität der Wirtschaft vor der Politik und vor der Kultur kam, resp. womit der Verlust des “Politischen” zusammenhängt. Dieser Verlust, nehme ich an, ist diverhängnisvolle Bedingung sowohl für die Fehler, welche die schweizerische Regierung und das sog. “Establishment” in der jüngsten Vergangenheit begangen haben wie für die heutige Krise. Die Ursachen dieser Krise können nicht verändert werden, solange die Bedingungen hierfür nicht geklärt sind. Mit anderen Worten: Es gilt zu untersuchen, wann  der politische Liberalismus begann, vor dem Manchester-Liberalismus klein beizugeben und eine  Allianz mit konservativen, ständischen Interessenvertretungen aufzunehmen. Welche  Rolle spielt  in dieser Allianz der ständische schweizerische Konservativismus, der nicht nur Öffnungen nach aussen verhindert hat und weiterhin verhindert (UNO-Beitritt, Ratifikation von UNO-Konventionen, EWR-  und EU-Beitritt etc.), sondern der  auch die geistige und politische Innovation im Innern verhindert hat oder weiterhin blockiert?  – Darf sich der Wert  einer Demokratie  an der Wirtschaft  messen (wobei der “Erfolg” der Wirtschaft ja nur noch der schmalen Schicht der profitabrahmenden “shareholders” zugute kommt)? Welche Rolle spielt das Milizsystem unserer Parlamente, dessen Vertreter zugleich in einem  Filz mit Finanz und Wirtschaft sowie mit dem militärischen Milizsystem stecken, beim ständigen wachsenden Missstand des Politischen?

Der Verlust des Politischen bedeutet eine Einbusse und Schwächung der Demokratie. Diese zeigt sich nicht zuletzt in der massiven Diffamierung der Linken” (unter der ich nicht nur die Parteien links von der Mitte, sondern das gesamte intellektuelle, künstlerische und politische kritische Potential verstehe). Wie ist zu erklären, dass sich die schweizerischen “Intellektuellen” nie eine Akzeptanz als zivilgesellschaftliches Korrektiv schaffen konnten? Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass die Arbeiterbewegung sich parteimässig vor allem in der Sozialdemokratie “institutionalisierte”, die mit dem “Arbeitsfrieden”, mit der Einbindung in “Zauberformel” und “Konsenspolitik” sich der  Möglichkeit einer wirksamen demokratischen Opposition beraubte? Hat die “institutionalisierte Linke” selbst zur Diffamierung der ”innovativen Linken” beigetragen. z.B. durch Desolidarisierung bei der jahrzehntelangen “Kommunisten”hetze, Desolidarisierung mit Basisbewegungen, Rivalitäten mit Gewerkschaften etc.? Hat die in der Schweiz in allen Bereichen und Schichten so manifeste Unertglichkeit der Ambivalenz’auch dazu geführt, dass die “Linke” sich dem konservativen  “mainstream” angepasst hat?

Zu fragen ist auch, wie es kommt, dass in der Schweiz “Kultur” negativ besetzt ist? Wie hat sich das Kulturmisstrauen des grossen Teils der Bevölkerung herausgebildet? – resp. die Konnotation von “Kultur” mit “subversiv”? Zwar stehen “Kulturgüter” als Vermögens- oder Prestigewerte “hoch im Kurs”  (Gemälde, Opernhäuser mit Star-Engagements etc.), die Tätigkeit der “Kulturschaffenden” (ein merkwürdiger Begriff, den es so nur in der Schweiz gibt) wird dagegen als überflüssig, wenn nicht gar als schädlich bewertet. Welchen Einfluss übt dabei das ständisch-konservative Grundmuster aus, das ja an den öffentlichen Schulen, Gymnasien und an  den Universitäten dominiert, d.h. dort, wo “Kultur” als allgemeines, nicht- materielles Wertesystem generiert werden sollte?

Zu untersuchen ist ferner, wie und in welchem Mass der Identitätsbegriff der Schweiz und des “männlichen Schweizers” die Möglichkeit pluraler – auch aktiver oppositioneller – Loyalitäten verhindert. Hängt mit diesem Identitätsbegriff das Grundmisstrauen gegenüber Frauen, Juden, Ausländern, “Linken”, Intellektuellen, Armeedienstverweigerern, suchenden jungen Menschen etc. zusammen? Wie lässt sich  ein traditionell-männlich-konservativ besetzter Identitätsbegriff, der als gesamt-nationales Identitätskonstrukt dient, dekonstruieren, variieren und pluralisieren?

Der Schweiz steht als dringliche Aufgabe bevor, einen Prioritätenkatalog der zu klärenden Fragen und des mutigen Handelns zu erstellen, soll das 21.  Jahrhundert nicht zum Katastrophenkommentar der Unterlassungen dieses Jahrzehnts werden.

2 s. Zygmunt Bauman. Moderne und Ambivalenz. Frankfurt a. Main, 1995

 

 

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