Diese Sorge, die nie abbricht, Tag und Nacht nie – Eltern drogenabhängiger und suchtgefährdeter Jungentlicher erzählen die Leidensgeschichte ihrer Familien

Diese Sorge, die nie abbricht, Tag und Nacht nie – Eltern drogenabhängiger und suchtgefährdeter Jungentlicher erzählen die Leidensgeschichte ihrer Familien

Artikel für DIE WELTWOCHE vom 24. April 1986

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Und wenn es nicht ein fremdes, sondern unser Kind wäre?

 

In der verrauchten Bar fällt mir die schmale schwarzgekleidete Frau auf, die von Tisch zu Tisch geht und in die vornübergeneigten Gesichter der jungen Leute schaut. Die meisten sitzen hier schon seit Stunden, eng zusammengerückt, plaudern, schweigen, es geht auf Mitternacht zu, einige sind eingeschlafen. Ich frage die Frau, ob sie jemanden suche.  “Meine Tochter, kennen Sie sich vielleicht? Sie heisst Lydia, eine kleine Dunkle, sie geht noch zur Schule.” Wie ich zweifelnd die Schultern hebe, presst sie die Lippen zusammen und plötzlich verdeckt sie ihr Gesicht mit der Hand, als habe sie in meinen Augen das Bild ihres eigenen Leids gesehen.

Das Ausmass dieses Leids zu schildern, fällt schwer. “Aber selbst wenn ich nicht mehr ein noch aus weiss, wiegt doch das eigene Leid der Kinder viel schwerer”, gibt mir die Mutter einer 24-jährigen Fixerin zu bedenken,  “wie ein schwarzer Zentnerstein, der immer tiefer hinunterzieht. Erniedri­gung über Erniedrigung, Schmerz, schwarze Angst, alles ist schwarz, ruhelose, bezie­hungslose, schwarze Traurigkeit. Und Poli­zeiverhöre und Haft, Einzelhaft, wiederholte Einweisungen in psychiatrische Kliniken, jedesmal für mehrere Wochen, unter alten, schwer gestörten Alkoholikerinnen oder in “Einzelhaft”, ohne Therapie, der Chefarzt in K. sagte mir, Caroline sei eben “ein schlechtes Mädchen”… Die Stimme versagt ihr, die Knöchel der zusammengepressten Hände vor der Stirn treten weiss hervor. “Auch als Mutter wird man behandelt wie eine Kriminelle. Der Richter in A., wo Caroline ein Ver­f’ahren hatte, sagte mir ins Gesicht, ich sei schuld, immer sei ­die Mutter schuld, er habe schliesslich auch zwei Kinder, aber die seien zack­zack. Dass ich schuld sei, behauptete auch mein Mann, obwohl ich denke, dass Caroline mit dem Gift anfing, um endlich seine Auf­ merksamkeit zu gewinnen. Aber weit gefehlt, von dem Augenblick an existierte sie für ihn überhaupt nicht mehr. Sie störte den “Schein”, und für den Schein hatte er die Kinder gebraucht, wie das grosse Haus, den Wagen, den Erfolg, letztlich auch mich. Als mir das klar wurde, ging ich von ihm weg, unsere Ehekrise und Carolines Krise fielen voll zusammen. Es lebt nun jeder für sich, anfänglich wohnten die drei Kinder noch bei mir, der Sohn fing auch an zu fixen, hörte aber nach kurzer Zeit wieder aus eigener Kraft auf, brach trotz­dem seine Lehre ab, ging ins Ausland, nur die jüngste Tochter hält sich aus all dem heraus, es hat sie zu sehr angewidert, al­les, Sucht, Bedrohung, Zusammenbrüche; nächstens beendet sie ihre Ausbildung.” Frau E. streicht sich das Haar aus der Stirn. “Für mich waren all die schweren Erfahrungen nicht vergeblich, ich weiss nun, wie viel ich zu ertragen imstand bin, auch dass ich imstand bin, allein zu leben. Auch dass sich die Hartnäckigkeit  lohnt, mit der man ein Kind  nicht  aufgibt. Caroline ist nun auf Methadon gesetzt, eine immer schwächere Dosis, sie hat selbst ein Kind, für das sie sorgt und sie lebt ­­­mit einem Freund zusammen, der mit der ganzen Szene nichts zu tun hat und sie trotzdem liebt, wie sie ist.”

Ob sie, Frau E., einen Freund habe? Sie schüttelt den Kopf. Caroline habe in den letzten Jahren ihre ganze Zeit und Auf­merksamkeit verzehrt. Das ginge übrigens vielen Frauen so, die suchtgefährdete oder drogenabhängige Kinder hätte, bei Kontakten im Rahmen der “Elternvereinigung” hätte sie dies wiederholt festgestellt. “Man kann ja nicht einfach jemanden “haben”; Das müsste ein Zusammengehen und Zusammen­tragen sein. Aber wer bringt dazu die Kraft auf? Es brechen ja auch viele noch intakte Ehen unter diesen Anforderungen zusammen.”

Noch verbrauchter und erschöpfter wirkt Herr W., den ich in der Kantine der gros­sen Druckerei treffe, in der er arbeitet; Die jüngere der beiden Töchter, Katrin, gleich alt wie Caroline E., fixt seit bald zehn Jahren.  “Für meine Frau war dies alles zuviel, die Angst um Katrin, die beständige Sorge, die Entfernung Katrins, von zu Hause, seit sie vierzehn ist, die Ungewissheit, wie es weiter geht, die zunehmende Entfremdung. Da hat meine Frau zu trinken begonnen, schon seit einiger Zeit. Man weiss nie, was Ursache und was Folge eines Zustands der Traurigkeit und der Vereinsamung ist. Und ich, ich ziehe mich in meine Werkstätte zurück in der Freizeit, manchmal treffe ich Katrin in der Stadt. Wir sind einander in den letz­ten Jahren eher näher gekommen,  aber dieser Umstand verbittert meine Frau noch mehr, weil sie von dieser Annäherung ausgeschlos­sen ist. Sie denkt zuviel über früher nach, doch daran lässt sich ja nichts mehr ändern: Dass wir in dieses Landstädtchen zogen,  in der Meinung, das sei gut für die Kinder. Doch die Schulen waren schlecht, die Kin­der wurden zu wenig gefordert, und viel­leicht war es aus purer Langeweile, dass Katrin anfing, mit einer Freundin zusam­men Tabletten zu schlucken und in Ge­schäften kleine Dinge zu entwenden, nichts Grosses, mal einen Pullover, mal ein Hals­tuch. Da wollte der Realschullehrer sie nicht weiter in der Klasse dulden, und das Jugendamt nahm uns das Kind weg.  Ich hätte damals sagen sollen: Das gibt es nicht, das Kind bleibt hier! ­ aber ich tat es nicht, und Katrin wehrte sich nicht. Es ging dann schnell bergab. Sie kam in eine Wohngemeinschaft in S., die Kinder dort waren völlig verwahrlost, Katrin fing an, Haschisch zu rauchen. Als sie fünfzehn war, machte sie mit gleichaltrigen Burschen und Mädchen eine Reise nach Paris, und seither ist sie auf dem Heroin, d.h. nicht mehr, sie hat schon dreimal einen Entzug ge­macht, heute bekommt sie Methadon. Der Betreuer im Drop­in drängt sie, eine In­validenrente zu beantragen, aber Katrin wehrt sich dagegen. Sie will vom Gift los­ kommen, unbedingt,  sie erträgt auch die “Giftler” nicht, die hätten nichts anderes im Kopf als das Gift. Sie verdient sich ihr Geld selbst, putzt pro Woche sieben Geschäftshäuser, und zweimal wöchentlich betreut sie eine über 90­-jährige Frau. Dabei ist sie sehr geschickt und geduldig. Sie sollte in einem sozialen Beruf arbeiten können, aber wie noch einen erlernen? Sie ist ja auf der Gasse, seit sie vierzehn ist.” Herr W. macht eine Geste der Hilflosig­keit. “Einerseits Katrin, andererseits meine Frau, ich weiss nicht, welches Problem grösser ist, sie sind miteinander verknünft … “.

Christiane Jacquier, Sozialarbeiterin im Zürcher Drop­-In und Pressespreche­rin dieser Institution, an der 19 aus­ gebildete Psychologen, Sozialarbeiter, Psychiatriepfleger, Mediziner jungen Menschen mit psychischen Pro­blemen beratend und therapeutisch zur Seite stehen. (Das Drop-­In ist jeweils von Montag bis Freitag von 8h-­20h offen. An den Wochenenden und während der Nacht ist ein Arzt für Notfälle erreichbar.), Christiane Jacquier betont, dass das Drogenproblem eines Kindes häufig Ausdruck einer Ablösung von der­ Familie ist. Dieser Weg, Selbständigkeit zu gewinnen, ist für alle Familienmit­glieder sehr schmerzlich und gleich­zeitig fordernd. Die Eltern machen sich quälende Vorwürfe und Selbst­vorwürfe, in der Erziehung oder als Vor­bild versagt zu haben. Diese Lebenspha­se des Jugendlichen stellt an ihn und seine Familie hohe Anforderungen. Als Begleitung durch diese schwierige Zeit bietet das Drop-­In Familiengespräche an. Ein mögliches Ziel dieser Sitzungen ist es, die Eltern von ihren Schuldgefühlen zu entlasten und in ihrer Rolle zu stär­ken, und gleichzeitig den Jugendlichen in seiner Entwicklung zum Erwachsenen schrittweise zu begleiten. Um erste Veränderungen des familiä­ren Zusammenlebens zu erwirken, werden in der Regel 5­-10 Gespräche mit der Familie vereinbart.  (Diese werden zum Krankenkassentarif verrechnet, da das Drop­in eine Zweigstelle des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Psychiatrischen Universitäts­klinik ist).

Die meisten Patienten im Drop­in sind zwi­schen 17 und 30  Jahren. Zur obersten Al­tersgruppe gehören gleich zwei Söhne von Herrn und Frau Z., beide seit mehr als zehn Jahren Fixer, beide nun Methadonbe­züger. Während beim jüngern zunehmend Fort­schritte festzustellen sind – ­ er hat sich ­verheiratet und geht voll seinem Beruf nach, einem Freiluft­-Handwerksberuf, der Ausdauer und Aufmerksamkeit erfordert­, ist der ältere von Eltern und Betreuern eigentlich aufgegeben worden. Die Leidens­geschichte, die hinter diesem Satz steht, kann höchstens angedeutet werden. “Walti kam erst nach der Rekrutenschule aufs Heroin, nachdem er mit einem ältern Kolle­gen eine Reise nach Bangkok gemacht hatte; denn als er seine Lehre abschloss, da war er noch nicht süchtig, da rauchte er höch­stens manchmal Haschisch. Aber nachher ging es rapide abwärts. Bald konnte er nicht mehr regelmässig arbeiten, die Woh­nung nicht mehr bezahlen, hatte Geschichten mit der Polizei, einmal kamen sie zu dritt in Zivil morgens um 6 Uhr ihn abholen, grob und kaltschnäuzig, Geschichten mit dem Betreibungsamt, dann einen Anfall von furchtbaren Verfolgungsängsten, nachdem er Kokain eingenommen hatte, während Monaten, wir pflegten ihn zu Hause, abwechslungswei­se mein Mann und ich, zwei Suizidversuche, mehrere Entzüge, immer zu Hause, das war kein Leben mehr, dann wieder Untersuchungshaft, 10 Tage Einzelhaft, unter Androhung von Schlägen, Gerichtstermine und Haftaufschübe aus gesundheitlichen Gründen, meh­rere Monate Haft dann im Bezirksgefängnis in D., da gab es sadistische Wärter … “. Frau Z. berichtet eine Episode um  die ander­e. “Diese unerbittliche Kriminali­sierung der jungen Menschen, diese Verach­tung… Es sind doch keine Verbrechen, Vergehen sind es, Lappalien. In die Zeit der Untersuchungshaft  fiel der Tod der Grossmutter. Walti hätte nur in Beglei­tung eines Polizisten an der Beerdigung teilnehmen dürfen, mit Handschellen an diesen angekettet, wie ein Schwerverbre­cher…”.

Herr und Frau Z. mussten einsehen, dass sie ihrem ältesten Sohn nicht mehr helfen können; der psychische und der körperliche Zerstörungsprozess sind zu weit fortge­schritten. Aber die Fragen nach den An­fängen des Unglücks, nach der Verursachung lässt sie nicht los: War es die frühe Scheidung von Frau Z., die quälerischen Umtriebe des leiblichen Vaters der beiden Söhne, der Konflikt, in dem diese zwischen dem eigenen ­ schlechten ­ Vater und dem “neuen” Vater, Herrn Z., standen, der sie wie seine Kinder annahm? War es die schwäch­liche Konstitution der beiden, welche ihnen das Gefühl gab, nur etwas zu gelten, wenn sie überall mitmachten? Frau Z.  sucht nach positiven Erinnerungen in all der Zeit.  “Ja, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, z.B. wenn Walti einen Entzug machte und froh war, dass ich ihm half, wenn wir miteinander dem Fluss entlangspazierten und mit jedem Schritt bestätigte sich die Gewissheit, dass es sich lohne…”.

­In verzeifelter Ungewissheit befinden sich auch die Eltern sehr junger Suchtgefährdeter. Von den 15-­ bis 16­-Jährigen in der Agglomeration Zürich steht bereits jeder Fünf­te im Umfeld des illegalen Drogenkonsums, wie in einer repräsentativen Studie (l963) ermittelt wurde, wobei der Anteil der Burschen einiges höher ist als derjenige der gleichaltrigen Mädchen.

Ich treffe Frau B. in der Kantine eines grossen ostschweizerischen Krankenhauses, wo sie als angehende Pflegerin arbeitet. “Noch ein gutes halbes Jahr dauert die Ausbildung, so lange ist Bernhard auch noch im therapeutischen Internat in H., wo er die Realschule beenden soll. Er möchte Graphiker werden, aber da sehe ich schwarz, er hat keine Ausdauer ist ein Strohfeuer, ein Träumer. Gescheit wäre er wohl, er hatte ja die Sekundarschule begonnen, schwänzte dann aber so massiv, dass er herausflog und in die Realschule zurückversetzt wurde. Damals fing er an, Bier zu trinken und Haschisch zu rauchen, tagelang trieb er sich irgendwo herum, kroch nachts im Schrebergartenhäuschen unter. Er gleicht ganz dem Bruder meines ehemaligen Mannes, wir sind geschieden seit vier Jahren, dieser Schwager konnte sich auch an keine Regeln halten und er­laubte sich einen Uebergriff nach dem andern,  auch mein ehemaliger Mann ist schwer psychotisch. Bernhard hat dieses Erbe, da ist nichts zu machen, wie er noch zu Hau­se war,  sprach er dauernd von Selbstmord, er zerriss seinen Pass, seinen Geburts­schein, drohte,  er ginge sich aufhängen, ich musste die Polizei kommen lassen, ich musste ihn weggeben.”

Frau B. hat zwei Krebsoperationen hinter sich, sie klammert sich ans Leben, das sie mit so viel Schwerem bedacht hat (der älteste Sohn ist bei einem Sportunfall ums Leben gekommen),  es ist eine Hartnäckigkeit in ihr, ein starker Wille, nicht aufzugeben, den sie wohl von ihren bäuerlichen Vorfahren übernommen hat. Ob sie diese Kraft nicht auch Bern­hard vermitteln könne, ihm zugestehen kön­ne, dass er sein Leben selbst in die Hand nehme, dass er nicht “einfach” gezeichnet sei durch das Erbe des Vaters und Onkels? Frau B„ hebt müde die Schultern, das Er­be sei übermächtig, das spüre sie. Aber wenn Bernhard aus H. zurückkomme, werde sie nur eine Halbtagesstelle annehmen, um möglichst viel Zeit mit ihm zu verbringe. Sie wolle doch alles tun, um ihm zu helfen.

Nicht älter als Bernhard ist Andy. Die Adresse seiner Eltern ist leicht zu finden, im neuen Industriequartier einer innerschwei­zerischen Kantonshauptstadt, das buntgetünch­te Haus an der breiten Strasse, auf der die Laster vorüberdonnern und die unauffällige Wohnungstür im freundlichen Treppenhaus mit den vielen gleichen Wohnungstüren. “Nicht dass wir von den Nachbarn geschnitten würden, auch die Verwandten halten zu uns, aber wirklich über Andy sprechen können wir mit niemandem. Wir sind voll aufeinander angewiesen, die Frau und ich, immer muss sie die schlechten Nachrichten entgegen­nehmen, die Telephonanrufe von der Polizei, wenn Andy wieder auf Kurve ist. Ich bin ja tagsüber im Betrieb. Das hat uns zusammen­geschweisst, diese Sorge, die nie abbricht, Tag und Nacht nie.” “Denn Andy ist in der Lage, alles einzunehmen oder zu sniffen, was er nur auftreiben kann, Benzin, Petrol, deshalb hat er ja auch seinen Platz in der therapeutischen Wohngemeinschaft in H. verloren, wo er Gelegenheit gehabt hätte, die Schule abzuschliessen, deswegen, und auch wegen seiner Punkfrisur und den schwarzen Kleidern, die er nie ablegen will…”.

Andy ist grad eben fünfzehn Jahre alt, hat vor zwei Jahren die Realschule angefangen, aus der er kurz darauf weggewiesen wur­de, weil so ein Kind untragbar sei,  ein Kind, welches bei Kellereinbrüchen von der Poli­zei ertappt werde, welches Bier und andern Alkohol konsumiere, paffe und mit Freun­den “so Videos” anschaue. Was für Videos denn? Eben “so Videos”. Begonnen habe es von einem Tag auf den andern, als ein Bub in den Ort zog, dessen Mutter eine berufs­tätige Intellektuelle sei, die nie Zeit gehabt hätte für ihren Sohn, ihm dafür viel Geld und alle Freiheit gewährt hätte. Andy sei davon beeindruckt gewesen. Und weil er körperlich stark sei, habe er der Chef der Gruppe um den Neuankömmling sein wollen. Die Jugendanwaltschaft  habe sich viel Mühe gemacht, immer wieder einen Platz für ihn zu finden,  aber er sei über­all ausgerissen. Nun bleibe nur noch das Heim für Schwererziehbare…

­­­Aus dem Auffangheim einer andern Kantons­hauptstadt schrieb Andy Frau A. zum Ge­burtstag. Er berichtet, dass er nach Zü­rich durchgebrannt sei, er habe nur noch Selbstmordgedanken im Kopf gehabt, habe sich schwerste Schlaftabletten verschafft und diese mit Bier hinuntergespühlt, er sei dann zusammengebrochen und von der Polizei aufgegriffen worden, recht brutal, “wie Dreck” sei er behandelt worden. Als Strafe sei er nun in “Einzelhaft” im Heim und habe viel Zeit zum Schreiben. Der Brief schliesst auf traurige und zugleich poetische We­­ise:  “Es grüsst Euch geflügelt Euer schwarzes Irokeesenschaf”.  Unten am Rand des Blatts steht ein mit Bleistift kleingekritzelter  Satz in fehlerhaftem Englisch, während der übrige Brief über mehrere Seiten in klarer Schrift aufs sorg­fältigste geschrieben ist. “God, when you ­­be, help me”.

Ist das die Handschrift,  sind das Mitteilun­gen eines “schwer verwahrlosten Burschen”, wie Andy vom Schulpsychologen bezeichnet wurde, bevor er aus der Realschule seines Wohnorts verwiesen wurde? “Wir wissen ja alle, dass es mit Punks nicht geht, oder?” schrieb er in einem der Briefe. Wer hat ihm diese Hoffnungslosigkeit suggeriert? Und ist sein asoziales Verhalten wie dasjeni­ge seiner Leidensgenossen, ihre Selbstge­fährdung und Selbstzerstörung nicht eher eine Folge auf die massiven Straf-­ und Angleichungsmassnahmen der Gesellschaft, auf die frühe Entfernung aus dem Familien­- und Lebenszusammenhang denn eine Begründung dieser Massnahmen? Wird durch Andys Hilfe­ruf, der stellvertretend für den Hilfe­ruf einer ganzen Generation steht, nicht unsere ganze Erwachsenengesellschaft  zur Rechenschaft gefordert, zu einer nicht mehr aufschiebbaren Umkehr im Verständnis von Verantwortung und Begleitung?

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