Ist in der globalisierten Welt ein eigener Zukunftsentwurf vorstellbar?

 

Ist in der globalisierten Welt ein eigener Zukunftsentwurf vorstellbar?

 

 

(I) Sesshaftigkeit, Bewegung und Veränderung von Bewegung im Kontext dessen, was “Fortschritt” heisst

(II) Über “das Eigene” im Lebensentwurf und über Fremdbestimmung/Fernlenkung

(III) Vorstellungskraft – “Blindenstab” und “Hebel”

 

(I) Er leitete damals noch die “Ecole spéciale d’architecture” an der Boulevard Montparnasse (heute ist er emeritiert), eine Hochschule für Urbanismus und für “Urbanität”, resp. für die Erforschung/Wissenschaft/ Kunst des multiplen Zusammenlebens, des “inter esse” (Hannah Arendt) in städtischen oder grossstädtischen, zugleich durchlässigen wie schützenden Einfriedungen. Die “Ecole spéciale d’architecture ist eine 1865 erfolgte Gründung aus dem Kreis der Saint-Simonisten, die dazu dienen sollte, den sozial-utopischen Ideen dieser Bewegung eine innovative Gestalt im Städtebau zu geben – eine Aufgabe, die heute nicht weniger aktuell ist wie damals. Virilio nimmt sie wahr, indem er die Phaenomene der Sesshaftigkeit (resp. der Kultur) ebenso luzide analysiert wie jene der Zeit (resp. der Bewegung, der Veränderung und der Beschleunigung der Veränderung, kurz, dessen, was Fortschritt heisst). Dabei ist er nicht nur Analytiker, sondern auch warnender Visionär, der vor dem Diktat einer schrankenlos und eigengesetzlich gewordenen, damit entmenschlichten Technologie warnt.

Virilio führte mich durch das Gebäude, durch den Innenhof, der wie ein Theaterraum wirkte, die zertretenen Schulhaustreppen hoch in sein “atelier”. Er erinnerte mich an einen Bauern, der den Gast durch den Hof führt. Das “atelier” war ein Schulzimmer mit einer Wandtafel, welche die ganze Stirnwand bedeckte. Diese war leer, bis auf das Farbphoto einer grossen, sonnenbeschienenen, regelmässig gewachsenen Birke vor satten Wiesen und ansteigenden Hügeln. Er löste das Bild von der Wandtafel und schenkte es mir. “Nehmen Sie es”, sagte er, “ich habe es gebraucht, um meine Studenten sehen zu lehren.”

Virilio wiederholte im Gespräch, das wir zusammen führten, die Übung im Sehen, resp. die Einübung ins Sehen, mit der er seine Studenten und Studentinnen ins Semester eingeführt hatte. “Sehen, anschauen können wir nur das, was sich dem Auge nicht entzieht. Was wir nicht anschauen können, z.B. weil es sich zu schnell bewegt und weil sich dadurch dem Blick entzieht, wird zum Verlust, oder: wir schauen es mit dem ‘inneren Auge’ an”, sagte er. “Auch dies soll mit dem Betrachten des Baumes geübt werden. Was sehen wir nicht, wenn wir den Baum sehen etc.”

Darauf gehe ich später ein. Ich möchte zuerst die Dualität von Sesshaftigkeit und Bewegung ansprechen.

Für Paul Virilio ist die komplementäre Dualität das Konstruktionsprinzip der Realität. Dieses entspricht einem doppelten Bedürfnis, das jeden Menschen prägt – das Bedürfnis nach Sicherheit und das Bedürfnis nach Freiheit -, unabhängig davon, wie sich Präferenzen entwickeln oder wie der/die einzelne darüber denkt. “Die Stadt gab es vor der Philosophie”, sagte Virilio mir zu Beginn des Gesprächs. Ich gab ihm recht: Die Stadt – der eingefriedete Ort – war Voraussetzung dafür, dass Philosophie aus dem “Staunen” zum Gespräch wurde. Die Stadt war der Beginn der Kultur und Zivilisation. Hier entwicklete sich der Geist des Politischen und die Struktur des Gesellschaftlichen. Sie bildete sich um das Vernunftbündis der ursprünglichen Bevölkerungseinheiten herum – Paare, Familien -, die einen gemeinsamen Ort der Sicherheit, des Warenaustauschs und der Kommunikation brauchten. Zugleich brauchte es für diejenigen, die unterwegs waren – die Handelsleute, die Läufer und Boten, die Pilger, die Wanderstudenten, die Soldaten und andere mehr, ein Ziel, einen Ort der Ruhe. Daher wurden Städte um einen Hafen herum gebaut, wo Schiffe einfuhren, oder an einem Brückenkopf, oder bei einem sakralen Platz, oder später dort, wo Arsenale, Kirchen oder Akademien und Universitäten entstanden. Immer führten in die Stadt hinein und aus der Stadt heraus Wege. Die Stadt kontrollierte, regulierte und motivierte/stimulierte die Geschwindigkeit derer, die ankommen wollten. Wer über Geschwindigkeit resp. über Mittel der Geschwindigkeit verfügte oder diese kontrollierte (Schiffe, Läufer, Pferde etc.), verfügte über Macht. Paul Virilios Frage ist, ob diese Kompelmentarietät nicht zutiefst gestört ist.

Bei Kafka, in einem der Brief an Milena, gibt es eine Stelle: “Die Menschheit hat (…), um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nicht mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist viel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie.” Was lässt sich Zusätzliches sagen? Dass seither noch das Fernsehen, der Fernschreiber, der ganze Raum der virtuellen Realität erfunden wurde, welcher Interaktionen, Kommunikation auf Distanz erlaubt, unabhängig davon, wie weit derjenige/diejenige, den/die eine Mitteilung erreichen soll, entfernt ist. Meine beiden Söhne befinden sich in Australien, meine beiden Töchter in der Schweiz, und mit allen unterhalte ich mich über Telephon (Satellitentelephon), Fax und e-mail auf die gleiche Weise. War es während Jahrhunderten nötig, dass sich die Menschen zueinander hinbewegten, um sich zu verständigen, oder dass jemand – ein Bote, Postbote etc.- stellvertretend den Weg zurücklegte, so ist dies heute überflüssig geworden. Die “Geister”, die Kafka hellsichtig als Bedrohung des direkten Austauschs unter Menschen genannt hat, haben gesiegt.

Ist damit auch die Stadt – als Ziel derjenigen, die unterwegs sind, als Ort des Austauschs und des Marktes – überflüssig geworden? Und umgekehrt: Hat sich der Fortschritt in sein Gegenteil verkehrt, da die Menschen keiner Fortbewegung mehr bedürfen, um einander zu sprechen, zu hören und zu sehen, da sie sich, wo immer sie sich befinden, nur in elektronische Verbindung zu setzen brauchen (drahtlose Telephone, Bildschirme etc.), um virtuell an einem anderen Ort zu sein?

– überzählig als Arbeitende in der Produktion, überzählig als Reisende, überzählig – Virilio zufolge – selbst als Zeugende (durch die Möglichkeiten der In-vitro-Befruchtung und der gentechnologischen Manipulation des des ADN), gar als Liebende (durch die Angebote des Cybersex).

Hannah Arendt zufolge ist ein System, das Menschen für überzählig erklärt, totalitär.

Trotzdem, Paul Virilios Insistenz legt es nahe zu fragen, ob er nichts anderes als ein Modernitätsverweigerer sei. Das wäre zu einfach, zumal die Moderne schon längst durch die Post-Moderne abgelöst wurde (die lange vor der Möglichkeit der systematischen Schaffung von Menschen die Tatsache der systematischen Vernichtung von Menschen geschaffen hat). Virilios kritischer Ansatz setzt bei der Masslosigkeit an, bei der leichtfertigen, unbedachten Zerstörung der komplementaren Dualität, welche die Grundlage und Voraussetzung von Zivilisation ist. Wie kam er zu diesem Ansatz? Seine ersten theoretischen Überlegungen setzten mit den Kriegserfahrungen ein. Er war 1932 geboren und als Kind mit seinem Vater, der als italienischer Kommunist vor Mussolinis Verfolgung fliehen musste, und mit seiner bretonischen Mutter in deren Heimat, nach Nantes, geflüchtet. Armut, Flucht und Krieg waren die Erfahrungen, die seine Kindheit prägten. Als er knapp zehn Jahre alt war, wurde der nazifreundliche Stadtkommandant von Nantes durch die Résistance ermordet, worauf die Gestapo Haus um Haus durchkämmte und eine Anzahl Menschen erschoss, zur Einschüchterung der anderen. Virilios Familie blieb verschont, da das grossväterliche Haus, in welchem sie wohnten, ein “kryptisches” Haus war, wie er mir sagte, ein Haus, dessen und Wirkung ihr Ziel erreichen, mussten die Gesetze der Beschleunigung und der Raumerfassung erkannt und beherrscht werden. “Wer die Geschwindigkeit beherrscht, ob über die Erkenntnis oder über die technologischen Mittel, verfügt über Macht”, laut Virilio.Eingangstor nicht erkennbar war und das sich als Versteck eignete. Dieses Erlebnis, dann die völlige Zerstörung von Nantes durch Luftangriffe, später, nach dem Krieg, die Erkundung der Bunkerlandschaft am Atlantik, hat ihn sowohl die Bedeutung der Architektur (Ort der Abwehr, der Sicherheit – daher –  Zielscheibe des Angriffs) wie der Technologie gelehrt. Anhand der Entwicklung der Kriegführung habe er die Entwicklung der Technologie überhaupt verstehen gelernt: die Entwicklung von der schlagenden Hand über deren Verlängerung durch die Keule, zum berittenen Kämpfer mit Hilfe des Pferds, zur Kanone, zur motorisierten Kanone, zur Verwendung von Strassen, Eisenbahnen und Luftraum für die immer schnellere Erzeugung von Waffenwirkungen bis zzur Laserwaffe und zur Atombombe. Selbst die Entwicklung der virtuellen Realität  verknüpft Virilio mit der Kriegstechnologie, mit den damit verbundenen Simulations- und Propagandabedürfnissen. Damit Waffen mit grösstmöglicher Schnelligkeit

 

(II) Ebenso interessant – und im Zusammenhang der heutigen Fragestellung relevant – erscheint mir die Umkehrung von Virilios Reflexion. Die Ratlosigkeit, das Gefühl der Ohnmacht des weitaus grössten Teils der Menschen – weltweit – mag in dieser Umkehrung einen Erklärungsansatz finden. Wer weder über die Kenntnisse noch über die Mittel der aktiven Teilhabe an der Technologie der globalen Kommunikation verfügt, fühlt sich durch diese manipuliert, instrumentalisiert und entwertet, nach Virilios Worten “überzählig”, in einem anderen, eventuell noch stärkeren Ausmass als in allen früheren Weltbeherrschungsstrategien (Imperialismus und Kolonialismus, die katholische Kirche, die nationalsozialistischen und stalinistischen Weltbeherrschungsideologien und -systeme ev. a.m.). Heute kann man nicht einmal mehr irgend wohin auswandern. Die Kriterien der “Selektion” – der Aussonderung oder der Zubilligung von Nützlichkeit -, nämliche Effizienz, schnelle Lernfähigkeit, robuste Gesundheit etc. gelten weltweit überall gleichermassen.

Diese Feststellung mag in der Tat lähmend wirken. Doch was bewirkt die Lähmung schon in der Antizipation, noch bevor eine Ausgrenzung geschieht? Es lohnt sich eventuell, auf einen geheimnisvollen Vorgang einzugehen, den der Ethnopsychologe David Signer  “Fernsteuerung” nennt und mit der er die in allen Zeiten und Kulturen wirkenden Fremdbestimmungen meint. Es handelt sich dabei um eine Kommunikation auf der Ebene des Unbewussten, um Übertragungen und Gegenübertragungen, die häufig gar nicht nur momentan oder auf benennbare Weise wirken, sondern eine generationenlange Geschichte und eine multiple Wechselwirkung haben können. Betrachten wir beispielhalber das Phaenomen der Erwerbslosigkeit. Auf nicht selber gewollte oder verursachte Weise ausgeschaltet zu werden, aus der Zugehörigkeit zu einer sinnschaffenden und lebenserhaltenden Tätigkeit herauszufallen, plötzlich ohne Anerkennung der erworbenen Erfahrung, der beruflichen Fähigkeiten, ohne Gebrauch einer spezifischen Sprache und eines spezifischen Austauschs leben zu müssen ist für alle Menschen eine Schockerfahrung. Die Wirkungen, die diese auslöst, sind jedoch sehr verschieden. Bei den einen Menschen wird ein Potential des Widerstandes, der Kränkungsabwehr und der innovativen Kompetenzen geweckt, eventuell über einen ersten Impuls des Zorns und der Wut. Die mit der Arbeitsentlassung verursachte Demütigung wird abgewehrt und in ein handlungsmotivierendes, umgekehrts Gefühl verwandelt. Diese Umkehrung ermöglicht es häufig auch, die Tatsache des Verlusts von personaler Anerkennung und Sicherheit nicht auf Beziehungspartner (-partnerin), Kinder etc zu übertragen. Der Trotz gegen die angetane Kränkung, häufig auch die Wut auf die eigentlichen Verursacher vermag, das Gefühl der Hilflosigkeit durch eine Gegenstrategie der Ich-Festigung, des verstärkten Selbstrespekts zu korrigieren. Untersucht man die Generationenfolge, lassen sich häufig – nicht immer – ähnliche Entwicklungen feststellen, so dass sich sagen lässt, dass die Art der Übertragungen innerhalb des Familiensystems Selbstrespekt, ein – zumeist implizites – normatives “Ducke dich nicht”, “Lass dich nicht kleinmachen” ermöglichten und weiter ermöglichen. Was für Erwerbslosigkeit und Armut gilt, gilt für rassistische oder religiöse Verfolgung, galt sogar während Jahrhunderten für die Ungleichbewertung der Frauen in der patriarchalen Gesellschaft wie für die Ausgrenzung und Verfolgung derjenigen, die sich dagegen zur Wehr setzten (Hexenverfolgungen etc.).

Häufig geschieht die gegenteilige Entwicklung, bei welcher erlebte Kränkungen innerhalb eines bestimmten Systems, z.B. des Systems der Arbeits- und Erwerbsabhängigkeit, oder des Systems der Armee, oder einer Partei oder einer religiös oder ethnisch definierten Gesellschaft etc. auf die Mitglieder eines anderen Systems, insbesondere jenes der Familie, übertragen, überwälzt wird. Da lässt sich dann feststellen, dass zum Beispiel die ganze Last der Kränkung die Frau des Erwerbslosen trägt, eine Last, die notgedrungen weiter auf die Kinder übertragen wird. Manchmal wird die Last der Demütigung, die durch Armut oder Erwerbslosigkeit entsteht, auch auf die Fremden überwälzt. Die Entmutigung, das Gefühl der Wertlosigkeit und Austauschbarkeit kann in diesem Übertragungsprozess, der – wohlgemerkt – auf der unbewussten Ebene geschieht, verhängngisvolle Folgen haben. Frauen und Kinder, Fremde etc. werden zu den Leidenden, die das abgedrängte Leiden übernehmen und tragen, die es verinnerlichen. Die Bürde wird auf sie abgewälzt, und sie werden unter der Bürde gedrückt, traurig und krank. Frauen müssen dabei häufig noch den Vorwurf des Mannes ertragen, das Leben mit ihnen sei kein Schleck, da sie ja ständig so niedergedrückt in die Welt schauten. Oder die Fremden müssen – neben den eigenen Diskrimminierungen – erfahren, dass sie hässliche, dunkle Elemente seien, dass sie Unglück bedeuten.

Die Übertragung geschieht zumeist durch einen unbewussten Akt der Entlastung, der für den anderen Menschen zur Belastung wird. Was dem/der einen unerträglich ist, soll der/die andere tragen. Durch die Abwälzung des Unerträglichen, nicht nur der Demütigungen, sondern auch der Ängste oder der Hassgefühle, wird der-/diejenige, der/die es zu übernehmen hat, unerträglich: die Ehefrau, der Fremde, die Kinder etc. Die Last des Unbewussten zeigt sich nur durch das Zusammenleben der Menschen.

Ebenso wie das unerträgliche Schwere, Belastende werden auch Wünsche, Triebregungen und Sehnsüchte übertragen. Diese Art der Übertragung nennt man eher Verführung denn Abwälzung, doch auch in diesem Fall spielt sich in denjenigen Menschen, auf welche die Übertragung erfolgt, etwas ähnlich Geheimnisvolles ab. Sie empfinden Gefühle, die sie nicht selber generiert haben,die – buchstäblich – über sie kommen. Sie fühlen sich ferngelenkt, wie verhext, ratlos und ausgeliefert. Häufig führen sie zu diffusen, niederdrückenden Schuldgefühlen. Immer wieder stellen wir fest, dass Opfer die abgewehrten Schuldgefühle der Peiniger internalisieren.

Nicht nur zwischen einzelnen Menschen geschehen Übertragungen. Es gibt auch kollektive Prozesse der Übertragung, und auch diese geschehen durch autoritäre Imputs, deren Herkunft oder deren Intentionalität schwer durchschaubar ist . Warum zum Beispiel für Massen von Menschen die gleichen Feindbilder gelten, ist in starkem Mass auf das Phaenomen der Übertragung zurückzuführen. Freud (s. Psychologie der Massen) nennt in diesem Zusammenhang bekanntlich die Kirche und die Armee. Auch Parteien sind zu nennen, auch die Wirtschaft. Es geht bei diesem Phaenomen der kollektiven Übertragungen unbestrittenermassen um ein Phaenomen der Machtgenerierung und -verstärkung auf der einen Seite, der Ohnmachtskonstruktion auf der anderen Seite. Mir scheint, dass die von den Medien tagtäglich breit vermittelten Globalisierungszwänge und sich immer stärker verbreitende Gefühl der Ausweglosigkeit und Ohnmacht innerhalb der Übertragungsmodells untersucht werden müssen.

 

(III) Ist Widerstand dagegen überhaupt möglich? Ist ein eigener Lebensentwurf unter diesen Voraussetzungen noch vorstellbar? Dies ist die Frage, die Sie mir stellen. Zuerst müssen wir fragen, was denn das Eigene in der Fülle der Übertragungen, denen ein Mensch seit seiner frühesten Kindheit ausgesetzt ist, überhaupt ist? Wo siedelt es sich an und wie kann es gefördert werden? – oder – mit anderen Worten – welche Kräfte gilt es zu aktvieren, um Widerstand gegen die massiven Übertragungen und die dadurch – scheinbar unausweichlich entstehenden – Zwänge zu schaffen? Welche Bedeutung kommt der Vorstellungskraft in der Stärkung des Ichs und der Ichfunktionen zu? Was ist das Ich? Muss das Ich nicht überhaupt zuerst erkannt werden, jenes hinter Schichten des Unbewussten verborgene Prinzip des Bewusstseins?

Ich will zu diesem Zweck die Metapher des Blindenstabs einführen. Wozu dient der Blindenstab den Blinden? Wofür steht er als Bild? Den Blinden dient er als Mittel, um Distanz und Nähe abzuschätzen, um einen Gegenstand, der sich auf dem Weg dem/der Gehenden als Hindernis entgegenstellt, rechtzeitig wahrzunehmen, um ev. Grösse, Festigkeit, Härte oder Weichheit des Gegenstandes zu erahnen, kurz. Um zu erkennen, was das unbekannte Objekt ist. Der Blindenstab taucht bei der französischen Philosophien Simone Wie, die 1943 in der Emigration in England im Alter von 34 Jahren gestorben ist, in allen “Cahiers”, den “Arbeitsheften” (welche die Essenz ihres Werkes ausmachen) als erkenntnistheoretische Metapher immer wieder auf. Der Begriff ist eine Anleihe aus den “Meditationen” von René Descartes (der, etwa gleichzeitig mit Spinoza, nach Montaigne und vor Kant, als einer der grossen Skeptiker die unumstösslichen Wahrheitsgebäude der Schulphilosophie zu befragen und zu dekonstruieren begonnen hat). Für Descartes – wie über 400 Jahres später für Simone Weil -, braucht der Mensch, der sich auf den Weg der Erkenntnis macht, zur Unterscheidung von Wahrem und Falschem einen “Blindenstab”. Dieses Instrument des Erkennens, sagte schon Descartes, ist die Vorstellungskraft (“imagination”), die letztlich eine ganz nahe, unbegriffliche Erkenntnis ermöglicht, eine intuitive Erkenntnis, die Verstehen bedeutet. Die Vorstellungskraft vermag, das – sonst blinde – Erkennen “sehend” zu machen.

Dieses – sorgfältige, achtsame, vielleicht sogar untrügliche – Verstehen dient bei Descartes und bei Simone Weil dazu, die äussere Realität so zu erkennen, dass sie von den übergestülpten Bedeutungen befreit ist, ob es sich um andere Menschen oder um Geschehnisse, Zusammenhänge, kurz um welche Realität auch immer es sich handele. Dieser Prozess des nahen, von fremden Deutungen befreiten Erkennens setzt die Erkenntnis der Tatsache der fremden Deutungen voraus, die wiederum nur in einem Prozess der inneren Reinigung, der “Katharsis”, der Läuterung, häufig des tiefen Leidens erfolgen kann. Sie setzt damit den Verzicht auf vorgefasste, eigenwillige, resp. mit eigenen Gefühlen bepackte Deutung voraus, auf “lecture”, wie es bei Simone Weil heisst. Der Verzicht auf “lecture” bedeutet Zurücknahme des erkennenden Subjekts dem Objekt des Erkennens gegenüber, bedeutet Verzicht auf Übertragung der eigenen Gefühle und Vorstellungen auf das Objekt des Erkennens, d.h. Verzicht auf Bemächtigung des Objekts, damit Verzicht auf jegliches Verlangen dem Objekt gegenüber – auch hier ein Vorgang der Sublimation. Dieser Vorgang lässt das Objekt des Erkennens selber zum Subjekt werden, versetzt es in seine ihm eigene Würde und Freiheit, so dass sich ein subjektparitätisches, dialogisches Verhältnis konstituieren kann. Damit dies geschieht, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Worin bestehen diese? Simone Weil spricht von “foi, justice, sens de juste disposition intérieure[1]“, d.h. von “Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Sinn für innere Geneigtheit”, worunter sie jenen “juste rapport de manifestation propre à chaque apparence[2]” versteht, nämlich das richtige Verhältnis zu dem, was sich, indem es erscheint, offenbart, d.h. sich unverhüllt, “ungeschirmt” zeigt. Diese “innere Geneigtheit”, diese “Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit” sind somit die ethische Voraussetzung im Prozess des Erkennens, der jenes “sym-pathein” entstehen lässt, das wiederum Indifferenz und unbedenkliches Handeln unmöglich macht.

Was den Objekten der äusseren Realität gegenüber, insbesondere den Menschen, mit denen wir zusammenleben, durch die vom “Blindenstab” geführte, von fremden Deutungen geläuterte Erkenntnis an grösserer “Gerechtigkeit” zukommt, kann auch den Prozess der Erkenntnis des eigenen Ich, die Selbsterkenntnis  – zumBeispiel im Lauf einer Psychoanalyse – anleiten. In den Prozess der sachten, aber letztlich schonungslosen Erkundung der über dem Ich abgelagerten Übertragungsschichten, in deren Abtragung muss viel Intensität gelegt werden. Das Ich, resp.das, was das Eigene ausmacht, ist häufig tief verborgen. Die Vorstellung, wie ich, wer ich, was ich sein möchte, um von mir selbst nicht abgelehnt, sondern geliebt zu werden, mag diesen Prozess stimulieren. Die allmählichen Resultate stärken vorweg das Widerstands- und Abwehrpotential gegenüber massiven Übertragungen, die vorher kaum wahrgenommen worden waren. Und dies wird in einem Mass als befreiend und stärkend erlebt, dass auch der eigene Lebensentwurf vorstellbar wird: nicht in Abkehr von der Welt, von der “Welthaftigkeit” (nach H.A.), sondern in Angstfreiheit.

 

[1] S.W. Cahiers II, nouvelle édition, Plon, Paris 1972, S.204

[2] a.a.O, édition 1972, S.108

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