„eine brodelnde und selbstzerstörerische Sippenstimmung“ oder: Wohin starrt der Engel der Geschichte?

„eine brodelnde und selbstzerstörerische Sippenstimmung“ oder:

Wohin starrt der Engel der Geschichte?

Am Ende des Jahrhunderts 9 Jahre Krieg in Europa – Ex-Jugoslawien – Europa – Schweiz

 

Warum?

Wie weiter?

Aula-Gespräch  in der Universität Zürich in der Reihe Krieg – Gewalt – Geschlecht

Ein Gespräch über die Entstehung und das Ausbrechen der kollektiven Gewalt,  über Nationalismus, Militarismus, Ethnizismus und systematische Menschenverachtung, über die Mitverantwortung Europas und der Schweiz sowie über Aufgaben und Chancen von Zivilgesellschaft, Demokratie und internationalen Vereinbarungen.

17. November 1999, 12.15h-13.45h

 

 

Organisation und Einführung:

Frau Dr. theol. Sophia Bietenhard, Evangelisch-reformierte Hochschulgemeinde

 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Gespräch:

Frau NR Barbara Haering Binder

Herr Roland Brunner

Herr Prof. Dr. Daniel Thürer

Frau Dr. Brigitte Weisshaupt

 

Moderation: Dr. Maja Wicki

 

Gesprächskonzept

 

I.Teil:

Wohin starrt der Engel der Geschichte?

 

Walter Benjamin hält in seinem Essay „Über den Begriff der Geschichte“ im 9. Paragraphen eine Assoziation fest, die ein Bild von Paul Klee, das „Angelus Novus“ heisst, in ihm weckt. Er sieht auf diesem Bild einen Engel, der „im Begriff ist, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt“, und er kommt zum Schluss, dass der Engel der Geschichte so aussehen muss. „Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor  uns erscheint, das sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie vor die Füsse schildert.  Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Der Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser

Sturm.”

  1. Wie kam es gerade im ehemaligen Jugoslawien zu diesen „Trümmerhaufen“, auf welche der Engel der Geschichte als auf „eine einzige Katastrophe“ starrt?
  2. Wiederholung von Grossraumideologien in Verbindung mit Faschismus und Rassismus/Ethnizismus. Warum „Wiederholung“? Welches ist das geschichtliche Trümmererbe im ehemaligen Jugoslawien? Wie hat Milosevic (aber auch Tudjman, benso in der Folge Izetbegovic) die Geschichte instrumentalisiert (Mythologisierung, Revancherechtfertigungstheorien, Einbezug von Intellektuellen in den Ausbau und die Festigung seiner Macht, seiner Minderheitenverketzerung, seiner Rechtfertigung von Vertreibung – „Säuberung“ – und Mord etc.). Welche Rolle spielten die Medien? Versagte die Zivilgesellschaft resp. gab es eine kritik- und widerstandfähige Zivilgesellschaft? Welches war der Einfluss und die Rolle der Frauen?
  3. Wie eskalierten die Ereignisse in den letzten zehn Jahren bis zum Bosnienkrieg und zu den Kosovo-Kriegen (knapp)? In welchem Zusammenhang ist die „Sexualisierung“ dieser Kriege zu sehen (systematische Vergewaltigungen von Frauen der jeweils „anderen, resp.feindlichen Ethnie“, ebenso Vergewaltigung von Männern in den Gefangenenlagern, Verfolgung und Vertreibung der „gemischten“ Ehen und der Kinder aus solchen Ehen)?
  4. Welches waren die Reaktionen des übrigen Europa und der USA? Warum die jahrelange Indifferenz? Warum die Zustimmung zu nationalistischen „Unabhängigkeitserklärungen“ und damit zur Auflösung eines bestehenden Bündnissystems, während gleichzeitig im übrigen Europa eine sich verstärkende Tendenz zur föderativen Bündnisbildung stattfindet? Gab es ev. eine schuldhafte Kollusion mit den Machthabern und war-lords im ehemaligen Jugoslawien? Welche Rolle spielte neben der Politik die Wirtschaft? Welchen Einfluss hatten die internationalen Organisationen, insbesondere EU, Nato, OSZE, UNO in welchen Momenten? Wurden diese durch die Juogslawienkriege gestärkt oder geschwächt?

 

  1. Teil:

„eine brodelnde und selbstzerstörerische Sippenstimmung“

 

So kennzeichnete der ungarische Denker und Schriftsteller György Konrad die ethnizistische Kriegspropaganda im ehemaligen Jugoslawien

  1. Wie hat sich diese auf die Schweiz ausgewirkt? Zustimmung, wenn ja durch welche Kräfte? – oder Gegenbewegungen und Abgrenzung, wenn ja durch welche Kräfte? Wie verhielt sich die Regierung? Wie entwickelte sich die Flüchtlings- und Asylpolitik in dieser Zeit? Lässt sich von einer Instrumentalisierung der Flüchtlinge und Kriegsvertriebenen zu eigenen Zwecken sprechen? – und wenn ja zu welchen (Zunahme der right-wing-Kräfte)? Gab es diesbezüglich eine Korrektur durch Frauen, Friedensbewegungen, Intellektuelle etc.? Was wurde unternommen?
  2. Reagierte die Schweiz unterschiedlich im Bosnienkrieg und nun während der Kosova-Kriege? – wenn ja, worin bestanden die Unterschiede? Wie wurde die Diskussion um den sog. „gerechten Krieg“ geführt? – anlässlich a) der Zuspitzung der ethnizistischen Vertreibungen? – b) der Nato-Intervention? Welche politischen Kräfte traten wofür ein? Wie ist zu erklären, dass diese Diskussion im Zusammenhang mit dem Tschetschenien-Krieg nicht aufkommt?

 

III. Teil.

Was braucht es für einen Paradigmenwechsel im ehemaligen Jugoslawien?

 

  1. Was ist nötig, um von der kollektiven Gewalt zu gegenseitiger Verständigung und pluralem, demokratischem Zusammenleben zu gelangen? Welche konkreten Schritte sind erfordert (Bildung, Medien, Wirtschaft, Politik ), damit eine Kultur des inter-esse im Arendt’schen Sinn zustandekomme? Was heisst dies? Kann Frieden unter Bedinugnen, wie sie heute sind, gelernt werden?
  2. Welches ist die Mitverantwortung des übrigen Europa, der Schweiz? Welche Beiträge können/müssen durch wen geleistet werden (in der Flüchtlings- und Bildungspolitik, über die Entwicklungszusammenarbeit, über Demokratietrainig, Wirtschaftshilfe etc.)? Welche Veränderungen braucht es hierfür in der Schweiz? Welche Veränderungen auf internationaler Ebene?
  3. Sind Frauen tatsächlich friedfertiger als Männer? Würde es genügen, dass Frauen an den Schalthebeln der Macht sässen, damit künftige Kriege verhindert werden könnten? Gibt es ein umsetzbares und nachhaltiges Friedenskonzept, das die ethnizistischen-nationalistischen Ideologien sowie die Instrumentalisierung der Religion und der „Kultur“ in deren Dienst zurückbinden könnte und wirkungslos werden liesse? Welche Art von Kultur setzt dies voraus? Wer kann dazu einen wirksamen Beitrag leisten? – die Universität (Philosophie, Rechtswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie etc.), die Intellektuellen? – wenn ja, inwiefern? Was braucht es, damit „Fortschritt“ nicht länger konnotiert ist mit neuer Gewalt und neuen Menschheitstrümmern?
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