Braucht es auch heute noch ein Schutzhaus für Frauen? – Beitrag zu 20 Jahre Berner Frauenhaus

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Braucht es auch heute noch ein Schutzhaus für Frauen?

Beitrag zu 20 Jahre Berner Frauenhaus

 

 

Die zwanzig Jahre, auf welche das Berner Frauenhaus zurückblickt, können mit gutem Recht als das letzte Zehntel einer zweihundertjährigen Geschichte verstanden werden, in welcher die Frauen um ihre politischen Rechte, um ihre Persönlichkeitsrechte, um ihren Schutz vor Armut wie vor männlicher Gewalt und Willkür kämpfen, einer Geschichte des ununterbrochenen Kampfs um die gleiche Menschenwürde der Frauen und der Kinder. Ein paar Aspekte dieses Kampfes, der im Umfeld der Französischen Revolution von 1789 begann, sollen hier in Erinnerung gerufen werden, um die Unerträglichkeit der heute noch von Gewalt und Abhängigkeit gezeichneten Lebenssituation von Frauen und Kindern zu verdeutlichen.

Unter den Frauen, die schon vor zweihundert Jahren öffentlich gegen das Unrecht der vielfachen Diskriminierungen und Demütigungen ihres Geschlechts aufbegehrten, kannten viele dieses Los selber. Olympe de Gouges etwa, deren Geburtsschein auf Marie Gouze lautete, war im Süden Frankreichs in armseligen Verhältnissen aufgewachsen. Sie konnte  kaum ihren eigenen Namen fehlerfrei schreiben, als sie mit siebzehn Jahren nicht nur Mutter eines Sohnes, sondern auch schon Witwe war und beschloss, sich nicht mehr zu verheiraten, für sich selber einzustehen, nach Paris zu ziehen und sich eine Stimme zu geben. Je mehr sie sah und erlebte, desto stärker wuchs ihre Empörung über das vielfache Unrecht, und als sie 1780, mit 32 Jahren, zu publizieren begann, brannte ihr das Unrecht buchstäblich unter den Fingern: die Sklaverei, die Rechtlosigkeit der Frauen, die Schuldenhaft, die unbeschreiblichen Zustände in den Armenspitälern, Gebäranstalten und Waisenhäusern, das Elend und der Schmutz in den überbevölkerten Faubourgs, in allem der Skandal der menschlichen Entwürdigung durch Gewalt und Arroganz. Sie schrieb oder diktierte an die dreissig Theaterstücke, dazu ungezählte Streitschriften, Manifeste, öffentliche Briefe, Anklagen und Plädoyers, ohne sich durch Feindseligkeiten und Verfolgungen der durch sie angegriffenen Mächtigen, insbesondere Robespierres, einschüchtern zu lassen. Robespierre liess sie verhaften und gefangensetzen und veranlasste, dass sie schliesslich, am 3. November 1793, auf dem Schafott enthauptet wurde.

Olympe de Gouges war in ihrem Kampf nicht allein. Allein in den vier Jahren zwischen der Revolution von 1789 und ihrer Hinrichtung erschienen über hundert Druckschriften zur Frage der Frauenrechte, unter denen Olympes „Erklärung der Rechte der Frauen und Bürgerinnen“ von 1791 ohne Zweifel das bedeutendste Manifest ist, einerseits durch die Klarheit der Forderung gleicher ziviler und politischer Rechte für Männer und Frauen, andererseits durch die im Nachwort vorgenommene Analyse der Gründe für die Verachtung und Unterdrückung der Frauen, für deren Armut sowie für deren Abhängigkeit von Ehe- und anderen Männern. Sie kam darin zum Schluss, dass die politischen Grundrechte noch kein Leben in Würde garantieren, wenn nicht gleichzeitig die wichtigsten Persönlichkeitsrechte anerkannt und respektiert werden. Sie verlangte Ehe- und Konkubinatsverträge, in welchen die gleichen Bedingungen für die Frauen wie für die Männer festgehalten werden, Rechtsschutz für unverheiratete Mütter bei der Vaterschaftsermittlung, Rechtsanspruch von Frauen und Kindern auf die Zahlung von Alimenten, das Recht unehelicher Kinder auf die väterliche Erbschaftsfolge und vieles mehr.

In ihren Fussstapfen ging die 1803 geboren Flora Tristan weiter. Nach einer Kindheit und Jugend in grosser Armut heiratete sie mit achtzehn Jahren ihren Lehrmeister im Kupferstechen, der sich jedoch nicht nur zunehmend verschuldete, sondern auch immer gewalttätiger wurde, so dass sie sich von ihm nach vier Jahren trennte. Ihre drei Kinder vertraute sie der Obhut ihrer Mutter an, arbeitete als Hausangestellte, machte Reisen nach England und nach Peru, dem Herkunftsland ihres früh verstorbenen Vaters, verglich die Lebensbedingungen der Frauen und der Lohnabhängigen, doch kehrte sie wegen schwerer Depressionen wieder nach Frankreich zurück. In einer 1835 veröffentlichten Schrift stellte sie die Forderung auf, dass mit Hilfe des Staates Häuser für Frauen, die unterwegs sind, vor allem für fremde Frauen, gebaut würden, damit diese nicht belästigt würden, wie dies in den allgemeinen Herbergen der Fall sei. Sie trat in Kontakt mit Charles Fourier und anderen Frühsozialisten. Gleichzeitig wurde sie ständig von ihrem Ehemann verfolgt, wurde von ihm tätlich angegriffen und musste schliesslich erleben, dass dieser ihre damals zehnjährige Tochter entführte. Sie reiste ihm durch ganz Frankreich nach und holte sie wieder zurück, doch zwei Jahre später entführte er sie erneut und versuchte, sie zu vergewaltigen, worauf Flora Tristan ihn anklagte und vor Gericht brachte. Er wurde zur Galeere verurteilt, verletzte sie aber vorher noch mit einem Pistolenschuss unterhalb der Brust.

Flora Tristan kämpfte unentwegt weiter, nicht nur für sich und ihre Kinder, sondern für alle Frauen, die unter vergleichbaren Bedingungen der Armut und der Gewalt litten. „Der am meisten unterdrückte Mann kann noch ein anderes Wesen unterdrücken: seine Frau. Sie ist die Proletarierin ihres eigenen Proletariats“, schrieb sie  in ihrem grossen politischen Werk „Arbeiterunion“. Sie erkannte, dass es eine gemeinsame Ursache für die Brutalität den Frauen gegenüber und für die Ausbeutung der Arbeiter gibt, und dass dem Elend nur abzuhelfen ist, wenn der Menschenausbeutung und Menschenverachtung, die durch das kapitalistische System geschaffen und durch den kruden, ausschliesslichen Zweck  der Mehrwertsteigerung legitimiert wird, eine verbindliche Solidarität der Menschen untereinander – der Frauen im gleichen Mass wie der Männer – entgegengestellt werden kann. Dies war die Vision, die Flora Tristan mit der „Arbeiterunion“ verband, für welche sie unentwegt herumreiste und zu überzeugen versuchte. Sie erschöpfte sich dabei, litt zunehmend auch an den Folgen der durch den Ehemann zugefügten Schussverletzung und starb im Alter von fünfundvierzig Jahren in Bodeaux im Jahre 1848.

Auch Flora Tristan kämpfte zu ihrer Zeit nicht allein. Im Lauf der revolutionären Ereignisse von 1832, nach dem Sturz des Königs Charles X., formulierten zum Beispiel Arbeiterinnen aus den Pariser Manufakturen einen „Aufruf an die Frauen“, in welchem sie sich fragten, ob sie angesichts der „grossen Bewegung für die soziale Emanzipation passiv“ bleiben sollten. „Ist denn unser Los so glücklich, dass wir nicht auch etwas zu fordern hätten? Bis jetzt wurden die Frauen ausgebeutet und tyrannisiert. Diese Tyrannei und Ausbeutung müssen aufhören. Wir werden frei geboren wie der Mann, und die eine Hälfte der Menschheit kann nur  durch das Unrecht der anderen untergeordnet werden. Besinnen wir uns auf unsere Rechte, erkennen wir unsere Stärke (…). Lehnen wir jeden Mann als Ehemann ab, der nicht so grosszügig ist, freiwillig seine Macht zu teilen. Wir wollen nicht länger die Regel annehmen: Frau, sei deinem Mann untertan!“

Dieser Aufruf wurde in einer Zeitschrift veröffentlicht, die im gleichen Jahr von Frauen gegründet und von Frauen redigiert wurde, und die unter verschiedenen Namen – „La Femme libre“ oder „Tribune des Femmes“ etc. – bis 1834 erschien, in Auflehnung gegen ein Gesetz, das Frauen untersagte, ohne männliche Einwilligung Zeitschriften zu publizieren. Das Ziel der Veröffentlichungen war, über Schicht- und Standesunterschiede hinweg eine grosse Koalition aller Frauen zu erreichen, um die Gesellschaft im „privaten“ wie im „öffentlichen“ Bereich zu reorganisieren.

Noch jahrzehntelang kämpften die Frauen weiter für diese „Reorganisation“, jede Generation wieder von neuem, und noch heute können sie sich nicht zur Ruhe setzen. Weder der Missbrauch von Kindern noch die Herabsetzungen und Demütigungen von Frauen sind geringer geworden. Das Berner Frauenhaus ist weiterhin nötig. Wie Olympe de Gouges vorhersah, genügt es nicht, dass die politischen Grundrechte der Frauen innerhalb eines nationalen Systems anerkannt sind. Selbst die ausländischen Frauen, die in der Schweiz noch häufiger als einheimische Frauen Opfer von  männlicher Gewalt werden, haben in ihrem Herkunftsland das Wahl- und Stimmrecht, und die Tatsache, dass sie in der Schweiz in politischer Hinsicht in der Regel diskriminiert sind, genügt nicht, um das Ausmass von versteckter und offener Gewalt zu erklären, der viele von  ihnen ausgesetzt sind.

Jede Gewalt, die angetan wird, muss auf ihre Ursachen hin und damit auf die lange Geschichte vorangegangener Demütigungen und vorangegangenen Leidens an Gewalt befragt werden. Es gibt keine Unausweichlichkeit in der Geschichte, keinen unbedingten Zwang zur Wiederholung. Die individuellen wie die familiären wie die grösseren kollektiven Geschichten sind veränderbar. Sie können jedoch nur dann eine Veränderung finden und sich nicht weiter wiederholen, wenn die Geschichten mit Bedacht und Umsicht aufgearbeitet werden. Dazu bedarf es in persönlicher Hinsicht einer Bereitschaft zu verstehen, die häufig erst unter dem Druck des Leidens erwächst. Hierin liegt die therapeutische Chance für Opfer wie für Täter. Und in sozialer und kultureller Hinsicht bedarf es Bedingungen der Sorgfalt, damit eine „Heilung“ kranker Verhältnisse auf nachhaltige Weise möglich wird (nicht von ungefähr haben „Therapie“ und „Kultur“ etymologisch die gleiche Bedeutung).

Das Zusammenleben der Geschlechter und der Generationen kann allerdings nur dann angstfreier und gerechter werden, wenn Gewalt in keinem System mehr, auch nicht in jenem der Wirtschaft, zum „courant normal“ gehört oder gar verherrlicht wird. Menschen dürfen nicht austauschbar gemacht werden wie Ersatzteile einer Maschine, sie dürfen –  ob aus Gründen der Profitsteigerung, ob aus versicherungstechnischen Gründen oder ob aus orgend welchen anderen – weder für unnütz noch für überflüssig erklärt werden. Wenn Ethik überhaupt noch verbindliche Massstäbe setzen kann, muss diese Maxime allen anderen übergeordnet werden. Insofern ist Flora Tristans Einsicht über die gemeinsame Ursache der Brutalität gegen Frauen und der demütigenden Verunsicherung von Lohnabhängigen auch heute noch – oder gerade heute –  ernst zu nehmen. Ebenso scheint mir ihre Vision eines gemeinsamen Widerstandes von Frauen und Männern gegen die Unerträglichkeit systematischer Menschenverachtung und Menschenausbeutung nicht keineswegs unrealistisch. Der Leidensdruck ist, im Vergleich zu den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts, nicht nur gewachsen, sondern auch bewusster geworden. Zu hoffen ist, dass aus diesem gemeinsamen Widerstand heraus eines Tages das Berner Frauenhaus nicht mehr nötig sein wird.

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