Kindheitsbilder – Kindheit – dunkler Erdteil – Kindheit als Quelle kreativer Kraft – Kindheit – Wege des Fragens und Lernens: die Bedeutung der Schule

Kindheitsbilder

Kindheit – dunkler Erdteil

Kindheit als Quelle kreativer Kraft

Kindheit – Wege des Fragens und Lernens: die Bedeutung der Schule

Retraite in St. Moritz der Fachhochschule Aargau, Kantonales Seminar Brugg, am 10. 5. 2002

„Mischung

dieser Mutter

dieses Vaters

unterm geschlossenen Augenlid

aus Stern“[2]

 

Kindheit – dunkler Erdteil

Wie finde ich meine Wiege wieder? Einen weiten Weg müssen wir bereit sein zu gehen, tastend zurück in die Vorzeit der Sprache, in die Vorzeit des Wissens. Wo lag die Wiege? Was bedeutete sie?

Die Wiege lag im verschlossenen Raum des Mutterbauchs, in deren Wärme, im Summen der warmen Blutkanäle, in deren pulsierendem Plätschern und Sausen, im Zeitrhythmus des pochenden Herzens der Mutter, pausenlos geschaukelt vom Atem der Mutter, genährt mit der Wärme der Liebe, angeheizt manchmal schier bis zum Verbrennen von glühender Lust am Rand der Wiege, in anderen Fächern, vielleicht bei Vaters Intrusion, oder fast erstickend, fast verhungernd, wenn mit Unbeachten getragen, oder von atemerstickender Angst eingeengt und sich selber überlassen, von klemmender Not und Erschöpfung im Dunkel gefangen, so oder so im ständigen Wiegen der Mutter getragen, im  stärkenden oder beklemmenden Gespräch mit der Sprache ihrer Seele, dann, als zu klein die Wiege wurde, freigelassen, losgestossen aus Atem- und Blutsymbiose ins vielfach hilfebedürftige, geheimnisvoll unbekannte, nicht wählbar gestaltete, kostbar besondere, eigene Ichleben in der eigenen Haut, die nun verletzbarer Halt ist, dieses feine eigene Haus, aus der Genesis geschaffen (sowohl im Sinn von „gennan“ / erzeugen, hervorbringen und „gignesthai“ / entstehen, geboren werden), diese feine Umgrenzung des Ich nach Aussen, wie vor der Geburt im Innern der Wiege, unverwechselbar besonders, einzigartig, das feine Geflecht der sinnlichen Wahrnehmung über dem – nun – eigenen pulsierenden Herzen und dem Ateminstrument der Lungen, mit dem Zeichen des eigenen Geschlechts, das dem Ausstossen des Verdauten wie der sinnlichen Hungerstillung dienen wird, mit den sich öffnenden Fenstern und Türen der Sinne – Augen, Nase, Mund und Ohren -, mit deren je eigenen, langsam erwachenden Fähigkeit der Vermittlung von Hunger, von Freude und von Angst, dieser präzisen Übersetzung der Empfindungen der Seele und der cerebralen Funktionen in den dialogischen Kontakt über den Blick, die Bewegung der Hände und allmählich, zusätzlich zur spürbaren, in die hörbare Sprache, mit dem wunderbaren Tonregister, das über Bronchie und Mund den Dialog mit der Mutter fortsetzt, nicht mehr in ihrem Inneren, sondern nun aus dem von ihr getrennten, aber noch tief verbundenen eigenen Haus, der Körper heisst, allmählich dann Austausch mit anderen Menschen auf unterschiedliche Weise, mit dem Vater, mit weiteren Gesichtern und Gestalten, die allmählich nebeneinander oder gegen einander das Kind umringen – all dies auf unverwechselbare, eigene, persönliche Weise, die das Kind als Individuum kennzeichnen („individuum“ / das Unteilbare, Ungeteilte, aus der Negativform von „dividere“ / teilen), jedoch verwandt mit Völkern von Ahnen auf Mutter- und Vaterseite – vierhundertvierzigtausend – bis zurück zum Anfang des Menschseins zu Beginn der zählbaren Zeit.

So ist die erste, eigentliche Wiege im geschenkten, nicht wählbaren, zwar genetisch und anthropologisch erklärbaren, zugleich aber geheimnisvollen innersten Teil des In.-der-Welt-Seins zu finden; sie ist die innere Entwicklungsgeschichte und die innere Zeit des Ich, dann die sich fortsetzende zweite Entwicklungsgeschichte, die beginnt, wenn die nach den äusseren Zeitmassstäben berechnete Zeit mit dem eigenen Atem eine Sekunde zählt, dann einen Tag, der einen Namen trägt – Geburtstag -, auf den die Kindheitsjahre folgen, Geburtstag Jahr für Jahr – die lange Geschichte im persönlichen Hauthaus, die zur Lern-, Beziehungs- und Handlungsaufgabe wird, als Teil der zuerst zählbaren und nah bekannten anderen Menschen, dann der unzählbar vielen, die je eine eigene Geschichte haben.

„Einmal verschlossen

in der Geburtenbüchse der Verheissungen

seit Adam

die Frage schläft zugedeckt

mit unserem Blut“[3].

 

Die Kindheit ist der dunkle Erdteil der Kolonisation. Die Kolonisation setzt mit der Namengebung ein. Die Namengebung ist die erste Besetzung des Kindes durch die Eltern. Diese Besetzung erfolgt durch eine mächtige Projektion von Bildern und Geschichten – seien dies die vorbildhaften gelebten Geschichten verstorbener Angehöriger oder irgendwelcher Helden und Heldinnen, toter, vielleicht auch noch lebender; seien dies die heimlichen nicht gelebten Geschichten der Mutter oder des Vaters, die Traumgeschichten und Wunschgeschichten, die sich um ein Bild, resp. um einen Namen ranken oder die, auf einen Namen eingefärbt, auf das Kind geheftet werden wie eine definitive, nicht austauschbare, nicht abwaschbare Farbe, lange bevor das Kind beginnen kann, seine eigenen Geschichten zu wagen. Der Name entspricht dem Bild, das die Eltern aus sich schaffen, aus dem ihnen gemässen Mass und Format, ein statisches, ein fixiertes Bild, das sie dem Kind als Vorgabe für sein Verhalten in der Welt auferlegen, je nach dem, ein Bild des unauffälligen, blassen und angepassten Verhaltens oder aber des ungewöhnlichen, auffälligen, vielleicht sogar des exotischen. Dieses Bild richtet sich in erster Linie nach geschlechtsspezifischen und rollenspezifischen Eigenschaften, welche Vater oder Mutter für sich selbst oder für den Partner, resp. die Partnerin beanspruchen, oder welche sie vermissen und in einer kompensatorischen Projektion mit dem Namen dem Kind überziehen wie ein viel zu grosses Kleid. Bei Hannah Arendt wird Gebürtlichkeit der Freiheit gleichgesetzt, doch ausserhalb des existenzphilosophischen Modells, in welchem das Verhängnis der Sterblichkeit einer dialektischen Gegensetzung bedarf, eben jener der Freiheit, gibt es für das Kind zuerst vor allem die von den Eltern definierte, durch sie geschaffene Konditionalität, in welche es hineingeboren wird und in welche es hineinwächst. Aber indem das Kind in das kulturell und biographisch elternmassgeschneiderte Kleid hineingestellt wird, in das durch die persönlichen Wünsche der Eltern und durch gesellschaftliche Normen enggeheftete Identitätskorsett, ergibt sich die erste und die vorweg wichtigste Anforderung an die Freiheit: aus der gebürtlichen Potentialität in die Aktualisierung zu treten und dieses Korsett zu sprengen. Doch davon später.

In Fortsetzung der Namengebung des Kindes erfolgt durch die Eltern die Namengebung der Welt. Existenz ist immer zugleich Welthaftigkeit. Beide sind Gegenstand kulturell definierter, über Generationen konstruierter Beherrschungsstrategien. Das Kind selbst bietet Laute, Namen an für die Gesichter, die sich ihm zuwenden und für die Dinge, die es erblickt, die es ertastet oder kostet und hört, Laute und Namen in allen Sprachen der Welt, welche die Eltern zwar zur Kenntnis nehmen, sogar mit Entzücken, aber verwerfen und durch andere, “richtige” ersetzen, durch Namen, mit denen sie die Gesichter benennen und die Dinge bezeichnen. Die Gesichter neigen sich nicht zu und die Dinge bleiben unerreichbar, wenn sie nicht mit den richtigen Namen bezeichnet werden. Mit den Namen wird die Bedeutung der Dinge definiert. Daher kann selbst die Sprachvermittlung als eine Herrschaftsstrategie verstanden werden, nicht nur als “Sprachspiel” im Wittgenstein’schen Sinn. Augustinus hält in den “Confessiones” (I/8) fest: “Nannten die Erwachsenen irgend eine Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, dass der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, das sie auf ihn hinweisen wollten. (…) So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichnen (…) Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck”. Fügt man sich der Namengebung nicht, bleiben die Wünsche unerfüllt. Als ich sechs Jahre alt war und infolge eines schweren Unfalls einen ganzen Sommer im Krankenhaus verbringen musste, wünschte ich mir sehr, Früchte zu essen, die ich einmal gesehen, aber nie gekostet hatte, Früchte mit süssem Duft, mit pelziger Haut und roten Wangen. Ich nahm an, sie hiessen Aprikosen, da ich diesen Namen in Verbindung mit köstlichen Früchten gehört hatte, die ich wiederum auch nicht kannte. Die Erwachsenen brachten mir Aprikosen, in der Meinung, damit meinen Wunsch zu erfüllen, doch es waren nicht die Früchte, die ich zu essen wünschte. Den Namen “Pfirsich” kannte ich nicht, so dass mir den ganzen Sommer über und noch länger dieser Genuss verwehrt blieb.

Mit der Namengebung setzt die Kolonisierung der Existenz und Welthaftigkeit des Kindes ein, und gleichzeitig nimmt die Kontrolle seiner Bedürfnisse ihren Anfang. Die tatsächliche Stillung und Erfüllung der Bedürfnisse, aber auch deren verweigerte oder prekäre Erfüllung geschieht nie anders als in Verhältnissen der Abhängigkeit. Abhängigkeit aber bedeutet Unterwerfung und Unfreiheit, ein Verhältnis, dem das Kind zustimmen muss, um nicht Hungers zu sterben. Zu den dringendsten materiellen Bedürfnissen gehört jenes nach Nahrung wie jenes andere nach Entledigung von der Nahrung, nach Defäkation. Die Kontrolle sowohl der Nahrungseinnahme wie der Ausscheidungen schafft grosse Macht, und noch viel mehr Macht schafft die Koppelung der Erfüllung der materiellen Bedürfnisse mit der – genügenden oder der ungenügenden – Erfüllung des Bedürfnisses nach Anerkennung und nach Liebe.

Die Erfüllung dieser wichtigsten immateriellen Bedürfnisse wird mit einem komplizierten konditionalen System verknüpft, in welchem Beschämung und die Erzeugung von Scham beim Kind über sein ungenügendes Verhalten – ungenügend in Hinblick auf die namen- und vorbildverknüpfte normative Erwartung der Eltern –  eine wichtige Rolle spielen. Beschämung und Scham sind interne Konstrukte der Erniedrigung, die auf der Seite der Eltern wiederum wettgemacht werden durch unerreichbare Grösse sowie durch Güte, leider jedoch durch ein konditionales Zugeständnis von Güte. Für viele Kinder wird klar, dass das So- und-nicht-anders-sein-Sollen, aus welchem das Identitätskorsett geschaffen ist, nie erfüllbar ist, dass sie immer in der Schuld bleiben werden. So zeigen sich als Möglichkeiten des Verhaltens vor allem zwei: Anpassung, d.h. eine Art der demütigen Unterwerfung unter die nicht erfüllbare Norm, oder Auflehnung und Eigendefinition der Norm. Dieser Weg geht über Kindheit und Pubertät auch in der heutigen Zeit häufig nach Wiederholungsgesetzen weiter, die Leiden bedeuten, geprägt durch das Geschlecht, durch schwierige, nicht korrigierte Familiengeschichten, durch den Platz in der Geschwisterreihe, durch Bedingungen der äusseren Zeit – wirtschaftliche, gesellschaftspolitische, von religiösen Ideologien geprägte und viele weitere mehr -, schliesslich durch körperliche Krankheiten, durch Erschöpfung des Mutes oder durch emotionale Aushungerung, mit Folgen in der Beziehung zum eigenen Ich wie in der Beziehung zu jedem anderen Menschen. Geschichten der Verzweiflung, grosser Leere oder Last, manchmal skrupelloser Härte, erstaunlicherweise auch heilender Aufarbeitung, Vernarbung und spürbarer, neu erwachender Liebe zum Leben. Ist dies möglich ohne Erkennen der Ursachen des Leidens? – und ist es möglich ohne die grosse psychische Gabe mit dem Namen „Verzeihen“?                                                     „Allen die nur bis zur Grenze glauben

wo Gestirne noch die Uhren stellen

schenkt er die Sekunde, die sein Augen-Blick

für das Unsichtbare vorbereitet –

im Geburtenbett der Tränen aufgefangen hat“[4]

Einige knappe Beispiele mögen erläutern: Eine Kinderstimme am Telephon in der Praxis, Knabenstimme: „Meine Mutter ist krank. Sie ist gefallen vor Angst, heute im Park, mit dem kleinen Bruder. Eine Frau gab im Park Ihre Nummer. Wer sind Sie? Wann kann die Mutter kommen? Heute Abend? Nicht ich komme mit, der grössere Bruder. Wo können er und die Mutter Sie finden? Bitte sagen Sie mir, ich schreibe auf, langsam bitte, Buchstaben bitte.“ Der „grössere Bruder“ war auch ein Kind, zählte zwölf Jahre, die Augen überweit geöffnet, kein Lächeln, nichts kindhaft Leichtes, die Stimme klar, doch dunkel-schwer. Die Mutter mit bitterem, dumpfen Gesicht, auch sie kein Lächeln, kaum grösser, aber zehnmal schwerer, schwer und verloren neben dem Knaben, der ihre Seele trägt wie einen Berg.

Wie er im Sessel sitzt, getrennt von der Mutter, doch untrennbar als Sohn, der ihr als Übersetzer dient, wird langsam die Stimmer erstickt vor Weinen. Er schluchzt und weint wie ein Kind, das – vielleicht – erstmals weint. Und die Mutter? Sie blickt ihn an, sie selber hilflos klein und herrscherisch alt, vielleicht zum erstenmal bewusst der Grenze zwischen ihr und ihrem Kind. Er kann nun weinen, was ihr selber nie zustand. Mehrmals während des Gesprächs hat sie betont, dass das schwere Hautleiden, das sie plagt, unmittelbar nach der Geburt des ersten Sohnes begonnen hat, dass damals die Armut noch schwerer wurde, nachdem ersten Knaben noch zwei weitere Kinder plus Ehemann und sie, eingepfercht in einem Zimmer im kleinen Haus der Schwiegereltern, in welchem auch zwei Brüder ihres Mannes mit Frau und Kindern in je einem Zimmer lebten, ohne Einkommen, kaum zu essen, gleichzeitig die stete Präsenz der serbischen Polizei mit Schlagstöcken und Geldforderungen. Der Ausschaffungstermin nun ist die Angst, die den Sohn und die Mutter besetzt. Wie leben, wo kein Leben möglich ist?

Die Frage stellt sich immer wieder neu. Was braucht es, damit das „geschenkte“ Leben, das in der Mutterwiege sich zum persönlichen Leben entwickeln konnte, lebbar wird und lebbar ist? Wie viel Infragestellung des Lebenswertes – des Wertes menschlichen Lebens generell, damit des Ich-Wertes – kann ertragen werden? Was bewirken früheste Erfahrungen dessen, was „Beziehung“ heisst? – mit der Mutter, dem Vater, mit Grossmutter, Ersatzmutter usw.? Wie können spätere Erfahrungen ertragen und verarbeitet werden?- wie Verlust, Ersatz? Was heisst „Ersatz“? Bleibt das Ich intakt? – oder sind Verlust- und Ersatzerfahrungen gar nicht heilbar, höchstens erkennbar und dann – eventuell – akzeptierbar wie auch –eventuell – korrigierbar?

Sarah Kofman als Beispiel. Ihre autobiographischen Notizen[5] mit den Fragen nach den überlebensbedingten Fluchtwegen ihres Ich und der damit verknüpften Emotionen vermochte sie erst nach langen Jahren der intellektuellen Flucht in theoretisch-philosophische und zeitanalytische Denkübungen, dann in die mitfühlende Aufarbeitung des Berichts von Robert Antelme[6] über die Erfahrungen der durchgestandenen nationalsozialistischen Lager[7], sowie nach einer sich über zehn Jahre erstreckenden Psychoanalyse zu formulieren. Die Notizen, welche Lebensgeschichte bedeuten, sind knapp, präzise, aufwühlend. Sie war acht Jahre alt – zu diesem Zeitpunkt, 1942, beginnen sie -, als der Vater, Rabbiner Bereck Kofman, geb. in Sobin, Polen, in Paris von der französischen Polizei gefangengenommen, den Nazis übergeben und über Drancy nach Auschwitz abtransportiert wurde, als ihre Mutter, sie und ihre fünf Geschwister auf kaum zählbaren Fluchtwegen hin- und hergeschoben, von einander getrennt, untergetaucht, versteckt, mit anderen Namen versehen, knapp überleben konnten, sie mit der Mutter bei einer Art Ersatzmutter, wodurch sich eine aufwühlende und verstörende Spaltung der Mutter-Beziehung wie der Ich-Beziehung ergab, die sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzte. Erinnerungen an den streng religiösen, aber emotional reichen und gesicherten Ablauf des Jahres mit den Rollen von Vater und Mutter noch vor der Besetzung Frankreichs durch Hitler, dann an den traumatisierenden Abbruch der festen Zugehörigkeit zu einer sicheren Herkunft, an alles, was nur noch Verunsicherung, Fremdheit, Hunger nach Zugehörigkeit, Spaltung bedeutete.

Die beiden Bücher – „Paroles suffoquées“ und Rue Ordener, Rue Labat – schrieb Sarah Kofman mit dem ausgesprochenen Bedürfnis, Wissen zu vermitteln, dank dessen Wiederholung verhindert werden könnte. Gerade dies aber geschah nicht. Kinder und junge Menschen, welche irgendwie die Kriege in ex-Jugoslwaien und Kosovo, die Verfolgung und ethnizistisch und rassistisch begründete Gewalt in Kurdistan und in afrikanischen Ländern, in Afghanistan und hier in der Schweiz überleben konnten, weisen vergeichbare, wenngleich je individuelle psychische Verletzungen und Spaltungen, Leiden bis zur extremen Zuspitzung, wie Sarah Kofman sie schildert, auf.

Ein Beispiel: Der heute elfjährige Alen ist der Sohn heimatloser Eltern. Der Vater war von 1992 bis Februar 1996 in serbischen Gefängnissen und Konzentrationslagern grausamer Folter ausgesetzt. Die Mutter, aus einer Roma-Familie, vom zwölften Altersjahr an ohne Vater, geplagt und herabgesetzt, ohne Schulbildung, aber von grosser Intelligenz. Als Asylsuchende in der Schweiz, schlaflos vor Angst wegen Negativentscheiden. Alen blickte mich mit einer Brille über den von Traurigkeit besetzten Augen gross an. Er übergab mir eine Zeichnung, die er im Warteraum der Praxis gemacht hatte, und begann sofort, diese zu erklären: ein von Geschossen durchlöchertes Haus, das keine Türe hat und von dem aus ein Weg ins Leere geht, mit einem schwer bewaffneten Cetnik an der Seite, der aus einem grossen Gewehr schiesst, ferner ein Apfelbaum mit breitem Stamm. Alles, was Alen viel wert war, was Sicherheit bedeutete, zeichnet er nicht mit einem Bild, sondern erwähnt es mit Namen, die mit kleinen Vierecken umrandet sind. Alles wurde getötet:

„Boby, mein Hund;

meine Hasen, 4;

mein Sandkasten,

Hühner und Kücken und Hahn, 120;

meine 150 Vögel; Tauben meine;

meine Rinder, 250“ – eine ganze Welt, die getötet wurde, von welcher es nur noch Erwähnung gibt, d.h. Bezeichnung und Anzahl. Senkrecht stehen neben dem Apfelbaum und dem durchlöcherten Haus zwei Sätze, die Wünsche enthalten: neben dem Baum „ich habe mir ein Terrier gewünscht“, und neben dem Haus „und ich habe mir noch ein Land gewünscht, ein Pitt-Bull…“.

Keine Welt besteht mehr für Alen, diesen elfjährigen Knaben, der in seiner Ernsthaftigkeit älter wirkt und zugleich kleinkindlich-hilfesuchend. „Alles wurde getötet“, sagte er, „mit Gewehren, mit Bomben. Ich weiss noch so gut, mein kleiner Hund Bobi, von Soldaten erschossen“.

Immer gab es nur die Mutter. Sie trug ihn, sie schützte ihn. Noch heute schreckt Alen Nacht für Nacht infolge von Albträumen auf und flieht zu ihr, zitternd, besetzt von Angst. Aber die Mutter selber ist angstbesetzt. Vom Vater war er zu früh getrennt worden, um ihn wieder zu kennen, als er psychisch und körperlich krank zu ihm und zu seiner Mutter nach Deutschland gelangte, so krank, von nicht kontrollierbarer Wut besetzt, so dass er auch seinetwegen Angst empfindet.

„Überall die Erde

baut an ihren Heimwehkolonien“[8]

Die Frage stellt sich, ob tatsächlich am einzelnen Menschen in Kindheit und Jugend geübt und durchexerziert werden muss, was ganzen Völkern und Nationen, ganzen Kontinenten von ihren „Vater- und Mutterländern“ angetan wurde, zum Teil heute noch angetan wird – was diese oft lange erduldet haben, doch dann zu sprengen oder zu korrigieren versuchen: Kolonisation? Sind Leiden und Gewalt als Bedingung der Zugehörigkeit zu einer grösseren Welt tatsächlich erfordert? Ist das Nicht-Wählbare unüberwindlich oder kann es korrigiert werden? Wessen bedarf es? Liegt hierin die Bedeutung der kreativen Fähigkeit des Menschen, der von Hannah Arendt zutiefst erkannten, geheimnisvollen Befähigung zur Freiheit, die sie „Gebürtlichkeit“ nennt? – nicht Aufgabe, nicht Pflicht, sondern Befähigung zur Korrektur der Sterblichkeit.

 

Kindheit – Quelle kreativer Kraft

Ohne Zweifel gibt es Kindheitsgeschichten, die vergleichbar sind der sprudelnden Quelle, deren Kraft aus dem tiefen Wasserfundus des Erdinnern schöpft, auf spürbare Weise, auch auf den steilen oder flachen Wegen, die voller Beschwerden, Löcher oder Hindernisse sind, die aber zurückgelegt werden können mit Neugier und wacher Bewegung, mit Ruhepausen und mit stärkenden oder stützenden Hilfen. Was die Liebe der Eltern oder nächster Vertrauter im Sinn von Sorgfalt, Rücksicht und Verantwortung ist – d.h. im Sinn einer zeitüberdauernden Ethik – mag dieser guten Begleitung entsprechen.

Hannah Arendts Kindheitsgeschichte mag als Beispiel dienen. Es ist die Geschichte eines Einzelkindes, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, geprägt einerseits durch die tragische, in Demenz sich zuspitzende Erkrankung des Vaters Paul Arendt und durch seinen Tod im Oktober 1913, als sie sieben Jahre zählte, nur wenige Monate nach dem Tod des Grossvaters und geliebten Spielgefährten, Max Arendt, jedoch auch geprägt durch die psychisch starke, sehr sorgfältige, zugleich mutige und warmherzige Mutter Martha Arendt-Cohn, die während Jahren in einem Tagebuch die Entwicklung ihrer Tochter aus genaueste festhielt[9], verwirrt durch deren Verdrängung der Trauer[10], die sie selber zutiefst empfand – vom verlorenen Beziehungswert her und nicht vom Sicherheitsstatus als verwitwete Frau, die durch den grossen familiären Rückhalt in Königsberg finanziell sorgenfrei war -, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914, als sie mit dem Kind Königsberg überstürzt verlassen und nach Berlin zu ihrer jüngeren Schwester Margarete Fürst und deren drei Kindern fliehen musste, da die russischen Armeen sich der Stadt näherten und es zur grausamen Schlacht von Tannenberg kam. Als sie zehn Wochen später wieder nach Königsberg zurückkehrten, waren sie nicht mehr wegen militärischer Bedrohung in Not, aber das Leben wurde zunehmend komplizierter. Hannah war oft wochenlang krank, wurde immer empfindlicher, gleichzeitig begannen antisemitische Plagereien den aus Russland nach Königsberg geflohenen Armen gegenüber sich zu verstärken.

Martha Arendt, die eine grosse Verehrerin Rosa Luxemburgs war, lehrte ihre Tochter, auf den beginnenden Nationalsozialismus angstfrei zu reagieren und aufzubegehren. Sie solle nie ein Unrecht schlucken; jedesmal, wenn in der Schule einer der Lehrer eines der armen Kinder wegen seiner Herkunft herabsetze, solle sie die Schule verlassen und ihr diese Tatsache genau schildern; sie werde sich beim Schulamt in einem Brief darüber beschweren. Sie tat dies, und Hannah wurde mit diesem Beispiel eine fast ängstigend selbstbewusste, gerechtigkeitsbewusste, Macht und Gesetzen gegenüber skeptische junge Frau, die, auch nach der erneuten Heirat ihrer Mutter mit Martin Beerwald im Jahr 1920, ein Jahr nach Kriegsende und nach der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts in Berlin, ihren eigenen Weg fortsetzte. Sie war freundschaftshungrig, von starker Intensität und Verlässlichkeit in jeder Beziehung, von zugleich kritischer und schöpferischer Intelligenz, wie sie dies schon in ihrem ersten Werk, der Dissertation zum Thema des „Liebesbegriffs bei Augustin“ im Jahr 1929 (erschienen im Springer Verlag, Berlin) deutlich werden liess.

Auf ihre durch schmerzliche und leidenschaftliche Liebesgeschichten wie durch eine hohe intuitive Klarheit und Leichtigkeit des Schreibens gekennzeichnete Denkarbeit als Philosophin, auf ihr weites und dichtes, durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg mit der ihr auferlegten Flucht aus Deutschland über Prag, Genf, Paris und Gurs, schliesslich über Portugal nach Amerika geprägtes Erwachsenenleben und auf ihre zahlreichen aufwühlenden Erfahrungen einzugehen, dazu ist hier nicht der Rahmen gegeben. Ich möchte mich beschränken und auf einige Überlegungen hinweisen, die als Folge jener Quelle von stärkender Kraft, welche ihre Kindheit ihr gab, Beachtung verdienen. Es geht um das, was nach ihrer Empfindung das gute Handeln kennzeichnet – nicht gestützt auf Gehorsam im Vollzug von Gesetzen, sondern entsprechend dem eigenen inneren Massstab, der durch Sorgfalt in der kritischen Aufarbeitung von wichtigen „Lehren“ und in der selbstverantwortlichen Beurteilung von Zwecken und Folgen zustandekommt.

Hannah Arendt ist sich des Widerspruchs, der mit der Notwendigkeit von Gesetzen und dem Handeln des einzelnen Menschen verknüpft ist, bewusst, zumal sie auf älteste Quellen der Auseinandersetzung um das rechte Handeln zurückgreifen kann. Denn darum geht es, um das rechte Handeln. Dieses aber stellt sich nicht einfach durch die kritiklose Befolgung der Rechtsordnung ein, sondern durch das – leidenschaftliche – Wagnis des persönlichen Urteils, wenn nötig auch gegen das Gesetz. Beispiel hierfür ist seit der Antike Sokrates. Die sorgfältige Abwägung, worum es beim rechten Handeln geht, resp. woran sich dieses misst, findet sich im “Charmides”. Platon macht darin deutlich, dass bei der Frage, was das rechte Handeln kennzeichne, allein das Verhältnis zwischen Ich und Selbst massgebend ist, allein der Friede mit sich selbst, der sich als Indiz des rechten Handelns einstellt. Hannah Arendt geht im Essay “Ziviler Ungehorsam” von 1970 darauf ein ([11]). Das persönliche Urteilsvermögen, das sie hier mir dem religiösen Begriff des Gewissens thematisiert, “markiert Grenzen, die nicht überschritten werden sollten. Diese mahnen: Tue kein Übel, sonst musst du mit einem Übeltäter zusammenleben”. Allerdings ist für Hannah Arendt das Gesetz – und damit meint sie die Rechtsordnung im allgemeinen, d.h. sowohl die staatliche Verfassung wie die davon abgeleiteten Gesetze – in erster Linie die unverzichtbare Garantie  für den dadurch konstituierten “Raum der Freiheit”, in welchem allein “Welthaftigkeit” im Sinn des politischen Handelns der vielen, die zusammenleben, möglich wird.

Interessanterweise entwickelt sie im Lauf der Jahre zwei sehr verschiedene Auffassungen über den Status des Gesetzes resp. der Rechtsordnung. In der – erstmals 1958 erschienen – “Vita activa” übernimmt sie Platons Auffassung, gemäss welcher die Gesetzgebung selbst nicht zum politischen Handeln gehört, sondern zum Bereich des Herstellens. Die Gesetz (resp. die staatliche Verfassung) sind, gemäss dieser Auffassung, Produkte, die dem Gebrauch dienen und die der Zweck-Mittel-Rationalität unterstehen. Sie sollen das – möglichst geordnete und gerechte – Zusammenleben ermöglichen, sind aber nicht oberster oder sich selbst genügender Zweck. Denn selbst wenn die Gesetzgebung, wie Platon dies vorsieht, von den Weisesten und Besten im Staat geschaffen wird, mag sie doch unvollkommen und mangelhaft sein. Im “Politicos” (294b) stellte der Fremde Sokrates gegenüber fest, dass “das Gesetz nicht imstande ist, das für alle Zuträglichste und Gerechteste zu umfassen und so das wirklich Beste zu befehlen. Denn die Unähnlichkeit der Menschen und der Handlungen, und dass niemals irgend etwas sozusagen Ruhe hält in den menschlichen Dingen, dies gestattet nicht, dass irgend eine Kunst in irgend etwas für alle und zu aller Zeit Einartiges herstelle.” Diese Auffassung vom Gesetz als – unvollkommenes – Produkt, als Mittel zum Zweck, impliziert den  aus Freiheit, d.h. auf Grund des persönlichen Urteils entstehenden Widerstand gegen das Gesetz, ja selbst dessen Nicht-Beachtung oder Übertretung als verständlich, ja als legitim, selbst wenn diejenigen, die so handeln, die Strafe des Gesetzgebers zu befürchten haben (Prometheus; Sokrates). Im Grunde genommen liesse sich mit dieser Auffassung jeder Ungehorsam dem Gesetz gegenüber rechtfertigen, falls er nicht aus Willkür, sondern infolge des sorgfältigen persönlichen Urteils zum Zweck des rechten Handelns – oder, religiös gesprochen, des guten Gewissens – erfolgt.

Gemäss der zweiten Auffassung ist die Gesetzgebung nicht ein Produkt aus dem Bereich des Herstellens, sondern ist politischer Natur, nämlich das vorweg zustandekommende Resultat eines impliziten Gesellschaftsvertrags. Im schon erwähnten Essay “Ziviler Ungehorsam” unterscheidet Hannah Arendt drei Arten “ursprünglicher Übereinkünfte”: das “theokratische Modell”, wie es sich im Bund Israels mit Gott herausbildet; das “vertikale Modell” gemäss Thomas Hobbes’ Vorstellung, in welchem jeder Bürger ein Abkommen mit dem Monarchen, resp. mit der weltlichen Macht trifft, wobei er um den Preis grösstmöglicher Sicherheit auf seine Freiheitsrechte verzichtet; schliesslich das “horizontale Modell”, wie John Locke es entwickelt hat, welches die ursprüngliche Übereinkunft aller Mitglieder der Gesellschaft im Sinn der gegenseitigen Verpflichtung, des “Konsens”, bedeutet, aus dem heraus eine Regierung ernannt wird. Hannah Arendt betont, dass zwar jede Form des Gesellschaftsvertrags auf Gegenseitigkeit beruht. Jedoch allein das horizontale Modell verbindet und verpflichtet die Menschen untereinander in einer Art des gegenseitigen Versprechens, sodass die Gesetzgebung, die aus der gegenseitigen Verpflichtung, das Versprechen zu halten, entsteht, ihre bindende Kraft beibehält, auch wenn die Regierung sich als unfähig erweist, oder wenn sie gestürzt wird oder sich “zur Tyrannei” entwickelt. Wichtig ist, dass der Konsens der sich untereinander verbindenden Menschen auch den Dissens einschliesst, da nur so der ursprüngliche Vertragscharakter, der ja aus Freiheit zustandekommt, gewahrt wird.

Während im theokratischen wie im vertikalen Modell Widerstand gegen das Gesetz, resp. Ungehorsam aus Gewissensgründen, Sanktionen nach sich zieht, ja eventuell gar zum Ausschluss führt, muss er im horizontalen Modell legitim sein. Dieses Modell liegt offensichtlich der Demokratie zugrunde. Allerdings zeigen sich auch hier Einschränkungen: Im Rekurs auf Tocqueville stellt Hannah Arendt fest, dass nur diejenigen Gruppen der Gesellschaft von der Legitimität des Dissens profitieren können, die im ursprünglichen Vertrag eingeschlossen gewesen seien. Damit erklärt sie die Tatsache, dass der zivile Widerstand der Schwarzen in den USA in den Sechzigerjahren dieses Selbstverständnisses entbehrt habe und auf massive Ablehnung gestossen sei, da die Schwarzen zur Zeit der Gründung des Bundesstaates als Sklaven von der Gesellschaft ausgeschlossen gewesen seien, dass daher in der ursprünglichen Vertragsbildung ihnen gegenüber und von ihnen der übrigen Gesellschaft gegenüber keinerlei Versprechen getätigt worden sei.

Zu fragen ist, wie es sich analogerweise mit der Repression der Jugendaufstände verhält, sowohl 1968 wie zu Beginn der Achtzigerjahre, nicht nur in den USA, sondern in den europäischen Ländern? Hat der auf der Strasse ausgetragene Dissens der Jugend mit der machtausübenden Gesellschaft, dem “Establishment”, auch mit der Tatsache zu tun, dass Kinder und junge Menschen nie als Rechtssubjekte in den Gesellschaftsvertrag aufgenommen waren, weder in den ursprünglichen noch in aktuellen verfassungsmässigen, und es auch heute nicht sind?

 

Kindheit – Wege des Fragens und Lernens: die Bedeutung der Schule

Hannah Arendts Kindheitsgeschichte und ihre Überlegungen über das richtige Handeln in privater Hinsicht wie im öffentlichen Raum mag den dritten Teil, in welchem es um die Bedeutung der Schule und der Bildung geht, vorbereitet haben. Was ist die Aufgabe der Schule im Zusammenhang der Förderung kreativer Kräfte? Wie kann es der Schule gelingen, das Kind und den jugendlichen Menschen in einen weiteren Rahmen der Zugehörigkeit hinein zu begleiten, jenen der Öffentlichkeit, durch den der private Rahmen der Familie erweitert wird? Genügt es, der Forderung des intellektuellen Wettbewerbs zu entsprechen? Bedarf es eventuell einer sorgfältigen Korrektur dessen, was in der deutschen Kultur unter „Aufklärung“ das alleinige Diktat des Intellekts bewirkt hat? – ohne dass aufgegeben werden muss, was bei Kant das korrektive Ziel der Aufklärung war: „Denken, was man will, und sagen, was man denkt“.

Ich versuche nun mit einem kleinen philosophischen Exkurs abzuschliessen: Am 5. Dezember 1785 schrieb Immanuel Kant auf eine Frage des Herrn Predikanten Zöllner in der Berlinischen Monatsschrift[12], was denn Aufklärung sei, denn dies zu wissen sei so wichtig wie die Antwort auf die Frage, was denn Wahrheit sei, eine Antwort. Diese begann mit der Überlegung, welche eine grosse Türe zu öffnen einsetzte, die zu durchschreiten jedoch als Pflicht deklariert wurde – auf ebenso verhängnisvolle Weise wie der pure Glaube und Gehorsam. Kant stellte fest: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Hilfe eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also die Wahrheit der Aufklärung.“

Aufklärung“ wird als moralischer Imperativ formuliert. Er hat mit der Aktivierung des Verstandes zu tun, mit der Aktivierung der Rationalität, einerseits, und andererseits mit moralischen Eigenschaften, mit der Aufgabe, Mut und Entschlusskraft zu beweisen. Und es ist in schulmeisterlichem Ton, dass Kant fortfährt, dass diejenigen, welche die Unmündigkeit nicht aufgeben wollen, der „Faulheit und Feigheit“ zu bezichtigen seien.

Er hält sodann fest, dass es in erster Linie des „öffentlichen Gebrauchs der Vernunft“ bedürfe, damit dem Imperativ der Aufklärung Genüge getan würde. „Der Privatgebrauch derselben darf aber öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern“.

Was geschieht hier? Geht es tatsächlich um ein „Fortschreiten des Menschengeschlechts“, wie es später heisst? Geht es nicht eher um die Selbstermächtigung der eh schon Mächtigen – jener Elite von Männern, der Fürsten, Wissenschafter, Professoren und Geistlichen -, die der Sprache und des Handelns immer schon mächtig waren? Alle anderen, insbesondere die Frauen, die sich auf den Privatbereich beschränken und einschränken mussten, waren ausgeschlossen, ebenso die Massen der ungebildeten Menschen. (Dass Kant gegen Schluss seiner Erklärung Friederich den Grossen rühmt, mutet eher peinlich an. Dieser hat zwar, wie Kant festhält, in Sachen der Religionstoleranz und der Religionsfreiheit, einen Schritt getan, der hoffnungsvoll war). Als Folge ergibt sich das Paradox, das Kant aufzeigt und das darin besteht, dass „derjenige, der ein Heer zum Bürgen der öffentlichen Ruhe zur Hand hat, sagen kann: Räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt, nur gehorcht“.

Was die Schule betrifft, stellt sich daher die Frage, ob allein über das Denken resp. allein über die Förderung, Prüfung und Belohnung der intellektuellen Befähigung „die Freiheit des Handelns“ eingeübt werden kann, wie Kant optimistisch folgert?

Ich denke nicht, dass der intellektuelle Massstab genügt. Die Geschichte zeigt vorweg, bis in die Jetztzeit, dass die „Aufklärung“ in der Komplexität der emotionalen wie der denkerischen Kreativität der Menschen wenig erreicht hat, dass sie als Aufgabe von viel gröserer Weite verstanden werden muss. Sie zeigt auf, dass die Beschränkung auf die Intellektualität an Grenzen stiess, die mit dem Aufklärungsprogramm gesetzt waren, die zugleich durch die Masslosigkeit der Virtualität, welche jegliche Realität zu ersetzen vorgibt, überschritten wurden. Die „Aufklärung“ hat vor allem die Selbstermächtigung der Mächtigen befördert – mit Auswirkungen in allem, was Destruktivität bedeutet, im militärischen und ökologischen, im ökonomischen und politischen Zusammenhang, Destruktivität menschlichen Lebens und Destruktivität der Natur.

Bedarf es somit der Bestätigung dieser Skepsis? Die Bestätigung ergibt durch die geschichtliche Entwicklung, etwa durch den fortgesetzten Ausschluss oder die vielfache Beeinträchtigung der Frauen und der Kinder, der Juden und der Roma, der Andersfarbigen, überhaupt der „Fremden“, der imperialistisch Besetzten und der Sklaven, so durch die Tatsache, dass die Abschaffung der Sklaverei formal vorgegeben wurde, jedoch bis heute andauert. Sie wurde/wird konditional vorgegeben, doch im Verhältnis der Kontinente, der Mächtigen und der Armen setzt sie sich fort, uneingeschränkt, als Ausdruck der Härte wie der Masslosigkeit der globalisierten Wirtschaft. Die Menschen werden für unnütz und für überflüssig erklärt, wenn sie dem Firmenmassstab der Staaten – auch der Schweiz – nicht entsprechen, gleichzeitig als unangepasst und lästig, wenn sie sich dem Diktat des Konsumismus nicht unterwerfen. Die Herrschaft der Massengesellschaft und die entmoralisierende Selbstunterwerfung der Menschen unter die Autorität des „alle tun es“, eine Unterwerfung, die sozial belohnt wurde/wird, erstickt die Besonderheit. Auch Denken und Produkte des Denkens, Wissenschaft und deren Umsetzung werden zur Ware. Virtualität wird als Realität erklärt. Eine Fülle von Ideologien dienen der Wirtschaft, technologische und wissenschaftliche, religiöse und politische setzen immer wieder die Trennung von „Zugehörigen“ und Fremden durch. Antisemitismus und Rassismus setzen sich fort, aufs verhängnisvollste insbesondere skrupelloser nationalistischer Ethnizismus, in allem umgesetzt in eine Barbarei der menschenverachtenden „Sachzwänge“.

Die Gleichberechtigung im öffentlichen Raum aller Menschen steht noch aus, weit aus. Warum wird der Herrschaft der „Dummheit der Gescheiten“[13] zugestimmt? – oder eher deren Raffinesse, die Sprache, die in der Öffentlichkeit laut zu hörende, zur Propaganda pervertierte Sprache zu benutzen, um entweder verdummenden Optimismus oder Angst zu propagieren, um effektive soziale und politische Reformen – Reformen des gerechteren Zusammenlebens – zu verhindern? – welche Gewalt, Krieg und brutale Zerstörung als „gerecht“ und „legitim“ deklarieren, um – vorgegebenermassen – einen einzelnen Gewalttäter und verbrecherischen Banden in dessen Dienst auszuschalten? All dies heute.

Wo die „Rationalität“, resp. die Herrschaft des Verstandes, der instrumentellen Vernunft, zur ausschliesslichen Grundlage des Entscheidens wird, wird auch das Irrationale zur Rationalität gemacht. Das ist das verhängnisvollste Element im Selbstbetrug der Herrschaft der Aufklärung.

Wessen es bedarf, ist die kreative Kraft der Skepsis. Es bedarf der Infragestellung jeglicher nicht-antastbarer Macht. Es bedarf der Freude zu fragen und erneut zu fragen, und über das Fragen auch das Erkennen wieder zur Lust auf eine durchschaubare, spielerische Ordnung erwachen und anwachsen zu lassen– als Beispiel eignet sich sowohl die Mathematik oder die Grammatik der sinnlichen und der intellektuellen Sprachen, immer der Dialog im grossen Fächer der Weisheit.

Wichtig scheint mir noch, auf eine Sorge einzugehen, welche die Lehrerinnen und Lehrer aller Schule heute prägt und welche verknüpft ist mit der zunehmenden Verwechselung von Wissenhunger und Experiment, meist verbunden mit dem psychisch schmerzhaften, nicht erfüllten Hunger nach Dialog. Ich will auf aktuelle Zusammenhänge eingehen:

Es geht insbesondere um das Experiment Kiffen, damit um Fluchtversuche und um die Frage woraus und wohin die Flucht geht.

Meine Praxis befindet sich im Hinterhof eines Wohnhauses aus dem 19. Jahrhundert, am Rand des ehemaligen Dorfes Hottingen, wo es früher neben den dörflichen Gebäuden, die zum Teil noch stehen, auch Weinberge und Bauernhöfe gab, und in welchem sich heute – zusätzlich zum Schauspielhaus und Kunsthaus, zur Universität und zu zahlreichen Kliniken – zahlreiche Mittelschulen und Privatschulen befinden. Seit etwa eineinhalb Jahren steht täglich ein- bis zweimal ein heute 16jähriger Jugendlicher unter dem Eingangsdach zur Praxis und raucht einen Joint, im Sommer vor der Sonnenhitze geschützt, bei schlechtem Wetter vor Regen und Kälte, geschützt vor allem vor jeder Kontrolle, die ihn ängstigt und die folgenschwer sein könnte. Jedesmal, wenn er dort steht und raucht, spüre ich seine Präsenz. Er kommt (vorläufig) nicht zu mir in Therapie, er steht einfach da im Schutz und im Schatten, und verschwindet wieder nach zehn Minuten. Er ist körperlich schmal, eher kleingwachsen, er hat manchmal verängstigte, manchmal herausfordernde Augen, wirkt aber scheu und verletzlich, nervös und „gestresst“, wie er von sich selber sagt. Ab und zu ergibt sich ein kurzes Gespräch.

Das erste Mal, als ich ihn traf, erschrak er und bat mich, ihn nicht zu „verraten“. Ich fragte ihn, wie er dazu komme zu kiffen. Er habe mit zwölf Jahren begonnen, sagte er, andere Jungen hätten ihm den ersten Joint angeboten und gesagt, er solle mal versuchen. Nun brauche er täglich diesen „Rückzug“. Er halte sonst die Schule und alles andere gar nicht aus. Was „alles andere“ bedeutet und was ihn vor allem belastet, eventuell auf quälende Weise – ob es die Situation zu Hause ist, die Beziehung zum Vater, zur Mutter, ob es ein Mangel an liebevollen und stützenden Beziehungen ist, oder ob es vor allem der Wechsel von der Kindheit zum Erwachsenwerden ist, ein sexueller Hunger, der ihn „stresst“, oder ob es der Mangel an stärkenden Vorbildern ist, generell die Angst vor der Zukunft – darüber hat er nicht gesprochen. Er hat mich bis heute nur als Garantie der Sicherheit aufgesucht, nicht als Therapeutin wie andere Menschen, welche ihre Geschichte, die Bedingungen des Alltags oder sich selbst nur mit Mühe ertragen. Feststeht, dass, was mit zwölf Jahren als Experiment begann, für ihn zum Zwang wurde.

Die Frage stellt sich, was „Experiment“ tatsächlich bedeutet. Ethymologisch, aus dem lateinischen „experiri“ abgeleitet („es“/aus, „periri“/erfahren, versuchen, erproben), hat das Substantiv die Bedeutung von „Probe“, auch von “Versuch“ und von „Beweis“. Vom Psychischen her verknüpft sich damit ein seit der frühen Kindheit unterschiedlich entwickeltes Bedürfnis, Neues zu lernen, das Wissen durch Erfahrung zu erweitern, die innere und um die äussere Realität zu erproben, auch Grenzen zu überschreiten, die durch Regeln oder Verbote gesetzt sind, eventuell die Erwachsenen – Mutter, Vater etc. -, deren Aufmerksmakeit oder liebevolle Betreuung mangelhaft ist, herauszufordern. Allzu häufig kommt es vor, dass Mütter und Väter überfordert sind, dass sie weder genügend Kenntnisse über ihre Verantwortung haben, dass sie selber eine schlechte oder konfuse Kindheit erlebt haben oder so sehr unter wirtschaftlichem und zeitlichem Druck stehen, dass die Betreuung und Erziehung der Kinder, ob sie noch klein seien oder Jugendliche werden, zu kurz kommt.

Weshalb aber begeben sich Söhne berühmter Politiker und Wirtschaftsbosse in die väterlichen Fussstapfen, wenn sie doch unter Abwesenheit, Geringschätzung und Zurückweisung des mit Karriere überbeschäftigten Vaters gelitten haben?

Die Karrieren der Väter stehen häufig unter dem Antrieb eines Machthungers, der kaum eine genügende Aufmerksamkeit für Kinder zulässt. Söhne von Mächtigen leiden daher oft unter psychischen Mangelerfahrungen und, als Folge, unter geringem Selbstwertgefühl. Durch die affektive Zurückweisung steigt der Vorbild- und Konkurrenzkampf mit dem Vater.

So kommt es immer wieder vor, dass die Söhne einem kompensatorischen Wiederholzwang erliegen. Sie gehen den Weg des abwesenden, bewunderten und häufig zugleich gehassten Vaters wie in einem Wettkampf. Das scheint ihnen die einzige Möglichkeit zu sein, die erlebte Herabsetzung zu korrigieren. Sie verbeissen sich in diesen Weg – eventuell sogar im gleichen Bereich – mit dem Ehrgeiz, dasselbe Ziel zu erreichen, scheitern dabei aber häufig. Denn die Latte liegt viel höher als bei Kindern aus unbelasteten Familien mit frei wählbaren und gestaltbaren Lebenszielen. Leider kommt es häufig vor, dass dieser Weg so bedrängend ist, dass er durch Experimente zu korrigieren versucht wird, die gefährdende Folgen haben können, sei es durch Drogen- oder Alkoholmissbrauch, sei es durch suchthafte Besessenheit in der Realisierung von Zielsetzungen, die trotz allem jenen des Vaters ähnlich sind.

Zusätzlich zu den persönlichen, familiären Beziehungszusammenhängen, die aus vielen Gründen problematisch sind, kommen gesellschaftliche und zeitbedingte Umstände, die eine enorme Beeinträchtigung der inneren Sicherheit bewirken.

Unsere Gegenwart wird noch immer als Postmoderne bezeichnet. Vom Begriff her hat sie an der Moderne teil, lässt diese jedoch hinter sich zurück. Sie bedeutet Kritik und Infragestellung der Moderne, zugleich deren Überschreitung. Sie wurde infolge der enormen Beschleunigung der technologischen Entwicklung, und des einflusses der Technologie auf alle wirtschaftlichen und sozialen Strukturen zur Epoche der grundsätzlichen „Beliebigkeit“. Der Rekurs auf die eine, verpflichtende Vernunft als verbindliche Instanz ist geschwunden. Sie wurde abgelöst durch die unbeschränkte Pluralität der Rekursmöglichkeiten. Was zählt, ist vor allem der materielle oder immaterielle, eventuell hedonistische (aus griech. „hedone“ / Vergnügen, Lust, Begierde, Sinnenlust) Eigennutzen. Die Fragen nach dem Lebenssinn werden häufig abgeschoben, werden dadurch aber zur psychisch belastenden Unruhe und zur Angst. Neben dem Wirklichen nimmt das Virtuelle überhand, neben dem Sagbaren das Unsagbare, neben den Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens und Zusammenlebens die Dekonstruktion und Auflösung. [14] Was die Postmoderne vor allem prägt, schein die Subversion des Wissens[15] zu sein, wie Michel Foucault es ausdrückt, resp. das Wissen um die Brüchigkeit und Unzulänglichkeit allen Wissens, das Misstrauen gegenüber allumfassenden Rezepten und Heilslehren, überhaupt die Absage an das „Totale“ oder „Ganze“. Gleichzeitig hat sich in der Postmoderne auf Grund der Verlorenheit in der Zeitentwicklung, der Virtualität und der völligen Unsicherheit der wirtschaftlichen Sicherheit eine starke Tendenz zu kollektiven Zugehörigkeiten entwickelt, zu fundamentalistisch-religiösen wie zu politisch-rassistischen. Diesen Bewegungen, die ebenfalls suchthafte Eigenschaften und Auswirkungen haben, gehören häufig gerade die jungen Menschen an, die eines Halts bedürfen.

Die aktuellen technologischen, wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklungen haben enorme Subsistenzängste geschaffen, deren Konsequenzen wir heute schon erleben. An den Vorteilen kann nur ein Bruchteil der Bevölkerung partizipieren, nur derjenige, der in der Beschleunigung der Marktglobalisierung und der technologischen Innovationen durch spezifische Kompetenz und Effizienz Schritt halten kann. Der andere Teil fühlt sich infolge der Rationalisierungen, Fusionierungen und beschleunigten Innovationen zunehmend marginalisiert und für überflüssig erklärt, auf spürbare Weise durch Entlassung, durch Arbeitslosigkeit, durch materielle Not, durch Sinnverlust oder durch andere Gründe. Auch in der Schweiz gehen ständig Arbeitsplätze verloren, Unsicherheit nimmt überhand. Freiheit kann unter Bedingungen der psychischen und physischen Subsistenznot kaum oder nicht wahrgenommen werden.

Leider wird häufig durch die Konstruktion von Feindbildern, mit Hilfe derer die angeblichen Verursacher der Existenznot benannt und angegriffen werden können, eine Art Rache gesucht. Viele dieser Aspekte erinnern an die dreissiger Jahre. Die breite Zustimmung der Massen Arbeitsloser zum Nationalsozialismus sowie zu den Zielen der antisemitischen und generell rassistischen Aufhetzung muss in Erinnerung bleiben. Vergleichbare Propagandaresultate sind auch unter den heutigen Bedingungen denkbar. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien mit den unsäglichen ethnischen Säuberungen ist ein Beweis dafür. Auf jeden Fall ist festzustellen, dass die Aufteilung unserer Gesellschaft in Effiziente und „Unbrauchbare“, in „marktkonforme“ Menschen und „nicht-konforme“ oder „überzählige“, wie der französische Kulturkritiker Paul Virilio in einem Interview bemerkte, auf exponentielle Weise zunimmt. Zur zweiten Gruppe gehören auch viele junge Menschen insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten.

Überzählig zu sein entspricht keinem Grundbedürfnis. Dagegen ist das Bedürfnis nach sicherem Selbstwert, nach Integration, nach einer Aufgabe und einem Platz in der Gesellschaft prioritär. [16]Bei der Nichterfüllung von Grundbedürfnissen sind „Hungerkrankheiten“ die Folge, wie zahlreiche Forscher und Forscherinnen nachgewiesen haben, so u.a. der Basler Psychiater Raymond Battegay[17], Krankheiten der Seele, deren angestrebte Selbstheilung häufig in psychische oder physische „Unersättlichkeiten“ ausartet, die zum Teil als Süchte bezeichnet werden können. Drogensucht, die häufig mit dem Experiment des Kiffens beginnt, ist eine davon. Battegay untersucht verschiedene andere Erscheinungen, so etwa Anorexia nervosa, Adipositas, den „Hunger“ nach Fusion bei narzistisch Gestörten, die unersättliche, destruktive Tendenz zu einer totalen Fusion mit einem Objekt und dessen Zerstörung, Herz-und Kreislauferkrankungen bei behindertem Tatenhunger, den emotionalen Hunger bei lebensbedrohenden Krankheiten und weitere mehr.  Auch die „Unersättlichkeit“ der Workaholics ist dazu zu rechnen, oder jene der Konsum-, Kauf- und Sammelsüchtigen, vor allem auch der ungezügelte, masslose Machthunger.

Schon Sigmund Freud hatte in seinem Essay „Das Unbehagen in der Kultur[18] auf die nicht-zeitbedingten, existentiellen „Ersatzbefriedigungen“ aufmerksam gemacht (oder der „Hilfskonstruktionen“, wie er Theodor Fontane aus dessen Roman „Effi Briest“ zitiert): „Das Leben, wie es uns auferlegt ist,  ist zu schwer für uns, es bringt uns zu viele Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. (…) Solcher Mittel gibt es dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend geringschätzen lassen. Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas dieser Art ist unerlässlich“. Und etwas weiter, nachdem er die „ungezählte Male gestellte Frage nach dem Lebenszweck“ aufgenommen hat,  bemerkt er, dass die Menschen gemeinhin einfach nach dem Glück streben: „Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip beherrscht die Leistung des seelischen Apparates vom Anfang an. An seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos ebensowohl wie mit dem Mikrokosmus. Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm; man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch ‘glücklich’ sei, ist im Plan der ‘Schöpfung’ nicht enthalten“.

Freud stellt fest, dass „Glück“ nur als episodisches Phaenomen“ erlebbar sei, dass die „Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation nur ein Gefühl von lauem Behagen“ ergebe. „Wir sind so eingerichtet, dass wir allein  den Kontrast intensiv geniessen können, den Zustand nur sehr wenig“. Er skizziert dann, quasi mit existenzphilosophischem Strich, die Komponenten des sowohl existenz- wie kulturbedingten „Unglücks“: die Körperlichkeit mit ihrer Anfälligkeit für Krankheiten und Leiden, letztlich die Sterblichkeit, sodann die „Aussenwelt mit ihren unerbittlichen, zerstörenden Kräften“, resp. die fremdbestimmten oder externen, nicht zur Disposition stehenden Bedingungen unseres Lebens (etwa die klimatischen oder politischen Verhältnisse unserer Zeit), schliesslich die Bedingungen, die sich aus den Beziehungen zu anderen Menschen ergeben.

Wie kann die soziale Verantwortung wahrgenommen und umgesetzt werden, wenn die Hintergründe und Ursachen der Gefährdung zahlreicher Jugendlicher, in Süchten eine Fluchtmöglichkeit zu finden, erkannt werden? Meine lange Erfahrung bestätigt, dass nicht Strafen und nicht Härte im Kontrollverhalten eine Veränderung der Suchtgefährdung bewirken, sondern ein Eingehen auf die persönlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, die das „Experiment Kiffen“ (häufig verbunden mit anderen gefährdenden „Experimenten“, mit Alkohlkonsum etc.) bewirken, eventuell sogar eine Veränderung dieser Ursachen. Jugendliche brauchen der verlässlichen Begleitung, der stärkenden Vorbilder und der praktisch umsetzbaren, nicht gefährdenden Realisierung ihres Bedürfnisses, das, was „Freiheit“ bedeutet, mit ihren Fähigkeiten und ihren Begabungen in Verbindung zu bringen, eine berufliche und beziehungsmässige Entwicklung als stärkend zu empfinden und so die Angst vor dem Erwachsenwerden überwinden zu können. Zentral ist die Vermittlung der stärkenden Kraft der Selbstverantwortung und der Genugtuung beim Aufbau dessen, was Lebenssinn und Lebenswert bedeutet.

 

Wo ist der Ort der Erinnerung?

„Zwischen

deinen Augenbrauen

steht deine Herkunft

eine Chiffre

aus der Vergessenheit

des Sandes[19]“.

 

Die Frage lässt mich abschweifen, hinein und hinaus. In Bahnhöfe und Treppenhäuser, in Scheunen und Küchen, in früher geträumte Träume. Heisst „er-innern“ aus dem Innern befreien? Kommt die Befreiung von aussen? Was geschieht dabei? Braucht es Sinneswahrnehmungen, damit Haut, Augen, Ohren, Nase, Gaumen, Eingeweide, Atem, Nervenzellen dem Unbewussten erlauben, die Verkapselungen durchlässig zu machen und das einstmal Erlebte aufscheinen zu lassen, in Gefühlen und Bildern, in Gerüchen und Tönen, in Herzklopfen, Erzittern, Magenkrämpfen oder in plötzlichem Wohlbefinden? Wie kommt es zu den Wachträumen bei den Tramfahrten quer durch die Stadt? Und warum wird meine Stimme jedesmal tonlos vor Behördenschaltern? Warum weckt der abendliche Ruf der Amsel das Bedürfnis zu weinen? Warum erkenne ich in den Bahnhöfen die Flüchtlinge von weitem an den Augen, und warum geht unmittelbar mit diesem Erkennen eine Geruchserinnerung an ungelüftete schimmlige Kleider einher, flüchtig und lästig? Warum brachte der Unbekannte, den ich vor zwei Jahren anlässlich eines Vortrags in einer Westschweizer Stadt vom Podium aus an der Seite von G. H. den Saal betreten sah, meinen Atem zum Flattern und liess vor meinem inneren Auge ein heruntergekommenes Holzhaus aufscheinen und eine knochige, abgearbeitete Frau, grösser als meine Mutter, stehend und vorgebeugt, mit offenem braunem Haar, und in einem Sessel einen schönen stillen Mann, von dem ich wusste, dass er „geisteskrank“ war, im Bruchteil einer Sekunde, während ich in meinem Text weiterfuhr? Und warum hatte ich ausgerechnet in Deutschland, kurz vor dem Rückflug nach Zürich, das Parfum meiner vor Jahren verstorbenen Mutter gekauft, nachdem ich zwei Tage lang ein Seminar über die psychischen Zusammenhänge der Assimilation resp. des Herkunftsverlustes abgehalten hatte, das die Teilnehmerinnen zu einer Aussprache über die Erinnerungsverweigerung ihrer Eltern benutzten? Wo ist der Ort der Erinnerung?

 

Was geschah zuerst und was geschah nicht?

Ich hole zu einem Exkurs aus. Ich beginne mit dem Sehen. Sehen ist zuerst Unterscheiden und Wahrnehmen des Anderen, des vom  mangelhaften und unvollständigen Eigenen Getrennten, im Sehen zugleich Einverleiben des Wahrgenommen,  des Anderen, nicht des Ganzen allerdings, sondern Teil für Teil. So unterscheidet das Kind aus dem embryonalen symbiotischen Dunkel heraus, das nach der Geburt sich erst allmählich lichtet, plötzlich das Gesicht der Mutter, ihren Mund mit der dem Bedeutungszusammenhang des Lächelns, und die Brust der Mutter, die milchspendende Warze mit der jenem des Wohlbehagens, mit der Möglichkeit, resp. der imaginären Wiederherstellung, der verlorenen Symbiose, unterscheidet mithin sowohl die Mutter wie Teile der Mutter wie sich selber als Teile eines fortan nie mehr zu erreichenden Ganzen. Was mit diesem ganz frühen, irgendwie vom Unbewussten her gelenkten, erkennenden und wiederum im Unbewussten gespeicherten Sehen einsetzt, ist die Herrschaft der Gefühle und Triebe, die Herrschaft der Liebe, im Positiven wie im Negativen, in welcher schon sehr früh, nicht gleichzeitig, sondern in einer zeitlich gestaffelten Abfolge, die wahrgenommenen Teile der Mutter als das Reale (Wohlbehagen durch Zuwendung und Nahrung, aber auch Schmerz aus dem Fehlen der Symbiose, aus dem Verlust des Ganzseins, zutiefst vielleicht das unbewusste Erleben des „Unmöglichen“, für welches es nur Akzeptanz oder Verweigerung gibt), zugleich als das Imaginäre (das im fordernden Wünschen Mögliche, das, was das sich konstituierende, aktiv sich regende, Anerkennung und Liebe begehrende Ich des Kindes sich vorstellt, um sich selber zu stärken) wie auch das Symbolische (die Brust, der Mund, die Stimme, der Geruch, die warme Haut, die Bewegung, das Kommen und das Sich-Entfernen der Mutter, stellvertretend für viel mehr, für die Mutter überhaupt, oder für Anerkennung, Wohlbehagen und Befriedigung, doch ebenso auch für Ablehnung, Alleingelassensein und Hunger) sich zusammenfinden, existenzbestimmend von den frühen Anfängen an und durch alle Peripetien der Entwicklung und des Lebens hindurch.  Während das Symbolische in den Teilobjekten des Begehrens immer mehr, vor allem nach der Entwöhnung und etwas später nach der frühen, entscheidenden Entdeckung des eigenen Geschlechts als das der Mutter gleiche oder das von ihr verschiedene, das Entzogene und Verwehrte, ja das Verbotene (die Symbiose als Inzest) zur Quelle des Begehrens werden lässt, kreist das Imaginäre um den möglichen narzissstischen Gewinn für das bedürftige, begehrende (anfänglich so schwache, häufig nie wirklich erstarkende) Ich, das im Realen zumeist höchstens das Imaginäre und daraus sich selbst als mangelhaft, als Teil bestätigt, ermutigt und gestärkt – oder beschädigt – findet.

Und all dies ist seit dem frühesten Sehen ein Beziehungsgeschehen aus der Erfahrung des Mangels des Ganzen, aus der Selbsterfahrung als abgetrennter, unerfüllter, leidender Teil, ist Liebe als Streben nach Veränderung des Mangels: Libido (im biologischen Rekurs), Eros (nach dem platonischen Begriff). Wir wissen es seit knapp einem Jahrhundert, seit den ersten Erkenntnissen  Freuds, der, wie Julia Kristeva zu Recht feststellt, den Platonismus und die Biologie zu einer neuen Theorie zusammenführte, eben zu einer neuen Theorie sowohl der Liebe wie des Sehens, aufregend und sich ständig in der analytischen Arbeit bestätigend und zugleich verändernd, in der alle drei Register (das Symbolische, das Imaginäre und das Reale) sich wiederholen. Immer geht es um die Liebe, um den „daimon Eros“, wie Platon im „Symposion“ Sokrates erklären lässt, der sein Wissen von Diotima erhalten und übernommen hat, gemäss deren Wissen (resp. Weisheit) Eros das Kind – der Sohn, männlich, wie Freud betont – der Penia (der mythologischen Gestaltwerdung des Mangels) und des Poros, des göttlichen Wegefinders (der mythologischen Gestaltwerdung des erfinderischen Intellekts), ist, entstanden im Nachspiel zum Geburtsfest der Aphrodite (der mythologischen Gestaltwerdung der Schönheit), zu welchem Poros geladen war, Penia jedoch nicht. Als sie sah, dass Poros, berauscht vom Nektar und müde, sich im Garten des Zeus zum Ruhen legte, legte sie sich neben ihn und empfing den Eros.

Was und wie ist daher Eros? Er ist, wie Sokrates ausführt (in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher), zuerst „arm und bei weitem nicht fein und schön, wie die meisten glauben, vielmehr rauh, unansehnlich, unbeschuht, ohne Behausung (…), der Natur seiner Mutter gemäss immer der Dürftigkeit Genosse. Und nach seinem Vater wiederum stellt er dem Guten und Schönen nach, ist tapfer, keck und rüstig, ein gewaltiger Jäger, allezeit irgend Ränke schmiedend, nach Einsicht strebend (…)“ (Symposion, 203 c,d). Sehen – stellvertretend für alle Sinneswahrnehmungen – und Liebe sind daher unabtrennbar miteinander verbunden, Libido in der Körperlichkeit, Eros in den Strebungen, Eros, der (auch im Weiblichen) aus der Verbindung von Penia und Poros, immer dem Mangel verhaftet und aus dem Mangel heraus tätig, über das Sehen besitzergreifend, sich einverleibend, was den Mangel beheben könnte und dies vorübergehend, in kurzen Momenten, erreicht, ränkereich das Verwehrte oder gar das Verbotene, ja das Leiden zum Guten erklärend oder daran scheiternd, dabei die Realität, täuschungsreich und trickreich, nicht selten bitter verzweifelnd, im Mantel des Imaginären zum Ganzen machend, mehr oder weniger erfolgreich, aus dem im Unbewussten zutiefst gespeicherten Wissen um die Täuschung, zum imaginären Ganzen, in welchem bei jedem Objekt des Sehens, vor allem bei jedem Objekt des Begehrens jeder Teil,  jedes Detail, über den Blick symbolische Repräsentanz eines beherrschenden libidinösen Teilobjekts wird  (Mund, Brust, Phallus etc.) sowie dessen Deutung, einerseits im vorstellenden Denken  (Öffnung, Höhlung, Wölbung, Füllung, Pfeil, Linie, Trennung, Verschmähung, Verschluss, Abbruch etc.) und andererseits im positiven oder negativen libidinösen Empfinden (Wohlbehagen, Lust, Genugtuung, Ruhe, Stärkung, Frustration, Zorn, Hass, Verlust, Leere, Hunger, Zerstörungwut u.a.m.).

So ist im Sehen alles Teil, und als sich vorweg herstellendes Ganzes zeigen sich die Verbindungen, Beziehungen, Verhältnisse, Übertragungen und Gegenübertragungen der Liebe oder deren verhängnisvollen Negationen sowie deren maligne Zuspitzungen und Überhöhungen oder deren Ersatz- und Zerrbilder. Und all dies wird im Unbewussten körperhaft gespeichert, in den Erinnerungszellen der Haut, des Auges und des Gehörs, der Nase, des Gaumens und Bauchs, in allen feinsten lust-, wut- und angsterregenden Schichten des ganzen Nerven-, Hirn- und Atemsystems, und all dies scheint irgendwann irgendwie plötzlich wieder auf, klingt auf, geheinisvoll, häufig unerwartet, wie ein Erwachen:  Erinnerung.

 

Kolonisation und Revolte

Das Kind ist zwar aktiv und tritt im Sehen wie in allem sinnlichen Wahrnehmen, im Erleben von Mangel und Sättigung, von Bewegung und Veränderung gestaltend in eine voraus bestehende Welt ein, bei dem es lernt und im Lernen sich vorweg befähigt, weiter zu lernen, wobei alles Erlebte und Erlernte, mit den begleitenden Gefühlen von Lust, Schmerz, Frustration oder Angst, im körperhaft Unbewussten irgendwo irgendwie gespeichert wird. Zugleich aber ist das Kind Objekt von Besetzungen, die aus  lange vor seiner Ankunft gewobenen und geflochtenen Geschichten gewaltsamer Kolonisationen resultieren, aus generationenalten Beziehungsgeschichten und Mangelgeschichten, aus Geschichten von Macht, Machtmissbrauch und Unterwerfung, aus denen weder die Mutter noch der Vater sich befreien konnten.

Die Kindheit, immer von neuem, ist der dunkle Erdteil der Kolonisation. Die Kolonisation setzt mit der Namengebung ein. Die Namengebung ist die erste Besetzung des Kindes durch die Eltern. Diese Besetzung erfolgt durch eine mächtige unbewusste Projektion von Bildern und Geschichten – seien dies die vorbildhaften gelebten Geschichten verstorbener Angehöriger oder irgendwelcher Helden und Heldinnen, toter, vielleicht auch noch lebender; seien dies die heimlichen, nicht gelebten Geschichten der Mutter oder des Vaters, die Traumgeschichten und Wunschgeschichten, die sich um ein Bild, resp. um einen Namen ranken oder die, auf einen Namen eingefärbt, auf das Kind geheftet werden wie eine definitive, nicht austauschbare, nicht abwaschbare Farbe, lange bevor das Kind beginnen kann, seine eigenen Geschichten zu wagen. Der Name entspricht dem Bild, das die Eltern aus sich für das Kind schaffen, aus dem ihnen gemässen Mass und Format, ein fixiertes Bild, das sie dem Kind als Vorgabe für sein Verhalten in der Welt auferlegen, eventuell ein Bild des unauffälligen, blassen und angepassten Verhaltens oder aber des ungewöhnlichen, auffälligen, vielleicht sogar des exotischen.

Dieses Bild richtet sich in erster Linie nach geschlechtsspezifischen und rollenspezifischen Eigenschaften, welche Vater oder Mutter für sich selbst oder für den Partner, resp. die Partnerin beanspruchen, oder welche sie vermissen und in einer kompensatorischen Projektion mit dem Namen dem Kind überziehen wie ein viel zu grosses Kleid. Bei Hannah Arendt wird die Gebürtlichkeit der Freiheit gleichgesetzt, doch ausserhalb des existenzphilosophischen Modells, in welchem das Verhängnis der Sterblichkeit einer dialektischen Gegensetzung bedarf, eben jener der Freiheit, gibt es für das Kind zuerst vor allem die von den Eltern definierte, durch sie geschaffene Konditionalität, in welche es hineingeboren wird und in welche es hineinwächst. Indem nun das Kind in das kulturell und biographisch elternmassgeschneiderte Kleid hineingestellt wird,  in das durch die persönlichen Wünsche der Eltern und durch gesellschaftliche Normen enggeheftete Identitätskorsett, ergibt sich die erste und die vorweg wichtigste Anforderung an die Freiheit: aus der gebürtlichen Potentialität in die Aktualisierung zu treten und dieses Korsett zu sprengen. Doch davon später.

In Fortsetzung der Namengebung des Kindes erfolgt durch die Eltern die Namengebung der Welt. Existenz ist immer zugleich Welthaftigkeit. Beide sind Gegenstand kulturell definierter, über Generationen konstruierter Beherrschungsstrategien. Das Kind selbst bietet Laute, Namen an für die Gesichter, die sich ihm zuwenden und für die Dinge, die es erblickt, die es ertastet oder kostet und hört, Laute und Namen in allen Sprachen der Welt, welche die Eltern zwar zur Kenntnis nehmen, sogar mit Entzücken, aber verwerfen und durch andere, “richtige” ersetzen, durch Namen, mit denen sie die Gesichter benennen und die Dinge bezeichnen. Die Gesichter neigen sich nicht zu und die Dinge bleiben unerreichbar, wenn sie nicht mit den richtigen Namen bezeichnet werden. Mit den Namen wird die Bedeutung der Dinge definiert. Daher kann selbst die Sprachvermittlung als eine Herrschaftsstrategie verstanden werden, nicht nur als “Sprachspiel” im Wittgenstein’schen Sinn. Augustinus hält in den “Confessiones” (I/8) fest: “Nannten die Erwachsenen irgend eine Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, dass der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, das sie auf ihn hinweisen wollten. (…) So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichnen (…) Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck”.

Fügt das Kind sich der Namengebung nicht, bleiben die Wünsche unerfüllt. Als ich sechs Jahre alt war und infolge eines schweren Unfalls einen ganzen Sommer im Krankenhaus verbringen musste, wünschte ich mir sehr, Früchte zu essen, die ich einmal gesehen, aber nie gekostet hatte, gelbgoldene Früchte mit süssem Duft und mit pelziger Haut. Ich nahm an, sie hiessen „Aprikosen“, da ich diesen Namen in Verbindung mit köstlichen Früchten gehört hatte, die ich wiederum auch nicht kannte. Die Erwachsenen brachten mir Aprikosen, in der Meinung, damit meinen Wunsch zu erfüllen, doch es waren nicht die Früchte, die ich zu essen wünschte. Den Namen “Pfirsich” kannte ich nicht, so dass mir den ganzen Sommer über und noch länger der Genuss dieser Früchte verwehrt blieb.

Als ich jüngst im Sommer den Marktständen entlang flanierte, und der Duft reifer Pfirsiche die Nase streifte, erinnerte ich mich der Einsamkeit des Kindes im Krankenhaus.

Mit der Namengebung setzt die Kolonisierung der Existenz des Kindes und dessen Welthaftigkeit ein, und gleichzeitig nimmt die Kontrolle seiner Bedürfnisse ihren Anfang. Die tatsächliche Stillung und Erfüllung der Bedürfnisse, aber auch deren verweigerte oder prekäre Erfüllung geschieht nie anders als in Verhältnissen der Abhängigkeit. Abhängigkeit aber bedeutet Unterwerfung und Unfreiheit, ein Verhältnis, dem das Kind zustimmen muss, um nicht Hungers zu sterben. Zu den dringendsten körperlichen Bedürfnissen gehört jenes nach Nahrung wie jenes andere nach Entledigung von der Nahrung, nach Defäkation. Die Kontrolle sowohl der Nahrungseinnahme wie der Ausscheidungen schafft grosse Macht, und noch viel mehr Macht schafft  die Koppelung der Erfüllung der körperlichen Bedürfnisse mit der –  genügenden oder der ungenügenden – Erfüllung des Bedürfnisses nach Anerkennung und nach Liebe. Die Erfüllung dieser wichtigsten seelischen Bedürfnisse wird mit einem komplizierten konditionalen System verknüpft, in welchem Beschämung und die Erzeugung von Scham beim Kind über sein ungenügendes Verhalten – ungenügend in Hinblick auf die namen- und vorbildverknüpfte normative Erwartung der Eltern –  eine wichtige Rolle spielen. Beschämung und Scham sind interne Konstrukte der Erniedrigung, die auf der Seite der Eltern wiederum wettgemacht werden durch unerreichbare Grösse sowie durch Güte, jedoch häufig durch ein konditionales Zugeständnis von Güte. Für das Kind wird klar, dass das So- und-nicht-anders-sein-Sollen, aus welchem das Identitätskorsett geschaffen ist, nie erfüllbar ist,  dass es immer in der Schuld bleiben wird. Dies wird im Unbewussten gespeichert und vorweg erinnert, prospektiv als Möglichkeiten des Verhaltens: entweder Anpassung, d.h. eine Art der demütigen Unterwerfung unter die diktierte, nicht erfüllbare Norm, oder Auflehnung und Eigendefinition der Norm.

So wird am einzelnen kleinen Menschen geübt und durchexerziert, was ganzen Völkern und Nationen, ganzen Kontinenten von ihren “Mutterländern” angetan wurde, zum Teil heute noch angetan wird – und was diese zu sprengen versuchen oder versucht haben: Kolonisation.

 

Erinnern des Eigenen über das Fremde

Als Mitte der Neunzigerjahre die algerische Schriftstellerin Assia Djebar in der Schweiz ihr Buch “Le blanc d’Algérie” präsentierte sowie einen Film  “La Zerda ou les chants de l’oubli”, den sie 1982 geschrieben und produziert hatte, fühlte ich mich auf merkwürdige Weise aufgewühlt, obwohl nichts aus dem Buch oder Film mich direkt betraf. Der Film, aus Archivaufnahmen zusammengebaut, schildert die generationenlange Geschichte der maghrebinischen Kolonisation, eine Geschichte der nationalen kulturellen Fremddefinition, eine über unzählige Menschengeschichten sich fortsetzende und sich vervielfachende Geschichte der Beherrschung über die Sprache (resp. über die Namengebung), über die Kontrolle der Bedürfnisse, eine Geschichte der mangelnden Anerkennung, der Unterwerfung und der unendlichen Demütigung. Die Demütigung, das wurde deutlich, bestand und besteht in der Verunmöglichung der Eigendefinition der Bedürfnisse und der Art und Weise deren Erfüllung. „Verun-möglichung“ bedeutet, dem Wortsinn gemäss, Unterbindung von Möglichkeit. Was als Möglichkeit unterbunden wird, soll nie Realität werden. Zumeist resultiert Verunmöglichung aus dem Missbrauch von Macht, als Folge von Herrschaft. Dass jede externe Definitionsmacht Missbrauch generiert und in Herrschaft ausartet, wurde mir bei der Betrachtung des Films in der Abfolge der Bilder einmal mehr klar, und ich war davon erschüttert. Über das Fremde konnte Eigenes erinnert werden.

Im Nachdenken über Assia Djabar’s Präsentation erinnerte ich mich, wie eine ähnliche Erschütterung von Frantz Fanon’s Buch “Les damnés de la terre” ausgegangen war, diesem Manifest des 1924 in der französischen Kolonie Martinique geborenen Bauernsohns, der in Frankreich Philosophie und Medizin studiert hatte, während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance mitkämpfte und anschliessend als Psychiater in Algerien während drei Jahren eine psychiatrische Klinik leitete, worauf er in einem öffentlichen Brief an den französischen Generalgouverneur demissionierte und sich der Algerischen Nationalen Befreiungsfront anschloss. 1961 erschien Fanon’s Buch in Paris, mit einem Vorwort von Jean Paul Sartre, in welchem dieser die europäischen Länder, die “Mutterländer”, aufruft, sich in Fanon’s Buch zu vertiefen, damit sie verstehen, was auf sie zukommt, nämlich die Frucht der Demütigung, nämlich die während Generationen  zurückgehaltene Wut, die sich lange nicht als Gewalt gegen das “Mutterland” und dessen Herrschaft zu richten wagte, sondern im kolonisierten Land internalisiert und in sog. “Bruderkriegen” ausgetragen wurde. Sartre schrieb im Vorwort, dass “der Bruder, der sein Messer gegen seinen Bruder erhebt, glaubt, das verabscheute Bild ihrer gemeinsamen Erniedrigung ein- für allemal zu tilgen”. Er versuchte deutlich zu machen, worum es Fanon ging: um die Notwendigkeit, eine kollektive Neurose zu heilen, die von den Kolonialherren durch die Einführung des “Eingeborenenstatus” geschaffen worden war, eines Status der Beherrschung und der Unmündigkeit, jenem ähnlich, der für die Kinder defininiert wird. Das zutiefst Neurotisierende daran war, dass mit dem “Eingeborenenstatus” zugleich der Status des “Menschen” gefordert und verleugnet wurde, mit anderen Worten, dass von den Kolonisierten einerseits verlangt wurde, dass sie sich wie Angehörige des “Mutterlandes” bewegten, kleideten, arbeiteten, marschierten, als Soldaten kämpften, Steuern bezahlten, auch Schulen besuchen und studieren durften, dass sie sich aber andererseits immer ihrer Abhängigkeit und ihrer Minderwertigkeit bewusst bleiben sollten. Wollten sie den Status von “Menschen” im Sinn des “Mutterlandes” erlangen, mussten sie zu Komplizen der Kolonisierung werden.

Um die kollektive Neurose zu heilen, gibt es, nach Frantz Fanon, nur die Gewalt. Fanon rief mit seinem Buch zur Gewalt auf, zum Mut zur Gewalt. “Die Dekolonisation, die sich vornimmt, die Ordnung der Welt zu verändern, ist, wie man sieht, ein Programm absoluter Umwälzung. Sie kann nicht das Resultat einer magischen Operation, eines natürlichen Erdstosses oder einer friedlichen Übereinkunft sein”. Und Fanon fuhr fort, dass so, wie sich die Kolonisierung unter dem Zeichen der Gewalt abspielte und erzwungen wurde, sowohl äusserlich in der Organisation des Landes, wie innerlich in den Köpfen der Kolonisierten, die Dekolonisierung nur durch Gewalt erfolgen könne. Nur über die Gewalt könne der Prozess der Rückgewinnung der zur Folklore denaturierten, fremdbeherrschten eigenen Kultur und der politischen sowie der ökonomischen Unabhängigkeit eingeleitet werden, dieser Prozess der Identitätsfindung, der letztlich unabschliessbar ist.

Sind Fanon’s Thesen geeignet, um zu erklären, was in Türkisch-Kurdistan, in Kosova oder in Gaza sich Ausdruck verschafft, was aber auch die Israelis als Nation bewegt? Ich weiss nicht, wer Fanon’s Buch noch kennt. In den sechziger Jahren, als es erschien, wirkte es wie ein Fanal. Ich war damals knapp über zwanzig. Der Aufruf zur Gewalt,  die Gewalt selbst erschreckte mich, ein ständiger Widerstand zu verstehen beherrschte mich. Gleichzeitig aber ahnte ich, dass der mit Gewalt verbundene Aufstand die kollektive Sprache für jene Auflehnung war, die ich selbst seit meiner Kinderzeit als Notwendigkeit empfand, für die ich einen Ausdruck suchte und auch auf unterschiedliche Weise fand, je nach den Möglichkeiten, über die ich vorweg verfügte. Ungehorsam, Widerspruch,  Fluchten (“fugues”), andere symbolische Formen des Ausdrucks, künstlerische, oder literarische, dann auch internalisierte Gewalt, etwa ein schwerer Unfall, stets der Versuch von Gegenentscheiden zu jenen der Vorfahren bezüglich meiner Entwicklung und Bildung, erneute “fugues” und Eigenentscheide, allmählich eine politische Eigendefinition in völliger Abkehr von der von den Herkunftskreisen vertretenen Bürgerlichkeit, welche die Kolonisierung der Frauen als Programm aufrechterhielt, damit eine Absage an die Modelle der bürgerlichen Sicherheit, Zustimmung letztlich nur noch zur Auflehnung gegen Herrschaft, gegen den Missbrauch der Kinder, gegen den Missbrauch der Menschen in allen Bereichen, daher wiederum Zustimmung zur Kreativität, zur – letztlich – gewaltfreien Auflehnung der Schwachen im eigenen Land und anderswo, welche durch die Auflehnung stark werden. Doch dies ist keine lineare Entwicklung, sondern ein Weg mit Barrikaden, mit Spalten und Abbrüchen.

 

Das gelebte Leben

Es gibt Zeiten der Ermattung, in denen es scheint, dass die Kraft zum Widerstand gegen die innere Kolonisation abhanden gekommen ist. Alle Befähigung scheint verbraucht zu sein, und keine Erinnerung daran stellt sich ein. In diesen Zeiten geht das Gefühl von Realität verloren, auch das Gefühl für den Rythmus der Zeit, selbst das Gefühl für Recht und Unrecht. Die Unterwerfungszugeständnisse, die in solchen Zeiten gemacht werden, demütigen in einem Ausmass, dass Frustrationen und Selbstentfremdung den Menschen sich immer kleiner und ohnmächtiger fühlen lassen. Um des puren Überlebens willen lässt er/sie die Kolonialmacht gewähren, begehrt nicht mehr auf, aber spürt, wie diese ihn/sie im Innersten auf lebensbedrohliche Weise besetzt. Der Verlust der Widerstandskraft lässt die unbewusste Erinnerung an früheste Abhängigkeitsverhältnisse wach werden, als selbst das Weinen nichts fruchtete.

Was tat damals das Kind? Es war fähig zur Kreativität, es setzte seine Imagination ein, und das Unbewusste aktivierte Kräfte aus dem Möglichkeitsraum. Wenn ich an Hecken vorbeigehe und wildes Sperlingsgezwitscher vernehme, kommt es mir vor wie das verzweifelte Hungerweinen der Kinder. Es ist beklemmend, ich spüre meine Ohnmacht, doch da befreit sich plötzlich ein einzelner Vogel aus dem undurchschaubaren Gewirr, manchmal eine ganze Schar. Ich gehe erleichtert weiter, irgendwie zeigt sich so,scheint mir,  in welchem Mass der Kampf um die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse einhergeht mit dem Kampf um das Erringen der eigenen Definitionsmacht und um das Entrinnen aus Zwängen, und wie dieser Kampf dem persönlichen wie dem kollektiven Prozess der Dekolonisierung entspricht. “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”, schreibt Adorno in den “Minima Moralia”.

Aber was ist das “richtige Leben”? Selten lässt es sich anders denn im Rückblick erkennen, nach dem Aufspüren, Erfühlen und Erkennen der Orte der Erinnerung. Es ist ein Weg, der in der Kindheit beginnt, dessen Anfänge aber viel weiter zurückliegen, in den Kindheiten der Eltern und Grosseltern und deren Eltern, dessen Verlauf und Geschichte bei jedem Sturz und bei jeder Ermattung spürbar wird, wobei er über das Erinnern und Bewusstwerden nach und nach weniger ängstigt, ob er schmal und steinig sei oder manchmal gar lustvoll. Fehlentscheide aus Unkenntnis gehören dazu, ungeeignetes und falsches Schuhwerk, Übereiltheit oder gar Blindheit beim Gehen, immer wieder Flucht, Umwege und Irrwege.All dies ist ermüdend und kräftezehrend. Doch Eros ist das Kind nicht nur der Penia, sondern auch des Poros, ausnahmslos in jedem Menschen. Wenn das Leben vorweg – mehr oder weniger – gelingt, dann, meine ich, als Zustimmung zu einer zwar kolonial geplünderten, jedoch wiederaufbaubaren und reparierbaren Welt. Im Lauf des Gehens werden nicht nur die Mängel des Weges bewusst, sondern auch Genugtuung über das Ausstehen- und Überwindenkönnen von Hunger, Durst, Einsamkeit und Erschöpfung, und ab und zu sogar wunderbar ein Gefühl der Rast und der tiefen, befreienden Erholung, eine Erfahrung von Glück.

 

Dritte Vorlesung

Grenzen – Abgrenzung: Wo ist die fluchtfreie Sicherheit?

„Allen die nur bis zur Grenze glauben

wo Gestirne noch die Uhren stellen

schenkt er die Sekunde, die sein Augen-Blick

für das Unsichtbare vorbereitet –

im Geburtenbett der Tränen aufgefangen hat“[20].

Jede Grenze ist gekennzeichnet durch ein Diesseits und ein Jenseits oder durch ein Drinnen und Draussen. Die erste Grenze und damit die erste Abgrenzung, die wir erleben, ist unser Körper, ist die Haut, die ihn umspannt. Sie erlaubt die erste Wahrnehmung des umgrenzten Eigenen, des vom Nicht-eigenen-Anderen Getrennten. Der Blick der Mutter und ihre aufmerksame, umfangende Berührung gibt dem Kind das Wissen um seine eigenen Grenzen, gibt ihm die Anerkennung seiner eigenen, fortan von der symbiotischen Wärme des mütterlichen Körperinnenraum getrennten Individualität – seiner in sich geschlossenen „Unteilbarkeit“ (in-dividere). Und der Name, mit dem sie das Kind empfängt, gibt ihm seine Erkennbarkeit in der Welt.

Gleichzeitig mit der Anerkennung der unaustauschbaren Individualität des Kindes durch die Namengebung geht die erste traumatische Erfahrung des Verlust primärer Sicherheit einher, des Verlusts der symbiotischen Geborgenheit im unabgegrenzten Innenraum der Mutter. Das unabtrennbare Zugleich von angstvollem Schrecken und von Individualitätsgewinn, das bei der Geburt den Freiheitsimpuls des lebensfähigen Kindes nicht nur zur eigenen Körperhaftigkeit, sondern zur eigenen Geschichte kennzeichnet, beeinflusst im innerpsychischen Raum zutiefst dessen Ichwerdung, je nachdem, wie sehr das Kind sich dabei „gehalten“ oder alleingelassen fühlt. Diese erste Erfahrung prägt sein sicheres oder sein unsicheres inneres Wissen um sein Ich und sein Selbst, um die Qualität seines unaustauschbaren Selbstwerts. Und es ist diese im Unbewussten gespeicherte Erfahrung einer guten und stärkenden Abgrenzung oder einer nur schmerzlichen und frustrierenden, die aus den frühesten Beziehungen zur Mutter oder zu einem Mutterersatzobjekt erwächst, die gewissermassen alle nachfolgenden Beziehungen konditioniert, insbesondere jene zum Vater oder zu einem väterlichen Ersatzobjekt. Und ganz früh schon entstehen daraus die bestimmenden Grundgefühle von Sicherheit und Vertrauen, oder von Angst, Verlassenheit und Selbstablehnung, die später wie eine psychische Grundstimmung ständig spürbar sein werden.

Psyche und Körper, Innen und Aussen, sowohl die genetisch codierten und vererbten Eigenschaften – etwa Körpergrösse und -gestalt, Augen-, Haar- und Hautfarbe, praktisch alle Körpereigenschaften – wie das im Unbewussten gespeicherte relationale Individuelle, sind nicht nur die ersten Grenzen und Grenzerfahrungen des Kindes, sondern sie prägen als nicht wählbare Voraussetzung das ganze Leben. Sie sind allerdings nicht einfach starr und unverrückbar. Viele von ihnen sind unterschiedlich veränderbar, so im innerpsychischen Raum, zu welchem nicht nur die emotionalen, sondern auch die rationalen und intellektuellen Fähigkeiten zählen. Sie sind veränderbar durch Lernen, durch neue Erfahrungen, sowohl im Beziehungsgeschehen wie im Weltbezug, etwa durch unterstützendes und stärkendes Verstehen, manchmal auch durch realitätsschaffenden Widerstand, vor allem durch die Erfahrung des Angenommenseins, andererseits durch Enttäuschung und Entmutigung, durch Beziehungsverluste und durch lebensbedrohende Traumatisierungen. Nicht nur im psychischen, auch im körperlichen Prozess finden diese Veränderungen statt, durch Wachsen, durch Älter- und Stärkerwerden, umgekehrt durch Krankheiten, durch den Verlust oder die Einbusse körperlicher Fähigkeiten, durch Abbau und Schwäche.

Die körperlichen und psychischen Grenzen haben in erster Linie Schutzfunktionen. Sie schützen – de-finieren (lat  finis die Grenze) – das, was die persönliche Norm, das persönliche Mass (lat, norma das Mass, das Winkelmass, die Richtschnur) des einzelnen Menschen ist, seine individuelle „Normalität“. (Dass der Begriff „Normlität“ sowohl im wissenschaftlichen wie im alltäglichen Gebrauch sich nicht mehr auf die individuelle Norm bezieht, sondern ein statistisches Durchschnittsmass der Unauffälligkeit bezeichnet, scheint mir verhängnisvoll zu sein und jener Gleichschaltung von Menschen mit Fabrikaten Vorschub zu leisten, die mit den neuen microbiologischen und medizinischen Technologien zunehmend bedrohlicher wird). Dass unsere Grenzen in erster Linie Schutzfunktionen haben, spüren wir selber deutlich, von der frühen Kindheit an, als warnende innere Stimme, als Gefühl der Scham, der Angst, der Vorsicht und des Misstrauen, kurz des Widerstandes, oder da, wo sie ausgeweitet werden dürfen, als Lust und Neugier, als Tatendrang und als Mut, vor allem als Bewusstsein um unsere Fähigkeiten. Wie wichtig der Respekt der Grenzen ist, zeigt sich bei deren Verletzung und Überschreitung. Was wir als Leiden erfahren, ist die von Aussen oder von innen zugefügte Verletzung oder die mutwillige, rücksichtslose, schlecht vorbereitete oder gar unbefugte Nichtbeachtung oder Überschreitung der Grenzen.

Ich will mit einer knappen Geschichte schildern, was ich mit diesen – vielleicht ein wenig gar theoretischen – Ausführungen meine. Eine junge Frau meldete sich vor einigen Wochen aus dem Ausland zu einer Abklärung an, 23 Jahre alt, kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung als Sonderpädagogin, die zweite und jüngste Tochter eines Ehepaars, das seit der Geburt der Kinder an vielen Orten in der Welt gelebt hatte. Was sofort auffiel, war die körperliche Gestalt der jungen Frau, eine mit Kleidern kaum eingrenzbare Körperfülle und eine nach vorn geneigte, sich beschämt einkrümmende Körperhaltung, im fast konturenlosen Gesicht wache und zugleich ängstliche Augen hinter einer eng anliegenden, nickelgefassten Brille sowie ein kindlich wirkender Mund mit einem schnell bereiten scheuen Lächeln. Als ich sie auf ihren – her seltenen – Namen ansprach, antwortete sie sofort, der Name sei für sie ein Problem, sie habe ihn nie gemocht, aber sie habe sich nun ein Buch gekauft, in welchem die Bedeutung aller Namen aufgezeichnet sei, und zu ihrer Überraschung habe sie festgestellt, dass viele Eigenschaften, die ihrem Namen zugesprochen seien, mit ihren Eigenschaften übereinstimmten. Darauf sagte ich vorsichtig, dass sie also auf dem Weg sei, ihren Namen zu akzeptieren? – und ob sie mit dem Namen vielleicht auch einen Weg finden möchte, sich selber zu akzeptieren? Sie errötete, die Augen hinter Brillengläsern füllten sich mit Tränen, und nicht nur der Blick, die ganze Gestalt schien sich aufzulösen, und sie sagte leise, das sei noch ein weiter, weiter Weg. Allmählich erfuhr ich, dass der Vater der jungen Frau sein ganzes Erwachsenenleben als Bauführer auf Risikobaustellen – Kraftwerkbau, Erdgasförderanlagen und ähnliches – in verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens gearbeitet hatte; er steht heute kurz vor der Pensionierung. Die Mutter starb vor acht Jahren an Krebs, nach einer – ebenfalls – achtjährigen Krankheitsdauer, als C. 14 Jahre alt war. Bei ihrer Geburt, die von beiden Elternteilen sehr herbeigewünscht worden war, zeigte sich allerdings als schwere Begleiterscheinung ihres Zurweltkommens, dass sie nicht als Mädchen, sondern als Knabe erwartet worden war, und zwar so zweifelsfrei, dass die Eltern für das neugeborene Mädchen keinen Namen vorbereitet hatten, und das Kind in der Folge während mehreren Tagen ohne Namen war. Schliesslich gab eine Nonne, die im Spital als Säuglingsschwester arbeitete, der Mutter einen Kalender in die Hand und hielt sie an, für das Kind einen Namen zu wählen.

Das Grundleiden der jungen Frau ist, in ihrer eigenen Persönlichkeit nicht benannt, nicht anerkannt, nicht „definiert“ worden zu sein, wie ein Niemandsland mit ungesicherten Grenzen und dadurch mit völlig unsicherem Eigenmass, mit einer ungesicherten eigenen Norm, mit einer dadurch gefährdeten und prekären eigenen „Normalität“. Ihr Grundleiden ist ein Hungerleiden, psychisch und körperlich, eine unstillbare und entgrenzte Sehnsucht danach, komplett zu sein: ausgefüllt und dadurch abgegrenzt, in dieser Abgrenzung spürbar in sich selber sicher zu sein. All dies blieb ihr verwehrt, obwohl ihre Eltern, wie sie selber sagt, sie liebten, obwohl auch nach dem Tod der Mutter ihr Vater sie nie im Stich liess. Täglich rufe sie ihn an, und alles, was sie brauche, Rat und Geld und Unterstützung erhalte sie von ihm. Die Frage,die sich erst im Lauf einer sorfältigen Therapie würde klären können, ist, ob das Übermass an Zuwendung und Fürsorge, das der Vater ihr entgegenbringt, nicht aus der Hilflosigkeit des Mitleids erwächst, das wiederum bewirkt, dass ihr jene Nahrung, nach der sie hungert, vorenthalten bleibt: die Möglichkeit der Eigendefinition, die, weil sie Abgrenzung bedeutet, auch die Trennung (vom mütterlich Symbiotischen) anerkennen können müsste, sodann den Widerstand als Realitätserfahrung, weil sonst die entgrenzte, nie stillbare Leere – die persönliche Undefiniertheit – anhält und immer bedrohlicher wird.

Was sich in der psychoanalytischen Klärung von „Grenze“ und „Grenzen“ anzeigt, bestätigt sich in allen weiteren Zusammenhängen des In-der-Welt-seins und des Zusammenlebens der Menschen, die je individuell die eben geschilderten Primärprozesse der Abgrenzung erleben, die aber in ihren Zusammenschlüssen, als Kollektive, wiederum das Bedürfnis nach grösseren Abgrenzungen – und dadurch nach Ausgrenzungen – haben. Interessant ist festzustellen, dass dass sich sofort, wenn von „Grenzen“ die Rede ist, eine wachere Aufmerksamkeit einstellt, dass anscheinend nichts, was mit „Grenzen“ zu tun  hat, trivial ist. Wenn wir uns selber sagen hören, dasss wir „an unsere Grenzen stossen“, oder dass wir uns „grenzenlos ärgern“, oder dass wir uns „ausgegrenzt fühlen“, aber auch, wenn wir lesen, dass Mazedonien seine Grenzen für die kosova-albanischen Vertriebenen geschlossen hat, oder dass die Schweiz ihre Grenzen vor Flüchtlingen mit Militär zu sichern gedenkt, so wird immer etwas Empfindliches in unserer inneren Wahrnehmung gestreift, das auf unausgesprochene Weise um die Bedeutung von Grenzen weiss. Ich möchte von Innen nach Aussen vorrücken, im Folgenden nun auf die alltägliche Auseinandersetzung mit Grenzen zu sprechen kommen, um anschliessend in einem dritten Teil die Frage der Ausgrenzung und damit der Definitionsmacht – der Grenzsetzungsmacht – zu thematisieren.

Eingangs sagte ich, dass Grenzen sich dadurch kennzeichnen, dass sie immer ein Diesseits und ein Jenseits haben. Sie können dabei fliessend sein, wie hier in Europa die Dämmerung, der Übergang  zwischen Tag und Nacht, oder sie können Abbruchkanten sein, eine Linie vor dem Abgrund.  Wir kennen im Alltäglichen eine Vielzahl von Grenzen, etwa Grenzen der Leistungsfähigkeit, die sich durch Müdigkeit oder gar durch Erschöpfung anzeigen, oder Grenzen des Duldens und Leidens, Schmerzgrenzen, deren Überschreitung Kontrollverlust und Ohnmacht bewirken, oder Grenzen der Toleranz zum Beispiel im Politischen, die durch Rassismus oder durch andere Arten des Angriffs verletzt werden, oder Grenzen des Verstehens, auch Grenzen der Sprache, d.h. des Mitteilenkönnens dessen, was sich der Sprache entzieht, was jenseits der Worte, auch jenseits des unmittelbaren Ausdrucks ist.

Der Handlungsspielraum und der Erfahrungsbereich, der im Aktiven wie im Passiven dem einzelnen Menschen offensteht, bis er an seine/ihre Grenzen gelangt, ist nicht nur unterschiedlich weit, sondern hat auch unterschiedlich begehbar. Wenn die Grenzen nicht klar sind, oder wenn sie durchbrochen oder verletzt wurden, ist der Weg häufig verschüttet oder verbarrikadiert. Das Unbewusste wendet alle möglichen Abwehrdispositive an, um die „Ansicht“ der Verletzungen zu verwehren. Zumeist sind diese Abwehrvorkehrungen untauglich und schaffen neues Leiden, wie dies etwa bei der Adipositas der jungen Frau, deren Geschichte ich geschildert habe, der Fall ist. Therapien, insbesondere Traumatherapien, sind sachte geführte Wanderungen zurück zum Ort des Schmerzes, bei denen vorweg die vom Unbewussten zu Schutzzwecken aufgebauten Barrikaden abgebaut werden müssen, was zugleich ängstigt und weh tut, aber auch stärkend und befreiend wirkt. Ohne ganz nah an dioe Verletzung heranzukommen, lässt sich das, was jenseits der eingebrochenen, der beschädigten oder der mangelnden Grenze ist, nicht erkennen. Häufig sind es starke, lebenszustimmende Ressourcen, die erlauben, die traumatisierenden Erfahrungen in das vielfältige Leben zu integrieren. Die schweren seelischen Verletzungen lassen sich dadurch nicht auflösen, aber sie können durch den therapeutischen Weg ihre alles bestimmende krankmachende Dominanz verlieren.

Um die Bedeutung der individuellen inneren und äussseren Grenzen gut zu verstehen, ist es nützlich, diese mit anderen Grenzen zu vergleichen. Die gebräuchlichste und – vordergründig –  unproblematischste Verwendung von Grenzen geschieht im buchstäblich räumlichen Bereich, ob es sich um die Schwelle zwischen dem Innern und dem Äusseren des Hauses handelt, oder um die Abgrenzung privater Grundstücke durch einen Zaun oder um die Abgrenzung öffentlicher Territorien, um Gemeinde-, Kantons- oder Landesgrenzen. Diese Grenzen machen  deutlich, dass die Menschen das In-der-Welt-sein tatsächlich räumlich verstehen, dass sie abgegrenzte Räume brauchen, nicht nur private Räume, sondern auch öffentliche, politisch definierte, die zu betreten es eines besonderes Rechts oder einer besonderen Genehmigung bedarf, einer besonderen Identität oder besonderer “Identitätspapiere”. Die Abgrenzung – Eingrenzung und Ausgrenzung – sowohl des privaten wie des politischen, des nationalen Raums soll in erster Linie der Sicherheit dienen. “Sicherheit” jedoch wird ausschliesslich durch Bedrohungsszenarien definiert, die sich aus dem Anderssein, aus Differenz und Differenzen konstituieren.

Differenz wird somit in erster Linie benötigt, um Identität zu konstruieren. Unter “Identität” wird ja so etwas wie eine uneingeschränkte Gleichheit mit sich selbst verstanden, welche sich durch klare Ungleichheit, durch klare Differenz von einer anderen Identität abgrenzt. Wenn zum Beispiel von “Identitätspapieren” die Rede ist, welche berechtigen oder ev. nicht berechtigen, eine Grenze zu überschreiten, so müssen wir zu Recht fragen, um welche “Identität”, resp. um welche “Gleichheit” es sich dabei handle.  Gleichheit zwischen wem und wem, oder zwischen wem und was? Bei der gleichen Staatsbürgerschaft etwa geht es um ein erwerbbares, ja häufig sogar käufliches Recht, das allein während einer Lebenszeit mehrmals gewechselt werden kann. Es handelt sich somit um eine Variable von ausschliesslich funktionalem Wert. Dasselbe kann von der Religion gesagt werden oder von der so verhängnisvollen und fragwürdigen Begriffskonstruktion “Rasse” oder „Ethnie“, ja selbst vom Geschlecht. Jede dieser “Identitätskategorien” weist für jedes einzelne Individuum, das eine oder mehrere davon für sich beansprucht oder das durch eine oder mehrer determiniert wird, eine Fülle von Differenzen auf, nicht nur wenn das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod betrachtet wird, sondern selbst wenn nur ein einzelner bestimmter Tag oder ein einzelner bestimmter Moment  in den Blick fällt. Immer ist das, was als Identität erscheint, ein Zugleich vielfältigster, ja sogar widersprüchlichster Differenzen im einen und gleichen Individuum. So kann “Identität” eigentlich nur als ständig sich verändernde Summe der Differenzen oder als Prozess verstanden werden, der im abgegrenzten Selbst besser oder schlechter integriert ist.

Was allerdings “identisch” ist bei allen Menschen, unabhängig von ihren unterschiedlichen “Identitätspapieren”, ist die existentielle Begrenztheit in der Zeitlichkeit sowie die gegenseitige Abhängigkeit voneinander in der Stillung der wichtigen Bedürfnisse, zu welchen nicht zuletzt der Respekt vor der Freiheit gehört, die eigenen inneren Grenzen zu benennen, die Grenzen des Erträglichen und des Unerträglichen, des Zumutbaren und des Unzumutbaren.

Wenn ich sage, dass Zeitlichkeit unsere Existenz defininiert, so wiederhole ich in der Sprache der Philosophie, was ich eingangs in der Sprache der Psychoanalyse erklärte, dass zugleich Gebürtlichkeit (natalité) und Sterblichkeit (mortalité) die Existenz begrenzen, sowohl das Anfangenkönnen als Ich und als Du, in der Selbstbeziehung wie in der Beziehung mit anderen, wobei gerade in dieser Befähigung zum Anfangkönnen die Befähigung zur Freiheit liegt, wie Hannah Arendt festhält. Mit der existentiellen Eingrenzung des Menschen in der Zeitlichkeit hängt das In-der-Welt-sein, die „Welthaftigkeit“ des Menschen, die immer auch durch räumliche Komponenten definiert ist, durch einen Platz in der Welt, der nicht nur Geschichte, Herkunft, Familie und dadurch eine gnerationenübergreifende Geschichte bedeutet, sondern auch Ort und Land, d.h. abgegrenzte Zugehörigkeit innerhalb definierter Grenzen, sowie Handlungsmöglichkeiten innerhalb bestimmter, definierter Einschränkungen, welche die Verfassung und die Gesetze eines Landes bedeuten.

Die subjektive Empfindung der Zeit blieb sich seit den Anfängen der Menschheit gleich, unbesehen der Tatsache, dass mit dem Aufkommen der Kapitalbildung auch die Zeit zur Ressource wurde, jedoch zur ungleich wertvollen oder wertlosen Ressource, je nach dem sozialem Rang der Menschen, deren Existenzzeit als Arbeitszeit gewertet wird,  und je nach dem sozialem Prestige der geleisteten Arbeit. Diese ungleiche Wertdefinition der Zeit – Arbeitszeit ist Existenzzeit – bedeutet eine folgenschwere äussere (und innere) Grenzziehung zwischen den Menschen. Sie impliziert den Skandal der ungleichen Existenzwert der Menschen und liegt letztlich den sozialen Klassen und der damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeit zugrunde.

Beide Existenzbedingungen, Raum und Zeit, sind zugleich individuelle Bedingungen des einzelnen Menschen und Bedingungen aller Menschen. Sie gelten für mich und sie gelten, unabtrennbar voneinander,  für die Pluralität der Menschen in der Gleichzeitigkeit ihres In-der-Welt-seins.  Die Tatsache der Gleichzeitigkeit der unzählbar vielen Menschen in der Welt , von denen ein jeder, eine jede einerseits mit der Befähigung zur Freiheit begabt ist, damit zur Sprache und zur Partizipation an der Macht, d.h. nicht nur zum privaten, sondern auch zum politischen Tätigsein, von denen andererseits jeder und jede Grundbedürfnisse haben, deren Stillung die Menschen gegenseitig  voneinander abhängig werden lässt, diese Tatsache der Gleichzeitigkeit schafft die Notwendigkeit von Regeln, von Gesetzen. Gesetze sind Grenzen im sozialen und im politischen Raum. Sie grenzen die Freiheit des einzelnen Menschen zu gunsten der Freiheit jedes anderen Menschen ein und dienen zugleich der geregelten Erfüllung der Grundbedürfnisse aller. Die ursprüngliche Notwendigkeit für die Regelsetzung, resp. für die Verfassung- und Gesetzgebung, ergab sich aus der Erkenntnis, (1) dass die individuellen Existenzbedingungen von Zeitlichkeit und Räumlichkeit mit den Existenzbedingungen der vielen vereinbar gemacht werden müssen, damit auch das schwächste Individuum innerhalb der vielen nicht zu kurz komme; (2) aus der Erkenntnis, dass die Menschen zum Missbrauch ihrer Handlungsmöglichkeiten neigen, d.h. dazu neigen, Grenzverletzungen zu begehen. Sowohl das gesellschaftliche Regelsystem, das wir “Konventionen” nennen, wie das politische, das aus Verfassung und Gesetzen besteht,  bilden jene Grammatik des Zusammenlebens, welche die schwer vereinbaren Voraussetzungen von Zeitlichkeit (resp. Freiheit) und Räumlichkeit (resp.Welthaftigkeit) in Hinblick auf den möglichst grossen Nutzen (oder den möglichst kleinen Schaden) sowohl für jedes Mitglied der grossen menschlichen Gesellschaft wie für die Allgemeinheit verbinden soll, damit dieser möglichst grosse individuelle Nutzen zugleich dem möglichst grossen allgemeinen Nutzen entspreche.

Worin besteht jedoch dieser Nutzen? Die jahrtausendalte Kultur- und Machtgeschichte war zwar vor allem eine Geschichte der trügerischen Nutzendefinitionen bis in die jüngste Zeit, eine Geschichte der Herrschaft weniger über viele, eine Geschichte der Unterdrückung und des Leidens, des vielfachen individuellen wie des kollektiven Leidens. „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein“, schrieb Walter Benjamin 1940 im Exil in Paris, wenige Monate, bevor er sich das Leben nahm, da er den Versuch, vor den Nazis über die Pyrenäen nach Spanien zu flüchten, als gescheitert ansah. Im Lauf der Geschichte wurden u.a. die nationalen Grenzen festgelegt, welche die Rechte, die Bewegungs- und Tätigkeitsmöglichkeit von vielen auf einschränkende Weise bestimmen und zugleich schützen, indem sie andere davon ausschliessen. Die nationalen Grenzen kamen zumeist als Resultat von Kriegen, deren Gegenstand sie waren, oder seltener als Resultat von Verhandlungen zwischen wenigen zustande, welche die Bedürfnisse der vielen einzelnen kaum berücksichtigen. Selbst unsere nationalen Grenzen, die wir heute ohne besondere Probleme überschreiten, sind – abgesehen von den Kontrollposten an der Strasse oder den Zollbeamten im Zug – von Auge nicht ersichtlich, und trotzdem sind es tatsächliche Grenzen zwischen je zwei Nationen, zwischen je zwei Staaten, Grenzen, um welche ebenfalls Kriege geführt wurden und welche selbst in der Schweiz vor noch nicht langer Zeit, vor nur fünf Jahrzehnten, Grenzen zwischen Leben und Tod waren. Die “passeurs” und “passeuses”, welche es wagten, unter eigener Lebensgefahr gehetzte und gejagte Menschen aus einer Situation der tödlichen Bedrohung über die Grenze zu führen, wussten, wie real sie war.

Diese lange Geschichte war jedoch in der Gleichzeitigkeit der Geschichten auch immer geprägt durch Neubeginn, d.h. durch ein Neubesinnen auf die Chancen der Freiheit für ein besseres Zusammenleben, und damit der Neudefinition von Regeln, welche  eine gerechtere Stillung der massgeblichen geistigen und materiellen Bedürfnisse der vielen erlauben sollte. Wir stehen heute in Europa einmal mehr in einer unruhigen Gleichzeitigkeit sowohl der erneuten Ausgrenzungen wie des transnationalen Zusammenschlusses, erneut mitten in einem Krieg, in dem es um Identität und Differenz geht – womit die Machthaber an den Schreibtischen wie in den Dörfern und Städten die „ethnischen Säuberungen“ vordergründig legitimieren -, sowie der bekundeten Übereinstimmung von Staaten, die sich während Jahrhunderten gegenseitig ausgegrenzt und befeindet hatten.

Als optimale Übereinstimmung von möglichst grossem individuellem Nutzen und möglichst grossem allgemeinem Nutzen erscheint ein Wert alle anderen in den Schatten zu stellen: Sicherheit. Sicherheit lässt sich im Kollektiven nur negativ definieren, nur durch Aufzählung der Verunsicherungen, die es auszuschalten gilt: wirtschaftliche, politische, ökologische, letztlich existentielle Verunsicherungen. Was auf existentieller Ebene einerseits durch kommerzielle Angebote von Versicherungen (gegen Einbruch, Diebstahl, Unfall, Todesfall etc.) angeboten wird, andererseits durch solidarische, gesamtgesellschaftliche Vertragswerke (z.B. die Alters- und Invalidenversicherung) erkämpft wurde, soll eine Begrenzung der Leidensfolgen der “condition humaine”, d.h. der mit der Zeitlichkeit – Sterblichkeit – verbundenen Unvorhersehbarkeit bewirken. Auf nationaler Ebene gewährleistet einerseits die Verfassung die Rechtssicherheit der Bürgerinnen und Bürger, andererseits soll gleichzeitig durch institutionelle Massnahmen, etwa durch Polizei, durch Grenzbeamte und durch Armeen, Sicherheit durch Abschreckung oder Ausschaltung irgendwie definierter Feinde garantiert werden. Was aussteht, ist eine transnationale Garantie  für die Sicherheit der personalen und politischen Rechte aller Menschen. Nach wie vor leben Millionen von Kindern, Frauen und Männern allein in Europa – Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, gesellschaftlich “Marginalisierte”, insbesondere Obdachlose, Langzeitarbeitslose und sog. “drop outs”, zum Teil auch körperlich behinderte Menschen – in einer Situation der höchst prekären existentiellen Verunsicherung.

„Auf der äussersten Spitze der landzunge

Ausgangsverbot

Abgrund droht süchtiger Schwerkraft.

Franziskus-Baalschem übersteigen heiliges Fasten

Glänzen im Nichts –

Der Ölberg betet mit mit dem einzigen Schrei

Der dem Stein ein Herz zerriss

Musik der Agonie

Ins Ohr des Universums

Das mit Welten Stigmatisierte

Entzündet seine Umgangssprache[21]“.

 

Vierte Vorlesung

Suchtflucht – eine Dimension des Überlebens

„Ein gleichbleibendes Leiden wird nach einer gewissen Zeit unerträglich, weil die Energie, die es ertragen lässt, erschöpft ist. Es stimmt also nicht, dass vergangenes Leiden nicht mehr zählt.“ (Simone Weil)[22]

Es kommt nicht von ungefähr, dass ich mit einer Textstelle aus den Aufzeichnungen Simone Weils beginne. Diese Aufzeichnungen aus den sog. „ Cahiers“ („Arbeitsheften“) dokumentieren die letzten Lebensjahre der französischen Philosophin, d.h. die Jahre 1941 bis 1943, nachdem sie zusammen mit ihren Eltern und mit Tausenden jüdischer Menschen vor der anrückenden deutschen Besetzungsmacht Paris verlassen und über Vichy und Toulouse nach Marseille fliehen musste, in der Hoffnung, von dort nach Übersee zu gelangen. Am 14. Mai 1942 schiffte sich Simone Weil nach Casablanca ein und von dort nach New York. Doch New York war nur eine Zwischenstation. Am 10. November verliess sie die USA wieder und erreichte nach ca. zwei Wochen Schiffsreise Südengland. Mitte Dezember 1942 gelangte sie schliesslich nach London und schloss sich dem Kreis von France libre an, zu welchem ehemalige Studienkollegen gehörten, darunter Maurice Schumann, mit welchem sie von New York aus Verbindung aufgenommen hatte. Im Auftrag der französischen Widerstandregierung begann sie, ein Buch über die politische und gesellschaftliche Neuordnung Frankreichs nach dem Krieg zu schreiben[23]. Sie erkrankte an Tuberkulose, wies jede medizinische Behandlung zurück und starb am 24. August 1943 in Ashford/Kent. Gemäss dem offiziellen Totenschein war die Todesursache „Herzversagen durch Herzmuskelschwäche, hervorgerufen durch mangelhafte Ernährung und Lungentuberkulose. Die Verstorbene hat sich selber getötet und zerstört, indem sie sich in einer Phase von Geistesgestörtheit weigerte zu essen“.

Simone Weil war eine Süchtige, erkenntnis-, wahrheits- und gerechtigkeitssüchtig. Und ihre Droge waren das Denken und die Askese, masslos, bis zum Tode. Sie konnte davon nicht absehen, ja, das Denken und Sich-Versenken in die Fragen und Geheimnisse des Nicht-Erkennbaren waren die einzige Nahrung, die sie noch zuliess. Und da sie die eigentliche Nahrung, die ihren Hunger hätte stillen können, nicht fand, starb sie, der medizinischen Diagnose zufolge an einer psychotischen Nahrungsverweigerung, tatsächlich vielleicht an einer Transzendenzsucht, die zu einer radikalen Ablehnung des Essens und des Lebens überhaupt führte, zu einer radikalen Verneinung der Libido. Hinter ihrer Sucht aber stand ein Leiden, das zu verstehen die Philosophie nicht genügt.[24] Ich versuche, als Psychoanalytikerin zu verstehen, was sich der Philosophie entzieht und eine Antwort zzu finden auf die Frage, was geschieht, wenn „die Energie, die das Leiden ertragen lässt, erschöpft ist“.

Die Frage, die Sie vermutlich beschäftigt, ist, ob es etwas Gemeinsames gibt zwischen Simone Weil und den suchtkranken, drogenabhängigen jungen Menschen, die Sie kennen und begleiten. Ich meine, dass es, neben ungezählten entscheidenden Differenzen, etwas Gemeinsames gibt. Es ist das der Suchtkrankheit zugrundeliegende Leiden, ein je biographisch bedingtes seelisches Leiden, das die Psyche allein nicht mehr bewältigen kann, weil ihre Energie erschöpft ist,  und von welchem sie daher Bewältigungsanteile an den Körper delegiert.

Das primäre „Hungerleiden“

Bei allen Suchtkranken ist das Primärleiden in irgend einer Form ein „Hungerleiden“[25].Aus multiplen Gründen, auf die ich eingehen werde, können die wichtigsten psychischen Bedürfnisse eines Kindes in dessen primärer Beziehungskonstellation – Mutter, Vater, das familiäre Umfeld – nicht gestillt werden. Daraus erwächst ein quälender emotionaler Hunger, ein Hunger nach anerkennender, stützender und in keiner Weise missbrauchender Liebe, Hunger nach einer Beziehungserfahrung, in welcher das hungernde Ich sich seiner selbst sicher und dadurch sich selber gegenüber zustimmungsfähig werden könnte, Hunger nach Aufhebung der Einsamkeit und Verlorenheit, Hunger nach sinnvoller Gestaltung des Lebens. Das Leiden, das aus dem ungestillten Hunger erwächst, kann durch die verfügbaren psychischen Energien, deren Quell die – zumeist prekäre – Ichstärke ist, kaum lange ertragen werden, wenn es nicht in irgend einer Form abgewehrt wird, schon in der Phase der frühkindlichen Entwicklung (s. das sog. Hospitalismus-Syndrom, Enuresis, Nahrungsverweigerung, Stottern oder Sprachverweigerung, masslose Wutausbrüche oder unerklärliche Ekzemanfälligkeit etc.).

Unbestritten ist, dass bei allen Suchtkranken die Anfänge des Leidens in die früheste Kindheit zurückgehen, in die primären Beziehungserfahrungen, die zum Teil traumatisierend wirkten und deren psychokausale Erklärung wiederum in den frühen und späteren Beziehungserfahrungen der Eltern liegen, so dass das einzelne Leben mit seiner spezifischen und unaustauschbaren Geschichte immer auch als Teil einer generationenübergreifenden Geschlechtergeschichte gesehen werden muss, in welcher Mangelerfahrungen und Unglück häufig von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Die Möglichkeiten einer analytischen Therapie bestehen darin, diese Anfänge aus dem Dunkel des Unbewussten – aus der Verdrängung – zu befreien, sie bewusst zu machen und sie dadurch in die Geschichte des Überlebens zu integrieren, d.h. diese verstehbar zu machen als eine Geschichte der vielen mehr oder weniger tauglichen oder untauglichen Entscheide, die alle als Abwehrmassnahmen des primären Leidens – und eventueller späterer Leidenserfahrungen – aus der schier unbegrenzten Kreativität des Unbewussten getroffen wurden. Zugleich aber kann die analytische Therapie der Geschichte eine neue Wendung geben, indem zwanghafte Wiederholungen nicht länger mehr nötig erscheinen und allmählich dank einer zunehmenden Ichstärke nicht mehr erfolgen. Das Geheimnis der Freiheit, von welcher im theoretischen philosophischen Diskurs so viel die Rede ist, offenbart sich mir im – oftmals schwierig erkämpften, über zahlreiche Widerstände scheinbar immer wieder in Frage gestellten – therapeutischen Erfolg, der, in irgend einer Form, einen Neuanfang ermöglicht.

Wie es im Lauf der Geschichte der Leidensabwehr zum Konsum beruhigender, betäubender, stimulierender oder wahrnehmungsverändernder Drogen kommt, und wie sich dieser Konsum zur – wiederum leidensbesetzten – Abhängigkeit entwickelt, warum sich nicht eine andere Form der Abwehr erarbeiten liess, ist nicht zuletzt abhängig von vielen Faktoren, die in den entscheidenden Momenten – in der Pubertät, in der Adoleszenz, in Momenten der Krise – im Lebensumfeld der späteren Suchtkranken zusammenspielen.  Es handelt sich um Spielvariationen der Abwehrkreativität. Zu den entscheidenden Faktoren gehören die Wahl und der Einfluss von „peer groups“, die Verfügbarkeit von Drogen durch Markt- oder Trendangebote, das jeweilige familiäre und kulturelle Umfeld etc. -, Faktoren, mit welchen in diesen Momenten die späteren Suchtkranken bereit sind, sich in eine Kollusion (ludere, colludere: mit-, zusammenspielen) zu begeben, auf Grund der Illusion (illudere: in sich hineinspielen, phantasieren), dadurch aus dem Lebensunbehagen, dem Lebensunglück austreten zu können. Dass dies so nicht gelingen kann, ist jedesmal nach dem Abklingen der drogenspezifischen Wirkung die ernüchternde, quälende und schliesslich unerträgliche Desillusion (desilludere: ent-spielen, ent-phantasieren, das Spiel verderben), eine Erfahrung der Ernüchterung und der Konfrontation mit der eigenen Realität, wie sie ist, resp. der „Spiel“enttäuschung und des „Spiel“verlusts, eine Erfahrung, die so qualvoll ist, dass sie das dahinterliegende Grundleiden in seiner Komplexität überdeckt und vordergründig zum Hauptleiden wird. Die Vermeidung dieser unerträglich schmerzhaften Desillusion wird in seiner Dringlichkeit zum Hauptanliegen der – nun mehr – Süchtigen, ein Anliegen, das jede andere Tätigkeit, jedes andere Streben begleitet, überdeckt oder sogar mehr und mehr ausschaltet. So kommt es, dass eine vielfache Leidensgeschichte auf deren benennbare, auch gesellschaftlich kategorisierbare Abwehrform hin reduziert wird: als Drogenabhängigkeit.

Im Stich gelassen, übergangen, benutzt, überfordert und vielfach bedroht.

Die Kindheitsgeschichten suchtkranker Menschen sind vielfältig geprägt durch psychische Entbehrungen, durch Erfahrungen emotionaler Überforderung, Missachtung oder gar Verachtung, durch Beziehungsverrat und Im-Stich-gelassen-werden. Während die einen Kindheiten durch ungewöhnliche, auch äussere Gewaltereignisse und Traumatisierungen erschüttert sind, sei es durch sexuellen Missbrauch, sei es durch vielfache, häufig als „Disziplinarmassnahmen“ beschönigte Quälereien, durch externalisierte oder versteckte, psychisch aber nicht minder spürbare Aggressivität in all ihren Formen, sind andere Kindheiten äusserlich vielleicht gut situiert und weniger auffällig, doch dadurch nicht weniger verhängnisvoll geprägt durch den Mangel an verlässlichen inneren und äusseren Strukturen, an sicheren Grenzen und haltenden Erfahrungen, oder durch eine erstickende Beziehungsabhängigkeit, die der Ich-Entfaltung des Kindes keinen Raum lässt, die ich fusionelle „Psychophagie“ nenne. Häufig fühlen sich Kinder und Jugendliche allein gelassen und in grosser Beziehungsnot, insbesondere in den wichtigen Entwicklungsphasen und -krisen, infolge tatsächlicher oder emotionaler Abwesenheit beider Eltern oder eines Elternteils, ob durch deren eigene psychische Not (z.B. Depressionen, schwere Krankheiten etc.) oder durch rücksichtslose Ablehnung von Verantwortung und Sorge, sei es durch unklare und verlogene, rivalisierende, lieblose oder unredliche, macht- und rachebesetzte Gefühlsverhältnisse zwischen den Eltern, sowie in der Folge zwischen dem Patienten/der Patientin als Kind und einem oder beiden Elternteilen.

Alle Kindheitsgeschichten von Suchtkranken sind daher, so oder so, je persönliche psychische Mangel- oder „Hunger“geschichten, deprimierende Leidensgeschichten, wie ich schon erwähnt habe. Und jede dieser persönlichen Geschichten ist, zusätzlich zu den familiären Herkunftsbedingungen und zur individuellen Geschichte des Patienten/der Patientin, durch die gesellschaftlichen Bedingungen mitdefiniert, in welchen die Familie verortet ist, durch Weltbilder, Ideologien, kollektive äussere Ereignisse, politische, wirtschaftliche, weltanschauliche und standesmässige Bedingungen etc. Es ist somit nicht eine einfache Kausalität, die zu Drogenabhängigkeit führt, auch wenn der ausschlaggebende Faktor der Drogenkonsum selber ist, sondern ein komplex vernetztes externes und innerpsychisches System, das, wie dies zahlreiche klinische Studien bewiesen haben[26], dazu führt, dass die innerpsychische Leidensabwehr destruktiv wird, dass der emotionale Hunger, dass Wut, Scham oder Rachebedürfnisse sich externalisieren, resp. sich äussere, über den Körper zuführbare Mittel der – scheinbaren – Befriedung, Dämpfung oder Erfüllung suchen, sich aber dadurch häufig verstärken, nicht zuletzt weil zu den psychischen zwanghaften Abwehrphaenomenen die körperliche Abhängigkeit und eine durch die Illegalität der Beschaffung verursachte zusätzliche Situation der ständigen physischen und psychischen Bedrohtheit hinzukommt. Léon Wurmser hält fest[27]: „Im grossen und ganzen ist das Symptom des Drogenkonsums auf Seiten des Kindes ein Derivat der gesamten Familienhaltung der Unbeständigkeit, Selbstbezogenheit und, besonders bedeutsam, der inneren und äusseren Unaufrichtigkeit. (…) Die hierarchische Struktur und Autorität innerhalb der Familie ist aufgespalten, untergraben, verwischt, zerbrochen. Alle Grenzen und Begrenzungen verschieben sich, sind unzuverlässig und verschwommen und werden überschritten.“

Verortung der Einzelgeschichte in der kollektiven Geschichte

Was den zeitgeschichtlichen Hintergrund der heutigen suchtkranken jungen Menschen betrifft, so erscheint es mir bedeutungsvoll, dass das letzte Viertel unseres Jahrhunderts durch einen generellen Verlust an verlässlichen, konfliktresistenten Beziehungen auch im Gesellschaftlichen und Politischen gekennzeichnet ist, resp. durch eine öffentlich „legitimierte“ und praktizierte, generelle Verachtung der Würde und des unverfügbaren Werts der Menschen und ihrer Beziehungen. Das begann schon zu Beginn unseres jahrhunderts und steigerte sich in den 30er- und 40er Jahren, als „Kulturnationen“ den Lebenswert und die Lebensberechtigung von Menschen systematisch relativiert und Kategorien von „Übermenschen“ und von „Untermenschen“ geschaffen haben. Seit damals wurde die systematische Erniedrigung, Ausgrenzung und Tötung von Millionen von Menschen deklariert, zugelassen und/oder durchgeführt, und seit damals haben sich auch angesehene Wissenschaften  wie Medizin, Psychiatrie, Jurisprudenz, Philosophie, Anthropologie etc. und zahlreiche derer Vertreter – und auch Vertreterinnen – sich in den Dienst der Mächtigen und deren Praxis der Diskriminierung und Ausmerzung von Menschen gestellt. Seit damals wurde definitiv jegliche Sicherheit zerstört, überall, auch hier in der Schweiz.

Die Eltern der heutigen Suchtkranken waren damals Kinder oder junge Erwachsene, die Eltern der Eltern wiederum waren Täter, Mitläufer oder Opfer, überall wurden Generationen von Menschen von den Ideologien der Menschenverachtung infiziert und wurden durch diese direkt oder indirekt auf je spezifische, persönliche Weise gepägt. Seither ist die Verlässlichkeit des Zusammenlebens der unterschiedlichen Menschen grundsätzlich in Frage gestellt, und der Wertezerfall resp. die Werteperversion, die mit aggressivem Nationalismus, mit nationalistisch legitimiertem Antisemitismus, mit generellem Rassismus und Fremdenverhetzung, mit religiösem Fanatismus und Ethnizismus sowie mit der  Verachtung und Instrumentalisierung der sog. „Schwachen“ – der Kinder, der Frauen, der Kranken, der körperlich oder geistig weniger effizienten oder weniger funktionstüchtigen Menschen – einhergeht, setzt sich offen und hemmungslos in allen öffentlichen und privaten Systemen durch. Sie eskaliert in den über Medien und politische Kanäle vorbereiteten und mit sadistischer Rohheit durchgeführten sog. „ethnischen Säuberungen“ im ehemaligen Jugoslawien und anderswo, in der zum Teil während Jahren stillschweigend praktizierten oder durch Waffenlieferungen, diplomatische Verhandlungen mit den Verbrechern etc. offen deklarierten Kollusion der westlichen Demokratien, nicht zuletzt auch in deren Asylpolitik und Rückschaffungspraxis, generell in deren wachsenden ausländerfeindlichen Parteien- und Machtentwicklung. Sie setzt sich aber auch in der Wirtschaft durch mit den ausschliesslich nach share-holder-value-Kriterien orientierten Rationalisierungen und Restrukturierungen und den dadurch bedingten Massenentlassungen von Menschen. Sie findet einen Ausdruck in der immer skrupelloseren sog. „Sexindustrie“ und in der – nun auch über Internet – ständig wachsenden kommerzialisierten sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen. Und sie findet selbst in den politischen Entscheidungs- und Exekutivgremien, in der medizinischen Versorgung, im Bildungswesen, in allen Verwaltungsbereichen ein Echo, da die Sorge um das das Wohl der Menschen durch den Trend zu firmenmässigen Effizienz zunehmend in den Schatten gestellt wird. Wo die Qualität des Zusammenlebens und damit die Lebensqualität der einzelnen Existenz vorrangig durch Kosten-Nutzen-Berechnungen innerhalb eines gewinnmaximierenden „managment“ – ob „private“ oder „public“ – bestimmt wird, muss befürchtet werden, dass die Würde des einzelnen Menschen nicht mehr ein unverfügbarer Wert ist.

Zu dieser Entwicklung kommt ein weiterer Entwertungsfaktor des Menschen und menschlichen Zusammenlebens hinzu, der bedenkenswerte Ausmasse angenommen hat. Ich meine die inflationäre Massenproduktion von Konsumgütern, den daraus resultierenden Konsumdruck und Konsumismus, die zur Entwertung der Sachen, zur Entwertung auch des menschlichen Herstellens und Machens führen, und die mit der Überflutung durch überflüssige Produkte eine Überflutung durch  Müll nach sich ziehen. All dies bewirkt nicht nur eine Lähmung der Eigeninitiative, sondern bedroht alle kreativen Energien . Wie lässt sich in einer Welt Sicherheit gewinnen, in der alles Wegwerfcharakter bekommt und austauschbar wird, nicht bloss die Sachen, auch die Beziehungen, letztlich die Menschen? – in der täglich mit Ausgrenzung, mit Abschiebung oder mit Stigmatisierung durch das Label „wertlos“ oder „überflüssig“ oder „lästig und störend, weil kostenintensiv“ gerechnet werden muss? – in welcher Vermassung und Fragmentierung der Gesellschaft die überschaubaren und verlässlichen Rekursorte für Wärme, Schutz und Geborgenheit – die Familie, die Nachbarschaft, den Freundeskreis – immer mehr bedrängen, bedrohen und aufreiben? – in welcher daher Verunsicherung, Angst und Vereinsamung überhandnehmen? – in welcher der Schein und Show, das Artifizielle, die Pseudo-Realität als „Realität“ gehandelt werden? Dass gerade in dieser Zeit auch eine Vielzahl von Drogen auf den Markt kommen und durch das grosse Angebot zwar billiger, wenngleich nicht legaler werden, bietet eine zusätzliche Erklärung dafür, dass neben den legalen Drogen Alkohol und Nikotin auch mehr Drogen konsumiert werden, manchmal sogar in Kombinationen, um die Überflutung mit Leere ertragen, um nach Aussen oder nach Innen gerichtete destruktive Impulse „wegstecken“ oder kontrollieren zu können, kurz, um einen einigermassen erträglichen Selbst- und Realitätsbezug herzustellen. Was Ibsen literarisch in den privaten Beziehungen als die „Lebenslüge“ demaskierte, ist auch in den kollektiven Dimensionen zu einer grossen „Realitätslüge angewachsen.

 

Die Komplementarietät der Grundbedürfnisse

Mir scheint, dass die postindustrielle, postmoderne Welt, in der wir leben, neben der technologischen Revolution, derer sie sich rühmt, dringend einer Rückbesinnung auf die menschlichen Grundbedürfnisse bedarf – sowohl auf die persönlichen Grundbedürfnisse wie auf die Grundbedürfnisse des Zusammenlebens, um den bedrohlichen Entfremdungsfolgen entgegenzuwirken. Die Grundbedürfnisse sind immer komplementär, sowohl die materiellen und die sozialen wie die psychischen, intellektuellen und spirituellen. Sie zeigen sich, zum Beispiel, als Bedürfnis nach starken, tragenden und warmen Beziehungen, nach Zugehörigkeit zu einem grösseren schützenden System, zu einer Familie oder doch zu einem verstehbaren, vertrauten Kreis von Menschen, zugleich aber als Bedürfnis nach Eigeninitiative, nach  Eigengestaltung des Lebens, nach Eigenverantwortung und nach eigenem Handeln, mithin  als Bedürfnis nach Ausbrechen aus den Einbindungen, nach Freiheit. Und sie zeigen sich, wiederum komplementär, als Bedürfnis nach einer verlässlichen, nicht willkürlichen und nicht bedrohlichen Ordnung, und zugleich nach  Veränderung  der Ordnung, d.h. wiederum als Bedürfnis nach Freiheit. Ebenfalls zeigen sie sich als Bedürfnis nach Lernen, nach Entfaltung der Fähigkeiten, Talente und Kräfte, nach sinnvoller Arbeit sowie, in irgend einer Weise, nach dem Produkt der Arbeit, wie auch als Bedürfnis nach Musse und Spiel. Und sie zeigen sich als Bedürfnis nach Sicherheit, nach Schutz vor Krankheit und vor jeder anderen Bedrohung, nach körperlicher und seelischer Integrität, sowie gleichzeitig als Bedürfnis nach Offenheit und Weltzugehörigkeit, nach Selbständigkeit und Abenteuer, letztlich wiederum als Bedürfnis nach Freiheit. Sie zeigen sich auch als Bedürfnis nach persönlichem Verfügenkönnen über die Zeit, mithin nach Vergangenheit, d.h. nach Kenntnis der Geschichte, nach Erinnerung, Verzeihen und Vergebung, sowie nach Zukunft, d.h. nach Engagement und nach realisierbaren, verlässlichen Versprechen,  wie andererseits nach einer überpersonalen verpflichtenden Zeitstruktur.

Gewiss, es gibt in unserem Kulturbereich kein unentfremdetes Leben, aber ein weitgehend leidvolles Leben wäre vorstellbar, wenn es sich in einer ausgewogenen Erfüllung der komplementären Grundbedürfnisse entfalten könnte. Was heute jedoch zumeist der Fall ist, zeigt sich als Stimulation und teilweise Erfüllung von Sekundär- und Tertiarbedürfnissen, während die Grundbedürfnisse unerfüllt bleiben und in dieser Unerfülltheit zu den „Hungerkankheiten“ führen, die ich eingangs erwähnt habe. Andererseits kommt es vor, dass einzelne Primärbedürfnisse zwar erfüllt werden, jedoch einseitig und in dieser Einseitigkeit übermässig. Dabei wird die Komplementarietät vernachlässigt, was Menschen ebenfalls krank werden lässt. Dies ist, zum Beispiel, im politischen Bereich in reaktionären und totalitären Systemen der Fall, wo ausschliesslich Sicherheit, Ordnung und Einbindung „erfüllt“ werden, was sich in dieser Ausschliesslichkeit zu einem feindbildbesetzten Kontrollsystem verfestigt, in welchem die Bedürfnisse nach Offenheit, nach Selbstverantwortung und Eigeninitiative nicht bloss unerfüllt bleiben, sondern unterdrückt und gar geleugnet werden, sodass sich schwerwiegende Fehl- und Mangelentwicklungen einstellen. Analog verhält es sich in privaten Systemen, insbesondere im innerfamiliären System.

Ein Fallbeispiel unter vielen mag illustrieren, wie die Generationengeschichte dazu führt, dass sich, nicht zuletzt auf Grund sequentieller Traumatisierungen in der frühen Kindheit, die mit einem Mangel an  emotional guten, verlässlichen Strukturen einhergingen, Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit ergeben. Die Geschichte des jungen Mannes, die ich Ihnen vorstellen möchte, macht auch deutlich, wie schwierig eine Therapie ist, wenn der Patient sich aus dem Geflecht von Lebenslügen und Strukturmangel nicht zu lösen vermag. Und sie mag indirekt illustrieren, wie unverzichtbar Institutionen sind, in denen andere, von Respekt geprägte, tragende Beziehungserfahrungen gemacht und selber eingeübt werden können.

 

Der traurige Libero und sein Hündchen

Ich nenne ihn Libero. Nirgendwo hat der knapp dreissigjährige Mann einen festen Platz in der Welt. Er weiss weder, wer sein Vater ist, noch hat er je über längere Zeit mit seiner Mutter zusammengelebt. Er hat weder Geschwister noch eine Partnerin oder einen Partner, bloss „ein paar Kollegen“, wie er sagt, die er manchmal beim Spazieren durch die Stadt trifft oder in der gemeinnützigen Institution, wohin er sich täglich einmal begibt. Libero wurde mir von der Sozialarbeiterin, die ihn mit persönlichem Einsatz betreut, überwiesen, nachdem er sich freiwillig für einen Heroinentzug in eine psychiatrische Klinik begeben hatte, und er in ein Methadonprogramm aufgenommen wurde. Er hatte, wie er ihr gegenüber versicherte, den festen Wunsch, nun eine „wirkliche“ Therapie zu machen, nachdem er verschiedene Therapieversuche abgebrochen hatte. Ich wusste, dass es ein schwieriger Prozess sein würde, da er jahrelang auf der Gasse gelebt hatte, und da er Drogen konsumierte, seit er elf Jahre alt war. Vom vierzehnten Altersjahr an war er heroinsüchtig.

Als er bei mir die Therapie begann, lebte er allein in einer kleinen Wohnung, welche die Sozialbetreuerin für ihn auf ihren Namen gemietet hatte. Sie erledigte alle administrativen Aufgaben, seine Postzustellungen wurden an sie weitergeleitet, und sie bezahlte die Rechnungen. Er lebte einerseits von der Fürsorge, andererseits von einer kleinen IV-Rente, die sie einteilen half. Sie versuchte mit grosser Geduld und Umsicht, ihn Schritt für Schritt wieder an ein irgendwie geordnetes Leben zu gewöhnen. So holte sie ihn, zum Beispiel, regelmässig zum Monatsanfang ab, um mit ihm eine Monatskarte für die Benutzung der öffentlichen Verkehrsbetriebe zu kaufen, nachdem er während der Jahre auf der Gasse Bussen wegen nicht bezahlter Fahrtaxen in fünfstelliger Höhe angehäuft hatte, ohne dass er dafür das geringste Schuldempfinden  gezeigt hätte. Es war für ihn einfach „schicksalshaft“, dass die Bussen immer ihn trafen, während andere Menschen davon verschont blieben, wie er sagte. In seiner inneren Wahrnehmung gehörte dies zu den „typischen Ungerechtigkeiten“, die „sein Schicksal“ waren; dass es ausschliesslich mit dem Kauf oder dem unterlassenen Kauf eines Tickets zu tun hatte, galt für ihn nicht. Damit er nicht eine Gefängnisstrafe wegen des hohen unbezahlten Bussenbetrags absitzen musste, hatte die Sozialarbeiterin mit den städtischen  Behörden vereinbart, dass er nach dem Entzug, gleichzeitig mit dem Beginn der Therapie bei mir, einen alternativen Arbeitseinsatz leisten würde, der ebenfalls zur Resozialisierung und zur Festigung seiner Zeitstruktur beitragen würde. Damit erklärte er sich einverstanden. Er wollte ein neues Leben beginnen.

Libero wirkte wie ein geschlagenes Kind, als er das erstemal zu mir in die Praxis kam, ein schiefes, kindliches Lächeln, traurige, manchmal träumerische Augen, eine unmodulierte  Stimme, eine schlaffe, nach vorn geneigte Haltung, ob er ging oder sass. Der Körper wirkte schwer und plump, obwohl er nicht übergewichtig war, so, als ob er nicht ihm gehörte. Während der ersten Wochen nach dem Entzug kam er regelmässig und pünktlich zweimal wöchentlich in die Stunde, dann unregelmässiger, schliesslich blieb er ohne eine Erklärung ganz weg, bis er nach einigen Wochen noch einmal erschien. Ich hielt die für ihn vorgesehene Zeit noch während längerer Zeit offen, versuchte, da er keinen eigenen Telephonanschluss hatte, ihn über die Institution, in welcher er regelmässig verkehrte, telephonisch zu erreichen, und kontaktierte schliesslich die Sozialarbeiterin, um zu erfahren, wie es um ihn stehe. Er habe wieder „einen Absturz gehabt“, sagte sie. Er beziehe zwar weiterhin seine Tagesdosis Methadon, aber konsumiere zugleich wieder Heroin, obwohl er dies ihr gegenüber bestreite. Er schlafe wieder die Tage durch, begebe sich am späten Nachmittag zu unregelmässigen Zeiten irgendwann in die Institution, um sein Methadon zu holen, und mehr nicht. Auch sei ihr mitgeteilt worden, dass er den alternativen Arbeitseinsatz ebenfalls abgebrochen habe, er sei nach einigen wenigen Stunden dort nicht mehr erschienen.

In der Nacht sei er schlaflos, darüber klagte er schon in der ersten Stunde. Erst gegen Morgen, wenn es schon hell würde, fielen ihm vor Erschöpfung die Augen zu.  Die Nacht ängstigte ihn. Daher war er froh, als er von jemandem auf der Gasse ein Hündchen erhielt. Von der zweiten Stunde an nahm er sein Hündchen mit. Er sagte, es tue ihm gut, nach der Stunde nicht allein weggehen zu müssen, sondern das Hündchen bei sich zu haben. Dass er das Hündchen zunehmend vernachlässigte, dass es sichtbar magerer und ängstlicher wurde, dass es in der Wohnung die Notdurft verrichtete, weil er am Morgen nicht die Energie hatte, aufzustehen und es hinauszuführen, dass er es in der grössten Sommerhitze von den öffentlichen Brunnen, wo es Wasser trinken wollte, ungeduldig wegzerrte, all dies und noch mehr  widerspiegelte eine Parallelität zwischen der Missachtung seiner Bedürfnisse als Kind und als Jugendlicher durch seine erwachsenen Betreuungspersonen und der Behandlung, die er dem Hündchen angedeihen liess. Eine der ersten Feststellungen, die er mir gegenüber formulierte, war, dass es für ihn unerträglich sei, dass er nicht als erwachsener Mann wahrgenommen werde, durch niemanden, sondern als „ein unbestimmtes Etwas, auch nicht wie ein Kind, aber doch so ähnlich.“ Auch sagte er mit gleichzeitig, er habe einen verunstalteten Körper. Das sei wegen der schweren Verbrennungen, die er in der Kindheit erlitten habe, aber das habe er nun akzeptiert, das sei eben nicht mehr zu ändern.

Schon Liberos Mutter war in Folge einer Behördenintervention den Eltern weggenommen worden und war in Pflegefamilien und Heimen aufgewachsen. Sie war Alkoholikerin, eine unstete, unter Alkoholeinfluss unberechenbare, aufbrausende und gewalttätige Frau, unstet weniger hinsichtlich ihres Wohnsitzes als hinsichtlich ihrer Partner und ihrer Tätigkeiten. Auch sie hatte den Knaben nicht in ihrer Obhut behalten dürfen. Libero erzählte in der zweiten Stunde, er sei der Mutter weggenommen worden, als er ein halbes Jahr alt war, und sei in einer Pflegefamilie plaziert worden, und die Mutter habe dazu nichts zu sagen gehabt. Seine frühesten Erinnerungen betreffen jedoch erst die Zeit nach dem vierten Altersjahr, nachdem er wegen Misshandlungen, die ihm in der Pflegefamilie angetan worden waren (mit Absicht zugefügte Verbrennungen), und einem nachfolgenden langen Spitalaufenthalt in ein Heim für sog. „schwer erziehbare Kinder“ gesteckt worden war, wo er wiederum mehr Züchtigungen als Zuwendung erfuhr. In dieser ganzen Zeit wie auch in den nachfolgenden Jahren, als er für die gesamte Primar- und Realschulzeit in einem weiteren Heim verwahrt wurde, verteidigte er in sich das idealisierte Bild der liebevollen Mutter, durch welches er sich selber gestärkt fühlte, da sie in seiner psychischen Wahrnehmung beide, gemeinsam,  Opfer der gleichen Behördenwillkür waren, und da die Mutter, wie er, ständig Gewalt erfuhr. Er sagte, es habe ihn gestärkt zu wissen, dass „draussen jemand für ihn kämpfe“. Während der Wochenenden oder in den Ferien, die er bei der Mutter verbrachte, wurde er in ihre wechselnden Beziehungsgeschichten hineingezogen, wobei er jeden neuen Partner der Mutter wiederum als „Vater“ anzunehmen versuchte. Vor allem nachts kam es infolge ihres – oder des beiderseitigen – Alkoholismus regelmässig zu „schrecklichen Gewaltszenen“, wie Libero sagte, bei denen er erwachte und schon als kleiner Bub eingriff, um, wie er erklärte, „die Mutter zu schützen“.

Als er in der frühen Adoleszenz von seinem Vormund erfuhr, die Mutter sei zu seinem Heimaufenthalten nicht gezwungen worden, sondern habe dies aus eigenen Stücken veranlasst, brach für ihn die minimale, ich-stützende innere Struktur der guten Mutterrepäsentanz, die er trotz aller Defizienzen verteidigt hatte, zusammen. Von diesem Augenblick an , sagte er mir in der dritten Stunde, habe er nicht mehr für sich gekämpft. Er handelte mit Drogen, konsumierte Drogen, lebte auf der Gasse, übernahm Gelegenheitsarbeiten, wohnte zeitweise bei einem Mädchen, das ihn aber wieder auf die Strasse stellte, fand während einiger Monate Aufnahme in einer religiösen Institution, lehnte aber die damit verbundene Therapie ab, lebte erneut auf der Gasse etc. Wenn es ihm ein  wenig besser ging, versuchte er, den Kontakt mit seiner Mutter wieder aufzunehmen. Inzwischen wohnte sie im nahen Ausland und hatte einen festen Partner. Libero erzählte: „Sie schrieb mir, dass sie heiraten würden, lud mich zum Fest ein und schickte mir ein Ticket. Aber drei Tage vor der Hochzeit, d.h. einen Tag, bevor ich abreisen wollte, erhielt ich ein Telegramm, in welchem sie schrieb, sie wolle mich nicht sehen, ich solle bleiben, wo ich sei. So war es immer. Immer wieder.“

Als er nach einigen Wochen Therapieunterbruch nochmals bei mir in der Praxis erschien, erfuhr ich den Grund für den erneuten Absturz. Es handelte sich um eine Wiederholung der alten Traumatisierung der Verstossung durch die Mutter. Er sagte: „Nach dem Entzug hatte ich meinen Eltern geschrieben, ich sei nun vom Heroin frei, ich wolle ein neues Leben anfangen und möchte sie gerne besuchen, vielleicht ein paar Tage bei ihnen Ferien machen. Zuerst schrieb die Mutter, sie sei einverstanden, sie werde mir das Geld fürs Ticket schicken, doch statt dem Geld kam ein Brief, wo sie schrieb, sie habe mit der Ärztin der Klinik gesprochen, und diese habe ihr gesagt, ich hätte keinen Entzug gemacht. Und einen Lügner wolle sie nicht sehen.“ Ich fragte ihn darauf, was er nun zu tun gedenke. Er antwortete, er werde die Ärztin anrufen und fragen, was sie tatsächlich der Mutter gesagt habe und wer nun der Lügner resp. die Lügnerin sei. Und er wolle nochmals einen Entzug machen, in ein paar Monaten, sobald er spüre, dass er möge. Ich versicherte ihm, dass er die Therapie wieder aufnehmen dürfe, sobald er in der Lage sei, die vereinbarten Stunden einzuhalten. Ich würde wieder Zeit für ihn finden, und wir würden da fortfahren, wo wir stehengeblieben sind.

Kann Libero von seiner Sucht genesen? Was braucht es dazu? Er befindet sich in einer negativen Symbiose mit seiner Mutter, in einer von libidinösem Hunger, von Sehnsucht nach ihrer endlich erfolgenden mütterlichen Anerkennung, und zugleich von hasserfüllter Frustration geprägten Abhängigkeit von ihr. Diese Abhängigkeit führt zu einer quälenden Ambivalenz, zu ruheloser Eifersucht und zum Bedürfnis nach Rache, das er in seinem hilflosen Regress durch Heroinkonsum gegen sich selber richtet. Der körperliche Entzug reicht nicht aus, er ist jedoch die Voraussetzung für weitere Schritte, die ihm erlauben werden, aus der verhängnisvollen Ambivalenz nicht nur in seiner Objektbeziehung, sondern auch in seiner Selbstbeziehung auszusteigen, so dass das Bedürfnis nach Rache wegfällt und sich, wie er es sich wünscht, nach und nach eine „neue Geschichte“ entwickeln kann, in welcher er endlich zum jungen Mann wird, den er sehnlichst sein möchte, der respektiert wird und den er in sich selber respektieren kann.

Ein grosser Teil dieses Wandels wird dank der Konstanz und klaren Verlässlichkeit seiner Sozialbetreuerin sowie seiner Therapeutin möglich sein, die ihm erlauben werden, in sich eine eine zunehmende Ich- und Selbstanerkennung aufzubauen und selber wieder beziehungsfähig zu werden. Es wird noch einige Zeit brauchen, bis Libero so weit ist, aber die Erfahrung mit anderen Drogenabhängigen zeigt, dass Geduld und Ermutigung, zugleich eine kreative, aber auch fordernde und gratifizierende, strukturierende Resozialisierung aus der destruktiven Spirale der Suchtabhängigkeit hinauszuführen vermögen, so dass der junge Mensch das  Leiden, das Kindheit und Adoleszenz prägten, auf konstruktive Weise verarbeiten kann und er aus der Dimension des Überlebens zu einer nicht illusionären und daher weniger desillusionsgefährdeten Gestaltung seines Lebens gelangt.

Dies ist die Aufgabe, die sich in der therapeutischen Begleitung stellt, im Übergang von der Abhängigkeit zum selber verantworteten und selber gestalteten Leben. Es bedarf dabei der Erfahrung des zugleich geschützten und offenen Ortes des gelingenden Lebenstrainings, wo Spielregeln der Sorgfalt, des Selbstschutzes, der Freiheit wie des gelingenden Einübens neuer Schritte eine neue Realität schaffen – jene der Ich-Zustimmung.

„Anders gelegt die Adern

schon in der Frühe des Mutterleibes

rückwärts buchstabiert deines Lichtes Geknospe

dann – in der Welt der Symbole mit grossem Umweg

zurück in den Sand –

und mit Hämmern dein Herzschlag

auf die Schatten der Zeit

diese zerfetzten Glieder der Nächte.

 

Von den grünen Wiesen der Kindheit

Unterm grabesduftenden Buchsbaum

Rufst du heim

Ein neues Alphabet in den Worten

Baumeister du und Gründer von Städten und Pflanzungen

Von blutenden Weinbergen in den Malereien der Lüfte

Eingezaubert in die Alchemie deines Auges –

 

Schwester – Schwester

Mit dem kartenspiel der Gesichte und

Dem Ebenholzschrecken

Und von der Flammentracht der Schergen belagert –

Gegen Untergang senken sich deine Gebete

Wenn die Koralle des Morgens verwaist[28]“-

 

[1] Copyright: Dr. phil. Maja Wicki, Praxis: Zeltweg 12a, 8032 Zürich, Tel. +41 1 261 73 30 / Fax 01 383 01 44 (geb. 1940, Philosophin, Psychoanalytikerin und Traumatherapeutin. Mitglied Psychoanalytisches Seminar Zürich PSZ, Vorstandsmitglied Zürcher Fachstelle für Psychotraumatologie ZFP, Co-Präsidium der Swiss Recovery Foundation, mitbeteiligt am Aufbau und langjähriges Vorstandsmitglied des Netzwerks schreibender Frauen und des Forums gegen Rassismus, Vorlesungs- und Lehrbeauftragte an zahlreichen Universitäten im In- und Ausland, langjährige journalistische und publizistische Tätigkeit im Bereich Philosophie und Gesellschaftsanalye u.a. für Weltwoche, Tages-Anzeiger, Schweizer Fernsehen etc., Mitbegründerin MOMA – Monatsmagazin für neue Politik etc. etc.).

[2] Nelly Sachs. Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1981, S. 32

[3] cf. (1)

[4] Nelly Sachs, aus : Eine Schöpfungsminute im Auge des Baalschem. In: Späte Gedichte, S. 89

[5] Sarah Kofman. Rue Ordener, Rue Labat. Editions Galilée, Paris 1994; deutsche Übersetzung: gleicher Titel, Passsagen Verlag, Wien 1995.

[6] L’espèce humaine, Gallimard, Paris 1957; deutsche Übersetzung: Das Menschengeschlecht, Carl Hanser Verlag, München 1987.

[7] Sarah Kofman. Paroles suffoqués, Edition Galilöe, Paris 1987; deutsche Übersetzung: Erstickte Worte, Passagen Verlag, Wien 1988.

[8] Nelly Sachs. aus: Fahrt ins Staublose, in: Späte Gedichte (cf. 1), S. 89

[9] so wie William und Clara Stern die Entwicklung ihrer drei Kinder mit grosser Genauigkeit aufzeichneten (deren ältester Sohn, Günther, 1929 Hannah Arendts erster Ehemann wurde). entsprechend dem Vorbild von Wilhelm Preyer „Die Seele des Kindes“ von 1981.

[10] In einer autobiographischen Skizze „Die Schatten“ ging sie jedoch voll Traurigkeit auf ihre „vaterlose Jugend“ ein.

[11] in H.A. Zur Zeit. Politische Essays. Hrg. Von Marie Luise Knott. Aus dem amerikanischen von Eike Geisel. Rotbuch Verlag, Berlin 1986

[12] Die Frage war, ob es der Religion bedürfe, um das Ehebündnis zu festigen.

[13] Max Horkheimer / Theodor Adorno. Dialektik der Aufklärung. Fischer Verlag, Frankfurt a.Main 1969

[14] Gemäss Jean-François Lyotard, einem der Theoretiker der Postmoderne begann die Postmoderne gegen Ende des letzten und zu Beginn dieses Jahrhunderts, in der Kunst etwa mit Cézanne, Duchamp, Lissitsky, Braque und Picasso, oder in der Literatur mit Proust und Joyce, oder in der Philosophie mit der Existenzphilosophie, der Neuen Kritik, dann der Dekonstruktion, in der politischen Theorie mit der Kommunikationstheorie etc.

[15] Michel Foucault. Von der Subversion des Wissens. Hrg und aus dem Französischen und Italienischen übersetzt von Walter Seitter, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1987.

[16] Simone Weil, eine französische Philosophin, die 1943 im Exil in London starb, entwickelt in ihrem letzten Werk „Enracinement“[16], im ersten Kapitel, eine eigentliche Theorie der Grundbedürfnisse, die noch heute beachtenswert ist. Die Grundbedürfnisse sind allen Menschen eigen, unabhängig von Herkunft und Stand. Sie betreffen das körperliche und das psychische Leben, Körper und Geist jedes Menschen, sowohl als Individuum wie als Glied einer Sozietät. In der Befriedigung der Grundbedürfnisse sind alle Menschen aufeinander angewiesen. Diese Tatsache schafft jene wechselseitige Abhängigkeit, deren Anerkennung eigentlich die Voraussetzung für gerechte Verhältnisse des Zusammenlebens schaffen müsste. Die Begründung der Grundrechte findet sich letztlich in der Tatsache der Anerkennung und Stillung der Grundbedürfnisse der anderen Menschen ab. Simone Weil unterscheidet materielle und immaterielle Grundbedürfnisse, deren Nichterfüllung immer zu Hungererscheinungen führt, ja zum Tod des Menschen führen kann, ob es sich um den Hunger nach körperlicher oder nach geistiger Nahrung handle. Gemäss Simone Weil ist etwa das Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit und Integration, nach Schönheit und nach Zuwendung ebenso prioritär wie dasjenige nach körperlicher Ernährung und nach einem Dach über dem Kopf, und dieses wiederum ebenso unverzichtbar wie jenes nach Freiheit und nach einer zustimmungsfähigen Ordnung.

[17] Raymond Battegay. Hungerkrankheiten. Unersättlichkeit als krankhaftes Phaenomen. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 1992 (Erstausgabe Verlag Hans Huber, Bern 1982).

[18] Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur (1929/30). Studienausgabe Bd.9, S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1974

[19] Nelly Sachs. Späte Gedichte, S. 21

[20] Nelly Sachs. aus: Eine Schöpfungsminute im Auge des Ballschem, in: Späte Gedichte, S. 110

[21] Nelly Sachs. Späte Gedichte, S. 112

[22] Simone Weil. Cahiers /Aufzeichnungen. Bd.2. herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Verlag Carl Hanser Verlag, München/Wien 1993.

[23] L’enracinement. Prélude à une déclaration des devoirs envers l’être humain. Hrg. von Albert Camus.Verlag Gallimard, Paris 1949.

3 cf. M.W. Simone Weil. Eine Logik des Absurden. Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart 1983 sowie verschiedene Buchbeiträge.

 

[25] Raymond Battegay. Hungerkrankheiten.

[26] Ich verweise insbesondere auf die Arbeiten von Léon Wurmser, von denen ich in meiner Arbeit am meisten profitiert habe, so „Die verborgene Dimension. Psychodynamik des Drogenzwangs“. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, sodann von O. F. Kernberg (1983), H. Kohut (1976), H. Krystal / H.A. Raskin (1983) u.a.m.

[27] a.a.O. S.325

[28] Nelly Sachs. Späte Gedichte, S. 118

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