“Weder dem Vergangenen anheimfallen noch dem Zukünftigen; es kommt darauf an, ganz gegenwärtig zu sein”

 

“Weder dem Vergangenen anheimfallen noch dem Zukünftigen; es kommt darauf an, ganz gegenwärtig zu sein”

(Motto von “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft”, 1951 in New York, 1962 in Frankfurt a.M.erschienen)

 

Hannah Arendt (14. Oktober 1906 – 4. Dezember 1975)

 

Wenn bei der Lebens- und Werkbetrachtung Rosa Luxemburgs eine kämpferische Glückserwartung – nicht nur für sich selbst, sondern für alle unterdrückten, ausgebeuteten, um ihr Glück betrogenen Menschen – quasi zum roten Faden wurde, wenn sich bei Simone Weil die durchgehende Linie als Zerrissenheit in einer nicht versöhnbaren – erkenntnismässigen, existentiellen und politischen – Widersprüchlichkeit herausstellte, so zeigt sich bei Hannah Arendt als bestimmende Konstante in einer von grossen Veränderungen bestimmten Entwicklung der nicht abbreissende Wille zu einer umfassenden, zugleich schonungslos kritischen Gegenwartsbejahung. Der Karl Jaspers entliehene Satz “Weder dem Vergangenen anheimfallen noch dem Zukünftigen; es kommt darauf an, ganz gegenwärtig zu sein”, den sie als Motto ihrer grossen Untersuchung über “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” voranstellte, gilt für sie selbst, für ihre Lebensentscheide, für ihr philosophisches und gesellschaftskritisches Werk wie für ihr Verhältnis zum Judentum. Dabei war sie sich bewusst, dass “das Vergangene niemals tot ist, es ist nicht einmal vergangen” (in Anlehnung an einen Gedanken William Faulkners) – “und zwar aus dem einfachen Grund”, fuhr sie fort, “weil die Welt, in der wir leben, in jedem Augenblick auch die Welt der Vergangenheit ist; sie besteht aus den Zeugnissen und Überresten dessen, was Menschen im Guten wie im Schlechten getan haben; ihre Fakten sind immer das, was geworden ist (…). Mit anderen Worten, es ist wahrhaftig so, dass uns die Vergangenheit heimsucht; es ist die Funktion der Vergangenheit, uns Lebende nicht loszulassen, die wir in der Welt, so wie sie wirklich ist, leben wollen, das heisst in einer Welt, die zu dem, was sie jetzt ist, geworden ist.”

Die Welt, wie sie Hannah Arendt zuerst begegnete, war – nach einem Wort Stefan Zweigs – noch das “goldene Zeitalter der Sicherheit”, die Welt vor dem Ersten Weltkrieg. Hannah Arendt kam am 14. Oktober 1906 in Hannover zur Welt, zog aber schon als Vierjährige mit ihren Eltern nach Königsberg, wo sie ihre Kindheit und den grossen Teil ihrer Jugend zurbrachte. Beide Elternteile, Paul Arendt und Martha Cohn, stammten aus altansässigen Königsberger Familien. Hannah Arendts Grossvater mütterlicherseits, Jacob Cohn, war 1838 im heutigen Litauen geboren. Nachdem 1851 Zar Nikolaus die Juden per Dekret in die wohlhabenden “Nützlichen” und in die armen “Unnützen” eingeteilt hatte und letztere der Wehrpflicht unterwarf, floh Jacobs Vater mit der ganzen Famailie nach Königsberg und gründete dort ein Tee-Import-Exportunternehmen, das später unter Jacobs Führung zur “J.N.Cohn & Co.” und zur grössten Firma in Königsberg wurde. Jacob starb 1903 und hinterliess den drei Kindern aus erster Ehe und den vier aus zweiter Ehe (die er mit Fanny Spiero, die ebenfalls aus Russland emigirert war, eingegangen war), er hinterliess diesen sieben Kindern und seinen Enkelkindern viel Geld und ein stabiles Unternehmen, das allen Familienmitgliedern bis zu den Inflationsjahren nach dem Ersten Weltkrieg ein Leben in Wohlstand erlaubte. Hannah Arendt wuchs in dieser – eben “goldenen Zeit der  Sicherheit” auf und erzählte noch in späten Jahren mit Vergnügen, wie sie als Kind die Cohn’schen Warenhäuser besuchte und mit Marzipan verwöhnt wurde. Martha Arendt, wie ihre Mutter Fanny Cohn-Spiro und eigentlich alle Frauen der Spiero-Familie, war grossherzig, warmherzig und von kluger Lebensart. Hannah Arendt blieb ihr das ganze Leben aufs wärmste verbunden.

Hannah Arendts Grossvater väterlicherseits, Max Arendt, gehört zu den Vorständen der Jüdischen Gemeinde Königsbergs und war Miglied des “Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens”. Er war Studienkollege von Kurt Blumenfeld, dem späteren Präsident der deutschen Zionistenorganisation, dessen Haltung er jedoch nicht teilte, von dem er wegen seines “Deutschtums” auch keine Kritik ertrug. Trotz heftiger Meinungsverschiedenheiten bezüglich der “Judenfrage” befreundeten sich die beiden Männer, und Hannah Arendt lernte Kurt Blumenfeld, der sie später in Fragen des Zionismus stark beeinflussen wird, schon als Kind im grosselterllichen Haus kennen. Der Grossvater, Max Arendt, war ein grossartiger Geschichtenerzähler und für Hannah während ihrer frühen Kinderjahre einer der liebsten Spielgefährten. Er starb, als Hannah sieben Jahre alt war, nur sechs Monate, bevor auch ihr Vater Paul starb.

Paul Arendt und dessen Schwester Henriette, die später Sozialarbeiterin wurde, nach Berlin zog und einen Franzosen heiratete, waren Kinder aus Max Arendts erster Ehe. Nach dem Tod seiner Frau hatte Max Arendt  deren Schwester Klara geheiratet, die wegen ihrer Unfriedlichkeit und Kleinherzigkeit niemand mochte, auch Hannah nicht – ganz im Gegensatz zur Grossmutter mütterlicherseits, die sie mit ihren russischen Bauernkleidern und ihrem schweren Akzent, vor allem mit ihrer Güte überaus verehrte.

Paul Arendt, Hannahs Vater, war Ingenieur und eine Art Privatgelehrter, der die griechischen und lateinischen Klassiker nicht nur in der Bibliothek stehen hatte, sondern auch gut kannte. Sowohl er wie Martha Arendt, Hannahs Mutter, waren schon vor dem zwanzigsten Lebensjahr in die sozialistische Partei eingetreten, als diese in Deutschland noch verboten war. Sie waren nicht nur in Bezug auf das politische Engagement, sondern auch bildungsmässig einander ebenbürtig. Martha hatte unter anderem drei Jahre in Paris Französisch und Musik studiert. Paul Arendt hatte sich als junger Mann mit Syphilis infiziert und eine damals übliche Behandlung durchgemacht, die in einer zusätzlichen Infektion mit Malariafieber bestand. Martha war über die Infektion im Bild gewesen, als sie sich entschloss, Paul Arendt zu heiraten, und beide waren auch überzeugt, dass die Syphilis geheilt war. Doch die Symptome traten nach wenigen Jahren wieder auf. Als Hannah fünf Jahre alt war, musste ihr Vater in die Königsberger Psychiatrie eingeliefert werden und zwei Jahre später  starb er.

Hannah Arendts beide Eltern waren nicht religiös, schickten aber ihre Tochter mit den Grosseltern Arendt in die Synagoge. Auch waren sie mit Rabbi Vogelstein befreundet, einem sozialistischen Genossen, der Hannah in der Zeit der Grundschule Religionsunterricht erteilte und in den sie als Kind ganz verliebt war. Daneben musste sie, weil das auch für jüdische Kinder obligatorisch war, die christliche Sonntagsschule besuchen. Als Hannah Arendt als Gymnasiastin Rabbi Vogelstein mitteilte, dass sie nicht mehr an Gott glaube, fragte er sie in aller Ruhe, wer denn das von ihr verlangt habe. Er war überzeugt, dass nicht der Glaube für das jüdische Identitätsgefühl massgeblich war, sondern dass Zweifel, Glaubenskrisen, ja selbst Ungläubigkeit  die Zugehörigkeit zum Judentum nicht verändern konnten. Eine entsprechend aufgeklärte Haltung hatte der ganze Freundes-und Freundinnenkreis der Arendts, Ärzte, Rechtsanwälte, Erzieher, Musiker, auch viele selbstbewuste Frauen, die zwar noch kein Universitätsstudium hatten absolvieren können – die Universität in Königsberg, die Albertina, nahm erst von 1906 an Studentinnen an -, die sich aber als Musikerinnen oder Schriftstellerinnen betätigten oder Kindergärten und Schulen gründeten und leiteten.

Königsberg, die Stadt, in der bekanntlich Immanuel Kant sein ganzes Leben zugebracht hatte und die dieser bedeutendste deutsche Aufklärer als “schicklichen Platz zur Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis” bezeichnet hatte, “wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann” (aus “Anthropologie in pragmatischer Hinsicht”), hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine etwa auf 5000 Leute geschätzte jüdische Bevölkerung. Diese war in zwei Gruppen geteilt: die eher wohlhabenden Akademiker- und Kaufleutefamilien lebten in einem Quartier in der Nähe des Tiergartens, die Arbeiterfamilien, von den ersten eher verächtlich als “Ostjuden” bezeichnet, lebten auf der Südseite der Pregel in der Nähe der alten orthodoxen Synagoge. Die beiden Gruppen hatten kaum miteinander Kontakt; Kinder der Arbeiterklasse schafften es nur selten, Zugang zum Gymnasium zu finden, und trotzdem kam es vor. Hannah Arendt erinnerte sich noch 1964, anlässlich eines Fernsehinterviews, als sie über antisemitische Erfahrungen während der Kinderzeit in Königsberg befragt wurde, dass despektierliche und beleidigende Bemerkungen von seiten der Lehrer vor allem ostjüdischen Schülerinnen gegenüber gemacht wurden. Ihre Mutter hatte sie angehalten, bei solchen Bemerkungen, auch wenn sich diese nicht gegen sie selbst richteten, sofort aufzustehen, die Schule zu verlassen und nach Hause zu gehen, dort genau zu rapportieren und für den Rest des Tages die Schule nicht mehr zu besuchen. Ihre Mutter schrieb dann einen eingeschriebenen Protestbrief an die Schulleitung, und damit war für Hannah die Sache erledigt. Wenn unfreundliche antijüdische Bemerkungen von Mitschülern oder Mitschülerinnen erfolgten, durfte sie nicht rapportieren, sondern musste sich selbst wehren. Die Regel war, wie Hannah Arendt noch in spätem Alter sich genau erinnerte, sich nie zu ducken, andererseits kleine Vorkommnisse nicht übermäsig aufzubauschen.

Martha Arendt wollte ihrer Tochter etwas bieten, was nicht unbedingt dem damaligen jüdische Ideal entsprach, aber was sie eine “normale Entwicklung” nannte: eine Erziehung und Bildung, die sie zu einer guten Berufslaufbahn befähigen sollten.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, weilten Martha und Hannah Arendt an der Ostsee in den Sommerferien. Panikartik kehrten sie nach Königsberg zurück, von wo sie am 23. August mit Hunderten anderer Königsberger Familien nach Berlin flohen, in überfüllten Zügen, in denen sich Soldaten und Bauern und Landadlige, die alle vor den Kosaken flohen, einen Platz sichern wollten. In Berlin lebten sie bei Martha Arendts jüngerer Schwester, Margarete Fürst und deren drei Kindern. Vom Frühherbst an besuchte Hannah Arendt eine Mädchenschule in Charlottenburg, zehn Wochen später reisten Mutter und Tochter wieder nach Königsberg zurück.

Es war eine schwierige Zeit. Die Mutter hatte den Tod ihres Mannes noch nicht verarbeitet, dazu kam, dass Hannah häufig krank war und auch nicht vermochte, ihre Mutter zu trösten, wie diese es erwartet hätte; Hannah entwickelte, wie die Mutter feststellte, die “seelische Robustheit” der Arendts. Tatsächlich  aber hielt Hannah viele Gefühlregungen geheim und litt darunter. In einer autobiographischen Skizze “Die Schatten” sprach sie von ihrer “hilflosen, verratenen, vaterlosen Jugend”. Dazu kamen alle materiellen Einschränkungn der Kriegsjahre, zwar nicht Not, aber Lebensmittelknappheit und ein sich verringerndes Einkommen, als auch das Cohn’sche Familienunternehmen in die roten Zahlen kam. Gleichzeitig aber aktivierte Martha Arendt ihre politischen Kontakte und Interessen. Während der zwei letzten Kriegsjahre und während der Revolution 1918/19  wurde ihre Wohnung zu einem sozialistischen Trepffpunkt. Der Kreis, der sich bei ihr traf, stand dem Spartakus-Bund ablehnend gegenüber, aber Martha Arendt selbst war eine glühende Verehrerin Rosa Luxemburgs. Als zu Beginn des Jahres 1919 in Königsberg bekannt wurde, dass in Berlin ein Aufstand stattfinde, nahm Martha Arendt ihre dreihzehnjährige Tochter an der Hand, lief mit ihr durch die Strassen und sagte ihr immer wieder, das sei ein historischer Augenblick. Wenige Tage später, am 15. Januar 1919, wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gefangengenommen und umgebracht. Die politische und wirtschaftliche Lage spitzte sich zu. Viele Jahre später wird Hannah Arendt alle Details dieses Verrats erfahren – durch Heinrich Blücher, ihren Mann, der als Anhänger des Sprtakus-Bundes in vorderster Liniue dabei gewesen war.

1920 beschloss Martha Arendt, sich wieder zu verheiraten, und zwar mit Martin Beerwald, einem Geschäftsmann, dessen Frau vier Jahre vorher an Zuckerkrankheit gestorben war. Die Beerwalds und Martha Aendt hatten sich schon lange gekannt, sie wohnten nur zwei Strassen von einander entfernt. Martin Beerwald hatte zwei Töchter, die damals 19 und 20 Jahre alt waren und völlig verschieden von der intellektuell auffallenden, eigenwilligen Hannah Arendt. Clara, die ältere,  musikalisch überaus begabt, die an verschiedenen Universitäten Chemie und dann Pharmazeutik studierte, nahm sich mit dreissig Jahren mit Gift das Leben; die jüngere, Eva, machte eine Ausbildung als Zahntechnikerin und blieb unverheiratet, nachdem ihr Freund, Karl Aron, ein Vetter Hannah Arendts, 1938 in einem Pogrom ermordet worden war. Es gelang ihr, noch vor dem Krieg nach England zu emigrieren.

Hannah Arendts Gymnasialzeit war voller Unterbrüche und Störungen, nicht zuletzt wegen ihrer Eigenwilligkeit. Den Griechischunterricht, zum Beispiel, mochte sie nicht besuchen, weil er schon morgens um acht Uhr stattfand, und sie erreichte mit der Hilfe ihrer Mutter, dass sie allein Griechisch lernen konnte, und das machte sie so gut, dass sie eine eigens für sie konzipierte Prüfung hervorragend bestand. Als in einem anderen Zusammenhang ein junger Lehrer sie beleidigte und sie die Mitschülerinnen bewegen wollte, den Unterricht dieses Lehrers mit ihr zusammen zu boykottieren, wurde sie der Schule verwiesen. Alle Vermittlungsversuche der Mutter nützten nichts. In der Folge besuchte sie in Berlin einzelne Vorlesungen, in allen Fächern, in denen sie das Abitur ablegen musste, dazu zusätzlich Theologie, christliche Theologie, beim berühmten Romano

Guardini, über den sie mit den Werken Kierkegaards bekannt wurde. Sie war davon so begeistert, dass sie beschloss, als erstes Fach Theologie zu studieren. Das Abitur bestand sie im Frühling 1924, ein Jahr vor ihren gleichaltrigen Klassenkameradinnen in Königsberg. Damals schon hatte sie Kants “Kritik der reinen Vernunft” gelesen, hatte Jaspers “Psychologie der Weltanschauungen”, die 1919 erschienen war, durchgearbeitet und interessierte sich für die Philosophie Martin Heideggers, von der ihr ältere Freunde, die in Marburg studiert hatten, erzählten. Sie schrieb Gedichte, hatte einen Kreis gescheiter, wissenshungriger Freunde und Freundinnen um sich, darunter Anne Mendelssohn, mit der sie bis an ihr Lebensende befreundet bleiben wird.

Die Gedichte jener Zeit sind der erste Ausdruck einer Identitätssuche, die sie in der Gestalt der Rahel Varnhagen stellvertretend darstellen wird.

Diese “innere Biographie” oder “Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik”, wie der Untertitel des Buches lautet, möchte ich zuerst kurz vorstellen. Sie hat einerseits mit einer einer ganz präzisen, nachfühlenden Schilderung dieser ungewöhnlich wachen, ausdrucksfähigen und schmerzfähigen Frauengestalt zu tun, die das Leben und ihre Zeit annahm wie “Wetter ohne Schirm”, die es auf sich “regnen liess”, statt sich dagegen abzusichern und zu schützen, deren Fähigkeit, alle Gefühle und Wahrnehmungen mit der gleichen Empfindlichkeit bis an ihr Lebensende wahrzunehmen und zu reflektieren, nie abnahm, die aber gerade unter ihrem Frauenschicksal und den damit verbundenen Einschränkungen zutiefst litt. Gleichzeitig hat das Buch mit der Doppelgesichtigkeit der Assimilation zu tun, die einerseits Türen öffnete und Freiheiten versprach, diese zum Teil auch einlöste, andererseits einen ungemeinen gesellschaftlichen Druck auslöste, der Verunsicherung und Heimatlosigkeit nach sich zog. Es ist die Schilderung einer Gesellschaft, deren Mitglieder zwischen “Paria und Parvenu” keine Mitte mehr fanden, die an den Rand der Gesellschaft gedrückt wurden oder die mit allen Mitteln emporzukraxeln suchten. “Paria und Parvenu” wurden für Hannah Arendt Schlüsselbegriffe in der Analyse jüdisch-assimilierten Verhaltens, das selbst im günstigsten Fall, wie sie feststellte, noch die Notwendigkeit einschloss, sich immer legitimieren zu müssen – eine Notwendigkeit, die entweder das geistige Rückgrat brach oder die Rebellen und Rebellinnen entstehen liess, Anarchisten und Anarchistinnen, wie letztlich Rahel Varnhagen, die sich ständig gegen scheinbar unumstössliche gesellschaftliche Regeln aufbäumte,  im Innersten eine war, obwohl sie mit der Zeit lernte, “ihre eigene Fremdheit sachlich zu sehen, einzuordnen in die Wüste und Leere einer Stadt, die gleichsam zu arm und zu inhaltlos ist, um die Kraft zu haben, sie anzusaugen, sie zu assimilieren. Ihre Verzweiflung ist nicht mehr ihre Privatsache, sondern nur das Widerspiel einer dem Untergang geweihten Welt.” (R.V., S.159).

Hannah Arendt hatte das Buch bis auf die letzten zwei Kapitel fertiggestellt, als sie 1933 Deutschland verlassen muss. Sie trug das Manuskript mit sich in die Emigration, über Prag und Genf nach Paris, dann nach New York. Mit der Unterstützung der Leo Baeck-Stiftung konnte es endlich 1958, also fünfundzwnzig Jahre später, erscheinen.

Doch bevor wir von der Emigration sprechen, müssen wir zuerst auf die Studienzeit einzugehen, denn diese prägte Hannah Arendt auf entscheidende Weise. Nach dem Abitur im Frühjahr 1924 ging sie zuerst nach Marburg, wo sie bei Rudolf Bultmann Theologie und bei Martin Heidegger Philosophie studierte. Dass sich zwischen ihr und Martin Heidegger eine Liebesbeziehung entwickelte, die über ein Jahr dauerte, wusste selbst in ihrem privaten Kreis niemand. Im kleinen Buch “Die Schatten”, in Gedichten, aber auch im Buch über Rahel Varnhagen versuchte Hannah Arendt, diese Geschichte der Anziehung und der Fremdheit zu verarbeiten.

Nach dem Marburger Jahr studierte Hannah Arendt bei Edmund Husserl in Freiburg weiter, dann bei Karl Jaspers in Heidelberg. Jaspers wurde nicht nur ihr Mentor und Doktorvater (Hannah Arendt promovierte 1929 mit einer Dissertation über den “Liebesbegriff bei Augustin”), sondern ein Gesprächspartner und Freund fürs ganze Leben. (Der Briefwechsel zwischen der jüdischen Denkerin und dem deutschen Professor wurde vor wenigen Jahren im Piper Verlag München von Hans Saner herausgegeben).

Zu Hannah Arendts Marburger Kreis gehörten bedeutende Gleichaltrige, die ebenfalls dort studierten, darunter Hans Jonas, Karl Löwith und Günther Stern, der sich später Günther Anders nannte. 1929, nachdem Hannah Arendt und er sich einander fast fünf Jahre nicht gesehen hatten, begegneten sie einander wieder in Berlin  und heirateten. Für ein Jahr lebten und arbeiteten sie in Frankfurt, 1930 zogen sie wieder nach Berlin. (Günther Anders ist vor wenigen Wochen erst gestorben; die Bedeutung auch seines philosophischen und gesellschaftsanalytischen Werks – darunter “Die Antiquiertheit des Menschen – ist unbestritten). Er und Hannah Arendt, obwohl vieles sie verband, waren im Innersten einander völlig fremd. Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendts Biographin, sagt, dass sie wohl die Tage teilten, aber nicht die Nächte, das heisst, nicht ihre Nachtseiten, weder die geheimen Antriebe ihres Handelns noch die Hintergründe ihrer Vorstellungen, auch nicht bezüglich des Judentums oder des Zionismus. Günther Stern floh noch vor dem Reichstagsbrand nach Paris, Hannah Arendt  erst später, doch war in Paris ihre Trennung schon eine beschlossene Sache.

Noch in Heidelberg, 1926, begegnete Hannah Arendt auch Kurt Blumenfeld wieder, dem Freund ihres Grossvaters, den sie schon als kleines Mädchen in Königsberg gekannt hatte. Ihre nicht mehr abbrechende Auseinandersetzung mit dem Judentum, nicht nur mit dem Zionismus und der Idee der Statsgründung Israels, sondern auch mit den bedrängten, immer stärker in die Enge getriebenen jüdischen Gemeinden in Europa, wurden durch den Gedankenaustausch mit Blumenfeld vorweg genährt und gestützt. Immer deutlicher machte sich nach einer Zeit relativer Stabilität, die die Weimarer Republik gerade in Hannah Arendts Studienzeit – zwischen 1924 und 1929 – geprägt hatte, wirtschaftliche Rezession und politische Destabiliserung in einem Ausmass  breit, die der antisemitischen und anti-kommunistischen Aufhetzung einen breiten Nährboden bot. Hannah Arendt reiste quer durch Deutschland, hielt Vorträge, leitete Diskussionen, versuchte aufzuklären und Voruteile abzubauen. Sie war eine glänzende Rednerin, hatte schauspielerisches Charisma und konnte ihre Zuhörerschaft fesseln. Ihre Wohnung in Berlin wurde bis zur Flucht Günther Sterns, aber auch nachher, Versammlungsort und Versteck verfolgter jüdischer und politischer Flüchtiger. In Berlin in der Maison francaise arbeitete damals der französische Soziologe Raymond Aron (dem wir bei Simone Weil begegnet sind, respektive seiner Frau Suzanne Gauchon, die eine enge Vertraute Simone Weils war). Hannah Arendt  hegte zeitlebens grossen Respekt für ihn,- obwohl sie in politischer Hinsicht sich nicht einigen konnten -, da Raymon Aron Flüchtlingen, die nach Frankreich fliehen wollten, aufs tatkräftigste half.

Sie selbst schloss ich in Berlin stark den zionistischen Verbänden an. Zwar übte sie heftige Kritik  an der Tatsache, dass sich diese zwar für die Jugend einsetzten, dass sie Fluchtmöglichkeiten organisierten, dass sie die Idee der Staatsgründung Israels vorantrieben, dass sie es aber unterliessen, als politische Kraft in Deutschland selbst aktiv zu werden. So wurde sie auch nie Mitglied dieser von Kurt Blumenfeld geführten Organisation. Gerade diese Tatsache aber befähigte sie, für die Zionisten bestimmte Arbeiten zu übernehmen. Im Frühjahr 1933 wurde sie von Kurt Blumenfeld gebeten, in der Preussischen Staatsbibliothek eine Sammlung aller “antisemitischen Äusserungen auf der unteren Ebene” anzulegen, das heisst, alle Äusserungen zu sammeln, die in Berufsverbänden, Fachzeitschriften etc. publik gemacht wurden. Mehrere Wochen beschäftigte sich Hannah Arendt damit und legte eine beträchtliche Sammlung an, bis sie eines Morgens, als sie eben mit ihrer Mutter, die gerade in Berlin zu Besuch war, frühstücken wollte, mit dieser zusammen verhaftet wurde. Die beiden Frauen wurden von der Polizei getrennt befragt. Martha Arendt hatte wirklich keine Ahnung, was ihre Tochter auf der Staatsbibliothek tat, beteuerte aber immer wieder, dass sie “das Richtige” tat und dass sie es sicher auch tun würde. Hannah Arendt log der Polizei alles Möglich vor, und zwar mit so viel Charme und Überzeugungskraft, dass man sie nach einer Woche laufen liess. Auch die Wohnungsdurchsuchung, die während ihrer Haft vorgenommen wurde, brachte nichts Belastendes an den Tag, da ihre Notizbücher vor allem philosophische Reflexionen enthielten und kodierte Aufzeichnungen, die die Polizei als Verschlüsselung politischer Nachrichten vermutete, sich als Abschrift griechischer Texte erwies.

Hannah Arendt wusste nun, dass auch sie Berlin verlassen musste. Zusammen mit ihrer Mutter reiste sie ohne Reisepapiere über die grüne Grenze des Riesengebirges nach Prag, wo ein Netzwerk jüdischer linker Emigranten entstanden war, die sie mit Papieren ausrüsteten. Von Prag zogen sie nach Genf, wo Hannah Arendt dank der Vermittlung einer alten Freundin Martha Arendts, Martha Mundts, die beim Völkerbund arbeitete, eine provisorische Stelle als Protokollsekretärin beim Bureau International du Travail fand, dann bei der Zentrale der Jüdischen Vertretung, wo die Reden auf Jiddisch gehalten wurden. Aber sie wollte weiter nach Paris, wollte sich den aus Deutschland geflohenen zionistischen Elementen anschliessen.

Seit dem Reichstgsbrand und den darauf folgenden Verhaftungen, den Folterverhören in den Gestapokellern und den beginnenden Transporten in die Konzentrationlager hatte sich Hanna Arendts Verantwortungsgefühl verschärft. In einem Interview, bei dem sie 1964 Rede und Antwort stand, sagte sie, damals hätte sie begriffen, “dass man nicht mehr einfach zusehen kann. Ich dachte, wenigstens habe ich etwas gemacht. Wenigstens bin ich nicht unschuldig. Das soll mir keiner nachsagen.” Hannah Arendt fuhr dann fort, dass sie damals die Erfahrung gemacht habe, dass die grösste Gefahr für Gleichschaltung mit den Nazis bei den jüdischen Intellektuellen lag, dass diese die Bedrohung quasi auf ein abstraktes Niveau hievten und damit handlungsunfähig wurden. Hannah Arendt, indem sie sich zum Handeln entschloss, wollte diese Gefahr ganz und gar bannen. Für sie war Adorno (Theodor Wiesengrund Adorno), wie sie in einem Brief an Jaspers schrieb, das traurige Beispiel eben eines solchen Gleichschaltungsversuch auf Grund eines kläglich  akademischen Feigheitssyndroms. Für Hannah Arendt galt, was sie als Kind in Königsberg von ihrer Mutter gelernt hatte, dass man sich antisemitischen Angriffen gegenüber nie ducken soll, dass man sich immer wehren soll.

Hannah Arendts politisch aktivste Zeit war die Zeit, da sie staatenlos war: von der Flucht aus Berlin im Jahre 1933 bis zur Erlangung der amerikansichen Staatsbürgerschaft im Jahre 1951. In Paris fand sie eine Gruppe Gleichgesinnter vor, die ebenfalls geflohen waren, darunter Anne Mendelssohn, Walter Benjamin, die Cohn-Bendits und Heinrich Blücher, ein aus Berlin geflohener, nicht-jüdischer Spartakist. Von Günther Stern trennte sie sich definitiv 1936, als Stern nach New York abreiste; im Scheidungsurteil von 1937 aber heisst es, dass sie seit 1933 die eheliche Gemeinschaft aufgegeben hatten.  In Paris arbeitete sie in verschiedenen Organsiationen, die sich bemühten, Flüchtlingen zu Visa zu verhelfen, um nach Übersee zu gelangen oder um nach Palästina auswandern zu können. Gleichzeitig begann sie Notizen anzulegen, die bereits das grosse Werk vorbereiteten, das sie jedoch erst nach Kriegsende fertigstellte: “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft”. Eine Kerneinsicht, die sich nach der Zäsur von 1933 einstellte, fasste sie im Vorwort zusammen, das sie 1950 schrieb: “Alle Versuche, dem Grauen der Gegenwart durch die Sehnsucht nach einer unbelasteten Vergangenheit oder durch die antizipierte Tröstung einer besseren Zukunft zu entfliehen, sind zum Scheitern verurteilt.”  Das einzige, was nicht zum Scheitern verurteilt war, war volle, bewusste Gegenwärtigkeit.

Während Martha Arendt wieder – vorläufig scheinbar sicher – nach Königsberg zurückgereist war, baute Hannah Arendt ihre politische Tätigkeit in Paris immer stärker aus. Dabei kam sie zur Erkenntnis, dass diejenigen Juden und Jüdinnen, die sie zu den “Parvenus” zählte, etwa wie die Rothschilds in Paris, die das sog. “Consistoire de Paris” stützten, dem viele Wohlfahrtsorganisationen, über vierzig Schulen, eine Reihe von Synagogen, religiöse Gerichtshöfe, koschere Geschäfte und viel mehr unterstanden, politisch völlig inaktiv waren. “Parvenus” kennzeichneten sich gerade dadurch, dass sie die Anpassung an bestehende Strukturen suchten und nicht mehr fähig waren zu kämpfen. Allein “Parias” waren dazu fähig, davon war sie immer mehr überzeugt. Überhaupt stellte sie bei vielen französischen Juden, aber auch vielen jüdischen Emigranten und Emigrantinnen fest, dass sie unfähig waren, überhaupt selbst politisch zu denken, dass sie sich ausschliesslich nach sozialen Kriterien, statt nach politischen in ihrem Leben entschieden. Für sie war diese Tatsache mitverantwortlich für die verhängngisvolle Reaktion des Judentums dem Nationalsozialismus gegenüber.

Die wichtigste Beziehung für Hannah Arendt – in Paris und dann fürs Leben – war Heinrich Blücher. So unterschiedlich ihre Herkunft, ihre Bildung, ihr Werdegang war, so nahe standen sie einander im Denken und Urteilen. Er war kein Akademiker, sondern ein Mann des Handelns. In den deutschen Ausweisanträgen war sein Beruf mit “Drahtzieher” angegegeben. Er vermittelte Hannah Arendt alle Kenntnisse, die ein Leben in der Arbeiterbewegung, in den Soldatenräten, beim Spartakusbund und anschliessend in der KPD – bei deren Aufbau und Niedergang – anwachsen liessen. Hannah Arendt lernte daraus, dass jede politische Führung, die ihre örtliche Basis und damit den Boden, auf dem sie steht, aus den Augen verliert, auch ihre Macht verliert. Diese Erkenntnis verband sie während des Kriegs mit ihrer Kritik an den jüdischen Anführern, denen es, ihrer Auffassung nach, am Bewusstsein für gelebte jüdische Solidarität mangelte, nach dem Krieg richtete sich diese Kritik an die führenden Gestalten im Nachkriegseuropa, in Israel und schliesslich in ihrer Wahlheimat Amerika.

1935 nahm Hannah Arendt eine Arbeit beim Büro für die Jugend Aliya in Paris an. Gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit tat sich ihr die Möglichkeit auf, eine Gruppe von Lehrlingen nach dem damaligen Palästina zu begleiten. Dabei kam Hannah Arendt nicht nur das erstemal nach Haifa und nach Jerusalem, wo sich kurz zuvor auch ihr Vetter Ernst Fürst niedergelassen hatte, sondern auf dem Weg nach Palästina machte das Schiff auch Halt in Sizilien und sie sah das erstemal griechische Tempel und andere Überreste griechischer Kultur, sodann anlässlich eines Ausflugs nach Petra in Jordanien stand sie vor dem römischen Tempel von Petra. Sie war tief beeindruck von der kulturellen Bedeutung dieser Bauwerke. Kritischer war ihre Reaktion auf die Kibbuzim, die sie besuchte. Später fasste sie in einem Brief (an Mary McCarthy vom 7.Oktober 1967) diese Reaktion zusammen: “Ich dachte: eine neue Aristokratie. Ich wusste schon damals, dass man dort nicht leben konnte. ‘Herrsche über deine Nachbarn’, darüber läuft es natürlich letztlich hinaus. Dennoch, wenn man ehrlich an Gleichheit glaubt, ist Israel sehr eindrucksvoll.” Die Ambivalenz, die in diesem ersten Eindruck sich zeigte, begleitete sie Israel gegenüber das ganze Leben. Sie hatte damit zu tun, dass Hannah Arendt schon damals erkannte, dass ihr Volk einen Ort brauchte, wo es leben konnte, dass hierfür ein grosses kulturelles und durch die Verfolgung in Europa auch ein zeitbedingtes politisches Bedürfnis bestand, dass diese Tatsache jedoch nicht mit religiösen oder staatspolitischen Legitimationen vermischt werden durfte. Gleichzeitig schrieb sie (im schon zitierten Brief): “Ich wusste, dass mich jede wirkliche Katastrophe in Israel tiefer treffen würde als fast alles andere.”

In den Jahren 1936/37 hielten sich in Paris etwa fünfzehntausend Flüchtlinge auf. Fremdenfeindlichkeit, Kommunistenhetze und Antismitismus wurden zunehmend geschürt, vor allem über eine der wichtigsten faschistischen Gruppierungen, die “Action francaise”. Hannah Arendt spezialisierte sich auf die Beobachtung ihres Einflusses auf den anwachsenden Antisemitismus in den französischen Tages- und Wochenzeitungen, dessen einschüchternde Folgen sie auch bei den Kindern feststellte, die ins Büro der Jugendaliya kamen. Nachdem der Medizinstudent David Frankfurter in Davos einen Nazistatthalter erschossen hatte, beteiligte sich Hannah Arendt an den Bemühungen um eine effektive Verteidigung Frankfurters anlässlich des Prozesses im Dezember 1936, doch ohne Erfolg, Frankfurter wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt, und der Prozess zeigte nicht die geringste symbolische Wirkung auf den internationalen Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Am 15. März 1938 annektierte Hitler Österreich, und eine neue Flüchtlingswelle überschwemmte Paris. Trotzdem zögerten die jüdischen Gemeinden von Paris, gegen den “Anschluss” zu protestieren – eine Wiederholung der von Hannah Arendt bedauerten politischen Absenz innerhalb der jüdischen Kreise. Zugleich wurde die französische Regierung den jüdischen Flüchtlingen gegenüber immer restriktiver, untersagte durch Erlasse, dass Juden Geschäfte gründen durften und setzte durch Erlasse die Ausweisung von Flüchtlingen ohne Arbeitserlaubnis durch. Viele entzogen sich der Ausweiung durch Selbstmord. Die Einschränkungen  nahmen nach dem 9.November 1938 noch zu, nachdem der deutsch-polnische Hermann Grynszpan den Dritten Sekretär an der Deutschen Botschaft in Paris getötet und darauf in Deutschland in einer furchtbaren Porgromnacht – die beschönigend als Kristallnacht bezeichnet wurde – die Synagogen angezündet die die jüdischen Geschäfte geplündert wurden. Wiederum versuchte Hannah Arendt die Verteidigung Grynszpans zu organisieren, zusammen mit Leuten aus dem kleinen aktiven jüdischen Kern um die Zeitschrift “Samedi”, doch wieder führten die Anstrengungen zu nichts.

Im Januar 1939 wurden die Büros der Jugend-Aliya  in die WIZO-Zentrale in London verlegt. Hannah Arendt verlor ihre Stelle und zugleich die Möglichkeite, aktiv für die meist bedrohten Flüchtlinge einzustehen. Auf Grund ihrer Fähigkeiten und Beziehungen fand sie allerdings schnell wieder eine Arbeit bei der  Jüdischen Vertretung, wo sie vor allem österreichischen und tschechischen Flüchtlingen weiterhalf. Im April 1939 traf auch Martha Arendt Beerwald in Paris ein; ihr Mann Martin Beerwald, optimistischer wie sie, hatte Königsberg nicht verlassen wollen. Martha Arendt und Heinrich Blücher vertrugen sich schlecht, aber dieser “Familienkrieg” war weit weniger belastend als der “grosse” Krieg gegen die Flüchtlinge. Blücher wurde interniert, nach einigen Monaten kam er wieder frei, gerade rechtzeitig bevor auch Hannah Arendt  im Vélodrome d’hiver interniert und dann ins Lager Gurs nach Südfrankreich verschickt wurde. In der kurzen Zwischenzeit – im Januar 1940 – heirateten Blücher und Hannah Arendt auf einem Pariser Standesamt. Paare, die nicht verheiratet waren, hatten keine Chance, “Notvisa” für Amerika zu erhalten. Als Frankreich nach seiner Niederlage sich in einem unvorstellbaren Chaos befand, gelang es Hannah Arendt und zahlreichen anderen in Gurs Inhaftierten, Entlassungspapiere zu erhalten und sich abzusetzen. Die französische Résistance war damals noch nicht organsiert, und sie mussten untertauchen. Hannah Arendt hatte Glück; in der Nähe von Montauban konnte sie sich im Haus von zwei Freundinnen einquartieren. Im Städtchen Montauban, völlig zufällig, traf sie eines Tages auch wieder mit Blücher zusammen, der sich in den Süden auf die Suche nach seiner Frau aufgemacht hatte. Auch Anne Mendelssohn traf ein, die Cohn-Bendits und weitere Freunde und Freundinnen aus dem Pariser Kreis. Nach einem Aufenthalt in Marseille, wo sie nur mit knapper Not der Verhaftung durch die Häscher der Gestapo entkommen konnten, nach einigen Monaten Wartezeit in Lissabon gelang schliesslich die Überfahrt nach Amerika Anfang Mai 1941. Wie ein Wunder mutete es an, dass auch Martha Arendt Beerwald rechtzeitig nach Lissabon gelangen konnte und wenige Wochen nach den Blüchers ein Schiff besteigen konnte. Ein grosser Schatten lag allerdings auf der Abreise der Blüchers. Walther Benjamin, den sie noch in Marseille getroffen hatten und der ihnen einen Packen Manuskripte anvertraut hatte, hatte wohl ein spanischens Transitvisum, aber keine Ausreisepapiere aus Frankreich. Als Benjamin, der mit einer kleine Gruppe unter der Führung von Lisa Fittko über die Pyrenäen nach Spanien gelangt war, erfuhr, dass die Transitvisa nicht anerkannte, nahm er sich das Leben. Für den toten Freund schrieb Hannah Arendt ein Gedicht:

“Einmal dämmert abend wieder

nacht fällt nieder von den Sternen,

Liegen wir gestreckte Glieder

In den Nähen, in den Fernen.

 

Aus den dunkelheiten tönen

Sanfte kleine Melodeien.

Lauschen wir uns zu entwöhnen,

Lockern endlich wir die Reihen.

 

Ferne Stimmen, naher Kummer:

Jene Stimmen jener Tote,

die wir vorgeschickt als Boten

uns zu leiten in den Schlummer.

Im Mai 1941 kamen die Blüchers in New York an, mit 25 Dollar in der Tasche und einem Zustupf von 75 Dollar monatlich durch die Zionist Organisation of America. Sie mieteten zwei kleine möblierte Zimmer an der 95. Strasse, 317 West, wo sie auch Martha Arendt Beerwald aufnahmen.Im November 1941 bot sich Hannah Arendt die Gelegenheit, bei der bedeutendsten jüdischen deutschsprachigen  Zeitung Amerikas, beim “Aufbau” (der bis heute besteht), die Feuilletonstelle zu bekommen. Während sich Hannah Arendt schnell ein Umfeld schuf, in dem sie bedeutende politische und philsophische Arbeit leisten konnt, tat sich Heinrich Blücher schwer mit der Emigration. Allein Englisch zu lernen bereitete ihm grosse Mühe. Belastend war für beide, dass sie von einem grossen Teil der Freunde, den sie noch in Europa wähnten, ohne Nachricht waren, während sie erfuhren, dass der Krieg und die Vernichtungspolitik der jüdischen Bevölkerung gegenüber immer grauenhaftere Ausmasse annahmen.

Im Winter 1941/42 benutzte Hannah Arendt das Gefäss, das ihr der “Aufbau” bot, um die Idee einer jüdischen Armee gegen Hitler zu propagieren. Sie schrieb, dass die Juden, “Ale ein europäisches Volk”, in den Kampf gegen Hitler einzutreten hatten und sich nicht auf die Armeen anderer Völker zu verlassen hatten. Das sollte ihnen auch ermöglichen, später einmal an den Friedenkonferenzen der Allierten teilnehmen zu können. Sie war der Überzeugung, dass die Schaffung und der Einsatz einer jüdischen Armee sowohl für die Wiederherstellung zerstörter euroipäisch-jüdischer Identität hilfreich wäreals auch den Juden die Chance gäbe, in Europa sich innerhalb einer nach dem Krieg zu schaffenden europäischen Föderation einen Platz zu sichern. Palästina also sollte nicht zu einem nationalen Ziel der jüdischen Emigration werden, sondern lediglich eine Art kulturelle Sammlung dienen. Die europäischen Juden waren für sie in erster Linie Europäer, die ihre Wurzeln ebenso in allen europäischen Kulturen wie in der eigenen jüdischen Kultur hatten. Den Anspruch und die Idee der “Auserwähltheit” lehnte kategorisch ab, da diese Vorstellung einen Determinismus beinhalte, der sowohl zur Passivität wie zur fatalistischen Illusion verführen können, die Juden jönnten alle Katastrophen überdauern.

Die Idee der jüdischen Armee in Europa wurde auch im amerikanischen Repräsentantnehaus diskutiert, doch die Opposisiton des amriaknsoch-jüdiuschen Establishments war zu gross und sie musste wieder fallengelassen werden.

Für Hannah Arendt war auch die Idee unannehmbar, die Herzl vertrat, dass der Antisemitismus eine historische Notwendigkeit sei, die propagandistisch  für zionistische Zwecke nutzbar zu machen sei. Für sie war jede Art von “Arrangement” unannehmbar. Sie war überzeugt, dass die Juden sich auch nach dem Krieg in kämpferischer Auflehnung gegen Unterdrückung und Antisemitismus in der Gola bewähren sollten.

1942 wurde im New Yorker Biltmore-Hotel  die grosse internationale zionistische Konfernez abgehlaten, bei der Ben Gurion die Meherheit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen für die Idee eines jüdischen Palästina gewann. Es standen damals zwei ideen zur Diskussion:

1) die Errichtung eines jüdsichen Commonwealth, was bedeutet hätte, dass die arabische Mehrheit durch Umsiedlungen zu einer Minderheit hätte reduziert werden soll, und

2) die Idee eines bi-nationalen Staates, in dem die jüdische Bevölkerung einen Mionderheitsstatus gehabt hätte.

Hannah Artendt lehnte beide Versionen ab, die erste, weil darin die Rechte der arabischen Bevölkerung zutiefst verletzt wurden, die zweite, weil sie in der Geschichte bestätigt fand, dass Foederationen nur dann funktionierten, wenn sie ohne Minderheiten- und Mehrheitenstatus auskamen, wie etwa der amerikansiche Staatenbund. Sie schrieb 1942 drei Aufsätze im “Aufbau”, in denen sie sich für die Eingliederung von Palästina in den britischen Commen-Wealth einsetze, für eine Garantie, dass jüdischen Einwanderern Palästina offenstehen sollte und für eine Ächtung des Antisemitismus als Vergehen gegen die Menschheit. Darauf erhielt sie Schreibverbot im “Aufbau”.

1944 zog sich Hannah Arendt endgültig vom Zionismus zurück. In zwei grossen Aufsätzen, von denen der eine “Zionism reconsidered” (Zionismus aus heutiger Sicht) im kleinen Band “Die verborgene Tradition” auch deutsch veröffentlicht wurde, nachdem er zuerst im “Menorah Journal” im Herbst 1945 erschien) setzte sich mit den Gründen ihres Rückzugs auseinander. (Der zweite Aufsatz “Fifty Years after. Where have Herzl’s Politics led?” erschien 1946 in New York in “Commentary. A Jewish Review”.

Mit Hannah Arendts Abkehr vom Zionismus verband sich jedoch keineswegs eine Abkehr von jüdischem Engagement überhaupt. Bald nach Kriegsende wurde sie Mitglied, dann Forschungsleiterin der “Conference on Jewish Realtions”, die sich später “Conference on Jewish Social Sudies” nannte, und in deren Rahmen eine Kommission für jüdischen Wiederaufbau in europa gewählt wurde. Im ZUsammenhang dieser Arbeit begab sich Hannah Arendt im Winter 1949/50 erstmals wieder nach Europa, um eine Liste der noch vorhandenen jüdische Kulturgürter zu erstellen. Die besonders schmerzliche Auseinandersetzung mit Deutschland bei diesem ersten Besuch findet sich in Texten wieder, die 1986 im Rotbuch Verlag Berlin in einem Band mit dem Titel “Zur Zeit” erschienen sind. Wenig sssssssspäter übernahm sie beim jüdischen Verlag Schocken Books die Stelle der Herausgeberin und bewirkte die Publikation so bedeutender Bücher wie Gershom Sholem “Major Trends in Jewish Mysticism”, Kafkas Tagebücher oder die Schriften von Bernard Lazare, bei dem erstmals die Unterscheidung zwischen Parvenüs und Paria  zu finden ist.

Als 1961 Adolf Eichmann durch den israelischen Gehiemdienst in Argentinien gefasst und nach Israel vor Gericht gebracht wurde, entschloss sich Hannah Arendt, damals schon berühmte Philosophieprofessorin und Empfängerin des Lessinpreises, am Prozess als Berichterstatterin für die Zeitung “The New Yorker” teilzunehmen. Durch diese Berichterstattung und vor allem durch die damit verbundene Reflexion über die natur des Bösen, über die Banalität des Bösen, wie sie erkannte, aber auch über die Mitverantwortung, die Mitschuld der Judenräte an der Vernichtung ihres Volkes, begab sie sich in noch grössere Isolation als damals, als sie sich warnend gegen die Gründung eines israelischen Nationalstaates aussprach. 1963 erschien ihr Bericht in Buchform, doch die Kampagne gegen sie begann schon vorher und zog sich während vielen Jahren hin. Sie führte zu einer eigentlichen Polarisierung in der jüdischen Öffentlichkeit und schliesslich zur Tabuisierung der innerjüdischen Auseinandersetzung mit der Frage der Mitshculd, bis auf wneige Ausnahmen, bis auf den heutigen Tag. Hannah Arendt selbst erfuhr von ältesten Freunden, etwa von Hans Jonas, dass ihre Analyse und ihr Urteil eine Freundschaft nicht länger zuliessen. Sie selbst aber konnte nicht anders als zu dem stehen, was sie als richtig erachtete, unbesehen des Drucks, der auf sie ausgeübt wurde. Es galt für, was sie in ihrem Prozessbericht über die Aufgabe der Urteilskraft überhaupt festhielt: “… dass Menschen auch dann noch Recht von Unrecht zu unterscheiden fähig sind, wenn sie wirklich auf nichts anderes mehr zurückgreifen können als auf ihr eigenes Urteil, das zudem unter solchen Umständen in schreiendem Gegensatz zu dem steht, was sie für die einhellige Meinung ihrer gesamten Umgebung halten müssen.” (Das Buch erschien deutsch unter dem Titel “Eichmann in Jerusalem” erstmals 1986 im Piper Verlag München).

In allen grossen Werken politische Analyse und Theorie, die Hannah Arendt während der Emigrationszeit in Amerika veröffentlichte – von “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” von 1955, zu “Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart” von 1957, zum grossen Werk  “The human condition”, zu deutsch “Vita activa”, das englsich  1958, deutsch 1960 erstmals erschien, zu “Eichmann in Jerusalem” von 1964, wodurch sie zur “persona non grata” zur Verräterin an der jüdischen Sache erklärt wurde, bis zu den später veröffentlichten kleineren Werken “Über die Revolution” von 1965, über “Macht und Gewalt” von 1970, über “Wahrheit und Lüge in der Politik” von 1972 – in all diesen Werken geht es unter verschiedenen Aspekten um die Auseinandersetzung zwischen dem Politischen – unter dem sie die Geschäfte und die Verantwortung mit öffentlicher Bedeutung, mit Bedeutung für die Allgemeinehit der staatlichen Gemeinschaft, versteht – und dem Gesellschaftlichen opder Sozialen, unter dem sie die Belange der einzelnen Menschen von rpivater Bedeutung im austausch untereinader zusammenfasst. Ihr zufolge geht die politische Befähigung und Verpflichtung aus der Befähigung heraus, “einen Anfang zu setzen”, das freiheits- und sprachfähig zu sein. Freiheit verbindet hannah Arendt zumit leiglich mit dem Bereich des Politischen, während der Bereich des Sozialen dem Gebot der Notwendigkeit gehorcht. Damit aber im Politischen das Entscheiden und Handeln zum Wohl der Allgemeinheit erfolgt, muss es abgesprochen und abgestützt sein durch den politischen Diskurs, durch die gegenseitige Absicherung über ein gesprächsgestütztes Einvernehmen. Da wo Machtmissbrauch geschieht, wo politisches Handeln sich gegen die Interessen der Allgemeinheit entscheidet, setzt sich die Zweck-Mittel-Rationalität durch, die sich dem Gesetz der Notwendigkeit unterwirft, gegen die Freiheit.

Hannah Arendt zufolge wachsen alle zentralen Themen der Philosophie aus Alltagserfahrungen heraus, wie sie in einem Gespräch mit Hans Jonas festhielt, aus Alltagserfahrungen und aus den Fragen, die sich im Anschluss an diese Erfahrungen aus dem Bedürfnis der Vernunft nach Antwort ergeben. Saolch alltägliche Erfahrungen sind: Dass wir auf der Welt sind, dass eine grosse Anzahl von Menschen da sind, dass diese Menschen durch Sprache miteinander verbunden sind und sich daher politisch organisieren, dass alle einmal zur Welt kommen und einen Anfang setzen in der Welterfahrung, im Tätigksein, in der Teilhabe am Kreislauf der Welt – ob im Arbeiten, das nur Subsistenzerhaltung bedeutet, oder im herstellen von Gegenständen und damit im Schaffen einer künsstliche Welt, oder im Handeln und Sprechen, wodurch sich das politische Leben gestaltet.

Als Hannah Arendt älter wurde, verlagerte sich ihr Interesse von der “Vita activa” zur “Vita contemplativa” . Sie befasste sich erneut und eingehend mit Kants Philosophie, schrieb Werke über das Denken und Urteilen, in denen sie allmählich zur Einsicht gelangte, dass das Beobachten dem Handeln überlegen ist. Im posthum erschienenen Band über das “Urteilen” heisst es : ” Die ganze Idee von der Überlegenheit der kontemplativen Lebensweise stammt aus dieser frühen Einsicht, dass der Sinn (oder die Wahrheit) nur denen enthüllt wird, die sich vom Handeln fernhalten…, dass nur der Zuschauer eine Position hat, die es ihm erlaubt, das Ganze zu sehen. Der Handelnde, als Teilnehmer an dem Spiel, muss seine Rolle spielen; er ist per definitionem parteilich. Der Zuschauer ist per defintionem unparteilich. keine Teilnahme, keine Rolle wird ihm zugewiesen… Das, womit der Handelnde sich befasst, ist ‘doxa’, das heisst Meinung der anderen” (das Wort ‘doxa’ meint beides: Ruhm und Meinung). Und Hannah Arendt fährt fort: Für den Handelnden ist somit die entscheidende Frage, wie er auf andere wirkt; der Handelnde ist von der Meinung des Zuschauers abhängig; er ist nicht autonom (in Kants Sprache). Er beträgt sich nicht gemäss einer angeborenen Stimme der Vernunft, sondern im Einklanbg mti dem, was Zuschauer von ihm verlangen mögen. Der masstab ist der Zuschauer, und dieser Masstab ist autonom.”

Diese Entwicklung von Hannah Arendts  Philosophie ist verwirrend, denn sie führt letztlich zur Heteronomie und damit zur Entlastung der Handelnden. Das aber steht ja gerade in schärfstem Gegensatz zu ihrer eindeutigen Betonung  der moralischen Bedeutung der Urteilskraft. Als Erklärung lästt sich einerseits sagen, dass Hannah Arendt diese Schrift nicht mehr selbst publikationsfertig durchsehen konnte; sie besteht lediglich aus Vorlesungsnotizen und -aufzeichnungen. Andererseits liegt es auf der Hand, dass alle Menschen zugleich Handelnde und Zuschauende sind, dass somit niemand sich der Verantwortung entziehen kann, die ihm auf Grund seiner Urteilskraft zukommt. Un so stellt sich wieder die Verbindung zur Bedeutung der Urteilskraft (oder des individuellen Gewissens) her, wie sie im Schlüsselwerk über das Böse, im Eichmann-Report, eine gültige Ausformulierung fand: dass der Handelnde, auch wenn er auf höheren Befehl hin und aus Gehorsam handelt (und nicht aus verbrecherischer Absicht), nicht entlastet ist, nie entlastet ist, und selbst wenn dieser höhere Befehl der allgemeinen Meinung entsprechen würde, dem consensus omnium, weil allein das Gewissen, das heisst die Urteilskraft, Masstab für das richtige oder falsche, für das gute oder böse Handeln sein kann.

Hannah Arendt starb am 4. Dezember 1975 an einem Herzschlag, ganz still und ohne vorangehende Krankheit, als sie bei einem befreundeten Ehepaar zum Nachtessen  eingeladen war und sich eben zum Kaffee in einen Lehnstuhl setzen wollte. Vier Tage später wurde sie in New York beigesetzt, in einer schlichten Erinnerungsfeier, zu der eine Schar Freunde und Freundinnen kamen, am gleichen Ort, wo fünf Jahre früher, am 4. November 1970, Heinrich Blücher beigesetzt worden war. Sein Tod war der grosse Riss in ihrem Leben gewesen, er schuf eine Leere, die die Wärme aller Freundschaft um sie herum nicht auffüllen konnte. Diese Wärme war auch gegenwärtig bei ihrer Beisetzung. Mary McCarthy, die langjährige Freundin aus dem amerikanischen Exil und Hans Jonas, den sie seit ihrer Heidelberger Zeit gekannt hatte, der sich von ihr im Zusammenhang mit dem Eichmann-Buches entzweit, dann aber wieder versöhnt hatte, hielten eine kurze Rede. Hans Jonas sagte, dass “grosse Intelligenz in Heidelberg keine Mangelware war. “Aber”, fuhr er fort, “bei Hannah Arendt war eine Intensität, eine innere Zielrichtung, einn Gespür für Qualität, ein Suchen nach dem Wesnetlichen, ein Bohren nach tiefe, die ihr etwas Magisches gaben. Man spürte absolute Entschlossenheit, sich selbst zu sein, gepaart mit dem zähen Willen, auch angesichts grosser Verletzlichkeit daran festzuhalten.” Auch ihr letzter wissenschaftlicher Assistent an der New School for Social Reasearch in New York, wo sie während so vielen Jahren gelehrt hatte, versuchte zusammenzufassen, was sie ihren Studenten und Studentinnen bedeutet hatte: “Sie war eine der grossen Lehrerinnen unserer Zeit”, sagte. Ihr Wissen war ungeheuer, und dankkbar gab sie es weiter.” Und dem fügte ihr Verleger in Amerika, William Jovanovich an: “Sie war so leidenschaftlich wie es jemand, der an die Gerechtigkeit glaubt, nur sein kann, und wer an die Barmherzigkeit glaubt, bleiben muss… Sie ging, wohin immer die ernste Forschung sie führte, und wenn sie sich Feinde machte, dann niemals aus Furcht.”

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