Der Himmel – so fern, so nah – Salongespräche

Der Himmel – so fern, so nah

«Welcher Stern ist Mittelpunkt des Himmels?
Erde, nicht du!»

Rose Ausländers zwei Zeilen fassen zusammen, was im 16. Jahrhundert den Aufruhr zwischen den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und den religiösen Glaubensrichtungen bewirkt hatte und was uns heute in unserem Wissenshunger weiter bewegt. Das menschliche Staunen über den Wechsel von Licht und Dunkelheit, über die Macht der Sonne, den wechselnden Mond und die funkelnden Sterne weckt seit Jahrtausenden die Fragen nach
dem Ursprung und den Gesetzmässigkeiten des Universums sowie nach der Rolle der Erde und der Menschen im Weltganzen.

Von der Mythologie zur Raumfahrt

Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Philosophie, wurden Gegenstand der grossen Mythologien und Religionen und bewegten die Kunst. Sie öffneten sich – mit der Verbesserung der optischen Instrumente – in den Bereich der Naturwissenschaften und wandelten sich schliesslich mit zunehmenden astronomischen und physikalischen
Erkenntnissen und den Möglichkeiten der Raumfahrt in neue Fragen.

Was wissen wir über das Universum?

An sechs Abenden werden die Hintergründe und Zusammenhänge zum grossen Thema des Himmels unter der Leitung von Dr. Maja Wicki erörtert, anhand von Vorlesungen und Gesprächen, von Textkopien und Wissensbeiträgen aus der Forschung.

An einem ausgewählten Abend wird Oliver Hahn, Kosmologe ETH Zürich, als Gastreferent die Veränderungen der letzten Jahrzehnte hinsichtlich des Wissens, aber auch des Nichtwissens über unser Universum aufzeigen.

Paul Hindemiths Symphonie Die Harmonie der Welt

Es liegt ein  Brief von Gertrud  Hindemith-Rottenberg1  vom 5. November 1953 an die Deutsche Grammophongesellschaft DG vor, in welchem sie  Bezug nahm zum Generalvertrag für die Aufnahme von jährlich drei Werken ihres Mannes  Paul Hlndemlth”, der ihm im  Lauf des Sommers angeboten worden war. Sie selber war eine hochbegabte Musikerin, die Tochter des ersten  Kapellmeisters der Frankfurter Oper, die ihrem  Ehemann seit Beginn  der Ehe – die Hochzeit hatte am  15. Mai 1924 stattgefunden – stets zur Seite stand, mit Humor, mit Ausdauer und mit Feingefühl.

Auf Wunsch  der DG sollten zuerst die Symphonischen  Tänze, die Symphonie Mathis der Maler sowie die Variationen für Klavier und Streichorchester Die vier Temperamente gespielt werden. Gertrud  Hindemith schrieb, das sei wohl ein guter Vorschlag, doch Paul wünsche natürlich  am  liebsten, dass die Harmonie aufgenommen werde.

Auf diesen Wunsch  ging die Deutsche Grammophongesellschaft sofort ein, und so wurde am 20. bis 24. März 1954 von den Berliner Philharmonikern in der 1914 geplanten  und 1932 eingeweihten protestantischen Jesus-Christus-Kirche(3)  in Berlin-Dahlem, die über eine aussergewöhnliche Raumakustik verfügt, die Harmonie der Welt gespielt und aufgenommen.

Gemäss Giselher Schubert, der  ab  1974 Hindemiths Werkherausgabe leitete”, war die CD- Aufnahme eine erstaunliche Leistung.  Es gelte zu  berücksichtigen, hielt er fest, ,,dass dieses satztechnisch ausserordentlich  kunstvoll komponierte, ungemein  komplexe  dreisätzige Werk, das im  Finalsatz eine Fuge und eine Passacaglia einschliesst, nur drei Jahre zuvor entstanden  und von den Berliner Philharmonikern erst dreimal Anfang Dezember 1952 unter Wilhelm Furtwängler gespielt worden war.”(5)

Diese Komposition zählt ohne Zweifel zu Hindemith’s Hauptwerken. Sie war in der Zeit des Umzugs von den  USA in die Schweiz mit der Auftragsunterstützung von Paul Sacher zustande gekommen.  Hindemith hing sehr daran, die Aufführung selber zu dirigieren.  Nach seinem Empfinden verfälschte jeder fremde Dirigent das Werk.  Mit anderen Musikern hatte er es schon mehrmals aufgeführt, u. a. in Stockholm, Oslo, Minneapolis und in  Bonn, doch gemäss Giselher Schubert liess Hindemith bei der Aufführung in  Berlin-Dahlem, die mit der CD- Aufnahme einherging, überaschende Besonderheiten hervortreten.  Er habe die einzelnen Teile ausserordentlich deutlich artikuliert, er habe unterschiedliche Vortragstempi gewählt, die nicht mir den Angaben in der Partitur überein gestimmt hätten.  Das Hauptthema habe er sehr ausdrucksvoll ausspielen  lassen, während er für die musikalischen Begleitsysteme eine klanglich sehr individuelle – agogische – Differenzierung zugelassen habe, möglicherweise auf Kosten der Homogenität. Alle Instrumente habe er auf diese Weise singen lassen.  Die Interpretation des Schlusssatzes sei wie eine Vorwegnahme des Schlusssatzes seiner erst 1957 vollendeten Oper Die Harmonie der Welt gewesen. Eigentlich ist es nicht überraschend, dass sich  in der Symphonie- wie in der Opern-Fassung im grossen Finale ein Zusammenstossen und zusammenklingen  der widerstreitenden  Kräfte der grossen Harmonie des Kosmos und der entsetzlichen Wirklichkeiten menschlichen Hochmuts und  Handelns finden.

Als ich während der Arbeit an den Vorlesungen dieses Herbstsemester – in Kenntnis von Johannes Keplers ergreifendem, trostsuchendem Werk Harmonia Mundi – erstmals die Aufnahme der von Hindemith selber dirigierten Symphonie hörte, wurde mir die wunderbar vielschichtige Aussagekraft der.Musik bewusst, die davon abhängt, ob sich  Dirigent und Musiker im  konzertanten Vortrag frei von persönlicher Eitelkeit ausschliesslich dem ihnen emotional und formal anvertrauten  Inhalt widmen  und diesem gerecht werden möchten. So muss die Grundhaltung bei der Konzertaufnahme in  Berlin-Dahlem gewesen sein. Wieder ist es Giselher Schubert, der in seiner Erinnerung festhält, dass für Hindemith bei einer musikalischen Interpretation ausschliesslich die Aufgabe gegolten habe, ,,eine Komposition ohne störende individualistische Beimischung darzubleten'”. So sei es gewesen. Die Vorgänge auf dem Podium  hätten nichts Feierliches, nichts Sensationelles gehabt, wie von Schubert ein anderer Rezensent zitiert wird, im Gegenteil. ,,Der mittelgrosse,  untersetzte Mann mit dem  mächtigen Schädel, der da vor den Musikern mit selbstverständlicher Nochchalance agiert, wirkt wie einer der ihren. Rund und elastisch sind seine Bewegungen, der ganze Körper ist locker, die fast tänzerische Agilität seiner Erscheinung überträgt sich auf das Orchester.  Es folgt ihm, ohne sichtlichen Zwang, einfach, weil es spürt, hier ist jemand, der sein  Handwerk bis ins Letzte versteht, der mit klarem  Kopf und sehr viel Herz nur Musik macht.”(7)

„Mit klarem  Kopf und sehr viel Herz nur Musik machen” schliesst denkerisches und handwerkliches Können ein, ein Wissen um die Abläufe, gleichzeitig eine emotionale Untrügbarkeit. Vermutlich  baute sich aus diesen Voraussetzungen Hinderniths Werdegang auf. Während Getrud  Rottenberg aus einem grossbürgerlich-musikalischen  Elternhaus stammte, wuchs Paul Hindemith in einem Handwerker-Arbeiter-Milieu auf, erst in  Hanau und bei den väterlichen Grosseltern  in Schlesien, dann ab dem sechsten Altersjahr in Frankfurt am Main. Seine Eltern setzten sich jedoch voll für die musikalische Ausbildung ihrer drei Kinder ein, die früh als .Frankfurter Kindertrio” auftraten, mit Paul, dem Ältesten, der neben anderen Instrumenten in erster Linie die Geige, später die Bratsche spielte, Antonie resp. Toni, der drei Jahre jüngeren Schwester, die eher im  Hintergrund blieb, während Rudolf, der ebenfalls hochbegabt Jüngste, als Cellist und später als Komponist und Dirigent Beachtung fand, sich jedoch im Schatten seines Bruders fühlte und sich mehr und mehr dem Jazz zuwandte.  Paul Hindemith hatte mit Anna Hegner, einer aus Basel stammenden Geigerin  und Musikpädagogin,  die einige Zeit in Frankfurt am  Main lebte, eine hervorragende Lehrerin erlebt, die ihn auch ans Hoch’sche Conservatorium vermittelte, einer 1878 von Josef Hoch, einem reichen Frankfurter Bürger, als Stiftung eingerichteten Musik-Akademie  für begabte, mittellose Menschen jeden Alters. Seine Ausbildung als Geiger und Bratschist erreichte höchste Perfektion, ebenso jene im Bereich der Komposition, auch dank seines Lehrers Arnold  Mendelssohn,  einem Grossneffen von Felix Mendelssohn- Bartholdy.  Bald wurde Hindemith  Bratschist im  Frankfurter Orchester und ab  1915, mit zwanzig Jahren,  mitten im  1. Weltkrieg,  Konzertmeister auf der Frankfurter Opernbühne.

Im gleichen Jahr wurde Hindemith’s Vater, der sich  mit 44 Jahren freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet hatte, als Infanterist in einer der fürchterlichen Schlachten in der Champagne getötet.  Paul selber wurde trotz dieses Verlustes im Januar 1918 als Soldat eingezogen und der Militärmusik zugeteilt, die in die entsetzlichen  Kriegsplätze im  Elsass – Verdun -, in  Nordfrankreich  und in Belgien versetzt wurde, bis er es nicht mehr aushalten konnte und noch vor Kriegsende, Ende.Dezember 1918,  entlassen wurde. Sein kritischer,  . politischer Geist hing vermutlich mit den Erfahrungen dieser Gräuel zusammen, auch mit der nationalistischen Aufblähung, die sich in den Kriegsjahren entwickelte und sich mit der militärischen Niederlage sowie den politischen und wirtschaftlichen  Bedingungen des Versailler Vertrags verstärkte.

In  musikalischer Hinsicht war Paul Hindemith jede Art von Romantik fremd. Es waren vielschichtig klare, manchmal vielleicht sogar karge Klangstrukturen, die er entwarf und spielte.  Er wollte nie mit Musik betören.  1923, im gleichen Jahr, als er Gertrud  Rottenberg heiratete, bat ihn Paul Wittgenstein  um eine Klavierkomposition für die linke Hand, Ludwig Wittgensteins älterer Bruder, der Pianist war und dem zu Beginn des 1. Weltkriegs an der russischen Front nach einer schweren Verwundung der rechte Arm amputiert wurde.  Diese Komposition blieb lange verschollen. So viel ich weiss, wurde sie erst 2002 wieder gefunden und erstmals gespielt, ebenfalls von den Berliner Philharmonikern.

Ein wichtiger Freund Paul Hindemiths war Hans Flesch, der Ehemann von Gabriele Rottenberg, Gertruds Schwester, somit auch sein Schwager.  Flesch war Arzt, hatte sich als einer der ersten auf Radiologie spezialisiert und  kannte sich in technischer Hinsicht hervorragend aus. So wurde er 1924 als erster zum  Leiter des Frankfurter Rundfunks gewählt und ermöglichte Paul Hindemith zahlreiche Kompositionsaufträge, unter anderem gemeinsam mit Kurt Weill und  Bertolt Brecht.  Hindemith wurde auch  Mitglied des Amar Quartetts, das er  zwischen  1923 und  1930 massgeblich mitbestimmte. Seine Kompositionen wurden an den Donaueschinger Musiktagen aufgeführt und er wurde zunehmend als hervorragender Komponist neuer Musik  bekannt, eckte an und wurde bewundert.

Fleschs tragische Geschichte bald nach Hitlers Machtübernahme und während der Kriegsjahre kann hier nicht geschildert werden, doch sie muss für Hindemith ständig präsent gewesen sein, der als „entarteter Künstler” und durch seine Ehe als „Halbjude” ebenfalls bedroht war, der jedoch dank einer rechtzeitig erfolgten Einladung in die USA gelangen konnte und sich dort in Sicherheit befand, während es für Gertrud schwieriger war, aus Deutschland wegzukommen.  Ihre  Flucht über die Schweiz, Frankreich und Portugal war viel komplizierter und unsicherer, doch 1940 gelangte auch sie nach Amerika.

In Amerika  konnten sich  Hindemith und seine Frau von 1940 bis 1953 in New Haven (Connecticut) ein wirkliches Zuhause schaffen, mit einem grossen Freundeskreis, in welchem die politischen Geschehnisse in Europa diskutiert und gleichzeitig gemeinsam musiziert werden konnte.  Hindemith hatte eine Professur für Komposition in Yale mit einer grossen Anzahl von Schülern, mit zahlreichen  Einladungen zu Konzerten, in denen er vor allem als Dirigent wirkte, und in Verbindung damit mit unzählbar vielen Reisen durch die ganze Welt, meist gemeinsam mit seiner Frau.

Ab 1953 lebten  Hindemith’s in Blonay am Genfersee, Paul Hindemith noch zehn Jahre, auch von hier aus mit vielen Reisen – u. a. in die skandinavischen  Länder und dann nach Berlin in Zusammenhang der Aufnahmen für die Deutsche Grammophongesellschaft -, auch mit grossen Ehrungen,  die ihm zuteil wurden, bis er am 28. Dezember 1963 während eines Aufenthalts in  Frankfurt am  Main an den  Folgen einer Pankreasentzündung starb.

Gertrud  Hindemith lebte noch vier Jahre in Blonay und widmete sich ganz der Aufarbeitung des Nachlasses ihres Mannes. Sie schlief bei sich zu Hause am 13. März 1967 für immer ein. Das gemeinsame Grab von Paul und Gertud Hindemith befindet sich auf dem Friedhof von St. Légier.

1     Johanna Gertrude  Hindemith, geb. Rottenberg  (1900 – 1967)

2  Paul Hindemith (1895 -1963)

3  Von 1933  bis 1945  war diese Kirche immer wieder der Treffpunkt der Bekennenden  Kirche, in welcher insbesondere  Martin Niemöller  seine politisch kritischen Predigten hielt.  Sie war auch in den letzten Jahren immer wieder ein Schutzraum  für Asylsuchende,  die für bedrohte Menschen Kirchenasyl bot.  Gleichzeitig  ist sie einer der besonderen  Konzerträume,  in welcher viele der grossen Musiker und Musikerinnen,  Dirigenten  und Orchester auftraten.

4 von 1991  bis 2011 auch Direktor des Hindemith-Instituts in Frankfurt a. M.  in der Hochschule für Musik und Darstellende  Kunst (ursprünglich  im ehemaligen  Rothschild-Palais, wo nun das Jüdische Museum ist)

5  Begleitblatt  zur CD Hindemith conducts Hindemith.  1954/2003  Hamburg,   Deutsche Grammophongesellschaft, 1.11

6 Begleitblatt zur CD Hindemith conducts Hindemith.  1954/2003  Hamburg,  Deutsche Grammophongesellschaft, 1.10

7 Begleitblatt zur CD Hindemith conducts Hindemith.  1954/2003  Hamburg,  Deutsche Grammophongesellschaft, 1.10

Herbstsemester 2014,  Universität Bern, Zentrum für universitäre Weiterbildung ZUW

Der Himmel – so fern, so nah

Salongespräche – Vorlesungen  II. Teil

Welcher Stern ist Mittelpunkt des Himmels?  Erde – nicht du !”1

Rose Ausländer wäre in der römischen wie in der frühen christlichen Zeit, die ineinander übergingen  und über Jahrhunderte in einander verstrickt blieben, für ihre zwei Zeilen wegen Gotteslästerung angeklagt und vermutlich gelyncht worden. Die Bedeutung der Erde als Zentrum des Weltganzen durfte nicht angetastet werden. Schon in den griechischen Stadtstaaten waren der Philosophie,  in welche Kosmologie und Astronomie einbezogen waren, autoritäre Schranken gesetzt.  Religionskritische Fragen oder Erkenntnisse, die den offiziellen  Richtigkeits- oder gar Wahrheitsanspruch durchbrachen, waren schon damals ein grosses Wagnis. Die einschränkenden Bedingungen und die Forderungen der Anpassung an die herrschende Macht verschärften  und verhärteten sich zunehmend unter der römischen Herrschaft, insbesondere als diese infolge der Ausdehnung und der internen  Destabilisierung am Zusammenbrechen war.  Selbst die grossen Kunstwerke, die in derselben Zeit entstanden sind, konnten nicht übertuschen,  mit welcher Grausamkeit  gefoltert und getötet wurde, wer kontroverse Meinungen vertrat, ob politische oder religiöse. Die beiden Bereiche galten – gelten zum Teil noch immer – als von analoger Bedeutung.  Das Beispiel von Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. u. Z.) mag erwähnenswert sein, wobei in  keiner Weise seine jugendliche Übersetzungsarbeit der Schrift Phainomena von Aratos’ von Soloi  (ca. 310 –  245 v. u. Z.) über die Sternbilder des nördlichen Teils der Himmelskuppel im Fokus der Verfolgung stand, sondern seine Opposition gegen die Diktatur Caesars und sein  Einsatz für die Wiederherstellung der Republik.

Im  Bereich der Astronomie galt die gleiche Rigidität wie im Bereich der Politik und der Religion. Aristarchos’ von Samos Erkenntnis des heliozentrischen Systems wurde unter der römischen  Herrschaft verschwiegen, wie schon erwähnt wurde. Plutarch  (45 – 125) brachte sie in seinem kleinen  Buch zum Mondgesicht zwar ins Gespräch, jedoch ohne deren Bedeutung zu veteidigen. Claudius Ptolemäus (ca.  100 – 160), der eigentliche Astronom und Mathematiker seiner Zeit, hat in den  13 Büchern seines  Almagest ausschliesslich das geozentrische Weltbild vertreten, das später vom christlichen  Lehramt als das allein richtige übernommen wurde. Wer dieses anzweifelte und gleichzeitig die Himmelsspähren in  Frage stellte wie Giordano Bruno (1548 – 1600) es wagte, war gnadenloser Verfolgung, schwerster Folter und Tod ausgesetzt.

Doch nicht nur Wissenschaftler, auch Dichter waren gefährdet, wenn ihr Werk nicht den kaiserlichen Vorschriften entsprach. Ovid2  hatte im  letzten Jahr  v. u. Z. ein Werk in drei Bänden  über die Ars amatoria – Die Liebeskunst veröffentlicht, das nach den Sittlichkeitsregeln von Kaiser Augustus – Gaius Octavius Augustus-, dem Grossneffen von Gaius Julius Caesar, der nach dessen Ermordung  im Jahr 44 v. u. Z. an die Macht gekommen war, zur Verführung des Volkes beitrug und daher eine Gefahr bedeutete. Zwar waren infolge der strengen, von ihm erlassenen Gesetze die Bürgerkriege beendet worden, doch die Kontroll- und Strafmassnahmen waren gnadenlos.  Ein Gericht verdammte Ovid an den äussersten östlichen  Rand des grossen Reichs, nach Tomis am Schwarzen Meer (dem heutigen  bulgarischen Constanza), wo er bis zu seinem  Lebensende bleiben  musste. Möglicherweise  schrieb er die Metamorphosen als Versuch der Versöhnung mit dem Kaiser, diese Hymne an die vollkommene göttliche Schöpfung, von den Anfängen über alle Veränderungen  bis in seine Zeit.

Ein Auszug aus dem ersten der fünfzehn  Bücher mag verdeutlichen, was Ovid bezweckte: „Ehe es Meer,  Land und den allumfassenden  Himmel gab, hatte die ganze Natur ringsum einerlei Aussehen. Man nannte es Chaos: eine rohe, ungeordnete  Masse, nichts als träges Gewicht und einen  Haufen Samen von Dingen, zusammengeworfene, im Widerstreit befindliche, ohne rechten Zusammenhang. ( … )  Diesen Streit schlichtete ein Gott und die bessere Natur.  Er schied nämlich vom Himmel die Erde und von der Erde die Gewässer, und er sonderte von der dichten  Luft den klaren Himmel.  Nachdem er diese vier herausgeschält und aus dem unübersichtlichen  Haufen genommen  hatte, trennte er sie räumlich und verband sie so in einträchtigem  Frieden.  Die feurige Kraft des schwerelosen Himmelsgewölbes sprühte empor und schuf sich ganz oben in der höchsten  Höhe einen Platz. Am nächsten steht ihr die Luft, was die Leichtigkeit und den Standort betrifft. Dichter als beide ist die Erde. Sie zog die wuchtigen  Elemente an sich und wurde durch die eigene Schwere  nach unten gedrückt.  Ringsum strömte das Feuchte, nahm den Rand  in  Besitz und umschloss das feste Erdenrund.  –   Kaum hatte er – welcher der Götter es auch sein  mochte – das Durcheinander so geordnet, zerschnitten und gegliedert, da ballte er zuerst die Erde zusammen, damit sie auf allen Seiten gleich sei und gab ihr die Gestalt einer grossen Kugel. Dann gebot er den Meeren, sich weithin zu ergiessen, von stürmischen Winden gepeitscht anzuschwellen und die Küsten der Erde rings zu umfliessen. Dazu schuf er noch Quellen, unermessliche Seen und Teiche. ( … )  Er gebot auch den Feldern, sich auszubreiten, den Tälern, sich zu senken, den Wäldern, sich mit Laub zu bekleiden,  und den steinigen  Bergen, sich zu erheben.  Und wie den Himmel zwei Zonen zur Rechten und ebenso viel zur Linken durchschneiden, wobei  die fünfte heisser ist als die anderen, so teilte des Gottes Vorsorge die vom Himmel umschlossene Erdmasse durch dieselbe Zahl, und gleich viele Zonen hat die schwere Erde.  Die mittlere von ihnen ist wegen der Hitze unbewohnbar, zwei Zonen bedeckt tiefer Schnee, ebenso viele hat der Gott dazwischen gesetzt und ihnen ein gemässigtes Klima gegeben, indem er Feuer mit Kälte mischte.  Darüber schwebt Luft, die so viel schwerer ist als Feuer, wie Wasser leichter ist als Erde.  ( … )    –      Kaum  hatte er alles mit klar umrissenen Grenzen  aufgegliedert, als plötzlich die Sterne, die lange von undurchdringlichem  Dunkel bedeckt gewesen waren, am ganzen Himmel aufzuglühen begannen.  Und damit kein Bereich ohne Lebewesen sei, die ihm angehören, haben Gestirne und Göttergestalten den Himmelsboden  inne, den schimmernden  Fischen fielen die Wogen als Wohnstatt zu, die Erde nahm Tiere auf, und Vögel die bewegliche Luft.   –   Noch fehlte ein Lebewesen, heiliger als diese, fähiger, den hohen Geist aufzunehmen, und  berufen, die übrigen zu beherrschen.  Es entstand der Mensch, sei es, dass ihn aus göttlichem Samen jener Weltschöpfer schuf, der Ursprung der besseren Welt, sei es, dass die junge Erde, erst kürzlich vom hohen Äther getrennt, noch Samen des verwandten  Himmels zurückbehielt.  Diese mischte der Spross des Japetus3  mit Regenwasser und formte sie zum  Ebenbild der alles lenkenden Götter.  Und während die übrigen  Lebewesen  nach vorn geneigt zur Erde blicken, gab er dem Menschen ein emporblickendes Antlitz, gebot ihm, den  Himmel zu sehen und das Gesicht aufrecht zu den Sternen zu erheben. So nahm die Erde, die eben noch  roh und gestaltlos gewesen war, verwandelt die bisher unbekannten  menschlichen Formen an. “4

Mit den “menschlichen  Formen”, die die Erde annahm,  vollzogen sich auch die vier Weltalter – vom goldenen, paradiesischen, bis zum verrohten eisernen oder ehernen, als “alle Sünde einbrach, es flohen Scham, Wahrheitsliebe und Treue, an ihre Stelle rückten Betrug, Arglist,  Heimtücke, Gewalt und die frevelhafte Habgier'”, wie Ovid zusammenfasste. Zum Abschluss des fünfzehnten  Buchs hielt er fest, in Hoffnung auf Kaiser Augustus’ Gnade, dass er nun  ein Werk vollendet habe, das nicht Jupiters Zorn, nicht Feuer, nicht Eisen, nicht das nagende Alter werde vernichten können. Dass sich wohl die ungewisse Frist seines Lebens beenden werde, doch dass der bessere Teil fortdauern und sich hoch über die Sterne emporschwingen werde, sein  Name werde unzerstörbar sein und durch alle Jahrhunderte im Ruhm fortleben.

Die Schöpfungs- und  Menschheitsgeschichte, wie Ovid sie in den Metamorphosen besang oder wie Vergil (70 – 19 v.u.Z.) sie in den Eklogen, in den Buccolica oder in der Aeneis mit Erzählungen verflocht, wurde von der neuen monotheistischen, christlichen  Religion nicht aufgehoben, sondern fortgesetzt, mit der hebräischen verwoben  und verändert.   Für die Schöpfungsgeschichte galten als Urheber nicht mehr Zeus oder Jupiter mit den familieninternen Götterkonflikten  und -zuständigkeiten für Harmonie, Schutz oder Strafe des Weltganzen, sondern gemäss der jüdischen Erklärungsversion ein alleiniger Gott, ein allmächtiger Herrscher und Vatergott.  Nach der vom römischen Statthalter Pilatus ausgesprochenen und vom Rabbinat unterstützten Verurteilung Jesus’ von Nazareth  (ca. 7-4 v.  u. Z. – 30), dieses messianisch  und revolutionär wirkenden  Propheten, breitete sich nach dessen Folter und Tötung am  Kreuz seine Lehre durch deren Überzeugungskraft zunehmend aus,  auch durch die glühende Verehrung seiner Schüler sowie seiner Anhängerinnen und Anhänger”, Sie waren  überzeugt, dass die sakrale Einheit von Vater, Sohn  und Geist, die durch die Bedeutung Jesu entstanden war,  die Schöpfung vollendete, andererseits Maria als Muttergestalt einbezog, so wie Demeter in der griechischen und Tellus in der römischen Glaubenswelt für das werdende und seiende Leben eine göttliche Schutzfunktion hatten. Doch das unermesslich grosse, abgerundete Werk der göttlichen Schöpfung hatte wie in allen drei vorangegangenen Religionen den gleichen Mittelpunkt, um welchen sich die übrigen Gestirne in ihren eigenen Sphären drehten: die Erde.

Auch in der christlichen  Kosmologie gehörten Sonne, Mond und  Planeten  in den himmlischen  Kreisbewegungen  um die Erde zu den Sphären des Göttlichen, die nicht zu hinterfragen waren und deren  Richtigkeit nicht angetastet werden durfte, bestimmten sie doch den Ablauf von Tag und Nacht, von Kälte und  Hitze, von Ebbe und Flut, von Trockenheit und  Regen. Ob die Gestirne engelhaft beseelt seien oder nicht, ob sie aus Materie bestehen oder aus reinem Geist, ob sie ewig seien oder geschaffen  und somit zeitlich  begrenzt, darüber bestand seit den Anfängen der neuen  Epoche ein nicht abbrechender Disput unter den Kirchenfürsten und  religiösen Denkern aus den verschiedenen Ordensgemeinschaften, der sich in zahllosen Schriften, religiösen Abspaltungen und  Konzilien äusserte und sich über Jahrhunderte fortsetzte, mit dem Bezug auf Platons Timaios oder auf Aristoteles1    Naturlehre, oft auch  unter Beachtung arabischer oder jüdischer Gelehrter.  In den ersten drei Jahrhunderten war die neue Religion für die römischen Machthaber, die das riesige Reich ohnehin  kaum mehr zusammenhalten  konnten und die Herrschaft allmählich in „Mitkaiser” – Caesaren – aufteilten, eine Provokation, die immer wieder Anlass zu grausamen Verfolgungen gab. Eine der schlimmsten wurde vermutlich um 284 durch  Kaiser Diokletian veranlasst – oder durch Galerius, einen seiner Mitkaiser-, bis dieser selber Kaiser war und um 311 ein erstes Toleranzedikt erliess.  Es waren gelinde Erleichterungen, die vorerst folgten, doch Verbot und Verfolgung konnten die Ausbreitung nicht verhindern, im Gegenteil. Intellektuelle wie breite Bevölkerungsteile liessen sich von der neuen  Lehre überzeugen, vertraten jedoch auch unterschiedliche Überzeugungen – zum  Beispiel betreffend der Göttlichkeit Jesu oder betreffend der Dreifaltigkeit -, spalteten sich in Unterreligionen und Zänkereien auf, wobei sich einzelne auch wieder versöhnten.  Im Jahr 313 gelang es den Kaisern  Kostantin  I   und  Licinius, in Mailand eine Vereinbarung der Religionsfreiheit zu proklamieren, die dem Christentum eine zunehmende Bedeutung zugestand,  bis dieses im Jahr 380 unter Kaiser Theodosius zur römischen Staatsreligion erklärt wurde.  Doch die Folge war nicht grössere Denkfreiheit, sondern eine Veränderung der kultischen Orthodoxie und neue Machtkämpfe zwischen  Rom,  Konstantinopel und Alexandria, zwischen den westlichen, den östlichen und den ägyptischen  Lehrrichtungen  und den darin sich bildenden Religions- und Ordensgemeinschaften.

Bei den meisten religiösen Lehren überwog neben der kosmologischen und astronomischen Auseinandersetzung jene über die Erschaffung des Menschen, dem mit dem  Körper von Gott auch Seele und Geist (animus et spiritus) eingehaucht wurde (anima – Hauch), dem daher das Dasein auf der Erde für eine bestimmte, begrenzte Dauer sowohl mit der Verantwortung für das Zusammenleben mit seinesgleichen und für die Annäherung an das Göttliche und die Rückkehr zu diesem auferlegt war, wie auch für die Fortpflanzung und die Pflege von Pflanzen  und Tiere.  Um der Vielschichtigkeit der menschlichen Aufgaben eine Struktur zu geben, bedurfte es einer Ordnung von Geboten  und Verboten, die ebenfalls göttlichen Ursprungs waren, die daher eingehalten und beachtet werden mussten, die zusätzlich  im Vollzug von Riten und Opfern Verehrung forderten.  Bei  Nichtbeachtung dieser Ordnung, bei Überheblichkeit, Hochmut und Willkür, bei Habgier und Gewalt, bei Lug und Trug wurde für den Augenblick des Todes – beim Aushauchen der Seele (animam edere) – angenommen, dass kein Mensch dem göttlichen  Urteil und der Strafe entgehen könne. Das Weiterleben nach dem Tod war glaubensmässig nicht anzuzweifeln.  Es verknüpfte sich mit der Schöpfungsbedeutung der ausserirdischen Sphären der Welt.

Die Sphären der Zwischenwelt, der Unterwelt und der Himmelswelt stellten sowohl Schrecken  und Busse, finsterste Verdammung  als auch  Hoffnung und Seligkeit in Aussicht, wie Dante (1256 -1321) sie in der Divina Commedia7  schildert: „Grad in der Mitte unserer Lebensreise/ befand  ich  mich  in einem dunkeln Walde,/ weil ich den  rechten Weg verloren  hatte'”, lauten die ersten drei Zeilen der grossen Jenseitswanderung, die Dante in  Begleitung Vergils zur Vorhölle und zu den Schrecken der Hölle führen, dann über das Purgatorio resp. den Läuterungsberg zum Lichtmeer des Himmels, zum Paradies.  Dort angekommen führt Beatrice ihn zum Mondhimmel, dann zum Merkurhimmel, wo sie ihm weitere Geheimnisse erläutert, bevor sie ihn zum Venushimmel begleitet:

„Um Dir nun alle Wünsche zu erfüllen,/ will ich  noch einige Punkte dir erklären,/ damit du darin siehst, wie ich es sehe./ Du sagst:  Ich seh die Luft, ich seh das Feuer,/ Wasser und Erd und alle ihre Mischung/ verderben und nur kurze Weile dauern./ Und doch sind alles dies auch Schöpfungswerke,/ so dass, wenn ich dir erst die Wahrheit sagte,/ sie vor Verderbnis sicher bleiben  müssten. / Die Engel, Bruder, und das reine Leben, / in dem du stehst, kann man geschaffen nennen,/  so wie sie sind,  in ihrem ganzen Wesen./ jedoch die Elemente, die du nanntest,/ und jene Dinge, die man daraus machte, sind von geschaffner Kraft gebildet worden. Geschaffen ward der Stoff, draus sie bestehen,/ geschaffen ward die Kraft, die sie gebildet/ in diesen Sternen, die hier um sie kreisen./ Die Seele jedes Tiers und jeder Pflanze/ empfängt je nach der Mischung ihrer Kräfte/ Strahl und  Bewegung dieser heiligen Sterne./ Doch euer Leben atmet ohne Mittler/ die höchste Güte, die euch so mit Liebe/ erfüllt, dass ihr euch ewig danach sehnet. / Und daraus kannst du eure Auferstehung/ auch noch begreifen, mit der Überlegung,/ wie einst der Menschen Fleisch geschaffen wurde/ bei der Erschaffung unserer ersten  Eltern. “9  Die höchste, letzte Erfüllung bedeutete die Begegnung mit Maria,  bevor dieser Wanderer aus dem Jenseits, vom Glanz der Dreieinigkeit geblendet, wieder zurückkehrt in den Kreislauf des Menschseins und der Sehnsucht.

Aus der Verbindung von Kosmologie und Religion resp. von Naturwissenschaften  und Theologie einen Ausstieg zu finden, möglicherweise eine Trennung, um dadurch eine Möglichkeit neuer Erkenntnis zu schaffen, das hat als wissenschaftliches Bedürfnis und als persönlicher Wunsch ohne Zweifel zahlreiche Denker und Denkerinnen zutiefst bewegt. Sich autoritärer Macht entgegen zu stellen war immer ein Wagnis gewesen, doch mit der Verflechtung von kirchlicher und staatlicher Herrschaft hatten sich die Einschränkungen freien  Denkens in Europa noch verschärft. Die von Theologen ausgeübte Inquisition, die ab dem 12. – 13. bis ins 18. Jahrhundert als höchstes Gericht über Leben und Tod entschied und vor keinerlei Folter zurückschreckte, um Verdächtige der Häresie, der Ketzerei oder der Gottesleugnung zu  überführen, war von abschreckender Wirkung.  Ein  aufwühlendes Beispiel findet sich  mit Giordano Bruno (1548 – 1600), dem bahnbrechenden kosmologischen  Denker der Renaissance.

Giordano Bruno war in Nola am  Fuss des Vesuv, nicht weit entfernt Pompeii und von Neapel, zur Welt gekommen.  Stets nannte er sich selber Giordano von Nola oder bezeichnete sich als Nolaner. Seine Herkunft war seine Identität, selbst wenn er in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war.  Auf Grund seiner ungewöhnlichen  Intelligenz wurde er früh von kirchlicher Seite gefördert.  Das erklärt, weshalb  er als Fünfzehnjähriger schon  Mitglied  des Dominikanerordens in Neapel war.  Doch mit der Vertiefung des theologischen Studiums begann er bald, verschiedene Dogmen der katholischen  Kirche anzuzweifeln  und diese Zweifel auch auszusprechen.  1575 – Giordano Bruno war 27 Jahre alt – wurde er vom Vorsteher des Ordens der Ketzerei angeklagt.  Die Flucht aus Neapel und der Austritt aus dem Orden waren von gleicher Dringlichkeit, um der Inquisition zu entkommen.

Für den jungen  Denker begann  ein ruheloses,  heimatloses Leben.  Er floh durch ganz Italien nach Oberitalien, von dort in die Schweiz, weiter nach Frankreich, wo er in Toulouse und  in Paris zwar unterrichten  konnte, jedoch  wegen  der Kämpfe zwischen  Katholiken  und Hugenotten wieder fliehen  musste und nach  England gelangte, wo er in  Oxford und in London für knappe  drei  Monate  Lehrmöglichkeiten fand, jedoch  von den scholastisch- konservativen  Professoren vertrieben wurde, darauf nach  Deutschland  kam, wo er in Wittenberg und in  Helmstedt auf grosses wissenschaftliches Interesse stiess, jedoch  wegen der politischen  Unruhen  nicht bleiben  konnte.  Über Prag, wo er von König Rudolf II  ein wenig Unterstützung bekam,  gelangte er 1581 nach Frankfurt am  Main.  Er beschloss, sich für eine Weile  zurückzuziehen  und eine Gesamtausgabe all seiner Schriften  auf Lateinisch zu realisieren. Schon  1584 hatte er in  England  auf Italienisch  Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen10  verfasst, eines der zentralen  Bücher seiner aufklärerischen  Erkenntnisse.

Doch obwohl Giordano  Bruno um die Gefährdung wusste,  in der er sich  befand, geriet er in  eine Falle.  In  Frankfurt, später in Zürich näherte sich  ihm  ein Venezianer mit verlockenden Lehr- und Verdienstangeboten, die ihm zuständen, wenn  er nach Italien zurückkehre.  In Padua sei eine Professur für Mathematik vakant, die ihm  entsprechen würde. Giordano Bruno liess sich  betören,  nichtsahnend, dass er sich  damit der Inquisition auslieferte.  Die Professur in  Padua machte  ihm Galileo Galilei abspenstig und in Venedig,  kaum angekommen, wurde er von einem  reichen  Bekannten, der von ihm  irgendwelche  magische Informationen  erpressen wollte,  bei der Inquisition verklagt.  Er wurde verhaftet und noch in Venedig sieben  Mal qualvoll verhört, bis er zustimmte, seine Aussagen zu leugnen. Trotzdem wurde er ans höher gestellte  lnquisitionstribunal in  Rom  ausgeliefert. Während acht Jahren zog sich  der Prozess und die Einkerkerung in  der Engelsburg hin. Giordano  Bruno muss schwerster Folter ausgesetzt gewesen  sein,  bis das kirchliche Gericht ihn ans weltliche Gericht übergab.  Einen Teil seiner philosophisch  relevanten Aussagen auch  hier zu  leugnen, dazu war er bereit, doch an  den seines Erachtens wichtigsten  Erkenntnissen  hielt er fest:

dass Jesus Christus nicht göttlichen, sondern  menschlichen  Ursprungs sei, dass es kein Jüngstes Gericht gebe, auch  nicht Hölle,  Fegefeuer und Paradies, ferner dass das ganze geozentrische System  mit der Theorie der Sphären  ein betrügerisches Konstrukt sei, dass das Universum  unendlich  und die  Erde ein Planet unter vielen  sei.

Giordano Bruno wurde zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und am  17. Februar 1600 auf dem Campe de’ Fiori  in Rom  lebendigen  Leibs verbrannt, offenbar mit angebundener Zunge, damit er nicht zum Volk sprechen  konnte.

Sein ganzes Werk wurde vom Vatikan verboten  und blieb auf dem Index verbotener Bücher bis 1966, als Papst Johannes XXIII im Rahmen des zweiten Vatikanischen Konzils das Verbot aufhob.  Und es dauerte bis zum Jahr 2000, bis Papst Paul II  die Verfolgung,  Folter und Tötung Giordano Brunos als Unrecht erklärte und dadurch von Seiten der Kirche den mutigen  Denker rehabilitierte.

Giordano Brunos  Werk war tatsächlich von grösster aufklärerischer Bedeutung11.  In religiöser und philosophischer Hinsicht vertrat er die Überzeugung der Einheit von Gott und Natur, Gott und  Universum. Seines Erachtens ist die grosse Gesetzmässigkeit von Natur und Universum eins mit dem Göttlichen,  und in diesem  Eins finden sich  Ursache und Prinzip und Kraft des Seins all dessen, was ist, unabhängig von Form und Grösse, von sinnenmässig wahrnehmbarer Materie oder ohne diese. “Der Unterschied sei so gross, wie er wolle, in Bezug auf die eigentümliche Art und Weise, kraft deren die eine zum körperlichen Sein herabsteigt und die andere nicht, die eine sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften annimmt, die andere nicht und  kraft deren es den Anschein hat, als könne zwischen jener Materie, der die Quantität und das Substratsein für solche Eigenschaften, welche ihr Sein in den räumlichen Dimensionen haben, widerstreben, und der Natur, der weder das eine noch das andere widerstrebt, keine gemeinschaftliche Beziehung bestehen.  Dennoch sind beide eins und dasselbe, und der ganze Unterschied beruht( … )  auf der Zusammenziehung der einen zu körperlichem Sein, während die anderen unkörperlich sind.”12

Was damals als schwerste Häresie galt, bedeutete für Giordano Bruno ein umfassendstes, auch  in die Naturwissenschaften integrierbares  Gottesbekenntnis: die Übereinstimmung von Eins und All. Es ist jene pantheistische Überzeugung,  wie sie zwei Generationen nach ihm auch  Baruch de Spinoza (1632-1677) vertrat, der wegen seines Mutes von seiner jüdischen Gemeinde in Amsterdam zwar nicht gefoltert und lebendig verbrannt, doch ebenfalls verurteilt und ausgestossen wurde.

Das Universum erachtete Giordano Bruno als unendliche, weder zeitlich noch räumlich geschaffene, sondern als eine aus sich entstehende und bestehende, in sich seiende Ordnung, in welcher die Erde Teil innerhalb des Sonnensystems als nächstem, erkennbarem Ordnungssystem  ist,  wie die anderen Sterne und Planeten ein materieller Teil unter unendlich vielen Teilen. “Das Universum  ist demnach eins, unendlich,  unbeweglich.  Eins, sage ich,  ist die absolute Möglichkeit, eins die Wirklichkeit, eins die Form  und die Seele, eins die Materie, eins das Objekt, eins das Wesen, eins das Grösste und Beste, das nicht soll begriffen werden  können und daher unbegrenzbar und unbeschränkbar und insofern unbegrenzt und unbeschränkt, folglich unbeweglich ist.  Es bewegt sich im  Raume nicht, weil es nichts ausser sich hat, wohin  es sich bewegen könnte, denn es ist alles.  Es entsteht nicht, weil es kein anderes Sein gibt, das es begehren und erwarten könnte, denn es hat alles Sein. Es vergeht nicht, weil es nichts anderes gibt, in das es sich verwandeln  könnte, denn  es ist selbst alles.  Es kann nicht kleiner oder grösser werden, weil es unendlich  ist, dem nicht hinzugefügt und von dem nichts weggenommen  werden kann. Denn das Unendliche hat keine in bestimmtem Verhältnis zueinander stehende Teile. Es ist in seiner Beschaffenheit nicht veränderlich, weil es nichts Äusseres hat, von dem es Einwirkungen erleiden könnte. Weil es ferner in seinem Sein alle Gegensätze zu  Einheit und Harmonie zusammenfasst und keine Neigung zu einem anderen, neuen Sein, oder zu einer anderen und wieder anderen Art und Weise des Seins haben kann, so kann  es weder hinsichtlich irgend einer Eigenschaft der Veränderung unterworfen sein noch etwas Gegensätzliches oder Verschiedenes haben, das eine Eigenart an ihm abänderte. Denn  in  ihm  ist alles Eintracht.  Es ist nicht Materie, denn es ist weder begrenzt noch begrenzbar.  Es ist nicht Form, denn  es formt und gestaltet nichts anderes,  eben weil es alles, das Grösste, das Eine und das Universum  ist.”13

In  einer sorgfältigen Abstufung aller denkbaren Gegenargumente und deren Widerlegung geht Giordano Bruno’s Argumentation  noch  lange weiter, indem er auch alle relevanten Aussagen der griechischen Denker aufgreift, sie mit seiner Erkenntnis vergleicht und deren Mängel oder Richtigkeit erläutert. Jede Art von Materie beruht gemäss seiner Erkenntnis auf der Kleinsteinheit der Monade, die sich durch die Gesetze von Anziehung und  Bewegung weiter entwickelt, wie diese Lehre schon  in der frühgriechischen  Denkgeschichte, möglicherweise auf Pythagoras zurückgehend, unter dem  Begriff des Atoms immer wieder vertreten wurde, von Aristoteles auch in Zusammenhang des Begriffs der Entelechie im Sinn der Formbildung auf Grund des Könnens.  (Später wurde der Begriff der Monade u.a. auch von Gottfried Wilhelm  Leibniz (1646 -1716) aufgegriffen).

Für Giordano Bruno waren  Metaphysik und Naturwissenschaft nicht widersprüchliche, sondern sich ergänzende Erkenntnisbereiche.  Er war kein Mathematiker, der in einer knappen  Formel die Logik der Gesetzmässigkeiten zusammengefasst hätte, er bedurfte der ausführlichen sprachlichen  Erklärung. So gelangte er auch zur Raum-Zeit-Einheit, indem er mit der räumlichen  Unendlichkeit die zeitliche Unendlichkeit in Verbindung  brachte: „Innerhalb des Umfanges des Unendlichen gibt es keinen  grösseren  und keinen kleineren Teil. Denn dem Verhältnis des Unendlichen nähert sich ein noch soviel grösserer Teil nicht mehr als ein anderer noch soviel kleinerer, und deshalb ist in der unendlichen  Dauer die Stunde nicht vom Tage, der Tag nicht vom Jahr, das Jahr nicht vom Jahrhundert, das Jahrhundert nicht vom Augenblick verschieden.  Denn die Augenblicke, die Stunden  haben nicht mehr Sein als die Jahrhunderte, und jene sind im Verhältnis zur Ewigkeit nicht kürzer als diese.” 14  Damit wurde von Giordano  Bruno die aristotelische Trennung zwischen dem Weltbereich unterhalb und oberhalb des Mondes – zwischen dem sublunaren  und dem translunaren Bereich – aufgehoben. Zeit und  Ewigkeit bedeuteten blass unterschiedliche Benennungen gemäss der Begrenztheit der sinnlichen Wahrnehmung von Bewegungsabläufen, jedoch nicht gemäss des Inhalts.  Doch zeigten sich hier nicht Widersprüchlichkeiten? Konnte die Geschwindigkeit einer Lichtwelle mit der Geschwindigkeit der Bewegung anderer Objekte im  Universum übereinstimmen? Möglicherweise lässt sich  bei Giordano  Bruno eine vorausgehende Annäherung  an  Einsteins Relativitätstheorie finden?

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Es war eine Zeitepoche voller Unruhen  und umwälzender Geschehnisse.  Dass sie später als „Renaissance” bezeichnet wurde, betraf in erster Linie die ästhetischen  Bereiche von Kunst und Architektur, von Dichtung und  Musik, gleichzeitig von technischen  und wissenschaftlichen Errungenschaften. Damit in Verbindung geschahen abenteuerliche Seefahrten und überraschende Entdeckungen unbekannter Weltteile, dadurch ein wachsender Wettkampf um  Besitz von Ländern und Völkern, um  Unterwerfung und Erforschung  fremder Kulturen,  kurz, um  Kolonisierung  ganzer Kontinente, gewissermassen um eine  möglichst globale Umsetzung ausbeuterischer Wirtschaftsinteressen  und christlicher Religion.  Dabei vermischten sich die Bereicherungswünsche,  Machtmissstände und kriegerischen Verwicklungen der europäischen  Fürsten  und Könige mit den Herrschaftsansprüchen  und Kriegen  in den kirchlichen  Fürstentümern.  Beide gingen  einher mit Verwüstung,  mit Seuchen  und Armut in grossen Teilen  Europas,  mit Aufständen   und sich mit neuen  Kriegen  umsetzender Reformation  und Gegenreformation.  In Verbindung mit den Weltumsegelungen wurde aber auch der Erdball neu vermessen  und wurden  die Sternbilder anders gesehen.  Es ist anzunehmen, dass die Reise- und Entdeckungsberichte in  die  Hände der damaligen  Wissenschaftler gelangten, die sich  mit den Fragen der kosmologischen  und astronomischen Gesetze befassten .

Giordano  Brunos tragischer Geschichte waren  die  Erkenntnisse von Nikolaus von Kues (1401 – 1464) wie jene von Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543) vorangegangen, die ebenfalls die Gesetze des Universums betrafen.  Beide blieben trotz der klaren Abkehr vom  ptolemäisch- geozentrischen System  und der Zusage zum  heliozentrischen System von der Inquisition verschont.  Der eine wie der andere stammte aus wohlhabender, deutscher Familie, studierte erst an deutschen, dann an  italienischen  Universitäten  und hatte ein gesichertes,  hohes Amt in  der Kirche inne,  übte in  den Konfessionskriegen  eine vermittelnde  Rolle aus und vollbrachte zusätzlich grosse wissenschaftliche  Leistungen – Nikolaus von Kues als Philosoph, als Mathematiker und als Staatsrechtler,  Kopernikus als Arzt und als Staatsrechtler, der 1526 zusammen  mit einem  ihm  nahe stehenden  Freund15 auch die  Landkarte von Polen-Litauen und  1529 jene von Preussen zeichnete.  Beinah  nebenher brachten  beide grossen  Denker bahnschneidende Erkenntnisse im  Bereich der Astronomie zustande:  Nikolaus von Kues unter vielen  andern ein Werk über die Koinzidenz der gegensätzlichen  Kräfte im Weltall, Kopernikus insbesondere  über die Planetenbahnen  und über die Richtungsänderung der Erdachse. Seine präzisen Arbeiten beeinflussterirnassgebllch diejenigen von Tycho Brahe, von Johannes Kepler und von Galileo Galilei.

Um  1509, mit 36 Jahren,  hatte  Kopernikus sein  erstes Werk, den Commentariolus, abgeschlossen  und an eine Reihe von Freunden verteilt. Vermutlich  hatte er von Aristarchos’ wagemutiger Entdeckung Kenntnis über spätere Kommentatoren gehabt.  Da er noch nicht über Fernrohre verfügte, wohl aber über sehr genaue  Mauerquadranten, erarbeitete er seine Ergebnisse allein  mittels geometrischer Berechnungen. So kam er zu einer sorgfältig begründeten Theorie des heliozentrischen Systems, d.h. des kürzeren oder längeren  Umlaufs der Planeten  um  die Sonne, darunter jenes der Erde im  Lauf eines Jahres, während sie vom Mond  im  Lauf eines knappen  Monats (29 Tage, 12 Stunden  und 43 Minuten) umkreist wird und sich innerhalb von 23 Stunden, 56 Minuten, 4,10 Sekunden um die eigene Achse dreht. Für Kopernikus war es wichtig, eine Erklärung für die  scheinbare Verschiebung der Fixsterne, der damals am weitesten  entfernten Sterngruppe, vom Blick des Betrachters auf der Erde zu finden.  Er stellte auch  eine genaue Berechnung der Planetenbahnen  in Aussicht, die er vermutlich  mit dem Astronomischen Almanach aus dem Jahre 1535 annähernd vorlegen konnte.  Doch auch dieses Werk veröffentlichte er nicht, sondern verteilte es unter der Hand.

Die vatikanische Kurie zeigte sich gegenüber Kopernikus’ Arbeit prinzipiell nicht abgeneigt. Sie war damals bestrebt, für die jährlich wiederkehrenden  Festtage, insbesondere für Ostern, eine genauere Kenntnis des Jahresablaufs zu haben, um einen präzisen  Kalender erstellen zu können.  Es erstaunt daher nicht, dass Kopernikus sein grosses Werk de revolutionibus orbium coelestium (Über die Umschwünge der himmlischen Kreise) Papst Paul III widmete. Es war  das einzige Werk, das er in Zusammenhang seiner astronomischen Forschung selber veröffentlichte, das aber erst 1543,  im Jahr seines Todes, in Nürnberg erschien, dank der finanziellen  Unterstützung durch seine Freunde.  Es enthält die Präzision des Frühlingspunktes – die Tagundnachtgleichheit – durch das Erfassen  der Bewegung der Erdachse, ebenso  eine genaue Berechnung der Umlaufzeit der sechs Planeten  um ein geometrisches Zentrum  in  der Nähe der Sonne im  Massstab deren Entfernung von der Sonne: jene  des am weitesten entfernten  Planeten Saturn  in dreißig Jahren, jene des Planeten Jupiter in zwölf Jahren,  anschliessend jene  des Planeten  Mars, der in zwei Jahren seine  Bahn  durchläuft, sodann, am vierten Platz, jene  der Erde – mit der Mondbahn als Enzykel – in  einem  Jahr, an fünfter Stelle jene  der Venus in einem  Zeitraum von neun Monaten  und schliesslich,  an sechster Stelle,  die  Umlaufberechnung des Planeten  Merkur in achtzig Tagen. Kopernikus’ sorgfältige  Berechnung ermöglichte zu  erklären, warum vom  Blick des Menschen  aus Nacht für Nacht Tausende von Sternen von Ost nach West wandern: weil sich  die  Erde selber in entgegengesetzter Richtung von West nach Ost dreht und sich dabei im  Lauf eines Jahres gleichzeitig um die Sonne bewegt, dabei  länger braucht als die beiden sonnennäheren  Planeten Venus und Mars, so dass sich diese aus der Sicht des beobachtenden  Menschen  nicht gleichmässig,  sondern gelegentlich  rückwärts über den Himmel  bewegen. Diese Wahrnehmung ist vergleichbar mit jener, die wir bei Bahnfahrten erleben  und meinen,  dass sich  die Bäume entlang der Gleise in die entgegengesetzte Richtung sausen, für Kopernikus war es die gleiche  Erfahrung bei Kutschenfahrten.

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Mit Tycho Brahe (1546 -1601) findet sich der erste bedeutende Nachfolger von Kopernikus, der dessen Erkenntnisse über die  Position  der Gestirne mit Akribie erweiterte, ohne vom geozentrischen System wirklich  abzuweichen  und ohne das heliozentrische voll annehmen zu  können.  Für ihn galt, was Hölderlin formulierte: …  ,,offen die  Fenster des Himmels und freigelassen der Nachtgeist, der himmelsstürmende”16 Er vertrat eine Zwischenposition, die als die „tychonische” bezeichnet wurde.  In seiner genauen  Beobachtung des „grossen Kometen” vom  13. November 1577 bis zum 26. Januar 1578 wurde diese besonders deutlich, als er in  möglichst exakten Skizzen dessen Lauf als einen  auf die Erde zentrierten  darstellte.

Brahes Beobachtungen  und genauen Aufzeichnungen  begannen  lange vor dem Auftauchen des Kometen, schon in jungen Jahren.  Er stammte aus einer adligen  Familie, war im damals dänischen Südschweden aufgewachsen  und besuchte vom dreizehnten Altersjahr an die Universität Kopenhagen, dann jene von Leipzig, von Wittenberg, von Rostock und von Basel, wobei auch  er Rechtswissenschaft, Geistes- und  Naturwissenschaften vereinte und in keinem  Bereich abschloss, sich jedoch auf die Astronomie konzentrierte und  bald von seinem  Landesfürsten, dem dänisch-norwegischen  König Friedrich II, volle Unterstützung erhielt, um  auf der Insel Ven im Öresund (zwischen dem heutigen dänischen Helsingborg und dem schwedischen  Landskrona gelegen) eine Sternwarte aufzubauen, die Sternwarte Uraniborg (so genannt zu  Ehren von Urania, der griechischen Muse des funkelnden Himmelskörpers).  In  Uraniborg stand alles zur Verfügung, was eine optimale Forschungsarbeit ermöglichte: Studienräume, eine grosse Bibliothek,  Herstellungsateliers für Instrumente zur Berechnung der Distanzen  und  Positionen der Gestirne – insbesondere für einen riesigen Mauerquadranten-, ferner eine eigene Buchdruckerei  und Buchbinderei etc. Zusätzlich wurde 1584 auf der gleichen  Insel, etwas südlicher, eine unterirdische Sternwarte gebaut, die Stjerneborg – Sternenburg genannt wurde.

Die unablässsige Beobachtung und Aufzeichnung der Sternbilder bewirkte, dass Tycho Brahe 1572, damals 32 Jahre alt, verheiratet und Vater einer Schar Kinder, im Sternbild der Cassiopeia  mit ihren fünf Hauptsternen, durch welche sich die Milchstrasse zieht, einen neuen Stern aufleuchten sah, eine „Supernova” oder „stella nova”, die den – von Kopernikus erwünschten – Beweis erbrachte, dass auch unter den Fixsternen Veränderungen geschehen17. ,,lch begann, meinen eigenen Augen zu  misstrauen”18, soll Brahe festgehalten haben, da sich mit dieser Entdeckung und der Möglichkeit der genauen Lagebeurteilung endgültig die biblische Lehre der einmaligen Schöpfung von Himmel und  Erde auflöste. Insbesondere war die Tatsache aufwühlend, dass sich diese Supernova nicht innerhalb, sondern ausserhalb des Bereichs des Mondes befand, im weitestentfernten der Fixsterne.  Er schrieb  1588 einen  Bericht De mundi aetherei recentioribus phaenomenis, den er selber an einige  Freunde verteilte und der erst 1603, nach seinem Tod, veröffentlicht wurde. Als 1604 wieder eine Supernova entdeckt wurde, unter anderen auch von Johannes Kepler und von Galileo Galilei, bot Brahe’s Publikation Anlass zu einer vergleichenden  Diskussion.

Das Ausmass an  Entwicklungen und Veränderungen im Weltall zu  kennen, das uns heute auf wissenschaftlicher Ebene geboten wird, war damals unvorstellbar.  Doch Tycho Brahe gelang es, dank seiner nicht abbrechenden, damals einzigartigen Beobachtungsarbeit einen Katalog von über tausend Standorten von Fixsternen aufzuzeichnen.  Er war ein Wissenschaftler des Sehens, der Kopernikus Berechnungen und heliozentrischen  Erkenntnisse nicht voll teilte, der es aber fertig brachte, die auf Aristoteles und  Ptolemäus aufgebaute Theorie des Himmels zu verändern und zu erweitern, wenngleich  nicht zu stürzen. An seiner Seite stand über Jahrzehnte seine um zehn Jahre jüngere Schwester Sophie Brahe (1556 -1643), die sich ebenfalls zu einer hervorragenden  Forscherin entwickelte, viele Beobachtungen  und Aufzeichnungen teilte oder unabhängig von ihrem  Bruder unternahm.

Mit dem Tod von König Friedrich  II. am 4. April  1588 brach für Tycho Brahe die Unterstützung seiner wissenschaftlichen Arbeit zusammen.  Er musste mit Frau und Kindern und seinem ganzen Forschungshintergrund die Insel Ven verlassen und anderswo eine Aufnahme finden. Während etwa zehn Jahren bot ihm ein wohlhabender Freund in der Nähe von Hamburg einen grossen Gutshof an, bis Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen  Reichs Deutscher Nation,  König von Böhmen und von Ungarn sowie Erzherzog von Österreich, der aus Angst vor einem Angriff der Türken von Wien nach Prag gezogen war, ihn zu sich einlud und anbot, eine Sternwarte für ihn zu bauen. Anfang Herbst 1598 begann der Umzug Tycho Brahes mit seiner Familie, seinem ganzen Forschungsmaterial und all seinen Werken.  1599 traf er in  Prag ein und setzte sofort seine Arbeit fort.

Als Assistent stand  Brahe ein junger Mathematiker und Astronom zur Seite, Johannes Kepler (1571- 1630), der auf seine Einladung hin etwa gleichzeitig nach Prag gezogen war, weg aus dem ultra-katholischen Graz, wo er an  der evangelischen Stiftschule, die der katholischen Universität entgegen stand,  Mathematik unterrichtet hatte, jedoch als Protestant zunehmend angefeindet wurde. Zwar war ihm ein angemessenes Einkommen versprochen worden, doch die böhmische Staatskasse war leer und es wurde kaum ein einziges Monatsgehalt ausbezahlt.  Keplers Forschungs- und Erkenntnisdrang war demjenigen  seines Vorbilds ebenbürtig, wenngleich  ihre Methoden sehr unterschiedlich waren. Während  Brahe sich auf das Beobachten und Sehen konzentrierte, bestand Keplers Fähigkeit im  Rechnen. Doch die ersten Monate waren mit lauter organisatorischen Aufgaben besetzt, mit Auspacken, Sichten und Ordnen der enormen Menge an Dokumenten, mit Entgegennehmen der Wünsche und Aufgaben des Kaisers, der sich  in seinem riesigen Herrschaftsbereich in zahlreichen, kaum lösbaren  Schwierigkeiten  befand. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555, den Rudolfs Onkel Ferdinand I  zustande gebracht hatte, sollte wohl die Gleichberechtigung der lutheranischen und der katholischen Gläubigen sichern, überliess es jedoch den Fürsten zu bestimmen, welche Religion in ihrem Gebiet gelten sollte (cuius regio, eius religio), sodass ständige Querelen, Mach kämpfe sowie kleinere und grössere Kriege die Folge waren. Dazu belastete Rudolf II. der Türkenkrieg, der an der südöstlichen Reichsgrenze viele Verluste, untragbare Kosten und  Bauernaufstände bewirkte,  und in  all diesen schweren Aufgaben der Zwist mit seinem  Bruder Matthias19  – einem der jüngeren von fünf Brüdern  und sechs Schwestern -, der ihm  Land um Land abspenstig machte und  ihn  1611 schliesslich auch als König von Böhmen entthronte.  Rudolf II.  blieb zwar der kaiserliche Titel erhalten, doch  lediglich für sich in seinem  Palast auf dem  Hradschin in  Prag. Gewiss hatte er sich in seiner Regentschaft zunehmend weniger um die innen- und aussenpolitischen Aufgaben gekümmert, sondern sich in  Kunst und Wissenschaft, darunter in Astronomie und Astrologie zurückgezogen. Am 20. Januar 1612 starb er, unverheiratet, aber Vater von mindestens sechs Söhnen  und Töchtern verschiedener Geliebten, und Matthias wurde Kaiser. Wenig später begann in  Europa der Dreissigjährige Krieg.

Johannes Kepler wollte sich  nicht um die Weltbühne kümmern, sondern um den Stemenhimrnel20.  Der Auftrag von Rudolf II. an Brahe und an  ihn war die Verbesserung der Prutensischen (Preussischen)  Tabellen, die 1551 im Auftrag von Herzog  Albrecht von Brandenburg-Ansbach und an  Hand von Kopernikus’ Resultaten durch den Astronomen Erasmus Reinhold erstellt worden waren.  Dank dieser Tabellen hatte 1582 Papst Gregor XIII. die Kalenderreform umgesetzt. Es wurde der Gregorianische Kalender geschaffen, der in unserer Weltgegend heute noch gilt und von dem sich die Kalender der orthodoxen  Kirchen unterscheiden.  Kepler hatte den neuen, römischen  Kalender schon benutzt, als er in Graz für den protestantischen  Kalender verantwortlich war.  Doch auf den Prutensischen Tabellen gab es zahlreiche Unklarheiten, deren Korrektur Kaiser Rudolf II. von den auf Astronomie ausgerichteten  Mathematikern am  Hof erwartete.  Die Rudo/finischen Tabellen, wie sie nach der Korrektur benannt wurden, sollten eine Verbesserung aller Mängel und eine feste Grundlage für astronomische Berechnungen bieten.  Bis ins 18. Jahrhundert hinein waren sie tatsächlich die genaueste wissenschaftliche Voraussetzung, auch für Isaac Newton  bei der Erarbeitung des Gravitationsgesetzes.  Kepler arbeitete daran unter schwierigen Bedingungen noch  über zwei Jahrzehnte, bis knapp drei Jahre vor seinem Tod.

Als im  Oktober 1601 Tycho Brahe in  Folge eines Gastmahls im  Hradschin schwer erkrankte, vermutlich  an einem Blasenriss,  brachte er es trotz des täglich zunehmenden  Leidens zustande,  noch ein umfassendes Testament zu schreiben, in welchem u.a. sein ganzes wissenschaftliches Werk und alle  Instrumente an Johannes Kepler vermacht wurden. Zehn Tage später starb er,  und die Hinterlassenschaft, die für seine  Frau  und seine übrigen Angehörigen wie für seine wissenschaftliche Arbeit blieb, war die  Fortsetzung einer lebenslang geübten Sorgfalt. Johannes Kepler wurde von Rudolf II. zum  kaiserlichen Mathematiker erklärt,  der den Auftrag fortzusetzen  und zu  erfüllen sowie gleichzeitig für den Kaiser astrologische Prognosen zu  erstellen  hatte.

Was für Kepler das dringlichste Anliegen war,  betraf die  astronomisch-wissenschaftlichen Berechnungen  in seinem eigenen  Forschungsbereich, die er hunderte  Male wiederholte,  um in  seiner Argumentationskette der Ergebnisse sicher zu sein.  Es ging insbesondere um die exakte  Untersuchung der Umlaufbahn  des Planeten  Mars um die Sonne, die seine Vermutung bestätigte, dass es sich  nicht um eine Kreisbahn, sondern  um  eine elliptische Umlaufbahn  handelt.  Dass sämtliche Planeten, auch  die Erde,  in elliptischen Bahnen  um die Sonne ziehen, die deren gemeinsamer Brennpunkt ist. Abweichungen kommen vor und betreffen zum  Beispiel  Kometen, die parabelförmige  Bahnen  haben.  Die Gesetzmässigkeit der Umlaufbahnen war die erste,  bedeutende  Erkenntnis.  In Verbindung damit stand auch die zweite Erkenntnis,  die den von der Sonne zum  Planeten gezogenen  Fahrstrahl betrifft, der in gleichen  Zeiten gleich große Flächen  überstreicht, eine Erkenntnis, die alle Zentralkräfte betrifft, ob es sich  um kugelförmige oder um elliptische Gravitationsfelder handle, die auf einen zentralen  Punkt bezogen  sind wie die Planeten  auf die Sonne.

Diese  Erkenntnisse, die später als das erste und das zweite der drei  Kepler’schen  Gesetze galten,  publizierte er  1609 mit allen  Berechnungen,  Erklärungen  und zahllosen Skizzen  in seiner Schrift Astronomia nova, die damals nicht grosses Aufsehen erregte, jedoch  zu Angriffen von katholischer wie von protestantischer Seite führte. Zur Erkenntnis des dritten. Gesetzes gelangte er erst gegen Ende seines  Lebens, als er auch die  Rudolfinischen Tabellen abschliessen konnte.  Während die zwei ersten Gesetze das Zwei-Körperverhältnis betreffen, geht es beim dritten Gesetz um  Mehrkörperverhältnisse  und um Kräfte, die  mit dem  Abstand vom Zentralkörper quadratisch  abnehmen,  Keplers Erkenntnis wird sein, dass die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Planeten sich wie die dritten  Potenzen der großen Bahnhalbachsen verhalten.

Ein  Briefaustausch  mit Galilei  hatte schon  in  Graz  begonnen,  vor der Zeit in  Prag, war aber für die beiden  Forscher von ungleicher Bedeutung und wurde stärker, auch offener von Kepler geführt als von Galilei  beantwortet.   Darüber später mehr.

Wer war Johannes Kepler tatsächlich?  Er hatte eine weniger leichte Kindheit gehabt als Tycho Brahe. Sein Vater verliess immer wieder als Söldner die Familie, so dass während Jahren Obhut und  Unterhalt der sechs Kinder allein von seiner Mutter,  Katharina  Kepler, abhing.  Diese hatte dem Knaben, als er mit vier Jahren an  Pocken erkrankt war,  mit ihrer Heilkunst das überleben ermöglicht, doch nicht verhindern  können,  dass seine Augen sehr geschwächt blieben.  Sie unterstützte vermutlich auch  am stärksten seinen Wissenshunger. Es ist anzunehmen, dass sie im Spätherbt 1577 mit dem Sechsjährigen den Kometen betrachtete, der mit seinem Schweif bis in den Januar 1578 hinein  unterschiedlich stark sichtbar war.  Dass sie  1620 wegen  ihrer Fähigkeiten der Hexerei angeklagt,   über ein Jahr gefangen gehalten und gefoltert würde, schliesslich  knapp dem Todesurteil entkam,  nicht zuletzt dank dem Einsatz ihres Sohnes Johannes, das liess sich nicht vorhersehen. Ab dem fünften Altersjahr besuchte dieser die Schule, jedoch mit vielen belastenden  Erfahrungen, mit Schikanen durch  Lehrer und Plagereien durch Gleichaltrige, mit Unterbrüchen  und ständigem Wechsel, da die Familie von der freien Reichstadt Weil-die-Stadt nach Leonberg zog, dann nach Ellmendingen, wo sein Vater ein Gasthaus übernommen hatte. Seine ungewöhnlichen mathematischen  Begabungen fielen früh auf, so dass er vom protestantischen Pfarrer Unterstützung bekam, das Gymnasium in evangelischen Klosterschulen zu besuchen und  1589 in Tübingen am Evangelischen Stift Theologie zu studieren.  1591 beendete er das Studium als Magister, ohne je eine Funktion als Theologe zu übernehmen.

Der grosse Gewinn der Studienzeit in Tübingen war für Johannes Kepler die Begegnung und Freundschaft mit Michael Mästlin  (1550-1630),  einem damals bedeutenden  Mathematiker und Astronomen, der über eine Abschrift von Kopernikus’ De revolutionibus orbium coelestium verfügte, diese Kepler zur Verfügung stellte und ihn vom heliozentrischen System überzeugte. Mästlin war es, der unter anderem das „aschgraue” Mondlicht, das insbesondere vor und nach dem Neumond hinter der kleinen Sichel erscheint, als Rückwirkung des auf die Erde fallenden Sonnenlichts auf den Mond deuten  konnte. Er blieb sein Leben lang ein Freund des zwanzig Jahre jüngeren  Kepler und unterstützte dessen Forschungsarbeit, ohne sich vorzudrängen.  Beide starben im gleichen Jahr.

Als Kepler in  Prag 1609 seine Astronomia nova abschloss, erhielt er nach mühsamem Hin- und  Herfeilschen von Rudolf II. die Zusage von vierhundert Gulden zur Deckung der Druckkosten, doch diese waren  mehr als doppelt so hoch. Schliesslich wurden  Kepler weitere fünfhundert Gulden freigesprochen, eigentlich sein Jahresgehalt, ohne dass ihm je die entsprechende Summe ausbezahlt worden wäre.  Es gibt Aufzeichnungen von Keplers Frau  Barbara, wie schwierig unter den spärlichen  Finanzen der Alltag war, dass sie ständig von ihrem  Erbe zehren musste, um die Familie durchzubringen. Kepler hatte die Müllerstocher, die schon zweimal verwitwet war,  1597 in Graz geheiratet, als er seine Lehrtätigkeit als Mathematiker am evangelischen Stift, gleichzeitig als Landesvermesser und als Verantwortlicher für den Kalender begonnen hatte. Sie hatte ihm dort zwei Kinder geboren, die früh starben, hatte mit ihm die religiösen Anfeindungen durchgestanden, die bewirkten, dass die Zahlungen für die Lehrtätigkeit während zwei Jahren ausblieben  und die Familie 1600 Graz definitiv verlassen  musste.  Doch auch  in Prag wurde das Leben nicht leichter. Von den drei  Kindern, die dort zur Welt kamen, überlebten nur ein Sohn und eine Tochter. Als Barbara  Kepler 1611 starb, starb im gleichen Jahr auch ihr Sohn.

Auch in  Prag waren die Lebensbedingungen schwer tragbar. Trotzdem veröffentlichte Kepler noch zwei wissenschaftliche Arbeiten, eine über die Entstehung der hexagonalen, wunderbar vielfältigen Struktur der Schneeflocken, eine zweite – Dioptrice – über die Struktur eines Fernrohrs, das zwei Jahre später durch einen mit ihm befreundeten Jesuiten und Astronomen, Christoph Scheiner, hergestellt wurde.  Dieser stand damals  mit Galilei in Konflikt, da dieser ihm nicht zubilligen wollte,  Entdecker der Sonnenflecken zu sein.  Für Galilei war der Erfolg jedes anderen Zeitgenossen eine Bedrohung seines eigenen  Rangs, und diesem Misstrauen entsprach sein   skeptischer, wenig wohlwollender Blick auf Kepler als Rivalen.  Kepler hielt damals Ausschau nach einer Professur an der Universität von Tübingen, doch gemäss deren erzkonservativ-aristotelischen Grundstimmung war er ein Ketzer, und die Wahl wurde ihm verwehrt. So zog er 1612 nach Linz, wo ihm eine Lehrstelle in Mathematik angeboten wurde und wo er vierzehn Jahre lang blieb.  Er heiratete nochmals, die 24-jährige Suzanne Reutlinger, die als Waisenkind in einem vornehmen  Haushalt aufgewachsen war, die ihn  lieb hatte und  ihm sechs oder sieben  Kinder gebar, von denen vier überlebten. Auch die Tochter aus der ersten  Ehe Keplers fand Platz in der neuen  Familie. Doch die konfessionellen Schikanen in Linz belasteten  Kepler zunehmend, selbst die Kinder, die unter Zwang die katholischen Gottesdienste besuchen mussten und von den Mitschülern geschlagen und geplagt wurden, nicht anders als deren Vater zu seiner Schulzeit.  Eine Lehrstelle in  Mathematik in  Rostock,  um die sich  Kepler bewarb, wurde ihm ebenfalls verwehrt.  Gleichzeitig wurde 1615 seine über siebzigjährige Mutter in  Leonberg, ihrem alten Wohnsitz, wo sie ein kleines Haus und ein wenig Land besass, der Hexerei angeklagt21.

Die Anklage beruhte auf Verleumdungen durch eine Mitbewohnerin der kleinen Stadt, Ursula  Reinbold, die wegen Hurerei in einem schlechten  Ruf stand und deren  Mann für sie die Rolle des Anklägers gegen die alte Mutter Johannes Keplers übernahm.  Der Leonberger Vogt Lutherus Einhorn, der schon  mehrere Frauen wegen Hexerei gefangengenommen und auch Todesurteile vollstreckt hatte, unterstützte die Anklage und deren Umsetzung mit Übereifer. Johannes Kepler mischte sich sofort ein und holte seine Mutter 1616 nach  Linz. Für eine Weile kam sie sich geschützt vor und erholte sich.  1620 meinte sie, wieder  nach Leonberg zurückkehren zu können, doch kaum war sie dort, wurde sie erneut gefangengenommen, eingekerkert, an Eisenketten gefesselt und mit schwerster Folter bedroht,  bis sie am  28. September 1621, nach 405 Tagen Kerker, nach Einspruch von Herzog Johann  Friedrich von Württemberg, in einem endgültigen  Urteil in Güglingen als schuldlos erklärt wurde. Als Verteidiger hatte Johannes Kepler einen  Freund aus der Studienzeit in Tübingen, Christoph  Besold,  beiziehen  können, der  die Untragbarkeit der Indizien nachweisen  konnte. Doch der Freispruch  reizte den  Hass des Reinboldschen Anklägerpaars noch  mehr, Aufhetzungen und Plagereien setzten sich fort. Am 13. April  1622 starb Katharina  Kepler eines „natürlichen Todes”, erschöpft und entkräftet von den durchgestandenen Quälereien.

Unter den Argumenten der Anklage gegen seine Mutter hatte die von Johannes Kepler in zwei  Nächten verfasste Niederschrift einer Traumerfahrung mitgewirkt, die unter dem Titel Somnium sive astronomia lunaris – Der Traum, oder: Mond Astronomie22  eine Mischung von science fiction  und astronomischen  Informationen war.  Die kleine Schrift wurde als Beweis für die Hexenkunst der „Keplerin” benutzt. Sie war etwa gleichzeitig wie die Astronomia nova entstanden,  1609, und blieb bis nach Johannes Keplers Tod unveröffentlicht, doch offenbar war sie unter der Hand in  Leonberg und Güglingen bekannt geworden  und wirkte sich verhängnisvoll aus.

Kepler schilderte im Somnium, er sei am  Lesen eines Buchs über Libussa, eine Frau mit Zauberkräften, gewesen und sei dabei eingeschlafen.  Da habe er von einem vierzehnjährigen isländischen  Knaben  Duracotus geträumt, der von seiner Mutter Fiolxhilde, einer Kräutersammlerin und Magierin, an einen Seemann übergeben worden sei, der ihn beauftragt habe, auf einer dänischen Insel einen  Brief an Tycho zu  übergeben. Auf der Insel habe er Dänisch gelernt und sei  mehrere Jahre mit Tycho und seinen Schülern geblieben, habe mit ihnen  den Nachthimmel  beobachtet und sei  in die Geheimnisse der Astronomie eingeführt worden.  Nach seiner Rückkehr nach Island  habe ihm seine Mutter das Geheimnis ihrer eigenen Himmelskenntnisse offenbart. Sie habe Duracotus erzählt, dass sie Verbindung zu  Dämonen  habe, die sie über alle Distanzen  an jeden  anderen Ort versetzen  könnten, auch auf eine fünfzig tausend Meilen  im Äther entfernt liegende Insel, die Levania oder Mond heisse. Auf der Reise dorthin sei es sehr kalt gewesen,  doch die Dämonen  hätten für genügend Wärme gesorgt, auch für feuchte Schwämmchen, die in den Nasenlöchern das Atmen ermöglichten. Am Lagrange-Punkt23 zwischen  Erde, Sonne und Mond  hätten  die Dämonen die Fahrtbeschleunigung verringern müssen, um bei der Landung auf Levania den Aufprall zu verhindern. Damit die Dämonen  nicht durch  die Sonne überwältigt würden, hätten sie sich im Erdschatten  aufhalten  müssen, der von den Bewohnern der Insel Volva genannt werde.  Die Insel sei in zwei  Hemisphären geteilt, in  Privolva und in Subvolva, Von Privolva aus könne Volva – die Erde – nicht sichtbar sein, während sie von Subvolva aus als Mond  gesehen werde, riesig gross, ,,das grossartigste Schauspiel”24.  Die Dämonen  hätten noch weitere Erklärungen  ausgeführt – über die Sicht der Sonnenfinsternis vom  Mond  aus, über die Grösse der Planeten je nach Distanz der Mondhemisphären von der Erde,  auch über die Grösse von Levania,  über die Bewohner von Privolva  und von Subvolva,  über die Pflanzen auf beiden  Teilen  der Insel,  über deren  Bewohner, deren Lebenszyklus und  Tod. Doch mitten  in dieser Schilderung sei er plötzlich wegen  eines mächtigen Sturms aufgewacht und habe bemerkt,  dass sein  Kopf bedeckt und sein  Körper in  Leintücher eingewickelt gewesen  sei wie die Leute, von denen  im Traum  gesprochen worden sei.

Nach dem Tode von Katharina  Kepler wurde es für Johannes Kepler und seine  Familie noch düsterer, in  Linz  zu  leben. Der sich ausbreitende  Krieg, der dreissig Jahre dauern wird, ein Krieg sowohl zwischen den zwei christlichen  Konfessionen wie zwischen dem österreichischen  Kaiser, den grossen katholischen  Fürstenhäusern  und deren Verbündeten gegen die protestantischen  Könige und deren Zugewandte, zu denen  auch das Französische Königshaus gehörte.  legitimierte mit den Siegen der katholischen  Heere und Söldnertruppen zunehmend den Hass gegen die  Protestanten.  Für Kepler, der ständig zwischen den Konfessionen zu vermitteln suchte, war die Lebensgrundlage äusserst prekär.  In all den Jahren hatte er an den Rudolfinischen Tabellen  weiter gearbeitet.  In Zusammenhang dieser Arbeit war auch der erste Band eines astronomischen  Lehrbuchs entstanden, das er als Epitome Auszug aus einem  grösseren Werk verstand.  Doch als er am zweiten  Band arbeiten wollte, erkrankte seine kleine Tochter Katharina schwer und starb,  nachdem wenige Monate vorher Margareta  Regina gestorben war, das erstgeborene Kind aus seiner Ehe mit Susanne.  Es waren schwer tragbare Erfahrungen. Sie bewirkten, dass er sich  nicht weiter mit dem Lehrbuch  befassen  mochte.  Er brauchte eine Denkarbeit, die ihm  inneren Halt bot und Trost. So kamen  1618 in wenigen  Monaten die fünf Bände der Harmonio mundi – libri V zustande, die  Weltharmonie, ein unvergleichbares Werk.  Es ist ein Loblied auf die göttliche Weisheit,  das sich teilweise wie ein grosser Psalm  liest. ,,0 Du, der Du durch das Licht der Natur das Verlangen  nach dem Licht Deiner Gnade in  uns mehrest,  um uns durch dieses  Licht Deiner Herrlichkeit zu geleiten, ich  sage Dir Dank, Schöpfer, Gott, weil du mir Freude gegeben  hast an dem, was Du gemacht hast,  und ich frohlocke über die Werke Deiner Hände. Siehe,  ich  habe jetzt das Werk vollendet, zu dem ich  berufen ward.”25

Dieses Werk umfasste für Kepler die Erkenntnis der vielfach  übereinstimmenden Weltordnung. Sie findet sich  in  den atomaren  Prinzipien, den Zellsystemen  der Natur, zu denen  alles  Bestehende, das Lebendige und  das Vergangene sowie das Kommende gehört, das sich  in  den Schneeflocken  und Kristallen,  im grossen  Kunstwerk des Weltalls ebenso kund tut wie in der Musik.  Es sind die Gesetze der reinen  Geometrie, der kunstvollen Polygone – der fünf-, sechs-, sieben- und zwölfeckigen Vielecke – in  einer Multiplizität von Formen, die sich  ebenso  in  den Tonstrukturen  der grossen  und kleinen Terz,  der Quarte, Quinte, der grossen und kleinen  Sexte bis zur Oktave zur Harmonie der Klangwelt vereinen. Über diese Erkenntnis gelangte Kepler am  15. Mai 1618 zum dritten Planetengesetz, mit welchem er die Umlaufzeiten zweier Planeten. und ihre mittleren Abstände von der Sonne in einem  festen Verhältnis zu einander festhalten  konnte.  Es lautet, wie schon angedeutet wurde:  Die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Planeten verhalten sich zu einander wie die dritten  Potenzen  der großen Bahnhalbachse-n.  Er selber war verblüfft über die Klarheit, die sich  ihm  dadurch offenbarte, da „sich  zwischen meiner siebzehnjährigen Arbeit an den tychonischen  Beobachtungen  und  meiner gegenwärtigen  Überlegung eine so treffliche Übereinstimmung ergab, dass ich zuerst glaubte,  ich  hätte geträumt und das Gesuchte in den Beweisunterlagen vorausgesetzt. Allein  es ist ganz sicher und stimmt vollkommen.”26

Die  Publikation dieses wichtigen Werkes war nicht möglich.  Die römische Kirche hatte Kepler, ohne dass er davon erfahren hätte,  auf den Index gesetzt. Auch der erste Band der Epitome Astronomiae Copernicae – Abriss der kopernikanischen Astronomie, an welchem er zwischen  1618 und  1621 gearbeitet hatte, stand  unter dem Verbot, gedruckt und verbreitet zu werden.  Kepler erschien  dieses Verbot unverständlich, ja absurd.  In einem  Brief an Galilei bat er diesen um genaue Information.  Er wollte wissen,  ob das Verbot für ganz Österreich gelte, was aus seinen Werken werden sollte, was er zu befürchten  habe, wenn  sich  diese trotzdem verbreiteten.  Ob Galilei antwortete, ist ungewiss,  vermutlich eher nicht. Zahlreiche Briefe von  Kepler blieben  unbeantwortet. Während Galilei sich  bemühte, sich  dem Vatikan anzupassen  und dabei  Erfolg hatte, obwohl 1616 auch gegen ihn ein Publikationsverbot ausgesprochen worden war, galt Kepler als Protestant und kopernikanischer Wissenschaftler zum vornherein  als unvereinbar mit den gegenreformatorischen Bedingungen.

Es gab um die gleiche  Zeit eine weitere  Konfrontation zwischen Galilei  und  Kepler.  In der zweiten Jahreshälfte von 1618 -Anfang 1619 wurden  überall in  Europa  nacheinander drei Kometen gesehen. Der dritte war der hellste und wurde weitherum als Warnung vor einer unheilvollen  Entwicklung in Zusammenhang des Kriegs gedeutet. Galilei hatte zwar im Frühling desselben Jahres eine Pilgerfahrt nach  Loreto gemacht, jedoch in den Herbst- und Wintermonaten,  als die Kometen am  Himmel sichtbar waren, keinen einzigen beobachtet. Wegen Gicht und  Fieber hatte er das Bett gehütet.  Er mischte sich jedoch in die Beobachtungen der Anderen ein, insbesondere in einen  Bericht, der 1619 vom zwanzig Jahre jüngeren Jesuiten Orazio Grassi (1583 – 1654), einem  Mathematiker, Astronomen  und Architekten, unter dem Pseudonym Lotario Sarsi Sigenzano  veröffentlicht wurde.  Für diesen waren Tycho Brahes Messungen der Kometen bahnen von 1607 und die damit verbundene Bestätigung, dass es sich bei den Kometen  um  Himmelskörper handelt, die zentrale Grundlage seiner Ausführungen. Gerade diese griff Galilei  an,  indem  er in einer umfangreichen Schrift – // Saggiatore – der Goldgräber- behauptete, die Kometen seien blasse  Lichtreflexe  in  der Erdatmosphäre wie  Regenbogen oder Nordlichter, jedoch  keine Himmelskörper. Tycho Brahes Planetentheorie tauge  ohnehin nichts, sie sei  in philosophischer Hinsicht völlig ungenügend.  Das Buch widmete er Papst Urban VIII, der 1623 neu gewählt worden war und mit dem er in freundschaftlichem Austausch gestanden  hatte, als er noch  Kardinal  Maffeo  Barberini gewesen  war.  Kepler hatte  1624 anlässlich  eines Besuchs in Wien  davon  Kenntnis bekommen  und stellte mit Entsetzen fest, dass Galilei  ihn als Zeugen für die falsche Erklärung der Planeten  nannte.  Er schrieb ihm sofort, jedoch  auf höfliche Art, dass er eine andere Theorie vertrete.  Und  er erläuterte den Kometen  als Gestirn, das ebenfalls die Sonne umkreise,  mit einem  kugelförrnlgeh   Kopf, den er wie verdichteten  Nebel verstehe, während der Schweif die Ausströmung aus diesem  Kopf sei, die durch  die Strahlen der Sonne aus diesem  nach der von ihr abgewandten Seite herausgetrieben werde. Galilei erhielt Keplers Brief, schob jedoch  die geschuldete Antwort immer wieder hinaus und  liess sie schliesslich versickern, wie er in einer Korrespondenz mit Cesare Marsili selber erwähnte, einem  Bekannten  aus der guten Gesellschaft von  Bologna, den   er anlässlich  der Wahl Urban VIII  in  Rom  kennen  gelernt hatte27.

Von Linz aus, wo  Kepler die Rudolfinischen Tabellen beendete, versuchte er,  Kontakte zu Geldquellen  in  Deutschland zu knüpfen,  um Mittel für die  Druckkosten dieses  bedeutenden Werks zusammenzutragen.  Fünfundzwanzig  Jahre hatte er daran gearbeitet, zuerst mit Tycho Brahe, dann allein.  Das Resultat dieser Arbeit war mehr wie eine Erbschaft, es war zugleich ein Testament, das für eine grosse Nachkommenschaft  an  Naturwissenschaftlern  in gedruckter Form vorliegen sollte.  Doch als im  Frühjahr 1626 in  Oberösterreich  die Bauernaufstände begannen  und Linz belagert und besetzt wurde, ging die  Druckerei  in Flammen auf.  Kepler wusste nicht mehr aus noch  ein. Vermutlich  kam  ihm sehr gelegen, dass sich 1627 Albrecht Wallenstein28  (1583 – 1634)  an  ihn wandte und ihn  um ein Horoskop,  überhaupt um  Beratung und Prognosen  bat. Als Gegenleistung bot er ihm finanzielle  Unterstützung und eine Druckerei in Sagan  (dem  heutigen polnischen Zagan) an, dem  Hauptort seines schlesischen  Erzherzogtums.  Kepler fand für seine  Familie in Regensburg eine Unterkunft, während er zeitweise in  Ulm, zeitweise in Sagan seine Arbeiten fortzusetzen versuchte.

Die Anfrage Wallensteins an  Kepler erfolgte  in  Fortsetzung eines weit zurückliegenden Auftrags. Wallenstein, eigentlich von Waldstein, aus böhmischem  Kleinadel,  hatte sich  schon in  Prag über einen  Mittelsmann  an  Kepler gewandt und ihn  um  ein Horoskop gebeten, damals als Freund des Erzherzogs Matthias, als dieser in  der Fehde um den österreichischen Königsthron, dann um die Kaiserkrone seinen  Bruder Rudolf II.  befeindete und schliesslich entthronte.  Kepler hatte damals lediglich  um die genaue  Geburtszeit nachgefragt und auf Grund  dieser Kenntnis eine präzise charakterliche Schilderung und eine Prognose  bis zum Jahr 1625 verfasst, die Wallenstein ständig bei sich trug und mit Kommentaren  ergänzte, als er mit Ausbruch  des Kriegs zum Anführer von Kaiser Matthias’ Söldnertruppen wurde, schliesslich  zum  Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armeen von Ferdinand  II. wie jener der katholischen  Liga  in den zahllosen Schlachten gegen die Armeen der protestantischen Fürstenund  Königtümer Deutschlands,  Dänemarks und Schwedens, gleichzeitig zum vielfachen  Herzog, bis er infolge interner Machtkämpfe von einem Vertrauten des Kaisers ermordet wurde.  Im zweiten  Horoskop hatte Kepler ihn vor einer bedrohlichen  Entwicklung um das Jahr 1634 herum gewarnt, eine Warnung, die sich tatsächlich  erfüllte.

Johannes  Keplers Leben ging vorher zu  Ende. Als 1630 anlässlich des Reichstags in Regensburg das wachsende Misstrauen der katholischen  Fürsten sich gegen den übermächtigen  Ferdinand  II.  und gegen Wallenstein  richtete und dieser als Generalissimus entmachtet wurde, hatte auch  Kepler sich  nach  Regenburg zurückgezogen.  Er war erschöpft. Seine Hoffnung war gewesen, dass sich sein fünfbändiges Werk Harmonice mundi als Vorzeichen eines nahen  Friedens erweise, wie er in einer Widmung an  Kaiser Ferdinand  II. festgehalten hatte.  Doch als er am  16. November 1630 starb, weitete sich der Krieg für weitere acht Jahre aus und verwüstete ganz Europa mit unvorstellbarer Grausamkeit.

Galileo Galilei  (1564 – 1641/42) und Johannes Kepler waren Zeitgenossen, die leidenschaftlich das gleiche Forschungsziel teilten – die Erkenntnis der Geheimnisse des Regelsystems der Gestirne resp. von Himmel und  Erde. Jedoch  in der Methode wie in den prägenden  Eigenschaften  ihrer Persönlichkeit hätten sie nicht unterschiedlicher sein können. Galileo Galilei stand  in der zeitgeschichtlichen  Beachtung stets im Vordergrund.  Isaac Newton und  Albert Einstein gehörten zu den wenigen Wissenschaftlern, die die überragende Bedeutung Keplers erkannten.  Doch Galilei  hatte über Fähigkeiten verfügt, die Kepler fehlten.

Zu Galileis Lebens gibt es eine frühe Biographie, die von Vincenzo Viviani (1622 -1703) verfasst wurde. Als knapp zwanzigjähriger Mathematiker war Viviani nach Arcetri  nahe Florenz zum kranken, an einem Auge erblindeten  Meister gezogen, der in seinem  Landhaus unter päpstlichem  Hausarrest stand, hatte bei ihm die letzten Jahre verbracht und für ihn aufgeschrieben, was er diktierte. Auch bei seinem Sterben und Tod war er an seiner Seite. So ist einiges über Galileis Kindheit und Jugendzeit bekannt, auch über das spätere Leben, das dieser vermutlich seinem jungen Begleiter erzählt hat29•

In  diesem  Lebensbericht erfahren wird, dass Galileo Galilei in  Pisa zur Welt kam und  bis zum zehnten Altersjahr dort lebte, dass sein Vater Vincenzio Michelangelo  Galilei ein bekannter Lautenspieler war, der auch  neue Musik lehrte und 1581 ein Werk zur mathematisch strukturierten, spekulativen  Musik veröffentlichte, das Aufsehen erregte.  Dass seine Mutter Giulia aus der vornehmen  Familie der Ammannati di Pistoia stammte, dass er der älteste einer grossen Kinderschar war und nach dem Umzug der Familie nach Florenz dort zur Schule ging, ab dem zwölften Altersjahr für ein Jahr in die Klosterschule Santa  Maria di Vallombrosa versetzt wurde, wo er ein schweres Augenleiden hatte.  Damals habe er Mönch werden wollen, doch sein Vater habe ihm davon abgeraten  und habe ihn an  die Universität von Pisa geschickt, um  Medizin zu studieren, in  Kombination mit Aristotelischer Philosophie. Er habe bei einem Verwandten gewohnt, einem  Kaufmann, habe sich jedoch  bald auf Mathematik konzentriert, entgegen dem Willen seines Vaters, bis er so weit in die euklidischen Geometrie vorgedrungen gewesen  sei, dass er seinen Vater informiert habe und sich von ihm  habe prüfen  lassen.  1583, mit  19 Jahren,  habe er durch die Beobachtung eines frei schwingenden  Leuchters im  Dom von Pisa das Gesetz des lsochronismus entdeckt, nämlich  dass ein frei schwebendes Pendel für eine Schwingung immer dieselbe Zeit brauche, unabhängig von der Reichweite der Schwingung.30 1585,  nach vier Jahren Studium, sei er nach  Florenz zurückgekehrt, habe für sich weiterstudiert sowie in  Florenz und in Siena Mathematik unterrichtet.  Ferner habe er zum Zweck der Umsetzung des archimedischen Gesetzes zur Bestimmung von Volumen und Dichte die hydraulische Waage gebaut, dazu auch  eine kleine Schrift verfasst, die den Inspektor der toskanischen  Festungen, den Marchese Guidobaldo del Monte, beeindruckt habe. r habe gehofft, dessen  Unterstützung zu erlangen, was bei seiner Bemühung um eine Mathematik-Professur in Pisa  1589 tatsächlich geschehen  sei, zwar zu einem miserablen Gehalt, aber immerhin eine Professur. Vorher aber sei er das erste Mal in  Rom gewesen  und habe dort Kontakt zu Christopher Clavius gefunden, dem grossen  Mathematiker, der 1582 die Umsetzung des Gregorianischen Kalenders zustande gebracht hatte und der als der moderne Euklid galt.

Die Entwicklung des strebsamen  Erwachsenen wird weiter geschildert: 1591 entdeckte Galilei  das Gesetze der Zykloide, resp. der zyklischen  Kurve  und  empfahl dessen Anwendung beim  Bau von Brücken. Ausserdem  experimentierte er mit frei fallenden  Körpern, möglicherweise tatsächlich vom schiefen Turm von Pisa aus,  und bewies,  dass  – entgegen dem von Aristoteles aufgestellten Gesetz – Körper nicht in  Proportion zu  ihrem  absoluten Gewicht fallen.  Im gleichen  Jahr 1591 starb sein Vater und  er geriet in finanzielle Schwierigkeiten.  Dank Guidobaldo del Monte’s Empfehlung wurde ihm an der Universität von  Padua für sechs Jahre zu einem  höheren Gehalt eine Professur in  Mathematik angeboten. Auch konnte er Studenten  aus reichen  Häusern bei sich zu Hause beherbergen, die damit einiges zum  Einkommen  beitrugen.  Er schrieb eine Abhandlung über Befestigungen,  über das Heben von Wasser sowie über die Statik einfacher Maschinen, die zum Entwurf seiner Schrift Le Mecaniche wurde.

Etwa  1594 hatte er erstmals Schmerzen wegen  Arthritis, die ihn sein  Leben  lang  plagte.  Er begann  in jener Zeit jedoch, in einer kleinen  Werkstatt, die er eingerichtet hatte,  einen „geometrischen  und  militärischen  Kompass” herzustellen  und eine Anleitung zu dessen Gebrauch zu drucken.  Das Modell verkaufte er in ganz Europa. Gleichzeitig war er in  Kontakt mit Jacopo Mazzoni, einem  der grossen Altphilologen jener Zeit, der an der Universität von Pisa  Philosophie lehrte und  sich für Astronomie interessierte.  Mazzoni  hatte sich  öffentlich zu  Gunsten der kopernikanischen  heliozentrischen Theorie gegen die geozentrische von Aristoteles und Ptolemäus geäussert.  In  diesem Zusammenhang nahm Galilei  erstmals Stellung zur zentralen  kosmologischen  Frage und  unterstützte in einem  Brief an Mazzoni dessen Aussage, schrieb in diesem Zusammenhang auch De Sphaera, eine Abhandlung über die ptolemäische Lehre und einen  ersten  Brief an Johannes Kepler,  der damals noch  in Graz Mathematik unterrichtete.

Galileo Galilei war nicht verheiratet,  hatte aber eine Beziehung zu  einer sechs Jahre jüngeren Frau aus Venedig,  Marina Gamba, die ihm drei  Kinder gebar.  1600 kam Virginia zur Welt, 1601 Livia  und  1606 Vincenzo. lm Taufregister findet sich für keines der Kinder der Name des Vaters. Als Galilei  1610 von Grossherzog Cosimo de’ Medici zum „Ersten  Mathematiker und Philosophen der Toscana” ernannt wurde, mit einer Professur in  Mathematik an der Universität von Pisa, ohne Lehrverpflichtung, mit Wohnsitz in  Florenz und  mit festem Gehalt, da trennte er sich von  Marina Gamba, überliess ihr den knapp vierjährigen  Knaben  und nahm die zwei Töchter mit sich; übergab sie jedoch zur Betreuung einem Kloster, in welchem die zwei  Mädchen später auch  Nonnen wurden, Virginia als Schwester Maria Celeste und Livia als Schwester Arcangela. Marina Gamba starb in Venedig zwei Jahre nach derTrennung von Galilei,  1612, ohne dass  die Todesursache irgendwo festgehalten wurde.  Den Sohn Vincenzo nahm Galilei zu sich, stellte eine Kinderfrau  an,  Marina Bartoluzzi, und  beantragte beim Grossherzog der Toscana die Anerkennung  seiner Vaterschaft.

Als im Spätherbst 1604 “in pede Serpentarii”  wie Johannes Kepler festhielt, ,,im  Fuss des Schlangenträgers” auf dem Himmelsäquator, der westlich von der Milchstrasse berührt wird, ein neuer Stern  hell aufblinkte, die Supernova, wie sie bezeichnet wurde, waren  es zwei italienische Mönche, die damals als Mathematiklehrer und als Astronomen ebenfalls für die Medici von Rang waren, somit in  Konkurrenz zu Galilei standen: der etwa gleichaltrige llario Altobelli, der den Stern als einer der ersten am 9. Oktober 1604 von Verona aus erblickte und sofort Galilei die genauen Anga ben schickte, sowie ebenfalls in der gleichen Nacht der um zwanzig Jahre  ältere Raffaello Gualterotti,  der in  Florenz vermutlich das erste Teleskop gebaut hatte, mit  den konkav-konvexen Linsen, die Galilei später auch  nutzte, ohne dass dieser die Erfindung      anerkannte.  Es gibt einen  Brief von 1616 von Raffaello Gualterotti, in welchem er Galilei diese mangelnde Anerkennung vorwirft, er habe ihm dies in  mehreren Gesprächen schon gesagt. Auch betont er darin, dass er schon von 1568 bis 1574, als Galilei noch ein Kind war, während sechs Jahren, den Himmel beobachtet habe und  keinen  Beweis für die Ration der Erde um die Sonne habe finden  können.  Der Abendstern habe immer an derselben Stelle des Himmels geleuchtet. Dass er daher auf dem geozentrischen System beharre, das sehen Aristoteles und  Ptolemäus vertreten  hätten31.   Die Supernova sah Galilei erst am 28. Oktober das erste Mal, hielt dann gleich drei Vorträge darüber und schrieb dazu eine kleine Studie Discorso intorno alla nuova stella.

Damit provozierte Galilei allerdings eine heftige Diskussion  mit anderen Astronomen, insbesondere mit Baldassare Capra, der an der Universität von  Padua in  Kontakt mit deutschen Studenten gekommen war, darunter mit Simon Mayr (Marius) von  Gunzenhausen, einem Schüler von Tycho Brahe und Johannes Kepler,  und der Galilei in seiner Consideratione astronomimca sopra la nuova  et portentosa stella ehe nell’anno 1604 a di 10 ottobre apparve ungenügender Kenntnisse bezichtigte. Galilei ging nicht darauf ein, veröffentlichte aber ein Jahr später seinen Dialogo de Cecco di Ronchitti in perpuosito de la Stella nova, in welchem er Capra in jeder Form  lächerlich  machte. Capra und sein Vater wollten sich rächen, indem sie in einem  Prozess Galilei’s “geometrischen  und  militärischen Kompass” als der Nachahmung ihres eigenen Proportionenzirkels anklagten, allerdings ohne dabei  recht zu bekommen.  Eine weitere Kontroverse um seinen Discorso intorno alla nuova stella kam 1606 von Seiten von Lodovico delle Colombe, einem  Florentiner Aristoteliker, der behauptete, es handle sich  nicht um einen neuen Stern, sondern blass um das Aufleuchten eines schon  bestehenden Sterns, am  Himmel könne es keine Änderungen geben, und den Galilei  mit den Osservazioni di Alimberto Mauri angriff. Zehn Jahre später,  1616, wird delle Colombe zu den Anführern  der lnquisitionsuntersuchung gehören.

Offenbar hatten Galileo Galilei die Angriffe gegen sein  Bekenntnis zum  kopernikanischen Weltbild zugesetzt und so hielt er sich dazu über einige Jahre still,  befasste sich  mit dem Magnetismus und  unterrichtete den jungen  Cosimo II, den Sohn    von  Erzherzog Ferdinand  1. und  dessen Frau Christina von Lothringen.  Doch  1609, nachdem der venezianische Senat ihm eine lebenslängliche Professur in Padua  mit genügend hohem Einkommen bestätigt hatte, begann  er sich für die ,,Occhialini” – die „Brillen” zu  interessieren, wie die Fernrohre oder Teleskope  in  Italien zuerst genannt wurden  und von denen  ihm Paolo Sarpi, ein einflussreicher venezianischer Gelehrter und  Politiker,  berichtet hatte. In Paris und in Mailand waren sie schon auf dem Markt, selbst Rudolf II.  und der Papst besassen  ein Exemplar.  Dass in  London Thomas  Harriot schon einige Monate früher die  Mondoberfläche und die Jupitermonde in Zeichnungen fest gehalten  hatte, wusste damals kaum jemand auf dem  Festland,  auch  nicht dessen Entdeckung des Brechungsgesetzes des Lichts von  1601, da er seine Entdeckungen  nicht publizierte.32  Galilei  zog sich  in seine Werkstatt zurück und befasste sich zielstrebig nur noch  mit   dem flämischen  Modell, das ihm zur Verfügung stand, das eine zwanzigfache Vergrösserung ermöglichte und das er mit grösstem Eifer  zu verbessern  und zu verfeinern suchte,  nicht allein, sondern  mit Hilfe von Marco Antonio Mazzoleni, einem  hervorragenden  Handwerker, den er für sich arbeiten liess, und  in Zusammenarbeit mit Girolamo Magnati, dem Inhaber einer Glasmanufaktur auf der Insel Murano und nahem  Freund.  Innerhalb weniger Wochen  stand  ihm ein Teleskop  mit feinsten konvexen  und konkaven  Linsen  und einer 1000-fachen Vergrösserung zur Verfügung.  Es ermöglichte eine umwälzende Verbesserung der Sichtmöglichkeiten  der Gestirne,  mit welcher sich  die Kopernikanischen Theorien  bestätigen  liessen – und womit er dem  Markt die Stirn  bieten  konnte.  Er nahm  sofort mit Paolo Sarpi Kontakt auf  und bot ihm  an, so schnell wie  möglich das Teleskop  in Venedig zu präsentieren,  hatte er doch erfahren, dass in Padua und  in Venedig  ein ausländischer Geschäftsmann auf der Durchreise schon  ein Teleskop  zum Verkauf angeboten hatte.  Doch Galileo Galilei erhielt als erster die nötige Beachtung: am  21. August 1609 konnte er der venezianischen Regierung und  den geladenen  Gästen  sein Fernrohr präsentieren – und sie überzeugen.

Die Erforschung des Himmels war das verbissen  angestrebte Ziel. ,,Obwohl seine Gesundheit geschwächt war, verbrachte er während der Monate Januar und Februar 1610 die meisten Nächte hinter dem Fernrohr um Beobachtungen anzustellen.”33 Über seine Arbeit und seine Erkenntnisse schrieb er sein Buch Sidereus-Nuncius – Der Sternenbote resp.  Die Nachricht von neuen Sternen34,  das er  1610 veröffentlichte.  lnteressanterweise findet sich  in Vicenzio Viviani’s bibliographischen Aufzeichnungen  kein Bericht über Galileis Präsentation  des Teleskops  in Venedig, wohl aber über den Inhalt des Sidereus Nuncius: ,,Galilei  betrachtete erstlich den Mond  aufs genaueste und entdeckte, dass derselbe eine ungleiche  Superficies habe und nicht anders als unsere  Erde voller Täler und  Berge sei. So  hat er auch gefunden, dass die sogenannte Via lactea nichts anderes sei als eine Menge  Fixsterne, welche  wegen ihrer unermesslichen Weite, wie auch wegen  ihrer Kleinigkeit in Vergleichung mit anderen Sternen von unserem blossen Auge nicht mögen  erkennet werden.  Ferner hat er hin  und wieder andere  unzählbare  Fixsterne wahrgenommen, so den Alten ganz  unbekannt gewesen. Ja,  als er einmal  mit einem ganz neuen  urta besseren Tubus den Jupiter betrachtete, so wurde er gewahr, dass derselbe mit vier Sternen, welche mit einer regulären Periode um ihn  herumlaufen, umgeben  sei, welche er denn zu unsterblicher Ehre des Durchlauchten grossherzoglichen Hauses mit den Namen der Mediceischen Sterne 0der Planeten  belegt hat. Alle diese  Entdeckungen  hat er anno 1610 getan  im  Monat Januar, und nachdem  er seine Observationen den ganzen folgenden Monat Februar fortgesetzt, solche alsbald  der Welt bekannt gemacht durch seinen ,Sidereus  Nuncius’, welche  er im Anfang des März zu Venedig drucken  liess und dem Grossherzog Cosimo dedizierte. “35

Im gleichen  Jahr 1609 hatte Johannes Kepler die zwei  ersten  Planentengesetze entdeckt, unter schwierigsten Bedingungen. Was für Garnei von zentraler Bedeutung war betraf weniger die Erkenntnis des Regelsystems des Weltganzen als die  Bestätigung seiner Bedeutung als Entdecker neuer Monde  und Sterne durch das  Haus der Medici, damit eine Bestätigung seiner finanziellen Sicherheit und seines gesellschaftlichen  Rangs im Florentinischen Machtzentrum.  Nach der erfolgreichen  Präsentation des Fernrohrs  in Venedig, der Benennung der vier Jupitermonde als Medici-Monde und der Widmung des Sidereus Nuntius an Grossherzog Cosimo  II.  reichte er eine förmliche Bewerbung zur Einstellung in dessen Dienste ein – und wurde belohnt.  Er erhielt den Titel „Erster Mathematiker und  Philosoph des Grossherzogs der Toscana”, gab damit den Wohnsitz in Padua  auf, trennte sich, wie schon erwähnt, von Marina Gamba  und  richtete sich              herrschaftlich  in  Florenz ein. Gleichzeitig baute er elne Werkstätte zur Herstellung von Teleskopen auf.  Eine steigende Nachfrage aus ganz Europa gelangte an  ihn  und versprach ein beachtliches Einkommen.  Und Galilei  reiste ein zweites  Mal nach  Rom, wo er als Entdecker gefeiert wurde, gleichzeitig aber in den Verdacht von Kardinal  Bellarmin geriet, der sich beim Collegia  Romano über die Vereinbarkeit von Galilei’s Sidereus Nuntius mit den Grundsätzen der Kirche erkundigte.  Fürs erste wurde er durch eine wohlwollende  Antwort von Christopher Clavius beschwichtigt. Auch Kepler hatte  gleich 1610 die Existenze der Jupiter-Monde bestätigt und hatte sich damit zu Gunsten Galileis geäussert. Doch auf das dringliche Gesuch des Prager Kollegen,  ihm so schnell wie  möglich ein Teleskop zu senden, da die Instrumente,  über die er verfüge,  höchstens das Zehnfache vergrössern würden, darauf ging Galilei nicht ein.

Nach  der Rückkehr aus  Rom verschärften sich die Auseinandersetzungen  mit den Vertretern der aristotelischen  und ptolemäischen  Richtlinien,  einerseits wegen  der lnfragestellung durch  Philosophen wie  Lodovico delle Colombe sowohl  der von Galilei vertretenen Erdbewegung wie dessen Bericht über schwimmende  Körper, den Discorso intorno alle cose ehe stanno in su l’acqua,  andererseits wegen  Angriffen von Geistlichen von der Kanzel aus auf das heliozentrische System generell, das von Galilei vertreten werde, das der Religion widerspreche.  Ein  privater Briefwechsel von Galilei  mit Lodovico delle Colombe wurde durch einen Geistlichen  an  die  Indexkongregation des Heiligen  Offiziums in  Rom zum Überprüfen geschickt.

Schon vor der zweiten  Reise nach Rom  hatte Galilei  mit der Beobachtung der Sonnenflecken begonnen,  in  der Meinung,  er sei der erste und  einzige, der diese entdeckt habe. In diesem Zusammenhang entstand  ein unerfreulicher Wettstreit mit dem deutschen Jesuiten, Astronomen  und  Professor für Mathematik  an  der Universität von lngoldstadt Christoph Scheiner, der schon einige Monate vorher davon  Kenntnis hatte und der unter dem Pseudonym Apelles darüber einen Bericht veröffentlicht hatte – entgegen dem  Ratschlag des religiösen Vorgesetzten seines Ordens. Scheiner hatte mit Hilfe von Keplers Dioptrice ein Fernrohr gebaut und auf einem  Kirchturm  eine kleine Sternwarte eingerichtet,  um die Sonnenflecken zu  beobachten,  hatte dann ein sogenanntes Helioskop entwickelt, das die Projektion des Sonnenlichts auf eine Flächte ermöglichte; schliesslich  eine parallaktische Montierung des Helioskops mit einer Blende, auf welche  eine verschiebbare,  mit zwei Öffnungen versehene Abdeckplatte gelegt werden  konnte, so dass die Optik scharf eingestellt werden  konnte.

Um  die kopernikanische Theorie im Vergleich  mit der ptolemäischen  als die wahrscheinlichere  Hypothese zu erklären und um deren Verurteilung zu verhindern,  hatte Galilei  einen  Bericht über Ebbe und Flut des Meeres geschrieben, den Discorso del flusso e reflusso del mare,  doch er erreichte das Gegenteil.  Er beschloss, eine dritte Reise nach Rom zu wagen. Das war 1615. An die Grossherzoging Christina von Lothringen  hatte er einen  Brief geschrieben, in welchem er seine grundsätzliche Stellungnahme zur Frage der Übereinstimmung des heliozentrischen Systems mit der Religion  erläuterte, nicht als Mathematiker, sondern so, wie er diese als Philosoph verstand.  Dabei versuchte er, eine Zwischenposition zu vertreten,  ein wenig wie Tycho Brahe,  um der Erde ihre  Bedeutung nicht abzusprechen.  Eine Kopie davon  schickte er an Piero Dini, einen  Freund, der eine wichtige  Position  in  der römischen  Kurie einnahm.  ln diesem Brief hielt er fest: ,,Mir scheint, dass es in der Natur eine hochgradig spirituelle Substanz von sehr zarter und flüchtiger Beschaffenheit gibt, die das Universum durchflutet, jeden  Gegenstand ohne Widerstand durchdringt und  alle Lebewesen  erwärmt,  belebt und fruchtbar erhält.  Die Sinne zeigen  uns, dass die Sonne selbst der hauptsächliche  Empfänger dieses Fluidums ist.  Das gewaltige  Licht, das von ihr ausgeht und das sich  über das gesamte  Universum ausdehnt,  begleitet von jenem  wärmenden Geist,  durchdringt die  Köper aller Lebewesen  und erhält ihr Leben  und ihre  Fruchtbarkeit.  Man kann ohne weiteres annehmen, dass es sich dabei  um mehr als nur um  Licht handelt, da es in  der Lage ist, alle körperlichen Substanzen, gleich welcher Dichte, zu durchdringen.  Dass der Körper der Sonne der Empfänger dieses Geistes und dieses Lichts ist,  ( … )  scheint mir durch die  Heilige Schrift bestätigt zu werden.  Dort sehen wir, wie vor der Erschaffung der Sonne der Geist mit Hilfe seiner wärmenden  und  befruchtenden  Kraft die Wasser bewegte.  In ähnlicher Weise finden wir, dass das Licht am ersten, die Sonne dagegen am fünften Tag erschaffen wurde.  Wir können  daraus die Bestätigung ableiten, dass dieser befruchtende Geist und dieses  Licht, welche  das Universum  durchdringen, sich  im  Körper der Sonne vereinigen  und verstärken.  Deshalb hat dieser seinen  Platz im Zentrum  des Universums.” 36

Ohne Zweifel war sich  Galilei  bewusst, wie kompliziert es war, gleichzeitig die neuen astronomischen  Erkenntnisse  zu vertreten  und der biblischen  Lehre treu zu  bleiben.  Er stellte sich vor, dass es eventuell  möglich  war, das ptolemäische System als ungenügend zu erweisen,  ohne dadurch gleichzeitig in Verdacht zu geraten,  das kopernikanische als richtig zu vertreten oder gar zu  beweisen,  war doch dieses – speziell  Kopernikus’ De revolutionibui orbium vom Heiligen Römischen Gericht in eben jenem  Jahr verdammt worden. Im  Brief an die Grossherzogin Christina wie an  Piero Dini, der diesen an die zentralen  römischen Instanzen weiterleitete,  bemühte sich Galilei daher auf diplomatische Weise, die von Aristoteles geschaffene Hierarchie des Kosmos resp. die geozentrische  Theorie wie zu übergehen  und die pythagoreische, auch von Platon beachtete Idee, dass der Sonne die zentrale Bedeutung zukomme,  mit der Bibel in  Übereinstimmung zu bringen.  Doch für die Kirche  kamen Kompromisse nicht in  Frage. Aristoteles und die aristotelische Struktur der scholastischen  Lehre waren von fundamentaler Bedeutung für die christliche Weltanschauung und durften  nicht einfach übergangen oder als unbedeutend erklärt werden. Für Galilei andererseits hätten Wissenschaft und  Bibel sich  nicht widersprechen müssen.  Diesbezüglich hatte er eine ännliche Grundhaltung wie Tycho Brahe, den er jedoch in seiner Argumenfation gegen Oratio Grassi ablehnte.  Die Bibel galt für ihn als Quelle der Wahrheit, gleichzeitig waren die astronomischen  Erkenntnisse, an die er dank seiner Instrumente gelangt war, nicht in Frage zu  stellen.  Er verlangte eigentlich von den Theologen, dass sie sich von der Wissenschaft und den wissenschaftlichen  Erkenntnissen fern hielten, dass sie sich auf keinerlei  Überprüfung und  Interpretation hinsichtlich deren Übereinstimmung mit der Bibel mehr einlassen sollten.  Hätten sich Rom  und seine theologische  Elite damit abgefunden, würden sich  die religiösen Wissensbereiche ausschliesslich  mit der Interpretation der Bibel, der Umsetzung der religiösen Rituale sowie der Fragen der Alltagsmoral befassen.

Dass Rom dieser Forderung,  hätte Galilei sie ausgesprochen, nicht hätte zustimmen  können, ist klar, doch  es ist anzunehmen, dass der Vatikan  und die zuständigen Theologen der Inquisition ihn  nicht so verstanden. Vermutlich wäre Galilei sonst nicht so einfach davongekommen.  Sie hätten seine Versicherung, dass die Bibel – richtig interpretiert – nicht irren  könne, als bare Münze angenommen und hätten deren  Leerformelcharakter gar nicht erkannt. ,,In  ihren Augen behauptete Galilei, dass nicht die ptolemäische, sondern nur die kopernikanische Astronomie eine physikalisch wahre Beschreibung der Planentenbewegungen enthalte und dass es in der Bibel keine Textstelle gebe, die einer Bewegung der Erde und einer unbeweglichen  Mittenstellungder Sonne strikt widersprechen. Auf die Galileische Forderung, die Fehlerhaftigkeit des kopernikanischen Systems zu beweisen, brauchte man sich  nicht einzulassen   zumal man das tychonische System zur Verfügung hatte.  ( … )  Die Astronomie des Kopernikus mochte besser sein als die des Ptolemäus, nicht aber als die Brahes,  und die wiederum hatte den Vorzug, dass sie mit Aristoteles vereinbar war.”

Galileis’ Bericht über die Gezeiten der Meere vom vorangegangenen Jahr, von welchem  er  eine  Kopie dem Florentiner Kardinal Alessandro Orsini gegeben hatte, damit dieser sie dem Papst vortrage, trug vermutlich dazu bei, dass dieser die inquisitorische Untersuchung beenden und entscheiden wollte.  Das „Heilige Offizium” hielt am 23. Februar 1616 fest, dass es zwei Sätze gebe, die überprüft worden seien.  Der erste Satz, ,,die Sonne ist der Mittelpunkt der Welt  und  besitzt  eine örtliche Bewegung” sei in philosophischer Hinsicht „töricht und absurd”, in  religiöser Hinsicht „formal  häretisch, da er den  Lehren der Heiligen Schrift an vielen Orten widerspreche wie auch mancher Auslegung der Kirchenväter und Doktoren.  Der zweite Satz, ,,die Erde ist nicht Zentrum der Welt und nicht unbeweglich, sondern bewegt sich  in  Bezug auf sich selbst als Ganzes und auch  in täglicher Bewegung”, sei philosophisch wie der erste Satz zu  beurteilen. Theologisch sei er nicht häretisch, aber irrtümlich  im Glauben,   Dieser Entscheid, der als „Dekret” galt, wurde nicht voll veröffentlicht, der Hinweis auf Häresie blieb, wenigstens vorläufig, weg.  Erst 1633, als der Prozess nochmals aufgegriffen wurde, stand dieser im  Mittelpunkt. Galileo Galilei  konnte sich  erleichtert fühlen.  Er wurde jedoch  von Kardinal  Roberta  Bellarmin   der in Rom  als Grossinquisitor den Prozess gegen Giordano Bruno geführt hatte, ermahnt, er solle nicht länger am heliozentrischen System festhalten, er solle es  höchstens als Hypothese erwähnen. Gleichzeitig überreichte er ihm  eine Bescheinigung, dass seine persönlichen Schriften  nicht beanstandet würden  und  er diese nicht abschwören  müsse.

Galilei  befand sich wieder auf freiem Fuss in  Florenz, verbesserte ein Teleskop,  das auf dem Meer gebraucht werden konnte und verhandelte mit Spanien  über die Verwendung der astronomischen  Erkenntnisse, insbesondere der Jupitermonde, zum Zweck der Navigation. Er war häufig krank. Seine  beiden  Töchter Virginia  und Livia waren nacheinander ins  Kloster eingetreten.  Die  Beobachtung der drei  Kometen von  1618,  über die in ganz Europa publiziert wurde, hatte er wegen  seiner Schmerzen  praktisch verpasst.  Er hatte am  Krankenbett mit Freunden darüber diskutiert und war nach Loreto gepilgert. Als Antwort auf eine Publikation des Jesuiten  Oratio Grassi,  der die Kometenbahnen korrekt beschrieben, jedoch  tychonisch-geozentrisch  nicht durch die Sonne, sondern durch  die Erde gelenkt erklärte,  liess er an  der Florentiner Akademie von  Mario Guiduccl,  einem  Freund, einen von ihm verfassten Vortrag halten, der gegen Grassi gerichtet war, worauf dieser unter dem Pseudonym Lothario Sarsi wieder eine Gegenschrift Libra Astronomica ac Philosophica veröffentlichte.  Es entflammte ein Streit, bei welchem Galilei  durch  Kardinal  Maffeo  Barberini Unterstützung bekam,  der für ihn ein  Loblied veröffentlichte, die Adulatio pernicosa. Zwei Jahre später, 1623, wurde Barberini zum  Papst gewählt und hiess fortan  Urban VIII. Seinetwegen  reiste Galilei ein Jahr später zum vierten Mal nach Rom  und wurde zu sechs Gesprächen  empfangen.  Urban VIII. ermutigte ihn, seine Gedanken zum Sternensystem aufzuschreiben, sich jedoch  strikte an die Vorschriften von 1616  zu  halten.  Inzwischen war in  Florenz Cosimo  II gestorben,  und da sein Sohn  Ferdinand  II.  noch ein Kind war,  übernahm dessen Mutter, die Grossherzoging Christina von Lothringen, die Regierungsverantwortung. Galilei wurde als Mitglied in  die Accademia Fiorentina aufgenomen.  Auch schrieb Tommaso Campanella (1568-1639) zu seinen Gunsten  eine Apoloqia pro Gatileo, dieser mutige, aus Kalabrien stammende Dominikanermönch, der auf Grund seiner anti-aristotelischen, aufklärerischen Naturphilosophie und seiner utopischen Staats- und Sozialentwürfe während siebenundzwanzig Jahren schwerster inquisitorischer Verfolgung, Einkerkerung und Folter ausgesetzt war,  irre wurde und so dem Todesurteil  knapp entkam, erneut verhaftet wurde, schliesslich von Papst Urban VIII. entlastet wurde und sich  nach  Frankreich  retten  konnte, wo jedoch  das Auge der römischen  Inquisition  ihn  und seine  Publikationen weiter im  Blick behielt.

Im  Konflikt mit Oratio Grassi schrieb und veröffentlichte Galilei das Buch Saggiatore – Der Prüfer,  mit Widmung an  Papst Urban VIII.,  in welchem er Grassi aufs härteste angriff und lächerlich  machte. Offenbar war er sich  nicht bewusst,  in welchem Mass er sich dadurch selber gefährdete, wie seine Argumentation gegen Grassi eine Argumentation gegen ihn war. Grassi war Teil des Jesuitischen  Collegia  Romano, das sich gegen die Orthodoxie der aristotelischen  Himmelsphysik stellte, jedoch  die tychonisch-geozentrischeVersion  des Planetensystems in Verbindung mit der Sonne vertrat. Grassi war auf Grund eigener Beobachtungen  und sorgfältiger Vergleiche der Beobachtungen aus ganz Europa zum Schluss gekommen, dass, weil  beim  Betrachten der Bahn  der Kometen  die Parallelaxe fehlte,  diese jenseits der Mondsphäre verlaufen sei, etwa  in gleicher Entfernung von der Erde wie Merkur und Sonne. Auch habe er festgestellt, dass der Schweif der Kometen immer in die der Sonne entgegengesetzte Richtung wies, dass dieser daher nicht aus sich selber leuchtete  sondern von der Sonne beleuchtet wurde.

Für Grassi war Galilei ein Lehrer gewesen, den er verehrte.  Er hatte von ihm gelernt, einfach zu  beobachten, die Beobachtungen zu schildern  und nicht über die Ursachen zu spekulieren. Nun aber argumentierte Galilei gegen ihn wie gegen einen Aristoteliker, sowohl in seinem Saggiatore wie in einer Abhandlung, die er zusätzlich gegen Grassi  unter dem Namen von Maria Guiducci, einem  Freund, veröffentlichte, indem er zum  Beispiel aus dem unregelmässigen  Bahnverlauf des Kometen ableitete, dieser könne keine kreisförmige  Bahn haben,  da er vorher noch  nie gesehen worden sei.  Dass er ferner wissen möchte, wie gross das Universum sei, wenn angenommen werde, der Komet durchlaufe in den vierzig Tagen seiner Sichtbarkeit eine derart grosse Bahn, dass deren vierhundertster Teil die Hälfte des sichtbaren  Universums sei. Als Kopernikaner hätte Galilei doch selber ein riesiges, unendliches Universum angenommen  und nicht ein messbares,  auch würde von Grassi keineswegs behauptet, die Kometen seien planetengleich und würden eine analoge kreisförmige oder elliptische Bahn verfolgen.  Ebenso würde Galilei’s – aristotelische – Erklärung verblüffen, die Kometen bestünden aus Dämpfen, die von der Erde vertikal aufstiegen  und sich  infolge von Reibung an der Innenseite der lunaren Sphäre entzünden würden. Allerdings würden sie, falls dies der Fall wäre,  nach wenigen Momenten verglühen und könnten  nicht während vierzig Tagen beobachtet werden.

Galileis Argumentation war so verwirrend, polemisch und gleichzeitig rhetorisch  brillant, dass er Grassi  in eine hilflose Defensive versetzte,  in welcher sich dieser in erster Linie um Kompromisse bemühte.  Er könne nicht verstehen, schrieb er, warum Galilei das Collegio Romano so massiv angreife, nachdem dieses ihm zu seinem  Ruhm verholfen  habe. Auch Kepler, der eigentlich Galilei stets bewundert und ihn  in jeder Hinsicht geehrt hatte, war sprachlos über die massive Verunglimpfung Tycho Brahes und Oratio Grassis, ebenso über die Widersprüchlichkeit von Galilei’s Erklärung der Kometen.  Dazu kam,  dass Galilei  immer wieder vom Thema völlig abwich, jedoch vorgab, er entgegne damit falschen Aussagen von Grassi.  Und da dieser sich angegriffen fühlte, reagierte er und das „Kauz-Maus-Spiel”38  setzte sich fort. Galilei ging dann plötzlich auf die Erzeugung von Wärme und auf die Bedeutung von „Wärme” über, die er als eine Empfindung erklärte, die durch Sinneswahrnehmung erzeugt würde wie Geruch, Geschmack und  Farbwahrnehmung.

So wechselte Galilei zwischen  Polemik gegen Grassi und neuen  Ideen hin  und her, vermutlich sowohl  um seiner eigenen Stellung einen  unbestreitbaren höheren  Rang zu geben wie um die Konkurrenz zwischen dem kopernikanischen  und tychonischen  System auszutragen. Möglicherweise eckte ihn  besonders das Beharren des Jesuitischen Collegia Romano auf der aristotelischen Weltansicht an, die unter der Vorgabe der tychonischen  Aufklärung eine Mischung von Orthodoxie und Fortschritt darstellte, was letztlich eine Täuschung bedeutete und eine Blockade bewirkte. Auch Christoph Scheiner, der zu den fähigsten Astronomen unter den deutschen Jesusiten gehörte, musste sich dem gleichen Druck beugen und  konnte höchstens als Beobachtung und Vermutung postulieren, was eine lnfragestellung und Korrektur der aristotelischen Grundsätze bedeutet hätte. Wer sich  nicht duckte, wie es für Giordano  Bruno der Fall gewesen war und wie Tommaso Campanella es erlebte, wurde der bösartigen Verstrickung mit dem schlimmsten  Element menschlicher Verführung,  mit dem “Teufel” verdächtigt und war gnadenloser Verfolgung ausgesetzt.

Ende  1618 war nicht nur durch die drei  Kometen gekennzeichnet, sondern  noch stärker durch  die Tatsache des Kriegs, der eingesetzt hatte, und  sich aufs verhängnisvollste über dreissig Jahre fortsetzte.  Die  Römische  Kirche – wie auch die Lutheranische und die Calvinistische – befanden sich  in  einem  Zustand wachsender Verunsicherung und Aggressivität. Die Überwachung der Gläubigen, Anschuldigungen,  Folter und Todesurteile häuften sich.  Papst Urban Vlll.,  der sich, wie schon  erwähnt,  1616 noch als  Kardinal  Maffeo Barberini für Galileo Galilei eingesetzt und 1620 eine Lobeshymne auf ihn geschrieben  hatte, war politisch  auf verhängnisvoller Bahn.  Erst hatte er zwischen  Habsburg und  Frankreich  hin und  her taktiert, dann sich  dem Druck Richelieu’s gefügt, Österreich  im Stich gelassen und sich  mit Frankreich und dem  protestantischen Schweden vereint.  Nicht nur war er deswegen vom  König von Spanien öffentlich angeprangert worden, sondern er musste sich  innerhalb der eigenen  Kurie  gegen ein Komplott verteidigen.  Er stand  mit dem  Rücken zur Wand.  Um seine Macht zu bekunden,  benutzte er jedes  Mittel. Selbst Galilei diente zu diesem Zweck. “Und  wenn  er seinen  Blick von der grossen, weltumspannenden  Perspektive zurücknahm zu diesem  lästigen, gelehrten Getue über die Planeten, so erkannte er das gleiche  Muster – nur in  kleinerem  Format.  Er hatte versucht, als grossherziger Renaissance-Fürst die Wissenschaften  unter seinen Schutz zu stellen.  Nun stand  er da, ausgespielt von Galilei wie von Richelieu. Galilei, der sich  als sein  Bundesgenosse angeboten  hatte,  hat es gewagt, Laiendenken gegen die geistige Autorität der Kirche zu  mobilisieren  und dabei einen Skandal verursacht.  Doch zumindest musste er,  Urban,  in diesem Fall  nicht untätig zusehen.  Er konnte ihm das Rückgrat brechen  und diese Bande für alle sichtbar demütigen.  Er würde intervenieren,  und seine Intervention würde furchtbar werden.”39

Galilei selber fühlte sich jedoch  in seinem Selbstwert als Gelehrter bestärkt.  Er verbesserte das von ihm erfundene Mikroskop, befasste sich mit den Gezeiten,  mit Hydraulik und  mit Magnetismus,  begann am  Dialogo zu arbeiten, empfing Besuche – zum  Beispiel von Elie Diodati, einem  calvinistischen  Rechtsgelehrten  aus Genf, der in  Paris lebte und der mehrere Abschriften von Galileis Manuskripten  mitnahm  und dort verteilte.  Ebenso stand er in Briefaustausch  mit Gelehrten wie  Pierre Gassendi (1592 – 1655), der in Aix-en-Provence eine Professur in  Philosophie gehabt hatte, die er aufgab,  als die Leitung der Universität an die Jesuiten  überging und er sich  auf eine umfassende Aufarbeitung von Epikurs Philosophie konzentrierte, gleichzeitig die Gesetze des Planetensystems untersuchte und auf Grund seiner Sorgfalt zu erstaunlichen  Beobachtungen  kam 40.  Gleichzeitig fühlte er sich  häufig krank, von seinen Gegnern angegriffen.  Doch Florenz gewährte ihm einen Sitz im  Rat der Zweihundert d.h.in der Legislative und damit das Bürgerrecht.

Der Dialogo di Galileo Galilei sopra i due Massimi Sistemi del Mondo Tolemaico e Copernicano Dialog von Galileo Galilei über die zwei wichtigsten  Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische, an dem er,  mit Unterbrechungen, fünf Jahre gearbeitet hatte, konnte 1630 abgeschlossen werden, nicht als eine auf mathematischen und physikalischen  Formeln gestützte lateinische Abhandlung, sondern als ein auf Italienisch verfasstes, während vier Tagen sich fortsetzendes, fiktives Gespräch zwischen  drei Männern, von denen  zwei die Namen verstorbener Freunde von Galilei trugen: Sagredo in  Erinnerung an  Giovan  Francesco Sagredo, den hoch gebildeten, venezianischen Freund,  der 1620 gestorben war und  in  dessen Palast das Gespräch  stattfinden sollte,  und Salviati,  den aus florentinischem Adel stammenden  Freund  Filippo Salviati, der ihn stets unterstützt hatte, in dessen Landhaus er sich  erholen  konnte, den er seit 1614 vermisste und den er zum Stellvertreter seiner eigenen,  persönlichen Ansichten   machte.  Die dritte Person, Simplicio, den Galilei dem Namen  nach  in  erster Linie als „simpel” darstellen wollte und der im Gespräch die peripathetische  Linie repräsentiert,  bezog er eventuell  auf den im Jahr 549 u. Z. verstorbenen griechischen Philosophen Simplikios aus Kilikien,  der in Alexandria  und in Athen  als Neuplatoniker die Schriften Aristoteles interpretiert hatte und  der 529 u. Z.  infolge der römischen Besetzung Athens und der von Justinian  1.  veranlassten Schliessung der Philosophenschule nach  Persien auswandern  musste.

Für Galilei sollte das Gespräch zwischen Sagredo, Salviati  und Simplicio den Beweis erbringen, dass das Beharren  auf der Unbeweglichkeit der Erde absurd war,  dass es überzeugende  Beweise und Argumente gab, das heliozentrische System anzunehmen, ohne dass ihm vorgeworfen werden konnte, die von der Kirche streng vertretene aristotelische Metaf)hysik anzutasten.  Und gleichzeitig bezweckte er zu  beweisen,  dass alle  Erkenntnisse betreffend  der astronomischen Erscheinungen, die letztlich von Archimedes’ Bewegungslehre ausgingen, allein  mit dem heliozentrischen System, so wie er es verstand, vereinbar waren. Galilei fühlte sich – vermutlich – sicher,  über genügend  empirische Tatsachen zu verfügen,  um  überzeugen zu können.,, …  ich erkläre  mich  einverstanden  mit einer seiner (Aristoteles’)  Behauptungen, dass nämlich  die Welt mit .allen  Dimensionen ausgestattet und  darum  von höchster Vollkommenheit Ist,  d.h. aus Teilen besteht, die nach höchsten  und vollkommenen Gesetzen angeordnet sind  ( … ).  Nach  Feststellung eines solchen Prinzips lässt sich ohne weiteres schliessen, dass, wenn  die  Hauptmassen des Weltalls vermöge ihrer Natur beweglich  sind, ihre Bewegungen  unmöglich geradlinig oder anders als kreisförrnig sein können .. Der Grund  ist ganz einfach  und  liegt auf der Hand.  Denn was sich geradlinig bewegt,  verändert seinen  Ort und  entfernt sich  im  Fortgang der Bewegung mehr und mehr vom Ausgangspunkt und von allen  im lauf der Bewegung erreichten  Punkten. Käme  nun einem  Körper solche Bewegung von Natur aus zu, so wäre er von Anfang an  nicht an  seiner natürlichen Stelle,  mithin  die Anordnung der Teile der Welt keine vollkommene. Wir setzen aber voraus, dass ihre Ordnung vollkommen sei,  dem gemäss können  sie nicht von Natur dazu bestimmt sein,  ihre Stelle zu wechseln  und folglich  auch  nicht, sich geradlinig zu  bewegen.  Da ausserdem die geradlinige  Bewegung ihrer Natur nach  unendlich  ist – denn die gerade Linie ist unendlich  und von unbestimmter Länge – so kann  kein beweglicher Körper den natürlichen Trieb haben, sich  in gerader Linie dahin zu  bewegen, wohin er unmöglich gelangen kann, insofern  einer solchen  Bewegung kein Ziel gesetzt ist.  ( … )  Sobald ich  nämlich sage, dass im Weltall tausenderlei  Kreisbewegungen  möglich sind und folglich tausend Mittelpunkte, so wird es auch tausenderlei auf- und abwärts gerichteter Bewegungen geben. “41

Der Dialog sollte mit Hilfe einfachster Logik ein revolutionäres Umdenken zustande bringen. Die mathematische Klarheit und Schlichtheit Keplers in der Begründung der elliptischen Bahnen und der weiteren zentralen  Planentengesetze, die später für Isaac Newton und für Albert Einstein wegleitend sein werden, beachtete Galilei nicht. Er vermittelte  Beispiele, Vergleiche und  Erklärungen, die ihm einleuchtend erschienen, wie zum  Beispiel bei der Erläuterung der Möglichkeit vieler Mittelpunkte im Weltall  den Vergleich  mit der Tendenz der Erde, als Anziehungskraft für abgetrennte  Teile ihrer Elemente zu wirken, so wie schon Plutarch  in seiner Schrift über das  Mondgesicht – De facie in orbe lunae argumentiert hatte. Als Grund, weshalb  der Mond  nicht zur Erde hinfalle,  hatte er die Zentrifugalkraft seines Umschwungs genannt,  die der Anziehungskraft der Erde die Waage halte.  Doch  anders als Galilei  hat es Plutarch gewagt, aus der widerspruchsfreien Behauptung vieler verschiedener Welten, die als verschiedene Ausgangspunkte kohäsiver Kräfte auf die zu diesen Welten gehörenden  Körper wirken, die einleuchtende Schlussfolgerung eines unendlichen,  leeren kosmischen  Raums ohne  Zentrum zu ziehen.  Für Galilei  kam es gar nicht in  Frage, eine solche Erkenntnis in  Erwägung zu ziehen, sondern er zog es vor, sich  auf die Bewegung der Planeten sowie der Erde um die Sonne und um sich  selbst zu  konzentrieren. So konnte die Erde die aristotelischen  Elemente von Mitte und  Peripherie wahren wie auch  die gleichförmige, fortdauernde Bewegung auf einer vollkommenen Kreisbahn.  Er betonte jedoch  – was er schon  im Saggiatore vertreten  hatte-,  dass er nicht an einer Vielzahl fester Sphären festhalte, sondern  dass er annehme, “es existiere ein sehr feiner ätherischer Stoff in den Weiten des Universums, durch den die festen  Himmelskörper sich  aus eigener Kraft bewegen  und ihre  Bahnen vollenden.”42  Das Entstehen der Passatwinde erklärte er aus der Reibung zwischen diesem ,,feinen  ätherischen Stoff” und der Bewegung der Erde mit ihrer unebenen, von Bergen  und Tälern  durchzogenen Oberfläche. Auch müsste da, wo die Drehung der Erde von Ost nach West am  raschesten erfolge, d.h. an den am weitesten von den Polen entfernten Stellen, das stärkste Wehen  gespürt werden.  Und tatsächlich sei dies der Fall, wie  bei Schiffsfahrten  bewiesen  werden könne. Von Ost nach West gelangten diese wesentlich schneller ans Ziel als in  umgekehrter Richtung.

Die über das Fernrohr möglich  gewordenen  Beobachtungen dienten Galilei, experimentell zu belegen,  dass das aristotelisch-ptolemäische System  keine Gültigkeit mehr hatte. Als Indiz benutzte er die Phasen de  Venus als ,,Abendstern” und als “Morgenstern”, die deutlich machten, dass sie nicht um die Erde, sondern  um die Sonne kreist, oder die Jupiter-Monde, dass nicht nur die Erde mit dem  Mond  und  nicht nur die Sonne  mit der Erde und den anderen  Planeten, sondern dass auch andere Planeten zu Mittelpunkten von Himmelskörpern werden  können.  Er liess auch durch  eine grosse Anzahl von Beispielen verdeutlichen, dass das von Aristoteles für die stillstehende Erde vertreten Gesetz der vertikalen Fallrichtung von Gegenständen  an den gleichen  Punkt, von welchem sie in  die Höhe geworfen wurden, zutreffe, wenn  der Untergrund in  Bewegung sei, wie dies bei stillstehenden  und bei ruhig fahrenden Schiffen  bewiesen  werden  könne. Weitere Beweise mittels der Gesetze der Mechanik zu Gunsten des heliozentrischen Systems liess er zum Teil eher ungeschickt und mangelhaft erläutern, nicht zuletzt weil er die  Forschungsresultate von Kepler, insbesondere die Belege der elliptischen Bahnen,  missachtete und weiter stur an den kreisförmigen  und epizyklischen festhielt. So liess er gegen Ende des Dialogo aussagen,  was er schon  in den Briefen über Sonnenflecken festgehalten  hatte: “Ich  bin sicher, dass kreisförmige Bewegungen  auf exzentrischen  und epizyklischen  Bahnen wirklich  existieren. Doch dass die Natur von diesem Gewirr an Sphären  und Bahnen Gebrauch  macht, um sie hervorzubringen,  ist eine Hypothese, die nur der Bequemlichkeit astronomischer Berechnungen  dient,  keine Beschreibung, an die man glauben  soll.  Meine  Auffassung ist ein Kompromiss zwischen der Auffassung der Astronomen, dass sowohl exzentrische Bewegungen  der Sterne selbst vorlägen  als auch exzentrische Sphären  und (feste) Bahnen, auf denen  sie sich vollziehen, und der Meinung der Philosophen, die alle Bewegungen, Bahnen  und Sphären verwerfen, wenn  sie nicht konzentrisch zum  Mittelpunkt der Erde verlaufen. “43

Um  das Imprimatur des Vatikans für den  Druck des Dialogo zu erreichen, reiste Galilei  1630,  ein fünftes Mal nach  Rom. Zuständig für die Begutachtung des Werks war der aus Genua stammende Dominikanermönch  Niccolo Riccardi,  der schon  1623 für die Zustimmung zum Druck des Saggiatore zuständig war.  Doch damals hatte es sich  bloss um den Disput um  die drei  Kometen gehandelt, während  nun  das ganze Weltsystem  im Zentrum der Auseinandersetzung stand. Gleichzeitig starb unerwartet der erst fünfundvierzig jährige Frederico Cesi,  ein naher Freund  Galileis, der, aus höchstem Adel – seine  Mutter war eine Orsini – und auf Grund seines naturwissenschaftlichen  Erkenntnishungers,  die Accademia die Lincei gegründet hatte, zu welcher Mitglieder aus ganz Europa eingeladen  waren  und zu denen  auch Galilei gehörte, die aber dem Vatikan wegen  der auf Beobachtung und Erfahrung ausgerichteten  Erforschung der Naturphänomene ein Dorn  im Auge war. Cesi hätte die Kosten für den Druck des Werks übernommen  und wäre für ihn eine standesmässige Garantie gewesen.  In  Rom  brach die Pest aus und Galilei wollte zurück nach Florenz.  Die Frage der vatikanischen  Druckerlaubnis  zog sich hin. Schliesslich wurde sie von Riccardi als vorläufig, nicht als definitiv zugestanden,  unter der Bedingung, dass Galilei wesentliche Korrekturen  umsetzen werde: das kopernikanische System  durfte nicht als das richtige erklärt werden, er sollte lediglich von Hypothesen  sprechen  und zum Abschluss des Dialogs die Richtigkeit des ptolemäischen Systems hervorheben. Zur Überprüfung dieser Bedingungen wurde der Inquisitor von Florenz beauftragt.

Galilei  nahm  alles auf die leichte Schulter, das Florentiner Imprimatur erhielt er problemlos. Er wies das Angebot von Venedig ab,  den Druck des Dialogo zu  übernehmen.  Da dieser wegen  Federico Cesi’s Tod in  Rom  nicht in  Frage kam, wollte er ihn so schnell wie  möglich in Florenz realisieren.  Er gab ihn  in Auftrag und im  Februar 1632 lag das Buch vor, dem Grossherzog Federico II von Medici gewidmet, fälschlicherweise mit dem  Imprimatur Roms auf der ersten Seite.

Damit setzte das Verhängnis für Galilei  ein. Er hatte sich  nicht um die von Niccolo  Riccardi festgehaltenen  Bedingungen geschert und war in  keiner Weise auf den dringlichen  Rat, den ihm Urban VIII. schon  1616 wohlwollend gegeben  hatte, eingegangen. Zusätzlich  hatte er ihn mit der Person von Simplicio, der im Gespräch die ptolemäisch-aristotelische  Linie vertritt, lächerlich gemacht. Auf Anordnung des Papstes und unter Druck des Collegia Romano, das schon durch den Saggiatore mit den fortgesetzten Erniedrigungen von Grassis durch Galilei aufgebracht war und das im Dialogo die tychonische Linie, die von ihm vertreten wurde, völlig vermisste, wurde im August 1632 der Verkauf des Dialogo verboten  und zwei  Monate später, im Oktober, der Befehl erlassen, Galileo Galilei  müsse vor der Inqusition in Rom erscheinen.  Nun aber litt er seit Anfang Jahr unter einer sich verschlimmernden Augenkrankheit, zusätzlich  herrschte in Rom weiter die Pest.  Ein  kleiner Aufschub wurde ihm gewährt, doch im  Februar 1633 musste er sich  in  Rom dem lnquisitionsgericht stellen,  in der Kirche Santa  Maria sopra Minerva. Die Verhöre setzten ein, allerdings ohne leibliche Folter und ohne dass Galilei in  Eisen gelegt und  unter der Erde eingekerkert worden wäre.

Der Prozess lässt sich  schwer nachvollziehen.  Die mit der Publikation  des Dialogo vorliegenden Anklagepunkte erwiesen sich als ungenügend, da durch das Rollenspiel der drei Gesprächsteilnehmer nie Galilei selber eine Meinung ausgesprochen hatte. So sei auf einem Punkt beharrt worden, der durch eine Aktennotiz im  Protokoll des Verfahrens von 1616 die Anklage legitimierte.  Doch  selbst dieser Punkt erschien  allen  Kommentatoren  unklar.  Es ist anzunehmen,  dass es um das strikte Verbot ging, die  kopernikanische  Lehre, die im selben Jahr von der Inquisition verdammt worden war, auch  bloss zu erwähnen. Galilei  hätte sich davon völlig abwenden  müssen, doch dieses Gebot leuchtete ihm  nicht ein, und so überging er es.  Gemäss Giorgio de Santillana  lief der Prozess gegen Galilei ähnlich ab wie die politischen  Prozesse der 1940er Jahre in der Sowjetunion: so wie Stalin von Nikolaj  Bucharin und den Mitangeklagten  in den Moskauer Prozessen von 1936 – 1938 verlangt habe, die Anklage  gegen sich eigenhändig zu formulieren und ein volles,  umfassendes Geständnis abzulegen, so habe sich  Urban VIII. gegen Galilei verhalten, als Rächer für den Mangel  an Anpassung  und Unterwerfung nach dem grosszügig zugestandenen Aufstieg in die Elite der Gesellschaft.  Urban VIII. rächte sich für die persönliche Demütigung, die er durch  die Publikation  des Dialogo empfand, und er rächte sich für den Widerstand gegen die Macht- und Wahrheitserklärung der Kirche in  Fragen  des göttlich geregelten, universalen Weltsystems. Auf der Bühne des Denkens zu Fragen  der Kosmologie geschah eine Schlacht wie gleichzeitig in  Europa auf der Bühne der Besitzansprüche über Länder und Völker, auf beiden  Bühnen  in  Namen  der Religion.  Während  1616 die Jesuiten des Collegia  Romano  sich in  einer wagemutigen Opposition gefühlt hatten, da sie Tycho Brahe’s Weltsystem als richtig erachteten  und damit gegen das päpstliche ptolemäische Banner wie gegen die Dominikaner anstanden, die es unterstützten,  hatten sich  1633 die Kräfteverhältnisse umgekehrt.  Nun unterstützten sich Vatikan  und Jesuiten wechselseitig, wie es im  Prozess gegen Galilei deutlich wurde, während die Dominikaner eher auf einer aufklärerischen  Linie standen.  Es wundert nicht, dass Urban VIII. den aus Wien stammenden Jesuiten  Melchior lnchofer, der selber vor nicht langer Zeit der Inquisition ausgesetzt gewesen war,  beauftragt hatte, das Gutachten gegen Galilei zu verfassen  und die  Nichtübereinstimmung von Heliozentrismus und Heiliger Schrift zu  belegen.

Am 22. Juni 1633 wurde Galileo Galilei durch  das Heilige Offizium wegen  Ketzerei zu lebenslangem  Hausarrest und zu jeglichem Publikationsverbot verurteilt,  nicht zu Tode, da er bereit gewesen  sei, ,,mit ,aufrichtigem  Herzen  und ungeheucheltem Glauben’ seine  Irrtümer und  Ketzereien zu verfluchen  und zu verwünschen”44,  Der Dialogo wurde auf den Index gesetzt und jeder Verkauf des Buches verboten.  Der Kerker der Inquisition  blieb Galilei erspart wegen  des hohen Alters und wegen  seiner geschwächten  Gesundheit. Als er bat, zur medizinischen Behandlung Arcetri verlassen zu dürfen,  um in  Florenz seinen Arzt aufzusuchen, wurde Urban VIII. wütend  und drohte ihm die sofortige Einkerkerung an, falls er sich zusätzliche Vergünstigungen  anmasse.

Interessant ist zu wissen, dass sich  im  Prozess gegen Galilei von den zehn  Richtern  drei der Stimme enthielten. Zu ihnen gehörte der Erzbischof von Siena, der Florentiner Ascanio Piccolomini, der nach dem Urteil den geschwächten  alten  Mann, der am  Erblinden war, für einige  Monate bei sich  aufnahm, ohne  sich  um den Kommentar des Papstes zu  kümmern.  In Arcetri selber wurde  Galilei von treuen Freunden  besucht und unterstützt,  insbesondere von Vincenzo Viviani, auch  bei der Aufzeichnung seines letzten wissenschaftlichen Werks, das er diktierte und das Discorsi betitelt wurde – Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige,  die Mechanik und die Fallgesetze betreffend.  Das Manuskript wurde heimlich aus Arceti hinausgetragen und von Hand zu Hand bis in die Niederlande geschmuggelt, nach Leyden, wo es in der seit 1583  bestehenden Buchhandlung der Nachkommen von Ludovic Elzevir gedruckt wurde, mit einem deutlichen Hinweis auf der ersten Seite, dass der Druck ohne Zustimmung von Galileo Galilei erfolge. Auch der Dialogo wie der Brief an die Grossherzogin Christina wurden  heimlich weiter gedruckt und verbreitet. Das lnquisitionsgericht konnte keines der Werke auslöschen, das Anlass zur Verurteilung geboten hatte.  Die Werke wirkten durch sich selbst, sie waren Ansporn zur kritischen Auseinandersetzung mit Forschungsergebnissen und deren  Deutung. Gerade weil sie verboten waren, boten sie sich zur Fortsetzung des Suchens nach Erkenntnis förmlich an.

Galilei selber hatte ohne Zweifel auf dem hohen Wert seiner Schriften beharrt, doch gleichzeitig bezeichnete er das Fernrohr, das er zuerst als als perspicillum” resp. alsocchialino” – als Brille für das bessere Erkennen fern gelegener Objekte bezeichnete, als das eigentliche Medium  seiner Erkenntnis.   Es war das Instrument, das Kepler in seinem  kleinen Werk Dioprice schon  im Jahr 1611 vorgeschlagen hatte und das die Forschungsmethoden der Neuen Philosophie grundlegend veränderte, wenngleich  es mit seinen internen  Linsen  in erster Linie für irdische Anwendungen  diente und nur eine annähernde Verstärkung des Blicks auf Sonne, Monde und  Planeten ermöglichte.  Für die genauere Erkenntnis der Himmelskörper brauchte es zusätzlicher technischer Verbesserungen.  Für Galilei war es auf jeden Fall klar, ,,sein Glück nicht in alten  Büchern, sondern in genauen Beobachtungen und persönlicher Hingabe zu suchen”, wie er notiert hatte. Denn „niemand wird zum Philosophen, indem er sich  über die Schriften anderer seinen  Kopf zerbricht ( … ).  Das eigentliche Objekt der Philosophie ist vielmehr das grosse Buch der Natur.”45  Die Philosophie wurde zur Naturphilosophie. Mathematik,  Geometrie und  Physik dienten zur Klärung der komplexen Ordnungsregeln  in der Anatomie wie in der Geologie und in der Astronomie, bedurften jedoch in allen  Bereichen der Unterstützung durch  kunstvolle Handwerker, insbesondere durch Optiker, die immer feinere Linsen für Mikroskope wie für Teleskope herstellten, die länger und  länger wurden, auch  immer perfekter. Als Beispiele sind die italienischen Optiker Eustachio Divini und Giuseppe Campani zu erwähnen, die für Givanni Domenico Cassini die Teleskope herstellten,  mit denen er vom Observatorium in  Paris aus unter anderem die Eigendrehung des Planeten Jupiter und die Saturn-Monde Japetus und Rhea, später zusätzlich  Dione und Thetys entdeckte und dem französischen  König Louis XIV den Glanz der vierzehn Planeten und  Monde zusprach, gleichzeitig weiter das tychonische und nicht das kopernikanische System verfocht und die Gesetze Keplers wie Newtons ablehnte. Widersprüchliches und Erstaunliches hielten sich die Waage.

Unter den revolutionären denkerischen Veränderungen jener Zeit war der Austausch  an Erkenntnisprozessen und offenen Fragen zwischen den Denkern und Denkerinnen von grösster Bedeutung, auch von einer Generation zur nächsten und von einer Nation zur anderen.  Es war eine Tatsache,  dass sich gleichzeitig mehrere  Forscher mit den gleichen Problemen befassten, ohne  dass diese voraus abgesprochen gewesen wären. Allerdings wurde schon damals gemeinsames Denken ungleich  angeschaut und umgesetzt, und Informationen über Arbeitsprozesse und Resultate wurden  ungleich weitergegeben, zum Teil ohne Vorbehalte, wie es Kepler gegenüber Galilei tat, zum Teil mit Misstrauen  und Zurückhaltung, wie es von Galilei gegenüber Kepler geschah. Streit um die Erstentdeckung war nicht selten, ob es um Sonnenflecken oder um Infinitesimalrechnungen oder um die Herstellung der Spiralfederuhr ging. Latein war noch immer die allgemein gültige wissenschaftliche Sprache, während gleichzeitig mehr und mehr auch  in der je nationalen Sprache veröffentlicht wurde. Bedeutende Denker wie Christoph Scheiner oder Pierre Gassendi traten  in Zusammenhang mit Galilei schon in Erscheinung, viele weitere waren  im Aufstieg oder nahmen  schon  bedeutende  Ränge ein, so  Evangelista Torricelli, der in Florenz die Nachfolge Galileis als Hofmathematiker übernahm  oder Robert Boyle, der sich  mit Galileis Versuch, das Gewicht der Luft zu  messen, näher befasste und der in  London das Invisible College mitbegründete, aus welchem  die Royal Society zum Zweck der Förderung der Naturwissenschaften hervorging, René Descartes46, der in seinen Thesen über  die Gesetze von Ruhe und Bewegung mit  Isaac Beeckman in fortgesetztem Austausch stand  und dessen Werk auch      Cristiaan  Huygens und Isaac Newton wichtige Impulse für die Arbeiten über Druck- und Stosswirkung gab, Huygens, der auch im  Bereich der Entwicklung der Teleskope  wichtige Erneuerungen  bewirkte, indem er die überlangen  Rohre einfach weg liess und  ein Luftfernrohr schaffte, oder Blaise  Pascal, der mit seinem Gesetz über den Luftdruck und seinen Wahrscheinlichkeitsrechnungen einem  Kreis anderer Denker Anreize bot,  Baruch de Spinoza47, der zusätzlich zu  seiner bedeutenden  philosophischen Arbeit zu einem  anderen wissenschaftlichen  Gottesbegriff und zur Ethik wichtige Erkenntnisse vermittelte und  im Bereich der Optik hervorragende  Mikroskope und  Ferngläser herstellte,  Gottfried Wilhelm Leibnitz, der mit den Theorien zur Integralrechnung, zu den unendlichen  Reihen, zur Kombinatorik oder zur Wahrscheinlichkeitsrechnung und mehr sich den Rang des Universalgelehrten schuf, ferner, wie sich zeigen wird, eine grosse, weitere Anzahl von Forschern  und auch  Forscherinnen,  Denkern  und Denkerinnen,  Handwerkern  in  allen Bereichen  des Schauen  und Messens und Wägens.  Fragen  nach der Grösse und  nach dem Alter des Alls und den unzählbaren  Elementen im All, nach  den Kräfteverhältnissen  und den Rotationsbewegungen zwischen Sonne,  Erde  und Planeten,  Erde und Fixsternen, zwischen Planeten  und Planeten  und Monden, mit denen  sich  seit der Antike die klügsten der schauenden  und denkenden  Menschen  befassten,  in  einer Wendephase der Erkenntnis Kopernikus, Galilei,  Kepler und  Newton,  begleitet von vielen vielen bedeutenden Vorgängern, Zeitgenossen  und Nachfolgern, sie setzten sich fort,  erweiterten sich  und stellten sich neu.

Isaac Newton  (1642 – 1727)48  brachte vermutlich einen  Höhepunkt dieser Erkenntnisphase zustande,  indem er die wichtigsten Bestände vorangegangener Forscher – von Kopernikus das Gesetz der Bewegung der Erde um sich  selbst und um die Sonne, von Galilei  wichtige Erkenntnisse zur Beschleunigung und zum  Fallgesetz, von Kepler die Gesetze der elliptischen Bahnen  der Planentenbewegungen, von Descartes das Trägheitsprinzip – sowie zeitgenössischer Wissenschaftler in sorgfältigster Koordination  mit seinen  eigenen Erkenntnissen  und  Denkprozessen verbinden  konnte. Dabei war er eigenbrötlerisch  und hoch sensibel.   Noch vor der Geburt hatte er seinen Vater verloren, war während vier Jahren allein  mit seiner Mutter und nach deren zweiten  Heirat mit seiner Grossmutter aufgewachsen,  in einer Kleinstadt im  ländlichen  Umfeld seines Vaterhauses zur Schule gegangen,  dann neun Jahre später,  nach dem Tod des Stiefvaters,  hatte er wieder mit der Mutter und deren Tochter aus zweiter Ehe, seiner Halbschwester, zusammen gelebt, vom achtzehnten Altersjahr an als Student im streng religiös-anglikanischen Trinity College in Cambridge. Seit frühester Jugend beschäftigte ihn  die Theorie der Gravitation, faszinierten ihn die Infinitesimalrechnung und die Theorie des Lichts,  der Spektralfarben  und deren Brechungen. Mit dreiundzwanzig Jahren, 1665,  kurz nach Abschluss des Studiums in Theologie und Mathematik,  kehrte er ins Elternhaus nach Wollsthorpe zurück, da das College infolge der grossen  Pest geschlossen werden  musste. Allein vertiefte er sich weiter in die  Fragen der Optik und des Lichts, der Algebra, die ihn zu den Gesetzen der  Infinitesimalrechnung lenkten,  und der Mechanik,  die allmählich zur Erkenntnis der Gravitationsgesetzte führte.

Als 1667 das Trinity College wieder geöffnet wurde, wurde  Newton  Mitglied  einer anglikanischen Widerstandgruppe, die sich gegen den Willen von König James II, der katholisch war, zur Wehr setzte  und verhindern  konnte, dass das College der Macht des Vatikans  unterstellt wurde.  Gleichzeitig legte er die erste Fassung  seiner Abhandlung über die  lnfinitesimalrechnung vor – De Analysi per Aequationes Numeri Terminorum lnfinitas , die sofort eine hohe Anerkennung bewirkte und ihm  einen  Lehrstuhl  in  Mathematik ermöglichte, zwei Jahre später noch einen  in Optik. Schon seit längerer Zeit befasste er sich selber mit der Herstellung optischer Geräte.1672 stellte er der Royal Society ein Spiegelteleskop vor, zusammen mit seiner Schrift The New Theory about Light.  Der damalige Sekretär der Royal Society,  Henry Oldenburg, der,  ursprünglich  aus  Bremen,  mit allen grossen Gelehrten seiner Zeit in  Korrespondenz stand – u. a.  mit Baruch de Spinoza,  mit John locke,  mit Christiaan  Huygens,  insbesondere mit Robert Boyle,  dem Naturphilosophen, Chemiker und Physiker, der Oldenburg seinen Sohn zur Erziehung anvertraute, er mass Newtons Schrift einen  hohen  Wert bei.

Völlig  unbegründet  – oder eventuell  aus Eifersucht oder Neid -, wurde Newton von Robert Hook angegriffen, der ebenfalls als Mathematiker in der Royal Society eine bedeutende Stellung einnahm  und der ihm  die Autorschaft abspenstig machte. Newton  ertrug Querelen und Angriffe schlecht, er reagierte darauf mit schneller Verbitterung.   Fünfzehn Jahre später, 1687,  als Newton auf Drängen der Royal Society sein Hauptwerk veröffentlichte, die Philosophiae naturalis Principia Mathematica,  und  darin seine Gesetze der Bewegung und der Schwerkraft  der Gravitation erläuterte und als Wissenschaftler weltweit eine grosse Anerkennung fand, klagte Hook ihn erneut an, ihm die Idee gestohlen zu haben, dass die Schwerkraft mit dern Quadrat der Entfernung abnehme.  Es erstaunt nicht, dass Newton die Veröffentlichung des Briefs an Oldenburg, in welchem  die Erkenntnisse der Spektralanalyse dargestellt worden waren, erst 1704,  nach Robert Hookes Tod, zulassen wollte49.

Vorausgegangen war 1684, quasi  als Entwurf, die Veröffentlichung einer ersten  Erläuterung der Bewegungsgesetze unter dem Titel De Motu Corporum in Gyrum,  mit welcher Newton nach sechs Jahren völligen  Rückzugs in die Fragen der Mechanik zurückgekehrt war.  Einen wichtigen  Einfluss auf die Veröffentlichung hatte Edmond  Halley (1656 -1742), der Newton in  Cambridge aufgesucht hatte,  um mehr Klarheit über die  Richtigkeit der Kepler’schen Gesetze zu finden, nachdem ein Gespräch  mit Hooke die Unklarheiten verstärkt hatte.  Halley war damals Sekretär der Royal Society und versprach  Newton  eine finanzielle  Unterstützung für die Publikation.  Doch  nicht die Royal Society, die knausrig war, bot dafür die  Mittel an, und so  realisierte Halley das Versprechen, das er gegenüber Newton  abgegeben hatte, aus eigener Tasche und  kam deshalb  in finanzielle Schwierigkeiten.  Doch sein  Bedürfnis, die Gesetze des Kosmos zu verstehen  und sein Talent in schwierigen Situationen zu vermitteln war von überzeugender Wirkung (s. später mehr).

Newton  hatte  mehrere schwer belastende Erfahrungen gemacht, die den Rückzug von sechs Jahren  bewirkt hatten.  Erst war er wegen  elner theologischen Arbeit über die Dreifaltigkeitslehre, die er als häretische  Erfindung aus dem 4. Jahrhundert belegte,  in heftigen  Dissens mit den Vorgesetzten  der anglikanischen  Kirche geraten, darauf wurde er in einen Streit mit englischen Theologen  in den Niederlanden verwickelt, schliesslich starb noch seine  Mutter.  Er konnte die Geschehnisse weder ertragen  noch verarbeiten  und wurde depressiv. In  dieser Zeit befasste er sich  praktisch nur noch  mit Fragen der Alchemie und Astrologie, dieser geheimen  Sparte ältester Naturphilosophie, in welcher die Kräfte des Kosmos und  deren  Einfluss auf die Metalle und auf das Verhalten der Menschen  im Mittelpunkt standen.  Die Aufzeichnungen, die  Newton dazu machte, blieben geheim, wurden von ihm selber und später von der Tochter seiner Halbschwester,  Catherine  Barton (1679 -1739), verborgen gehalten, die in  der letzten  Phase seines Leben  bei ihm wohnte, sich  um ihn sorgte, die er adoptierte und der er seinen ganzen Nachlass überliess.  Fragen über Immaterielle Anziehungskräfte im  Licht, über mechanische Kräfte,  die durch den Äther wirken, somit über den Einfluss der Gesetze der Schwerkraft auf den Menschen  und  vieles mehr waren für ihn von ähnlich  brennender Bedeutung wie die mathematisch wissenschaftlichen.  Doch sie gehörten zur Geheimlehre, die er in den Tagen und Nächten seiner Abwesenheit von der Öffentlichkeit vertiefte und die unbekannt blieben,  bis sie 1936 bei Sotheby in  London versteigert wurden  und in den Besitz von John  Maynard  Keynes kamen,  der sie wiederum  dem King’s College vermachte.

Freundschaften waren für Isaac Newton von zentralem Wert, der Verlust einer Freundschaft eine Erschütterung.  Ein Beispiel findet sich  in der Verbindung zum zwanzig Jahre jüngeren Nicolas Fatio de Duillier (1664-1753) aus Basel, der ebenfalls ein bedeutender Mathematiker war,  mit achtzehn Jahren  in Paris in  Cassini’s Observatorium  mitzuarbeiten begann,  anschliesssend nach England ging, mit Huygens in Zusammenhang der Infinitesimalrechnungen  in  engem Briefkontakt stand  und  in Cambridge Isaac Newton kennen  lernte. Fatio’s Vortrag vor der Royal Society über eine Verbindung zwischen der mechanischen Gravitationslehre Huygens und dem Gravitationsgesetz  Newtons erregte grosses Aufsehen, war jedoch  unabgeschlossen und  beschäftigte  Fatio bis zu dessen Lebensende.  Erst 1748 griff Georges-Louis Le Sage sie wieder auf und veröffentlichte sie in Verbindung mit seiner eigenen Arbeit zur kinetischen  Energie von Gasen.

Nicolas Fatio weckte viel Beachtung,  und entsprechend wurde er 1688 zum  Mitglied der Royal Society ernannt.  Er stand mit zahlreichen  Denkern  und Wissenschaftlern  im Austausch, doch  mit Newton verband  ihn  eine besondere  Nähe. Als   er 1694 mit Leibnitz eine Korrespondenz  begann und sich von Newton  mehr und  mehr zurückzog,  konnte dieser sich in seinem  Gefühl des Verlustes kaum fassen, er war verzweifelt und  brauchte die Unterstützung durch andere Freunde, durch John  Locke wie durch Samuel  Pepys, den Dichter und Politiker, die beide Teile der sich von einander lösenden  Beziehung gut kannten und Newton stützten.  Einige Jahre später,  im Streit zwischen  Leibnitz und Newton um die Urheberschaft der lnfinitesimalrechnung, bekannte sich Fatio zu Newton und liess deutlich verstehen, dass er Leibnitz bezichtigte, sich des geistigen  Eigentums des anderen  bemächtig zu  haben.

Newtons Bedeutung wuchs  nicht nur im  Kreis der Naturphilosophie an  sondern auch im schwierigen  politischen  Milieu der damaligen englischen  Gesellschaft. 1696 wurde er zum Master und Wächter der Münzprägestätte ernannt, vermutlich auf Empfehlung von  Charles Montagu, der später zum  1.  Earl of Halifax ernannt wurde, auch er ein etwa zwanzig Jahre jüngerer Freund aus der Zeit in  Cambridge.  Newton, der mit diesem Amt seine Professur aufgab, übernahm gewissermassen die Verantwortung der compliance für die Herstellung von Gold- und Silbermünzen, eine Aufgabe, die er sehr ernst nahm. Jede Art von Täuschung oder Betrug erachtete er als unannehmbar.  Gleichzeitig stand  ihm  nun ein hohes  Einkommen zu und er konnte ein stattliches  Haus mit eigenem  kleinem  Observatorium  in London  beziehen.  Ab dann ungefähr wohnte Catherine  Barton, seine  Halbnichte bei ihm, die durch  ihren  Charme,  ihre Bildung und  ihre Eigenwilligkeit beeindruckte und die aufs vortrefflichste sein öffentlich  bekanntes und sein verborgenes Eigentum verwaltete.

Merkwürdig mutet an, dass eine andere Querele um die Urheberschaft von Ideen  und Erkenntnissen zu  Ungunsten von Newton entschieden wurde.  Dabei ging es um die Forschungsergebnisse des etwa gleichaltrigen John  Flamsteed. des königlichen Hofastronomen, dessen wichtigste Untersuchungen zur Zeitungleichheit De inaequilitate dierum solarium dissertatio astronomica 672 publiziert worden waren,  nachdem  er an die 3000 Planeten, Sterne und Monde untersucht, registriert und zu einem Sternenkatalog zusammengetragen  hatte.  Die Zeitungleichheit, die er aufs sorgfältigste errechnen konnte, beruht auf der durch  die elliptische  Bahn  bedingten,  leicht ungleichen  Geschwindigkeit der Erdbewegung um die Sonne, ferner auf der Tatsache,  dass die  Erdachse nicht senkrecht zur Bahnebene der Erde steht.  Gegenüber den Fixsternen wirkt sich die Erdachse stets gleich aus, gegenüber der Sonne zeigen sich  Ungleichheiten.  Diese Tatsache erklärt, dass wir hier in Mitteleuropa im Dezember die Zeit der dunklenTage und langen  Nächte erleben, da die nördliche Halbachse der Erde von der Sonne weg geneigt ist, während wir im Juni, wenn unsere  Erdseite der Sonne zugeneigt ist, die langen,  hellen Tage und kurzen  Nächte geniessen,  Newton  hatte in  den Principia mathematica einzelne Ideen von Flamsteed übernommen, ohne  seine Autorschaft anzugeben. Als dieser deswegen eine Klage gegen  ihn erhob, gab ihm das Gericht recht. Auch diese belastende Tatsache ertrug er schlecht,  nicht dass er deswegen  depressiv geworden wäre, sondern wütend. John  Flarnsteed  hatte wie Robert Hooke zu den Kollegen gehört,  mit dem er während Jahren  in  Fragen  der Mechanik – zum Beispiel  in Zusammenhang der Kepler’schen Gesetze – eng zusammengearbeitet hatte. Als 1713 eine neu überarbeitete, zweite Ausgabe der Principia mathematica erschien, bestand die  Rache in der völligen Tilgung von Harnsteed’s  Namen.  Es gab Harnsteed als Forscher nicht mehr, wenigstens nicht mehr in  Newton’s Werk.

Andere Namen, die für Newton von  Bedeutung waren, blieben in seinem grossen Werk erwähnt, so  – unter anderen – der gut zwanzig Jahre ältere Jean  Picard (1620 – 1682), der sehr jung  starb und dessen Erkenntnisse er zur Überprüfung und Vergewisserung der Gravitationstheorie brauchte.  Picard  hatte das Fadenmikroskop als astronomisches Messgerät eingeführt, er hatte die  Länge eines Grades eines Meridianbogens bestimmt und mittels ungezählter Messungen von verschiedenen  Orten aus zum Zenit, d. h. zum genauen Punkt über dem Beobachter als Verlängerung des örtlichen Gravitationsvektors, die Grösse der Erde berechnet. Auch hatte er als erster ein „astronomisches Jahrbuch” geführt und  dieses 1679 unter dem Titel   Connaissance des temps veröffentlicht.  Auch der zwölf Jahre ältere Geophysiker Jean  Richer (1630 -1696) wurde in seiner Bedeutung anerkannt, der mit Cassini zusammen am Observatorium  in  Paris gearbeitete hatte und sich  nach  Cayenne  – Französisch-Guinea – begeben  hatte, wo er zwischen  1671 und 1673 unter anderem  den Umlauf des Mars um die Sonne beobachtete und dabei die Ergebnisse des Perigäms, d.h. des geringsten Abstands zur  Erde, mit jenen  von Cassini verglich. Auch er bestimmte die Länge eines Gradbogens eines Meridians und konnte erkennen, dass die Erde an den Polen abgeplattet ist. Seine Erkenntnis, dass ein Sekundenpendel  in Äquatornähe kürzer sein  muss als in  Paris, weil  die Entfernung von Cayenne zum  Erdmittelpunkt grösser ist als jene  von Paris,  bedeutete für Newton – wie auch für Huygens – eine Bestätigung ihrer theoretischen Vermutung.

Die unerfreuliche  Geschichte  um  Flamsteed  konnte nicht verhindern, dass Newton  in gesellschaftlicher Hinsicht weitere Ehrungen erhielt.  Er wurde 1703 von der Royal Society zum  Präsidenten gewählt, auf Lebenszeit,  und zwei Jahre späte    1705 von  Königin Anne zum Ritter gekürt. So wurde er Sir Isaac Newton. Doch  nicht dieser Ehrungen wegen  nimmt er in der Geschichte einen grossen  Platz ein, nein.  Er hatte mit seiner Philosophiae Naturalis Principia mathematica von 1687 eine Verknüpfung aller vorangegangenen wichtigen Erkenntnisse zustande gebracht, die er selber erweiterte und verfeinerte,  bis er schliesslich zu einer Formel kam, die „letztlich alle drei  Kepler’schen Gesetze in sich vereinte und darüber hinaus möglicherweise so ziemlich  alles im Weltall  dazu: Jedes Objekt zieht jedes andere Objekt mit einer Kraft an, die umgekehrt proportional ist zum Quadrat der Entfernung. “50

Gemäss  Richard  Panek war diese Formel „ein  Gedankensprung von hohem  ästhetischem Reiz”,  über den sowohl Künstler als auch Astronomen staunen  konnten  und der ohne  ihre gemeinsamen vorangegangenen Anstrengungen zur Erweiterung der Perspektive  nicht denkbar gewesen  wäre.  Die Erweiterung der Perspektive durch Newton ermöglichte den definitiven Abschied von der arlstotsllschen  Physik.  Es gab dagegen Bedenken.und Widerstände,  doch junge  Wissenschaftler waren dafür Feuer und  Flamme, wie  Roger Cotes, (1682 -1716), ein Mathematiker, der mit knapp vierundzwanzig  Jahren  in Cambridge am Trinity College  Professor in Astronomie wurde,  Newtons Nachfolger, und  der mit kaum vierunddreissig Jahren  an  einem  plötzlichen  Fieber starb.  Cotes schrieb  in  der 17i3 erfolgten 2. Auflage der Principia mathematica das Vorwort und stellte die rhetorische Frage, ob jemand daran zweifeln  könne, dass die Schwerkraft, die  Ursache des Fallens eines Steines in Europa sei, doch ob dies auch  noch in Amerika gelte? Wenn  die gleiche Tatsache aber für den einen wie für den anderen  Kontinentgelte, gelte sie auch für andere Welten.  Der Grund sei derselbe wie für die Tatsache, dass der Mond der Erde folge und die  Erde der Sonne: die Schwerkraft.

Newton  konnte nicht sagen, was Schwerkraft tatsächlich ist.  Er nannte sie ‘Fernwirkung’ – ,action at a distance’, und er blieb  bei dieser Erklärung, selbst wenn  Kollegen  ihn deswegen verspotteten. Seine Antwort war, dass er nicht daran zweifelte, da er den mathematischen Beweis erbringen  konnte.  Dass die Natur selber den Beweis erbrachte, dass die Erde sich drehte, dass ihre  Bahnen  berechenbar und die  Berechnungen  überprüfbar waren. ,,Die Schwerkraft muss durch ein Agens verursacht werden, das ständig wirksam  ist und gewissen Gesetzen  unterliegt.  Doch ob dieses Agens materiell oder immateriell sei,  muss ich der Einschätzung meiner Leser überlassen. “51  Auf jeden  Fall gab es für ihn  keinen  Zweifel an der Tatsache, dass „das  kopernikanische System der Planentenstände sich  als eine riesige Maschine herausstellte, die nach mechanischen Gesetzen funktioniert,  die hier zum  ersten Mal verstanden  und erklärt werden.”52

Wie entwickelte sich  mit der neuen  Kenntnis der Gravitationsgesetze, mit der zusätzlichen Präzision  im  Beobachten  und im  Berechnen der Himmelskörper der Erkenntnishunger weiter? Unendlich vieles stand  noch bevor, wurde doch die Unendlichkeit des Universums und das Staunen  über die Unendlichkeit des Nichtwissens mehr und mehr bewusst. Auf einzelne  wenige weitere Schritte werde ich  mich  beschränken  müssen.

Newton’s Formel diente im  18. und  19. Jahrhundert generell, um Zahlenwerte aus teleskopischen Beobachtungen einsetzen zu  können,  um mit grosser Genauigkeit die Bewegung von Himmelskörpern vorherzusagen oder zu  erklären. Selbst wenn – scheinbar – Widersprüche auftauchten, zum  Beispiel  Unregelmässigkeiten  in den Umlaufbahnen von Jupiter und Saturn, erwies sich  später, dass die Berechnungen  ungenau  waren  und dass das Gesetz stimmte. ,,So geschah es mit Newtons brillanter Entdeckung”, schrieb der französische Mathematiker Pierre Simon de Laplace (1749 – 1827), ,,dass jede  auftauchende Schwierigkeit schliesslich zu einem neuen Triumph führte, ein sicheres Zeichen, dass es sich hier um das wahre System  der Natur handelt.”53  Laplace, der mitten  in den Wirren der Französischen  Revolution  und später der Napoleonischen  Herrschaft seine mathematischen und astronomischen Studien fortsetzen  und  ab  1799  in  mehreren Bänden Le Traité de mécanique céleste Die Abhandlung über die Himmelsmechanik veröffentlichen  konnte, hatte Newtons Theorie aufs genaueste überprüft,  indem er die Umlaufbewegungen  aller – ungefähr dreissig – damals  bekannten Objekte im Sonnensystem  mittels der Newton’schen Gesetze nochmals berechnete, “unter Berücksichtigung der berechenbaren Auswirkungen jedes Objekts auf jedes andere und umgekehrt, alles in allem ein wirbelndes Wechselspiel gegenseitiger Anziehungen. Wie ein neugieriges Kind, das einen Wecker auseinandernimmt, konnte auch  Laplace nicht die kleinste Schraube oder Sprungfeder auslassen, als er seine Himmelsmechanik wieder zusammensetzte.  Irgendwie gelang ihm dies schliesslich sogar.”

Richard Panek hält zu Recht fest, dass an Stelle der biblischen Schöpfungsordnung nicht die Anarchie eingetreten war, wie die religiösen Gegner des Kopernikanischen Systems befürchtet hatten, sondern dass die Erkenntnis einer anderen Ordnung ermöglicht wurde: das Universum  der Geometrie und der Physik, ,,ein paar einfache  Regeln, die die Bewegung eines jeden Rädchens im  Uhrwerk des Kosmos vorhersagen  und erklären  konnten, ein einziges Gesetz, das alle physikalischen Geschehen  beherrschte von Stund an  bis in  Ewigkeit, bis zum  Ende des Universums.” Doch  eben, wo war das Ende des Universums?

Es war Wilhelm (William) Herschel (1738 -1822), ein Zeitgenosse von Laplace, der es wagte, sich die Frage wirklich zu stellen.  Gewiss war er nicht der einzige, doch er suchte die  Frage zu beantworten. Konnte das Sonnensystem überschritten werden? Eigentlich war Herrschel ein Musiker, ein Oboist, dessen Vater Isaac schon ein Musiker gewesen war. Anlässlich  der 1757 im Siebenjährigen  Krieg erfolgten  Besetzung Hannovers durch die französischen Truppen konnte er nach  England fliehen  und an verschiedenen  Orten  als Musiklehrer, als Organist und als Komponist wirken. Zunehmend  beschäftigte ihn  das mathematische Ordnungssystem der Musik,  er vertiefte sich  in  Mathematik und schliesslich  in Astronomie, ins Ordnungssystem  des Alls, insbesondere in  die noch ungelösten  Fragen  der Fixsterne. Dabei  erkannte er,  dass das zweidimensionale System  nicht genügte, um in  die Tiefe des Alls vorzudringen, dass es eine dritte Dimension brauchte, um für die Position jedes Himmelskörpers sowohl die Länge (length oder longitude)   die Breite (breadth  oder latitude) und die Tiefe (depth  oder profundity) erfassen  zu  können.  Doch dazu fehlten die                  Instrumente. Selbst mit den besten Teleskopen  war es nicht möglich, die Parallaxe eines einzelnen  Sterns unter den Fixsternen zu  messen. Die Distanz zwischen  Erde und  Fixsternen musste unsagbar riesig sein.  Im Vergleich damit war jene  zwischen  Erde und Sonne winzig, obwohl schon damals  angenommen wurde, sie betrage  (gemäss der astromischen Einheit AE) mindestens 270 Millionen km (heute 299,4 km). Wie erklärte sich, dass die Sterne trotz der unsagbar riesigen Distanz noch so hell leuchteten, fragte sich  Herschel. Allmählich wurde  klar, dass es noch unzählige Sonnen  mit je eigenem  Planetensystem geben  musste, dass diese weit entfernten Sterne gar nicht „fix” waren.  Es war Edmond  Halley gewesen,  der dazu einen wichtigen  Beitrag geleistet hatte,  als er 1718 bekanntgab, er habe zwar keine Parallaxe, wohl aber eine Positionsveränderung eines Sterns festgestellt, die nicht durch die Bewegung der Erde verursacht worden sei, sondern  innerhalb des Sternsystems selber. Auch habe er diese Beobachtungsdaten  mit den 1500 Jahre zurückliegenden  ptolemäischen Aufzeichnungen verglichen  und habe eine erstaun liehe  Bestätigung gefunden. Seine Beobachtungen wurden  durch  James  Bradley (1693 -1762)  bestätigt,  der ebenfalls keine Parallaxe feststellen  konnte,  iedoch dank eines verbesserten Gerätes, eines Reflektors resp. eines Spiegelteleskopes. die Entfernung zum nächsten Stern  ausserhalb unseres Sonnensystem auf 400 000 AE berechnen  konnte,  das heisst auf 58 Billionen  km. Die Vorstellung war nicht nachvollziehbar, sie war über wältigend.

William Herschel, in Zusammenarbeit mit seiner Schwester Caroline, die eigentlich Sängerin war und eine bedeutende Astronomin wurde – sie entdeckte in zehn Jahren  acht neue Kometen -, und seinem  Bruder Alexander, verbesserte ebenfalls den Spiegelreflektor für seine  Beobachtungen. Schliesslich verfügte er über ein Instrument, das 6000-fache Vergrösserungen  ermöglichte „Als  ich  begann,  mich  mit Astronomie zu  beschäftigen,”entschloss ich  mich, nichts als gegeben  hinzunehmen, sondern zunächst einmal  mit eigenen Augen alles anzuschauen, was andere vor mir gesehen hatten”55 hatte er festgehalten,  und es gelangen  ihm erstaunliche neue Entdeckungen, so die des Planeten  Uranus, der etwa doppelt so weit von der Sonne entfernt ist wie Saturn, dessen Umlaufbahn  bis zu jenem Zeitpunkt als die äusserste angenommen wurde.  Uranus war quasi ein”Wandelstern”, der zwischen dem schon  bekannten Sonnensystem  und den unbekannten  Himmelskörpern der Milchstrasse eine Vermittlung darstellte. “Um das Planetensystem  (The Heavens) herum gibt es einen  bemerkenswerten  Bereich, der auf Grund seines eigentümlichen Aussehens ,Milchstrasse’ genannt wird.  Früher wurde angenommen, dies rühre von einer grossen Zahl kleinster Sterne her.  Das Teleskop zeigt jedoch, dass es sich wohl anders verhält.  Daher muss das milchige Aussehen eine andere Ursache haben.”56  In einer Notiz hatte Herschel festgehalten, dass er in einer einzigen Beobachtungsperiode von 41 Minuten an  die 258 000 Sterne  habe vorbeiziehen sehen. Als die Fachleute der Royal Society daran zweifelten, packte er sein  Instrument sogfältig ein und führte es dem Hofastronomen  Nevil  Maskelyne vor. An seine Schwester schrieb er, sein selber erstelltes Modell werde von Dr. Maskelyne bereits nachgebaut, und an einen Freund: “Ich vermute, es gibt nicht viele Menschen, die je in der Lage wären, mit einem Gerät wie meinem mit einer 6450-fachen Vergrösserung einen neuen Stern zu entdecken, geschweige denn, hätten sie ihn entdeckt, auch festzuhalten. Auch das Sehen ist in gewissem Sinn eine Kunst, die erlernt werden muss. Jemandem beizubringen, bei einer solchen Vergrösserung etwas zu erkennen,  ist das das gleiche, wie jemandem  das Spielen  einer Händel-Fuge auf der Orgel beizubringen.  Ich habe das Beobachten in vielen Nächten erlernt,  und es wäre verwunderlich, wenn jemand  durch eine so lange Praxis nicht eine gewisse Geschicklichkeit erwerben würde.”57

Nicht die Verbesserung der quantitativen  Messungen war in erster Linie Herschels Ziel, sondern die Erweiterung des Blicks in die dritte Dimension des Alls, in die Tiefen des Raums. Gegen  Ende seines Lebens erkannte er eine weitere Konsequenz seines Strebens nach Wissen. “Wenn  Licht 9,4 Billionen  Kilometer pro Jahr zurücklegt, während die nächsten Sterne einige Dutzend  Billionen  Kilometer entfernt sind  und seine Instrumente in der Lage waren,  Licht von Tausende Male entfernten Sternen aufzunehmen, dann war eine merkwürdige Schlussfolgerung unvermeidlich: ,Ein Teleskop, das in die Tiefen des Alls vorstossen  kann’,  hielt er fest, ,kann damit, wie man sagen  könnte, auch  in die Vergangenheit blicken’.”58  Seine Arbeit hatte ihn buchstäblich in die dritte Dimension versetzt und hatte Raum  und Zeit entschlüsselt, und trotzdem blieb die Frage der Sternenparallaxe ungelöst, geschweige jene vom Rand des Universums.  Die Forschungsarbeit erwies sich als unabschliessbar.

*

John  Herschel, William  Herschels Sohn, auch er zugleich  Musiker und Astronom, hatte das Teleskop seines Vaters demontiert und als einer der ersten eine neue optische und chemische Methode entwickelt: jene der Fotografie.  Einern amerikanischen Chemiker, Henry Draper, gelang 1840 die erste Daguerreotypie des Mondes. In den nächsten Jahren  und Jahrzehnten verfeinerten  und verstärkten sich die Aufnahmen.  1882 gelang es David Gill, königlicher Astronom  im Observatorium am Cap der Guten  Hoffnung, die Aufnahme eines Kometen zu machen, gleichzeitig einer Unzahl von Sternen.  Darauf arbeitete er während fünf Jahren daran, die ganze südliche Hemisphäre zu fotografieren,  indem er sie in 612 Felder einteilte und jedes davon eine halbe bis eine Stunde belichtete. So kam ein Katalog zustande mit 454 875 Sternen. Wenige Jahre später, 1888, konnte der britische Astronom Isaac Roberts nach drei Stunden  Belichtungsdauer die Aufnahme des Andromeda-Nebels zustande bringen und beweisen, dass es sich um einen Spiralnebel handelt.  Etwa gleichzeitig entstanden mittels eines fotografischen Teleskops der französischen  Forscher Paul und  Prosper Henri, zwei Brüdern, Aufnahmen der Plejaden, auf denen 2326 Sterne sichtbar waren.  Im Jahr 1900 kam James Keeler, der das kalifornische Liek Observatory leitete, mit seinem 36-Zoll-Reflektor zu einem  Ergebnis von etwa  120 000 Nebeln unterschiedlichster Grössen.  Das Teleskop war durch die Kamera  übertroffen worden.

Ein weiteres Instrument kam hinzu, das Spektroskop, das die chemischen und mineralogischen Strukturen der Sterne klärte, nachdem der französische Philosoph Auguste Comte diese Möglichkeit völlig in  Frage gestellt hatte und so die Sinnlosigkeit von Forschungsaufgaben ausserhalb des Sonnensystems, im  Bereich der Sterne, betonen wollte. Doch 1859, zwei Jahre nach seinem Tod, benutzten zwei  Physiker das Spektroskop,  um die chemischen Zusammensetzung der Sonne zu untersuchen, und die Forschungsarbeiten  in diesem  Bereich setzten sich fort.  Die erste Erkenntnis dieses Instruments gelang 1815 Joseph Fraunhofer, einem Glasschleifer und Spiegelmacher, der später zu einem  bedeutenden Physiker wurde. Er wollte ein Experiment von Newton überprüfen und  liess einen Sonnenstrahl durch ein Prisma fallen, indem er ihn zuerst durch ein Teleskop leitete.  Dabei ergab sich aber nicht das Farbenspektrum von Violett bis Rot, wie Newton es kannte, sondern eine unzählbare Anzahl breiter und dünner vertikaler Linien.  Fraunhofer begann sie zu zählen und zu vermessen und gelangte auf 500 Linien allein im Sonnenspektrum.  Es brauchte wieder einige Jahre, bis 1859 zwei deutsche Chemiker, Robert Wilhelm  Bunsen und Gustav Robert Kirchhoff, erkannten, dass die Linien durch die chemische Zusammensetzung der Stoffe entstanden, durch die das Licht ausging. Jede Substanz hat ihr eigenes Muster, und da jedem Muster eine Verbindung zugeordnet werden kann, stand die Erkenntnismöglichkeit der chemischen Zusammensetzung der Himmelskörper nah.

Es war William  Huggins, ein britischer Astronom, der 1863 begann, mit seinem Spektroskop Nebel im All zu untersuchen. Am 29. August 1864 ging es um einen Nebel im Sternbild des Drachen.  Doch  es ergab sich  kein Spektrum, wie er es erwartete, sondern eine einzige, leuchtende Linie.  Er war verblüfft, überprüfte die Apparaturen und kam zur Erkenntnis, dass es sich  nicht um einen Sternhaufen  handelte, sondern um Gas. Huggins untersuchte in den nächsten Jahren weitere sechzig Nebel  und kam zur Erkenntnis, dass ein Drittel davon auf leuchtendes Gas schliessen liess.  Mit der Spektralanalyse begann ein neuer Wissenschaftszweig Fuss zu fassen, die Astrophysik, die gleichzeitig die Neue Astronomie einleitete.  Die beiden neuen  Untersuchungsmethoden der Fotografie und der Spektroskopie ergänzten sich, und so kam es, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Observatorien wie Laboratorien aussahen, wie Huggins festhielt: ,,Das charakteristische Spektrum irdischen Sauerstoffs war identisch mit dem von Sternenlicht”, schrieb er. ,,Ähnlich verhielt es sich  mit den Spektren von Eisen. Auch Natrium, das auf der Erde überall vorkommt, ist offenbar im Kosmos verbreitet.  ( … )  Primitive Batterien, die stark schädliche Gase ausströmten, wurden vor dem  Fenster im  Freien aufgestellt.  Eine grosse Induktionsspule war mit einer Reihe Leidener Flaschen auf einem fahrbaren Gestell montiert, damit sie die Bewegungen des Okulars verfolgen  konnte.  Regale mit Bunsenbrennern, Vakuumröhren und Chemikalienflaschen, insbesondere Proben reiner Metalle, standen entlang der Wände. Das Observatorium wurde zu einem Ort, wo die irdische Chemie und die Chemie des Weltalls in direkten  Kontakt traten.”59

Die Neue Astronomie berief sich zunehmend auf neue, exaktere Techniken  im Aufnehmen und Wiedergeben von Bildern. George Ellery Haie (1868 -1938) aus Chicago, der sich  noch als Student für die Herstellung eines Spektroheligrafen einsetzte,  um die Chromosphäre resp. die meist auch Wasserstoff und  Helium  bestehende Gasschicht in der Atmosphäre der Sonne untersuchen zu  können, der später sich  um den Bau  und Ausbau hervorragender Observatorien in Chicago, in Passadena und auf dem Palemar Mountain bemühte, die dank riesiger Spendensummen amerikanischer Industriellen-Milliardäre zustande kamen, er wurde psychisch zunehmend belastet und war immer wieder schubweise krank.  Für die Sponsoren der grossen Forschungsanlagen war die Gegenleistung, dass ihr Name zum Namen des Observatoriums wurde, wie z. B. das  Yerkes Observatorium in Chicago, das durch die Spende von Charles T. Yerkes, einem Massentransport-Mogul, zustande kam, oder das Liek Observatorium in  Kalifornien, das von James Liek, einem erfolgreichen  Pianobauer, finanziert worden war.  Ebenso leistete der Stahlindustrielle Andrew Carnegie auf Anfrage von Haie die nötige Unterstützung für ein riesiges Spiegelteleskop auf Mount Wilson, das Jahre brauchte, bis es genutzt werden konnte.

In der enthusiastischen Welle jener Zeit konnte nicht erahnt werden, welche Wahrheiten “ans Licht” kämen, wie Haie als Zielsetzung formulierte. Es stand vieles bevor. 1917 vertrat Heber Doust Curtis seine These der “Welteninseln” resp. der Galaxien in grösserer Menge, während   Harlow Shapely die Milchstrasse in ihrem enormen  Umfang von etwa 3’000 Millionen Sternen,  Planeten, Gasnebeln und weiteren Objekten als die einzige Galaxie verstand. Curtis hatte am  Liek Observatorium in  Kalifornien  bei der Untersuchung von Spiralnebel-Aufnahmen 11unterhalb des Zentrums einen dunkeln Streifen” festgestellt, “ein dünnes Band  lichtschluckender Materie, eine Art kosmischen Staubs”,  Er stellte Fragen betreffend der Milchstrasse, die eventuell auch ein Spiralnebel sein könnte, betreffend neuer Sterne – Novae – die jedoch nicht die Grösse der Andromeda-Nova von 1885 erreichten.  Edwin  Hubble vom Mount-Wilson Observatorium  entschied die Auseinandersetzung  zu Gunsten von Curtis.  Er hatte insbesondere die Cepheiden untersucht, Sterne mit regelmässigen Lichtschwankungen, und in diesem Zusammenhang konnte er im Andromeda-Nebel eine Entdeckung machen, für deren Bestätigung er ein weiteres Jahr brauchte. Doch 1924 konnte er sein Schätzung veröffentlichen: dass  sich der Andromeda-Nebel eine Million  Lichtjahre von der Erde entfernt befindet, in einer riesigen Entfernung von den weitest entfernten  Bereichen der Milchstrasse.  Die Ausdehnung des Universums war damit durch experimentelle Beobachtung bestätigt. Auf rein mathematischem Weg hatte Albert Einstein (1879-1955) Jahre zuvor, um  1912 herum, in Zusammenhang seiner Ausarbeitung der Allgemeinen  Relativitätstheorie die Ausdehnung des Universums festgestellt, doch diese Tatsache erschien im unvorstellbar.  Er wollte sie nicht annehmen.  Und so erdachte er sich  1917 einen “Phantom-Faktor”,  eine “Kosmologlsche  Konstante”, damit das Universum  in seinen Gleichungen stabil bliebe, obwohl  er aus mathematischer Sicht einsehen musste, dass dies unmöglich war.

Einstein hatte mehrmals grosse Bewunderung für Kepler geäussert.  So viel Erfindungskraft und  unermüdlich  harte Arbeit sei nötig gewesen, um die drei Gesetze herauszufinden und mit grosser Präzision sicherzustellen. Verhielt es sich  bei ihm nicht ähnlich? Verzweifelte er nicht immer wieder an den kaum zu bewältigenden  mathematischen Problemen der Allgemeinen  Realitivitätstheorie, seinem grössten  Projekt? Hätte ihn  1912 nicht Marcel Grossmann unterstützt, mit einer neuen Geometrie für Aufgaben in vierdimensionalen Räumen eine Lösung zu finden, dieser Freund aus der Studienzeit, der stets ein nächster Freund blieb, so wichtige Erkenntnisprozesse wären  möglicherweise auf halbem Weg vor übermächtigen Hürden zusammengebrochen.  Immer wieder stand ihm Grossmann  bei, auch im Entwurf einer verallgemeinerten Relativitätstheorie und einer Theorie der Gravitation von 1913, in welchem  Einstein für den physikalischen und Grossmann  für den mathematischen Teil zeichnete.  Max Planck dagegen riet ihm als alter Freund ab, auf seinen Plänen zu beharren, weil er einerseits damit nicht durchkommen werde, und, falls er durchkomme, damit niemanden überzeugen könne.  Möglicherweise ist es  tatsächlich „heroisch und ziemlich hoffnungslos, einer Art Weltformel nachzujagen, doch Fachkollegen überzeugen zu wollen,  dass diese Formel richtig ist, erweist sich als noch hoffnungsloser und heroischer. Warum soll man eine neuen mathematische Sprache wie die Kepler’schen Ellipsen oder Einsteins Tensoren60 in die Physik aufnehmen? Nur weil sich damit die Bewegungen der Himmelskörper in einer kompakteren  Form darstellen  lassen?61  Doch trotz aller Erwartungen wurde Einsteins Allgemeine  Relativitätstheorie in  Fachkreisen  mit grossen Interesse aufgenommen, nicht zuletzt weil 1919, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, Arthur Eddington, ebenfalls Astrophysiker und  ungefähr gleich alt wie Einstein, zwei Forschungsexpeditionen zusammenstellte, um eine Sonnenfinsternis zu beobachten und diese so umfassend wie möglich zu dokumentieren.  Mit den Ergebnissen, die er vorlegen konnte, liess sich beweisen, dass Lichtstrahlen in der Nähe der Sonne tatsächlich gemäss Einsteins Berechnungen auf gekrümmten  Bahnen  laufen. In der Wissenschaftspresse  wurde von einer revolutionären Entdeckung gesprochen.

Mit jeder Erkenntnis und jeder Entdeckung stellten sich neue Fragen und neue Aufgaben. Deren  Klärung und  Umsetzung waren stets beeinflusst durch die grossen gesellschaftlichen und politischen  Bedingungen, die die Forschenden stärkten oder hinderten. Stets ergänzten sich Wahrnehmungen  und Denken. So war es auch im 20. Jahrhundert.  In der Zwischenkriegszeit gelang es Karl Jansky, einem sechsundzwanzig-jährigen Ingenieur, das rätselhafte, stete, leise, zugleich ungleich starke Rauschen erklären  können, das sich Tag für Tag entlang dem Horizont zu bewegen schien, ein anderes Geräusch als das Knistern von Stürmen oder das Knacken der Erdatmosphäre.  Die Bell Telephone Laboratories, die eine Fernsprechanlage über den Atlantik hinweg eingerichtet hatten und durch dieses Rauschen Störungen feststellten, hatten ihm den Auftrag gegeben, die Ursachen zu klären.  Erst vermutete er, es seien elektrische Anlagen, dann möglicherweise die Sonne, doch selbst während der teilweisen   Sonnenfinsternis vom 31. August 1932 hielt das Rauschen an, doch es erfolgte in einem bestimmten Zyklus, der durch eine Bewegung gesteuert schien. Jansky mass den Zyklus aufs genaueste und kam auf jenen von 23 Stunden und 56 Minuten, den Zyklus des Sternentags, nicht des Sonnentags. Auch war das Rauschen am stärksten  unter dem Sternbild des Schützen, in der Mitte der Milchstrasse zu hören.  Das Rätsel war gelöst, es war das Rauschen der Sterne!  Die Radioquelle war im  Kosmos.

Jansky veröffentlichte seine Entdeckung in zwei Zeitschriften62  und  führte ab 1934 seine Untersuchungen weiter.  Doch das Interesse war damals noch gering.  Der Funke sprang auf einen einzelnen gleichaltrigen  Radioingenieur aus Chicago über, Grate Reber, der im Hinterhof des Hauses, in dem er wohnte, eine kippbare Parabolantenne baute und Nacht für Nacht während sechs Jahren die kosmischen Geräusche aufnahm  und schliesslich  die erste Radiokarte der Milchstrasse zustande brachte.  Im Yerkes Observatorium fand er Interesse, auch nach George Ellery Hale’s Tod im  Februar 1938.  Im Astro-physical Journal konnte er drei sich folgende Artikel unter dem Titel  Cosmic Static veröffentlichen.  Die Entdeckung von Jansky und  Reber wurden in den Jahren des zweiten Weltkriegs mehr und mehr genutzt, um Funkstörungen zu klären, sie gingen auf Grossbritannien  über, wo Bernard  Lovell, auch er ein Ingenieur, das Jodrell Bank Radio-Observatory überzeugen konnte, sich damit zu befassen. Im August 1950 konnten von der Spiralgalaxie M 31 im Andromeda-Nebel Radiosignale aufgenommen werden, aus einer zwei Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie.

Zusätzlich zu den Radiosignalen wurde in  Fortsetzung von Newton,  Herschel und vielen weiteren  Forschern bis zu Haie das Licht mehr und  mehr untersucht, insbesondere die elektromagnetische Strahlung.  Licht und Wärme sind die gleiche Energie, wie schon  Herschel erkannt hatte, als er feststellte, dass verschiedenfarbige Filter unterschiedliche Wärme erzeugten.  Er leitete damals weisses Licht durch ein Prisma, stellte auf dem Farbenspektrum von Violett bis Rot Thermometer auf und konnte am Ende von Violett die niedrigste und am Ende von Rot die höchste Temperatur erkennen. Der um dreissig Jahre jüngere Schlesier Johann Wilhelm  Ritter, der im Milieu der deutschen  Frühromantik zum autodidaktischen Physiker wurde, ergänzte Herschels Erkenntnis, indem er mittels chemischer Reaktionen das Wirken von Strahlung nachweisen  konnte. So wurde gemeinsam die Infrarot- (IR) und die Ultraviolettstrahlung (UV) entdeckt.  Und wenig später,  1802, konnte der etwa gleichaltrige englische Augenarzt Thomas Young feststellen, dass durch unterschiedliche Strahlungen des „sichtbaren  Lichts” die unterschiedlichen  Farbeindrücke im  menschlichen Auge verursacht werden, das empfänglich ist für Wellenlängen zwischen 400 bis 760 Nanometern.  Dass das Licht auch elektromagnetische Strahlung bewirkt, dass noch viel kleinere und grössere Wellenlängen entdeckt würden, erkannte gute sechzig Jahre später der schottische Physiker James Clerc Maxwell.  Und so war es. Entdeckungen und  Erkenntnisse folgten sich, millionenfach grössere Radiowellen und tausend- bis millionenfach  kleinere Wellenlängen, bewirkt durch Röntgen- und Gammastrahlung,  konnten erkannt und, was nicht selbstverständlich war, registriert werden. Doch da die meiste elektromagnetische Strahlung aus dem Weltall – ausser Radiowellen  und durch sichtbares Licht verursachte Strahlung  – die Erdatmosphäre nicht durchdringt,  mussten  Forscher diese verlassen, um  Messungen vornehmen zu können.  1946 konnten die Amerikaner zu diesem Zweck die 25 deutschen V2 Raketen  (Vergeltungswaffe 2) einsetzen, die aus dem KZ Mittelbau Dora63    nach dessen Einnahme durch die US-Armee am  11. April  1945 – zusätzlich zu  Flugbomben Vl, insgesamt etwa  100 Exemplare –  abtransportiert worden waren und nun, ausgerüstet mit Filmen, mit Geigerzähler und anderen Messgeräten, über der Wüste von New Mexico zu Forschungszwecken gebraucht wurden. So wurden  1948 von der Sonne ausgehende Röntgenstrahlen getestet, doch es brauchte zusätzliche Zeit, um mit den  Möglichkeiten der Raumfahrt Röntgenstrahlquellen auch ausserhalb des Sonnensystems nachweisen zu können.  1962 kehrte eine amerikanische Rakete mit Resultaten auf dem Geigerzähler zurück, die 10 Milliarden mal so stark waren wie jene der Sonne.

Die Forschung drängte voran und die Forschungsergebnisse waren erregend.  In den 1960er Jahren wurden im  Bereich der Radiowellen Objekte mit grössten Wellenlängen  und  kleinster Energie entdeckt, die “Pulsare” genannt wurden, ausgebrannte, kollabierte Sterne, die sich Dutzende oder Hunderte mal um ihre eigene Achse drehten.  Es konnten Tausende von kälteren, älteren Sternen entdeckt werden ohne sichtbares Licht, ferner heissere, jüngere, sogar erst entstehende Sterne mit Ultra-Violett-Licht (UV-Licht).  Es konnte festgestellt werden, dass Röntgenstrahlen erst bei sehr hohen Temperaturen von einigen Millionen Grad entstehen, dass Gammastrahlen, die energiereichsten Strahlen, nur durch Kernreaktionen entstehen.

In diesem Zusammenhang auf den Wettbewerb zwischen der ehemaligen Sowjetunion  und den  USA um die Herstellung von Raketen  und Satelliten zu Forschungszwecken einzugehen, würde zusätzliche Zeit beanspruchen, doch während mehr wie zehn Jahren waren die UdSSR ohne Zweifel im Vorsprung.  Eine erste Zusammenarbeit ergab sich auf wissenschaftlicher Ebene  trotz des Kalten  Kriegs schon  1975, als eine amerikanische Apollo-Rakete an die sowjetische Sojus-Kapsel andockte, später, etwa  1995, als ein Space-Shuttler die Mir besuchte. Doch der Wettbewerb, der immer auch eine starke politisch-militärische Komponente hatte, hielt immer an und dehnte sich weiter aus, auch auf China und weitere Staaten.

Seit Hubble 1930 für die durch elektromagnetische Wellen verursachte Rotverschiebung die vorläufigen  Ergebnisse seiner Untersuchungen  mit der Erklärung veröffentlichte, dass eine Galaxis sich umso schneller zu entfernen scheint, je weiter sie entfernt ist, wurde klar, wenngleich  rätselhaft klar, dass das Universum in  Bewegung ist und sich ausdehnt. Daraus ergab sich mit analoger rätselhafter Klarheit, dass etwas, das sich ausdehnt, aus etwas hervorgegangen sein muss. So begannen sich Forscher zunehmend sowohl mit der Ausdehnung wie mit der Entstehung des Universums zu befassen. In den 1950er Jahren kamen drei amerikanische Physiker – George Gamow,  Ralph Alpher und  Robert Herman – durch mathematische Berechnungen im Zurückverfolgen des Ausdehnungsvorgangs des Universums schliesslich auf eine kleine Zusammenballung der Energien  in der Grösse einer Grapefruit.   In Gamow’s Vorstellung handelte es sich in der Folge nicht um eine Explosion, sondern um eine luftballonähnliche Vergrösserung.   Es war ein Konkurrent Gamow’s,  Fred Hoyle, der diesen Ansatz lächerlich  machen wollte oder ihn missverstand, auf jeden Fall bezeichnete er ihn als „Big-Bang-Modell”, als „Urknall”.  Dieser Begriff setzte sich fest und bewegte zahlreiche Mathematiker und  Forscher, die Hypothese näher zu klären.

Wieder waren es zwei Radioingenieure des Bell Laboratoriums in  New Jersey, Arno Penzias und  Robert Wilson, die im Abhören von Satellitenaufnahmen ein merkwürdiges Hintergrundrauschen wahrnahmen.  In Zusammenarbeit mit Robert Dicke von der Universität von Princeton, der sich mit der Hintergrundstrahlung des Urknalls befasste, wurde festgestellt, dass die Resultate der Untersuchung  von Frequenz und  Intensität des Hintergrundrauschens  mit der Temperatur von 3 Kelvin übereinstimmten, die der isotopen Mikrowellenhintergrundstrahlung entsprachen.  Damit konnte die „Urknall”-Theorie experimentell bestätigt werden.  Die Radioastronomie wurde in  ihrer Bedeutung bestärkt.

Gleichzeitig bemühten sich die Astronomen  um bessere Untersuchungsgeräte im  Bereich des sichtbaren  Lichts, um Geräte mit höherem Auflösungsvermögen  und grösserer Lichtstärke. Die Bemühung deckte sich in den 1970er Jahren mit der Entwicklung des Computers.  Die Glasplatten und Filme wurden durch elektronische Bauteile ersetzt, durch lichtempfindliche Halbleiterdetektoren, die die Informationen  gleich in digitaler Form abspeicherten und deren Empfindlichkeit und  Effizienz im Registrieren  um das Vielfache steigerten. Alle Methoden der Verarbeitung und Verbesserung der kompliziertesten Satellitenaufnahmen wurden möglich, zum  Beispiel die Überprüfung der Aufnahme von mehreren tausend Galaxien, die Verschärfung der Bilder der Nebel  etc.  Ebenso konnten  kosmologische Modelle hergestellt werden, zum  Beispiel das Modell  des Big Bang, die Teleskope konnten über den Computerbildschirm, bedient werden, die gesammelten  Daten einfach abgerufen werden und vieles mehr.

Die Daten  häuften sich, erstaunlichste Daten, zum Beispiel über Lichtteleskope von zwei neuen  Uranosmonden, über Radiowellen von Planeten  in anderen Sonnensystemen  und von einer Vielzahl von Super-Nova-Explosionen,  bei welchen unendlich  mehr Energie freigesetzt wird als durch die Sonne, über Röntgenstrahl-Teleskopie von Schwarzen  Löchern in der Milchstrasse, eventuell in jeder Galaxie, über ein Schwarzes Loch in voller Tätigkeit, über Gamma- und Röntgenstrahlen  Belege aus den tiefsten Tiefen des Universums und mehr und mehr. ,,Was für Galilei die Gebirge des Mondes, die Mediceischen  Planeten und Phasen der Venus waren, bedeuteten  Pulsare, Schwarze Löcher und Ausbrüche von Gammastrahlen den Astronomen der 1950er bis 1970er Jahre.  Daran schloss sich  in  beiden  Fällen eine etwas schwierigere quantitative Phase an,  und ebenso wie die Astronomen der zweiten  Hälfte des 17. Jahrhunderts die Entfernungen und Dimensionen des Sonnensystems bestimmt hatten, begannen ihre Nachfolger des 20. Jahrhunderts ihr neuentdecktes Universum zu vermessen. “64

Das Vermessen wurde Aufgabe der Satelliten, doch deren computergesteuerte Überprüfung blieb Aufgabe der Astronomen. Dank der Vermessung durch den Satelliten  Hipparchos zwischen  1989 und  1997 wurde etwas möglich, was als unerreichbar gegolten hatte, nämlich „die Parallaxe für 118’218 Sterne und die Position von 1’058’332 Sternen, dem Dreifachen jedes vorangegangenen Atlas der Milchstrasse.  Untersuchungen der Rotverschiebungen ermittelten Entfernungen zu zunächst Hundertausenden, dann  Hunderten von Millionen einzelner Galaxien, und schliesslich versahen die Forscher das Universum nicht nur mit der Dritten  Dimension, wie es Herschel für unsere Milchstrasse getan hatte, sondern entdeckten auch, dass die Galaxien selbst zu sogenannten Superhaufen mit fast einer Milliarde Lichtjahren Durchmesser gehören, und dass diese Superhaufen sich sogar selbst wieder zu noch grösseren faden- und  mauerartigen zwei- oder dreidimensionalen Strukturen zusammenlagern, die die Vermutung nahelegen, das Universum selbst könnte vielleicht ähnlich aufgebaut sein wie ein Molekül.  Und ein Jahr nachdem das Hubble-Teleskop sein Guckloch ins All gebohrt und die Astronomen die Zahl der Galaxien  auf 50 Milliarden geschätzt hatten, schauten sie sich  ihr Material genauer an  und beschlossen  in aller Ruhe, dieses Ergebnis eben noch einmal zu verdoppeln. ( … )Was diese riesige Menge neuer quantitativer Daten gegen Ende des 20. Jahrhunderts auszeichnete ( … ) war die neue Betrachtungsweise des Kosmos in einer völlig neuen, weiteren  Dimension: Aus all den Entfernungen, Temperaturen und Geschwindigkeiten entstand ein furioses Panorama von unablässigem Werden  und Vergehen, Geburt und Tod von kosmischem Ausmass, gar vom Anfang und möglichen Ende des Weltalls selbst: das Universum begann zu  leben. “65

In  Richard Paneks Darstellung der unendlich vielen Erkenntnisprozesse in Zusammenhang der Himmelskunde ,  die – scheinbar – in jüngster Zeit bis an die äussersten Grenzen des Erkennbaren stiessen, sind Staunen und Bewunderung spürbar, gleichzeitig eine grosse Sorgfalt im Auswählen, Abwägen und  Beurteilen der Berge von Büchern  und Dokumenten, die sich über die Jahrhunderte hinweg  aufgebaut haben.  Noch immer ist im  Universum unmessbar vieles unbekannt, eine unsichtbare Mehrheit  – 90%, wenn nicht sogar 99% – wird als „Dunkle Materie” (dark matter) bezeichnet und es werden sich Generationen und Generationen mit dem Unbekannten befassen.  Möglicherweise werden sich nicht nur weit zurückliegende, sondern selbst neueste Erkenntnisse als falsch erweisen  und der Klärung bedürfen.

Neben der breiten, eingehenden  Lektüre der Bücher aus meiner Bibliothek und den mit Notizen und  Fragezeichen ausgefüllten  Denkheften auf meinem  Pult, auch  neben den vielen Bänden wissenschaftlicher Arbeit von Sir James Jeans mit den Fotografien der Galaxien und Nebel aus dem Mount Wilson Observatorium waren  Richard  Panek und Thomas de Padova mit ihren  Büchern für mich während Monaten wie stete Gesprächspartner, die ihren Anteil zum Entstehen  meiner Arbeit beitrugen.  Immer wieder liess ich sie reden, wenn ich ihre Meinung als wichtig erachtete und freute mich festzustellen, dass sie meine besondere Bewunderung für einzelne unter den leidenschaftlichen  Erkenntnishungrigen – etwa für Johannes Kepler oder für William  Herschel – teilten.

Es war für mich ein faszinierendes Abenteuer, mit dem Blick auf Sonne,  Mond und Sterne, auf den endlos erscheinenden ,weiten  Himmel – so nah, so fern –  die Erkenntniswege der frühen  Beobachter und  Denker wie der späteren Forscher/Forscherinnen und ihrer Interpreten kennen zu lernen, mich in die Prozesse der Vermutungen und  Erklärungen des grossen Ordnungssystems hinein zu versetzen, die Ergebnisse zu vergleichen, möglicherweise bestätigt zu finden oder in der Mangelhaftigkeit zu verstehen und die Weiterentwicklung zu verfolgen, ein fortgesetztes Hinterfragen und Aufnehmen, Staunen, ein neues Hinterfragen und Suchen nach Antwort.  Und es sind  Momente des Glücks,  mit einem anderen  Blick nun den Wandel von Licht und  Dunkelheit über der sich  unentwegt um sich  und um die Sonne drehenden  Erde zu erleben,  mit einer anderen  Kenntnis die Energie der Sonnenstrahlen aufzunehmen, nachts die Milchstrasse zu suchen wie einen Schlafteppich und das stete, leise Rauschen in mir zu verstehen wie die Bestätigung einer feinen, auditiv vermittelten Verwandtschaft mit dem Kosmos.  Irgendwie gehen Kindheitsträume in  Erfüllung.

Mitte September 2014 / Literaturliste in der Beilage

1       Rose Ausländer. Hinter allen Worten.  Mittelpunkt!.  Gedichte.  1992 / 2005, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag.  S. 156

2  Publius  Ovidius  Naso  (48 v. u. Z. – 17)

3  in der griechischen  Mythologie  einer der Titanen, Sohn der Gaia und des Uranos. Später wurde einer der

Monde des Planeten Saturn, der drittgrösste,  Iapetus benannt.

4 Publius Ovidius Naso. Metamorphosen.  Lateinisch/ Deutsch.  Übersetzt und herausgegeben  von Michael von

Albrecht.  1994 / 2010  Stuttgart,  Verlag Philipp Reclamjun.  GmbH.  S. 7-13

5  Ovid.  Metamorphosen.  1994 / 2010 Stuttgart, Verlag Philipp Reclam jun. S. 15 – 17.

6 Kurt Schubert. Jesus a la lumiere du judaisme du premier siecle.  Traduit de l’allemand par A. Liefooghe.   1974 Paris, Les Editions du Cerf.

7 Dante Alighieri.  Die göttliche  Komödie.  Übersetzt von Hermann Gmelin. Anmerkungen  von RudolfBaehr. Nachwort  von Manfred  Hardt.  1951  / 2001 Stuttgart, Verlag Philipp Reclamjun.  GmbH

8  Dante. Die göttliche  Komödie.  Inferno I Die Hölle. Erster Gesang,  S. 7

9  Dante. Die göttliche  Komödie.  Das Paradies. Siebter Gesang,  S. 294-295

10  Giordano Bruno. Della causa, principio ed uno / Von der Ursache,  dem Prinzip und dem Einen.  Mit einer Einleitung von Prof.  Dr. Georg Mende.  1955  Leipzig,  Verlag Philipp Reclam jun.

11   Nuccio Ordine. Le seuil de l’ombre. titterature,  philosophie et peinture chez Giordano Bruno. 2003 Paris, Edition Les Belles Lettres.

12  Giordano Bruno.  1955  Leipzig, Verlag Philipp  Reclam jun.,  S. 123.

13  Giordano  Bruno.  1955  Leipzig,  Verlag Philipp Reclam jun.,  S. 135-136

14  Giordano  Bruno,  1955  Leipzig.  S.  137

15  Es handelt sich um Bemard Wapowski (1450 – 1535),  einem damals bedeutenden  Kartographen,  der zusätzlich auch die Karte von Skandinavien  erstellt hat.

16  Friedrich Hölderlin.  Das Nächste Beste.  Gedichte. 2003. Stuttgart, Philipp Reclamjun.,  S. 107

17  Michael Weichenhan.  ,,Ergo perit  coelum .  Die Supernova des Jahres 1572 und die Überwindung der aristotelischen  Kosmologie.  2004 Stuttgart,  Franz Steiner Verlag

18  Richard Panek. Das Auge Gottes.  Das Teleskop und die lange Entdeckung  der Unendlichkeit. 2001 Stuttgart, Verlag Klett-Cotta .   Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dieter Zimmer.  S.  53  (Richard Panek. Seeing and Believing.  How the Telescop opened our Eyes and Minds to the Heavens.  1998   Penguin Books)

19  Franz Grillparzer  (1791  – 1872). Ein Bruderzwist in Habsburg.  Ein Trauerspiel. Zwischen  1825 und 1848 entstanden,  1872  Uraufführung in Wien.

20  Die Verbindungen  zwischen den weltgeschichtlichen und wissenschaftlich-astronomischen Entwicklungen  zur Zeit der Renaissance  finden sich sorgfältig erarbeitet bei Thomas de Padova.  Das Weltgeheimnis.  Kepler, Galilei und die Vermessung  des Himmels. 2010 München,  Piper Verlag

21  Berthold Sutter. Der Hexenprozess gegen Katharina  Kepler.  Herausgegeben  von der Kepler-Gesellschaft, Weil der Stadt.  1979  E. Scharpf,  Weil der Stadt

22  Johannes Kepler. Der Traum,  oder:  Mond Astronomie.  Somnium sive astronomia lunaris. Mit einem Leitfaden für Mondreisende  von Beatrix Langner. 2011 Berlin, Verlag Matthes & Seitz

23  Der Lagrange-Punkt  ist ein Gleichgewichtspunkt resp. eine Nullstelle  für einen Körper mit kleiner Masse in einem rotierenden Bezugssystem von drei Körpern auf der Verbindungslinie  der zwei schweren Körper, die der kleine Körper kreuzt.

24  Thomas de Padova. Das Weltgeheimnis. 2010 München, Piper Verlag.  S. 49

25  Thomas de Padova. Das Weltgeheimnis. 2010 München, Piper Verlag.  S. 291

26  Thomas de Padova.  Das Weltgeheimnis.  2010 München, Piper Verlag.  S. 292

27  Thomas de Padova. Das Weltgeheimnis. 2010 München, Piper Verlag.  S. 298 – 301

28  Golo Mann. Wallenstein.  Sein Leben.  1971  Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag. – Peter Milger. Der Dreissigjährige  Krieg.  Gegen Land und Leute. 2001 München, Orbis Verlag.

29 Die von Vincenzo Viviani verfasste  Biographie findet sich  bei: Klaus  Fischer. Galileo Galilei.  1983  München,  C.H.  Beck’sche Buchhandlung. S.15 – 33. Das Original  ist: Vincenzo Viviani,  nach einer alten  deutschen Übersetzung (1723 / 26), in: Galileo Galilei. Opere, Bd. XX,   597 – 633, zitiert bei Ernst  Brüche (Hrsg.). Sonne/ steh still. 400 Jahre Galileo Galilei,  1964 Mosbach,  Physik Verlag, S.  12.

30 Kurz vor seinem Tod hatte Galilei  die  Umsetzung des Pendelgesetzes,  das 90 Jahre später durch  Christiaan Huygens bestätigt wurde,  für eine Pendeluhr entworfen, die dann durch seinen Sohn Vincenzio Galilei gebaut wurde.

31  Vincent llardi. Renaissance  Vision from Spectacles to  Telescopes.  2007 Philadelphia, American Philosophical Society. S.  211-212

32 Arthur Koestler. Die Nachwandler.  Das Bild des Universums im Wandelt der Zeit.  1959,  Bern/Stuttgart/Wien, Scherz Verlag. S. 372 – Zu  Thomas Harriot (1560 -1621) findet sich  ein Hinweis bei Thomas de  Padova.  Das Weltgeheimnis.  2010  München,  Piper Verlag. S.  22

33  Klaus  Fischer. Galileo Galilei.  1983  München,  Verlag V. H.  Beck. S.  101

34  Galileo Galilei. Sidereus Nuntius.  Nachricht von neuen Sternen.  Hrsg.  und  eingeleitet von Hans Blumenberg. 2002  Frankfurt am  Main, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 337

35  Klaus Fischer.  Galileo Galilei.  1983  München, C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung.  S. 22

36  Klaus Fischer.  Galileo Galilei.  1983  München, C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung.  S. 119

37  Klaus  Fischer.  Galileo Galilei.  1983  München,  C.  H.  Beck’sche Verlagsbuchhandlung. 5. 124

38   Klaus  Fischer.  Galileo Galilei.  1983  München,  C.  H.  Beck’sche Verlagsbuchhandlung. S.  136

39  Giorgio de Santillana.  The Crime of Galileo.  1955 Chicago,  Chicago  University Press.  S.  217

40  Pierre Gassendi  konnte zum  Beispiel  am  7. November 1631 den von Kepler vorausberechneten  Durchgang des Planeten Merkur vor der Sonne beobachten, einen kleinen schwarzen Punkt, der sich von Ost nach West bewegte.

41   Klaus  Fischer. Galileo Galilei.  1983  München,  C.  H.  Beck’sche Verlagsbuchhandlung, S.  154 – 155

42  Klaus Fischer.  Galileo Galilei,  1983  München, C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, S. 156

43  Klaus Fischer.  Galileo Galilei.  1983  München,  C.  H.  Beck’sche Verlagsanstalt. S.  169 – 170

44  Klaus  Fischer. Galileo Galilei.  1983  München

45  Richard  Panek. Das Auge Gottes.  Das Teleskop und die lange Entdeckung der Unendlichkeit.  2001 Stuttgart, J. G. Cotta’sche Buchhandlung. S. 75

46  Mit Rene Descartes befasste  ich  mich näher in Erbschaften  ohne Testament. 2014, Zürich, edition 8. S.  15  – 30

47  ebenso mit Baruch de Spinoza in der gleichen Publikation  S. 30 – 44

48  Die meisten  Informationen zu  Biographie und Werk beruhen  auf  Johannes Wickert. Isaac Newton.  2001 Reinbek bei Hamburg,  rororo Verlag, ferner auf Richard  Panek.  Das Auge Gottes.  Das Teleskop und die lange Entdeckung der Unendlichkeit.  2001 Stuttgart, Verlag Klett Cotta.

49  A Letter of Mr.  Isaac Newton,  Professor of the Mathematicks in the University of Cambridqe; Containing His New Theory about Light and Calors: Sent by the Author to the Publisher from Cambridge,  Febr.  6.  1671/72; In Order tobe Communicated to the R. Society.  In: Philosophical Transactions.  Band 6, Nummer 80, 19. Februar 1672, S.3075-3087

50  Richard Panek.  Das Auge Gottes.  2001  Stuttgart, Verlag Klett-Cotta.  S. 102

51   Richard  Panek.  Das Auge Gottes. 2001Stuttgart,  Verlag Klett  und Cotta..  S. 103

52  Richard  Panek.  Das Auge Gottes. 2001  Stuttgart,  Verlag Klett  und Cotta.  S. 105

53  Richard  Panek.  Das Auge Gottes.  2001  Stuttgart,  Verlag Klett und Cotta.  S. 105

54  Richard  Panek.  Das Auge Gottes. 2001  Stuttgart,  Verlag Klett  und Cotta.  S. 105  – 106

55 Richard  Panek. Das Auge Gottes.  2001 Stuttgart, Verlag Klett und  Cotta.  S.  113

56  Richard Panek.  Das Auge Gottes. 2001 Stuttgart, Verlag Klett und Cotta.  S. 113

57  Richard Panek. Das Auge Gottes. 2001  Stuttgart, Verlag Klett und Cotta.  S. 115

58  Richard Panek. Das Auge Gottes. 200 l ·   Stuttgart,  Verlag Klett und Cotta.  S.  119

59  Richard Ranek. Das Auge Gottes. 2001 Stuttgart Verlag Klett und Cotta.  S. 139

60  ein Begriff für ein mathematisches  Objekt aus der linearen Algebra und der Differentialgeometrie, der ursprünglich   vor allem in der Physik gebraucht wurde

61   Thomas de Padova.  Kepler, Galilei und die Vermessung  des Himmels. 2010 München, Piper Verlag.  S. 251

62  in Popular Astronomy und in Proceedings of the Institute of  Radio Engineers

63  Das Konzentrationslager Mittelbau-Dora war ab dem 28 August 1943  ein Aussenlager des KZ Buchenwald, dann ab Januar 1944 bis 11. April 1945 ein separates SS-Konzentrationslager mit zusätzlichen Aussenlagern am Südhang des Kohnsteins (nahe von Nordhausen  in Thüringen).  In den 18 Monaten  des Bestehens dieses Lagers wurden  60’000  Häftlinge aus 21 Ländern sowohl für den Bau von zwei  1,8 km langen Stollen  mit Eisenbahnschienen  und 46 Nebenstollen  benutzt wie für die Herstellung der Rakete V2 {Vergeltungswaffe 2) und der Flugbombe Vl.  Für die Herstellung der Raketen  und  Bomber in  den Stollen waren die staatliche Mittelwerk GmbH  zuständig, ferner die zwei  Rüstungsfirmen  Heinkel  und Junkers.  –  Von den 60’000  Häftlingen starben  20’000 während  der Haft, Abertausende während der Todesmärsche in  die KZ von Bergen-Belsen, Sachsenhausen oder in  die Lübecker Bucht ins alte Flaggschiff Arcona, wo 4’600 Häftlinge  durch den allierten Bombenangriff getötet wurden.  Zusätzlich wurden  1’016 Häftlinge in der lsenschnibber Felscheune nahe der Hansestadt Gardelegen lebendig verbrannt. Als die US-Armee das Lager „befreite”, fanden sich dort nur noch Sterbende und Tote.  Lagerkommandant war Otto Förscher, der nach der Evakuierung des KZ Auschwitz am 21. Januar 1945 durch die Rote Armee von Richard  Baer, dem Lagerkommandanten von Ausschwitz abgelöst wurde. Von den überlebenden  möchte ich  diejenigen  erwähnen, die ich kenne: Jean Améry, Stephane Hessel und   Heinz Galinski.

64  Richard Panek. Das Auge Gottes. 2001 Stuttgart, Verlag Klett und Cotta.  S. 170

65  Richard Panek.  Das Auge Gottes. 2001 Stuttgart, Verlag Klett und Cotta.  S. 170

 

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