Familien im Exil

Familien  im Exil

 

Entwurzelung ist das schmerzende Los aller Flüchtlinge. Mit der Entwurzelung  einher gehen Erfahrungen von Ängsten, von Demütigungen  und Verlusten in der Heimat.  Für alle ist es weniger der Verlust an materiellen  Gütern, der die Entwurzelung  ausmacht, als der Verlust an gelebten, vertrauten Beziehungen. Diese bedeuten vor allem “Heimat”. Entwurzelung zeigt sich als Verlust der Heimat.  Nicht fassbare, abgrundtiefe Trauer und Traurigkeit sind die Folge, ein Gefühl der Verlorenheit und Sinnlosigkeit. Flüchtlinge aus allen Ländern, aus allen Kriegs­ und Gewaltzusammenhängen teilen dies mit, ob sie zur Zeit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft fliehen mussten, ob unter der chilenischen Militärdiktatur, ob mit den Boat­People aus Vietnam, ob nun aus Zaire oder aus Somalia oder aus dem Kriegsgebiet in Bosnien­Herzegowinas.

Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.  Ein Teil von ihnen floh mit den Müt­tern, häufig nachdem die Väter schon in den Krieg eingezogen oder als Gefangene ver­ schwunden waren.  Es sind zumeist Rumpffamilien, die sich im Exil zurechtfinden  müs­ sen.  Wenn nach einiger Zeit der Trennung der Vater oder andere Familienmitglieder nachreisen können, so haben sich häufig kaum mehr überbrückbare Entfremdungen eingestellt.  Für alle ist es schwierig, mit den unvereinbaren  Gefühlen zurechtzukommen,  einerseits dem Gefühl der Dankbarkeit,  überhaupt noch am Leben zu sein und weniger allein zu sein, andererseits dem Gefühl der Fremdheit, der verletzten Achtung und Selbstachtung, der Hilflosigkeit  und Unterstützungsabhängigkeit.  Es ist nicht verwun­ derlich, dass sich das Verhältnis der Kinder Eltern gegenüber in der Situation des Exils sehr verändert.  Vater und Mutter büssen gewöhnlich an Autorität ein, sind sie doch in der Fremde alles andere als die selbständigen,  imponierenden Gestalten, die sie in der Heimat waren.  Sie tun sich schwer mit dem sozialen Abstieg, mit der fremden Sprache und den fremden Sitten, an welche die Kinder sich mit grösserer Leichtigkeit anpassen, so wie sie es neuen Spielen und neuen Speisen gegenüber tun. Andererseits ist es in der Regel auch so, dass die Eltern im Exil von den Kindern mehr erwarten, als diese zu leisten vermögen, nicht nur Übersetzungsdienste  in sprachlicher und kultureller Hinsicht, sondern auch eine Kompensation  der erlittenen Verluste und Demütigungen durch hundertprozentige Loyalität.  Flüchtlingskinder  müssen ihren El­ tern gegenüber die alte Heimat mit der verlorenen Kultur und den verlorenen Traditio­ nen repräsentieren  und wahren, während gleichzeitig die fremde Umgebung,  Schule und Spielgefährtinnen eine schnelle und möglichste vollkommene  Anpassung verlan­ gen.  Die so widersprüchlichen Loyalitätsprobleme  werden für viele Kinder im Exil zur Zerreissprobe.

 

Wir, die wir als Gastland einen Teil der verlorenen Heimat ersetzen, können uns nicht damit begnügen, Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Es ist an uns, auch ei­ nen Teil der zerstörten Geborgenheit wiederherzustellen, einen Teil des verlorenen Familiengefühls zu ersetzen durch unsere Bereitschaft, Nähe und Vertrauen zuzulassen.

 

Maja Wicki

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