Ein flüchtiges Verhältnis zum Geld

Ein flüchtiges Verhältnis zum Geld

 

Anna Weiss’ Grossmutter auf der mütterlichen Seite war, wie erzählt wurde, an “gebrochenem Herzen” gestorben, knappe fünfzig Jahre alt. An “gebrochenem Herzen”? Nur verschlüsselt und andeutungsweise wurde dabei über den Grossvater gesprochen, über Frauengeschichten und Schulden. Anna hatte sie nicht mehr gekannt und bekam auf ihre Fragen kaum Antwort, erfuhr aber allmählich, dass die Grossmutter – aus vermögendem Haus und schön, wie es hiess – den Ehemann mehrmals mit ihrem Geld von den Spekulationsschulden freigekauft hatte, in der Hoffnung,  dafür Dankbarkeit und Treue einzuhandeln. Vielleicht hatte er dies in der Not auch versprochen – das eine gegen das andere? Doch sobald er sich der Schuldenlast ledig fühlte, war er wieder unbeschwert und leichtfüssig,  wie zuvor.

Mehr als dreissig Jahre überlebte er die Grossmutter – im Rollstuhl, bewegungslos, sprach- und denkgelähmt, Folge eines Hirnschlags nach einer durchfeierten Nacht. Das eine gegen das andere? Anna verstand die Rechnung nicht, die für die Tanten aufging. Wenn schon nicht Eheglück gegen Geld, warum dann Unglück gegen Unglück?

Die Grossmutter väterlicherseits war arm gewesen und hatte Unglück gekannt, obwohl ihr Ehemann brav und sparsam war. Aber es war kein Leben wegen dessen Brüder, Jules und Jean, zwei mürrische Junggesellen, die sie behandelten wie eine Magd, an ihrem Tisch assen, nichts dafür zahlten und ihr und den sieben Kindern kaum Luft liessen zum Atmen. Der älteste Sohn, noch nicht zwölf Jahre alt, brachte es fertig, dass die zwei das Haus verlassen und in den Lenorenhof ziehen mussten, er hatte den Lehrer wegen des Unglücks der Mutter ins Vertrauen gezogen oder eine andere wichtige Person. Dort hausten sie fortan, und als Anna sie kannte, hatten sie schon weisse Schnurrbärte.

Eines Morgens, nach dem kurz hinter einander erfolgten Tod der zwei Finsterlinge, nahm der jüngste Sohn der Grossmutter, Annas noch unverheirateter Onkel, sie bei der Hand und klopfte mit ihr die Dielen im Lenorenhof ab. “Zehn Kisten Zigarren” hatte es im Testament geheissen, ohne weitere Erklärung. Hinter Jules’ Bett tönte es nach einem Hohlraum unter dem Fussboden, die Bretter wurden entfernt und – zehn Milliarden in Millionenpäckchen fanden sich  dort in einer hölzernen Kiste! Ein Schatz, endlich Genugtuung für die Grossmutter?  Vorkriegsgeld, während der grossen Inflation mit Geiz und Dummheit gehortet, gut genug noch für die Puppenläden, damit Anna mit den Kindern im Dorf während Jahren Millionen gegen Schneckenhäuschen und Eicheln tauschen konnte.

Dort ein gebrochenes Herz, hier “zehn Kisten Zigarren” – die zwei Familien, stellte Anna fest, so ungleich sie waren, hatten zumindest etwas gemeinsam: ein flüchtiges Verhältnis zum Geld.

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