Noch einmal leben – In der Schweiz nach Krieg und Folter

Noch einmal leben

In der Schweiz nach Krieg und Folter

 

Es war ein stattliches Haus mit hohem Giebel, einst für zwei Familien gebaut, mit einem Garten in der Grösse eines zweiten Bauplatzes zur Seite. Das Haus verbarg sich hinter den Kronen der Bäume, die noch im Erstellungsjahr an dessen Umfriedung zum Schutz gegen Winde und Nachbarn gepflanzt worden waren, je eine Buche, eine Linde und eine Birke, gleich alt und gleich hoch wie das Haus. Heute schützen die Bäume die Nachbarn vor der einstigen Villa, die im Lauf der Zeit verwitterte und nun trotz ihrer Grösse schäbig wirkt. Mitten im bürgerlichen Quartier wirkt sie wie ein fremder Kontinent. Jahrelang beherbergte sie Asylsuchende aus aller Welt, während des Krieges in Bosnien Frauen und Kinder, die von den ethnischen Säuberern vertrieben worden waren, fünfzig Frauen und Kindern, welche die Schweiz zuerst für die Dauer von drei Monaten aufgenommen hatte, deren Aufenthalt aber infolge des andauernden Kriegs sich in einer mehrmals erneuerten Vorläufigkeit über mehrere Jahre erstreckte. Als ich das Haus kennenlernte, bebte es vor Unruhe, vor zusammengedrängten Schicksalen und Spannungen. Durch die Wände und Korridore, von Stockwerk zu Stockwerk, drangen aus den Zimmern Stimmen, Frauenstimmen, Radiostimmen, Kinderstimmen, schrille, helle, geflüsterte, dunkle. Spät nachts ebbten die Stimmen ab, verstummten zeitweise, Säuglinge weinten in verzweifelten Stössen. Nach Mitternacht, besonders gegen Morgengrauen gellten immer wieder Schreie auf, die Schlaflosen hielten den Atmen an, Frauenstimmen dann, Schluchzen, Stille. Omer S.[2] schrie Nacht für Nacht.

Er war neun Jahre alt gewesen, als in Br. der Krieg losging. In der Strasse, wo er zu daheim war, lebten fast lauter Verwandte, Onkel und Tanten und verschwägerte Onkel und Tanten und deren Kinder. “Wir waren im Haus drin, wir alle, es war noch früh, fast noch dunkel. Draussen war plötzlich ein Geschrei, laut wurde gegen die Türe geschlagen, Männer in Uniformen stürmten herein, einen kannte ich, er hatte in einer anderen Strasse gewohnt. Wir wurden auf die Strasse getrieben. Der Vater wurde furchtbar geschlagen, die Hände wurden ihm auf dem Rücken gefesselt “. Omer legt den Kopf auf den Tisch, verbirgt sein Gesicht in den Armen, er kann nicht weitersprechen.

Von Fatima S., der Mutter erfahre ich, dass Omer von zwei Uniformierten in die Mitte genommen wurde, dass ihm eine Pistole in die Hand gedrückt wurde, dass er gezwungen wurde, die Pistole auf seinen Vater zu richten, der von den Schlägen aus dem Mund blutete. Auch Fatima mit den zwei weinenden kleinen Mädchen an der Hand habe geschrieen, sie habe Omer zu sich ziehen wollen, zum Mann laufen wollen, um ihn zu schützen, doch sie sei von Uniformierten mit Gewalt zurückgehalten und gezwungen worden, zuzuschauen. Die Tortur habe entsetzlich lange gedauert, vielleicht auch nur Minuten, dann sei unter Hohngelächter Omer die Pistole aus der Hand genommen worden. “Der Bub fiel wimmernd zu Boden, sprang plötzlich auf, wollte zum Vater rennen, doch dieser war schon weggetrieben worden, überall waren Männer mit Waffen, es wurde geschrien, geschossen, ein schrecklicher Lärm, hinten in der Strasse brannte ein Haus, ein Camion fuhr vor, die Kinder und Frauen wurden hinaufgetrieben wie Schafe, immer noch mehr, brutal, mit Schlägen, alle weinten und schrien, dann fuhr der Camion los. Wir wussten nicht wohin. Alles blieb zurück.”

Der Weg in die Schweiz dauerte Monate, die Erfahrungen unterwegs waren nochmals traumatisierend. Über den Suchdienst des Roten Kreuzes erfuhr Fatima schliesslich, dass ihr Mann lebte, dass auch er nach Frau und Kindern geforscht hatte. Er war den Schergen entkommen und hatte sich nach Kroatien, dann in die Schweiz durchgeschlagen. Eines Tages traf er im Durchgangszentrum ein. Alle Frauen und Kinder feierten ein Fest. Während Wochen ging Omer kaum von seiner Seite. Allmählich wurden die Albträume seltener.

Vor einigen Monaten erhielt die kleine Familie den gefürchteten Brief aus Bern, ihr Aufenthalt in der Schweiz sei abgelaufen, sie müssten wieder zurück in ihre Heimat. “Ist Heimat dort, wo man vertrieben wurde?” fragt Fatima. Wohin sollen sie zurückkehren? Die Schrecken von damals werden wieder wach und fallen über sie her wie Hunde. “Könnten wir doch nochmals leben, ohne Angst, leben mit der Gewissheit, dass das Leben sich lohnt, dass die Menschlichkeit stärker ist als die Bosheit. Weisst du wie? – hier oder dort?”

Wie könnte ich es wissen? “Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben”, hat Walter Benjamin in einem seiner Essays geschrieben, Jahre bevor ihn die Nazis zum Flüchtling machten.

Es gibt ein Kontinuum des Leidens, das nicht mit der menschlichen Sterblichkeit zu tun hat, die zu ertragen schwer genug ist, sondern mit der Perversion des Quälens. Die Geschichte der Gequälten ist zugleich die Geschichte des Widerstands gegen Menschenverachtung und Unterdrückung, ist auch die Geschichte der immer wieder versuchten Wiederherstellung des Wertes, als Mensch zu leben. Darin besteht die  vielleicht wichtigste Aufgabe der Therapie. Therapie soll ein Gegenmodell zum System der Unterdrückung sein – “Therapie” ein anderes Wort für “Kultur”[3].

Seit Eniza Z. im Sommer 1993 mit ihrem damals zweijährigen Sohn und mit ihren Eltern aus dem kriegsverwüsteten Bosnien in die Schweiz kam, quälten die junge Frau Albträume und eine ständige Traurigkeit. Schon im Durchgangslager, wohin sie mit Hunderten von Frauen und Kindern aus der Umgebung von Be. getrieben worden war, hatte sie darunter gelitten, aber dort gab es einen Zusammenhalt im Entsetzen und in der Ratlosigkeit. Zugleich brannte damals noch ein kleines wärmendes Licht in ihr, die Hoffnung, dass ihr Mann lebte. In der Schweiz jedoch nahm das Gefühl der inneren Lähmung und der Verlorenheit überhand, obwohl es ihr hier, fern vom Krieg, eigentlich hätte besser gehen sollen. Das kleine Licht wärmte kaum mehr, wurde schwächer und immer dunkler. Die Therapeutin hörte zu, und indem sie zuhörte, erkannte Eniza zunehmend klarer, worunter sie litt.

Eines Morgens im  Herbst 1992 waren mit Gewehren bewaffnete Uniformierte ins Haus gestürmt, hatten sie, die Mutter und das Kind aus dem Keller gejagt, wo sie sich versteckt hielten, und so wie sie waren, ohne Schuhe an den Füssen und ohne ein Milchfläschchen fürs Kind, wurden sie weitergetrieben in den Hangar, wo eng zusammengedrängt die anderen Frauen und Kinder des Ortes im Ungewissen ausharrten. Das war ein Weinen und eine Verzweiflung, kaum auszuhalten, zumal damals niemand wusste, was mit den Männern geschehen war.

Sowohl Enizas Vater wie ihr Ehemann waren von serbischen Soldaten gefangengenommen worden. Mehr konnte sie nicht in Erfahrung bringen. Wo immer sie Fragen stellte, stiess sie auf eine Mauer des Schweigens. Einige Monate später kam der Vater aus einem der Gefangenenlager frei, nachdem das IKRK Zutritt erhalten und die Weltpresse über die darin verübten KZ-ähnlichen Torturen zu berichten begonnen hatte.

Der Vater wurde mit seiner engsten Familie – der Mutter, Eniza und deren kleinem Sohn – in der Schweiz als anerkannte Flüchtlinge aufgenommen. Über die Zeit im Lager schwieg er sich aus. Wo war Enizas Ehemann? Warum war er nicht mit dem Vater aus dem Lager entlassen worden? Je länger das Unwissen andauerte, desto schwächer wurde ihre Lebenskraft. Die Wirklichkeit zog sich immer mehr zurück, das Gefühl der Leere und eine beklemmende, unbenennbare Angst beherrschten sie zunehmend. Eines Tages, als das Fernsehgerät eingeschaltet war, wurden über den bosnischen Sender Namen getöteter Gefangener verlesen, Hunderte von Namen. So erfuhr Eniza, dass ihr Mann tot war.

Endlich hatten ihre Gefühle wieder einen Namen. Trauer überflutete sie, auch Grauen und Mitleid, als sie allmählich vom Vater erfuhr, was sich im Lager zugetragen hatte. Auch er musste nun nicht länger schweigen. “Es ist Zeit, Eniza, dass du es weisst”. Ihr Samir war mit etwa fünfzig anderen Gefangenen in einen Raum eingepfercht worden. So eng war es, dass sie sich weder ausstrecken noch sich bewegen konnten. Als die Gefangenen protestierten und mehr Raum forderten, fielen Dutzende von Soldaten über sie her und schlugen sie mit Kolben und Eisenstangen zu Tode, alle fünfzig Gefangenen, ohne Ausnahme.

Heute weiss Eniza, wo ihr Platz ist. Sie will leben, auch hier in der Schweiz will sie nicht bloss überleben, Trauer und Verlust sind Teil des Lebens. Ihr Sohn soll ohne Hass aufwachsen, die Spiele teilt er mit Kindern aus Kroatien und aus Serbien, die im gleichen Haus wohnen. Grosse Sorgfalt lässt sie allem angedeihen, was durch den Krieg entwertet oder zerstört worden war, von ihrem Äussern über die Gestaltung der Wohnung zu den Beziehungen mit den ihr verbliebenen nahestehenden Menschen. Da, wo sie Asyl gefunden hat, soll der Krieg nicht weitergehen. Doch unversehens, ohne Vorwarnung, geschieht es, dass er Eniza wieder einholt, dass irgend eine banale Kleinigkeit sie in eine Situation des Schreckens zurückwirft. Neulich, als ihre Mutter eine Suppe zubereitete, sah sie anstelle der Mutter eine der Nachbarinnen im Durchgangslager vor einem leeren Topf stehen, um sie herum die weinenden Kinder. Nichts hatte die Frau, nichts, um den Hunger der Kinder zu stillen. Wie damals wurde Eniza von Panik ergriffen, in der auferzwungenen Hilflosigkeit und Ohnmacht selbst ihrem Kinde gegenüber schuldig zu werden.

Viele Flüchtlinge, welche lange Jahre der Quälerei durchgestanden haben, fühlen sich jenen gegenüber in der Schuld, die nicht mehr leben. Eine ausführlichere Fallgeschichte mag dies deutliche machen:

Der Kurde Cemal Miran, der neun qualvolle Jahre in türkischen Gefängnissen zubringen musste,  bat mich immer wieder, die Namen jener aufzuschreiben, die für die Freiheit Kurdistans mit ihrem Leben bezahlten. Er selbst starb mehrere Tode, scheint mir, obwohl er lebt. Heute kann er wieder gehen, langsam, schwankend. Die Füsse schiebt er dem Boden entlang, hebt sie behutsam über Unebenheiten hinweg, über Türschwellen und niedere Stufen. Kopf und Hände zittern, das Sprechen bereitet Mühe.

Cemal ist 36 Jahre alt, grossgewachsen und schmal. Im therapeutischen Gespräch lebt er spürbar auf. Ich habe das Gefühl, er sei fürsorglich sich selbst gegenüber, er suche das Gespräch, weil es ihm Wärme gibt, ebenso wie er seinen über Jahre gepeinigten Körper in wollene Pullover hüllt. Immer wieder fragte ich mich, wie es kommt, dass er sich nicht fürchtet, die Erinnerungen an die dunklen Jahre zu wecken. Dass er nicht die Wiederbegegnung mit den Bildern der Peinigern, mit den Bildern der eigenen Erniedrigung, mit jenen seiner gequälten Angehörigen und Freunde fürchtet. Er fürchtet sich nicht, “nein, das Leiden war ja nicht sinnlos. Ich konnte meine Seele dagegen abschirmen, es betraf nur den Körper. Ich fühlte mich den Folterern überlegen. Ich, aber nicht ich allein, wir alle erlitten die Torturen wegen der Freiheit. Es ging um die Freiheit unseres kolonisierten, unseres unterdrückten und gequälten Landes, es ging um Kurdistan”. Seine Augen blicken mich ruhig und aufmerksam an. Cemals Augen geben zu verstehen, dass sein Ich-Wert ungebrochen ist, wenngleich er körperlich vielfach gebrochen ist.

Am 14. Januar 1984, als er und elf weitere politische Gefangene, darunter vier Frauen, im Militärgefängnis Nr. 5 von Diyarbakir mit dem Todesfasten begannen, hatte er schon drei Jahre Gefängnis hinter sich, Jahre der ununterbrochenen Tortur. “Welch anderen Widerstand als jenen der Gewaltlosigkeit hätten sie leisten können?” fragte er mich. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass sich die Gefangenen gegen die Menschenverachtung des Systems zur Wehr setzten. Cemal schilderte mit gehemmter Stimme, wie etwas mehr als zwei Jahre vorher, am 18. Mai 1982, vier Mitgefangene aus Zelle 33 sich aus Protest gegen die fortgesetzten Entwürdigungen selber angezündet haben. Er nennte deren Namen[4]. Die Schreie der in der Zelle Miteingeschlossenen seien auch auch in Zelle 27 gedrungen, in der Cemal sich befand, seien durch alle Flure und alle Stockwerke des grossen Termitenbaus der Peinigung gedrungen. “Wir litten mit ihnen, es waren wertvolle Menschen. Doch irgendwie vermochte ihr Tod, den Widerstandswillen aller Gefangenen zu stärken.”

Einundvierzig Tage lang hatte Cemal Miran alle Nahrung verweigert, ausser ein paar Gläsern Wasser. Dann fiel er ins Koma. Als er daraus erwachte, war er gelähmt, konnte auch nicht mehr sprechen. Die Folgen wirken sich bis heute aus, zittternde Hände, Geichgewichtsstörungen, anderes mehr, sagt Cemal, doch nicht bei ihm allein. Wegen einer offenen Tuberkulose wurde Cemal nach dem Todesfasten ins Spital  eingeliefert, doch nach kurzer Zeit wieder in die Zelle zurückgeschafft, für weitere fünf Jahre.

Mehrmals begann Cemal Miran mit dem Anfang seiner Geschichte. Der historische Zusammenhang gehörte zur Sinngebung des erlittenen Leidens. Im April 1981 war er in Diyarbakir von der türkischen Polizei verhaftet worden, einer der rund 200’000 kurdischen Männer und Frauen, die zwischen dem Militärputsch vom 12. September 1980 und den Wahlen vom 7. November 1983 erst in Polizeihaft genommen, dann in die überfüllten Gefängnisse eingelocht wurden. Einige Monate zuvor hatte Cemal sein Ingenieurstudium in Ankara abgebrochen und war wegen des kurdischen Freiheitskampfes nach Diyarbakir zurückgekehrt. Der Vater betrieb eine kleine Bäckerei. “Diyarbakir ist schön. Wir hatten zwei Zimmer, eines diente als Küche, das andere zum Schlafen. Wir waren weder arm noch reich.”  Im November 1981 wurde er gleichzeitig mit Hunderten anderer politischer Angeklagter vor ein militärisches Sondergericht gestellt, je zwanzig bis dreissig an eine Kette gefesselt. Für den Prozess war ihnen eine Uniformjacke übergezogen worden, Verteidiger hatten sie keine, der Richter war ein Militärkommandant, nach Sondergesetzen wurden sie abgeurteilt und verurteilt, Cemal Miran zum Tod. (Damals wurden 5’712 Anträge auf Todesstrafe gestellt, 259 Todesurteile wurden ausgesprochen, 49 vollstreckt[5]. Alle Zahlen waren nicht in der Erinnerung gespeichert. Als ich sie ihm auf Grund eines Dokuments vorlegte, war er betroffen. Er sagte, er sei erleichtert, dass es bestätigt sei; das sei Teil seiner selbst). Das über Cemal gesprochene Urteil wurde durch ein militärisches Kassationsgericht in zehn Jahre Gefängnis umgewandelt.

Cemal nimmt an, dass jemand unter der Folter seinen Namen preisgegeben hatte. Als er in Polizeihaft war, wurde auch er einen vollen Monat lang gemartert, damit er Namen von Verbündeten aus den kurdischen Organisationen preisgäbe. Mehrmals wiederholt er: mit Stockhieben auf die Fusssohlen, mit Stromschlägen über Elektroden an den Zähnen, an den Fingern und am Penis. Er wurde an den auf dem Rücken gefesselten Händen in die Höhe gezogen, so dass die Schultergelenke aus den Gelenkpfannen brachen, wochenlang wurde er am Schlafen gehindert. Sein Vater wurde gleichzeitig verhaftet. “Die Alten wurden vor den Jungen gequält, sie wurden vor uns blutig geschlagen, Gummiknüppel wurden ihnen in den After getrieben, die Jungen, ja selbst Kinder mussten zusehen, um die Quälerei zu steigern, ein sadistisch ausgeklügeltes System. Viele brachen darunter zusammen”. Der Vater sei 16 Monate lang gefoltert worden, “dann erlag er einem Nierenversagen. Die Mutter wurde während sechs Wochen in Polizeihaft gehalten”. Während Cemals Todesfasten im Februar 1984 sei ihr zugetragen worden, ihr Sohn sei tot. Sie habe eine Herzkrise erlitten und sei wenige Wochen später gestorben. “In all den Jahren überfielen Schläger aus den Kreisen der Polizei die kleine Bäckerei, die einer der Brüder weiterführte. Meine Schwester verlor darob den Verstand”. Langsam erzählte Cemal, Erinnerung reihte sich an Erinnerung.

“Die Foltermethoden in den Gefängnissen hatten nicht mehr den Zweck, Informationen herauszupressen. Sie sollten die Menschen brechen, sie sollten den Stolz des kurdischen Widerstandes vernichten.”  Spezialeinheiten der Armee seien dafür eigens ausgebildet worden. Drei Jahre lang hatten Cemal Miran und seine Mitgefangenen die Peinigungen erdulden müssen, vom Mai 1981 an, bei Tag und bei Nacht ununterbrochene Tortur, nie, buchstäblich nie die geringste Entspannung. Hiebe und Schläge mit Eisenstangen, mit Militärgürteln und Holzstöcken, wo immer sie gingen und standen, militärischer Drill, Schmutz und Enge in den Zellen, verunreinigte und völlig ungenügende Nahrung. Der Peinigungen habe es noch unendliche mehr gegeben, sagt er.

Zur psychischen Erniedrigung, zu den schwärenden Hautverletzungen durch die fast täglich wiederholten Schläge, zur Erschöpfung durch Schlaflosigkeit und Drill, durch Hunger und Krankheiten (Nierenschäden, Magentumore, Herzkrankheiten, geschwollene Füsse, Tuberkulose etc.), zu den unerträglichen hygienischen Verhältnissen in den überfüllten Zellen  kam die geistige Isolation. Bücher und Zeitungen, Papier und Schreibzeug seien verboten gewesen. “Nicht zuletzt deswegen drehten Menschen durch, das war beinah nicht auszuhalten, auch wenn über neunzig Prozent der Gefangenen Dörfler und Arbeiter waren, einfache Menschen, der kleinste Teil Intellektuelle oder führende Männer und Frauen des Widerstandes.” Dichter und Dichterinnen, Schriftsteller und Journalisten seien unter ihnen gewesen. “Ich schreibe mit den Fingernägeln”, hielt verzweifelt Izzet Harun Akcay, damals im Spezialgefängnis Bartin inhaftiert, fest[6]. Das Buch mit den Gedichten war erneut ein wichtiges Dokument. Cemal stellte fest, dass die totale Isolation nicht zuletzt das Zeitgefühl vernichten sollte, sie sollte Verlorenheit schaffen und ein Gefühl der Endlosigkeit der Tortur.

In den ersten drei Jahren sei eine wöchentliche Besuchszeit von dreissig Sekunden (bis höchstens eine Minute) eingeräumt gewesen, unter ständiger Präsenz von Soldaten. Cemal hielt oft minutenlang inne, bevor er weiter sprach. “Unter Stockhieben wurden je zehn Gefangene in einen Raum getrieben, der durch eine Glaswand unterteilt war, auf deren anderen Seite die Angehörigen, die ebenfalls durch Soldaten drangsaliert wurden. Viele hatten tagelange Reisen hinter sich. Die kleinen Geschenke, die sie mitbrachten – etwa dringend benötigte Kleider – wurden von den Soldaten konfisziert und vor aller Augen zerrissen.” Um gegen diese Verhöhnung ihrer Rechte zu protestieren, sei eine grosse Anzahl von Gefangnen ab September 1983 wieder für siebenundzwanzig Tage in einen Hungerstreik getreten.

Als Cemal 1989 freigelassen wurde, war er  körperlich kaum in der Lage, sich selbständig zu bewegen, doch er wollte leben, noch einmal leben, damit der Einsatz und die Opfer aller, die für seine Heimat litten und kämpften, nicht vergeblich seien. In Diyarbakir sei seine Existenz erneut bedroht gewesen. Faschistische Organisationen ( die sog. Konterguerilla) würden mit Mordkommandos den entlassenen politischen Gefangenen nachstellen. Viele würden auf offener Strasse erschossen. Am 15. Juni 1992 begann Cemals Flucht, zuerst durch die Berge nach Irakisch-Kurdistan, von dort nach Syrien. In Damaskus meldete er sich bei der UNO-Vertretung. Sein Name war bekannt. Er wurde medizinisch untersucht, bekam einen Pass und konnte einen Monat später in die Schweiz einreisen.

Wie lebt Cemal Miran hier, nun schon das vierte Jahr? Er hatte das Glück, gleich einen richtigen Flüchtlingsstatus – Status B – zugesprochen zu bekommen, ohne lange, ängstigende Wartezeit mit einem N-Status; er musste auch nicht mit den erniedrigenden Begleitumständen eines langen F- Status ausharren. “Wieder ist es die Isolation, die am schwierigsten zu ertragen ist”, sagte er einmal. Er lebt allein in einem kleinen Zimmer und versucht, Deutsch zu lernen. Er erhält monatlich etwas über 900 Franken Unterstützung, was für alle Ausgaben reichen muss. Ab und zu trifft er andere kurdische Flüchtlinge, zweimal wöchentlich geht er in eine physiotherapeutische Behandlung, einmal in Psychotherapie. Eine Arbeitsmöglichkeit in einer Werkstätte für Behinderte wird für ihn gesucht. Das begrüsst er sehr. Zur Schweizer Bevölkerung hat er sonst kaum Kontakt, abgesehen von den kurzen Besuchen der Sozialarbeiterin. Noch hat nirgendwo einen festen Platz. Den aber wünscht er. Hier, wo er nun ist, möchte er leben, noch einmal leben. Überleben genügt nicht.

 

[1] geb. 1940; Doktorat in Philosophie, Staatsrecht-Menschenrechte, Soziologie-Politologie; Zweitstudium Psychologie; Freud’sche Psychoanalytikerin, eigene Praxis in Zürich, Dozentin für Weiterbildung an der Universität Bern sowie an zahlreichen in- und ausländischen Universitäten, Fachhochschulen, Kliniken etc. umfangreiche Publikationsliste.

[2] Namen der Flüchtlinge geändert

[3] nach Sigmund Freud, aus “Das Unbehagen in der Kultur”.  In: Studienausgabe, Bd. 9. S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1974

[4] Ferhat Kurtay, Esref Anyak, Necmi Öner und Mahmut Zengin.

[5] Nach “Cumhuriyet” vom 10. Juni 1983.

[6]“… ich schreibe mit den Fingernägeln” / “… tirnaklarimla yaziyorum”. Gedichte aus türkischen Gefängnissen 1980-85. Türkiye hapishanelerinden siirler 1980-85.  Zambon Verlag, Frankfurt a.M. 1986, S.91

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