„Sich nicht ducken!“ – Kreativität – Kraft zur Veränderung des scheinbar unabänderlichen Schicksals

„Sich nicht ducken!“

Kreativität – Kraft zur Veränderung des scheinbar unabänderlichen Schicksals

 

Es war Martha Arendt-Cohn, Hannah Arendts Mutter, die ihrer Tochter zu Beginn der Schulzeit den Rat gab, sich nie zu ducken. Hannah war acht Jahre alt, als der Erste Weltkrieg ausbrach, und der Antisemitismus war zu jener Zeit in den Schul-und Amtsstuben nicht weniger verbreitet als auf der Strasse. Schon damals blieb kein jüdisches Kind davon verschont, wenngleich die Kinder der armen Juden, vor allem die aus den osteuropäischen Pogromgebieten nach Königsberg geflüchteten Kinder, mehr darunter zu leiden hatten als jene aus bürgerlichem oder intellektuellem Milieu. Martha Arendt-Cohn, die nach dem frühen Tod des Ehemanns ihre Tochter allein erzog, gab ihr die Weisung, sich immer selber zu wehren, wenn sie oder andere jüdische Kinder von Gleichaltrigen angegriffen wurden, bei Angriffen durch Erwachsene jedoch, etwa durch Lehrerinnen oder Lehrer, sofort den Ort, resp. die Schule zu verlassen und der Mutter davon zu berichten. Martha Arendt schrieb dann einen eingeschriebenen Brief, beschwerte sie sich über die vorgefallene Beleidigung und verlangte, dass kein Kind wegen seiner Herkunft verunglimpft oder benachteiligt werden dürfe.

Was tat Martha Arendt? Sie gab unmissverständlich zu verstehen, dass sie eine Situation, die der gesellschaftliche „main stream“ tolerierte oder gar guthiess, unerträglich fand. Es ging um den alltäglichen, täglich wachsenden Antisemitismus. Martha Arendt war keine Theoretikerin wie später ihre Tochter, sie hatte weder studiert noch übte sie einen eigenen Beruf aus, aber sie war Mitglied der damals verbotenen Sozialistischen Partei Deutschlands und sie gehörte zu einem Kreis von selbständig denkenden, fortschrittlichen Frauen und Männern. Martha Arendt war vor allem kreativ. Sie entwarf ein neues, ein anderes Handlungsmuster. Statt zu jammern und zu klagen, klagte sie an. Statt ihrem Kind zu raten, sich unauffällig zu verhalten, um, wie es so oft hiess, keinen Antisemitismus zu provozieren, bezeichnete sie diesen offen als Unrecht und bestand auf dem gleichen Respekt für Juden, Christen oder wen auch immer. Vor allem bestand sie auf dem Respekt der Erwachsenen vor den Kindern. Sie kehrte eine – scheinbare – gesellschaftliche Unabänderlichkeit – jene der überheblichen Verachtung von Erwachsenen für Kinder und von Christen für Juden – einfach um, und zwar ohne Theorie und ohne organisatorisches Konzept, einfach aus dem Impuls, Unerträgliches auch unerträglich zu nennen und es nicht zu dulden.

 

Kreativität ist der Geburtsname der Freiheit

Warum der „Geburtsname“? Freiheit hat viele Namen, philosophische und politische. Hannah Arendt hat immer wieder in ihrem Werk Freiheit als das Vermögen zum Neubeginn bezeichnet, als ein Vermögen, das mit der Geburt beginnt und das zugleich durch die Geburt symbolisiert wird – als „Gebürtlichkeit“. Gebürtlichkeit ist der Gegenpol zu Sterblichkeit. Nicht ein für allemal, sondern immer wieder: ein Vermögen, eine allen Menschen eigene Befähigung, einen Anfang, einen Neuanfang zu setzen und dadurch das scheinbar Unausweichliche und Verhängnisvolle umzubiegen. Zu diesem Vermögen gehören Vorstellungskraft und Urteilskraft, dazu gehört deren Ausdruck in der Sprache und damit die Fähigkeit, zu überzeugen, Koalitionen zu bilden und Machtverhältnisse auf gewaltfreie Weise zu verändern. All dies fällt mit Hannah Arendts Begriff des Handelns zusammen. Freiheit im Sinn von Gebürtlichkeit bedeutet somit das Vermögen, handelnd in den scheinbar übermächtigen Ablauf der Geschichte, in das „Schicksal“, einzugreifen, indem alle Fähigkeiten des Denkens, der Vorstellungskraft, der Kombinationsfähigkeit, des Beziehungs- und Sprachvermögens, kurz, aller kreativen Fähigkeiten eingesetzt werden, um eine neue Situation zu schaffen. Daher ist Kreativität der Geburtsname der Freiheit, ihr Anfangsname, ihr Mädchenname, ihr Kosename, ihr spielerischer, der Fatalität von Tod und Sterblichkeit entgegenwirkender Name.

Ich will zwei Geschichten erzählen, die deutlich machen, wie zutreffend dieser Name ist.

 

Furchtlos „basta“!

Gegen Ende der Achtzigerjahre liess mich Letizia Battaglia (heute Europa-Parlamentarierin) wissen, die Frauen in Sizilien seien daran, das jahrhundertealte Gesetz des auferlegten Schweigens, der „omertà“, zu brechen, sie seien daran, sich nicht nur gegen die Mafia aufzulehnen, sondern sich ihr in aller Öffentlichkeit entgegenzustellen. Nicht mehr hinter vorgehaltener Hand im Kreis der Frauen zu klagen und zu jammern, sondern anzuklagen, die Betrüger und Mörder sowie die Auftraggeber der Betrügereien une Morde beim Namen zu nennen, furchtlos mitten im Gerichtssaal und vor der gesamten Presse auszusagen. Das war neu, das machte den Atem stocken. Ich beschloss, nach Sizilien zu reisen und gemeinsam mit Letizia Battaglia dem Kampf der Frauen gegen die Mafia nachzugehen, sie dort aufzusuchen, wo sie lebten, in den armen Dörfer im Innern der Insel und in den zerfallenden Betonbauten in den Vorstädten von Palermo und Cattania.

Letizia Battaglia hatte schon während Jahrzehnten die Verbrechen der Mafia photographisch dokumentiert, jeden Mord, jeden Anschlag, die verstummten trauernden Familienangehörigen im Bild festgehalten, versteinerte Witwen und Söhne, von denen der älteste, noch kaum erwachsen, mit dem Trauerflor am Veston, schon wieder im Sold der Mörder des Vater stand, auf scheinbar unabwendbare Weise schon als Knabe zum Töten und zur Rache für fremde Morde vorgesehen und verpflichtet, als Heranwachsende bereits in ständiger Angst vor der eigenen Elimination innerhalb des mafiosen Systems und aus Gründen des Systems.  Die Söhne, welche die Frauen zur Welt brachten, waren in erster Linie Söhne der Mafia, und die Töchter, wie die Mütter, waren in erster Linie dazu verdammt, Söhne auf die Welt zu bringen und zu schweigen, um die Mafia weiter am Leben zu erhalten. Die Mafia machte das Gesetz, dem sich alles zu beugen hatte – die Kirche, die Regierung des Dorfes, des Distrikts, der Insel, des Landes, geschweige die Frauen. Und nun, plötzlich, sagten die Frauen dazu nein.

Wo Letizia und ich hinkamen, wurden wir nicht abgewiesen. Die Frauen betrachteten Letizia als ihre Verbündete, und mich als die Verbündete Letizias. Sie erzählten, in ihrem sizilianischen Dialekt, manchmal stundenlang, die einen in der Küche, die anderen „nel salotto“ mit den schweren Möbeln, mit Tüchern vor Licht und Staub geschützt, zumeist bei der Eheschliessung angeschafft und aufgespart, auf später, wie das Glück. Jede der Frauen hatte mehrere Tote zu beklagen, von denen keiner eines natürlichen Todes gestorben war, Vater, Onkel, Brüder, Neffen,  Ehemann, Söhne. Nicht wenige hatten auch nur die Nachricht vom Tod ihrer Männer erhalten, ohne dass sie den Leichnam hätten bestatten können. Ins Meer versenkt, in ein Betonfundament eingemauert, in Salzsäure aufgelöst, irgendwo verscharrt – sie wussten es nicht oder erfuhren es häufig erst nach Jahren.

Aber die Frauen wussten viel über das System. Sie waren darin aufgewachsen und grossgeworden, mit Müttern, Grossmüttern und Nachbarinnen, die alle nichts anderes kannten als den Terror des Duldens und Schweigens, als den Terror der Gewalt.

Und nun, gegen Ende der Achtzigerjahre, hatten sie plötzlich zu viel davon geschluckt. Sie ertrugen es nicht länger, Kinder auf die Welt zu stellen, die zum vornherein Diener und Opfer der Gewalt zu sein hatten. Sie ertrugen den Terror des auferlegten Schweigens und der hilflosen Ohnmacht nicht länger. „Sich nie mehr ducken“: Wie ein befreiender Infekt ging das furchtlose „basta!“ von einer Frau zur anderen, ohne dass eine Theorie oder eine Organisation dahinter gestanden hätte. Es fanden damals mehrere Prozesse gegen Mafiabosse und deren Helfer statt, an denen sie als Zeuginnen der Anklage auftraten. Die Verhandlungen wurden übers Fernsehen in jede italienische Stube übertragen. Und die Richter waren endlich in der Lage, vielfache Mörder und Drahtzieher von Morden zu verurteilen, vor der ganzen Nation. Den Frauen war es gelungen, eine völlig neue Situation zu schaffen: die Mafia war nicht länger ein undurchdringbares System, sondern es ging um benennbare Verbrechen und Verbrecher, die zur Rechenschaft gezogen werden konnten.

 

„Meine Gedanken kennen keine Gitter, keine Verbote“…

Als ich 1988, zur Zeit der Prozesse gegen die nach dem Militärputsch verhafteten “Dissidenten”, als politische Berichterstatterin in der Türkei weilte, lernte ich Menschen kennen, die den kreativen Widerstand in aller Öffenltichkeit lebten, aus je eigenem Impuls, Mütter, Frauen und Schwestern von politischen Gefangenen, auch Mitglieder des Menschenrechtsvereins, darunter den Verleger des kleinen Gedichtbandes “… tirnaklarimla yaziyorum” (“…ich schreibe mit den Fingernägeln”. Verlag Zambon. Frankfurt 1986), worin sich auf Türkisch und auf Deutsch Gedichte von politischen Gefangenen aus den Jahren 1980-1985 finden, zum Beispiel jenes von Hülya Ayse Özzümrüt, einer jungen Frau, die 1980 verhaftet und 1984 in einem Prozess, der gleichzeitig gegen 100 Angeklagte geführt wurde, wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation zum Tod, später zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden war. Während der Gerichtsverhandlungen gab Hülya unmissverständlich zu verstehen, dass sie das Sondergericht nicht anerkenne und dass sie ihren Kampf im Gefängnis weiterführe. Zum Kampf gehörten vor allem ihre Gedichte, die aus dem Gefängnis geschmuggelt und veröffentlicht werden konnten.

“Ich, schon Jahre in Ketten, hinter verschlossenen Türen, dröhnenden Riegeln, vergitterten Augen, schon lange habe ich die Blumen der Berge nicht gesehen, bin immer nur der Dunkelheit der Nacht begegnet…

doch…

der Tag wird mitten in der Nacht geboren, die Freiheit mitten in uns. In unseren groben, rissigen Händen leuchtet das Leben, verlischt nie…”

Ich lebte während meiner Recherchen bei Müttern und Frauen politischer Gefangener. Es wäre für sie unvorstellbar gewesen, mich in einem Hotel unterzubringen. Sie boten mir nicht nur ein Bett und einen Platz an ihrem Tisch, sondern auch Begegnungen, Geschichten und wichtige politische Informationen. Dabei kam die Rede auch auf Leyla Zana. Erst viel später war es mir möglich, ihre Briefe und Streitschriften zu lesen.

„In Ländern wie der Türkei, dem Iran, dem Irak oder Algerien, wo offene oder verdeckte Kriege wüten, liegt eine erdrückende Last und Verantwortung auf den Schultern der Frauen und Mütter. In meinem Land gibt es seit mehr als zehn Jahren einen unerklärten Krieg. (…). Die Toten, Verletzten, Verkrüppelten gehen in die Zehntausende. Frauen wie ich, die die Freiheit für sich beanspruchen, ihren Kindern die Muttersprache beizubringen, die die freie Artikulation der kurdischen Identität und Kultur unter demokratischen Bedingungen einfordern, werden als Terroristen bezeichnet und verfolgt.” .  (Alle Textausschnitte aus Leyla Zana. “Briefe und Schriften aus dem Gefängnis”. Montage Verlag, Dötlingen 1996).

Ende der Siebzigerjahre hatte sich Leyla Zana entschlossen, zur Unterdrückung ihres Volkes nicht länger zu schweigen. Sie wusste, dass sie dazu der Sprache bedurfte. Sie, die nur ihren kurdischen Dialekt sprach, lernte Türkisch und holte autodidaktisch ihre Bildung nach. Sie wurde aktiv in der Bewegung gegen die unmenschlichen Bedingungen in den Gefängnissen, gegen Folter und Verschwindenlassen, auch im Rahmen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte. Sie führte Demonstrationen an und publizierte trotz ständiger Repressalien unbeirrt in der kurdischen Presse.

Leyla Zana ist heute 36 Jahre alt und hat siebzehn Jahre der Verfolgung hinter sich. Sie hat, wie sie in einem – 1994 in der internationalen Presse – erschienen Artikel schreibt, “die grausame Erfahrung der Folter (1988, als sie während 59 Tagen in Polizeihaft war) und den unsäglichen Schmerz der Ermordung einer Reihe naher Freunde am eigenen Leib erlebt”. 1993 entging sie knapp zwei Attentatsversuchen, nachdem sie 1991 als Vertreterin des Wahlkreises Diyarbakir ins türkische Parlament gewählt worden war, als einzige kurdische Frau unter 450 Abgeordneten.

Am 4. März 1994 wurde ihr die parlamentarische Immunität entzogen. Seither ist sie inhaftiert und soll es nach dem Urteilsspruch vom 8. Dezember 1994 noch fünfzehn Jahre bleiben. Unentwegt kämpft sie aus dem Gefängnis weiter, schreibt Briefe und Verteidigungsreden, die irgendwie aus der Zelle herausgeschmuggelt werden. In einem Brief vom 22. Oktober 1994 an Kendal Nezan, einen langjährigen politischen Freund, hielt sie fest, sie sei durch die Schikanen und die Härte der Inhaftierung “weder traurig noch entmutigt noch viel weniger niedergeschlagen. (…) Ich ertappe mich in letzter Zeit immer häufiger, dass ich ins Träumen gerate. Manchmal bin ich dann frei wie ein Vogel in den Bergen Kurdistans, manchmal in der Menschenmenge in Diyarbakir, mitten zwischen meinen Leuten, umgeben von ihrer Zuneigung und Wärme. Meine Kerkermeister können meinen Körper einsperren, aber meine Gedanken kennen keine Gitter, keine Verbote, keine Grenzen.”

Anfang Dezember 1997, als die EU-Verhandlungen mit der Türkei liefen, wurde in den türkischen Medien mitgeteilt, Leyla Zana werde unter dem Vorwand ihres Gesundheitszustandes im Rahmen einer persönlichen Amnestie freigelassen. In der gleichen Mitteilung hiess es, der amerikanische Präsident Bill Clinton habe von der türkischen Regierung ihre Freilassung verlangt, quasi als Gegenleistung der Türkei, damit diese das Entrée-Billet in die EU erlange. Leyla Zana lehnte eine persönliche Amnestie ab, mit der Begründung, sie lasse sich als Person nicht zu Gunsten der Türkei instrumentalisieren, es gäbe für sie “draussen” ohnehin keine Freiheit, solange ihr Land und ihre Landsleute nicht in Freiheit lebten.

Sie ist seit Jahren von ihren Kindern getrennt, dem 1975 geborenen Ronay und der 1981 geborenen Ruken, die im Ausland leben. Der damals dreizehnjährigen Tochter schrieb sie 1994, kurz nach ihrer Inhaftierung: “Du kannst die Probleme nur bewältigen, wenn Du mit jemandem darüber sprichst. Wenn Du nicht darüber redest, werden sie immer drückender, bist Du nicht mehr ein noch aus weisst.”

Das Vertrauen in die Sprache als Gegenkraft zur Gewalt, in die weiterwirkende Kraft der Sprache im Aufbau verlässlicher Verhältnisse des Widerstands gegen die Gewalt war und bleibt nicht nur das Fundament ihres eigenen Kampfes, sondern ist auch die Botschaft, die sie an ihr Kind sowie an ihre Freundinnen und Freunde weitergibt.

“Redet! Ergreift das Wort! Drückt Euch aus, wie es Euch entspricht! Damit niemand mehr zu uns sagen kann: “Schweig Frau!” Wir weigern uns zu schweigen. Frei zu reden ist schon ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Freiheit.

Die aus der Unerträglichkeit  des fortgesetzten Unrechts aufbrechenden Aktionen des Widerstandes von Frauen gegen Gewalt und Menschenverachtung, für ein Leben ohne Angst, für ein Leben und Zusammenleben in Frieden sind Beispiele für die wunderbare Kraft, die sich aus dem Vermögen der Kreativität immer wieder Ausdruck schafft. Diese Kraft vermag, sich dem scheinbar Unausweichlichen entgegenzustellen, sie vermag, die durch Unterdrückungssysteme verhärteten Handlungs- und Leidensmuster aufzubrechen und die Möglichkeit einer Veränderung der Geschichte, eines Neuanfangs spürbar werden zu lassen. Und plötzlich wird die Hoffnung auf eine Welt, in der Kinder sich vorstellen können, als Erwachsene angstfrei zusammenzuleben, zum freudigen Tagtraum.

 

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