Ludwig Wittgenstein (geb. 1889 in Wien, gest. 1951 in Cambridge)

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 Ludwig Wittgenstein (geb. 1889 in Wien, gest. 1951 in Cambridge)

 

“Die Welt ist, trotz aller Ätherschwingungen, die sie durchziehen, dunkel. Eines Tages aber macht der Mensch sein sehendes Auge auf, und es wird hell. Unsere Sprache beschreibt zuerst einmal ein Bild. Was mit dem Bild zu geschehen hat, wie es zu verwenden ist, bleibt im Dunkeln. Aber es ist klar, dass es erforscht werden muss, wenn man den Sinn unserer Aussage verstehen will.”[1]

 

Ludwig Wittgenstein fasst bildhaft den Prozess der mit der Geburt einsetzenden Sinneswahrnehmung zusammen, welche sich mit dem Bedürfnis nach Benennung des Wahrgenommenen, nach Kommunikation und nach Hinterfragen der Richtigkeit und Sinnhaftigkeit des durch Sprache Vermittelten verbindet. Die “Ätherschwingungen”, von welchen er festhält, dass sie die dunkle, dem Erkennen verschlossen Welt – den Bereich menschlichen Lebens – durchziehen, sind die wortlosen Übertragungen, welche Empfindungen bewirken, wie Freud sie erkannte, und die beantwortet werden durch Gegenübertragungen, Mitteilungen im Austausch der menschlichen Empfindungen untereinander, welche jeder Art von Kommunikation zugrunde liegen und jede begleiten. Was über das Sehen, über das Hören, über das Riechen und Schmecken, über die körperliche Wahrnehmung von Kälte und Wärme wahrgenommen wird, erhält zusätzliche Bedeutung durch dessen Vermittelbarkeit in Worten.

Ludwig Wittgenstein’s Leben war während Jahrzehnten legendenumwoben[2]. Wie kam es, dass er zum kryptischen Sprachphilosophen und unermüdlichen Skeptiker, zum asketischen Dichter, zum verlässlichen Freund für viele Menschen wurde?

Ludwig Wittgenstein wurde am 26. April 1889 geboren, als achtes und jüngstes Kind einer der wohlhabendsten Familien Wiens. Den Familienamen Wittgenstein hatte der Urgrossvater Moses Meier erworben, der als Gutsverwalter beim Grafen Sayn-Wittgenstein angestellt gewesen war.  Der Grossvater war vom Judentum zum Protestantismus übergetreten und hatte den Vornamen Christian angenommen, heiratete 1838 Fanny Figdor, die sich ebenfalls taufen liess, die ihm acht Töchter und drei Söhne gebar, denen er, als sie erwachsen waren, verbot, Frauen oder Männer aus jüdischen Familien zu heiraten. Alle ausser sein Sohn Karl, Ludwig Wittgensteins Vater,  fügten sich diesem Assimilationsgebot, dessen Beachtung jedoch in keiner Weise die Herkunft – in dieser Geschichte die jüdische Herkunft – abzulegen ermöglichte. Ludwig Wittgensteins rebellischer Vater kümmerte sich weder um Gebote noch um Verbote, sondern floh nach New York, wo er einige Zeit als Kellner und Geiger lebte. Als er 1867 nach Wien zurück kam, erlernte er den Ingenieurberuf, wurde Zeichner in einem Walzwerk in Böhmen, dann Direktor und nach wenigen Jahren einer der geschicktesten und reichsten Industriellen im Stahlbereich des kaiserlich-königlichen Österreichs. Mit seiner Ehefrau Leopoldine Kalmus, deren Mutter katholisch, deren Vater jüdisch war, führte er einen Haushalt von aristokratischem Stil, der zu einem Zentrum der Musikkultur, der Kultur überhaupt wurde. Seine acht Kinder liess er katholisch taufen und gebieterisch-herrisch von Hauslehrern nach seinen Vorstellungen erziehen, seine Söhne mit der Forderung, dass sie seinen Spuren folgten. Doch ausser Kurt, der Firmendirektor, Offizier und Truppenkommandant wurde, der sich aber gegen Ende des Ersten Weltkriegs erschoss, als seine Truppen gegen ihn meuterten, folgte ihm keiner der Söhne. Hans, musikalisch hoch begabt, emigrierte nach Amerika, sprang 1902 von einem Boot und ertränkte sich. Rudolf, der ebenfalls künstlerische Talente hatte, zog nach Berlin, wo er sich 1904 mit Zyankali das Leben nahm.

Die schweren Verluste bewegten Karl Wittgenstein, die zwei jüngsten Söhne Paul und Ludwig ein öffentliches Gymnasium besuchen und die Laufbahn selber bestimmen zu lassen. Paul wählte Musik, während Ludwig nicht recht wusste, was er tun sollte. Da er technisch nicht unbegabt war, wurde er in Linz am Realgymnasium eingeschrieben (zwei Jahre unter ihm besuchte Adolf Hitler die gleiche Schule, wurde jedoch wegen ungenügender Noten entlassen). In Linz fühlte  sich Wittgenstein unglücklich und begann, an allem zu zweifeln. Den stärksten Einfluss übte auf ihn seine älteste Schwester Margarete – Gretl – aus, die Intellektuelle der Familie, zu welcher er die nächste Beziehung hatte, die bei Freud eine Analyse machte, sich mit Freud befreundete und diesem 1938, nach dem Anschluss Österreichs, in letzter Minute zur Flucht nach London verhalf. Über Gretl wurde Wittgenstein auch mit den Schriften von Karl Kraus bekannt, las dessen satirische Zeitschrift “Die Fackel”, kannte wohl auch dessen antizionistisches Traktat “Eine Krone für Zion”, worin Herzl als reaktionär verhöhnt wurde, mit der Begründung, dass die Juden sich nur durch bedingungslose Assimilation und durch eine mutige sozialistische Parteinahme befreien konnten. In derselben Zeit wurde auch Otto Weininger zur Kultfigur. 1902 hatte er sein von Selbsthass und Frauenhass geprägtes Buch “Geschlecht und Charakter” veröffentlicht, 1903 beging er Selbstmord. Weiniger übte auf Ludwig Wittgenstein einen starken Einfluss aus.

Die Skepsis, die das Fundament von Wittgenstein’s Werks bildet, hat in seiner Kindheits- und Jugendgeschichte ihren Ursprung. Er wurde Flugzeugbauingenieur, nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil, schrieb in Galizien hinter der Front seinen “Tractatus” und war als Kriegsgefangener in Italien interniert. Verzweifelt suchte er für sein knappes und aufwühlendes, mathematisch geregeltes Denkwerk einen Verleger zu finden. Dabei trat er mit dem Logiker Gottlob Frege und mit Bertrand Russell in Briefkontakt, in Vorbereitung seines eigenen späteren Weges.

Zuerst aber wurde Ludwig Wittgenstein Volksschullehrer in einem armen kleinen Dorf – Trattenbach – in Nieder-Österreich. Er versuchte, eine Art Schulreform umzusetzen, versagte in dieser Tätigkeit aber und brach das Experiment ab, vereinsamt und verzweifelt. Er verzichtete auf sein gesamtes Vermögen zu Gunsten seiner Schwestern und seines Bruders, zog für zwei Jahre nach Berlin, dann nach Manchester, vordergründig beide Male wegen des Flugzeugbaus, tatsächlich aber wegen seines Erkenntnishungers, dem er schliesslich Folge leistete. Er begann, bei Russell in Cambridge mathematische Logik zu studieren, bis dieser seinem “Schüler” nichts mehr beibringen konnte. Cambridge wurde zu Wittgensteins Wohn- und Wirkungsort, zum Ort wichtiger Beziehungen und ständiger Fortsetzung seiner  philosophischen Suchaktion, mit kurzen Unterbrüchen – selten in Wien oder auf dem Wittgenstein’schen Sommergut in Tirol, vor allem in Norwegen, wohin er sich häufig zurückzog -, wurde auch zum Ort des prekären Exils während der Zeit der Naziherrschaft und der Bedrohung Englands.

Der eigentliche “Ort” Wittgensteins war er selbst, er bedurfte keines anderen Eigentums als jenes der Übereinstimmung mit sich selbst, keiner anderen Gewissheit als jener, die er bis zu seinen letzten Überlegungen festzuhalten versuchte: die Gewissheit, beruhend auf dem Wissen, dass er mit seinem “Ich” zurecht kam und nicht an sich zweifelte, so dass das ständige Zweifeln an dem, was ein Wort bedeutet, überhaupt möglich wurde. “Zweifelndes und nicht zweifelndes Benehmen: Es gibt das erste nur, wenn es das zweite gibt”[3], hielt er, an Krebs erkrankt, in den letzten Monaten seines Lebens noch fest. Diese Feststellung wird begleitet von Beispielen des unablässigen Fragens nach dem Sinn jedes Wortes, vergleichbar dem ständigen Erwägen des richtigen Werkzeugs im Handwerk, wo die Art des Einsatzes die Wirkung des Werks bestimmt: “Ist nicht die Frage ‘ Haben diese Worte Sinn?’ ähnlich der ‘Ist das ein Werkzeug?’, indem man, sagen wir, einen Hammer herzeigt. Ich sage ‘Ja, das ist ein Hammer’. Aber wie, wenn das, was jeder von uns für einen Hammer hielte, woanders z.B. ein Wurfgeschoss oder Dirigentenstock wäre. Mache die Anwendung nun selbst![4]

Liegt in dieser Aufforderung Wittgensteins Vermächtnis? – so lässt sie sich deuten. Die Art der “Anwendung” obliegt jedem denkenden Menschen. *

 

[1] Ludwig Wittgenstein. Schriften. Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914 – 1916. Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.  1960. – Aus: Philosophische Untersuchungen. Teil II / VII, S. 495

[2] Genaue biographische Angaben bei Ray Monk “Wittgenstein. Das Handwerk des Genies”. Verlag Kett-Cotta, Stuttgart 1992. (Übersetzung von Ludwig Wittgenstein. The Duty of Genius. Onathan Cape Ltd. London / The Free Press, New York 1990), sowie bei Allan Janik & Stephan Toulmin. Wittgensteins Wien. Carl  Hanser Verlag, München/Wien 1984. Übersetzung von: Wittgenstein’s Vienna. Simon and Schuster, New York 1973).

[3] Nr. 354 in “Über Gewissheit”

[4] ibid. Nr. 351

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