Zum Schutz der Freiheit des Verborgenen – Gedanken zum postplatonischen, existenzphilosophischen Dualismus von Johana Renas (geb. 1934)

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Zum Schutz der Freiheit des Verborgenen[1]

Gedanken zum postplatonischen, existenzphilosophischen Dualismus von

Johana Renas (geb. 1934)

publiziert in: “Für Hans Saner – Eine Festschrift anlässlich seines 70. Geburtstages”, Campus Muristalden Momente, Januar 2005

 

“Le dualisme a mauvaise réputation. Les philosophes, ces ‘arrangeurs’, ne peuvent souffrir une métaphysique qui n’arrange pas tout. Sans doute est-ce la fonction de la pensée de tout arranger autant que possible, de résoudre toutes les contradictions, de faire toujours l’unité. Mais on ne remarque pas assez que la pensée dérange avant d’arranger, et même qu’elle dérange tout en arrangeant. L’éveil de la pensée, c’est la naissance d’une division dans l’homme”.[2]

Simone Pétrement ist 25 Jahre älter als Johana Renas. Zwischen den zwei Denkerinnen besteht eine Art Verwandtschaft des Denkens, die beiden, wie ich annehme, unbekannt ist. Insbesondere die kritische, postplatonische Auseinandersetzung mit der zentralen Frage des Menschen nach seiner Identität ist es, was Johana Renas mit Simone Pétrement verbindet. Um dies verständlich zu machen, will ich zuerst kurz auf Simone Pétrement eingehen, um in einer Art denkerischer Mäanderbewegung zu Johana Renas zu gelangen.

Simone Pétrement, die gemeinsam mit Simone Weil im Lycée Henri IV bei Alain (alias Emile Chartier) studiert hatte, zitierte nicht nur Alain’s spöttische Überlegung über die Philosophen als “ces arrangeurs” des Denkens, im Gegenteil. Sie nahm sie ernst und war gewillt, als Denkerin eher zu “derangieren” als zu “arrangieren” resp. eher zu “ver-rücken” als “zurecht zu rücken”. Sie hielt fest, dass mit dem Denken das Wagnis einer Spaltung im Menschen erwacht, einer  Komplexität im Erkennen des vielfältig Nichtübereinstimmenden von Körper und Geist, das nicht “rückgängig” gemacht werden kann – “qui est irréductible”. Allerdings sei dies nicht so auf Grund eines Mangels der denkerischen Methode, im Gegenteil; darin bestehe die Stärke und das Leben. “Le dualisme, c’est-à-dire la distinction irréductible de deux natures (en l’homme), n’est pas une imperfection de certains systèmes, mais il en est la force et la vie. Ce n’est pas l’impuissance de découvrir l’unité, mais le refus volontaire de l’unité”[3].   Es handle sich nicht um eine Unfähigkeit, Einheitlichkeit zu enthüllen, sondern um die freiwillige Ablehnung von Einheitlichkeit, resp. von der “Knechtschaft” der Einheitlichkeit (in Erinnerung an Etienne de la Boëtie’s Klage über die ” servitude volontaire”, mehr als 500 Jahre vor Simone Pétrement und vor Johana Renas).

Wir finden bei Simone Pétrement eine Suche nach dem Verborgenen im Menschen, mithin in ihr selbst als menschlichem Wesen, mit dem Wagnis, dadurch von den Philosophen der Schulsysteme – “ces arrangeurs” – nicht anerkannt zu werden, die sich allein als befähigt erklären, die Prozesse des Denkens und Erkennens als Wissenschaft des Erkennens des Seienden resp. als Metaphysik zu vertreten. Sie wollte der Vielfalt des Nichtübereinstimmenden im Menschen näher kommen, das trotz dessen Fähigkeit zu denken und zu erkennen nicht lösbar ist. Sie wollte dem Geheimnis der Leidenschaft nachgehen, die, wie sie schreibt, den Körper antreibt wie eine Maschine: …”une passion est un mouvement du corps, le corps est une machine, ce n’est pas une pensée”.[4] Leidenschaft – “passion”, abgeleitet vom griechischen “pati”“leiden”, ist die eigenwillige, tatsächliche  Triebkraft des Körpers; sie hat nichts mit dem Denken zu tun, wie Simone Pétrement festhält. Doch wie lässt sich die Erkenntnis von Leidenschaft und von Leiden aussprechen, ohne dass das Denken mitwirkt? Ist nicht die Sprache mit dem Regelsystem der Grammatik das Instrument des Denkens?

Doch gerade dieses Regelsystem kommt mit der Sprache des Körpers nicht zurecht. Was nicht aussprechbar und daher nicht klar erkennbar ist, da es sich dem Denken entzieht, geht für Simone Pétrement mit der sokratischen Haltung der Bescheidenheit einher, Bescheidenheit im Akzeptieren der Sinnhaftigkeit des Dunkeln und Verborgenen im Menschen, Bescheidenheit, welche sich mit dem Empfinden von Schwäche – von “faiblesse” – verbindet. Gerade die ist von Bedeutung: die Ahnung von Wahrheit hängt davon ab. “Le principe de toute faiblesse à l’égard des passions, c’est la croyance que les instincts du corps sont une pensée obscure, mais profonde et sage, qu’elles ont leur source dans une divination profonde de la vérité”.[5] Es gibt somit ein anderes Wissen als jenes, das mit der Methode von Verstand und Vernunft erschlossen wird, ein Wissen, das dem “Erahnen” – der “divination” – und dem Empfinden nahe kommt, das dem religiösen Glauben verwandt ist oder dem psychoanalytischen Deuten des Unbewussten. Von jeder Wahrheits- und Alleinrichtigkeitserklärung hält es sich in grosser Distanz. Doch wie gelangt der Mensch zum Erkennen des Verborgenen in sich, ohne Selbstbetrug und ohne gehäutet zu werden? Beruht der geflügelte Wert von “Identität”, des geheimnisvollen “idem-eadem-idem”, nicht auf einer Täuschung, nachdem die Komplexität der Spaltung, die mit dem Denken einsetzt, nicht rückgängig gemacht werden kann?  “Je fuis et je m’accroche à toutes les croisées / d’où l’on tourne l’épaule à la vie”… zitiert Simone Pétrement aus einem der Klagelieder von Stéphane Mallarmé. Doch Flucht wovor? – Warum das Sich-Anklammern an Kreuzungen mit dem Rücken zum Leben? Was ängstigt den Menschen?

In diesem Zusammenhang tritt Johana Renas in den Dialog ein. Es ist ein kleiner Teil des von von ihr über Jahrzehnte fortgesetzten Denkprozesses, den ich aufgreife. Mit ihren Überlegungen zu den “Gefahren der Identität” (Johana Renas, 1988)[6], geht sie der Vielschichtigkeit menschlicher Besonderheit nach. Sie dehnt den post-platonischen Dualismus, den Simone Pétrement existenzphilosophisch entfaltet, noch weiter aus. Zusätzlich zur vielfach quälenden Spaltung zwischen den Kräften des erkennenden Geistes und den drängenden Kräften des Körpers, die für Simone Pétrement im Mittelpunkt der Beachtung stehen, geht Johana Renas auf die Nichtübereinstimmung der epistemischen und der existentiellen resp. der vitalen sowie der kulturellen und sozialen Teile des Menschen in seiner personalen Besonderheit ein. Johana Renas warnt, dass jede ausschliessliche Anklammerung an e i n e n Teil unheilvoll sei. “Vitale Identität in ihrer Selbstbehauptung kann alle anderen (Teile) gefährden” hält sie fest, “ich kann mich im Ausleben verleben und darin ein existentielles Nichts und ein kultureller Banause werden”[7], ein “Nemo” im Sinn der Romanfigur von Juri Rytchëu.[8] Wichtig erscheint Johana Renas “zu zeigen, dass der Mensch nicht allein zerstört wird, wenn er vor lauter Differenz alle Identität verliert, sondern auch, wenn er vor lauter Identität alle Differenz verliert. (…) Der Reflexion angemessen ist die Identitäts-Distanz, man könnte auch sagen: die Identität, die die Nicht-Identität einschliess”.[9] Johana Renas warnt vor der Verstümmelung der Besonderheit des Menschen, vor seiner inneren Amputation aus Angst, zugleich so und anders zu sein, vor jeder angstbesetzten einseitigen Identitätserklärung, welche die innere Differenz ausschaltet. “Jede Identitätskrise setzt eine Klammerung an Identität voraus, und vielleicht ist, genau bedacht, die Sehnsucht nach Identität nur möglich, weil Identität schon in der Krise ist”.[10] Doch “Krise”, das wissen wir, heisst Höhepunkt einer leidvollen Entwicklung, heisst Entscheidung.

Entscheidung wofür? Johana Renas kommt zur Erkenntnis, dass “wenn personale Identität schon in jeder ihrer Facetten problematisch ist, so wird sie als Ensemble der Facetten vollends enigmatisch. Der Begriff der personalen Identität ist eben bloss ein Grenzbegriff, der den Schnittpunkt divergierender Sehnsüchte bezeichnet, aber nicht eine einheitlich objektivierbare Sache. Ihm entsprechen für Momente facettenhafte Realitäten in unserem Gestimmtsein, aber vielleicht nicht mehr”.[11] Hier ergibt sich nicht nur eine Nähe zu Mallarmé’s Klage über das “Sich-Anklammern an Kreuzungen”, hierin stimmen die beiden Denkerinnen überein: in der Knappheit der geheimnisvollen inneren Wahrnehmung – bei Johana Renas in den Momenten besonderen “Gestimmtseins”,  bei Simone Pétrement in jenen der verinnerlichten Ahnung, der  “divination profonde” – kommt der Mensch zu sich selbst im Erkennen der von einander gespaltenen Teile seines Ich, die sich widersprechen und sich gleichzeitig ergänzen.

Doch wie geht der Mensch mit dieser “divination profonde” um, ohne sich “anzuklammern”? Wie geht er vom “Schnittpunkt divergierender Sehnsüchte” weiter? Im Moment des sich selber Erkennens ist der Mensch der Frage des sich selber Akzeptierens ausgesetzt, des Akzeptierens der genetisch vermittelten Millionen Teile der Körperlichkeit, der Geschichten der Vorfahren – Völkergeschichten im eigenen Ich -, der Mangelgeschichten und Geniegeschichten, der angestauten Ängste und Rachebedürfnisse, der erlebten Leiden und weitervermittelten Sehnsüchte, der Liebe zum Leben – dem vielen, was nicht gewählt werden konnte. Gleichzeitig der Frage des Akzeptierens der durch das eigene Denken und Erkennen, durch das eigene Entscheiden und Handeln mitverursachten Widersprüche, die ebenfalls vernetzt sind mit dunkeln, verborgenen Wünschen und Bedrängnissen, die von aussen betrachtet der Geschlechtlichkeit, dem Alter und dem Status von Wissen widersprechen, die sich jedoch dem eigenen inneren Blick offenbaren, da Wahlmöglichkeiten bestanden.

Es ist die Vielfalt des Nichtübereinstimmenden, welche mit der Frage nach der Besonderheit der “Identität” Akzeptanz fordert. Immer wieder stellt sich dem Menschen die Frage mit pochender Dringlichkeit, immer wieder, ob im Alltag oder an einer “croisée”, einem “Schnittpunkt” des Lebenslaufs, wobei die Flüchtigkeit des Moments wie die Vielheit der Kräfte und Sehnsüchte ein Verharren nicht zulassen, sondern ihn/sie weiter treiben. “Geleitet durch den Telos, suchen wir etwas, was es nicht gibt und was wir nicht machen können, weil, mythisch gesprochen, wir nicht Götter sind”, führt Johana Renas aus, analog zum klagenden Ton von Lamartine, den Simone Pétrement zitiert: “Borné dans sa nature, infini dans ses voeux / L’homme est un dieu tombé qui se souvient des cieux”.[12] Wozu dient somit das erkennende Denken dem Menschen selbst? Ist es nicht ein trügerisches und sinnloses, letztlich qualvolles Streben, wie es – als Beispiel – Albert Camus im “Mythe de Sisyphe” oder in “L’étranger” schildert?

Doch halt, ist es notwendig, ist es unausweichlich, dass existentielle Besonderheit als schwerer Stein, als Beziehungsleere, als lähmende Fremdheit auf dem Menschen lastet? Geht nicht die von Platon überlieferte, sokratische Erkenntnis der “psyche”, des den Menschen prägenden Göttlichen, einher mit der verborgenen Kraft, die “Freiheit” heisst und die im Moment der Frage nach Akzeptanz der eigenen Widersprüchlichkeit unter den Bedingungen von Körper und Zeit, von vielfältiger Zugehörigkeit und Besonderheit ermöglicht, diese Teile des Ich schulterzuckend zu akzeptieren, wann, wenn nicht jetzt? – trotz des nicht wählbaren resp. nicht gewählten “Falls” in die Erdengeschichte, die zu leben aufgetragen ist. Bestätigt sich nicht hierin der Wert der Bescheidenheit, den Simone Pétrement in ihrer postplatonischen Aufarbeitung des menschlichen Dualismus als existenzphilosophische Grundhaltung entwirft, als eine Grundhaltung der kreativen Akzeptanz des damit einhergehenden skeptischen und zugleich staunenden Vorweg der Selbsterkenntnis wie zugleich des Nicht-Erkennenkönnens verborgener Teile des Ich? Besteht hierin nicht der Wert des gelebten Lebens, jener Wert, der – vielleicht – mit “personaler Identität” übereinstimmt?

Als ich bei der Vorbereitung meines kleinen Beitrags zum heutigen Abend Johana Renas’ Überlegungen wieder las, spürte ich die Dringlichkeit dessen, was Schutz der Freiheit des Verborgenen bedeutet: ihre Warnung vor jeder Art von “manirierter Existenz”, in welcher der Mensch sich selbst zur “objektivierten Sache” macht, zum “Prothesengott in Menschengestalt”, zum “lächerlichen und schädlichen Phantom”, das, nach ihrer Wahrnehmung, wie sie schreibt, “Vereinsamung durch den Mangel an Inkonsequenz”[13]  bewirkt. Einmal mehr  wurde mir klar, wie wenig Philosophie dem Menschen in der Zerrissenheit der dualistischen Theorien zu erleichtern vermag, wenn Philosophie die gleichzeitige Vielfalt lebendiger Wirklichkeit abweist und Flucht in die abstrakte Erkenntniswelt der Metaphysik empfiehlt. Damit Philosophie zur existenzstärkenden Klärung der menschlichen Widersprüchlichkeit beitragen kann, bedarf sie der Intensität und Offenheit des Dialogs, der Sorgfalt der Sprache, resp. der Fortsetzung der Skepsis im Sinn des ständigen Fragens und Nachdenkens; gleichzeitig bedarf sie der Lust des Entdeckens und des Erprobens anderer Möglichkeiten des Rhythmus, auch anderer Tonarten im Erkunden der eigenen Saitenvielfalt wie der Vielfalt von Spannung und Klang in jedem Menschsein. Es war Orpheus, der die Kithara und den Gesang, ja die Musik entdeckt hatte!

Es geht um die Zustimmung zum Mut, wozu Johana Renas wie auch Simone Pétrement aufwecken. Zustimmung zum Mut? – fragen Sie. “Mut” beruht von der etymologischen Deutung her auf der Silbe “my-, mu-“, die in allen indogermanischen Sprachen – im Griechischen wie im Deutschen – die Bedeutung von “tönen”, “Ton” hat. Mut heisst, beim Denken auf den verborgenen Ton des Herzrhythmus achten, heisst, die Angst, die den Ton zum Verstummen bringt und den Rhythmus zum erschöpfenden Galopp zuspitzt, auf die Ursachen, die hinter der Angst verborgen lauern, hinterfragen. Wenn die Zustimmung zum Mut gelingt, bedarf es weder der Uniform noch des Scheins von Einheit im Denken noch des Gehorsams im Mit- und Nachmarschieren noch jenes von Feinderklärung; es bedarf nicht mehr des Kierkegaard’schen Entweder-Oder. In der Komplexität des Menschseins, das in der vielschichtigen Geprägtheit und Abhängigkeit sowie in der Sehnsucht zu erkennen und zu wissen, gleichzeitig in der Sehnsucht, weibliches und männliches Menschsein zeitlos- bedingungslos umzusetzen, ständig in Grenzsituationen mit sich selbst gerät, erweist sich, meine ich, die Weisheit von Johana Renas weit über die post-platonische Dualität hinaus auf besondere Weise: es ist die Zustimmung zum Mut in der Akzeptanz des vielschichtigen eigenen Ich, das sich dem Wissen aufdrängt und zugleich entzieht, mit allem, was auf dem Menschsein in seiner Zeitlichkeit, dem Tod ausgesetzt, lastet. “Toi, le plus fier de mes complices, / Et de mes pièges le plus haut, / Tu gardes les coeurs de connaître / Que l’univers n’est qu’un défaut / Dans la pureté du non-être”. Mallarmé’s klagendes Lied wird von Johana Renas’ Erkenntnis ergänzt, nicht klagend, sondern akzeptierend: “Das Paradox ist unaufhebbar: Man muss den Irrtum als Möglichkeit wollen, um wahr sein zu können (…), um ein wirklicher Mensch zu bleiben”[14].

So schliesse ich ab. Ich danke für die warme Aufmerksamkeit, die Sie bei der Entdeckung der unbekannten Johana Renas bekunden.

 

[1] Der Text beruht auf einem Referat anlässlich des Geburtstagsfestes von Hans Saner am 3. 12. 2004 im Campus Muristalden, Bern

[2] Simone Pétrement, Le dualisme chez Platon, 1947, p. 332

[3] cf. 2, S. 338

[4] cf. 2, S. 338

[5] cf. 2,  S. 338

[6] Hans Saner. Identität und Widerstand. Lenos Verlag, Basel 1988, S. 138-139

[7] cf. 6, S. 147

[8] Juri Rytchëu. Im Spiegel des Vergessens. Unionsverlag, Zürich 2001

[9] cf. 6, S. 138-139

[10] cf. 6, S. 139

[11] cf. 6, S. 147

[12] cf. 6, S. 344

[13] cf. 6, S.149

[14] cf. 6, S. 148-49

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