Hannah Arendt – Biographische Schwerpunkte

Hannah Arendt – Biographische Schwerpunkte[1]

 

Als Hannah Arendt am 14. Oktober 1906 in Hannover als Tochter von Paul Arendt und Martha Cohn Arendt zur Welt kam, prägte eine Grundstimmung des Optimismus das Umfeld des kleinen Mädchens. Das junge Paar stammte aus wohlhabenden und gebildeten Familien aus Königsberg; es war ein breites und vielfältiges Interesse, das die zwei Menschen verband, auch das Interesse an sozialistischen Reformideen, die allerdins eher Eduard Bernstein als Rosa Luxemburg nahe standen. (Später – gegen Ende des Ersten Weltkriegs – unterstützte Martha Arendt jedoch  den Spartacus-Bund, insbesondere als dieser zu einem Aufstand aufrief und einen Generalstreik bewirkte; Rosa Luxemburg verehrte sie als ungewöhnliche, mutige Frau und war erschüttert, als sie erfuhr, dass sie durch Mitglieder des Freikorps am 15. Januar 1919 aufs grausamste ermordet worden war). Martha Cohn hatte nach den üblichen Grundschulen in Königsberg über drei Jahre in Paris zugebracht, wo sie Sprachen und Musik studieren konnte; sie war ebenso warmherzig wie offen und lebensklug, auch stand sie in freundschaftlichem Kontakt mit Frauen, die Kindergärten und Schulen gründeten und diesen vorstanden. Paul Arendt, der in der Königsberger Universität Albertina ein Ingenieurdiplom abgeschlossen hatte, interessierte sich ebenso sehr an griechischer Philosophie und an Literatur, wirkte jedoch eher verschlossen, von robuster Art und schwer zugänglich. Dass er an Syphilis erkrankt war, verheimlichte er Martha Cohn gegenüber nicht. Sie hatten beschlossen, trotzdem zu heiraten und hofften, dass die Syphilis-Infektion durch eine Malaria-Infektion geheilt würde. Die junge Ehefrau wurde nicht angesteckt. 1910, als Hannah Arendt 4 Jahre alt war, zog die kleine Familie nicht nach Berlin, wo sie vorher gelebt hatten, sondern nach Königsberg zurück; Paul Arendts Krankheitszustand verschlimmerte sich. 1911 wurde er in eine psychiatrische Klinik überwiesen, im Oktober 1913 starb er. Im März des gleichen Jahres hatte Hannah Arendt schon ihren Grossvater – Max Arendt – verloren.

Der Verlust dieser zwei Vatergestalten, noch bevor sie acht Jahre zählte, war ein Trauma, das ihre weitere Entwicklung zutiefst beeinflusste. Zudem setzte ein Jahr später der Erste Weltkrieg ein, der nach dem Abzug der Russischen Armee in Königsberg eher am Rand der Geschehnisse erlebt wurde, jedoch grosse Nahrungsmittelknappheit und später Inflation bewirkte, die auch auf Martha Arendt und ihrer Tochter, ja auf der ganzen mütterlichen Familie lastete. Dazu kam es infolge der schweren Pogrome in Russland zu vielen Flüchtlingen in Königsberg[2], dieser am Einfluss der Pregel ins Frische Haff mit dem geschützten Zugang zur Ostsee gelegenen reichen Handelsstadt – auch der Stadt Immanuel Kants -, die während längerer Zeit einen sicheren Ort darstellte.

Hannah Arendts Kindheitsgeschichte wurde von ihrer Mutter in täglichen Aufzeichnungen festgehalten. Sie war ein hoch empfindsames Kind, das immer, wenn Angst, Kummer und Trauer sie belasteten, krank wurde und Wochen der besonderen Pflege und Aufmerksamkeit beanspruchte. So verpasste sie oft über längere Zeit den Schulunterricht, holte aber alles Wissen schnell nach. Gleichzeitig lernte sie von ihrer Mutter, sich zu wehren und furchtlos Mut zu zeigen. Im Gegensatz zu anderen Frauen früherer Generationen, auf die Hannah Arendt selber eingehen wird, war ihre Mutter für sie ein fester, innerer Halt und ein Vorbild im Verhalten gegenüber offiziellen Autoritätspersonen sowie gegenüber rassistischen, antisemitischen oder politischen Angriffen. Primarschule und Religionsunterricht in Königsberg waren geprägt von dieser Offenheit, gleichzeitig vom Gefühl der Geborgenheit in der grossen Cohn’schen Herkunftsfamilie ihrer Mutter; die Gymnasialzeit turbulenter, mit Unterbrüchen, Wechseln und Eigenstudium, schliesslich – ein Jahr vor ihren Schulkolleginnen – mit dem Bestehen der Abiturprüfungen in Berlin (wo sie bei Romano Guardini Theologievorlesungen zu Thomas von Aquin besuchte, Griechisch studierte und mit dem Werk von Sören Kierkegaard bekannt wurde). All dies ging einher mit der Neuverheiratung ihrer Mutter 1920 mit Martin Beerwald, einem Witwer mit zwei Töchtern – Clara[3] und Eva -, damals zwanzig und neunzehn Jahre alt, beide vielseitig musikalisch begabt, in jeder Hinsicht stiller und bescheidener als Hannah Arendt, die als trotzig-eigenwillige, draufgängerisch-ehrgeizige und sehr selbstsichere junge Frau galt, die sich damals wenig in die neue Familie einordnen mochte (was sie später korrigierte), sondern einen Kreis von Freunden und Freundinnen um sich schuf, deren Freundschaft sie während der Studienjahre und zum Teil bis zum Lebensende begleitete.

Dazu gehörte Anne Mendelssohn, eine Nachfahrin von Felix Mendelssohn (einem Enkel Moses Mendelssohns), die Hannah Arendt durch Ernst Grumach, ihren damaligen Freund, kennenlernte. Die Freundschaft  mit Anne Mendelssohn gehörte zu den wichtigsten Beziehungen in Hannah Arendts Leben. Es war Anne Mendelssohn, die Hannah Arendt 19214 während der Studienzeit in Marburg[4] vielfach beistand, als sie zusätzlich zum Theologiestudium in Berlin ihr Philosophiestudium begann und die heimliche und unheimliche Liebesgeschichte mit dem viel älteren, verheirateten Martin Heidegger erlebte, dessen Söhne etwa im gleichen Alter waren wie sie und der nach einem Jahr die Beziehung zu dieser ungewöhnlichen Studentin wieder auflösen wollte. Die grosse Traurigkeit, die Hannah Arendt dadurch erfüllte, suchte sie in der Auseinandersetzung mit sich selber in ihrer Eigenverantwortung zu lösen; sie machte Heidegger weder Anschuldigungen noch Vorwürfe und hielt diese Linie auch nach dem Krieg ein, obwohl sie von seiner erfolgssüchtigen Nazimitgliedschaft und seinem widerlichen Verhalten gegenüber seinem alten Lehrer Edmund Husserl wusste, dem Rektor der Universität Freiburg im Breisgau, den er als “Juden” verdrängte. Sie ging auf den Rat Anne Mendelssohns auf  jüdisch-deutsche “Vorfahrinnen” ein, insbesondere auf Rahel Varnhagen[5], deren Wissenshunger und Liebeshunger für sie in ihrer selbstanalytischen Arbeit viele Parallelen zeigte, und sie entschied sich, Günther Stern (Günther Anders)[6] zu heiraten, einen vier Jahre älteren Kindheits- und Familienfreund aus Königsberg.

Günther Stern, der Philosophie bei Husserl studiert hatte, vertrat in politischer Hinsicht eine sehr eigenständige, kommunistische Linie, er war feinfühlend, jedoch schwer zugänglich und ohne Kenntnis der inneren Welt seiner Frau, sie waren einander nah und gleichzeitig fremd. Er blieb Hannah Arendt immer in verlässlicher Freundschaft verbunden, auch nachdem sie als Paar durch die politische Entwicklung in Deutschland ab 1933 getrennt lebten, resp. als zuerst Günther Stern, später Hannah Arendt nach Paris floh. Offiziell waren sie ab 1936 getrennt, nachdem in Paris Hannah Arendts Beziehung mit Heinrich Blücher begann und Günther Stern in die USA emigrierte. Sie liessen sich offiziell scheiden, als ein Heiratspapier Voraussetzung war, damit ein amerikanisches Visum für Hannah Arendt wie für Blücher 1941 die Flucht aus Europa in die USA ermöglichte (von Günther Stern unterstützt), auch für Hannah Arendts Mutter, all dies im letzten Moment, nachdem Blücher in ein Internierungslager und Hannah Arendt ins Konzentrationslager Gurs verlegt worden waren, aus welchen sie sich mit Glück befreien konnten.

Nach Abschluss des Studiums bei Karl Jaspers (mit einer Dissertation über den “Liebesbegriff bei Augustin”[7]) war die Zwischenzeit in Berlin von grosser Bedeutung für Hannah Arendts politische Linie. Sie suchte nach einer Linie, um sich aus ihrer persönlichen, inneren Enklave zu lösen und das Bewusstsein ihrer Zeitgenössigkeit nicht nur zu klären, sondern auch zu realisieren, ohne einer ideologischen Gruppierung sich anpassen zu müssen. Sie war in häufigem Kontakt mit Kurt Blumenfeld, der mit ihrem Vater befreundet gewesen war und der der deutschen zionistischen Bewegung vorstand. Sie befasste sich mit Lessing, mit Herder und Hegel, mit der jüdischen Assimilationsgeschichte in Deutschland sowie mit dem Verhängnis jeder Art von Massenbewegung, die in einseitigen Fanatismus[8] mündet. Diese kritische Haltung äusserte Hannah Arendt auch dem Zionismus gegenüber; sie wurde nie Mitglied, war jedoch bereit, sich in öffentlichen Vorträgen als politische Jüdin einzusetzen und im Auftrag Kurt Blumenfelds antisemitische Aufhetzungen in Verbands- und Berufszeitungen zu untersuchen. In diesem Auftrag wurde sie in der Preussischen Staatsbibliothek von der Gestapo bespitzelt  und gemeinsam mit ihrer Mutter gefangengenommen, als sie zusammen frühstückten. Einzeln wurden sie verhört, Martha Beerwald wurde frei gelassen, während ihre Tochter eine Woche lang in Haft war, jedoch dank ihres geschickten und angstfreien Auftretens ohne Folter oder andere schwere Erfahrungen aus der Haft entlassen wurde. Mit ihrer Mutter floh sie durch das Erzgebirge nach Prag, dann nach Genf und schliesslich nach Paris.

Auf  all die wichtigen Kontakte und Begegnungen, Auseinandersetzungen und Freundschaften, die sich in Paris entwickelten, kann aus zeitlichen Gründen nicht eingegangen werden. Wichtig war für Hannah Arendt die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt und jenen Günther Sterns selber zu verdienen, durch Sekretariatsarbeit bei einer zionistischen Organisation, welche Jugendlichen eine kurze Ausbildung in “agriculture et artisanat” sowie Hebräischunterricht ermöglichte, bevor sie nach Palästina auswanderten, später bei anderen[9]Organisationen. Als ihr angeboten wurde, eine Gruppe junger Menschen auf der Reise von Marseille nach Haifa zu begleiten, erlebte sie bei einem Halt in Griechenland die Schönheit der ionischen Tempel, ein Erlebnis, das sie zutiefst prägte. Später wird sie auf weiteren Reisen dieses Erlebnis wieder zu wecken und zu vertiefen versuchen.

Von grosser Bedeutung für Hannah Arendt war die vielfältige Erfahrung mit unterschiedlichsten Menschen ihres “Volkes”, die in Paris als Flüchtlinge zu überlebten versuchten, die einen mit viel Geschick und die anderen unter erbärmlichen Bedingungen. Die Unterscheidung von “Parvenus” und “Parias”, die für sie schon bei der Arbeit um Rahel Varnhagen von Bedeutung war, setzte sich hier fort und wurde bestätigt. Sie suchte sich mit ihrer eigenen Geschicklichkeit für scheuere und ungeschicktere Menschen einzusetzen, damit sie weniger diskriminiert wurden, nicht nur von Seiten Frankreichs, das sich weigerte, Flüchtlingen Papiere auszustellen und das gleichzeitig Menschen ohne Papiere keine Arbeit ermöglichte. Was sie vor allem beschäftigte, war die Tatsache der innerjüdischen Diskriminierung, sei es von Seiten des “Consistoire de Paris” gegenüber den “Einwanderern”, sei es von Seiten der deutschen Juden gegenüber den “Ostjuden” resp. den “Polaken”, wie sie genannt wurden. Die Hintergründe und Folgen dieser inner-rassistischen Verhaltensformen belasteten Hannah Arendt; sie wird in Zusammenhang des Eichmann-Prozesses erneut darauf stossen.

Zu den bedeutenden Menschen aus Hannah Arendts eigenem Kreis gehörte Anne Mendelssohn Weil, die zur gleichen Zeit in Paris weilte, sodann Walter Benjamin, dieser bedeutende, scharfsinnige Denker und Gesellschaftsanalytiker, ein entfernter Verwandter von Günther Stern, der ihr 1941, als er von Südfrankreich aus über die Pyrenäen nach Spanien zu fliehen versuchte, einen Teil seiner Schriften anvertraute, die sie nach New York retten konnte; Walter Benjamin nahm sich in Port Bou das Leben, als Spanien kein Durchreisevisum zugestand.

Einem ganz anderen Kreis politischer Flüchtlinge begegnete Hannah Arendt 1936 über Heinrich Blücher[10], der als deutscher Arbeitersohn – der Vater starb durch einen Fabrikunfall vor seiner Geburt – und Spartakist, d.h. als Kommunist im Sinne Rosa Luxemburgs, durch Abendstudium sich ein grosses Wissen aufgebaut hatte. Zunehmend wurde er zu einem Kritiker jedes doktrinären Marxismus, den er selber in Deutschland erlebt hatte und dessen Weiterentwicklung er mit grosser Aufmerksamkeit in Frankreich, im stalinistischen Russland und anderswo verfolgte.

 

 

[1] Eine sehr genaue, gut dokumentierte Biographie liegt vor in: Elisabeth Young-Bruehl. Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1986. (Die amerikanische Ausgabe erschien 1982 bei Yale University Press, New Haven / London, unter dem Titel: Hannah Arendt. For Love of the World. Die Übersetzung erfolgte durch Hans Günter Holl).

[2] in der stalinistischen Zeit bis zur “Wende” 1989 Kaliningrad genannt

[3] Clara Beerwald, eine schon bekannte Pianistin, studierte Mathematik und  Pharmakologie; sie machte mit knapp 30 Jahren Selbstmord. Eva Beerwald wurde Zahntechnikerin; ihr Freund Karl Aron, ein weit entfernter Cousin von Hannah Arendt, wurde bei den Pogromen von 1938 getötet; sie überlebte in England den Krieg und blieb Martha Beerwald, Hannah Arendts Mutter, sehr verbunden.

[4] An der Universität Marburg hatte auch Karl Jaspers gelehrt, ebenso war gleichzeitig mit Heidegger der Theologe Rudolf Bultmann Professor. Paul Natorp, der 1924 starb, hatte die Rückkehr zur griechischen Philosophie, insbesondere zu Platon, gefördert, dessen Werk für Hannah Arendt von zentraler Bedeutung war; er wurde von Nicolai Hartmann abgelöst, der mit Martin Heidegger befreundet war.

[5] Das Buch über Rahel Varnhagen erschien erstmals auf Englisch 1958 in New York und 1959 in deutscher Sprache beim Piper Verlag, München

[6] Günther Anders hatte sich als grosser Schriftsteller sowie als gesellschaftsanalytischer Essayist und Journalist einen Namen gemacht. In Paris arbeitete an seinem umfangreichen Roman “Molussische Katakomie” weiter, an welchem er schon in Berlin begonnen hatte; das Manuskript war von der Gestapo konfisziert worden. Bedeutende Werke von Günther Anders sind u.a. “Hiroshima ist überall”. Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki. Verlag C.H.Beck, München 1982. – “Die Antiquiertheit des Menschen”. Bd. I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution / Bd. II Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. Verlag C.H.Beck, München 1956 / 1987; 1980 / 1987.

[7] eine Synopse der Dissertation findet ab S. 650 in der umfangreichen Biographie von Elisabeth Young-Bruehl, cf. 4

[8] Diese Einseitigkeit warf sie auch der Frauenbewegung wie der Jugendbewegung vor, wie sie u.a. in der Rezension von Alice Rühle-Gerstels Buch “Das Frauenproblem in der Gegenwart” festhielt: jede Einseitigkeit verhindert den Einbezug in einen kollektiven, gesamtgesellschaftlichen  Prozess politischer Freiheit.

[9] bei der Organisation der Spendengelder in Zusammenarbeit mit Germaine de Rothschild; nachher bei der Jugend-Aliyah

[10] geb. 29. Januar 1899 in Südwestberlin

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