Über die Suche nach dem Glück – Liebe, Skepsis und Moral im Leben und Werk Hannah Arendts – Über den Mut zur Freiheit: “amor vitae” und “amor mundi”

 

Über die Suche nach dem Glück

Liebe, Skepsis und Moral im Leben und Werk Hannah Arendts

Über den Mut zur Freiheit: “amor vitae” und “amor mundi”

 

„Der Abend hat mich zugedeckt

So weich wie Samt, so schwer wie Leid.

                Ich weiss nicht mehr wie Liebe tut

               Ich weiss nicht mehr der Felder Glut

              Und alles will entschweben

              Um nur mir Ruh zu geben.

Ich denk an ihn und hab ihn lieb

Doch wie aus fernen Landen

Und fremd ist mir das Komm und Gieb

Kaum weiss ich was mich bangt.

               Der Abend hat mich zugedeckt

               So weich wie samt so schwer wie Leid

              Und nirgends sich Empörung reckt

             Zu neuer Freud und Traurigkeit.

Und alle Weite die mich rief

Und alles Gestern klar und tief

Kann mich nicht mehr betören.

               Ich weiss ein Wasser gross und fremd

              Und eine Blume die keiner nennt

             Was soll mich noch zerstören?

Der Abend hat mich zugedeckt

So weich wie Samt, so schwer wie Leid“[1]      

Das Gedicht, das ich als Einstieg in den 4. Abend der “Suche nach Glück” ausgewählt habe, schrieb die damals 19jährige Hannah Arendt, nachdem das Dilemma der zugleich aufwühlenden und unmöglichen Liebe zu Martin Heidegger auf Grund seines Entscheides einen Abbruch fand, Abbruch und Aufschub zugleich. Denn noch in ihren reifen Jahren schrieb Hannah Arendt als Kommentar zu einer Serie von Photos, die sie von Martin Heidegger gemacht hatte – “… dem ich die Treue gehalten habe und nicht gehalten habe, und beides in Liebe”- dies nach ihrer lang zurückliegenden ersten Ehe mit Günther Stern (Günther Anders), dem Sohn der mit ihren Eltern befreundeten Kinderpsychologen Clara und William Stern, den sie 1929 – nach dem einen Jahr romantischer und zugleich wehmütig stimmender Erfahrung mit Martin Heidegger – auf den Rat ihrer Mutter geheiratet hatte, ohne dass sie eine andere Nähe als die der freundlich-verlässlichen Fremdheit hätten finden können, auch nach der über dreissig Jahre dauernden zweiten Ehe mit Heinrich Blücher, den sie als nächststehenden Menschen mit nie abbrechender Intensität zutiefst geliebt und mit dem sie zutiefst kommuniziert hatte.

Es mag eine merkwürdige Tatsache sein, dass Hannah Arendt gleichzeitig die Jugendliebe, die sie als 18jährige dem17 Jahre älteren, verheirateten Professor aus Bayern entgegengebracht hatte, durch dessen politisches Verhalten und durch ihre Erfahrungen als Jüdin während der Hitlerzeit nicht als Irrtum oder als frühen Romantizismus beigelegt  hatte, sondern als bedeutungsvolle Beziehung beibehielt. Warum sie Heidegger seine Anpassung an den Nationalsozialismus nicht nachtrug, mag im Lauf des heutigen Abends klarer werden. Denn die Haltung, die sich hinter ihrem Bekenntnis zur gleichzeitigen Treue und Freiheit in der Liebe zeigt, gilt nicht nur für das Verhältnis zu Martin Heidegger, sondern für alle Verhältnisse, die für Hannah Arendt im Sinn von Liebe und von Freundschaft (im engeren und weiteren Sinn) Bedeutung hatten – nicht in Blindheit oder in kritikloser Benommenheit. Immer ging es ihr um das zentrale, doppelte Bedürfnis, das sie zu verbinden suchte: jenes der Suche nach Glück und der Realisierung von Freiheit. Das sprach sie im Gespräch mit Günter Gaus 1964 klar aus: „Ich habe mich mit den Leute auseinandergesetzt, ich bin nicht sehr freundlich, ich bin auch nicht sehr höflich, ich sage meine Meinung“.  Liebe und Skepsis hielten sich in ihr als Band zwischen Fühlen und Denken, und boten zugleich den Massstab für die moralische Beurteilung des Handelns. Was Hannah Arendt unter Liebe verstand und welche Werte sie damit verband, das wird heute in erster Linie Gegenstand der Untersuchung sein.

Neben zahlreichen Briefen, die im grossen Briefwechsel mit Martin Heidegger, mit Heinrich Blücher, Mary McCarthy, Karl Jaspers, Kurt Blumenfeld und weiteren bedeutenden Menschen vorliegen, neben Gedichten und persönlichen Aufzeichnungen sind es drei von Hannah Arendts Werken, die ganz der Bedeutung von Liebe – und damit der Suche nach Glück – gewidmet sind. Die ersten zwei sind im Rahmen der universitären Zusammenhänge von Ausbildung und Karriereplänen entstanden und geben wieder, was sie in ihrer Jugendzeit zu klären versuchte: einerseits die Untersuchung des Liebesbegriffs bei Augustinus – jenes „appetitus“, der dem Streben nach einem „Freisein von Angst“ -„metu carere“ – gerecht zu werden sucht, womit sie ihr Doktorat erlangte, andererseits die Darstellung von Rahel Varnhagens Lebensgeschichte,  jene „Entwicklung einer deutschen Jüdin aus der Romantik“[2], deren Briefe zu lesen und deren Geschichte nachzugehen ihr nach dem Abbruch mit Martin Heidegger von Anne Mendelssohn empfohlen worden waren – als Trost einer „wirklich besten Freundin, die nur leider schon 100 Jahre tot ist“, wie Hannah Arendt über Rahel Varnhagen schrieb. Dass sie sich mit der Biographie Rahel Varnhagen’s ursprünglich zu habilitieren dachte, kam wegen der Zeitgeschehnisse nicht zustande, doch das Buch behielt für sie eine prioritäre Bedeutung. Sie schloss es in den USA ab, wo es noch vor der Übersetzung und Publikation in Deutschland veröffentlicht wurde. Was Hannah Arendt über die suchende, immer wieder enttäuschte Sehnsucht nach Verlässlichkeit in der Liebe darzustellen vermochte, über die Sehnsucht einer Frau, die zwischen traditionellem Rollenverständnis und Emanzipation, zwischen gesellschaftlich diskriminiertem Judentum und Assimilation an höfisches und zugleich fremdbestimmtes Leben einen persönlichen Weg zu gehen versuchte, war teilweise – ein Jahrhundert später – auch ihr Weg zwischen den Welten.

Einen anderen Teil von Hannah Arendts eigenem Weg findet sich im dritten Werk, das mir im Zusammenhang dessen, was sie unter Liebe und Suche nach Glück versteht, wichtig erscheint: im „amor mundi“[3] – resp. in der „Vita activa“. Was sich im „amor mundi“ manifestiert, ist letztlich die unverbrüchliche Zustimmung zum Leben als Mensch unter Menschen, d.h. zur Existenz in der Welthaftigkeit. Existenz allein, ohne die Rückkoppelung in der Pluralität des Zusammenlebens, ist für Hannah Arendt sinnlos, da Existenz sich gemäss ihren Überlegungen über die Freiheit definiert, und da Freiheit wiederum sich nur aus der Pluralität heraus konstituiert: gegeben durch die nicht wählbare Natalität – die Gebürtlichkeit – mit allen Herkunfts- und Zeitbedingungen sowie begrenzt durch die Tatsache der Mortalität, die Sterblichkeit, jene Tatsache, die in ihrer angstbesetzenden Unausweichlichkeit wiederum mit dem Geheimnis des appetitus nach Liebe und Glück eine Ertragbarkeit sucht.

Hannah Arendt, obwohl seit ihrer Jugend der Existenzphilosophie verbunden, hätte sich nie mit dem Nachdenken über das “Geworfensein” der Existenz begnügen können, wie es Martin Heidegger tat, dem sie, wie ich schon erwähnte, mit kaum 18 Jahren als junge Studentin an der Universität Marburg begegnete war, fasziniert durch dessen Ausstrahlung als viel beachteter Denker und Naturbursche, eine Liebe, die dieser, fasziniert durch die besondere Intensität und Klugheit der jungen Frau, eingeläutet hatte, die er jedoch nach knapp einem Jahr geheimer Begegnungen nicht fortzusetzen dachte. Hannah Arendt, obwohl verletzt und ins Leere versetzt, versuchte, statt zu urteilen zu verstehen, so dass die mehr als freundschaftliche Beziehung zwischen ihr und Heidegger 1949, als sie im Auftrag der Jewish Cultural Construction  in Deutschland weilte, zu einer neuen Begegnung und zu einem zweiten sowie in den späten Jahren zu einem dritten – zum Teil intensiven – Austausch gegenseitiger Bewunderung des Denkens führte. Dass sie Heidegger nicht ihrem Urteil aussetzte, hing damit zusammen, dass ihrer Ansicht nach “Urteilen”, resp. das klare Unterscheiden von Recht und Unrecht, die Fähigkeit zum politischen Handeln begründet, die jeder Mensch selber übernehmen muss, dass aber in den Belangen der Liebe – ob der Leidenschaft oder der Freundschaft – es gemäss ihrer Auffassung jener nährenden, generösen Zustimmung zur Differenz und zur Besonderheit bedarf, wodurch Unvollkommenheiten, ja selbst Enttäuschungen ertragen werden.

Diese – von Leidenschaft, Zärtlichkeit und Leiden geprägte – Zustimmung zur Existenz in der zeit—und geschlechterbestimmten Welthaftigkeit – auch mit allen belastenden und schweren Teilen -, resp. ihre Liebe zu einer Reihe bedeutender Menschen in den gelebten Verhältnissen prägte Hannah Arendts Verhältnis zu ihrer jüdischen Herkunft, zur deutschen Sprache und zur Kulturgeschichte Europas – insbesondere im Ausdruck der griechischen und römischen wie der späteren Kunst und Literatur. Jüdische und deutsche Herkunft prägten ihre Identität auf eine für sie selber nicht widersprüchliche Weise. Am unmissverständlichsten setzte sich diese Übereinstimmung in der Liebe zu Heinrich Blücher um. In ihr spiegelte und konkretisierte sich nicht nur Anziehungskraft und Lebendigkeit in den sinnlichen, emotionalen und alltäglichen Zusammenhängen, sondern auch in den intellektuellen und politischen. Diese Liebe ging einher mit verlässlicher partnerschaftlicher Freundschaft für die Dauer ihres ganzen Lebens – obwohl die Bereiche des Intellekts und der Psyche – der politische Bereich und der persönliche Bereich – gemäss ihrer Antwort auf Günter Gaus’ Frage im Fernsehinterview von 1964 eine je verschiedene Einstellung voraussetzen. “Wenn man diese Dinge miteinander verwechselt, wenn man also die Liebe an den Verhandlungstisch bringt, um mich einmal ganz böse auszudrücken, so halte ich das für ein sehr grosses Verhängnis”[4]. Hannah Arendt formulierte sich entschieden und unmissverständlich, ohne verhindern zu können, dass die Aussagen manchmal widersprüchlich erscheinen. Im gleichen Gespräch sagte sie auch, in der Freundschaft und in der Liebe werde ein Mensch direkt, ohne Weltbezug, angesprochen, während die politischen Verhältnisse sich ausschliesslich im Weltbezug abspielen würden. Trotzdem gilt, meine ich, dass alle Verhältnisse sich innerhalb des Weltbezugs resp. der Welthaftigkeit bilden und realisieren, sogar das Verhältnis zur Transzendenz, das religiöse Verhältnise. Selbst dieses Bedürfnis wird vom Menschen aus seiner Weltbedingtheit heraus angestrebt.

Um einen Menschen in den Gefühlsentscheiden, in der Gefühlsstärke oder in der Abwehr und Absenz von Gefühlen zu verstehen, gleichzeitig in der Besonderheit und Vielfalt seiner intellektuellen und existentiellen Fähigkeiten, ist es immer nützlich, die Kindheit zu befragen. In welchem Milieu war Hannah Arendt aufgewachsen, nach ihrer Geburt 14. Oktober 1906 in Königsberg?  Welches waren die entscheidenden Bindungen und Vorbilder[5]?

Unbestritten ist, dass sie durch die Liebe ihrer Eltern für- und zueinander geprägt wurde, beide gebildet und emanzipiert, beide auch Mitglied der – damals in Deutschland noch verbotenen – sozialistischen Partei. Es war eine so starke Beziehung, dass Martha Cohn, im Wisssen um die Jahre zurückliegende Syphilisinfektion Paul Arendts, beschloss, ihn trotz der Krankheit zu heiraten. Damals glaubte man, einen Syphilisinfekt durch eine sekundäre Infektion mit Malaria-Fieber zu heilen, und Paul Arendt unterzog sich dieser Therapie. Er war denn auch während einiger Jahre, bis die kleine Hannah zwei Jahre alt war, symptomfrei. Als er 1914 starb, nach einem Leiden, das die Einlieferung in die psychiatrische Klinik von Königsberg nötig gemacht hatte, hatte die achtjährige Hannah eine Art fürsorglicher, zärtlicher Beziehung zu ihrem Vater aufgebaut, deren Ausgewogenheit ihre Mutter erstaunte. Ein Jahr zuvor war auch der geliebte Grossvater, Max Arendt, aus dem Leben geschieden. Mit beiden so früh verlorenen Vaterfiguren war sie über Geschichtenerzählen, Spaziergänge, Kartenspielen und wieder Geschichtenerzählen auf persönliche Weise verbunden. Ich vermute, dass sowohl ihre Lebensmaxime – “put all your sorrows into a story and tell it” – wie ihre Liebe zu den väterlichen Elementen des „masculini generis“, wie sie insbesondere Heinrich Blüchers Persönlichkeit bezeichnete, auf diese frühe Kindheitserfahrung zurückgehen.

Die Bindung an die Mutter und deren Vorbild als unerschrockene, emanzpierte Frau  – ihr Rat war „sich nie zu ducken” –  war für die heranwachsende Hannah entscheidend gewesen, wobei sich im Lauf der Jahre zunehmend die Rollen vertauschten. Als der Nationalsozialismus Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre immer bedrohlicher wurde, und als 1933, nach einer glimpflich abgelaufenen Verhaftung,  Hannah – damals Stern-Arendt  – beschloss, Deutschland über die grüne Grenze zu verlassen und mit Zwischenhalten in Prag und Genf nach Paris zu emigrieren, wohin Günther Stern sich nach dem Reichstagsbrand schon abgesetzt hatte, da schloss sich Martha Arendt der Tocher an, obwohl ihr zweiter Ehemann, Martin Beerwald, die Stadt Königsberg nicht zu verlassen gedachte. (Hannah war 14 Jahre alt gewesen, als ihre Mutter diese zweite Ehe eingegangen war, wodurch sie nicht nur einen Stiefvater, sondern auch zwei ältere „Schwestern“ gewann: Clara und Eva Beerwald. Clara, begabt, durch unglückliche Liebeserfahrungen jedoch in ihrem Lebenswert schwer verletzt, gab sich 1933 den Tod. Eva Beerwald überlebte durch Emigration nach England. Martin Beerwald hatte das Glück, eines natürlichen Tods zu sterben, bevor er in Gefahr war, deportiert zu werden, während Marthas Schwester Margaret Fürst, die in Berlin lebte, in ein KZ deportiert und umgebracht wurde). Martha Beerwald-Arendt folgte ihrer Tochter Hannah nicht nur nach Paris, sondern schliesslich auch in die Emigration nach New York. Sie starb 1948, als sie auf dem Weg von den USA nach England war, wohin sie umzuziehen dachte, um bei Eva Beerwald zu leben. Es war die Zeit, als Hannah Arendt mit dem Abschluss von „Origins of Totalitarism“ beschäftigt war davon überbeschäftigt und fern von ihrer Mutter.

Die Beziehung zur Mutter war für Hannah Arendt während Jahrzehnten nicht nur eine nie in Frage zu stellende Sicherheit gewesen; sie wurde gewissermassen zum Modell für langdauernde zärtliche Freundschaften mit Frauen – mit Anne Mendelsohn, Hilde Fränkel, mit Mary McCarthy und mit Lotte Köhler -, während der frühe Tod des Vaters zu einem Bedürfnis nach „Ersatzvätern” führte.

Die erste Liebe dieser Kategorie hatte in der späteren Kindheit Rabbi Vogelstein gehört. Der mit der Familie befreundete Hermann Vogelstein – auch er ein Mitglied der Sozialistischen Parte und der Begründer der Königsberger Reformgemeinde – war nicht nur Hannahs Religionslehrer seit den frühesten Schuljahren, sondern auch der Mann, von dem die Neunjährige behauptete, sie würde ihn heiraten, wenn sie gross sei. Und als Hannah mit vierzehn  Jahren ihm gegenüber kundtat, sie glaube nicht mehr an Gott, fragte er gelassen, wer denn dies von ihr verlangt habe. (Rabbi Vogelstein konnte mit seiner Familie rechtzeitig aus Deutschland fliehen und nach New York emigrieren, wo Hannah Arendt ihn wieder traf).

Eine andere Art „Vaterbeziehung“ bahnte sich mit Kurt Blumenfeld an, der ebenfalls mit den Eltern befreundet gewesen war und dem sie Anfang der Dreissigerjahre wieder in Berlin begegnete, einem Juristen, der als langjähriger Sekretär des Zionistischen Weltverbandes und als Präsident der zionistischen Vereinigung für Deutschland Hannah eine Möglichkeit bot, sich dem wachsenden Antisemitismus gegenüber nicht einfach hilflos zu fühlen. Hannah trat der zionistischen Vereinigung nicht bei, reiste jedoch als Studentin in deren Auftrag mit Aufklärungsvorträgen gegen den Antisemitismus in ganz Deutschland umher und engagierte sich in Berlin auch im Rahmen eines Forschungsauftrags (Antisemitismus in Berufs- und Verbandsblättern). Diese Tätigkeit in der Nationalbibliothek zog die Verhaftung nach sich, wie ich schon erwähnt habe. Mit Kurt Blumenfeld, der 1933 ins damalige Palästina auswandern konnte, blieb sie bis zu dessen Tod in Verbindung, die, wie der 1995 veröffentlichte Briefwechsel beweist[6], zärtlich, vertraut geschwätzig, und, wenn es um das Austragen von Meinungsverschiedenheiten ging, schonungslos offen war. In wichtigen Fragen, etwa in jenen, die das deutsche Judentum betrafen, insbesondere in Fragen der Assimilation und der Antisemitismusanalyse, war Hannah Arendt dankbar um die Unterstützung, die sie von dem älteren Freund bekam. Auch in Bezug auf Israel, auf das, was sie den Nationalismuskonflikt nannte, stimmten sie in vielem überein. Die grösste Differenz entstand nach Hannah Arendts Rapport über den Eichmann-Prozess und konnte nicht mehr geklärt werden, da Kurt Blumenfeld 1963, im gleichen Jahr, als das Buch erschien, starb, nachdem er dieses weder gelesen hatte noch sie anlässlich ihres Besuchs in Jerusalem sehen wollte.

Die offen ausgesprochene jüdische Selbstkritik, die sie am Rand der aufwühlenden und vielseitigen Untersuchung von Eichmann’s Schuld machte, wurde von vielen der langjährigen Freunde als Affront verstanden, etwa von Gershom Scholem, Hans Jonas oder Robert Weltsch. Viele von ihnen  brachen die Freundschaft mit Hannah Arendt ab. Dies belastete sie stärker als der öffentliche „Krieg“, der ihr gegenüber von verschiedenen Seiten angetan wurde, insbesondere angestachelt durch Blumenfeld’s Freund Siegfried Moses, während Jahren auf erniedrigende Weise, eigentlich bis 1967, als mit dem Siebentagekrieg die Aufmerksamkeit nicht mehr auf Hannah Arendt gelenkt werden konnte. Die Art der Beurteilung und „Bestrafung“ ihres Denkens aus den eigenen Kreisen war für Hannah Arendt unverständlich. Nicht nur sie fühlte sich davon verletzt, sondern zutiefst auch Heinrich Blücher, der sie in allem zu verteidigen suchte. Ihr wichtigstes Anliegen war, dass Menschen, die einander nahe stehen, sich durch Meinungsverschiedenheiten nicht verlieren. Was sie Gershom Scholem geschrieben hatte, als er sich wegen eines noch während des Weltkriegs publizierten Artikels – “Zionism reconsidered”-, in welchem sie ihre Überzeugung eines föderalistischen, binationalen Staates mit rechtsichernder und friedensichernder Gleichberechtigung vertrat,  mit ihr überworfen hatte, drückt ihre Haltung aus: „Vielleicht können sie sich in diesem Fall entschliessen, es so zu halten wie ich: nämlich, dass Menschen mehr wert sind als ihre Meinungen, aus dem einfachen Grund, weil Menschen de facto mehr sind, als was sie denken oder tun.”[7]

Dieser Grundsatz der prinzipiellen Zustimmung, ohne dass es einer völligen Übereinstimmung bedurft hätte, erscheint mir für alle Beziehungen Hannah Arendts entscheidend. Er versteht sich, denke ich, aus ihrem Verständnis von Freiheit, das auch das Irren und Fehlen einschliesst. Eine Freundschaft, die auf Generosität gebaut ist, ist ohne dieses Verständnis von Freiheit ein konditionales Konstrukt. Hannah selbst war dieser Generosität rückhaltlos verpflichtet. Dazu kam als weiteres wichtiges Element für die Bildung langdauernder Freundschaft der sprachliche Austausch, insbesondere über die deutsche Sprache. Als sie nach dem Krieg, nach einem Unterbruch von 17 Jahren, das erstemal wieder nach Deutschland reiste, im Auftrag einer amerikanisch-jüdischen Organisation, die ihr auftrug, ein Inventar der nach der nationalsozialistischen Vernichtung noch bestehenden vorhandenen Kultgegenstände und -orte zu machen, und als sie nach ihrem Eindruck gefragt wurde, da sagte sie unumwunden, das stärkste Erlebnis sei gewesen, dass “auf der Strasse deutsch gesprochen wurde”. Und über die Wiederbegegnung mit Heidegger in Freiburg sagte sie, dass sie “durch ihn wie immer die deutsche Sprache in ihrer ganzen eigenartigen Schönheit wieder  empfing, als wirkliche Dichtung”.[8]

Auch Karl Jaspers – neben Kurt Blumenfeld, der gewissermassen den jüdischen „Vater” ersetzte – eine Art deutscher Vaterfigur in ihrem Leben, Doktorvater und jahrzehntelanger Gesprächspartner[9], verehrte sie seit den Studienjahren in Marburg zutiefst nicht nur wegen seines Humanismus, sondern auch wegen seiner Sprache. “Wo Jaspers spricht, wird es hell”, antwortete sie mit lächelnder Ergriffenheit, als Günther Gauss sie im schon erwähnten Fernsehinterview auf diese Beziehung hin ansprach. Jaspers gegenüber liess sie viel von der verzeihenden Generosität spüren, mit der sie die Beziehung zu Heidegger für sich rettete und die sie Scholem gegenüber verteidigte. Nie machte sie Jaspers den leisesten Vorwurf, dass er seine Stimme auch nicht ein einziges Mal gegen die Naziverbrechen erhoben hatte oder dass er in keiner Weise bei einer der Widerstandgruppen mitgewirkt hatte. Er war mit seiner jüdischen Frau aus Deutschland emigriert und hatte sich in Basel niederlassen können, wo Hannah Arendt ihn nach dem Krieg fast jährlich besuchte, und die Gespräche, die sie mit ihm führte, waren für sie, wie sie immer wieder versicherte, ungetrübte Labsal.

Bevor ich auf Heinrich Blücher eingehe, will ich noch eine wichtige Freundschaft erwähnen: diejenige mit Walter Benjamin. Dieser grüblerische Aussenseiter unter den zeitgenössischen Denkern stand ihr in den Pariser Jahren nahe, nicht zuletzt, weil sie in ihm den „Paria” verkörpert sah, den sie innerhalb des Judentums als den „eigentlichen Menschen” betrachtete, wie sie mehrmals schrieb. Die antisemitische Verfolgungswelle, die auch das Leben in Frankreich zu einem Albtraum werden liess, hatte 1940 sowohl die Verhaftung Heinrich Blüchers wie die Internierung Hannah Arendts und ihrer Mutter in Gurs bewirkt, wobei die chaotischen Verhältnisse Ende 1940 sowohl Blüchers Entlassung wie die Freilassung Hannahs und Marthas aus dem Pyrenäenlager möglich machten. Walter Benjamin war gleichzeitig über Lourdes in die Gegend von Marseille gereist, der einzigen noch unbesetzten Zone Frankreichs, von wo aus er mit einer kleinen Gruppe anderer Flüchtlinge über das Gebirge nach Spanien zu gelangen dachte, um dann mit Hilfe eines Notvisums in die USA zu reisen. Aber an jenem Tag, als Benjamin in Spanien anlangte, wurden die französischen Transitvisa, die in Marseille ausgestellt worden waren, für ungültig erklärt. Walter Benjamin nahm sich das Leben, völlig erschöpft von der Menschenjagd, als deren Opfer er sich fühlte. Eine schwere Tasche mit Manuskripten hatte er über die Berge geschleppt, die irgendwo verschwand. Einen Koffer mit weiteren Manuskripten, darunter die Thesen „Über den Begriff der Geschichte”, hatte er Hannah Arendt anvertraut, die diese nach New York rettete und sich dort für deren Veröffentlichung einsetzte, in ständigem Kampf gegen die unfreundlichen Erschwernisse von Seiten Adornos.

Auch Heinrich Blücher hatte Hannaj Arendt 1936 in Paris kennengelernt.  Sie arbeitete damals als „Sekretärin“ für die Jugend-Aliyah, dank welcher jüdische Jugendliche aus Deutschland ins damalige Palästina auswandern konnten, nachdem sie vorher in Frankreich versorgt, ausstaffiert und mit Herbäischkenntnissen versehen worden waren. Als Begleiterin einer dieser Jugendgruppen war es Hannah Arendt möglich, über Sizilien mit dem Schiff das erstemal ins damalige Palästina zu reisen und dadurch sowohl architektonische Zeugnisse der von ihr so sehr bewunderten griechischen Kultur kennenzulernen wie die frühesten Kibbuzim. Blücher gehörte zu den ehemaligen Kommunisten, die einerseits durch die Gestapo verfolgt wurden, andererseits den totalitären Charakter des Stalinismus erkannten und daher warnend und aufklärend gegenüber beiden Systemen wirkten. Er war im Frühling 1934 aus Berlin über Prag nach Paris geflohen. Hannah Arendt begegnete ihm im Emigrantenkreis, den auch Walter Benjamin, Erich Cohn-Bendit (ein Rechtsanwalt, Daniel Cohn-Bendits Vater), Fritz Fränkel (ein Psychoanalytiker), Karl Heidenreich (ein “entarteter” Maler), Chanan Klenbort (ein aus Polen stammender Journalist) u.a.m. frequentierten. Blücher war kein Akademiker, sondern ein „Proletarier“, 1899 in Berlin geboren, Sohn eines Fabrikarbeiters, welcher an den Folgen eines Arbeitsunfalls früh gestorben war, und einer Wäscherin, die ihn allein aufgezogen hatte. Heinrich Blücher hatte an den Arbeiteraufständen von 1918 in Berlin auf Seiten der Spartakisten teilgenommen, deren führende Köpfe, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, am 15. 01. 1919 von brutalen Reaktionären ermordet worden waren.

Heinrich Blücher war, wie Hannah Arendt ihn bezeichnete und liebte, ein „Mann der Tat”, Gründungsmitglied der 1918 gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands. Seine Leidenschaft galt dem Lesen und Lernen, dem Sprechen und Verstehen, insbesondere dem Diskurs. An der 1920 in Berlin gegründeten Hochschule für Politik hatte er Politische Theorie studiert (diese Hochschule liess auch Studierende ohne Abitur zu). Seine Erfahrung mit dem Aufbau, dem Niedergang und dem Fall der Kommunistischen Partei Deutschland war für Hannah Arendt das Lehrbeispiel für eine  revolutionäre Bewegung, die nur Erfolg haben kann, wenn sie über ein gutes Netz von Arbeiterräten verfügte, wie sie immer wieder schrieb. Er war ein politischer Kopf, von dem Hannah Arendt sagte, dass sie dank ihm „politisch denken und historisch sehen gelernt habe, ohne deswegen davon abzulassen, sich historisch wie politisch von der Judenfrage her zu orientieren”. Alle grossen Werke Hanna Arendts – “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft”, “Vita activa”, “Über die Revolution” u.a.m. – waren in enger Zusammenarbeit mit Blücher entstanden.

Dass Blücher noch in zweiter Ehe verheiratet war, als Hannah Arendt sich mit ihm 1936 befreundete, erfuhr sie erst 1937, als seine Frau, Natascha Jefroikyn, sich ebenfalls nach Paris flüchtete. Sowohl Blücher wie Hannah Arendt, die selber noch mit Günther Stern verheiratet war (der noch vor Kriegsausbruch in die USA emigrieren konnte), liessen sich von ihren Ehepartnern scheiden und gaben sich auf einem Pariser Zivilstandsamt das Ja-Wort. Dies war die Voraussetzung, damit sie 1941 gemeinsame Visa nach den USA beantragen konnten – deren Realisierung von Günther Stern ermöglicht wurde.

Heinrich Blücher war, wie die Bibliographin Elisabeth Young-Bruehl schrieb, “flatterhaft und starrsinnig”, zugleich so kritisch und erbarmungslos und irgendwie so bestimmt in seinem Urteil über die Unzulänglichkeiten von Dingen, dass er für die einen unerträglich war, für die anderen erfrischend und von hohem Wert. Mit Martha Arendt, Hannahs Mutter, vertrug er sich nicht; sie fand ihn rüppelhaft und unerzogen. In den USA war das Leben anfänglich überhaupt schwierig. Während Hannah Arendt 1941 eine Stelle beim deutschsprachigen, jüdischen Magazin „Der Aufbau” fand, auch eine Stelle als Lektorin im Schocken-Verlag, wo sie u.a. die Bücher von Franz Kafka, Bernard Lazard, von Walter Benjamin und Gershom Sholem betreute, sodann eine Stelle als Forschungsleiterin der Commission on European Jewish Cultural Reconstruction und ein Jahr später einen Lehrauftag beim Brooklyn-College bekam, war es für Blücher sehr viel mühsamer, irgenwie in Amerika Fuss zu fassen. Hannah und Heinrich lebten in einer ungleichen Realität, trugen aber gemeinsam die beklemmende Last der Nachrichten aus Europa über Hitlers „Endlösung”, das Entsetzen über das Schicksal der Menschen in den Lagern, die lähmende Ohnmacht.  Beide waren von Gefühlen der Verzweiflung besetzt. Ihnen wurde erst in New York verständlich, was Walter Benjamin in den Tod getrieben hatte. Hannah Arendt schrieb damals ein Gedicht, das sie dem toten Freund widmete.

“Einmal dämmert Abend wieder. Nacht fällt nieder von den Sternen, liegen wir, gestreckte Glieder, in den Nähen, in den Fernen

Aus den Dunkelheiten tönen sanfte kleine Melodien. Lauschen wir, uns zu entwöhnen, lockern endlich wir die Reihen.

Ferne Stimmen, naher Kummer: Jene Stimmen jener Toten, die wir vorgeschickt als Boten, Uns zu leiten in den Schlummer.”[10]

Hannah kämpfte im „Aufbau” in New York für die Idee einer jüdischen Armee, damit den Juden nach dem Krieg ein Platz in Europa gesichert wäre. Zugleich geriet sie in einen Gegensatz zu den zionistischen Kräften um David Ben Gurion, der einen jüdischen Nationalstaat anstrebte, wie zu Judah Magnes von der hebräischen Universität, der sich für einen Zwei-Völker-Staat im Rahmen einer arabischen Föderation einsetzte – ein Gegensatz, der sich auf der Biltmore-Konferenz von 1942 in New York zuspitzte und der ihr schliesslich ein Schreibverbot im „Aufbau” einbrachte. Was Hannah Arendt vorschwebte, war ein staatliches Gebilde, in dem es keine Unterschiede zwischen Majoritäts- und Minoritätsstatus geben sollte und welches Teil des Britischen Commonwealth wäre. Sie war mit ihrer Auffassung jedoch isoliert. Es war für sie “ein Glück“, wie sie festhielt, eine Forschungsstelle bei der „Conference on Jewish Relations” angeboten zu bekommen, auf Grund derer sie nachher in den „Jewish Social Studies” eine Liste – vorläufige Liste – der jüdischen Kulturgüter in den von den Nazis und den italienischen Faschisten besetzen Ländern erstellen konnte. Im Auftrag der daraus entstehenden “Commission on European Jewish Cultural Reconstruction” machte sie 1949 ihre erste Europareise, kam so auch das erstemal wieder nach Deutschland, wie ich schon erwähnt habe. (Heinrich Blücher wartete bis 1961, um erstmals  Deutschland  wieder zu besuchen).

Unter den vielen Bekannten und Freunden, die Hannah Arendt in den USA um sich scharte, möchte ich kurz auf die Schriftstellerin Mary McCarthy eingehen. Die zwei Frauen waren einander 1944 an einer Party begegnet, und sie blieben, nach anfänglichen Missverständnissen, miteinander das Leben lang befreundet. Was sie verband, war eine ähnliche “Suche nach dem Glück”, eine Liebesbereitschaft der Welt gegenüber, auch wenn diese oft als feindlich empfunden wurde: es war eine Mischung zwischen bewahrter Naivität und aufgeklärt-abgeklärtem „Pariatum”. „Was sie von anderen Schriftstellern auf  ihrem Gebiet unterscheidet“ – hielt Hannah Arendt im Zusammenhang ihrer Freundin fest – „ist, dass sie ihre Beobachtungen aus dem Blickwinkel und mit dem Staunen eines Kindes darstellt, das merkt, dass der Kaiser keine Kleider anhat”[11]. Der Briefwechsel zwischen den beiden Frauen, ein lebhafter, zärtlich-liebevoller Austausch, der 1995 in Englisch erschien, macht vor allem deutlich, dass bei aller Differenz der Lebensgestaltung die gegenseitige Verlässlichkeit von höchstem Wert war. Jeder Ratschlag, den die eine von der anderen brauchte, wurde eingehend brieflich diskutiert und ernstgenommen, und jede Möglichkeit, einander zu treffen, und sei es in Europa, und einige Zeit miteinander zu verbringen, wurde sorgfältig besprochen und realisiert – ob in den USA oder in Paris, in Venedig, Rom, in Griechenland oder in der Schweiz.

Mary McCarthy stand Hannah Arendt auch nahe, als Heinrich Blücher am 30. Oktober 1970 an einem Herzinfarkt starb, unversehens-plötzlich, gleichzeitig in grosser Ruhe. Eine Art Weltverlorenheit begann damit für Hannah. Blüchers Tod war so eingetreten, wie sie es über zehn Jahre befürchtet hatte. Sie fühlte sich hilflos, als stände sie nicht mehr mit den Füssen auf der Erde, wie sie Mary Mc Carthy gestand. Die zwei so verschiedenen Menschen waren in den dreissig Jahren Ehe einander beinah symbiotisch nahe geworden. Beide teilten „die Fähigkeit, sich leidenschaftlich für einen Standpunkt einzusetzen und sich nicht darum zu scheren, ob man aufs falsche Pferd gesetzt hat – oder was es kosten könnte”[12], wie es ein amerikanischer Freund Blüchers, Dwight MacDonald, formulierte. Blücher, der nicht nur für seine Frau, sondern auch für zahllose Studierende – insbesondere im Bard College – zum grossen Lehrer geworden war, hatte in seiner letzten Vorlesung im Jahre 1968 über die Skala der menschlichen Beziehungen gesprochen, dabei auch über die Liebe im Alter, über das, was ihn und Hannah Arendt nach einem langen gemeinsamen Leben der Treue trotz einiger Eskapaden, nach Jahrzehnten des gemeinsamen Kämpfens und Für-einander-Einstehens verband: … „Der Eros ist überwunden. Er war am Anfang da, aber er ist überwunden worden und spielt keine Rolle mehr. Was jetzt zählt, ist die wechselseitige Einsicht zweier Persönlichkeiten, die einander als solche anerkennen, die letzten Endes zueinander sagen können: ‘Ich garantiere dir die Entwicklung deiner Persönlichkeit, und du garantierst mir die Entwicklung der meinen’[13]. Es war dies, was bei diesem Paar in dessen „Doppel-Monarchie“ vom Freundeskreis mit Staunen begleitet worden war. Ob der “Eros” allerdings überwunden war? – dies stelle ich in Frage. Ich denke, dass im Sinn Hannah Arendts diese besondere lebendige Kraft auf der Suche nach dem Glück das Geheimnis der sich erhaltenden Liebe  und Freundschaft war, und dass “Eros” selbst in den späten Jahren der Beziehung zu Heinrich Blücher im Sinn des nicht erblassenden, wärmenden inneren Lichts erhalten blieb

Hannah Arendt versuchte in den fünf Jahren, in denen sie Blücher überlebte, die “Vita contemplativa” fertigzustellen, ihre Bücher über das Denken, über das Urteilen und über das Wollen, aber sie kam immer langsamer voran. Zwar erhielt sie noch verschiedene Anerkennungen und Preise für ihr Werk, sie machte Reisen nach Europa, traf auch Martin Heidegger wieder, verbrachte in Begleitung von Freundinnen und Freunden wie früher mit Heinrich Blücher lange Ferienwochen im Tessin, in Tegna, aber die Welt „zog sich immer mehr von ihr zurück”, wie sie sich Mary McCarthy gegenüber äusserte. Eine der grössten Genugtuungen, die sie noch kurz vor ihrem Tod erlebte, war die Versöhnung mit alten Freunden – so mit Hans Jonas -, die sich von ihr nach dem Erscheinen des Eichmann-Buches abgewendet hatten. Der Historiker Walter Laqueur hatte 1979 in einer Besprechung des Buches festgehalten, dass die Angriffe auf Hannah Arendt eigentlich nicht auf dem beruhten, was sie gesagt hatte, sondern wie sie es gesagt hatte, dass sie eine Intellektuelle war, die vom Temperament her immer zu Übertreibungen neigte.

Hannah Arendt starb an einem Herzschlag am 4. Dezember 1975, nach einem Abendessen in ihrer Wohnung in New York mit einem befreundeten Paar. Am 8. Dezember fand eine ergreifende Trauerfeier für sie statt. Hans Jonas, der schon mit ihr in Heidelberg studiert hatte, schilderte sie, wie er sie damals erlebt hatte: “Scheu und in sich gekehrt, mit überwältigend schönen Zügen und einsamen Augen, ragte sie sofort als aussergewöhnlich, als einmalig heraus. Grosse Intelligenz war dort keine Mangelware. Aber hier war eine Intensität, eine innere Zielrichtung, ein Gespür für Qualität, ein Suchen nach dem Wesentlichen, ein Bohren nach Tiefe, die ihr etwas Magisches gaben. Man spürte eine absolute Entschlossenheit, sie selbst zu sein, gepaart mit zähem Willen, auch angesichts grosser Verletzlichkeit daran festzuhalten[14]. Und ihr amerikanischer Verleger, William Jovanovich, verabschiedete sich von ihr mit den Worten: “Sie war so leidenschaftlich, wie es jemand, der an die Gerechtigkeit glaubt, nur sein kann, und wer an die Barmherzigkeit glaubt, bleiben muss”.

Ich komme zum Schluss. Liebe im Leben und im Werk Hannah Arendts war all dies: ein grosser Reichtum an gelebter Zustimmung zu Menschen, zu Idealen und zu Ideen, in der Akzeptanz der Widersprüchlichkeit menschlichen Lebens,  immer im Wissen um die „unendlichen Möglichkeiten der Liebe, auch der unerwiderten Liebe”, wie sie einmal nachdenklich zu Mary McCarthy bemerkt hatte. Wenn sie bis zuletzt am „amor mundi” festhielt, so blieb sie auch bis zuletzt die mit Rahel Varnhagen „verwandte“ Frau, die sich auf der steten Suche nach Glück dankbar zeigte für jede ihr entgegengebrachte Freundschaft und Liebe, zugleich als Fürstin und als „Paria“.

 

 

[1] von Hannah Arendt 1926 / 27 verfasst

[2] deutsch erstmals  beim Piper Verlag, München 1959 erschienen.

[3] deutsch 1971 unter dem Titel “Vita activa”, amerikanisch 1958 als “The human condition”erschienen.

[4] aus: Günter Gaus. Zur Person. Gespräch mit Hannah Arendt, München 1964, S. 19

[5] für alle biographischen Präzisionen, auch für die Zitate aus Martha Arendts Tagebuch “Unser Kind” s. die hervorragende Biographie von Elisabeth Young-Bruehl. Hannah Arendt. Leben und Werk, Frankfurt a.M. 1986.

[6] Hannah Arendt / Kurt Blumenfeld. Die Korrespondenz… in keinem Besitz verwurzelt. Hrg. Ingeborg Nordmann und Iris Pilling. Hamburg 1995

[7] s. oben, S.373

[8] Friedrich Georg Friedmann. Hannah Arendt. Eine deutsche Jüdin im Zeitalter des Totalitarismus. Münche 1985. S.115

[9] s. den umfangreichen Briefwechsel, von Hans Saner herausgegeben. München 1985

[10] s. Elisabeth Young-Bruehl, a. a. O., S. 237

[11] s. Elisabeth Young-Bruehl, a. a. O., S.282

[12] ibdi., S.589

[13] ibid., S. 591

[14] ibid., S. 636

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