„Unsere Sprache ist unser gelebtes Leben, ich habe mir meines selbst erfunden“ – Widersprüche auf dem Weg zur Emanzipation

„Unsere Sprache ist unser gelebtes Leben, ich habe mir meines selbst erfunden“

Widersprüche auf dem Weg zur Emanzipation

ICZ-College, 28. Januar 1999

 

Das Leitmotiv zum heutigen Vortrag stammt aus einem Brief, den die damals dreissigjährigen Rahel Varnhagen am 2. Juli 1801 aus Berlin an Wilhelm Bokelmann in Cadiz schrieb. Bokelmann war ein Hamburger Kaufmann, acht Jahre jünger wie sie, den sie durch Vermittlung und auf Empfehlung ihres Jugendfreundes David Veit in Paris kennengelernt und während zwei Monaten mit einer – ihr bis dahin – unbekannten Leichtigkeit und heiteren Leidenschaftlichkeit geliebt hatte und dann wieder gehen liess, ohne die Gefühle der Bitterkeit, des Verlust und der Enttäuschung, die sie so gut kannte und die sie bewogen hatten, ein Jahr zuvor mit der Gräfin Caroline von Schlabrendorf in die französische Hauptstadt zu reisen, in der Hoffnung, dort, in der Fremde, wo „Fremdsein gut ist“, wie sie schrieb, vom eigenen Fremdsein, von der eigenen Fremdheit genesen zu können. „Ich habe ihn geliebt wie man ein Kind liebt, ein Glück, …das jedem gehört, der ihm begegnet. Begegnet bin ich ihm, und wer kann es mir rauben“, hielt sie für sich in ihrem Tagebuch fest, und ihm schrieb sie: „Bis jetzt … liebte ich die Menschen nur mit meinen Kräfte, sie lieb ich aber mit den Ihrigen“ , eben mit jener kindlichen, naturhaften Leichtigkeit. Dann, wieder zurück in Berlin, aus der zeitlichen Distanz einiger Monate, versucht sie, sich ihm durch das ihr Eigentümliche nahezubringen: „Die Sprache steht mir aber nicht zu Gebote, die deutsche, meine eigene nicht“… In ihrem orthodoxen Elternhaus wurde das Judendeutsch ihrer Zeit gesprochen; die frühen Briefe an die Mutter und an die Geschwister sind in hebräischen Lettern geschrieben. Was sie unter ihrer „eigenen Sprache“ versteht, der symbolischen Vermittlung all dessen, was sie wahrgenommen, erfahren, empfunden, gefühlt und gedacht hat, erklärt sie Bokelmann in der nächsten Briefpassage: „Unsere Sprache ist unser gelebtes Leben; ich habe mir meines selber erfunden, ich konnte also weniger Gebrauch, als viele andere, von den einmal fertigen Phrasen machen, darum sind meine oft holprig und in allerlei Art fehlerhaft, aber immer echt. Wenn ich also von meinen Empfindungen spreche, so trage ich eigentlich doch immer ein schon verflossenes Leben vor; und dies geschieht denn ganz in meiner Sprache.“

Wer war Rahel Varnhagen, die auf – wirklich – einzigartige Weise, ihrem Leben in der Sprache Ausdruck zu geben vermochte? Sie wurde als Rahel Levin am 19. Mai 1771 in Berlin geboren. Während rund 16 Jahren, zwischen 1790 und 1806, war ihre Wohnung an der damaligen Jägerstrasse in Berlin einer der bedeutenden Salons jener Zeit, in welchem alle Berühmtheiten trafen, Dichter, Schriftsteller, Wissenschafter, Aristokraten (so die Brüder Humboldt, Friedrich Schlegel, Friedrich Gentz, Schleiermacher, der Altphilologe Friedrich August Wolf, die Brüder Tieck, Brentano, Jean Paul, Chamisso, Fouqué, Prinz Louis Ferdinand von Preussen etc.) – und begabte, emanzipationshungrige junge jüdische Frauen sich trafen und austauschten. Den Salons kam eine bedeutende Funktion der Enthierarchisierung der Gesellschaft zu, die sich, wie eine spielerische intellektuelle Revolution, über das in allen Schichten gleiche Bedürfnis nach geistvollem Gespräch einstellte.

Für diese jungen Frauen war die Sprache – das Schreiben und Sprechen, die Literatur – der Weg und das Mittel zur Emanzipation, zur Welthaftigkeit. „Obgleich Sprechen und Schreiben zu gar nichts hilft, so sollte man gar nicht aufhören zu sprechen und zu schreiben“, schrieb Rahel Varnhagen am 13. Dezember 1807 an Rebecca Friedländer, die sich unter dem Namen Regine Frohberg als Schriftstellerin etablierte. Die einen schrieben Erzählungen und Romane, wie Rebecca Friedländer, die anderen Portraits und „Features“, wie wir heute sagen, wie Henriette Herz, wieder andere übersetzten und edierten wissenschaftliche Texte, wie Dorothea Schlegel, viele, die meisten, schrieben zugleich Briefe. Die Briefe waren zugleich das persönliche Gespräch über grosse Distanzen hinweg, hatten häufig jedoch auch Feuilleton- und Essay-Charakter. Rahel Varnhagen hatte sich selbst in allen diesen Briefkategorien aberhundertfach Ausdruck geschaffen, sich selbst, wie sie sich empfand und wie sie ihre Empfindungen analysierte, und der Welt, in der sie lebte. „Ich bin so einzig als die grösste Erscheinung dieser Erde… Darum ist der grösste Künstler, Philosoph oder Dichter nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang und gehören zusammen… Mir aber war das Leben angewiesen, und ich blieb im Keim bis zu meinem Jahrhundert, und bin von aussen ganz verschüttet, darum sag ich’s selbst“,   schrieb sie in der Zeit,um 1804,  als sie um die schon verlorene Liebe des schönen Don Raphael d’Urquijo kämpfte.

Warum war dieses Bestehen auf dem „Sagen“, auf der Sprache einerseits zeitgeschichtlich, andererseits als psychischer Prozess so wichtig? Die Textstelle aus Rahels Brief ist überaus aufschlussreich, überaus wichtig. Sigmund Freud wäre davon begeistert gewesen, hätte er sie gekannt. Eine seiner grossen Entdeckungen, die er in seinem Brief vom 6. 12. 1896 Wilhelm Fliess mitteilte, betraf ja gerade das, was er die „Umschrift“ in Sprache oder die sprachliche „Übersetzung“ der im Unbewussten gespeicherten psychischen Erfahrungen nannte, „des verflossenen Lebens“, wie Rahel Varnhagen schrieb, das sich in Wörtern und Sätzen mit einem eigenen, unaustauschbaren Bedeutungsgehalt eine symbolische Form, eine eigene „Syntax“ schafft, wodurch ein eigener Zweck angestrebt wird, der immer, in irgendeiner Weise, Befreiung bedeutet, der, anders ausgedrückt, emanzipatorisch wirken soll.

„Unsere Sprache ist unser selbstgewähltes Leben; ich habe mir meines selber erfunden…ich konnte wenig(er) Gebrauch von den einmal fertigen Phrasen machen…“  Rahel Varnhagens Aussage, im Plural formuliert, also für mehr als für sie selber gemeint, jedoch mit dem eigenen „ich“ verstärkt, bedeutet genau das, was damit gesagt wird. Sprachwerdung ist die zweite Geburt, ist der Weg in die Welt und in die Zeit, in die Epoche – „gelebtes Leben“ -, ist Formgebung des eigenen Empfindens und Denkens, der eigenen Hoffnungen und Bedürfnisse, der eigenen Enttäuschungen, Erfahrungen von Verrat und innerer Verletzung, der eigenen Freiheit und der eigenen Zwangsbedingungen über all dieses Eigene hinaus in einen Austausch und in einen Prozess der Befreiung, der Gleichberechtigung und der gleichen Teilhaftigkeit am offenen Geschehen der Welt, der als Hoffnung und als Streben für viele gilt, Jüdinnen und Juden, für das jüdische Volk überhaupt. Um dies zu verstehen, darf man das Ausmass der Diskriminierung nicht vergessen, in der das ganze Volk, mit ganz wenigen Ausnahmen, seit Jahrhunderten lebte. Zu den rechtlichen, gesellschaftlichen und politischen Diskriminierungen als Juden kamen für die jüdischen Frauen die geschlechtsspezifischen  Diskrimierungen durch das patriarchale System hinzu. Zu  den bedeutendsten gehörte die Tatsache, dass sie zu schweigen hatten, dass sie, vor allem in jeder Art von Öffentlichkeit, zur Stummheit verurteilt waren. Eigentlich erlaubte erst die Veränderung der allgemeinen diskriminierender jüdischer Lebensbedingungen den Frauen allmählich die Überwindung der geschlechtsbedingten Diskriminierungen. Eine Vielzahl von Schriftstellerinnen, Dichterinnen, Denkerinnen, Lehrerinnen, von Gründerinnen und Leiterinnen sozialer Werke, von Revolutionärinnen, später von Ärztinnen und andren Wissenschafterinnen etc. folgte daraus.

Rahel selbst, von „leidenschaftlicher Ursprünglichkeit und ausserordentlicher Klugheit“, wie Hannah Arendt sie charakterisiert, die ihr eine nahe, zutiefst mitempfindende Studie gewidmet hat, kannte keine andere Ambition als diejenige, einen Platz in der Welt einnehmen zu dürfen und nicht mehr als Jüdin davon ausgeschlossen zu sein. Noch bevor sie 1814 Karl August Varnhagen heiratete, nannte sie sich, ab 1810, Rahel Robert, wie ihr Bruder Ludwig, der sich schon 1800 herum taufen liess und unter diesem Namen als Schriftsteller bekannt wurde. Es ist erschütternd zu lesen, wie Rahel mit dem – nicht ablegbaren – Unglück ihrer „infamen Geburt“, haderte, wie sie schrieb, als Frau und als Jüdin, „nicht hübsch, ignorant, ohne grâce, sans talents et sans instruction, ah, ma soeur, c’est fini“ und „man ist arm“, wie sie hinzufügte,  wie sie diesem „Unglück“ die vielen Enttäuschungen in der Liebe, den Zurückstellungen, Verlassenheiten und immer wieder betrogenen Sehnsüchten zuschrieb. Und es ist ebenso erschütternd zu lesen, wie sie, auch nachdem sie sich mit 43 Jahren taufen und trauen liess, trotzdem das Leiden nicht loswurde, weiterhin gegen jede Anpassung aufbegehrte, in den damaligen Weltstädten Berlin, Paris, Wien und Prag und in vielen kleineren Städten mit Fürsten und Staatsmännern, mit ihren Geschwistern, mit Freundinnen und Schicksalsgenossinnen (etwa Pauline Wiesel), mit Dichtern und Denkern alle Fragen der Existenz, der Liebe insbesondere, aber auch des gesellschaftlichen Laufs und des Weltgeschehens abhandelte, des Patriotismus, des Kriegs zwischen Frankreich und Russland, des preussischen Emanzipationsedikts von 1812, dann der erschreckenden antisemitischen Ausschreitungen im Umfeld  der 1819 von Würzburg ausgehenden Hep-Hep-Unruhen[1], die aufs erschreckendste die Brüchigkeit aller Hoffnungen auf Gleichstellung bewusst  werden liess – nicht nur auf bürgerliche Gleichstellung, sondern auf  Gleichstellung im Anspruch auf den gleichen Respekt vor dem Menschsein und vor dem Verschieden-sein-dürfen.

Es gibt einen Briefwechsel zwischen Rahel Varnhagen und ihrem Bruder Ludwig Robert, der ihr am 22. Augsut 1819 ausführlich die Ereignisse aus Heidelberg, wie er sie vernommen hat, und aus Karlsruhe, wie er sie erlebt hat, berichete. Darauf antwortete Rahel am 29. August 1819: „Ich bin gränzenlos traurig; und in einer Art, wie ich es noch gar nicht war. Wegn der Juden. Was soll diese Unzahl Vertriebenr tun? Behalten wollen sie sie, aber zum Peinigen und Verachten…. Die Gesinnung ist’s’ die verwerfliche, gemeine, vergiftete, durch und durch faule, die mich so tief kränkt, bis zum Herzerkalten. Schreck. Ich kenne mein Land. Leider. Eine unselige Cassandra, seit drei Jahren sag’ich: die Juden werden gestürmt werden…..Die gleissnersicheNeuliebe zur christlichen Religion, Gott verzeih mir meine Sünde, zum Mittelalter mit seiner Kunst, Dichtung und Gräueln, hetzen das Volk zu dem einzigen Gräuel, zu dem es sich noch an alte Erlaubnis erinnert  und aufhetzen lässt! Judensturm. Die Insinuatin, die seit Jahren alle zeitungen durchlaufen. Die Professoren Fries[2] und Rühs, und wie sie heissen, Arnim, Brentano, unser Verkehr, und hocn höhrere Personen mit Vorurteil…. Noch ist’s in Berlin ruhig, dort wär’s am meisten zu fürchten, dort haben die Juden gedient, die Hälfte ist getauft und christlich verehlicht, da hätte es nimmermehr gut getan. Alle zeitungen sprechen indigne davon…  Ich bin doch betrübt, und kann weder dies noch meine Gedanken zu Papier bringen“…

Rahel Varnhagen erholte sich nicht mehr von dieser traumatischen Erschütterung, nichts mehr war sicher, nichts mehr gesichert. Noch 1830 schrieb sie an den jungen Heinrich Heine, den sie im Frühjahr 1821 kennengelernt hatte: „… Auch scheint es mir verstockt, ein Verrat und freundloses Benehmen, einen schweren, schwarzen Klumpen Leid im Herzen zu tragen, es in Schmerzen überschwemmt zu fühlen, und die – schriftlich – zu verheimlichen…Hep ist mir so wenig unvermutet als alla andere Unducht. Kein grosser Trumeau, kein ‚Jungefernkrankz‘, kein Elefant über Theaterbrücken, keine Wohltätigkeitsliste, kein vivat, keine Herbalssung, keine gemischte Gesellschaft, kein neues Gesangbuch, kein bürgerlicher Stern, nichts, nichts konnte mich je beschichtigen. Die Pockenmateire muss raus, Schminke hilft nichts, und wär sie mit Hausanstreichpinseln aufgetragen…Unsere Krankengeschichte ist allein unsere Geschichte. Alle haben wir mitgefressen, das muss wieder heraus. Kommen sie bald, schrieben sie mirnoch früher.  Ich leide schrecklich an Ungewaschenem, was jetzt auch sonst Gescheitere und Geschwaschenere hervorlassen. Wie wenig wird echt gesehn und gedacht. Adieu….“

Hannah Arendt stellt in ihrer Studie fest, dass Rahel Varnhagen „mit der Einsicht in die Vergeblichkeit aller Versuche ins Alter“ ging, und „nichts hat sie falsch gemacht, nichts unversucht gelassen“ – nichts, ergänze ich, was ihr verletztes, glückshungriges Herz  ihr zu tun geraten hatte. Im Alter von 63 Jahren, kurz vor ihrem Tod am 7. März 1833, soll Rahel, gemäss den Aufzeichnungen ihres Ehemanns, der sie um dreissig Jahre überlebt hat, gesagt haben: „Welche Geschichte! Eine aus Ägypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier und finde Hilfe, Liebe und Pflege von euch! Mit erhabenem Entzücken denk‘ ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Geschicks, durch welche die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtsmit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumfernen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die grösste Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sei, um keinen Preis möchte‘ ich das jetzt missen.“  So hat Rahel – die lange schmerzlich verweigerte – nicht aufhebbare Zugehörigkeit zu ihrem Volk am Ende ihres Lebens wieder anerkennen und gutheissen können – auch dies in einem Akt der Sprache, in welcher ihre ganze Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft und mit den Zeitbedingungen – dem quasi öffentlichen Versprechen einer neuen Freiheit –  geschehen war.

Um Rahel Levin Varnhagen zu verstehen, müssen wir uns nochmals in die Zeit versetzen. Einer der grossen Vorkämpfer für die bürgerliche Emanzipation der Juden, Moses Mendelssohn, der  selber ganz im Geist der Frömmigkeit und des Gesetzes lebte, hatte schon 1763 geschrieben, dass die entwürdigenden Diskriminierungen nicht länger zu ertragen seien: „Es tut mir weh“, schrieb er in einer Bittschrift um einen Schutzbrief, „dass ich um das Recht auf Existenz erst bitten soll, welches das Recht eines jeden Menschen ist“… Allerdings wurde die jahrhundertalte kollektive Verachtung der Juden, mit welcher die nicht-jüdische Gesellschaft sich ihrer Identität versicherte, dieser vielschichtige Antijudaismus durch die bürgerliche Emanzipation nicht aufgehoben, wie dies die Hep-hep-Unruhen von 1819 unmissverstänlich bewiesen. Der Antijudaismus kam lediglich in einem anderen Kleid daher, im Kleid des Antisemitismus, schon um 1800 herum, selbst bei berühmten, in den Salons verehrten Denkern und Dichtern wie Fichte, Herder, Brentano, Achim von Arnim, ja selbst bei Kant und Goethe (der in „Wilhelm Meister“ eine judenfreie Gesellschaft entwarf). Diese generelle Aberkennung des gleichen Menschseins wurde von vielen, gerade sehr begabten Frauen und Männern introjiziert, wurde mit dem eigenen Judentum und Jüdischsein verbunden, zeigte sich in den tragischen Auswirkungen von Minderwert, Selbstherabsetzung und Selbstverachtung, ja in Selbsthass.  Hierin lag der Kern von Rahel Varnhagens Leiden, das sie Zeilen wie die von 1806 an Rebekka Friedländer sschreiben liess: „Was ist es garstig, sich immer erst legitimieren zu müssen! – darum ist es ja nur so widerwärtig, eine Jüdin zu sein“, oder, ein Jahr später: „Hier wird mir alles zu Rahel! Das heisst, zur abscheulichsten Situation. Nie erscheine ich die, die ich bin; ewig nimmt mich einer aus des anderen Hand!“   Nicht zuletzt aus diesem Leiden heraus, das Rahel Varnhagen mit vielen teilte, fanden  so  zahlreiche überstürzte und radikale Assimilationsschritte statt, Veränderungen der Lebensgewohnheiten, Taufen, Namensänderungen, Heiraten etc., kurz Assimilationsschritte, die von nicht-jüdischer Seite zwar gefordert, quasi als kultureller Preis für die rechtliche Emanzipation, von jüdischer Seite häufig auch bereitwillig erbracht wurden.

Nicht so durch Mendelssohn, der am 4. Januar 1786 starb. In welche Peripetien der Verwirrung das mit der Emanzipation scheinbar erfolgreiche Freiheits- und Glücksstreben einen Teil seiner Kinder und Grosskinder stürzte, hätte ihn erschreckt. Wichtig ist festzuhalten, dass er selber einen Beitrag zur Frauenemanzipation leistete, indem er das grosse und dringende Bedürfnis der Frauen nach ebenbürtiger Bildung und nach Wissen ohne Vorbehalt anerkannte und seine Töchter mit den bei ihm lernenden jungen Männern gemeinsam die sog. „Morgenstunden“ besuchen liess, in denen er täglich von fünf Uhr in der Früh an das Lesen der Thora und Philosophie lehrte. In diesem Geist wuchs Brendel Mendelssohn, die spätere Brendel Veit und nochmals spätere Dorothea Schlegel auf.

Sie war eine typische Vertreterin der Frauengeneration um 1800 herum, welche die erste war, die – nicht zuletzt – von ihrem Vater erkämpfte rechtliche Emanzipation (resp. „Verbesserung“) zu nutzen, so verunsichernd und schillernd diese auch war. Es ist nicht verwunderlich, dass sie wie eine ganze Reihe von jungen, begabten Frauen damals begannen, sich vom Leben ihrer Mütter abzuwenden, von den typisch jüdischen wie den typisch weiblichen „Tugenden“, und eigene Schritte in die Freiheit zu wagen, war doch die jüdische Herkunft verbunden mit der Erfahrung von Verfolgung, und Weiblichkeit ging einher mit grossen  Einschränkungen in der Bildung wie auch mit vielen Zwängen in der Lebensgestaltung. So versuchten Frauen wie Rahel Levin Varnhagen, Brendel Mendelssohn Veit (ab 1804 Dorothea Schlegel), Henriette Herz und viele weitere (etwa Henriette Mendelssohn, oder die schon genannte Rebecca Salomon Friedländer alias Regine Frohberg, Fanny Itzig, verheiratet von Arnstein, Lucie Domeier, geborene Esther Gad und so viele mehr, deren Namen kaum mehr genannt werden) in dieser Zeit des Aufbruchs die Engnis ihrer Herkunftsbedingungen abzuschütteln – ohne dass dies auch immer wirklich gelang. Man muss die – noch vorhandenen – Tagebuchaufzeichnungen und Briefe dieser Frauen lesen (zahlreiche wurde von ihnen selber vernichtet, wurden später verändert oder gingen verloren), um zu verstehen, mit welcher Sehnsucht sie danach strebten, einfach Menschen unter Menschen zu sein, und wie selten und wie konditional dies ihnen zugestanden wurde, trotz aller verzweifelten Bestrebungen und Bemühungen, trotz Geist, Berühmtheit und Mut, trotz einflussreicher nicht-jüdischer Freunde und Verbindungen.

Ebenso leidenschaftlich, wenn nicht noch tragischer als Rahel Varnhagens Leben erscheint Dorothea Schlegels Schicksal, 1764 in Berlin als Brendel Mendelssohn geboren, Fromet und Moses Mendelssohn älteste Tochter, von diesen schon als Vierzehnjährige an den Kaufmann und Bankier Simon Veit verlobt (was eigentlich erstaunt, da Brendels Eltern einander ohne Vermittlung aus Liebe selber gewählt hatten), den sie im Frühjahr 1783, mit 19 Jahren heiratet, und von dem sie sich nach 16 Ehejahren, 1799, vor dem Berliner Rabbinatsgericht scheiden lässt. Aus dieser Ehe hat Brendel zwei Söhne geboren, Jonas und Philipp Veit, die später als Maler berühmt sein werden (die „Nazareener“). Nach Mendelssohns Tod im Januar 1786 gründen ein Jahr später Brendel Veit, Henriette Herz sowie Alexander und Wilhelm von Humboldt in Berlin einen sog. „Tugendbund“, welcher der gegenseitigen Förderung sowohl in der Bildung als auch im „guten Leben“ diente. Weitere Mitglieder wurden in diesen Kreis aufgenommen, Frauen und Männer, und hier, im Salon von Henriette Herz, lernte Friedrich Schlegel 1797 Mme. Veit kennen, die sich seit einiger Zeit nicht mehr Brendel, sondern Dorothea nannte. Die beiden wurden noch im selben Jahr ein Liebespaar, die illegitime Beziehung erregte einen grossen Skandal, später folgte Dorothea zusammen mit ihrem Sohn Philipp Schlegel nach Jena, wo sie von August Wilhelm und Caroline Schlegel aufgenommen wurden und zusammen mit diesen sowie mit den Brüdern Tieck, mit Novalis und dem hungen Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling am berühmten Romatikertreffen teilnahmen. Im selben Jahr 1799 veröffentlichte Schlegel seinen Roman „Lucinde“, in dem er offen sein Liebesleben schilderte und nochmals einen Skandal bewirkte. Zwei Jahre später, 1801, kam der erste Band von  Dorotheas Roman „Florentin“ heraus, nicht unter ihrem Namen, sondern mit dem Namen Schlegels als Herausgeber. Wieder ein Jahr später, 1802, folgte sie Schlegel nach Paris, wo sie sich protestantisch taufen liess und anschliessend mit Schlegel getraut wurde. Wenig später zog Schlegel nach Köln, Dorothea folgte ihm wieder mit ihrem jüngeren Sohn, sie fühlte sich aber vereinsamt, weder als Protestantin noch als Jüdin angenommen, und 1808 trat sie mit Schlegl zum Katholizismus über. Ein Jahr später übersiedelte Schlegel nach Wien, und wieder folgte ihm Dorothea. Von 1818 bis 1820 lebte Dorothea bei ihren zwei Söhnen in Rom, die als religiöse Maler grossen Erfolg hatten. Auch die letzten zehn Jahre nach Schlegels Tod, von 1829 bis 1839, verbrachte Dorothea bei ihrem Sohn Philipp in Frankfurt a. M., wo sie am 3. August 1839 mit 75 Jahren starb.

Was war mit Dorothea Schlegel geschehen?  Henriette Herz, die sie seit der gemeinsamen Kindheit kannte, schreibt von ihr, nichts sei schön an ihr gewesen als „das Auge, aus welchem  freilich ihr liebenswürdiges Gemüt und ihr blühender Geist strahlten, aber sonst auch gar nichts, nicht Gesicht, nicht Gestalt, nicht Hand und Fuss“. Als junge, begabte und im Mendelssohn’schen Haus gebildete Frau, gegen ihre Neigung mit einem Mann verheiratet worden, der zwar von hoher Moralität war, der aber ihrem Bedürfnis nach geistreichem Austausch in keiner Weise entsprechen konnte, hatte sie sich in einen – damals – erfolgreichen und liebenswürdigen nicht-jüdischen Schriftsteller verliebt – und  alle Regeln der Sitte, der gesellschaftlichen Konvention und alle materielle Sicherheit hinter sich geworfen, eine eigene Wohnung bezogen, und hat es in ihrer Leidenschaft unbekümmert auf sich genommen, einen Skandal nach dem anderen zu bewirken. Doch aus der freien Liebe folgte – von Aussen gesehen – nicht viel Freiheit, sondern eine kaum verständliche Unterordnung unter Schlegel. Sie hatte zwar alle äusseren Konventionen gesprengt, hatte aber die weibliche Sozialisation der eigenen Hintanstellung, der dienenden, aufopfernden Liebe in einem Mass verinnerlicht, dass ihr diese Befreiung nicht gelang.  Das materielle Leben war ungesichert, sie schrieb und übersetzte unermüdlich, publizierte aber alle ihre Werke immer unter Schlegels Name, sie kam für das ganze materielle Auskommen auf, und als Schlegel zunehmend seine geistige Brillanz einbüsste, hielt sie dies lange verborgen, indem sie Bücher in seinem Namen schrieb und veröffentlichte. Was sie aus selbstloser Liebe tat, trug ihr kaum Achtung, eher sogar Verachtung ein. So schrieb Karl August Varnhagen, Rahels Ehemann, dieser 1814 aus Wien (anlässlich des Wiener Kongresses), nachdem er die Schlegels kennengelernt hatte: „…ich kenne nichts Peinlicheres als eine Frau, die ihre Selbständigkeit zu Gunsten des Mannes, und sei‘s auch der Liebhaber, mit Fleiss entsagt.“

Wie aber empfand dies Dorothea selber? Aus einem der letzten Briefe Dorotheas zitierte Henriette Herz in ihren Erinnerungen: „Alles, was wir Weltkinder sonst Poesie des Lebens genannt haben, das ist weit, weit! Ich könnte sagen wie du, ich bin es satt. Aber ich sage es dennoch nicht, und ich bitte und ermahne dich,: sage auch du es nicht mehr. Sei tapfer! Das heisst, wehre dich nicht, sondern ergibt dich in tapferer Heiterkeit“.  Die selbstgewählte Lebensweise mit den damit verbundenen Demütigungen konnte nur ertragen werden durch Zustimmung: Zustimmung zu sich selber, nicht blind, sondern im Einsehen der eigenen Fehlentscheide. Tapferkeit, „tapfere Heiterkeit“ war der Preis der leidenschaftlich gewählten Freiheit. Schon als 47jährige schrieb Dorothea in ihr Tagebuch: „…ich tat alles, was ich tat, ohne alle Absicht auf Ruhm oder um berüchtigt zu sein, sondern, ich bekenne es ehrlich, ganz unbefangen, bloss zu meiner eigenen  Selbstzufriedenheit, ohne nur im Geringsten an die Welt zu denken“…

Dieser Begriff der „Selbstzufriedenheit“ trat so, als Begründung des Handelns, wohl zum ersten Mal auf. Er zeigt an, dass Dorothea damals zu ihren Entscheiden und zu ihrer Lebensführung ohne inneren Zwiespalt stehen konnte, dass sie mit sich selber im Frieden war, obwohl von Aussen gesehen eigentlich alles dagegen sprach. Gerade hierin, scheint mir, findet sich eine der bedeutungsvollsten Auswirkungen – weder der rechtlichen Emanzipation noch der Assimilation -, sondern der Aufklärung, eventuell des nachwirkenden Vorbilds Moses Mendelssohns, das die Tochter unbewusst übernommen und für sich, in ihrem Sinn, nutzbar machen konnte: „Selbstzufriedenheit“ als Folge des Selberdenkens und des selbst verantworteten Lebens verweist auf eine neue Qualität der moralischen Selbstbefragung: auf die Übereinstimmung von eigenem Urteilen, Entscheiden und Handeln, eine Übereinstimmung, die sich auf der emotionalen, vielleicht der untrüglichsten, Ebene zeigt, in jener der Gestimmtheit, des Gefühls, ddes Einvernehmens mit sich selber.

Diese Qualität der „Selbstzufriedenheit“ scheint sich am ungetrübtesten bei Henriette Herz vorzufinden, allerdings ohne dass sich bei ihr ein ähnlich qualvolles Ringen um diese Qualität wie bei Dorothea Schlegel als  nötig erwiesen hätte. Sie ist in dieser  Generation der jüdischen Frauen um 1800 herum, in dieser Zeit der Sehnsüchte, der Umbrüche und Aufbrüche, welche die Romantik genannt wird, vielleicht die am wenigsten gequälte. 1764 wurde sie als Henriette de Lemos, Tochter eines sephardischen Arztes, in Berlin geboren, mit zwölfeinhalb Jahren verlobt und mit fünfzehn Jahren mit dem viel älteren Arzt Marcus Herz verheiratet, den sie dann wirklich liebte und der ihr, die schön, begabt, vielsprachig (den Brüdern Humboldt, zum Beispiel, gab sie Hebräischunterricht) und überaus belesen war, bis zu seinem Tod 1803 jeden Freiraum, den sie wünschte, und zugleich jeden Schutz gewährte. Mit Friedrich Schleiermacher, dem Religionsphilosophen und Platonübersetzer, verband sie während längerer Zeit, von 1899-1802,  eine tiefe Freundschaft; konnten sie einander nicht sehen, schrieben sie einander täglich. Neben Freundschaften und gelehrten Gesprächen führte Henriette Herz einen Salon, wie es kaum einen zweiten gab, wo sich alle geistvollen, irgendwie bedeutenden und ungewöhnlichen, jüngeren und älteren Frauen und Männer trafen und austauschten, welcher Schicht und welcher Herkunft sie auch angehörten, „…in unserem Haus“, wie sie schrieb, „von welchem ich ohne Übertreibung sagen kann, dass es nach nicht langer Zeit eines der angesehendsten und gesuchteten Berlins wurde… Eine lange Reihe von Jahren lebte ich mit allen vorzüglichen Menschen Berlins in geselligem Verkehr“. Nach dem Tod ihres Ehemannes, die 44 Jahre ihrer Witwenschaft, war ihr Leben allerdings nicht mehr dasselbe. Die kleine Rente und die Zinsen des Kapitals reichten kaum für ihr Auskommen,, zumal sie für ihre erblindete alte Mutter und ihre unverheiratete Schwester Brenna zu sorgen hatte. Sie gibt der Tochter der Herzogin von Kurland Englischunterricht, unterrichtet weitere Kinder. Einer Bekannten, Henriette willich, der späteren Frau Schleiermachers, schrieb sie: „Meine mir nur mit mancher Aufopferung und vieler Entsagung erhaltene Freiheit muss ich nun auf einige Jahre aufgeben und mir ein anständiges Unterkommen suchen“. Allerdings schlug sie ein lukratives Angebot, die Erziehung der ältesten Tochter des preussischen Königs, der späteren Kaiserin von Russland, zu übernehmen, aus, da es an die Bedingung geknüpft war, dass sie sich taufen lasse, ebenso ein anderes in Frankreich, bei dem es um die Erziehung der Nichte eines Schwagers von Napoleon ging.

Im Gegensatz zur jungen Rahel Levin oder Brendel Mendelssohn empfand Henriette Herz das Jüdischsein und Frausein nicht als Schmach. Trotzdem liess auch sie sich 1817, ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter, zwei jahre nach Brennas Tod, mit 53 Jahren, taufen, und noch im selben Jahr begab sie sich mit ihrer Freundin, der Malerin Auguste Klein, auf eine Italienreise. 1818 traf sie in Rom ein und besuchte ihre Freundin Dorothea Schlegel, die damals bei ihren Söhnen weilte. Dort begann Henriette Herz, eine Autobiographie zu schreiben. Sie kam damit allerdings nicht recht voran, obwohl gerade die Gesellschaft Dorotheas förderlich war, hatten die zwei Frauen sich doch seit der Kindheit gekannt und gegenseitig begleitet. (Als Dorothea Veit sich entschlossen hatte, ihren Ehemann zu verlassen und Schlegel zu folgen, hatte Henriette Herz es auf sich genommen, mit Simon Veit zu sprechen und zu verhandeln. Es war sicher auch ihrem grossen Geschick und ihrer Einfühlungskraft in beide Eheleute zu verdanken, dass Veit der Scheidung zustimmen konnte und dass er bereit war, Dorothea nichjt nur das Sorgerecht über die noch nicht erwachsenen Söhne zu überlassen, sondern sie auch finanziell zu unterstützen). Nach der Rückkehr von Rom nach Berlin erzählte sie ihr Leben in allen Details und Ausführlichkeiten dem jungen Joseph Fürst, der ihre Erinnerungen 1850, drei Jahre nach ihrem Tod, veröffentlichte. Diese Erinnerungen, wie auch die von Henriette Herz selber verfassten literarischen Portraits ihrer Freundinnen und Freunde sind von grosser, zugleich knapper Präsision, eine seltene Quelle des Wissens über die damalige, in geistiger und politischer Hinsicht so unruhigen Zeit.

1847 starb Henriette Herz im hohen Alter von 83 Jahren in Berlin. In den letzten Jahren hatte sie in finanziell sehr beengenden Verhältnissen gelebt. Alexander von Humbildt, der um ihre Situation wusste, wandte sich den preussischen König Friedrich Wilhelm den IV, und dieser war bereit, ihr eine jährliche Pension auszusetzen, „für eine Frau, welche, solange es ihre Kräfte erlaubten, so tätig für das allgemeine Beste mitgewirkt hat“, wie er die Rente begründete. Henriette Herz soll, nach dem Zeugnis von Ludwig Börne, noch im Alter „wie eine junge Frau in Tätigkeit und Zerstreuung gelebt und immer noch, wie in den Tagen ihrer Schönheit und ihres Glanzes, geachtet und gesucht worden sein“.

„Unsere Sprache ist unser gelebtes Leben“ bedeutet somit weit mehr als das, was heute unter „Kommunikation“ verstanden wird. In der Sprache, mit der Sprache und über die Sprache schufen sich die Frauen dieser Generation erstmals einen eigenen Weg der Freiheit, eine eigene Befreiung, welche die Sprache des sozialen Funktionierens, auch der soialen Herkunft – die soziale Syntax –  sprengte, welche sie zugleich in ihr eigenes Selbst hineinführte und aus diesem hinaus ins Welthafte, ins Zeitgeschehen, zwar noch nicht in den politischen Raum, aber in den gesellschaftlichen, nach der Unterscheidung Hannah Arendts. Und genau dies war entscheidend, die Tatsache, dass über die Sprache nicht allein der private Kontext verändert werden konnte, sondern dass diese Sprache über das Private hinaus auch im weiteren, öffentlichen Raum, in der „Welt“ gehört wurde. Ob dadurch etwas bewegt und verändert konnte, was über das Private hinausging, stellte sich damals nicht als Frage, war aber als Hoffnung in Rahel Varnhagens pluraler Formulierung des eigenen Anliegens spürbar. Diese Hoffnung mag die Hoffnung auf einen emanzipatorischen Gewinn für viele bedeuten, über den individuellen hinaus, einen Gewinn an grösserer innerer Freiheit, unabhängig davon, wie die äusseren Verhältnisse sich weiterentwickelten. Denn die öffentlich-rechtlich zugestandene Emanzipation resp. die bürgerliche Gleichstellung, in formaler Hinsicht damals ohnehin höchstens den männlichen Juden gewährt, den Frauen, ob Jüdinnen oder Christinnen, noch lange verwehrt, war ein ungedeckter Wechsel, ein ungedeckter Scheck, wie die Hep-hep-Unruhen sowie die ganze weitere Entwicklung in Deutschland und in Europa deutlich werden liess. Diese bürgerliche Emanzipation war von Anfang an der Ausdruck eines assimilatorischen, d.h. eines dialektischen Modells, bei welchem die unterschiedlichen Elemente, die zusammenkamen, These und Antithese, in der Synthese aufzugehen hatten, in einer durch die machtausübenden Schichten definierten „Gleichheit“. Und jedes dialektische Modell ist von der Anlage her totalitär, da Verschiedenheit, Anderssein, als defizitär definiert wird. Die bürgerliche Emanzipation gab den Juden nicht die Chance einer dialogischen Integration, bei welcher Eigenheit und Differenz im Kulturellen und Religiösen weiterbestehen durfte, ohne dass deswegen das gleiche Menschsein mit dem Anspruch auf gleiche Rechte in Frage gestellt worden wäre. Dies macht den entscheidenden Unterschied zwischen dialogischen und dialektischen Modellen des Zusammenlebens bis heute aus, im Grossen wie im Kleinen: ob Differenz, ob eine Vielheit von Differenz, vereinabr ist mit gleichen Rechten, mit gleicher partizipation, mit gleichem Respekt vor dem gleichen Menschsein, oder ob die – irgendwie definierten – „Gleichen“ den Anspruch aufs gleiche Menschsein, damit auf Akzeptanz (ncht bloss Toelranz) ihrer selbst beanspruchen dürfen.

Trotzdem – und gerade für die Frauen – war die Entdeckung der Sprache als Weg der Emanzipation ein Gewinn, der, denke ich, nicht mehr rückgängig zu machen war. Er ging als Erbe –als Matrimonium – an die späteren Frauengenerationen weiter, über Berta Pappenheim und Rosa Luxemburg zu Alice Rühle-Gerstel, Simone Weil, Nelly Sachs, Rose Ausländer, Margarete Susman, Hannah Arendt, Sarah Kofman und viele, viele weitere mehr, bis in unsere Zeit, als leidenschaftlich verteidigtes, sorgfältig gepflegtes und vorweg verfeinertes Instrument, das erlaubt, allen innerpsychischen Erfahrungen, allen Schwingungen des Herzens und allen Widersprüchen des Erkennens und Denkens Ausdruck zu geben, nicht nur für sich allein, sondern im Austausch mit anderen.

 

[1] Ev. Initialen des auf Banner der Kreuzfahrer von 1097 geschrieben „Hierosolyma est perdita“; ev. Ruf der Verachtung den Juden gegenüber, der an die Zurufe Schafe und Ziegen gegenüber erinnert, „Animalisierung“ der Juden s. Detlev Claussen. Vom Judenhass zum Antisemitismus. Sammlung Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1987

[2] Jakob Fries hat die Agitation mit Hetzschriften angeführt, darunter „Über die Gefährdung des Wohlstands und Charakters der Deutschen durch die Juden“, in Verbindung und Übereinstimmung mit der Anti-Schrift des Berliner Profosser Rühs zur – von Moses Mendelssohn angeregten – Streit-und Diskussionsschrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ von Christian Wilhelm Dohm von 1781 und, erweitert,  1783. Der Heidelberger Journal vom 26. August 1819 kommentiert: „Freilich, wenn Professoren dem Volk Ausrottung des Judentums predigen, so haben sie nicht darauf gerechnet, dass die Gassenbuben so unlogische Köpfe sind, darunter die Juden selbst zu verstehen, und wenn Flugschriften und zeitungen tägkich den Judenhass anfachen, so hat von Aristoteles bis Fries noch niemand einen solchen Fehlschluss begangen, dass er sich deshalb zur Judenplünderung für befugt gehalten“ (s. Detlev Claussen, a.a.O. S.75).

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