Europastafette

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Europastafette

 

Auszug aus dem Tages Anzeiger Magazin vom 22./23. September 1989 Nr. 38

Text von Maja Wicki

 

Ein armes Land, schorfig, abgewetzt bis aufs Skelett, wie der Rücken der Schlachtrinder, denke ich, die, in Lastwagen zusammengepfercht, auf der Landstrasse transportiert werden. Der Bus überholt sie und lässt dabei die Aussenbezirke von Ankara hinter sich, dann Kartoffel- und Getreidefelder, von Disteln und Mohn durchsetzt, wo Gruppen von Frauenin weissen Kopftüchern kauern und arbeiten. Es folgen feucht-grüne   Berggebiete mit Mulden, in denen Nebel hockt, aber schnell werden diese wieder abgelöst durch mageres Brachland, auf dem Schafe weiden. Eine alte, gebeugte Frau schleppt Brennholz auf dem Rücken. Afrikanische Bilder. Acht Stunden dauert die Busfahrt von Ankara nach Istanbul, und Stunde um Stunde bestätigt sich der Eindruck von Armut in diesem weiten, bergigen Land – und ebenso der Eindruck von ständiger Militärpräsenz. Die von Stacheldraht eingezäunten Militärareale, an denen wir vorüberfuhren, wir zählten sie erst, dann hörten wir auf. Unabhängig von deren Anzahl wuchs das Gefühl, durch ein Land im inneren Belagerungszustand zu fahren, durch ein Land mit kriegsmässiger Kontrolle. Und dieser aus der Beobachtung gewonnene Eindruck stimmte überein mit den schon in der Schweiz gesammelten Dokumenten und mit den in der Türkei gehörten und festgehaltenen Berichten, in Ankara ebenso wie in Istanbul.

Auf Istanbul wären Oden zu schreiben, so sehr nimmt die Stadt diesseits und jenseits des Bosporus in ihrer verwirrenden Lebendigkeit nicht nur die Augen , sondern alle Sinne- Geruchssinn, Ohren und Herz- gefangen. Aber „gefangen“ ist hier keine Metapher. Die Menschen die uns mit selbstverständlicher Wärme aufnehmen, uns ihre Betten zur Verfügung stellen und sich selbst mit einem Notbett begnügen, uns an ihren Tisch einladen und uns in ihren Freundeskreis eingliedern, sie alle haben Polizeihaft und Gefängnisjahre hinter sich, in Meris und in Sagmalçilar, in çanakale, in Bursa, Diyarbakir und Eskisehir, sie wurden einzeln und voreinander blutig geschlagen, geprügelt, auf sadistischste Weise misshandelt, mit verbundenen oder mit sehenden Augen, sie wurden tage- und wochenlang zum Stehen gezwungen, in mit Wasser überspülten Einzelzellen isoliert oder zu sechst oder zu acht in vier Quadratmeter grossen Zellen zusammengepfercht, mit Freunden und mit Unbekannten zusammen, denen alle Knochen gebrochen und alle Gefässe zerschlagen wurden, die den Verstand verloren, die am Sterben waren und starben, Frauen und Männer. Weil sie Mitglieder einer linken Organisation oder weil sie Kurdinnen und Kurden sind. Frauen und Männer, die weiterleben und nicht aufgeben, die sich im Türkischen Menschenrechtsverein und in TAYAD (Organisation der Famillienangehörigen politischer Gefangener) zusammenfinden und für ihre weiter inhaftierten Söhne und Töchter, Ehemänner und Ehefrauen, Brüder, Schwestern und Gesinnungsverbundenen kämpfen und in diesem Kampf selbst wieder die eigene Sicherheit aufs Spiel setzen. Sie heissen Saynur, Dogan, Ayse, Ayhan, Ali, Musafer, Mustafa, Kifayet, Menekse, Müzeyin, Mahmut, Ragip, Halil.

Unter ihnen nimmt Leman Firtina einen besonderen Platz ein, eine Mutterfigur für alle, ein Vorbild der Unerschrockenheit, die, ohne theoretisch-politische Vorbildung, durch die Verhaftung ihrer beiden Söhne, besonders aber durch die fünf Monate dauernde Folterung ihres Sohnes Dogan begriff, dass in einem System des  Unrechts alle, die nicht gegen dieses System kämpfen, dafür mitverantwortlich werden. Daher kämpft sie, mit der Einfachheit ihres Gerechtigkeitsgefühls, auch jetzt, wo ihre Söhne nicht mehr im Gefängnis sind, in der Türkei selbst und im Ausland, wohin sie sich zu Aufklärungsvorträgen begibt, ohne dass sie eine einzige Fremdsprache spricht. …

… Am 5. Juli treffen wir in Kapikule, einer der vier offenen Grenzstationen, ein. Es ist der 34. Tag, seit der Exodus der türkischstämmigen und der islamischen Bulgaren in die Türkei begann, täglich zwischen zwei- und viertausend Menschen, welche die Grenze überschreiten. „Ausflügler“ werden sie in Bulgarien genannt, „Deportierte“ in der Türkei.

Hoch übereinandergetürmt stapeln sich auch an diesem Tag auf dem Bahnsteig Bündel, Hausrat, einzelne Decken, Möbelstücke, Koffern und Körbe. Auf den Gleisen stehen die entleerten  Güterwagen, in denen nicht nur der Hausrat transportiert wurde, sondern die Menschen selbst, eng aneinandergepresst, die meisten zehn Stunden und länger ohne Frischluft und ohne Wasser, auch die uralten zahnlosen Bäuerinnen mit den streng geknoteten Kopftüchern, die nun gebeugt und ausdruckslos in der prallen Sonne auf den Bündeln sitzen. Erschöpfte Kinder liegen neben ihnen. Eine junge Frau weint; sie erzählt von den Strapazen der Reise und von den Quälereien der vergangenen Tage, von den nervenaufreibenden Versuchen, seit Wochen, von der Bank ihre Ersparnisse abzuheben, von den Schikanen, die ihre zwei jüngeren Kinder in der Schule erdulden mussten. Ein etwa dreissigjähriger Mann humpelt an Krücken vorüber. Er wurde von bulgarischer Miliz angeschossen erzählt er, weil er die Namen seiner Brüder nicht preisgeben wollte. Wer steht für ihn in der Schlange vor dem türkischen Polizeibüro, wo alle ankommenden registriert werden? Seine Schwester steht dort, sagt er, wie von jeder Familie das kräftigste Mitglied geduldig in der Reihe steht, die Tag und Nacht sich voranschiebt und sich wieder auffüllt. Ein Siebzehnjähriger mit blondem Krauskopf hievt eine Nähmaschine samt Eisengestell hoch und reicht sie über den Bahnhofzaun seinem Vater, der auf der Ladebrücke eines alten Lastwagens steht. Hasan heisst der Junge auf Türkisch, Sartuslav auf bulgarisch. Die Familie hatte Tabakfelder in Bulgarien und fünfzig Schafe. Das alles blieb zurück. Was will Hasan in der Türkei machen? Weiss er, dass Millionen von Türken unter dem Existenzminimum leben oder ihr Land auf der Suche nach Arbeit verlassen müssen? Das kümmere ihn nicht, sagt er, er wolle den türkischen Militärdienst machen und dann beim Militär bleiben.

Über das Bahnhofareal dröhnt aus Lautsprechern, bei Tag und bei Nacht, die türkische Nationalhymne, und unübersehbar markieren grosse ausgespannte Fahnen mit türkischen Emblemen die nationale Souveränität.

Makellos präsentiert sich auch die in der Nähe von Edirne gelegene Zeltstadt, die der Türkische Halbmond unterhält, 700 spitz zulaufende Zelte für 1800 Menschen, die dort höchstens zwei Wochen bleiben, eine teppichgeschückte Zeltmoschee gleich beim Eingang, eine Zeltkoranschule daneben, auf der anderen Seite des Eingangs ein medizinisches Versorgungszelt, in regelmässigen Abständen Brunnen, Duschen und Toiletten für Frauen und Männer, Familienzelte, eines hinter dem anderen, schnurgerade ausgerichtet und festgezurrt, ein Vorzeigelager geordneter Heimatlosigkeit. Diese Ordentlichkeit – auch der damit verbundene Propaganda-Aufwand – können nicht über die beklemmende Entwurzelung der jungen und alten Menschen hinwegtäuschen, nicht über die ungelösten Fragen in den Gesichtern, etwa in dem der jungen Frau mit dem zweijährigen, am Vortag beschnittenen Büblein (eine Merkwürdigkeit, da bei den Muslimen die Beschneidung üblicherweis etwa im zwölften Altersjahr vorgenommen wird), oder in dem der fast fünfzigjährigen unverheirateten Frau, die zusammen mit ihrer verheirateten Schwester und den alten Eltern weggezogen ist, oder in den Gesichtern der drei braungebrannten, kräftigen Bauarbeiter, die verloren auf der Zeltstrasse stehen und nicht wissen, wohin mit ihren arbeitsgewohnten Händen, oder im Gesicht der rotwangigen Bäuerin, die vom Weizen spricht, der in Bulgarien jetzt geschnitten werden müsste. Was habe sie in den letzten Jahren erduldet, dass sie ihren Weizen, ihre Arbeitsstellen und ihre Dörfer hinter sich lassen und den Weg ins Unbekannte gehen? Da waren die demütigenden Namensänderungsprozeduren in den Dörfern, seit 1984; es wurde viel darüber geschrieben. Hunderte, die dagegen Wiederstand leisteten, in den südlichen Dörfern im Gebiet der Rhodopen ebenso wie im nordöstlichen Zipfel gegen die rumänische Grenze zu, wurden zusammengeschlagen, mit Hunden gehetzt, verhaftet und gefangengenommen: andere wurden in weit entfernte Landesteile deportiert. In mehreren Dörfern schoss die Polizei in die demonstrierende Bevölkerung. Laut Amnesty International gab es Dutzende von Toten, darunter auch Kinder.

…Schon Jahre in Ketten

hinter verschlossenen Türen,

dröhnenden Riegeln,

vergitterten Augen,

schon lange habe ich die Blumen

der Berge

nicht gesehen,

bin immer nur der Dunkelheit

der

Nacht begegnet…

Doch

Der Tag wird mitten in der

Nacht

Geboren,

Die Freiheit mitten in uns,

in unseren groben, rissigen

Händen

Leuchtet das Leben,

verlischt nie.

(Auszug aus einem Gedicht von Hüla Ayse Özzümrüt in: „…ich schreibe mit den Fingernägeln“ Zambon Verlag Frankfurt 1986)

 

… Ob auch die ausgewanderten Muslime und Türkischstämmigen an der Zuckerknappheit in Bulgarien schuld sind? Wir wollen nicht länger in Sofia herumrätseln, sondern nach Rasgrad in Nordbulgarien fahren, woher viele der von uns in Kapikule befragten Familien kommen. Spätabends besteigen wir den altmodischen Schlafzug Richtung Schwarzes Meer. Ein abgewetzter Perserteppich schmückt den Korridor, der Fahrtwind bauscht die Gardinen, Gesichter und Hände werden russig, die mitreisenden Vietnamesen lachen wie Kinder. Die Pritschen in den Kabinen sind frisch bezogen. Wir fahren durch schmale Täler mit üppiger Vegetation, die, kurz vor dem Hereinbrechen der Nacht noch knapp erkennbar, an südliche Alpentäler erinnern, an Tessin, Veltlin und Puschlav.

Noch vor Sonnenaufgang steigen wir auf dem Bahngleis von Sumen aus. Es ist ein hellblauer Morgen, und vor dem Bahnhof wartet ein hellblaues Taxi, als hätten wir den Fahrer bestellt. Wir fahren durch Sonnenblumen- und Weizenfelder, durch schön gewelltes Land, das zur Donau hin (gegen Russe zu, wo der in Zürich lebende Schriftsteller Elias Canetti geboren ist) wegen der giftigen Immissionen einer im benachbarten rumänischen Giurgiu gelegenen Chlorgasfabrik für Menschen und Tiere immer mehr zu einem Sterbeland wird.

Rasgrad selbst ist ein fast gesichtsloser Ort, einst wohl schön gewesen mit seiner berühmten alten Moschee und den biederen Backsteinhäuschen in Gärten, von denen ein paar letzte zerfallende an die vergangene Zeit erinnern, heute ist der Ort mit schnell gebauten Wohnhäusern aus schlechtem Material  wie zufällig bestückt. Ausser ein paar Zigeunerinnen, die die Strasse kehren, ist noch kaum jemand wach. Eine junge Frau, städtisch gekleidet, treibt aus einem Schuppen mit einem Stöckchen zwei Ziegen über die Strasse. An einer Böschung brennt ein mageres Feuer; ein Zigeunerpaar sitzt daneben. Der Mann flickt eine grosse Eisenpfanne. Ein stämmiger Bulgare geht vorüber, mit missbilligenden Blicken für das Paar.

Plötzlich braust ein Polizeiwagen heran, überfährt beinah die Zigeuner und reisst unmittelbar hinter ihnen einen Stopp. Beamte steigen aus. Sie fordern uns auf, unsere Dokumente abzugeben und ins Auto zu steigen. Der Taxifahrer wird angehalten, hinterherzufahren. Vor dem Polizeiposten lümmeln weitere Beamte herum, von denen einer mit unserem Fahrer hinter einer Tür verschwindet. Wir werden herumgepufft, unsere Pässe und Presseausweise gehen von Hand zu Hand, der Chef bohrt sich dabei in den Zähnen. Nach einiger Zeit, während wir im kahlen Flur herumstehen, fährt wieder der graue Wagen vor, und das alte Zigeunerpaar wird herausgestossen. Da platzt uns der Kragen, und wir verlangen, in allen uns verfügbaren Sprachen radebrechend, Rechenschaft für die sinnlose Schikane. Doch es dauert eine gute Stunde, bis der Fahrer wieder erscheint, bis uns unsere Dokumente endlich ausgehändigt und wir angehalten werden, auf dem kürzesten Weg Rasgrad zu verlassen. Die geplanten Besuche bei muslimischen Familien, bei Ausreisewilligen oder –unwilligen und bei eventuellen Rückkehrern dürfen nicht stattfinden. Auch nach Russe dürfen wir nicht weiterfahren. Auf dem Rückweg nach Sumen wird das Auto dreimal von einer Milizstrassenkontrolle gestoppt. Nichts Schwerwiegendes, vielleicht. Vielleicht nur eine Bestätigung dessen, was nach Marja normal human life in Bulgarien ständig beeinträchtigt: Willkür, generelles Misstrauen und daher Angst eines jeden Menschen vor dem anderen. …

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… leider fehlt uns in unserem Exemplar die letzte Seite..

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