Aufmerksamkeit – Denken – Verstehen

 Aufmerksamkeit – Denken – Verstehen[1]

Was ist die Bedeutung der Philosophie in Zusammenhang Ihrer Arbeit als Ratgeberinnen und Ratgeber in Krisensituationen wie auch als Begleiterinnen und Begleiter bei Handlungsentscheiden, die andere Menschen zu treffen haben?

Philosophie? In allen europäischen Sprachen blieb das griechische Wort „philosophia“ erhalten, in welchem eine Beziehung zum Ausdruck kommt. Es ist die Beziehung zwischen dem Verb „philein“ – lieben, resp. dem Substantiv „philos“ – Freund, Liebhaber“ und dem anderen Substantiv, das Objekt und Zielsetzung des ersten ist : „sophia“ – das erarbeitete und ergründete Wissen, das in der griechischen und römischen Antike als Weisheit verstanden wurde, jedoch nicht im Sinn eines definitiven, sondern eines stets vorläufigen Resultats, das ein blosser Zwischenhalt im Streben nach Wissen bedeutet. In dieses Streben nach Wissen wurden alle Bereiche einbezogen, die dem Erkennen und Denken zugänglich sind und die durch das Suchen und Hinterfragen, d.h. durch die kritische Auseinandersetzung und den Dialog mit anderen wissenshungrigen Denkerinnen und Denkern Erkenntnisse zulassen, die das menschliche Leben, das private ebenso wie das öffentliche betreffen und beeinflussen.

Dabei ging es schon in der vorsokratischen Zeit und später sowohl um metaphysische  Fragen, die sich mit dem befassen, was „meta“ – nach, resp. über – die „physis“ hinaus geht, d.h. über das Naturhafte, natürlich Geschaffene, Geschöpfliche und somit  Körperliche hinaus, um Fragen des Seins und Werdens, des Göttlichen und Menschlichen, des Unendlichen und Zeitlosen wie des Endlichen und Vergänglichen, um die Frage, was Erkennen und Denken bedeutet, was Idee heisst und was unter Logik zu verstehen ist, was die Verhältnisse des Einen und der Teile bedeuten, der linearen resp. ebenen wie der räumlichen – das Gebiet der Mathematik und der Geometrie, d.h. all dessen, was den Kräften und der Ordnung des Weltganzen zugrunde liegt. Diese wiederum wurden als Physik, Kosmologie und  Astronomie in die Philosophie einbezogen, auch jene, die sich mit dem Erkennen und Verbessern von körperlichen Störungen befassten, die Medizin, oder mit den vielseitigen, rätselhaften Empfindungen des Menschen, mit der Psychologie („Psyche“ – Seele), wie jene, die nach Regeln des menschlichen Zusammenlebens suchten, nach Regeln der „polis“, woraus das Gebiet des Rechts und der Gesetze, der Staatslehre mit dem öffentlichen und dem privaten Bereich wuchs. Zur Zeit von Sokrates und seiner Schüler – u.a. Platon und Aristoteles -, die seine Lehre festhielten (Sokrates selber schrieb kein einziges Buch), gehörten alle Bereiche als sich wechselseitig ergänzende in jenen der Philosophie.

Wichtig ist festzuhalten, dass Philosophie nicht im elfenbeinernen Turm gelehrt wurde, sondern dass diejenigen, die den Pfad der philosophia schon länger und ernsthafter erschritten hatten – z. B. Pythagoras, Sokrates, dessen „Lehrerin“ Diotima, viele andere mehr – den Jüngeren, die ebenfalls das Bedürfnis nach „sophia“ hatten, Fragen stellten, so dass sich das Ergründen und Denken von Frage zu Frage verfeinerte und Erkenntnis ermöglichte.

So stand letztlich die Bedeutung der menschlichen Sprache in allen Teilgebieten der Philosophie im Mittelpunkt, d.h. die Bedeutung der Begriffe und der Kommunikation, durch welche die geistigen Prozesse des Denkens und Erkennens wie die emotionalen Impulse Ausdruck fanden und im Gespräch – im Dialog – eventuell verstanden oder missverstanden, eventuell auch nicht verstanden wurden.

Von grundlegender Bedeutung ist dabei die Aufmerksamkeit, sowohl gegenüber den eigenen Empfindungen, die das Suchen, Fragen und Ergründen, das Entscheiden und Handeln lenken, wie gegenüber jener der anderen Menschen, die in das Gespräch einbezogen oder nicht einbezogen sind und auf welche sich die Folgen des eigenen Entscheidens und Tuns auswirken. Alles, was mit Aufmerksamkeit einhergeht, mit dem Mass an Aufmerksamkeit wie auch mit der Beachtung dessen, was Aufmerksamkeit bewirkt, schliesst das Denken und Erkennen wie das Tun ein und berührt wichtige Fragen einer Ethik der Kommunikation und damit des Zusammenlebens, die der beruflichen Verantwortung, die sie übernommen haben – jener von  Supervision, Coaching und Beratung – zugrunde liegen.

So wollen wir zuerst auf die Frage eingehen, was Aufmerksamkeit  bedeutet. Womit verbindet sich das Wort? Geht Aufmerksamkeit auf frühere Erfahrungen zurück? – oder entwickelte sie sich erst später? Ist sie Erwartung und Forderung und beruht somit auf einem Bedürfnis, oder ist sie Antwort? Wann und in welchem Zusammenhang?

Aufmerksamkeit geht mit dem inneren Blick des Menschen auf das ein, was ihn tangiert oder bewegt. Ein Aufmerken geht voraus, das den inneren Blick weckt und das ermöglicht, über die „psyche“ – über die  Seele – feinste Vibrationen und Schattierungen wahrzunehmen, so dass ein Verstehen, eine Sorgfalt und Achtsamkeit im Handeln möglich werden, deren Folgen mit Zuversicht entgegen geschaut werden kann. Aufmerksamkeit richtet sich sowohl auf das eigene Ich und auf alles, was es bewegt – z. B. auf Neugier oder auf Angst – wie auf den anderen Menschen und auf das, was ihn bewegt, wie ebenso auf die Sache oder den Zusammenhang, die Anlass geben, sich darauf zu konzentrieren. Wenn Aufmerksamkeit geweckt werden kann, werden wichtige Grundbedürfnisse des Menschen erfüllt, insbesondere das Bedürfnis verstanden zu werden, das Bedürfnis nach Achtung und nach Sicherheit.

Noch deutlicher kann die Bedeutung von Aufmerksamkeit in Sprachen lateinischer Etymologie hervortreten, die in der Schweiz häufig gebraucht werden[2]. Die etymologische[3] Bedeutung von Aufmerksamkeit in der Ableitung aus dem Lateinischen beruht auf dem Wortsinn von „at- tendere”  – an-spannen,  aus-richten. Das Substantiv „attentio / attentionis bedeutet in erster Linie Spannung, in zweiter Aufmerksamkeit. Der bildhafte Ausdruck „animum ad cavendum attendere” hat die Bedeutung von sinnen; „ad cavendum attendere” heisst beachten, acht geben, merken und aufmerken. Schon im Lateinischen findet sich in der verbalen Verbindung von „attendere” und  „cavere” – caveo, cavi, cautusanschauen, sich vorsehen, sich hüten, in acht nehmen; vorsorgen, Fürsorge treffen, sichern, sicherstellen, Gewähr leisten das grosse Bedeutungsraster von Aufmerksamkeit, das wir auch in der deutschen Sprache erarbeitet haben. Ein wichtiger Teil dessen, was bei der Anwendung des Wortes gemeint ist, wird somit über dessen Herkunftsbedeutung – dessen genetische Geschichte – vermittelt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Aufmerksamkeit als Anspannung einzelner (oder aller) Wahrnehmungsmöglichkeiten – der einzelnen Organe, des Nervensystems und der Psyche – zu verstehen ist, zum Zweck der Ausrichtung des Menschen in seinem Subjektwert auf die Vielzahl der ihn umgebenden und sich auf ihn ausrichtenden Kräfte (ob von Aussen oder von Innen), denen er als Objekt ausgesetzt ist, mit dem Ziel, über Empfindung oder Erkenntnis spüren oder wissen zu können, wie ein Verstehen zustande kommt und wie das Verhalten oder das Handeln zu entscheiden ist.

Die menschlichen Fähigkeiten der Wahrnehmung – die sinnesmässigen des Sehens, Hörens und Riechens wie jene der körperlichen Berührung, sodann die empfindungs- und gefühlsmässigen wie Hunger, Durst, Neugier, Freude, Betroffenheit, Glück oder Angst, Sorge, Schrecken, Traurigkeit, Todesangst, innere Lähmung und andere mehr, welche die nervlichen Reaktionen bewirken, z.B. Entspannung und Entlastung oder Anspannung, Abwehr, Unruhe, Depressivität und Aggressivität, ferner die intellektuellen, welche das Erkennen, Denken, Urteilen und Entscheiden möglich machen, alle diese Fähigkeiten verbinden sich mit der Tatsache, dass der Mensch als Subjekt sich ausrichtet auf das, was um ihn und in ihm geschieht, dass er sich dabei anspannt, um aufzunehmen und zu begreifen, was die Bedeutung dessen ist, was er aufnimmt und wahrnimmt, ob es gut und wohltuend sei, oder schlecht, widerlich oder gar bedrohlich. All dies verbindet sich mit Aufmerksamkeit, deren schon das kleine Kind – vermutlich schon das Kind in der pränatalen Phase – fähig ist, da es des Aufmerkens bedarf, um sich selber zu schützen, um den Blick auf sich und seine Bedürfnisse zu lenken resp. um beachtet zu werden, um seiner Neugier gerecht zu werden und seinem Wissenshunger nachzukommen.

Fritz Mauthner ging in seinen Neuen Beiträgen zu einer Kritik der Sprache[4] auf die Bedeutungsunterschiede von Aufmerksamkeit und von aufmerken ein. Er hält fest, dass „an dem Substantiv Aufmerksamkeit alle Definitionsversuche scheitern mussten, weil niemand zu sagen vermochte, ob es ein Zustand oder eine Tätigkeit, ein Gefühl oder eine Leistung sei; weil nicht einmal ein Oberbegriff feststand, unter den man etwa diese Tätigkeit hätte einordnen können”[5].

 

Als Beispiel geht Fritz Mauthner auf den Lehrer ein, „der dem Schüler eine Zensur über den Grad seiner gewohnten Aufmerksamkeit erteilt; er hat natürlich von diesen Schwierigkeiten keine Ahnung. Der Lehrer weiss nicht, dass Aufmerksamkeit und Zerstreutheit die subjektive und die objektive Seite des gleichen Zustandes sind, dass man aus lauter Aufmerksamkeit für seine besonderen Interessen zerstreut sein kann für die allgemeinen Schulinteressen, dass Talent Aufmerksamkeit ist, aber nicht immer Aufmerksamkeit für die geforderten Interessen. (…) Es gibt in der Wirklichkeitswelt überhaupt keine – heiten und –keiten, auch keine Aufmerksamkeit. Es gibt in der psychologischen Wirklichkeit nur eine besondere Arbeitsleistung, die wir nach mangelhafter Selbstbeobachtung aufmerken nennen. Das ganz unklare Gefühl, das diese Arbeit zu begleiten pflegt, wird gewöhnlich unter dem Substantiv Aufmerksamkeit verstanden. Wenn dieses Gefühl ausbleibt und wir dennoch aus den Folgen darauf schliessen, dass wir aufgemerkt haben, dass wir ohne Aufmerksamkeit aufmerksam waren, dann redet die Wissenschaft von passiver Aufmerksamkeit[6].

Was Fritz Mauthner unterscheidet, ist einerseits das über die Sinnesorgane – über das Sehen, das Hören, das Riechen, das Berühren und Spüren – geweckte aktive Aufmerken, das einem bestimmten Interesse  – lat. inter-essedabei sein, dazwischen sein – entspricht, wodurch ein Erkennen, Denken und Handeln bewirkt werden kann. Andererseits geht er auf das passive Aufmerken ein, das sich nicht auf den Intellekt auswirkt, sondern auf Empfindungen und damit auf ein Verhalten, das mit Sorgfalt und Achtsamkeit, oder mit Sicherheit, mit Mut, eventuell mit Angst im Sinn der Defensive oder der Aggression einhergeht. Der erste Teil von Mauthners Unterscheidung gehört einerseits zum Forschungsbereich der Physiologie und Neurologie, andererseits zu jenem der Philosophie im Zusammenhang der Erkenntnistheorie. Der zweite Teil deckt sich mit der geheimnisvollen Kraft des Unbewussten, die für die Psychoanalyse von grosser Bedeutung ist.

Es ist somit weniger die substantivische Aufmerksamkeit, die für Fritz Mauthner im Mittelpunkt seiner sprachkritischen Untersuchungen steht als das verbale sowohl passive wie  aktive Aufmerken.

Für Mauthner geht jeder verbale Ausdrucks nicht nur mit einem Tun, sondern mit einer Arbeitleistung einher. Jede Arbeitsleistung in diesem Sinn steht in Verbindung mit existentieller Sinngebung. Aufmerken im aktiven Sinn hat für Mauthner eine analoge Bedeutung wie sich erinnern. Beide Verben bringt er in Verbindung mit wollen, d.h. es geht um „Tätigkeiten, die wirklich sind, insofern Verben überhaupt wirklich sind. (…) Wenn ein Gegenstand der Umwelt mein Interesse erregt hat, so kann sich meine Arbeitsleistung darauf beschränken, ihn zu apperzeptieren, ihn zu begreifen, oder ich kann den Willen empfinden, ihn zu ergreifen. Man denke z.B. daran, wie die Muskeln und Nerven des Sehapparates fein zusammenarbeiten müssen, damit das Kind einen Schmetterling auf den Fleck des deutlichsten Sehens bringen, ihn genau wahrnehmen, ihn als die gesuchte seltene Species erkennen, ihn begreifen könne. Wie nachher die Muskeln und Nerven der Beine und Arme arbeiten müssen, will das Kind den Schmetterling als Beute ergreifen. Unser Aufmerken geht also auf die Gegenwart, Wollen auf die Zukunft”[7].

Es ist tatsächlich so, dass aufmerken sich mit der Zeit verknüpft, ob mit der Zeit, die mit der aktuellen, mit der nicht mehr aktuellen oder mit der noch nicht aktuellen Wirklichkeit konnotiert ist, oder ob mit der  Zeit, die von Bedingungen abhängig ist und damit zur Eventualität wird: ob mit dem flüchtigen Moment, den wir Gegenwart nennen, ob mit der vergangenen, eben vergangenen oder vorvergangenen Zeit, ob mit der bevorstehenden, die Zukunft heisst. Dass Aufmerken sich auf die Gegenwart bezieht, wie Fritz Mauthner schreibt, heisst, dass es sich dem Warten entgegenstellt, dass es dabei um den Augenblick geht – Augenblick im eigentlichen Sinn des Wortes, was Wahrnehmung durch den Blick der Augen meint, im analogen Sinn auch Wahrnehmung von Laut oder Ton durch die Ohren, die hören, von Duft und Geruch über die Nase, die beim Einatmen auch riecht, von Geschmack, der mit der Zunge aufgenommen wird, von Wahrnehmungen, welche durch Berührung von der Haut vermittelt wird. All dies macht deutlich, dass aufmerken eine vielfache und vielschichtige, komplexe und zugleich subtile Kraft der Wahrnehmung und der Vermittlung weiteren Handelns bedeutet. Anzunehmen ist, dass durch das passive, unbewusste Aufmerken frühere, zum Teil verdrängte resp. vergessene Wahrnehmungen das aktive Aufmerken durch die Sinne mitbeeinflussen, so dass Verhaltens- und Handlungsentscheide möglich werden, die überraschen, die erschrecken oder die eine klärende Wirkung haben.

Der Bereich verdrängter Erlebnisse und Erfahrungen, der im Unbewussten, dem  verborgenen Bereich der Psyche schlummert, kann geweckt werden, wenn eine analoge Erfahrung, ob im Traum oder in der Aktualität und Wirklichkeit des gelebten Lebens, ein Aufmerken fordert. Dass aufmerken überhaupt möglich ist, setzt voraus, dass Unbewusstes bewusst wird, dass Vergangenes im Augenblick präsent wird. Aufmerken lässt deutlich werden, dass Bilder, Düfte und Töne, Abläufe und Zusammenhänge von Geschehnissen und von Empfindungen, die zurückliegen – eventuell weit zurückliegen -, als Er-Innerung gewahrt wurden, jedoch verschlossen oder zugedeckt blieben, solange sie nicht geweckt werden konnten. Dass im geheimen Innenbezirk jedes einzelnen Menschen eine gespeicherte Zeitenabfolge im Sinn von Dauer  besteht, obwohl jeder Mensch der Vergänglichkeit unterworfen ist, schafft eine erstaunliche Paradoxie. Gewiss finden sich dafür Erklärungen in der neurobiologischen Erforschung der hochkomplexen cerebralen Potenzen, die das Gedächtnis ermöglichen: das Gedächtnis, vom Begriff her ein substantiviertes Partizip, das die Bedeutung einschliesst, zu denken und gedacht zu haben resp. Wahrnehmungs- und Erkenntnisarbeit – Denkarbeit – geleistet zu haben.

Die Erinnerungskraft resp. das Gedächtnis, das dem Menschen ermöglicht, den Wert jeder Passage des gelebten Lebens erhalten zu können und – eventuell – wiederzugeben, ist eine der erstaunlichsten und geheimnisvollsten geistigen Kräfte, die uns zustehen[8]. Die sokratische Erklärung der dem Zeitlichen  enthobenen, der Vergänglichkeit nicht ausgesetzten Psyche mag in der Verbindung von Unbewusstem und von Bewusstsein der je individuellen, nicht austauschbaren Bedeutung von erinnern können und von tatsächlichem Erinnern näher kommen als die wissenschaftlichen Erklärungen der neurobiologischen Prozesse[9]. Sie stimmt überein mit jener Aufmerksamkeit, die sich auf das Vergangene bezieht, so dass, was nicht mehr ist, wieder erscheint und präsent ist. Aufmerksamkeit in diesem Sinn wird damit Synonym von Vorstellung und von Vorstellungskraft.

Denken und Verstehen sind auf den aktuellen Moment der Wahrnehmung bezogen, auf jede Art von Wahrnehmung, jedoch ganz besonders auf jene, die über die Sprache erfolgt. Die Auseinandersetzung mit der Sprache, die uns seit der frühen Kindheit vermittelt wurde, geht in erster Linie einher mit dem Durchleuchten der Bedeutung der Worte sowie dem Durchleuchten der Syntax, gemäss welcher die Worte so zusammengefügt werden, dass sich daraus ein Satz ergibt, eine geordnete Struktur der Worte, in welcher in den europäischen Sprachen dem Subjekt die primäre, lenkende Funktion zukommt. Ob in aktiver oder passiver Form wird das Verb – der mit Zeitbestimmung verbundene Ausdruck von werden und sein, von wollen, haben und tun – durch das Subjekt bestimmt, das die „verbale Welt”[10] gestaltet. Es ist tatsächlich so, dass „in der Struktur des Satzes sich ein Teil der seelischen Struktur des Menschen spiegelt “[11] wie Jean Gebser in seinen Sprachuntersuchungen mitten im Zweiten Weltkrieg festhielt, zu einer Zeit, als jedes Wort – jedes deutsche Wort, jedes französische Wort, jedes spanische, italienische, russische, tschechische, englische, holländische und-und-und Wort, d.h. jedes Wort jeder Sprache auf seine Bedeutung hin hinterfragt werden musste. Doch die Dringlichkeit zu hinterfragen, was mit Worten und Sätzen gemeint ist, bedarf nicht der militärischen Gewalt des Kriegs. Jede Art von Krieg wächst aus der destruktiven Zuspitzung des Missverstehens und Nicht-Verstehens. Die Dringlichkeit beruht auf einem menschlichen Grundbedürfnis nach Frieden, das selten erfüllt wird: auf dem Bedürfnis verstanden zu werden und zu verstehen.

Die zentrale Frage ist somit: Wie verstehen wird, was wir selber durch Worte sagen? Wie wird durch Andere verstanden, was wir sagen? Wie verstehen wir, was Andere sagen? Was bedeutet überhaupt verstehen?  Geht es dabei tatsächlich um den Infinitiv – die nicht-begrenzte, nicht-beendete Grundform – des Verbs, das im Imperfekt verstand, im Partizip verstanden, somit analog dem Substantiv Verstand uns ratlos stimmt? Was bedeutet die Wortverwandtschaft von verstehen und Verstand? Welches Bild verbindet sich damit? Ist es nicht jenes, das sich mit stehen und Stand verbindet? – mit der Vertikale, die auf der kleinen Horizontale der Füsse dem Menschen ermöglicht, das Gleichgewicht und die Bewegungsmöglichkeit zu realisieren?  Wie sehr verändert sich die Welt für ein Kind, dem es gelingt, gerade zu stehen, sich selber zu bewegen und ein Ziel zu erreichen! Bedeutet verstehen in der sprachanalytischen Deutung somit das verinnerlichte Gleichgewicht? Geht damit die Ermöglichung einher, im Prozess (lat. procedere – vorwärts schreiten) des Erkennens weiter zu kommen, eventuell gar ein Ziel zu erreichen? Was ist die Differenz zwischen verstehen und begreifen? – zwischen verstehen, erfassen und auffassen? – zwischen verstehen, einsehen und erhören? Welche weiteren Synonyma werden geweckt, ohne dass die leichte Veränderung der Aussage übergangen wird? Worin besteht die Differenz zwischen Wort und Begriff?[12]

Allein das Wort Sprache (franz. la langue, ital. la lingua, span. la lengua, engl. the language etc.) – eigentlich die substantivische Benennung des körperlichen Instruments, das für das verbale Sprechen unvermeidlich ist -, umschliesst viel mehr als die durch die Zunge – lat. lingua – zusätzlich zur Kehle und zum Atem vermittelten Laute, welche durch geregelte Abfolgen von Vokalen und Konsonnanten sowie durch Betonung des Klangs sich zu Worten zusammenfügen, d.h. zu Ausdrucksweisen, die bei jedem Menschen anders tönen und daher anderes bedeuten. Die Eigentümlichkeit (gr. idioma, von idios eigen abgeleitet) von Worten, die zur eigenständigen Sprache (span. el idioma) werden, finden sich auf Deutsch noch in der Bedeutung von Idiom erhalten, womit auf eher abschätzige Weise jede Mundart bezeichnet wird.

Sprache ist letztlich jede Form der Vermittlung von Empfinden und Denken, d.h. von körperlicher Wahrnehmung und von geistiger Idee. Sprache wird vermittelt über den Blick, der den gesamten Ausdruck des Gesichts mitbestimmt, über die Haltung des Kopfs, der Schultern, der Hände, über die Bewegung der Hände und der einzelnen Finger, über die Haltung des ganzen Körpers, der sich entspannt oder angespannt zeigt, ansprechbar oder abwehrend, in Fluchtbewegung oder angriffig. Sprache tut sich ebenso kund durch Farben und durch Zeichen, etwa durch das Erröten oder Erblassen der Wangen, durch heftiges oder durch zögerndes Auftreten, durch Stampfen der Füsse, durch Aufschlagen der Faust auf einen Tisch, oder durch Aufzeigen der offenen Hand, sei es der horizontalen oder vertikalen offenen Hand, sei es durch das Spiel der Finger, das Anbieten eines Geschenks oder durch das Androhen der Faust wie einer Waffe. Die Worte und Begriffe sowie deren Abfolge in Sätzen sind schon eine hoch komplizierte Struktur der Wahl von Aussage, die zum Teil vom Unbewussten gesteuert wird, zum Teil einen Übersetzungsprozess des Denkens voraussetzt. Ist es eventuell die Vielfältigkeit von sprachlicher Vermittlung, welche den Schwierigkeiten des Verstehens zugrunde liegt?

Die Schwierigkeiten des Verstehens bestanden lange vor der Übersetzung des Sprechens in Schrift, lange vor der schriftlichen Sprache, durch welche die geordnete Abfolge von Worten zu einem Zeichen- und Regelsystem der Verständigung – der Grammatik – wurde, welche ermöglichte, dass das Mitteilungsbedürfnis der Menschen über die Ergebnisse von Denken und Empfinden sowie von persönlicher und von kollektiver Erfahrung als Teil der Kommunikation dokumentiert werden konnte. Einem Teil dieser Dokumente wurde im Lauf der Zeit eine hierarchische (gr. hieros – heilig) Bedeutung zugesprochen, durch welche einerseits die Philosophie und alle ihr verwandten Wissenschaften, andererseits die Religionen ihre Bedeutung aufbauten. Doch trotz der Heiligkeit dieser Dokumente entstand durch die Vieldeutigkeit der Worte eine Vielzahl unterschiedlicher Deutungen, welche zu Verwirrungen, zu Missverständnissen oder gar zu Unverständnis mit bitterer, ja grausamer  Aggressivität und kaum tragbarem Leiden führten – bis in die heutige Zeit.

Die Frage stellt sich, warum die ursprüngliche „mythische” Vieldeutigkeit dieser Schriften (gr. mythos Rede, Erzählung, gemäss der indogermanischen Wurzel my- / mu- – tönen) nicht die Vieldeutigkeit wahren durfte, gemäss dem Klang jeder menschlichen Stimme, welche die geschriebenen Worte wiedergibt. Hätte sie beibehalten können, könnte angenommen werden, dass die Kluft des Missverstehens auf Grund der – vermutlich – willkürlichen, nach hierarchischer Macht strebenden Alleinrichtigkeitserklärung von Worten hätte vermieden werden können. Doch dies ist eine utopische Hypothese potentieller Vorvergangenheit, die sinnlos ist.

Trotzdem erscheint wichtig, nicht zu vergessen, dass gleichzeitig mit der geschriebenen Sprache, welche im europäischen Kulturbereich – vor allem im Mittelmeerbereich – ca. 800 Jahre v. Chr. einsetzte, alle anderen Möglichkeiten der Kommunikation sich weiter fortsetzten. Sie blieben erhalten in der  Architektur und im Bau von Strassen, in der Malerei und in Skulpturen, in Instrumenten[13], allmählich in musikalischen Kompositionen, doch ebenso in Waffen und in Maschinen, letztlich in jeder Art der Mitteilungsmöglichkeit von Erkenntnis, auch in jener der Destruktivität.

Auch hier gilt es zu fragen, ob Fäuste und Waffen, deren Umsetzung in zwischenmenschliche Kämpfe sowie deren Erweiterung und Steigerung zu  kollektiven Kriegen nicht in erster Linie Zeichen der Verweigerung des wechselseitigen Verstehens sind, resp. des Beharrens auf Missverstehen und Nichtverstehen? Beruht die negative Kommunikation von Streit, Kampf und Krieg, letztlich jede Art von Machtmissbrauch, nicht in erster Linie auf Geringachtung und Abwehr des Verstehens? Zu beachten ist die Tatsache, dass durch alles, was Fortschritt heisst  – durch die zusätzliche Erweiterung von Kommunikationsmöglichkeiten durch Telefon und Telefax sowie in der jüngsten Zeit durch die vielfältigen Entwicklungen der digitalen Computertechniken (e-mails, SMS, Internet etc.) das Missverstehen und Nicht-Verstehen von Mensch zu Mensch nicht im geringsten aufgehoben werden konnte. Es besteht weiter fort, und da es weiter fortbesteht,  stellt es sich zur Aufgabe je persönlicher Klärung.

Damit komme ich zum Abschluss meiner Ausführungen. Wichtig erscheint mir, dass uns möglichst viel Zeit fürs Gespräch bleibt, für Ihre Fragen und Überlegungen, vielleicht für Fallbeispiele, die Ihnen in Zusammenhang von Wahrnehmen, Denken und Verstehen, eventuell Missverstehen oder Nicht-Verstehen wichtig erscheinen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit beim Zuhören und Mitdenken.

 

[1] 4. Berner BSO-Regiotreffen, 12. November 2009

 

[2]  Lateinisch:  attentio – attentus, attendere

Französisch : attention – contention; être attentif; attente, attendre; empressement,

concentration

Italienisch:  attenzione – far attenzione, stare attento; premura, cortesia (interessanterweise

auch im Isländischen kurteisi)

Spanisch: atencion – prestar atencion, estar atento, vigilar sobre, tener cuidado, fijarse

Portugiesisch: atenção – prestar atenção, chamar atenção; deferència; tomar cuidado,vigiar

Englisch : attention – attentive, mindful, observant; pay attention, note, spy

 

[3] gr. „etymos” – „eteos”: wirklich, wahr; „logos”- Wort, Lehre Kunde

[4] Fritz Mauthner. Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Diogenes Verlag, Zürich 1980 (Nachdruck der Erstausgabe von 1910/11)

[5] a.a.O. Bd. I, S. 61

[6] a.a.O. Bd. I, S. 62

[7] ibid.

[8] cf. Genesungsmöglichkeiten nach Apoplexie, auch Bedeutung von Gedächtnis in der analytischen Traumatherapie.

[9] Dazu mehr unter II.

[10] Fritz Mauthner. Wörterbuch der Philosophie. Bd. II, S. 526. Diogenes Verlag, Zürich 1980. (Erstausgabe 1910/11)

[11] Jean Gebser. Der grammatische Spiegel. Neue Denkformen im sprachlichen Ausdruck. Verlag Oprecht, Zürich 1944, S. 9

[12] In J. W. Goethe’s “Gedanken / Maximen und Reflexionen” findet sich: “Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung; jene zu ziehen wird Verstand, dieses zu erfassen Vernunft erfordert.” Goethes Werke, 12. Bd., S. 115. Verlag Birkhäuser, Basel 1944

[13] z.B. der Kithara, die, wie der Mythos schildert, von Orpheus geschaffen wurde, um auf dem Schiff der Argonauten die Winde und auf dem Weg zur verstorbenen Euridike Hades, den Gott der Unterwelt, zu beschwören; oder der Hirtenflöte – Panflöte – , die Pan aus dem Schilfrohr hergestellt haben soll, in welches sich die von ihm geliebte und begehrte Nymphe Syrinx verwandelt hatte, als sie sich vor dem liebestrunkenen Hirtengott zu schützen sucht.

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