Frauen um 1291: Annäherung und Rekonstruktion – Im Schatten der Hellebarden wuchsen weibliche Selbständigkeit und Macht

Frauen um 1291:  Annäherung und Rekonstruktion – Im Schatten der Hellebarden wuchsen weibliche Selbständigkeit und Macht

 

Als  die  Waldstätte ihren Bund gründeten, schrieben die Frauen weder Tagebücher noch Briefe. Nicht  anders als die Männer zu dieser Zeit waren sie zumeist schreibunkundig. Keine direkten Zeugnisse geben daher Kunde von den alltäglichen und den aussergewöhnlichen Ereignissen ihres Lebens. Trotzdem finden sich in den vorhandenen Dokumenten – klima- und siedlungsgeschichtlichen, kriegs- und staatsgeschichtlichen – erstaunliche Spuren, in dem, was sdie Dokumente verschweigen ebenso wie in dem, was sie aussagen.

Aus Untersuchungen der Gletschervorstösse und Gletscherrückbildungen, auch aus dem Studium  der Jahrringe von Bäumen geht hervor, dass das ausgehende 13. und das beginnende 14.Jahrhundert eine  Zeit milder  Durchschnitttemperaturen gewesen sein muss, mit trockenen Sommern und schneereichen Wintern. Die Bergtäler waren bis hoch hinauf  besiedelt, die Bäche und die Seen müssen reich an  Fischen gewesen sein, und in den ausge­dehnten Wäldern, in den Mooren und Rieden lebte  eine Vielzahl von wilden Tieren, die heute zum Teil ausgerottet sind.

Bevölkerungsstatistiken aus dieser Zeit gibt es noch keine. Für den Kanton Uri zum Beispiel stehen regelmässige Aufzeichnungen über Ge­burten, Heiraten und Todesfälle erst von der Mitte  des 17.Jahrhunderts an zur Verfügung. Die Frauen heirateten damals noch im Durchschnitt vor dem zwanzigsten Jahr, voreheliche Geburten waren selten. Es kam vor, dass sie bis zum fünfzigsten Altersjahr Kinder gebaren,  wenngleich die durchschnittliche Lebenserwartung, je nach Dorf, nicht höher als zwischen einunddreissig und zweiundvierzig Jahren lag. Die Kindersterblichkeit war  gross, wenngleich in den Alpentälern geringer als in den Städten: von 1000 Kindern sollen zwei Drittel das erste Jahr und gut die Hälfte das 15. Lebensjahr, also das Erwachsenenalter, erreicht haben.

Frauenleben  wurden auch in  den zeitgenössi­schen Chroniken, etwa im “Weissen  Buch” von Sarnen, das um 1470 entstand, nicht festgehalten. Da ist zwar, neben den Abschriften vieler Urkunden, ausführlich von Stoupacher aus Schwyz, von Fürst aus Uri und von einem Bauernsohn aus dem Melchi in Unterwalden die Rede. Nach dem Tod Rudolf I. im Juli 1291 fanden sie sich einen Monat später auf dem Rütli ein, verschworen sich gegen die gewalttätigen Vögte und gelobten einander und ihren Gleichgesinnten ­ gegenseitige Hilfe und Treue, auf immer und ewig und im Namen Gottes. Die Sage allerdings berichtet, dass Stoupachers Frau den Männern bei ihrem Unterfangen Mut gemacht habe.  Und die Vermutung ist gerechtfertigt, nehme  ich an, dass nicht sie allein ein wichtiges Wort mitzureden hatte.

Der Bauernsohn aus dem Melchi hiess Jakob, wie sein Grossvater. Dieser  war  1240 mit der von den Schwyzern angeführten Gesandtschaft nach Faenza zu Kaiser Friederich II. gezogen, der  mit  einem grossen Heer die Stadt belagerte. Bei diesem Bittgang holten sich die Schwyzer und Unterwaldner einen Reichsfreibrief, wie ihn die Urner seit 1231 besassen.

Jakob lag seit dem Frühsommer mit dem Lan­denberg­-Vogt von Samen in einer schweren Fehde.  Der Landenbarg  hatte seinen Knechten befohlen, Jakobs schönes Ochsenpaar auszu­spannen, doch der junge  Bauer­ wehrte sich ge­gen den Uebergriff, schlug einen der Knechte nieder, verjagte den anderen und liess dann die Ochsen durch einen Küherbuben auf eine hochgelegene Alp treiben. Er selbst musste sich monatelang im Bergwald versteckt halten. Ausser Berti, seiner Frau, wusste niemand, wo er sich befand.

Berti hatte ihm damals zugesprochen, er solle sich die Frechheiten des Landenberg nicht län­ger gefallen lassen. Und als sich im Dorf die Nachricht kund tat, dass auch die Urner die Uebergriffe Gesslers nicht länger ertrugen, ging sie zu Jakob in den Wald und forderte ihn auf, auf versteckten Wegen über die Berge zu Walter Fürst nach Uri zu gehen und sich mit ihm zu beraten. Gleichzeitig traf damals mit einem Nauen von Schwyz her Werner Stoupacher  ein. Damals beschlossen die drei Männer, einen geheimen Bund zu schliessen: eine Genossenschaft zur Verteidung ihrer Freiheitsrechte.

Am Ende der vorangegangenen Fastenzeit hat­ten Jakob und Berti geheiratet. Vor drei Wochen war  ihr erstes Kind zur Welt gekommen, ein Bub, der nach wenigen Stunden starb. Der Kapuzinermönch, der wie immer in der Weihnsachtszeit im Dorf weilte, hatte ihm die Nottaufe erteilt. Um diese Zeit fällt kein Sonnenstrahl  ins Tal. Eingepackt zwischen weissen Mauern aus Schnee und geduckt unter hohen Flockekissen kauern die niedrigen Häuser nah beisammen, wie Tiere in der Koppel. Kaum kann man sich auf den schulterbreit freigeschaufelten Wegen bewegen, von Tür zu Tür oder zur Kirche. Vom Friedhof ist keine Spur mehr zu sehen. Wer in dieser Zeit stirbt, kann in der gefrorenen Erde nicht beigesetzt werden, sondern wird in der kleinen eisigen Krypta der Kirche – eher ein Keller denn  ein sakraler Raum in eine Grube gelegt, die neugeborenen Kinder ebenso wie die Alten oder wie Bärbi, die Nachbarin, die im Kindbett starb, erst  achtzehn Jahre alt, nicht älter als Berti.

Still ist es bei all dem Schnee. Nicht einmal die Hühner hört man gackern. Sie wurden mit den Mutterschafen und Lämmern in die Küchen hereingeholt, als der Schnee immer dichter fiel. Berti stösst die Tür  zum kleinen Haus auf. Ein warmer Dunst schlägt ihr entgegen. Sie legt das wollene  Tuch, das sie um Kopf, Schultern und Brust gebunden hatte, auf die Bank. Den ganzen vergangenen  Winter hatte  sie daran gearbeitet, die schon gereinigte und gestrählte Wolle vom Vorjahr gesponnen und mit langen, feinen Nadeln  aus Buchenholz zu diesem Tuch gestrickt. Die Nadeln hatte Jakob für sie geschnitzt und mit einem granitenen Stein geschliffen, bis sie fein wie Haut wurden.

Berti nimmt aus dem Weidenkorb in der Ecke Bärbis Kind an die Brust. Sie hatte mit Jakob nach dem Tod des eigenen Kindes vereinbart, dass sie beide für die kleine Waise sorgen wollten, zumal der Vater der kleinen Katharina sich eines Nachts aus dem Dorf davongemacht hatte, gegen Süden zu, verzweifelt und haltlos. Auch Jakob ist oft verzweifelt. Um ihn ist Berti in Sorge. Oft ist er stundenlang nachts unterwegs, um sich in Kerns oder Stans, manchmal auch in Sarnen, mit den Männern des Geheimbundes  zu beraten. Sie fürchtet, dass ihm auf den schmalen Pfaden die Knechte des Landenberg auflauern.

Berti legt frische Holzscheite auf die Glut. Das Feuer lodert hell auf, sodass Lichtflecken den schwarzen  Küchenwänden entlang tanzen. Sie nimmt den Spinnrocken hervor und arbeitet versunken,  achtet auf den Atem des Kindes und auf die kleinen Geräusche der Tiere im Dunkeln. In einem kupfernen Topf über dem Feuer kocht die Abendsuppe aus Gerstenkörnern, aus Schafmilch und geschmolzenem Schnee. Jeden Augenblick erwartet sie Jakob zurück. Heute war er den ganzen Tag über mit den anderen Männern des Dorfes im Gemeindewahl Holz schlagen.

Das “Weisse Buch” war eine wichtige Quelle für den gelehrten Glarner Aegidius Tschudi, der im 16. Jahrhundert von den Bündnissen, Kriegen und Feldzügen der Waldstätte berichtete  und wiederum die Frauen ausliess. Gerade aus diesen Auslassungen aber lässt sich viel herauslesen: Dass in den Wochen und Monaten, wo die Männer als Säumer, Schiffsleute und Jäger oder auf Kriegszügen und Staatsverhandlungen unterwegs waren zum Beispiel im Hochsommer 1289, zwei Jahre vor der Gründung des  Dreiländerbundes, als sie aus Schwyz, Uri und Nidwalden Abordnungen bildeten und den alten König Rudolf I. auf seinem Reichsfeldzug nach Burgund begleiteten, wo sie wahrscheinlich einiges zu seinem Sieg vor Besancon beitrugen, dass unterdessen die Frauen in den Höfen und Dörfern der Alpentäler selbständig schalteten und walteten, mit dem Vieh auf die Maiensässe und die höher gelegenen Alpen zogen, Käse für den Wintervorrat und für die Ablieferung an Klöster und Vögte herstellten, auf die Messen und Märkte gingen, die Kinder betreuten und die grösseren Buben zur Arbeit auf den kleinen Roggen-­  und Gerstenäckern und zur Instandstellung der Wege anleiteten. Und wenn der Föhn vom Gotthard her durch die Täler blies und irgendwo eine nicht gelöschte Herdglut anfachte, sodass das Feuer das Haus und schnell das Dorf erfasste, da konnten die Frauen sich nicht auf ihre Männer verlassen, sondern mussten mit den zu­ rückgebliebenen Alten und den grösseren Kin­dern das Feuer eindämmen, mit eigenen Kräf­ten. Auch wenn die Kinder zur Welt kamen oder krank wurden und starben, so halfen sich die Frauen gegenseitig, denn die Männer waren zumeist weg oder selbst wenn sie da waren, waren sie hilflos in den Fragen von Geburt und Tod. So verwundert es nicht, dass Geschichten von heilkundigen Frauen und “wunderbaren” Geburtshelferinnen zum Kernbestand der Sagen gehören.

Dass in den unruhigen Zeiten des Hochmittelalters die Frauen bei Ueberfällen sogar die Dörfer selbst verteidigten, muss angenommen werden, so wie die Sage es von den Lugnezerinnen berichtet. Da habe am 12.Mai 1352 Graf  Rudolf  von Montfort­ Feldkirch mit einer beutedurstigen, wilden Horde beim Engpass von Porclas ins Tal eindringen wollen, während die Männer sich auf  dem Berg Mundaun zum  Widerstand versammelten. Als die Frauen die anrückende Schar feststellten, hätten sie sich kurz beraten, dann sollen sie von der Höhe über der Talenge mächtige Steinblöcke losgestemmt haben, die den Eindringlingen den Weg versperrten. Mit Stöcken und Mistgabeln, heisst es, hätten sie unentwegt auf diese losgeschlagen, bis sie sich davonmachten.

Es ist anzunehmen, dass die Selbständigkeit und damit die Macht ­ der Frauen einem Teil der Männer unheimlich wurde, insbesondere den kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten, und dass diese sie zu zügeln und zu unterwerfen suchten. Es kam nicht von ungefähr, dass vom 14. Jahrhundert an Frauen als “Hexen” verdächtigt und verfolgt wurden, als “Wettermacherinnen”, als Betörerinnen, als Verursacherinnen von Seuchen und Missernten, kurz als “Teufelsbündlerinnen”. Ein ale­mannisches Beichtbuch vom Anfang des 14. Jahrhunderts fragt offen nach den “hecse”­-Künsten:  “Ob  du dih diner schoeni ruomtost, das man dih deste lieber hette? und ob du ie dehein zouber gelerntost? unn wie? unn warumbe? unn gegen weme? unn wa mite? unn ob du ie geloubetost an hecse? unn ob du ie bechort wurde? unn von weme? unn wie du der bechorunge widerstuonde?”

Das um 1450  erstellte Protokoll des Luzerner Hexenprozesses  gegen Els von Meersburg zeigt in der Aufzählung der “Missetaten”, was den Frauen alles angedichtet wurde, damit sie eingeschüchtert, gezüchtigt und ­ buchstäblich vernichtet werden konnten:  ” … also in dem sye der hagel ouch komen, den hab sy gemacht. Item, nach dem sy sich dem bösen geist geeignet habe, sye er ira zum drittenmal begegnet, und sy wöllen enweg furen”… Gesamthaft wurden allein in der Schweiz bis zum Jahr 1782, als in Glarus Anna Göldi als letzte “Hexe” lebend verbrannt wurde, rund 9000 Personen der Hexerei angeklagt. Alle wurden aufs  grausamste gefoltert, 5417 wurden “hingerichtet”, das heisst öffentlich ermordet. Es gab allerdings in den vier Jahrhunderten der Verfolgung auch ungezählte Männer,  die  diese Verbrechen verabscheuten und sie zu verhindern suchten, berühmte und machtlose. So wird zum Beispiel aus dem Lugnez erzählt, dass ein Mann auf der anderen Seite des Flusses von Leis gesehen habe, dass eine Frau zum Malefizgericht geschleppt wurde. Er habe den Fluss durchwatet, um für ihre Unschuld einzustehen, doch habe er für sein Zeugnis schwer  büssen müssen. Er selbst sei deswegen als “Hexer” angeklagt und gerichtet worden.

Die “gewaltlose” Entmündigung der Frauen durch das aufkommende Bürgertum, die auch durch grosse Aufklärer wie Immanuel Kant gutgeheissen wurde, muss sich nach den Schrecken  der vorangegangenen Jahrhunderte fast unbemerkt durchgesetzt haben, als schleichende Beschneidung der Fähigkeiten, des Willens und der Wünsche der Frauen. Weniger die Körper litten darunter Qualen als die Seelen und in der Folge oft auch die Körper. (Seit Sigmund Freud bestehen über die Zusammenhänge keine Zweifel, wenngleich bis heute Zweifel an alleingültigen “Rezepten” zur Verhinderung und zur Heilung der Schäden geäussert werden). Auch das schleppende, mit grossen männlichen Widerständen und Vorbehalten verbundene “Zugeständnis” der politischen Rechte an die Frauen muss mit ähnlichen obrigkeitlichen Aengsten zu tun haben ­ auch heute noch. Ob­ wohl in den Bergtälern die Frauen einen gros­sen Teil der ursprünglichen Autonomie bewah­ren konnten und ­ ausser durch die Kirche ­ Dressur im Sinn des Bürgertums nicht kannten, blieben auch sie lange von politischer Mitbe­stimmung und von politischen Aemtern ausge­schlossen, ein Teil der Appenzellerinnen noch heute (ganz zu schweigen von den Auslände­rinnen und Ausländern bei uns). Deren allmählich wütende Ungeduld macht einmal mehr deutlich, dass allein “Lieben und Arbeiten”, nach Freud die Formel für ein “normales” Leben, eine Formel für bürgerliche Unterwerfung ist, solange die verfassungsmässige Garantie gleicher Verantwortung  im Gemeinwesen, gleicher Rechte und gleicher Achtung fehlt: im Rückblick auf die Geschichte der Frauen um 1291 eine – leidgeprägte – Binsenwahrheit.

 

 

Literaturhinweise

  • Hexen   und   Hexenprozesse.    Dokumente. Hrsg. Wolfgang Behringer. München 1988
  • Verena Bodmer-­Gessner. Die Bündnerinnen. Zürich 1973
  • Verena Felder. Die Entwicklung vom traditionalen zum modernen Beruf der Hebamme,   in:  Itinera,   Fasc.2/3. Auf den Spuren weiblicher Vergangenheit. Basel 1985. (Auch alle anderen   Beiträge in diesem Sammelband).
  • Ernst Gagliardi. Geschichte der Schweiz. Bd.I: Bis zum Abschluss des Mittelalters ca.1519. Zürich/Leipzig 1934
  • Gottlieb Guggenbühl. Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Bd.I: Von den Anfängen bis zum Jahr 1648. Erlenbach/Zürich  1947
  • Werner  Meyer.  Hirsebrei  und  Hellebarde. Auf den Spuren des mittelalterlichen Lebens in der Schweiz. Olten 1985
  • Dorothee   Rippmann. Vortragsnotizen zu “Frauen zur Zeit der Sempacherkriege”, Liestal  1990
  • Anselm Zurfluh. Gibt es den Homo Alpinus? Eine demographisch­-kulturelle Fallstudie am Beispiel Uris im 17.­-18.Jahrhundert, in: Itinera, Fasc.5/6, Wirtschaft und Gesellschaft in Berggebieten, Basel 1986 (Auch alle übrigen Beiträge in diesem Sammelband)
  • Sagen und Märchen, Freiburg i. Uechtland. Ohne Jahresangabe.

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