Ist Perfektion noch perfektionierbar? – oder – Gegensätzliche Realität rund um eine Pressekonferenz

Ist Perfektion noch perfektionierbar? – oder – Gegensätzliche Realität rund um eine Pressekonferenz

 

Die steile Treppe trennt zwei Welten: Oben die Welt alltäglicher Geschäftigkeit, wie sie in der Lobby eines unübersichtlich riesigen und altmodischen Hotels üblich ist, mit übermüdet ankommenden Reisenden in zerknitterten Reisekleidern, welche um ihre Zimmerschlüssel Schlange stehen, wie es in diesem Land üblich ist, und mit Hotelgästen in Geschäftskleidern, welche mit dem Blick auf die Uhr zwischen den Ankommenden zu eiligen Besprechungen und Geschäftsessen hinauseilen, und mit andern, welche rosig geschrubbt und frisch geföhnt in unbequemen Kleidern linkisch zwischen den Herauseilenden und Sich-Hereinschleppenden herumstehen und auf den Beginn der Hochzeitsparty warten, die ausgerechnet auch in diesem Hotel stattfindet, und schliesslich mit Dutzenden von dazwischen hin- und herhuschenden weiblichen und männlichen Hotelangestellten, lauter bleichen,  in dunkelblauen Schneiderkostümen und grauen Uniformen, die nie eine Minute Ruhe haben und über alles im Hotel und in der Stadt Bescheid wissen müssen

Unten aber eine Gegenwelt ungestörter Perfektion: Eine Katakombe ausgeklügelter Aesthetik, drei hohe Räume mit hellen Teppichen am Boden, ein Aussenraum, ein Nebenraum und ein innerster Innenraum in gebrochenem Weiss. Im Nebenraum werden zwischendurch und immer im richtigen Moment leichte Speisen gereicht und erfrischende Getränke. Der Aussenraum dient zur Sammlung und Auflösung kleiner Gruppen, die sich aus den fünzig oder sechzig Teilnehmern lose bilden, nach einer ständig sich autonom wiederholenden Choreographie, indem einige unkundige,  staunende Journalisten verschiedenster europäischer Provenienz sich um einige lächelnd erklärende Experten scharen, eine Weile zuhören und sich wieder von diesen lösen.

Zwischen Aussenraum und Innenraum ist ein Durchgang, der Rätsel aufgibt, bevor man ihn durchschreitet, ein halb cabaret-hafter, halb heiligtummässiger silbern-glänzender Baldachin aus Alufolie von ungewöhnlichem Ausmass, mit bodenlangen rundgerollten Alufransen, der endgültig alles Profane und überweltliche ausfiltert. Man durchschreitet ilm nicht leichthin. Man hält ein bisschen den Atem an und hat ein vages Gefühl von deplazierter Endgültigkeit,  wie bei einem Initiationsritual,  in welches man unabsichtlich gerät. Man möchte einen Freund zur Seite haben,  aber es geht nicht. Den Innenraum betritt jeder allein:

In der Mitte hochgeraffte Tuchbahnen bündeln ihn zeltartig nach oben, leicht zitternde weisse Jalousiewände auf der linken und rechten Schmalseite deuten ein Raum-Sechseck  an, das hinten und vorn je eine breitere – jalousiefreie – Seite aufweist, wobei die hintere Breitseite Eingang und Ausgang bedeutet und die vordere sich auf eine Estrade hin öffnet. Flankiert ist diese von zwei wundersamen schmalen Stelen, und es wird sich herausstellen,  dass es Lausprecher  sind, und auf der Estrade selbst auf minimal reduzierten Gestellen liegen schwarz- und chromstahlglänzende Geräte, liegen oder stehen:  ein Fernseher auf der einen Seite,  ein kompaktes Gerät auf der anderen Seite, mit mehreren übereinanderliegenden schmalen Schubladen, die sich auf den leisesten Fern-Bedienungs- Licht-Signal-Impuls hin öffnen und wieder schliessen und ausgeklügeltste  Abspiel- und Aufnahmegeräte  für gewöhnliche und aussergewöhnliche Schallplatten und Compactdisks und Tonbänder und Radio erscheinen und wieder verschwinden  lassen. Und schmal und handlang, leicht gebogen, damit es sich in die geöffnete Hand hineinschmiegt,  liegt gleich daneben das elektronische Fernbedienungsgerät mit einer Vielzahl von Tasten,  die auf die leiseste Berührung hin vollkommenste Ton- und Bildimpulse  auslösen,  Händels “Messias” oder tosendes Fussballmatchgetrampel oder Brush-up-your-English über Räume und Räume hinweg,  so viele man eben hat, auch Küche und Bad und Keller, wenn man will,  es wird hier von diesem einen weissen Innenraum aus bewiesen: Auf Knopfdruck heben sich die Jalousiewände  zu beiden Seiten, und es öffnen sich blumengeschmückte  “Wohn- und Schlaf- und Studier- und Kochräume, in denen überall auf gleich vollkommene Weise der gleiche vollkommene  “sound” erschallt oder ersäuselt oder swingt,  je nach dem, von einem einzigen Gerät aus, vorausgesetzt dass alle Räume über die kleinen unscheinbaren Sensoren verfügen, die mit unsichtbaren Kabeln mit diesem einen Gerät verbunden sind, das den magischen Namen Bang & Olufsen trägt.

Jetzt ist er ausgesprochen,  immer wieder wird er ausgesprochen,  lächelnd liebevoll von den anwesenden Managern aus Dänemark und von den nationalen Firmenvertretern  und Sachverständigen aus den verschiedenen  europäischen Ländern, und staunend und fragend von den eingeladenen Journalisten,  denen hier etwas vor Augen (und vor Ohren)  geführt wird, was seit sechzig Jahren,  d.h. seit zwei begabte dänische Techno-Bastler  einen besonders schönen und funktionstüchtigen Radio herstellten,  ein akkustischer und aesthetischer Geheimtip elitärer “connaisseurs”  ist, und was nun als Ton und Bild gewordene “Zukunftsphilosophie” erläutert wird, mit zahlreichen Reden,  die, scheinbar unterkühlt-bescheiden, alle trotzdem von der gleichen “we are the best”-Melodie  getragen sind, und mit einem Film,  in dem Leben als sanft koordinierte, männlich-weibliche Harmonie von morgenlichen Jagd- und Aufwachräkelszenen und von mittäglicher Begegnungs- und Speise-Eleganz vorgeführt wird, sanft koordiniert – eben – durch die Geräte mit dem magischen Namen, lauter unterkühlte, störungsfreie Schönheit, in die sich sogar Hund und Katze und die im Flug heruntergeholte und schliesslich gerupfte und knusprig gebratene Ente einfügen…

Später, wie sich die Manager und Vertreter von so viel Perfektion den Journalisten zum Gespräch stellen, wird eine Journalistin den obersten Firmen-Philosophen zögernd fragen, wie er sich die weitere Entwicklung dieser berückenden Produkte vorstelle, oder wie etwas, was so perfekt sei, in Zukunft noch perfektioniert werden könne. Er bleibt die Antwort nicht lange schuldig und weist auf “die Realität der schnell fortschreitenden digitalen Technologie” hin, wobei “sie” von der Firma, dank der nun schon sechzig Jahre alten überragenden Magie (das denkt die Journalistin, “dank dem überragenden Know-how in Design und Trechnik”, sagt der Produktionschef) immer noch einen Schritt schneller seien als die im übrigen Schnellschritt fortschreitenden Technologen.

Die Realität? Was heissen hier “Zukunft” und “Realität”? Für die wundersamen Geräte Verkaufserfolg und gesteigerter Verkaufserfolg und weltweite Anerkennung, das ist unbezweifelbar.  (In der Schweiz,  zum Beispiel, wurde innerhalb von 10 Jahren eine Basis von über 300 Verkäufern unter den Händlern aufgebaut, und der Geschäftsumsatz sei vergleichbar mit dem in den USA, man kann nicht umhin zu staunen). Und sonst?

Die steile, geschwungene Treppe führt hinunter und hinauf, und hinauf mündet sie nicht nur in die geschäftige, aber immer noch abgeschlossene Hotel-Lobby ein, sondern auch mitten hinaus auf die flutende, brandende, menschen- und geräusche- und gerücheüberbordende Oxford-Street, auf der nur das Gehetze und die Müdigkeit und der Staub koordiniert sind,  jetzt, zur “rush-hour”, nichts sonst, wo jeder sein eigenes graues Gesicht den ungezählten Kleidergeschäften und Schnell-Imbiss-Läden entlang zur nächsten Bus-Haltestelle trägt oder die schlundartigen Treppenabgänge hinunter zur Metrostation, von wo aus er es möglichst unversehrt nach Hause zu retten versucht, was vielleicht, “bei der Ausdehnung der Stadt,  noch Stunden dauern mag,  für die Nadelstreifenmänner und die modisch-bunten oder unscheinbaren Frauen ebenso ‘Wie für den lächelnden Rastafari-Bettler,  der seinen beinlosen Rumpf auf einem seltsamen Gefährt mitten durch den Strom der eilenden Menschen steuert.

Unten,  im abgeschirmten  Untergeschoss des alten Hotels, geht die Demonstration  der Perfektion weiter. Und als Fortsetzung davon sind die Journalisten  aufs freundlichste eingeladen,  an einem gewaltigen  “echten” Musikspektakel teilzunehmen. Mit einem Bus werden sie ins alte Dominion-Theater  gefahren,  wo in einem atemraubenden Aufwand Cliff Richard als Rock Star zusammen mit drei Sängerinnen,  schönen,  jungen,  einen Weltenzusammenbruch und ein extra-terrestrisches Weltengericht  durchsteht,  ein technisch und künstlerisch  überdimensioniertes  apokalyptisch-futuristisches Neobarock-“Welttheater”, aus dem, gewissen Längen und Stilmerkwürdigkeiten zum Trotz, auf ergreifende Weise die vom jungen Sänger dem Lord of Time gestellte Frage weiterschwingt:  “Was i-i-i-s-t Realität?” und darauf die Antwort des Grossen Anklägers: “Der Augenblick!” Allein der Augenblick, in dem der Mensch sich handelnd zwischen Bös und Gut entscheidet, allein der Augenblick bedeutet Zeit – und Realität.

Der Bus fährt die Gäste wieder zurück ins Hotel, durch nun menschenleere Strassen, in denen allein der dichte Staub in der Luft die Erinnerung an das Tagbrodeln erhält, zurück ins weisse, luftgefilterte Untergeschoss, wo im Innenraum in perfekter Schönheit ein spätes Nachtmahl geboten wird, mit Kerzenlicht und mit raumfüllender HiFi-Uebertragung von Strausswalzern aus kaum mehr perfektionierbar perfekten Geräten. Realität?

Weder Vision noch als “Philosophie” verpacktes “Life-Style-Business”, aber jeder Augenblick und die fortgesetzte Folge der nicht wiederholbaren Augenblicke, vielgesichtige, unausweichbare Realität!

 

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