ÜBERGÄNGE Parabel und Parameter der individuellen und kollektiven Erfahrungen in Zeit, Örtlichkeit und Raum zwischen Gesetzmässigkeiten und Freiheit

  Rede publiziert in: “Aspekte – Luzerner Beiträge zur Sozialen Arbeit”, Hochschule für Soziale Arbeit Luzern, Januar 2004

 

ÜBERGÄNGE

Parabel und Parameter der individuellen und kollektiven Erfahrungen in Zeit, Örtlichkeit und Raum zwischen Gesetzmässigkeiten und Freiheit[1]

 

Verehrte Anwesende

 

“So wie die Wellen roll’n zum kiesbedeckten Strand

so eilen unsre Stunden an ihr Ziel.

Wetteifernd überdeckt ein jedes Wellenbad

Das vor ihm eilende in stetem Wechselspiel ” [3]

Als ich neulich unter den Gedichtübersetzungen von Hans Günther Hirschberg diese Zeilen aus Shakespear’s Sonnett 119 wieder las, weckten sie in mir Erinnerungen an Momente, die “Übergänge” waren, wie der Dichter sie festzuhalten vermochte, und ich dachte:  das ist es, worüber ich sprechen werde, “le passage du temps”, die flüchtige Zeit und der Augenblick, der immer wieder als Gegenwart wahrgenommen werden kann und wofür die am Strand verebbenden Wellen Zeichen sind, seit Abertausenden von Jahren. Doch als ich vor einigen Wochen mit meinem Enkelkind neben mir über die Spreuerbrücke ging, hier in Luzern, um in der Pause meiner Lehrtätigkeit an der Universität ihm den alten “Übergang” über die schnell fliessende Reuss zu zeigen, der mich in meiner Jugend mit seinem schützenden Dach und Geländer, gleichzeitig mit seinen aufwühlenden Bildern von Leben und Tod zutiefst beeindruckt hatte, da schien mir, dass die Brücken am klarsten wiedergeben, was “Übergang” bedeutet. Gleichzeitig war mir bewusst, dass die Hochschule für Sozialarbeit selber durch den Wechsel der Rektoren und den allmählichen Wechsel vom kantonalen resp. regionalen in ein europäisches Studiensystem “Übergänge” erlebt, welche das noch kaum Vergangene und das Kommende in jeder Art von Aus-Bildung für die sozialen Probleme der Gegenwart verbinden, buchstäblich als Verbindung von Erfahrung und Entwurf einer beruflichen Umsetzung. Wie und womit also beginnen, wenn es um die Klärung eines Begriffs geht, der mir wie ein Fächer in der Hand erscheint? Beginnt er sich zu öffnen, so fügt sich Teil an Teil zum dichten und vielfach vernetzten Halbkreis, mit Zeichen, Farben und Inhalten, mit Nuancen und Schatten, die an die zeitlichen wie an die örtlichen und räumlichen, an die körperlichen und an die psychischen Teile des Lebens erinnern, sowohl des je individuellen Lebens wie der kollektiven Lebenszusammenhänge.

Um all dies geht es beim Begriff “Übergang”  resp. “Übergänge”: ein grosses Thema, das uns heute beschäftigt. “Da muss sich manches Rätsel lösen” überlegte sich Faust, als er sich die Aufgabe stellte, Fragen aus Zweifeln und Zögern zum Erkennen und zum Handeln sich lösen zu lassen. “Doch manches Rätsel knüpft sich auch” gab Mephisto zu bedenken. In welchem Mass wird sich erweisen. Als Christoph Häfeli mich zu dieser – mich ehrenden – Aufgabe einlud, freute ich mich und wusste gleichzeitig, dass es nicht einfach sein wird, ihm, der das Rektorat hinter sich lässt, und Walter Schmid, der es vor sich hat, sowie den Studierenden, die mit ihrer Ausbildung einen neuen Tätigkeits- und Lebensentwurf wagen, einen Fächer zu übergeben, dessen Teile sich in dreissig bis vierzig Minuten nur annähernd öffnen lassen. Doch ich hoffe, dass gerade die Tatsache, dass auch mein Referat lediglich “Übergang” im zeitlichen Ablauf der Eröffnungsfeier des neuen Studienjahres ist, Sie zum eigenen unermüdlichen Hinterfragen und Klären von Fragen ermutigt, die sich Ihnen stellen, wenn Sie “Übergänge” erlebeWie werde ich vorgehen? Analytisch klärend scheint es mir wichtig,

  • zuerst auf die begrifflichen Bedeutungen resp. auf die Wortzusammenhänge von “Über-gang”, “Über-gänge” und “über-gehen” einzugehen,
  • dann auf die örtlichen und räumlichen sowie insbesondere auf die zeitlichen und existentiellen Zusammenhänge, die mit Übergängen verbunden sind,
  • schliesslich noch kurz auf die Frage, was sich dem, was Übergang bedeutet und worin sich Übergänge kennzeichnen, entzieht oder zu widerstehen versucht.
  1. “Da muss sich manches Rätsel lösen”: Wortgeschichten

Die Frage stellt sich, welche Wortbedeutungen sich mit “Übergang” resp. mit “Übergängen” verknüpfen, und wie sie sich zu jenen von “übergehen” verhalten? Besteht nicht eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der Bedeutung des Substantivs – ob im Singular oder im Plural – und des Verbs?

Die sprachanalytische Untersuchung ist faszinierend; denn jedes Wort hat eine etymologische Geschichte, eine Herkunftsgeschichte mit Mutter- und Vaterstammbaum, durch welchen die Ursprünge und die Verwandtschaften, die Entwicklung und die Funktion des Wortes sich erklären lassen, wodurch auch die je persönliche Verwendung des Wortes eine andere Bedeutung erhält. Denn jedes Wort har nicht nur eine kulturgeprägte Geschichte, sondern ist “Übersetzung” resp. “Übertragung” des je aktuellen Denkens und der Empfindungen jedes Menschen sowie der in ihm seit der pränatalen Zeit gespeicherten, geheimen und lautlosen inneren Sprache, die mit Erfahrungen und Bildern verknüpft ist, gemäss einer eigenen Grammatik.

Schon im mittelhochdeutschen und althochdeutschen Sprachgebrauch wurde das heutige Verb “gehen” unter “gên” – “gân”, ergänzt durch “gang”, verwendet, um Bewegung und Fortbewegung auszudrücken. Gemäss der etymologischen Forschung lässt sich ausserhalb des Germanischen das Grundwort “ghai”, worauf “gên” ruht, nicht mit Sicherheit nachweisen, wobei jedoch das “i”, das darin vorkommt, ein Restbestand der in den indogermanischen Sprachen weit verbreiteten Wurzel ist, die im lateinischen  “ire” – “gehen” zum Ausdruck kommt und die im Deutschen beinah untergegangen ist, ausser in der Vergangenheitsform “ging – gingen”. Interessant scheint mir die Tatsache, dass das Substantiv “Gang – der Gang” sich aus dem Partizip Perfekt des Verbes abgeleitet hat resp. aus dem Mittelwort der Vergangenheit., so dass deutlich wird, dass es sich beim “Gang” schon um ein Resultat des Gehens handelt, um eine Kenntnis des Gehens. Ausdrücke wie “der aufrechte Gang”, der “beherzte Gang” oder der “erniedrigende Gang” verweisen auf eine ganze Geschichte, die für die menschlichen Kräfte als stärkend oder als erschöpfend dargestellt wird. Dass das gleiche Wort zusätzlich eine zeitliche wie eine örtlich-räumliche Bedeutung hat, welcher eine Zwischenfunktion zukommt  – der “Übergang”, um den es sich heute handelt und über den wir nachdenken, aber auch der “Durchgang”, der “Hausgang” und andere “Gänge” mehr –, macht deutlich, wie sehr das Verb “gehen” einerseits in der Zeitlichkeit der Fortbewegung andererseits im menschlichen Raum und Ort, der eine Dauer darstellt, sich äussert.

Doch wie steht es genauer um die Bedeutung von “Über-Gang”? Ob “über”, abgeleitet aus dem althochdeutschen “ubar” und “ubiri” (analog zum englischen “over”), als Adverb oder als Praeposition verwendet wird, es drückt immer eine Art Mittelfunktion aus, im Sinn der Vermittlung zwischen zwei Teilen – wie etwa bei “übersetzen”, “überlegen”,  “übergeben”, “übernehmen” etc -, oder im Sinn des Beseitigens eines Widerstands zwischen einem Hier und Dort – z.B. bei “überwinden”, “übertreffen”, “überrollen”, “übersteigern”, auch bei “übergehen”. Die Bedeutung von “über” ist somit vielfältig: sowohl Synonym von “zwischen” wie Gegensatz zu “unter”, vielfältig und eventuell zwiespältig. Um Klarheit zu schaffen, bedarf es immer des Einbezugs des Wortes in einen Kontext

Die Nichtübereinstimmung wird auf packende Weise deutlich zwischen der verbalen und der substantivischen Verwendung von “über”: bei “übergehen” und bei “Übergang”. Während “übergehen” häufig eine Art der negativen Beurteilung einschliesst – etwa “Regeln übergehen”, ein “Verbot übergehen”, eine “Grenze übergehen” –, vergleichbar der Bedeutung von “nicht beachten”, geht mit dem Substantiv “Übergang” etwas Beachtenswertes einher, das nicht negativen Beiklang hat, aber mit Schwierigem und Unausweichlichem verbunden ist. Das französische Wort “passage” entspricht am genauesten der vielfachen Bedeutung, die mit dem deutschen Wort “Übergang” und “Übergänge” einhergeht: im Singular wie im Plural zugleich Parabel und Parameter der existenzbedingten individuellen wie der kollektiven Erfahrungen in Zeit, Örtlichkeit und Raum zwischen Gesetzmässigkeiten und Freiheit. Darauf werden wir im folgenden eingehen.

 

  1. “Doch manches Rätsel knüpft sich auch”: Parabel und Parameter

“Parabeln”, das wissen Sie, sind Beispiele oder Gleichnisse, die dem Umschreiben oder Verdeutlichen von Worten dienen, während “Parameter” als Hilfsgrössen beim Abmessen des Messbaren gebraucht werden. Die Bedeutung von “Übergang” resp. “Übergängen” wird beidem gerecht. Um dies zu verdeutlichen, werde ich drei Beispiele wählen. Im ersten werde ich auf die Brücke eingehen, d.h.  auf die örtlich-räumliche Bedeutung von “Übergang”, im zweiten auf Augenblick und Gegenwart, damit auf die Bedeutung von “Übergang” und “Übergängen” im individuell-existentiellen Zeitempfinden sowie in der kollektiven Zeitordnung. Drittens – abschliessend – werde ich auf das eingehen, was sich der Tatsache des Wagnisses, der Mutprobe und der Flüchtigkeit entgegenstellt, die den Übergängen – den “passages” – innewohnen, und als Beispiel die Schrift, das Werk überhaupt knapp thematisieren.

 

2a.  Der sachliche resp. materielle Teil: Übergänge örtlich-räumlich

Seit ältester Zeit menschlicher Kultur waren die Brücken in allen Teilen der Erde Übergänge über Gewässer und Schluchten, deren Entstehungsgeschichte und deren Funktion in Sagen, manchmal auch in Liedern und Bildern von Generation zu Generation übermittelt wurden, oft Übergänge von erstaunlichster Kunstfertigkeit und Dauer, deren Bau unter den Zeitbedingungen, wie sie waren, kaum erklärbar ist. Mephistophelische Bündnisse wurden dabei vermutet, wie bei der “Stiebenden Brücke”, die 1198 aus Holz über der Reussschlucht im Gotthardgebiet entstand und die im 16. Jahrhundert durch einen kühnen Steinbogen ersetzt wurde: die “Teufelsbrücke”, die sich als sicherer Übergang für Menschen und Tiere mit allen Lasten, die sie schleppten, bewährte. Oder die Kapellbrücke von Luzern, die 1333 als Fortsetzung der 1265 entstandenen Hofbrücke gebaut wurde, beide als Teil der Stadtbefestigungen zu Wasser und zugleich als Promenaden-Übergang für die Bewohner und Bewohnerinnen der “Grossstadt” auf dem rechten und der “Kleinstadt” auf dem linken Ufer. Auch für die Durchfahrt der Schiffe war damals gesorgt; bei der Peterskirche war damals die Brücke etwas erhöht und wies eine Lücke im Palisadengürtel auf, die in der Nacht durch ein Wassertor, den sogenannten “Grendel”, geschlossen wurde. Die Giebelbilder wurden ab 1611 beigefügt; das Dach wurde mit über 40’000 Ziegel belegt, wie die Chroniken belegen, in denen auch von den Verkürzungen und zahlreichen Reparaturen dieser Brücke berichtet wurde, die als Übergang über die Reuss für die Stadt in stärkerem Mass noch als die anderen Brücken quasi als Parameter ihres Wertes galt – bis zum erneuten schnellen Wiederaufbau nach dem jüngsten Brand vor zehn Jahren.

Die Geschichte der Brücken – der Holzbrücken, der Steinbrücken oder der Hängewerkbrücken bis zu den Eisen- und Betonbrücken –  sind Parabeln für Übergänge von Herrschern, Dienern und Soldaten, von den römischen bis zu den napoleonischen und weiter, welche die Erweiterung von Landbesitz und Macht anstrebten, für jene von Händlern und Handwerkern, welche von Süden nach Norden und von Norden nach Süden, oder von Osten nach Westen und von Westen nach Osten zogen, mit ihrer Ware und mit ihrem Können, oder für jene von Abenteurern – heute von Touristen -, von Gelehrten und Pilgern, welche nicht zu einem materiellen, sondern zu einem immateriellen Zweck der Übergänge über Abgründe und über Wasser bedurften, auch für jene der Flüchtlinge, die, von ihrem Land und Boden vertrieben, auf der Suche nach einem anderen Zuhause waren resp. auch heute noch sind.

Brücken sich zugleich Übergänge für Menschen von Ort zu Ort wie auch Parabeln und Parameter der grossen gesellschaftlichen Entwicklungen in allen Bereichen, die immer Übergänge sind zu den Weiterentwicklungen: vom Handwerk zu jenen der Industrialisierung, der zunehmend verfeinerten Technologie und des wachsenden Marktes, in jeder Hinsicht vom messbaren Mass zunehmend zur Masslosigkeit, sowohl in den Forderungen von Tempo und Gewinn wie von formeller Sachlichkeit. Teile dieser Entwicklung werden deutlich durch die Autobahnbrücken und Eisenbahnbrücken, welche sich über die zahlreichen alten Brücken schwingen und – zusätzlich zu den Tunnels unter den Bergen – heute neben- und übereinander die Täler diesseits und jenseits des Gotthards überrollen.

Die Frage stellt sich, ob Brücken noch als “Übergänge” bezeichnet werden können, wenn sie das Mass des Erträglichen für die Menschen, die am Rand der Brücken leben, “übergehen”? “Übergänge” von wo wohin? – nach welchem Zeitmass vor allem? Ist im Zeitalter der Virtualität nicht jegliches Zeitmass abhanden gekommen? Was bedeutet heute noch Zeit?

 

2b. Der komplexe Teil: Übergänge in der individuellen und in der kollektiven Zeit

Auch diese Frage führt weit zurück, bis zu den ältesten Fragen nach der Zeit: in der europäischen Kultur zum Buch von Kohelet in der alten Bibel, gleichzeitig zu den alt-ägyptischen und vorsokratischen Fragen und weiter, später zu Augustin’s “Confessiones” weiter zu Leibniz und Descartes, zu Kant und Hegel, überhaupt zur Neuzeit, zur Verbindung von Existenzphilosophie, Physik und Psychoanalyse, zur Relativitätstheorie  – bis zu uns, die wir heute die Frage nach den Übergängen stellen, jedes Fragen ein Übergang zum nächsten Fragen, durch jeden Menschen auf je persönliche Weise, entsprechend dem eigenen Wert des Augenblicks, im Ermessen der Bedeutung resp. der Flüchtigkeit der Gegenwart, in welcher vorweg Zukunft zur Vergangenheit wird. “Was ist also Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiss ich es nicht. Aber zuversichtlich behaupte ich zu wissen, dass es vergangene Zeit nicht gäbe, wenn nichts verginge, und nicht künftige Zeit, wenn nichts herankäme, und nicht gegenwärtige Zeit, wenn nichts seiend wäre”[4].

Woran erinnern Augustin’s Überlegungen? – an die eigenen ersten Erfahrungen der Zeit in der Kindheit? Erfahrungen zurück bis zum frühesten Erwachen im Moment der Geburt, woran Erinnerung nicht möglich ist, die aber jede Art von Erwachen als Übergang geprägt hat, später Erinnerung an die merkwürdige Nicht-Übereinstimmung des Zeitrhythmus der tickenden Wanduhr von Sekunde zu Sekunde zur vollen Stunde und weiter mit dem Rhythmus des eigenen Herzschlags, Erinnerung zugleich an das früheste Wissen um den ungleichen Rhythmus des Atems in Zeiten des Glücks, des Wohlbehagens oder der Angst? Und ging es nicht weiter in der Erfahrung – und eventuell in der Erinnerung – des Erschreckens oder Sichfragens nach der Zeit ob der zunehmend als Diktat empfundenen, immer gleich ablaufenden Uhrzeit, die zur Zeit der Stunden, Tage und Jahre, zur Lebenszeit erklärt wurde/wird? “Zeitleer die Waben der Uhr” heisst es in einem der Gedichte Paul Celans[5], “komm schwimmendes Licht”: Erinnerung etwa an einen langen Nachmittag an einem dahindämmernden Herbstsonntag in der Kindheit, dreimal ein schwingender Glockenton mit dem sanften Sonnenlicht zwischen dem vergilbenden Laub der Obstbäume, aus welchen sich einzelne Blätter langsam schwebend lösten, unendlich lang bis eindunkelnd vier Uhr klang; Erinnerung an einen vergleichbaren Nachmittag Jahre später, als die Lasten der Verantwortung im Beziehungsgeflecht, die berufliche Ungewissheit und die politischen Entwicklungen in deren Gleichzeitigkeit mit dem inneren Zeitrhythmus nicht mehr übereinstimmten, so dass die Nachmittagsstunde am Ruhetag bloss ein kurzer Unterbruch im dahineilenden Ablauf der Woche war?

 

Ist nicht jede Erinnerung “Übergang” zwischen den Zeiten?

Dem Kind ist Vergangenheit unbekannt und Zukunft ebenso. Warten – “wart ab” – fällt schwer, “Gegen-wart” wird als Dauer erlebt, mit ständiger Neugier und Lust zu erleben –  ausser die Kindheit sei schon von Abbrüchen geprägt, von Verlust und Angst. “Übergang” ist immer der Schulbeginn, zusätzlich oder erstmals: die Zeit wird zum strikten Regelsystem, die Schulglocke schrillt, Pünktlichkeit ist gefordert, das Herz des Kindes wird allmählich zum Motor gedrillt, der dem Akkordsystem genügen muss. Als “Übergang” werden die Pausen erlebt, Geburtstage und Jahresfeste, beim Heranwachsen jede Initiation, für Mädchen und für Knaben auf unterschiedliche, häufig qualvolle Weise, später jede Ausbildung und jede Entspannung, Momente des Glücks, ein Weg durch den Wind, ein gutes Gespräch, Traumerinnerungen zwischen Schlaf und Erwachen – vieles, vieles mehr.

Walter Benjamins nicht abgeschlossenes “Passagen-Werk” enthält in der Dichte der von ihm während Jahren notierten Untersuchungen und Überlegungen sowohl den Aspekt der nicht aufhaltbar anwachsenden “Trümmerhaufen” der Vergangenheit, die als Geschichte auf dem kurzen Moment des Jetzt lasten und den Blick absorbieren – “Telescopage der Vergangenheit durch die Gegenwart”[6] -, wie jenen, der als “Sturm des Kommenden”, das “Fortschritt” heisst,  gleichzeitig erlebt wird, unaufhaltsam nach vorn getrieben, in die Zukunft, auf welche der Blick – der Augen-Blick – sich richten möchte, wovon er aber nichts sehen kann. Der “Angelus novus”, den Walter Benjamin in der Deutung eines Bildes von Paul Klee entwarf[7] und den er – nach meiner Deutung – mit seiner eigenen Zeiterfahrung der anwachsenden Ohnmacht angesichts der ideologischen und praktischen Gewalt dessen, was in den Dreissigerjahren als “Fortschritt” von den Massen angenommen und befolgt wurde, in Verbindung brachte – der nicht mehr regulierbare Kapitalismus, Nationalsozialismus und Faschismus, zusätzlich der stalinistische Bolschewismus -, gleichzeitig mit seinem Bestreben, die Geschichte zu klären, um den Augenblick selber mit dem kritischen Entwurf eines neuen, eigenen Blicks auf die Zeit zu verbinden, um einen neuen Handlungsentwurf zu ermöglichen und eventuell umzusetzen. Bezüglich der kollektiven Zusammenhänge war für Walter Benjamin massgeblich,  w i e  die Geschichte mit den Entscheiden und Geschehnissen, die immer in der Zeit als “Fortschritt” bezeichnet wurden, erkannt wird, damit sie sich nicht im ständig neu voran- und weitergetriebenen Missbrauch der Menschen als Produktionsmaschinen eines zu schaffenden “Schlaraffenlandes”[8] wiederholt. Bezüglich seines eigenen Lebens gab es 1940, als ihm nach dem mühevollen nächtlichen Übergang über die Pyrenäen die Flucht aus dem besetzten Frankreich nach Spanien nicht zugestanden wurde, in der nicht mehr tragbaren Erschöpfung nur noch den selber gewählten Weg in den Tod.

“Übergänge” können somit als Augenblick der klaren Erkenntnis verstanden werden, in welcher das “Jüngstvergangene”, das Fortsetzung des Vorvergangenen ist, als korrigierbar erscheint, nicht im Sinn einer Theorie, etwa jener des dialektischen Materialismus, sondern im Sinn der je eigenen kritischen und zugleich kreativen Verantwortung in der Umsetzung von Freiheit, die letztlich jedem Handlungsentwurf inneliegt. Allerdings ist allein schon was wie genannt wird, von vielfacher Bedeutung: so u.a. was als “das Böse” und was als “das Gute”, wer als “Feind” und was als “Terror” bezeichnet wird. “Die Segel sind die Begriffe”, findet sich bei Benjamin in einer kurzen Notiz. “Es genügt aber nicht, über die Segel zu verfügen. Die Kunst, sie zu setzen, ist das Entscheidende”[9].

Für Walter Benjamin ist es die Sprache, welche die ganze menschliche Geschichte wiedergibt; sie diente/dient einerseits zum Betrug, der ständig als “Fortschritt” bezeichnet wurde/wird, in der anwachsenden Fortsetzung der geschichtlichen “Trümmerhaufen”; andererseits ist sie in der Lage, eine andere Richtung anzuzeigen. Denn die Sprache ist Übersetzung aller menschlichen Kräfte, der intellektuellen wie der emotionalen, der triebhaften wie der moralischen. Sie dient der Kommunikation und dem Werk. Die gesprochene Sprache hat den Aspekt des “Übergangs”, mit jedem Laut und Wort als Übergang zum nächsten, versinkt vorweg im jüngst Vergangenen, analog zu den Wirkungen eines Instruments, das beim Anhören eventuell Schmerz auslöst oder Wohlbefinden und Übereinstimmung ermöglicht. Die geschriebene Sprache, auch die geschriebene Tonsprache –  die Komposition – stellt sich der flüchtigen Zeit entgegen. Sie will anders sein denn Übergang: als Werk ein Entwurf der Dauer.

 

  1. Was “Übergängen” widersteht: Gedicht – Text – Werk

Um die Zeitvorgabe einzuhalten, will ich zum Abschluss kommen. Vom örtlich-räumlichen Übergang, von den Brücken, gelangten wir zu den zeitlichen Übergängen des Augenblicks im Individuellen und der Gegenwart im kollektiven Zusammenhang all dessen, was Leben als Erfahrung der Ohnmacht angesichts der Geschichte und als Möglichkeit des Entwurfs einer neuen Geschichte bedeutet. Brücken sind Beispiele der Verbindung von Übergang und von Werk, von Widerstand gegen die Vergänglichkeit.

Jede Art von Werk strebt nach Dauer. Die Sprache in ihrer Bedeutung sowohl der Kommunikation zwischen den Menschen wie jener der Zeitlichkeit hat seit ältester Zeit die Fortsetzung des Augenblicks, die Korrektur der Flüchtigkeit des Sprechens – des Tons – angestrebt. Zeichen, die gesetzt oder aufgetragen wurden, Buchstaben, die zur Schrift wurden, belegen den Wunsch oder die Forderung nach Dauer. Ein Gedicht, zum Beispiel, analog zur musikalischen Komposition, ist über die Zeichen der Schrift festgehaltene Verbindung der innern persönlichen Sprache mit dem, was “Grammatik” im griechischen Ursprungssinn heisst: der Kenntnis des “graphein”, des Schreibens von den Anfängen an.

“Immer ist die leere Zeit

hungrig

auf die Inschrift der Vergänglichkeit”

beginnt eines der späten Gedichte von Nelly Sachs[10], dieser im Exil in Schweden überlebenden Dichterin aus Berlin. Ihre Gedichte geben die Knappheit der Übereinstimmung von Erkenntnis und Sprache wieder, Verzweiflung und Einsamkeit, die ein Festhalten am Schreiben fordern.

“Übergänge” in zeitlicher Hinsicht sind nicht nur geprägt von der Gesetzmässigkeit der Vergänglichkeit; sie sind zutiefst auch Ausdruck des Werdens. Im Werden beruht die geheime Kraft des Neubeginns zeitlicher Etappen. Wenn “Freiheit”, dieser so leichthin verwendete Begriff, tatsächlich von Bedeutung ist, dann in der Wahlmöglichkeit von Handlungsentscheiden, sowohl hinsichtlich der Richtung resp. der Zielsetzung wie des Zwecks wie auch der Art und Weise deren Umsetzung. Auf die ethischen und moralischen Massstäbe von Freiheit einzugehen, ist im heutigen Zeitablauf nicht mehr möglich. Wichtig erscheint mir, mit einem Wunsch abzuschliessen, dessen Realisierung nicht Utopie ist:

Möge der Entwurf der Weiterentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit, der in der eben vergangenen Zeit geschaffen wurde und dessen Umsetzung heute als Übergang gefeiert wird, zu einem zugleich zeit- und  fortschrittskritischen, die Geschichte korrigierenden Werk werden, das mit der inneren Grammatik der Menschen übereinstimmt: nicht nur mit der Sprache derjenigen, welche über den “Ton” verfügen, sondern auch jener, welche tonlos sind und daher hinsichtlich der ängstigenden Gegenwart und Zukunft der sie stärkenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bedürfen. Es möge Ihnen allen gelingen, dass die persönlichen wie die offiziellen Erfahrungen von Übergängen dazu beitragen, Entscheidungsmöglichkeiten nicht auf Gesetze, sondern auf das verborgene Empfinden der Gerechtigkeit abzustützen, so dass die kreative Kraft der Freiheit sowie die Kraft deren Umsetzung durch eine gemeinsame soziale Verantwortung eine Korrektur der sich erneut zuspitzenden Armut und Arbeitslosigkeit, der menschlichen Entrechtung und Erniedrigung zustandebringen kann: für den einen wie für den anderen “Fall” eine tragbare Brücke in die Zukunft.*

 

 

[1] Referat Eröffnungsveranstaltung Studienjahr 2003/04 Hochschule für Soziale Arbeit Luzern am 20. 10. 2003

[2] Dr. phil. geb. 1940; Philosophin, Psychoanalytikerin, Traumatherapeutin; Hochschuldozentin

[3] William Shakespeare. Sonnett Nr. 119. Übersetzt von Hans Günther Hirschberg. Der Rhythmus des Regens. Pro Lyrica, Schaffhausen 1999. S. 193

[4] Augustinus. Confessiones / Bekenntnisse. Lat.-dt. Kösel Verlag, München 1955. . Elftes Buch, S. 629

[5] Paul Celan. Sprachgitter. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1961, S.14

[6] Walter Benjamin. Gesammelte Schriften Bd. V 1. Passagen-Werk. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1982,

  1. 588

[7] Walter Benjamin. Illuminationen. Ausgewählte Schriften. Über den Begriff der Geschichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1977. S. 255

[8] Walter Benjamin. Illuminationen a.a.O. S. 172

[9] cf. Fussnote (5), S. 592

[10] Nelly Sachs. Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.  1965 / 1981. S. 180

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