Was ist die Bedeutung von KORZA in der Schweiz?

Was ist die Bedeutung von KORZA in der Schweiz?

 

 

“Korza” und “unterwegs sein” haben ähnliche Bedeutung, zeitlich und räumlich, albanisch und deutsch. Ein Ort bleibt zurück und wird Vergangenheit, ein anderer heisst Zukunft und soll erreicht werden. “Unterwegs sein” ist das gelebte Leben, sowohl im Ablauf der Zeit wie im Wechsel des Umfeldes, in welchem die Lebensschritte geschehen, immer aus dem Vertrauten ins Unbekannte hinein.

Immer seltener leben Menschen als Erwachsene am gleichen Ort, an welchem sie als Kinder die Welt kennen lernten, spielten und grösser wurden. Immer seltener ist es möglich, dass der Familien- und Freundeskreis erhalten bleibt und nicht zerrissen wird.

So ist es auch in der Schweiz. Immer wieder gilt es umzuziehen und neu zu beginnen. Manchmal wechselt bloss das Quartier, manchmal der Dialekt, aber immer die Nachbarschaft und damit das ganze Beziehungsraster. Auch Schweizer und Schweizerinnen sind unterwegs, von einem Arbeitsort zu einem anderen, von einem Wohnort zu einem anderen. Viele sind untereinander zunehmend Fremde. Dabei begegnen sie Frauen, Männern und Kindern, die ebenfalls Fremde sind.

Das kleine Land, dessen nationales Zeichen ein Kreuz ist – die Kreuzung zweier Wege, von denen einer von Süden nach Norden und einer von Osten nach Westen weist – engt sich zunehmend auf den innersten Kern der Kreuzung ein. Wer fremd ist, hat es schwer, hier unterwegs zu sein. Fremde werden als Eindringlinge bezeichnet, mit Misstrauen und Abwehr, vor allem, wenn sie selber Unsicherheit zeigen. Viele sprechen nur die eigene Sprache und verstehen nicht, was in der Schweiz gesprochen wird, verstehen auch die vielen Verbote nicht, die für sie gelten, wünschen zu lernen, zu arbeiten und in Sicherheit zu leben, aber dürfen all dies nicht. Sie sind unterwegs ohne Halt, langsam, besetzt von Trauer und Angst. Einige wenige auch von Wut über die schwindende Hoffnung. Die Schweiz hat zunehmend vergessen, dass niemand die Heimat leichtfertig verlässt..

Frauen, Männer und Kinder, die von Kosova in die Schweiz kamen, mussten ihr Dorf oder die Stadt, in welcher sie lebten, mussten die Felder und Kirschbäume, die Täler und Berge verlassen, die ihnen vertraut waren. Mehr noch: sie mussten die Jahresfeste, den Geruch des Brotes und ihre Sprache – vom morgendlichen Gruss bis zu den Liedern und Gebeten – zurücklassen. Der Blick der Grossmütter und –väter blieb zurück, deren Lächeln und deren warme, verarbeitete Hand. Während Jahren war es vor allem die politische Situation, welche Armut und Emigration bewirkte, in jüngster Zeit unverständlicher Hass, Krieg und Gewalt. Kein Zuhause blieb intakt. Fliehen war unausweichlich, während Tagen und Nächten, in Kolonnen oder versteckt in Autos, eingepfercht in Bussen oder auf überladenen Schiffen, Warten in Lagern, Schlaflosigkeit, Hunger und Durst, dann das Gesuch um Asyl. Das Leben wurde schmerzhaft zum dunkeln Weg der Trauer, zum Unterwegssein in der Ungewissheit und Heimatlosigkeit.

Als die zwei Absolventinnen und der Absolvent des Masterprogramms Kulturmanagement an der Universität Basel – Silvia Flachsmann, Susan Lüthi und Reto Stäheli – am 22. Juni 2002 in Zürich das Projekt “Korza” das erste Mal umsetzten, war ungewiss,  wie das albanische und schweizerische, gemeinsame “Unterwegssein” gelingen würde. Die Vorbereitungen hatten über zwei Jahre gedauert, hatten das Studium der albanischen Sprache, Literatur und Musik, der Geschlechter- und Familienverhältnisse, der Geschichte Kosovas und der heutigen Situation eingeschlossen, auch eine Reise in das verborgene Land im Südosten des ehemaligen Jugoslawien, das Herkunft und Heimweh von Tausenden von Menschen bedeutet, die hier in der Schweiz leben. Viel Lektüre und Auseinandersetzungen folgten, zahlreiche Gespräche mit SchriftstellerInnen und MusikerInnen sowie mit Emigrantinnen und Emigranten, deren Einbezug in die Planung und Vorbereitung sich bis zum Tag des Realisierung fortsetzte

Es war ein Samstagnachmittag von brennender Hitze, als “Korza” am Ufer der Sihl zwischen Löwenstrasse und Kaserne begann. Die Stadt war voll aufgeregter Menschen wegen der Fussball-Weltmeisterschaft, die sich an jenem Tag im Viertelfinal zwischen Senegal und der Türkei entschied. Als die Türkei gewann, war nur noch Siegesgehupe hörbar, die Strassen im Kreis zwischen Bahnhof und Helvetiaplatz waren verstopft mit Autos voll jubelnder Türken und roter Fahnen. Am Rand der Trottoirs gingen ab und zu enttäuschte Afrikaner mit gesenktem Kopf und eingerollten weissen Fahnen vorbei. Die dichte Gruppe von Frauen, Männern und Kindern aus Kosova und aus der Schweiz, welche im gleichen Stadtteil unterwegs waren und an mehreren Stationen musikalische und literarische Darbietungen, persönliche und spielerische Beiträge aufnahmen, dann wieder weitergingen und erneut gemeinsam innehielten,  war von eindrücklicher Heiterkeit und Konzentration. Niemand schien unbeteiligt oder gelangweilt zu sein, im Gegenteil. Nur für die Kinder

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