Das Lager Gurs und die übrigen Lager in Südfrankreich (1940-1944) – Vorstationen der Deportation nach Auschwitz

Das Lager Gurs und die übrigen Lager in Südfrankreich (1940-1944) – Vorstationen der Deportation nach Auschwitz
“Gurs, seltsame Silbe,
wie ein schluchzender Laut,
der in der Kehle stecken bleibt.”
“Im Sommer 1940 befand ich mich als freiwillige Helferin im Auftrag der ‘Schweizer Kinderhilfe’ (ab 1942 ‘Schweizerisches Rotes Kreuz-Kinderhilfe’) in verschiedenen Flüchtlingslagern in Toulouse, als ich zum erstenmal den Namen des Lagers Gurs hörte und instinktiv spürte, dass ich dort gebraucht wurde” (Elsbeth Kasser) .
Das Lager Gurs trägt seinen Namen nach dem unscheinbaren Dorf im Béarn, auf dessen Territorium und dem zwei anderer Dörfer – insgesamt einer Fläche von beinah 80 Hektaren – es im Frühling 1939 innerhalb von 42 Tagen errichtet wurde, in der unfruchtbaren Ebene am Fuss der östlichen Pyrenäen, an der Strasse Oloron-Bayonne. Es war urspünglich als Auffanglager von kurzer Dauer für Flüchtlinge aus Spanien bestimmt. Der Beschluss der französischen Regierung, die Verlierer und Opfer des Spanischen Bürgerkriegs notdürftig zu internieren, erfolgte am 15. März 1939, als Folge auf den Strom von verängstigten Frauen, Kindern und sich auflösenden republikanischen Truppen, der sich nach dem Einmarsch der Franco-Truppen in Barcelona am 26. Januar 1939 nach Frankreich zu ergiessen begann. Am 25. April waren bereits 15’000 Spanien-Flüchtlinge in den leicht gebauten Baracken untergebracht – für die Dauer eines Sommers, wie die französische Regierung dachte.
Doch die Ereignisse entwickelten sich anders, die Baracken sollten sechs Jahre lang benutzt werden, auch wenn die Flüchtlinge aus Spanien zum Teil repatriiert oder anderswo angesiedelt wurden. Wie rund ein Dutzend weiterer Lager, die in Südfrankreich zur gleichen Zeit gebaut oder in bestehenden Gebäuden eingerichtet worden waren – Rivesaltes, Fort-Collioure, Le Vernet, Rieucros, Argelès, Saint-Cyprien, Le Bacarès, Vernet, Bram, Septfonds, Les Milles und andere mehr -, wurde das Lager Gurs ein Element in der Vernichtungsstrategie der Nazis und ihrer willigen Helfershelfer.
Die Folgen der französischen Niederlage
Nur knapp neun Monate nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs, am 3. September 1939, trat Frankreich in den Krieg gegen Deutschland ein. Wiederum neun Monate später musste es sich der siegreichenWehrmacht beugen. Am 22. Juni 1940 wurde das Wafffenstillstandsabkommen von Compiègne unterzeichnet, worauf – unter weiteren Folgen – das Land in mehrere Zonen unterteilt wurde. Elsass-Lothringen, die Hauptstadt und weitere Teile Frankreichs unterstanden direkt der deutschen Besatzungsmacht, während Südfrankreich, die sog. “Freie Zone”, von den Franzosen verwaltete und kontrolliert wurde, resp. von der mit Hitler kollaborierenden Vichy-Regierung unter Marschall Henri Philipp Pétain und dessen stellvertretendem Ministerpräsidenten Pierre Etienne Laval. Gemäss einem weiteren Artikel dieses Abkommens musste sich die französische Regierung auch verpflichten, “alle in Frankreich sowie in den französischen Besitzungen befindlichen Deutschen, die von der Reichsregierung namhaft gemacht werden, auf Verlangen auszuliefern”. Dazu gehörten Tausende von Juden – Männer, Frauen und Kinder -, die sich aus Deutschland, Österreich, Polen, der Tschechoslowakei und anderen Ländern nach Frankreich geflüchtet hatten, auch Tausende, die sich in die Niederlande, nach Belgien und Luxemburg geflüchtet hatten und die nach dem deutschen Überfall im Mai 1940 ebenfalls nach Frankreich weiterflüchteten. Die meisten dieser “Unerwünschten” (les “indésirables”, wie die französische Regierung sie bezeichnete) wurden in den südfranzösischen Lagern interniert, zusammen mit französischen Juden und politischen Gegnern der Nazis und deren Helfer in Frankreich.
Die Deportation der Juden aus Süddeutschland
Am 22. Oktober 1940 wurden in Baden, in der Pfalz und im Saarland die Juden innerhalb weniger Stunden aus ihren Häusern und Wohnungen geholt, auf Sammelplätze verbracht und in Eisenbahnwagen zusammengepfercht. Innerhalb weniger Tage fand in 9 Transportzügen die Deportation von insgesamt 6504 Menschen – Frauen, Männern, Kindern, Säuglingen, Greise und Kranken – nach Südfrankreich statt, vor allem nach Gurs, nach Rivesaltes und nach Les Milles. Am 29. Oktober 1940 meldeten die Gauleiter Joseph Bürckel (Westmark) und Robert Wagner (Baden) dem “Führer”, ihre Gaue seien “judenrein”.
Als Elsbeth Kasser 1940 in Gurs ankam, zählte das Lager, nach ihren Worten, 18’000 Menschen. Das Lager war in Ilôts (Inseln) aufgeteilt, die man sich wie kleine Lager im Lager vorstellen muss. Elsbeth Kasser hielt im 1990 publizierten Bericht die Verhältnisse fest: “Eine Ilôt-Insel bestand aus 30 Baracken, war mit Stacheldraht umgeben und bewacht. Es regnete und regnete. Der Boden war in ein Schlammeer verwandelt, etwas vom Schlimmsten in Gurs. Nur mühsam konnte ich mich fortbewegen, glitt aus, sank ein. Die Baracken waren 24 Meter lang und 5 Meter breit. Als ich zum ersten Mal in eine Baracke eintrat, war es trotz Tageslicht dunkel. Wegen der Kälte hatte man die Fensterläden geschlossen, und Fensterscheiben hatte es keine.”
Schlamm, Feuchtigkeit und Kälte, Ratten und Ungeziefer, die völlig ungenügenden sanitarischen Einrichtungen, die mehr als dürftige Ernährung bewirkten, dass viele der ohnehin geschwächten und psychisch traumatisierten Menschen, vor allem ältere und alleinstehende, krank wurden und starben. Elsbeth Kasser bemühte sich, wenigstens den Kindern, Schwangeren, Müttern mit Kleinkindern, Kranken, später auch Jugendlichen das Los ein wenig zu erleichtern. Sie erreichte, dass ihr eine Baracke zugeteilt wurde. “So begann die Milchausgabe für 60 Kleinkinder, das Frühstück für 750 Schulkinder und eine Vesper für 100 Jugendliche”, hielt sie fest. Die gleiche Baracke benutzte sie als Schulzimmer, in welchem die Kinder durch internierte Lehrkräfte auf Deutsch, Französisch und Spanisch Unterricht erhielten, gemeinsam singen und zeichnen und für einige Stunden die Trostlosigkeit ihrer Lage vergessen konnten. Hilfsorganisationen wie die OSE , die Quäker, die CIMADE und andere mehr vermittelten Bücher, Schreib-, Zeichen- und Malmaterial, Musikinstrumente und a.m., so dass im Lager eine rege kulturelle Tätigkeit entstehen konnte. Doch Elsbeth Kasser musste einsehen, dass die Möglichkeiten zu helfen mehr als beschränkt waren.
Die Deportationen in die Vernichtung
“Im Sommer 1942 (…) begannen die ersten Deportationen, die in unzählige Familien unheilbare Wunden rissen. Zu Tausenden – darunter Kranke auf Tragbahren – wurden sie eines Nachts in Camions gepfercht und gezwungen, eine furchtbare Reise ins Ungewisse anzutreten. Meine Mitarbeiterin Schwester Emma Ott und ich standen hilflos daneben und konnten nichts tun, als kleine, letzte Dienste erweisen.” Die Erfahrung der Verzweiflung und Ohnmacht war für diejenigen, die gekommen waren, um Menschen zu helfen, und die Zeugen von deren Verschickung in den Tod sein mussten, unauslöschlich, auch für Elsbeth Kasser. 1943 kehrte sie wegen der schweren Erkrankung ihres Vaters in die Schweiz zurück.
Im Jahr 1940 hatten ungefähr 330’000 Juden in Frankreich gelebt, neben den einheimischen eine grosse Anzahl gejagter Flüchtlinge. Für die meisten bedeutete Frankreich eine prekäre Sicherheit. 1942 bezeichnete Ministerpräsident Laval die Deportierungen als “nationales Prophylaktikum”. Der oberste Polizeichef René Bosquet und ungezählte Polizisten und andere willige Helfer organisierten erbarmungslos die Razzien und Transporte. Zwischen dem 23. März 1942 und dem 12. August 1944 wurden allein aus Frankreich 75’721 Menschen in die Vernichtungslager im Osten geschickt. Gemäss Serge Klarsfeld muss zusätzlich mit 3000 Toten gerechnet werden, die an Krankheiten und Entbehrungen in den südfranzösischen Lagern starben, dazu an die 1000 Menschen, die, weil sie Juden waren (die politischen Gegner also nicht miteingerechnet), während der deutschen Besatzung in Frankreich summarisch erschossen oder erschlagen wurden. Klarsfeld kommt zum Schluss, dass 80’000 Menschen Opfer des Zusammenspiels von französischem Kollaborationseifer und nationalsozialistischer Vernichtungsbarbarei wurden. Nur 2’560 der aus Frankreich Deportierten konnten bei Kriegsende von den Allierten aus den KZ befreit werden. Einer kleineren Anzahl von Insassen der südfranzösischen Lager, darunter Kindern und Jugendlichen, gelang es zu überleben, weil sie rechtzeitig Hilfe fanden und gerettet wurden, einzelne auch durch die schwierige Flucht in die Schweiz.
Das Ende von Gurs
Als General de Gaulle im August 1944 aus dem Londoner Exil ins befreite Paris einrückte, sollte das düstere Bild der Vichy-Kollaboration durch das hehre Bild des Widerstands überdeckt werden. Davon profitierten die meisten der höheren Verantwortlichen, von denen einige bis heute unbehelligt blieben. Dagegen wurde auf der “unteren” Ebene zum Teil hart abgerechnet. In diesem Kontext erfüllte das Lager Gurs eine letzte Funktion, bevor es nach Kriegsende abgerissen wurde. Von 1944 bis 1945 wurden in den baufälligen Baracken Kollaborateure interniert, an die 3000 Männer und Frauen, die – ob für sich selber, ob stellvertretend für das System – die Schande der Zusammenarbeit mit der deutschen Besatzungsmacht büssen mussten.°

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