Meine Liebe zur Stadt

Artikel publizert in “zwar – Greenpeace Magazin” im Februar 1992

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Meine Liebe zur Stadt

Ich wuchs in der Nähe von grossen Städten auf,  auf dem Land. Von weit her sahen sie wie Gebirge aus, mit hohen grauen Zacken und Spitzen, über denen Rauchfahnen lagen wie Wolken.  Wenn die Grossmutter  in die Stadt fuhr, zog sie das schwarze Kleid mit den Stickereien über dem Busen an, und wenn sie zurückkam,  brachte sie mir eine merkwürdige  Frucht mit, die Banane hiess. Früh prägte sich mir ein, dass die Stadt Aussergewöhnliches  forderte und bot.

Bevor ich wusste,  was eine Stadt ist, sah ich eine Stadt brennen.  Eines Nachts wurde ich in eine wollene Decke gehüllt und vom Grossvater  schweratmend auf den Hügel hinter dem Haus getragen.  Dort standen wir,  Grossmutter  und Grossvater,  die zwei jüngeren  Schwestern  meines Vaters und das kleine Mädchen, das ich war, und wir sahen jenseits  der Grenze die bombardierte  Stadt brennen.  Gebannt,  wie versteinert, wortlos.  Nicht nur,  weil wir “drüben”  Verwandte  hatten.  Nicht nur, weil der Krieg überhaupt wortlos machte, mit allem,  was mich als Kind davon traf – die brüllenden Stimmen am Radio und die Marschmusik, die grauen Gesichter der Flüchtlinge  am Bahnhof,  der Geruch nach Moder und Desinfektionsmitteln,  die dumpf aufheulenden Sirenen,  der Luftschutzkeller im Altersheim,  die ständig und überall spürbare Angst. Auf dem Hügel in der Nacht kam noch das Entsetzen hinzu, dass selbst die grosse, aus Stein fest gebaute Stadt lichterloh brannte,  als wäre sie aus Papier.  Die ganze Welt schien zu brennen, der Himmel brannte. Das hiess, dass  gar nichts die Menschen zu schützen vermochte.  Auch nicht die Kinder? fragte ich den Grossvater. Nach dem Krieg stand ich vor den rauchgeschwärzten Ruinen anderer Städte,  später in den Überresten  der – in früheren Kriegen zerstörten  – römischen Städte,  etwa im Forum Romanum,  noch später zwischen den Fundamenten  von Selinunte auf Sizilien, noch später auf den Überresten  griechischer und ägyptischer  Städte. War es, dass aus der Todeserfahrung der zerstörten Städte meine Liebe zur lebendigen,  brodelnden, ineinandergeschachtelten, ruhelosen,  prachtstrotzenden, armseligen, funkensprühenden  Stadt wuchs, zu diesem mächtigen Organismus mit seiner lauten Geschäftigkeit in den ineinnander- und auseinanderführenden Strassen und Plätzen, mit seiner Dörflichkeit in den Hinterhöfen, mit seinem Abfall und seinen Hoffnungen, mit seiner drängenden und quälenden Generosität, mit den vorüberziehenden, ständig wechselnden Abertausenden von zeitgejagten Gesichtern, Augenpaaren, Mündern und Stimmen,  mit der unbeschreiblichen Dichte menschlichen Lebens?

Schwer zu sagen,  in wie viele Städte ich so eingetaucht bin, mit meinem eigenen Gesicht und meinem Blick und meiner Stimme,  mit dem plötzlichen Bewusstsein meiner Ichunwichtigkeit, mit der schnellen Stummheit meiner Vereinzelung, ob in den Metrokorridoren  unter Tag, in diesem Labyrinth aus Stollen Und unterirdischen Sälen,  mit der von Ausatmungen schweren Nichtluft-Luft und dem Brechreiz davon vom Aufstehen bis in den Schlaf,  von all den dunstigen, sandigen, millionenfach ausgetragenen, ausgestossenen, ausgetauschten Ausatmungen, oder im blasenbrodelnden Geschiebe der Menschen auf den Avenidas oder Chaussees oder Boulevards oder in den fast berstenden  Gassen der Altstädte,  in diesen steinernen, verstopften  Schluchtenlandschaft mit dem trägen,  tödlichen Blechfluss in der Mitte, schwer zu sagen. An Taxifahrer mich zu halten,  habe ich mir angewöhnt,  wo immer ich war, geduldige Unkundige manchmal oder freundliche Kundige,  Lotsen zu unbekannten  Destinationen,  die immer nach Herkunft und Sprache fragen und ob ich Lucca kenne oder Kiev, und manchmal ergeben sich Gespräche über Freiheit, Emigration und über Kosten für Essen und Wohnen,  über die Tage- und Nächtearbeit von Männern und Frauen und über die Angst,  unterbrochen von schnellen,  beiläufigen Flüchen über andere Fahrer oder von spitzem Tuten der Autos vorn und hinten oder vom welligen Schwiepen blockierter  Ambulanzen,  und dann “Take care,  Lady”  und das Fahrgeld  wechselt die Hand.

Einzelne Gesichter prägen sich ein unter den Millionen – der Horror  in den Augen des spastisch Gelähmten im Rollstuhl mitten unter den Vorüberjagenden,  die alle zu schnell sind, um nur einen Blick auf die Büchse zu werfen, die er ausstreckt, geschweige eine Münze hineinzuwerfen,  oder wenig später, am Rand des Gehsteigs, fast wie ein Rammpfahl der baumstarke  Unbewegliche,  der an Brust und Rücken ein Schild trägt “Blind”  und zwischen den Füssen einen blinden Hund schützt, dann endlich das Haus, nach dem ich suche, in einer Seitenstrasse.  Der Lift fährt nicht,  im neunten Stock drückt sich ein weisshaariger  Alter ans Fenster,  “Gas!  Es riecht nach Gas”,  stöhnt er, und ich haste weiter,  zu einer Besprechung,  derentwegen ich die Stadt durchquert  habe. Dann wieder im Taxi,  auf der Schnellstrasse  zurück, schweigend,  erschöpft. Bei der Ausfahrt, schon fast im Gewühl.  steht ein Menschenbündel,  grau,  dann bricht es zusammen.

Inseln in der Stadt sind die Pärke,  grüner Schaum statt Asphalt,  darauf rastende Mädchen und Männer mit Broten und Dosen,  Bänke mit Alten und Schlafenden, darunter  die Schönheit von Saba, ein Teich mit Booten. Dort in der Nähe die Kinderband,  sieben Jahre alt oder neun sind die Buben und Mädchen machen Musik als wäre Musik ihre Geschichte.  Wozu das Verdiente gebraucht wird? Zum Leben; sagen sie professionell.  Auch Büchergeschäfte  sind Inseln, Bücher in babylonischen Sprachen,  die Augen können die Titel,  die Dichterinnen  und Denker nicht fassen, vergessene,  alte und unbekannte.  Einen Band aus der Fülle greife ich heraus,  ohne Absicht,  1951  erstmals erschienen:  “New hopes for a changing world” von Bertrand Russell.

Hoffnung? Hoffnung war die Triebkraft  bei der Gründung der Städte,  wo immer sie entstanden,  ob auf schwer zugänglichen  Hochebenen,  ob an Ufern von Flüssen oder an Meeresbuchten,  ob sie durch Fürsten oder durch Flüchtlinge  gebaut wurden,  ob die Hoffnung  Reichtum und Macht bedeutete oder Heimat. Hoffnung ist noch immer der starke Motor,  der das Wachstum der Städte antreibt,  Hoffnung auf bessere Einkommens-,  Bildungs- und Versorgungsmöglichkeiten; kurz,  auf ein besseres Überleben.  Innerhalb von dreissig Jahren, zwischen  1950 und 1980;  stieg weltweit die Anzahl der Stadtbewohner  und -bewohnerinnen  von 300 Millionen auf 1, 8 Millarden an. Gegen Ende dieses Jahrhunderts  werden rund um die Erde mehr Menschen  in Städten als auf dem Land wohnen.  12  Städte zählen jetzt  schon mehr als 10 Millionen, im Jahr 2000 werden es nach Schätzungen  der EG-Kommission  21 sein, davon wenigstens  18  in der sogenannten Dritten Welt,  wo die Städte jährlich um 3,6 Prozent wachsen.

Multiplizierte,  potenzierte  Millionenzahlen?  Werden die Städte nicht an den Menschen ersticken? Werden  sie nicht buchstäblich bersten? Drohen  sie nicht an Hungeraufständen oder an Typhus- und Choleraepidemien  zugrundezugehen? Ich bin weder Statistikerin  noch Prophetin,  ich weiss nicht,  was die heutigen offiziellen Schätzungen taugen.  Meinem Ermessen zufolge,  dem die Kenntnis der bisherigen Stadtzerstörungen und die Liebe zu den zivilisatorischen,  lebensbejahenden Kräften der Stadt zugrundeliegen, werden vor allem diejenigen Kräfte den Städten bedrohlich sein, die überhaupt zivilisationszerstörerisch sind, allen voran der Krieg und alle anderen Formen  mangelnder  Verantwortung dem gemeinschaftlichen Leben gegenüber.  Dazu gehören – unter vielem anderem – Steuer-  und Stadtflucht der Reichen,  Missbrauch der Stadt als Spekulationsobjekt,  politische  Indifferenz und Resignation.  Ich plädiere  für eine umfassende und präzise Neubesinnung  auf den unveräusserlichen  Wert der Städte – auch der grossen Städte,  selbst der weiter wachsenden Millionenstädte  – und für eine Koordination  der gescheitesten,  kreativsten Denkerinnen  und Denker in Hinblick auf konkrete,  durchführbare Projekte,  die die umfassende Lebensqualität  der Stadtbewohner und -bewohnerinnen  zum Thema haben: das heisst die Qualität von öffentlicher Partizipation  und individuellem  Leben, von Gewaltfreiheit und Vielfalt,  von Wohnen und Versorgung,  von Bildung, von Arbeit und Freizeit.  Dabei muss sich der Masstab für das, was als Qualität gilt, nach den Lebensbedingungen  der Schwächsten richten:  nach denen der Neuzuzüger  und Neuzuzügerinnen,  nach denen der Kinder.

lies auch: “Die grossen Städte – Schwärende Wunden der Erde” – Artikel publiziert in “Moneta, Die Zeitung für Geld & Geist” Nr. 1 / 26. März 1992

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und in der gleichen Publikation am 23. Juni 1992:

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