Exil als Chance – Irdischer Heimat verirrter Schein – Margarete Susman 14. 10. 1872 geboren in Hamburg – 16. 1. 1966 gestorben in Zürich

        

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publiziert als Magazinbeitrag für: Neue Wege – Beiträge zu Christentum und Sozialismus, Juli/August 1996

Exil als Chance  –  Irdischer Heimat verirrter Schein

Margarete Susman 14. 10. 1872 geboren in Hamburg – 16. 1. 1966 gestorben in Zürich

 

“Ein Zeichen sind wir, deutungslos,

Schmerzlos sind wir und haben fast

Die Sprache in der Fremde verloren”.

 

Die drei Zeilen aus Hölderlins Gedicht “Mnemosyne” stehen über der Einleitung zu Margarete Susmans Lebensrückblick (Susman 1964). “Gedenken” und “Erinnern” (die deutsche Bedeutung von “Mnemosyne) waren das einzige Archiv, auf welches die über neunzigjährige erblindete Dichterin und Denkerin zurückgreifen konnte, als sie sich (im Auftrag des Leo Baeck Instituts, New York) an die Aufarbeitung ihrer Autobiographie machte. “Eine grosse Welt von Worten und Werten ist seit meiner Jugend versunken und hat nicht nur eine ganze Sprachwelt, sondern auch eine ganze Epoche mit sich gerissen. (…) In meinem eigenen Leben sind mir diese Wandlungen alles Bisherigen nicht einfach fortlaufend, sondern in ständigen Stössen und Erschütterungen geschehen, in denen der Gedanke Spinozas bestätigt wurde, dass wir mehr als einmal im Leben sterben können.”

Angesichts der Unabwendbarkeit des eigenen Todes stellt sich die Frage der Todesbedrohtheit der Existenz und damit die Sinnfrage mit noch grösserer Intensität für Margarete Susman. Der Wandel und die Zerstörung der Welt ihrer Kindheit, die Verfolgung und Vernichtung ihres Volkes drängen alles Unwichtige in den Hintergrund. Wichtig ist nur noch, was dem vielfachen Tod widersteht, was dem vielfachen Sterben entgegensteht. Dabei zeigt es sich, dass Margarete Susman ihr ganzes Leben dieser Linie des Unzerstörbaren entlang gesucht , gedacht und gelebt hat. Für sie war daher die Sinnfrage ständig verknüpft war mit der Wahrheitsfrage, mit der Wertfrage sowie mit der Frage der Sprache. Die Wahrheitsfrage prägte die Auseinandersetzung mit dem Judentum. Die Wertfrage stellte sich in der Auseinandersetzung mit den – künstlerischen und sozialen – Strömungen ihrer Zeit sowie mit ihren persönlichen Bindungen und Beziehungen – mit der gelebten Liebe. Die Frage der Sprache schliesslich betraf ihr literarisches und politisches Schaffen, nachdem “ihre” Sprache, die deutsche Sprache, zum Instrument tödlicher Propaganda und Täuschung, zum Instrument des unvorstellbaren Grauens geworden war.

Margarete Susman lebte fast 33 Jahre im Exil in Zürich. Viele Menschen dieser Stadt haben sie gekannt und verehrt, und einzelne von ihnen, die noch leben, sprechen voll Bewunderung von ihrer starken Ausstrahlung, von ihrer prophetischen Gegenwärtigkeit. Margarete Susman selbst wusste um den “kairos”, um die “Rechtzeitigkeit”, die “immer Gnade ist”, wie sie im Lebensrückblick ausführte: “Man möchte diese seltene Gnade als einen Augenblick bezeichnen, in dem die Zeit sich aus unserem Leben zurückzieht und nur die reine Gegenwart übriglässt, und je öfter dies geschieht, um so mehr ist ein Leben ein Leben gewesen. Es liegt aber auch etwas Furchtbares darin, als wäre alles bisher Gelebte falsch gewesen”. Auf knappeste Weise fasste sie so die Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz – und ihres eigenen Lebens – zusammen: Vergänglichkeit und Wandel, das Glück und zugleich das jähe Erschrecken, das Erkenntnis gewährt. Für Margarete Susman war all dies Erfahrung der Gnade.

 

Die Brüchigkeit jüdischer Assimilation

Als Margarete Susman am 14. Oktober 1872 in Hamburg zur Welt kam, in einem grossbürgerlichen, assimilierten Milieu, in dem Bildung, Reichtum und Schönheit die bestimmenden Werte waren, da war ihr Elternhaus insofern keine Ausnahme, als, nach ihren Worten, “die gehobenen jüdischen Schichten sich bereits ganz als Deutsche empfanden und ein heute kaum mehr verständliches, deutschgeprägtes Leben lebten” (Susman 1964). Die Fragwürdigkeit dieses Lebens habe sie erst nach dem Zusammenbruch zu ahnen begonnen, kommentiert sie rückblickend als alte Frau.

Von früher Kindheit an schrieb sie Gedichte, sowohl in Hamburg wie in Zürich, wohin die Familie Susman zog, als Margarete elf Jahre zählte. Vom damaligen Zürich sprach sie noch als alte Frau voller Glücksgefühl. Allerdings machte sie hier auch das erste Mal die Erfahrung sozialer Unterschiede, da sie in der Volksschule als Kind einer gebildeten Familie als “reiches” Kind galt. Hier geschah auch die erste Begegnung mit dem Tod, eine verstörende Begegnung, da eine Mitschülerin starb und sie die leblose Starre des Leichnams im Sarg mit Entsetzen wahrnahm und hilflos, ohne Erklärung durch die Erwachsenen, ohne religiöse Erklärung über Leben und Tod, mit diesem Bild allein gelassen war. Auch wiederum auf sprachlose Weise habe sie diese Erfahrung einordnen gelernt, hielt sie als alte Frau fest, indem sie eines Morgens das geliebte Gesicht des Vaters vor sich gesehen habe und gewusste habe, dass zwar “die Liebe den Tod nicht bannen kann, aber dass sie im Leben die Erlösung vom Tod ist” (Susman 1964).

Als Zwanzigjährige erfuhr sie bei einer Augenkontrolle, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit erblinden würde. In diesem Alter setzte auch ihr Interesse fürs Judentum ein. Die ersten Kenntnisse erhielt sie von Rabbiner Caesar Seligmann, mit dem sie das ganze Leben befreundet blieb. Nachdem sie sich über Jahre hinweg mit Malen, Lesen und der Pflege der kränkelnden Mutter befasst hatte, wie viele Töchter aus bürgerlichem Milieu, begann sie – relativ spät, jedoch mit grosser Intensität – Philosophie zu studieren, zuerst in Düsseldorf, dann in München und in Berlin. In Düsseldorf lernte sie ihren späteren Ehemann, Eduard von Bendemann, kennen.

Seit ihrer Münchener Zeit war Margarete Susman mit Gertrud Kantorowicz verbunden, eine Freundschaft, die ihr einerseits den Zugang zum George-Kreis öffnete und durch die sie Karl Wolfskehl begegnete, andererseits den Philosophen Georg Simmel und dessen Frau Gertrude Simmel kennenlernte, die unter dem Namen Marie Louise Enckendorf damals als Schriftstellerin bekannt war. Dass Gertrud Kantorowicz und Georg Simmel ein heimliches Liebespaar waren, ja dass aus dieser Verbindung ein Sohn geboren wurde, dessen Geburt und Existenz verheimlicht wurde, solange Simmel lebte – dies erfuhr Margarete Susman erst nach Simmels Tod kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, und es erschütterte sie. Mit Gertrud Kantorowicz aber blieb sie über Briefe in einem lebendigen Gedankenaustausch verbunden, auch über gemeinsame Reisen. Als Margarete Susman nach ihrer Scheidung von Eduard von Bendemann in eine schwere Depression fiel, “entführte” Gertrud sie 1928 nach Italien.

Gemeinsam mit Margaretes Schwester, Paula Hammerschlag, versucht die 66jährige Gertrud Kantorowicz im Mai 1942, sich vor den Nazis zu retten und von Voralberg aus die Grenze zur Schweiz zu überschreiten. Die Frauen werden aufgegriffen, Paula Hammerschlag schluckt eine tödliche Dosis Schlafmittel und Gertrud Kantorowicz wird ins Lager Theresienstadt deportiert, wo sie am 19. oder 20 April 1945 an einer Hirnhautentzündung stirbt.

 

Zugang zu den grossen “Themen” der Existenz

Unter Georg Simmels Leitung begann Margarete Susman, Platon, Spinoza und Bergson zu studieren und sich intensiv mit Fragen der Ethik zu befassen. Sie teilte mit dem verehrten Lehrer die Aufmerksamkeit für alles, was die menschliche Existenz im Innersten betrifft – die grossen “Themen”, wie sie schrieb, Zeit und Ewigkeit, Immanenz und Transzendenz, Leben und Tod -, sowie die sprachliche Gestaltwerdung des Nachdenkens darüber im Essay, der für Margarete Susmans zur trefflichsten literarischen Form wurde (Goetschel 1997). Für sie war Simmel “einer der bedeutendsten Repräsentanten des Augenblicks, in dem die Formen des transzendentalen Denkens zerbrachen, weil sie sich nicht mehr als fähig erwiesen, die in das Zeitbewusstsein heraufdrängende neue Problematik einer Erkenntnis des Konkreten, des So-Seins der Dinge und Individuen, des hic et nunc des Lebens, zu bewältigen – und im Zusammenhang damit als einer der intensivsten Denker, die zuerst die in der Persönlichkeit des Philosophen wurzelnde Problematik zu erforschen begonnen hat” (Goetschel 1997). In Simmel Haus lernte sie unter anderen bedeutenden jungen Denkern wie Ernst Bloch und Martin Buber auch Bernhard Groethuysen kennen, der ihr Frankreich und die französische Philosophie nahebrachte. “Immer war bei Groethuysen das Wort, vor allem das mündliche, von solcher Überzeugungskraft, dass Worte von ihm auch später noch wie Messer in mein Leben eingeschnitten oder es wie ein jäher Blitz erleuchtet haben. Durch seine gespenstische Auffassung der Liebe hat er mich aber damals sicher noch tiefer in ein Bündnis hineingetrieben, das mir Leben und wirkliche Liebe an Stelle einer schattenhaften, wirklichkeitsfremden Beziehung verhiess”, schrieb sie in ihrem Lebensrückblick (Susman 1964).

Das “Bündnis”, das sie hiermit andeutete, war das Ehebündnis mit dem Maler und Kunsthistoriker Eduard von Bendemann. Eigentlich kam die Liebe zu Eduard von Bendemann über sie “wie ein Schicksal”, hielt sie im nachhinein fest, war doch die seelische Verwandtschaft, die sie mit ihm verband, eher geringer als diejenige, die sie in anderen Freundschaftsbeziehungen erlebt hatte. Doch als sie Bendemann 1906 während eines Paris-Aufenthalts mitten auf den Champs-Elysées wiederbegegnete, da erschien ihr die Liebe zu ihm wie eine unentrinnbare Notwendigkeit. Noch in Paris verlobten sie sich. Nicht Eduard von Bendemann, sondern dessen Eltern drängten sie, sich taufen zu lassen. Sie willigte zuerst ein, da sie sich durch Literatur und Dichtung dem Christentum nahe fühlte, nahm auch Unterricht, doch am Vorabend der Taufe “ergriff sie”, wie sie schrieb, “die Gewissheit der vollkommenen Unmöglichkeit” dieses Schritts (Susman 1964). Sie sandte dem Pfarrer ein Telegramm – und damit war dieses Kapitel abgeschlossen, wie sie lakonisch bemerkte.

Ein Jahr nach der Eheschliessung gebar Margarete Susman in Berlin einen Sohn, wenig später starb, völlig umnachtet, ihre Mutter. Das Kind, “anfangs ein hässliches Geschöpf”, wie sie im Lebensrückblick (Susman 1964) schrieb, wuchs zu einem begabten, frühreifen Jungen heran. Über ihre Ehe schwieg sich Margarete Susman aus, bis auf eine knappe Bemerkung: “Es war eine gute Ehe, in der trotz der Verschiedenheit der Naturen nie ein böses Wort gefallen ist. Doch weiss ich heute, dass ich mit dieser Ehe den Fehler begangen habe, den Goethe in den Wahlverwandtschaften rügt: dass ich auf einer späteren Stufe eine Verbindung eingegangen bin, die auf einer früheren angelegt und nicht gelebt worden war. Auch hier das Problem der Rechtzeitigkeit, das in meinem Leben eine so grosse Rolle gespielt hat” (Susman 1964).

 

Die Veränderung der Frauenrolle

Was feststeht ist, dass sich mit der Eheschliessung und der Geburt des Kindes eine Vervielfachung der Aufgaben ergab. Sie hatte – neben der Sorge für Kind, Mann und Haushalt – verschiedene Umzüge zu organisieren, 1912 von Berlin nach Rüschlikon, 1915, während des Kriegs, nach Frankfurt, 1917 wieder zurück nach Rüschlikon, 1919 nach Säckingen am Rhein – , all dies zusätzlich zur schriftstellerischen und publizistischen Tätigkeit, für das Feuilleton der Frankfurter Rundschau, später für die von Martin Buber herausgegebene Zeitschrift “Der Jude”, aber auch für die Neue Zürcher Zeitung, für die Basler Nachrichten, Die literarische Welt, Der Morgen, Die neue Rundschau, Liberales Judentum und für andere Blätter. 1910 erschien ihr Buch “Das Wesen der modernen Lyrik”, 1912 das Gertrud Simmel zugeeignete kleine Werk “Vom Sinn der Liebe”, in dem sie noch ein völlig traditionelles Geschlechterbild entwarf, das “den Dienst der Frau vor dem Mann” als deren höchste Bestimmung bezeichnete. “Dies ist der Dienst der Frau vor dem Mann. Sie stellt ihr Leben in den Dienst der grossen Gedanken und Enthüllungen des männlichen Geistes. Sie baut an ihnen und bewahrheitet und erfüllt sie durch ihr Leben, das zu demselben Ziel drängt wie des Mannes gestaltende Kraft und seiner schauenden Klärung auf dem dunklen gefährlichen Wege bedarf”. (…) “Die Hingebung Gretchens, die tausendfach missverstandene, ist das tiefe weibliche, das hinanziehende Vertrauen auf den Genius, der – wie er auch handeln, was er auch fehlen möge – mehr und Tieferes vom Leben weiss und erkennt als wir, der dem weiblichen Geist das Mysterium des Lebens aufschliesst, durch das er zu sich selbst gelangen soll” (Susmann 1912).

Nun, “wie er auch handeln, was er auch fehlen möge” – war leicht gesagt, solange Margarete Susman nicht selbst darunter litt. Als Eduard von Bendemann in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Bendemanns in Säckingen auf dem Land lebten, in der Zeit wachsender Inflation, die sie als Zerrüttung aller Lebensverhältnisse erfuhr, als er da eine Liebesgeschichte mit einer anderen Frau begann, als plötzliche Entfremdung, Lüge und schliesslich 1928 die Scheidung Tatsache wurden, konnte sie sich im monatelangen Leidens- und Trauerprozess, während dessen sie schwer krank wurde, dem damit verbundenen Erkenntnisprozess nicht entziehen, dass sie einerseits während ihrer ganzen Ehe einen täglich erneuerten Traum aufrechtzuerhalten gesucht hatte, dass andererseits das traditionelle Geschlechterverhältnis letztlich ein ungerechtes Herrschaftsverhältnis zu Lasten der Frauen sei. Allerdings hatte sich diese Erkenntnis schon vorher angebahnt. Im 1926 entstandenen Essay “Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt” schrieb sie: “Das Heraustreten der Frau aus dem Bild des Mannes ist in seiner Verwirklichung kein einfaches, gradliniges Geschehen, keine blosse Entfaltung und nicht einmal eine blosse Revolution, sondern ein unendlich schwerer, verwickelter und tausendfach unterbundener Prozess. Die Revolution der Frau hat nicht einfach den gesetzhaften Verlauf und Rhythmus anderer Revolutionen (…): Hier bindet eine andere Macht der Freiheit gebieterisch die Hände, hier werden Ketten Kränze und Kränze Ketten”. Gegen Schluss des Aufsatzes schreibt sie: “Wie unendlich weit auch diese Generation noch von einer wirklichen Lösung des Problems entfernt ist – es ist wenigstens als Problem deutlich sichtbar geworden. (…) Nie wird und darf das männliche Werk der Frau letzter Zweck, endgültiges Ziel sein”. Aber, hält sie fest, “jeder Schritt vorwärts zur Lösung des Frauenproblems wird auch ein Schritt zur Lösung des Problems des Mannes und des wahren Zusammenlebens von Mann und Frau und damit zuletzt der Weg zu einer neuen Menschheit sein” (Nordmann, S.134).

 

Wachsende Schatten und Exil

Nach der Scheidung zog sie für eine Weile nach Basel, dann nach Frankfurt, wo sie bis Ende 1933 lebte, allein, wenngleich umgeben von Menschen, die ihr nahe standen und angezogen durch eine Vielzahl von literarischen und philosophischen Aufgaben. Sie vertiefte sich in die Schriften Franz Kafkas, dessen Werk sie durch Groethuysen kennengelernt hatte. 1929 veröffentlichte sie eine Studie über den fünf Jahre vorher verstorbenen Dichter. Es ist bekannt, dass Walter Benjamin diesen Aufsatz zu lesen bekam, was seine eigene Auseinandersetzung mit Kafka beeinflusste, und dass andererseits Margarete Susman, die sich gleichzeitig in Goethes Werk vertiefte, von Benjamins Aufsatz über Goethes Wahlverwandtschaften sehr beeindruckt war. Ebenfalls in jener Zeit liess sie sich in die Auseinandersetzung mit dem Chassidismus ein, vollendete sodann ihr Buch über die “Frauen der Romantik” und begann, Freud zu studieren. Aber es war ihr nicht mehr möglich “abzuheben”, wie sie dies früher zu tun pflegte. Die äussere Realität wurde zunehmend härter. “Die Schattenwelt um mich her liess sich von meiner Arbeit nicht bannen”, schrieb sie im Lebensrückblick. “Was das Leben ist und was der Tod, hatte ich wohl schon immer gefragt, ich war ja dicht am Rande gewesen; aber die Menschen, so wie sie nach dem Ersten Weltkrieg geworden waren und einander bedrängten und zerstörten, waren mir im letzten fremd geblieben. Auch alle einzelnen Verhältnisse zeigten in jener Zeit ein neues Gesicht. Die Arbeitslosigkeit unzähliger Menschen griff mit ihren schwarzen Händen in das schwache, ermüdete Deutschland ein. Was diese Arbeitslosigkeit bedeutete, verstand ich zuerst noch nicht ganz; aber als dann so viele Ehen, Arbeitsgemeinschaften, Betriebe auseinanderbrachen, alle Einigkeit unter den Menschen mehr und mehr zerfiel, da begann ich sie allmählich als das furchtbare Schicksal zu begreifen, das sie für dieses ausgesogene Land bedeutete” (Susman 1964).

In all diesen Jahren pflegte Margarete Susman eine reiche Korrespondenz, sowohl mit Gertrud Kantorowicz wie mit Gustav Landauer, Ernst Bloch, Franz Rosenzweig, Eugen Rosenstock und vielen bedeutenden Menschen mehr, die dazu beitrugen, dass sich ihr Denken vorweg erweiterteund vertiefte. Doch das “furchtbare Schicksal” bahnte sich an, ein “namenloses Grauen breitete sich aus”, wie Margarete Susman in der Erinnerung festhielt. Es gab zwar noch etwas wie eine Atempause, wie einen Aufschub: In Frankfurt war sie dem schwer kranken Franz Rosenzweig nochmals begegnet. 1929 starb er. Als sie über ihn schrieb, gebrauchte sie für ihn die Worte, mit denen er selber einen Heiligen zu definieren versucht hatte: “Ein Mensch des äusseren Kreises, der nicht aus Wahl, sondern aus Schicksal berufen wird; ein Mensch, dem jeder glauben muss, weil keiner mehr etwas mit ihm gemein hat”. Bei der Bestattung von Franz Rosenzweig traf sie auch das erste Mal mit Leo Baeck zusammen, dessen Buch “Das Wesen des Judentums” sie kurz vorher besprochen hatte und den sie wegen seiner Menschlichkeit verehrte. Sie lernte Bertha von Pappenheim kennenlernen, die grosse Pazifistin und Erzieherin der Frauen jener Zeit, der sie Unterricht über die Philosophie der Vorsokratiker geben durfte. Und sie freundete sich mit einer anderen bedeutenden Frau an, die sie eine moderne Märtyrerin nannte, Hannah Karminski, die Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes, die, statt sich in die Schweiz zu retten, wo ihre Schwester lebte, ihre Freundinnen in den Tod begleitete.

Margarete Susman selbst emigrierte im Sommer 1933 aus Deutschland, “als Deutsche”, wie sie sagte. Sie reiste zuerst in die Schweiz, dann nach England, von dort nach Holland, schliesslich in der Silvesternacht 1933/34 in die Schweiz, als einzige Passagierin des Nachtzugs, der sie nach Zürich ins Exil brachte, wie in eine kindheitsgeprägte Welt möglicher Geborgenheit – “irdischer Heimat verirrter Schein”, wie sie in einer Verszeile in einem Traumgedicht von 1922 vorweg festgehalten hatte. Es war eine Geborgenheit voller Sprünge und voller Fremdheit. “Ich ging durch die Strassen wie im Traum, und es war wirklich ein Gefühl von Freude, das trotz allen Schreckens in mir auflebte, und nur eines entsetzte mich immer wieder: Wenn in dem Land des mir von Kind auf vertrauten Schweizer Dialekts plötzlich Klänge der anderen Sprache auftauchten, die meine eigentliche Heimatsprache war. Man kann sich dies Entsetzen kaum denken: die Sprache, die ich selber sprach, war mir zu einem Schrecknis geworden” (Susman 1964).

 

Die “Neuen Wege” und die Frage nach Gott

Als Margare Susman nach Zürich kam, war sie 61 Jahre alt. Hier traf sie auf den Kreis der Religiös-Sozialen um Leonhard Ragaz und die “Neuen Wegen” (NW), in denen sie zwischen 1935 und 1964 etwa sechzig Aufsätze und Gedichte publizierte (zum Teil unter dem Pseudonym Otto Reiner, da sie während des Kriegs als Flüchtling ein Publikationsverbot hatte). In ergreifender Sprache verband sie analytische Schärfe und prophetische Klage. “Es ist, als zerbräche überall und in allem der reine göttliche Schöpfungsplan, weil der Mensch ihn zu sehr angetastet, zu gewaltsam umgestaltet, zu tief beschädigt und zerstört hat, als erblickten wir nun, wenn wir in die Welt hinaussehen, nur mehr die traurigen Bruchstücke dessen, was einst göttliche Schöpfung war, und als fänden wir den Menschen nicht mehr, als den, der sie schaut, (…) sondern als Ding unter den Dingen” (NW 1935). Sie erkannte, dass die mit dem Siegeszug der Industrialisierung erfolgte maschinenähnliche Verdinglichung der Menschen sowie die infolge des Ersten Weltkriegs gesteigerten steten Todesnähe mit der daraus entstehenden Verrohung und Verwilderung der menschlichen – auch der sexuellen – Beziehungen einen zutiefst bedrohlichen Werteverlust nach sich zog – den Verlust des menschlichen Antlitzes, die “Zerlügung alles Wirklichen”. Dieser Verlust führte einerseits zur Wertesubstituierung durch die “falschen, verlogenen, scheinmythischen Begriffe von Blut, Boden und Rasse”, andererseits erzeugte er eine Ideologie der Angst, “der Lebensangst, der Todesangst, der Angst schlechthin. Und immer bedeutet diese Angst Angst vor dem Nichts. Die Angst ist gar nichts anderes als das Erlebnis des Nichts. Und Nichts und Chaos sind dasselbe” (NW 1935). Margarete Susman sah voraus, dass der systematische Nihilismus – die Entwertung der Menschen, der menschlichen Beziehungen, die Entwertung der Sprache wie der Arbeit, letztlich die Entwertung des Lebenssinns – zur Katastrophe führen musste.

1939 erschien in den “Neuen Wegen” ihr Aufsatz “Die geistigen Tragkräfte des modernen Kollektivismus” (NW 1939) in welchem sie die 1935 im oben zitierten Essay gemachten Untersuchungen vertiefte. Sie folgerte daraus, dass die Entwicklung im italienischen Faschismus bei weitem weniger zu fürchten sei als diejenige in Deutschland, da Mussolinis “Gedankensystem”, wie sie schrieb, “in der Luft hängt. Er schiebt die Begriffe einfach wie Figuren auf einem Schachbrett hin und her. Er ist kein Philosoph; sein Gedankensystem ist nicht durchdacht”. In Deutschland dagegen seien “die faschistischen Grundbegriffe durch und durch zu Ende gedacht”. Sie erkannte in Martin Heideggers und Ernst Jüngers Werk eine massgebliche Vorbereitung, die wiederum durch die Lebensphilosophie und durch die in diese einfliessenden “drei grossen Analysen” (die der Gesellschaft von Karl Marx, die der menschlichen Seele von Sigmund Freud und die phänomenologische Analyse Edmund Husserls) zur kaum mehr beantwortbaren Frage “Was ist der Mensch?” geführt haben. Dadurch sei die Frage nach Gott wieder ertönt, die seit Nietzsches “Gott ist tot” den “Tiefen der unseligen Menschheit” geruht habe. Margarete Susman wies dann auf die neue Theologie, insbesondere auf den religiösen Sozialismus hin, der beide Fragen aufgenommen habe. Doch gerade das von der Theologie in den Mittelpunkt gerückte Sündenbewusstsein der Menscheit, “das Entsetzen vor der Sünde ist gelähmt. Denn was ist im Einzelnen noch Sünde, wenn alles Leben Sünde ist? Was ist Krieg, was ist Mord, wenn jeder Mensch – wie es der deutsche Theologe Gogarten in zahllosen Wiederholungen ausgesprochn hat, schlechthin der Mörder ist, wenn er es so sehr ist, dass zwischen dem virtuellen Mörder, der jeder Mensch ist, und dem wirklichen Mörder im Angesicht seiner Tat kein Unterschied besteht?” So führten, gemäss Margarete Susman, in Deutschland alle geistigen Kräfte zusammen, dass letztlich unter dem Namen “heroischer Realismus” ein alles beherrschender, auf die Zerstörung alles Menschlichen, alles Lebendigen, alles Göttlichen hin tendierender Nihilismus die Oberhand gewann, mit allen Erscheinungen, die daraus folgten: Staatsvergottung, Todesverfallenheit, ausweglose Angst, die Ersetzung des Menschen und der Beziehungen zwischen Menschen durch die Herrschaft der Sache. Gegen Ende ihrer erschütternden Untersuchung fragte sich Margarete Susman, was trotz aller Furchtbarkeit hieraus zu lernen sei, was zu tun sei. Ihre Antwort war: “Nur auf den Spuren des Menschenbruders können wir die eigene lebendige Seele wiederfinden (…). Wo immer du die Fussspur eines Menschen findest, zieht Gott vor dir her”.

 

Die Leiden Israels

In Zürich schuf Margarete Susman auch ihr bedeutendstes Werk, das aus der drängenden, unentrinnbaren Auseinandersetzung mit dem Schicksal ihres Volkes entstand: Das “Buch Hiob”, das im Jahr nach dem Kriegsende, 1946, erschien. Schon 1936 publizierte sie in den “Neuen Wegen” einen Aufsatz mit dem Titel “Hiob und unsere Zeit” (NW 1936), in welchem sie erstmals der Frage des unverschuldeten Leiden und der Gottesferne im Leiden nachging. Eigentlich arbeitete Margarete Susman seit dem Jahr 1929, seit der Auseinandersetzung mit Franz Kafka, am Hiob-Buch. Die Auseinandersetzung mit den verschlüsselten, geheimnisvollen Wahrheiten in Kafkas Werk war gleichzeitig der Beginn ihrer Auseinandersetzung mit dem verschlüsselten, geheimnisvollen Schicksal des jüdischen Volkes. In dieser Auseinandersetzung greift sie zurück auf die Geschichte, auf die Texte des Propheten, insbesondere auf Jesaia und, mit der gleichen Hartnäckigkeit, auf das Buch Hiob. In dieser Auseinandersetzung findet sie auch den besonderen prophetischen Ton, der diese Texte auszeichnet. “Der Hader mit Gott, der Prozess des Menschen mit Gott um seiner Gerechtigkeit willen hat im Judentum früh begonnen und niemals aufgehört. Er ist die Kehrseite des Lebens unter dem Gesetz, das die unbedingte Gerechtigkeit Gottes voraussetzt. Je reiner die göttliche Forderung an den Menschen erfasst und gelebt wird, umso unbedingter muss der Mensch auf seiner Forderung der unbedingten Gerechtigkeit Gottes bestehen. (…) Das Urentsetzen des Buches Hiob ist das jähe Erkennen, dass die Stimme Gottes auf die Stimme des einzelnen Menschen überhaupt nicht antwortet, dass weder die Stimme des Menschen Gott, noch die Stimme Gottes den Menschen zu erreichen vermag, dass das Schicksal des einzelnen, mein Schicksal, mein Leben – und ich habe ja kein anderes als dieses – rechtlos, hilflos vor Gott im Lebensganzen ertrinkt”, schreibt Margarete Susman schon im Kafka-Aufsatz (Susman 1954; Nordmann, S. 185).

Wie Hiob weiss das jüdische Volk, dass es für eine Schuld gezüchtigt und erniedrigt wird, um die es nicht weiss. “Göttliche und menschliche Gerechtigkeit können nicht zusammenkommen… Es ist die furchtbare Einsicht in die Vergeblichkeit persönlicher Unschuld, die das ganze Buch Hiob durchzieht. Bis zu der persönlichen Schuldlosigkeit dringt Gott gar nicht vor. Dazu sind wir”, nach Margarete Susman, “zu tief in die allgemeine Schuld hineingestellt (…)” (Susman 1946). Doch woran erkennt sie diese Schuld, worin besteht sie? Margarete Susman schreibt: “Die eigentümliche Schuld, mit der das Gesetz von Anbeginn das Volk belastet, ist, mag auch die menschliche Anklage dies ahnungslos verwischen, der schuldlosen Schuld Hiobs verwandt. Israel hat am Sinai die Thora angenommen, und es hat sie nicht nur für sich, es hat sie für die Menschheit angenommen” (Susman 1946). Durch diese stellvertretende Gesetzesannahme habe das Volk sich einer Bestimmung übergeben, die es nicht verwirklichen könne, die erst am Ende der Geschichte erfüllt werden könne, doch setze hier, an dieser schicksalshaften Auszeichnung, durch die das Volk sich einem unvergleichbaren Vollkommenheitsanspruch ausgesetzt habe, auch alle Feindschaft gegen Israel an. Hier, sagt Margarete Susman, sei die Wurzel des Judenhasses aller Zeiten. Weil Israel in seiner Gegenwart, in seiner Gegenwärtigkeit ständig auf die Menschheit hinweise, die noch nicht ist, indem Israel die Menschheit in der Erlösungserwartung, in der “reinen Zukunft” vertrete, sei Israel ein Gegenbild zu den übrigen Völkern. Denn in der Überfülle und Unerklärbarkeit des Leidens könne Israel ja trotzdem nicht anders als an der Hoffnung festhalten – an der messianischen Hoffnung. An dieser Hoffnung werde das Volk, werde jede einzelne Seele dereinst gerichtet werden, gemäss dem Wort des Talmud, das Margarete Susman zitiert: “Hast du gehofft auf das Heil?” (Susman 1946)

Margarete Susman erklärt somit den seit Jahrhunderten schwärenden Judenhass als “metaphysischen” Hass. Allerdings kommt sie zum Schluss, dass sowohl dieses geschichtliche Phänomen wie auch der moderne Antisemititsmus “zugleich immer ein soziales und politisches Ablenkungsmanöver” sei (Susman 1946). “Am Stand der Wirtschaftsnot eines Volkes” habe man seit jeher den Stand der Judenverfolgungen ablesen können, hält sie fest. Im Vorwort zur zweiten Auflage, die 1948 unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel erschien, fragt sie sich, ob nun das jüdische Volk, wo es ein Staatsvolk mit festem Territorium geworden sei, ein Volk wie andere Völker, ob diese Veränderung zum Guten des Volkes sei. Sie sagt: “Gewiss, der in den Wehen und Wirren des heute geborene kleine Staat ist nicht ein Staat wie andere Staaten. (…) Es geht ihm in ihm allein um die Wahrung und Stärkung eines lebendigen Zentrums, von dem aus das Volk nach der grauenvollsten Zerstörung seiner Geschichte sich wieder neu aufbauen kann. Es geht ihm darum, den wenigen Überlebenden der Katastrophe, die verlassen über die Erde irren, eine Zuflucht, eine Heimat, ein Stück festen Bodens unter den Füssen zu geben. (…) “Aber”, fährt sie etwas weiter fort, “mit dieser kriegerischen Verteidigung wie mit dem Staat, der sie erfordert, hat doch das Volk ein Stück des ihm fremden Chaos in sich selbst hineingezogen und damit, schwerer noch als seinen äusseren, seinen inneren Bestand gefährdet. Es hat mit dieser Lebensform teil an den blutigen Verirrungen und Verzerrungen der ihm selbst zutiefst widerstrebenden Völkerwelt; es hat teil am Fluch des Nationalismus, teil an der wachsenden Erstarrung des Lebens, an dem apokalyptischen Erkalten des Herzens, in dem das Leben der Menschheit erkaltet”. Und sie fragt: “Kann in einer solchen Wirklichkeit das messianische Erbe noch verwaltet werden? Ist in ihr – es ist dieselbe Frage – die Verwirklichung des einfach Menschlichen noch möglich?”

Die Gleichsetzung von “messianischem Erbe” und dem “einfach Menschlichen” hat für Margarte Susman die Bedeutung eines Axioms. Von diesem Axiom aus formuliert sie auch die Aufgabe, wie sie sich fortan Israel stelle, “dringlicher als je”, wie sie hervorhebt: “Die Vertretung einer übernationalen Friedensordnung, auf die das Ganze der Weltentwicklung als auf die allein rettende Entscheidung hinzielt, das Ausharren in der Hoffnung” (Susman 1948).

 

“Der Tod – im Ganzen notwendig und sinnvoll”

Margarete Susman war, als das “Buch Hiob” erschien, vierundsiebzig Jahre alt, eine nicht mehr junge Frau, die jedoch ihr Leben lebte, wie sie es immer gelebt hatte, auch wenn das Augenlicht zunehmend schwächer wurde, offen den Menschen gegenüber, die ihr neu begegneten, die sie aufsuchten und liebten – darunter Hermann Levin Goldschmidt, Jacob Taubes, Paul Celan, Michael Landmann, Elazar Benjoëtz, ihr Arzt Manes Kartagener, Paul Tillich, der Komponist Robert Oboussier, Manfred Schlösser, Henriette (Rietli) Hardmeier aus Thalwil, die sie als ihre “Arbeitshilfe ganz besonderer Art” bezeichnete, Bertha Huber-Bindschedler aus Glarus und viele mehr. Margarete Susman blieb auch offen Anfragen und neuen Aufgaben gegenüber. Unter anderem war sie mehrmals gebeten worden, Vorträge in Deutschland zu halten, was sie regelmässig abgelehnt hatte, bis sie eines Tages einverstanden war, in Heidelberg vor Studenten über das Thema der messianischen Hoffnung zu sprechen. Als sie im Begriff war abzureisen, verfehlte sie die oberste Stufe der Treppe und fiel kopfüber die steinerne Treppe hinunter. Mehrere Wochen brauchte sie, um einigermassen wiederhergestellt zu sein.

Dieser Sturz war nicht der erste gewesen. Immer wieder, schon als junge Frau, war sie gestürzt und war in der Folge wochen-, wenn nicht monatelang bettlägerig und pflegebedürftig gewesen. Am Schluss ihres Lebensrückblicks fragte sich Margarte Susman, was das wohl bedeuten möge, dass sie so oft gefallen sei. Und warum das Fallen, auch wenn es grosse Schmerzen nach sich ziehe, immer ein wenig lächerlich sei. Sie kam zum Schluss, dass sich in diesem Stürzen wohl ihr Verhältnis zur Erde Ausdruck schaffe. So oft sei sie mit dem Denken anderswo gewesen als auf der Erde, als am wirklichen, tatsächlichen Erdenort, wo sie gar nie wirklich beheimatet gewesen sei – “Irdischer Heimat verirrter Schein”. Mit jedem Sturz aber habe ihr die Erde zu verstehen gegeben, dass sie trotzdem hierher gehöre. Und Margarete Susman schloss ihre Überlegung mit der Feststellung, dass der Mensch ja überhaupt ein Fremdling auf Erden sei, und dass ihr Fallen gerade dafür als Symbol gelten könne.

Wie Margarete Susman ihre letzten Jahre verbrachte, hielt sie selbst fest: “Der Lebensabend – er gleicht dem Abend, der sich auf eine Landschaft niedersenkt, nur dass er voller letzter Fragen ist, wie sie der Abend in der Natur nicht kennt. Es ist jene eigentümliche Zeit, in der schon die Dinge für unser Auge aus ihren wirren Verflechtungen sich lösen und das Leben durchsichtig wird für sein Gesetz: das Gesetz des Lebens und Sterbens”. (…) “Die Lider schliessen, verstummen und lauschen – das scheint mir das Grunderlebnis des Alters. Das Lauschen in das dunkelnde Leben. Wie viele Stimmen werden da laut, die man am Tag nicht vernommen hat. Durch diese Stimmen glaubte ich lange, nicht in Ruhe sterben zu können, weil so vieles in mir Angelegte in meinem Leben sich nicht verwirklicht hat. Nun bin ich, was mich selber angeht, langsam geduldig und ruhig geworden. Die Gabe des Alters ist ja die Ruhe – und was alles ist in diesem Wort enthalten. Ja, in dieser Ruhe liegt gewiss auch noch eine Hoffnung, aber nicht mehr für das eigene Leben, sondern eine, die sehr viel weiter reicht: die Hoffnung auf ein der blossen Natur enthobenes Recht des Friedens (…)” (Susman 1964).  Und die damals 92jährige schloss ihre Aufzeichnungen mit den folgenden Sätzen: “Wie dunkel und unbegreiflich ist die Zeit, wie schnell und wie langsam ist mein Leben vergangen. Und wenn ich an das Bibelwort denke: ‘Des Menschen Leben währet siebzig Jahr, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahr’, dann kommt es mir zuweilen vor, als wäre ich gar nicht mehr im Leben. Wenn ich aber den Zusatz lese: ‘Und wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen’, dann scheint mir doch, als ob ein solches Leben letztlich mein Teil gewesen wäre, wie sehr auch der Tod zu ihm gehört. Denn da der Tod nur für den Einzelnen tragisch, im Ganzen aber notwendig und sinnvoll ist, ist für uns, im Leben und im Sterben, nur die einzige Möglichkeit, ihn still in das Ganze aufzunehmen” (Susman 1964).

Exil als Chance? Margarete Susman hatte das Exil zu nutzen vermocht, vielleicht ihr Leben lang. Galuth (das hebräische Wort für Diaspora) und Exil bedeutet dasselbe. “Galuth ist die Sühne für alles”, hatte sie in ihrem Hiob-Buch geschrieben (Susman 1946). Was für sie “alles” bedeutet, hat Margarete Susman zu beantworten versucht, indem sie sich den zentralen Fragen unentwegt stellte: der Frage nach der Wahrheit des Menschlichen, nach der Wahrheit des Messianischen, nach der Wahrheit des Judentums, der Frage nach den Werten, nach denen das Leben auszurichten lohnt, der Frage nach der Sprache, die als Vermittlung zwischen den Menschen dem, was war, dem, was ist und dem, was sein soll und sein wird, Ausdruck verleiht. Sie starb in Zürich am 16. Januar 1966.

 

Literaturverzeichnis:

Schriften von Margarete Susman:

– Das Wesen der modernen deutschen Lyrik. Verlag von Strecker und Schröder. Stuttgart 1910

– Vom Sinn der Liebe. Eugen Diederichs Verlag. Jena 1912

– Lieder von Tod und Erlösung. Drei Masken Verlag, München 1922

– Frauen der Romantik. Eugen Diederichs Verlag. Jena 1929

– Das Buch Hiob und das Schicksal des Jüdischen Volkes. 2. Auflage. Steinberg Verlag. Zürich 1948

– Aus sich wandelnder Zeit. Gedichte. Diana Verlag. Zürich 1953

– Gestalten und Kreise. Diana Verlag. Zürich 1954

– Deutung biblischer Gestalten. Diana Verlag. Zürich 1955

– Ich habe viele Leben gelebt. Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgarft, 1964 (der sog. Lebensrückblick)

– Vom Geheimnis der Freiheit. Hrsg. Manfred Schlösser. Verlag Agora. Darmstadt / Zürich 1965

– Das Nah- und Fernsein des Fremden. Hrsg. Ingeborg Nordmann. Jüdischer Verlag. Frankfurt 1992

– Neue Wege, 29. Jg. Zürich 1935 bis 56. Jg. 1962

 

Sekundärliteratur:

– Dick, Jutta / Sassenberg, Marina (Hrg). Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Verlag Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1993. Margarete Susman, S. 370 ff

– Hahn, Barbara. Margarete Susman. Dialogisches Schreiben. In: Barbara Hahn (Hrg). Frauen in den Kulturwissenschaften. Von Lou Andreas-Salomé bis Hannah Arendt. Verlag C. H. Beck, München 1994

– Goetschel, Willi. Margarete Susman, in: Tracy Chevalier (Hrg.) Encyclopedia of Essay, Fitzroy Dearborn Edition, London 1997

– Willi Goetschel. Zu Margarete Susmans “Das Buch Hiob und das Schicksal des Jüdischen Volkes. In: Bulletin des Freien Jüdischen Seminars, Nr. 2, Zürich, September / Oktober 1981

– Hermann Levin Goldschmidt. Das Vermächtnis des deutschen Judentums. Werke Bd.2. Passagen Verlag, Wien 1994

-Maja Wicki. Exil als Chance. Margarete Susman (1872-1966). NW 7/8, Zürich 1996

 

Herzlichen Dank an Herrn C. Sturzenegger, Archivar des Leonhard Ragaz-Archivs, Zürich, der mir alle Exemplare der “Neuen Wege” mit Beiträgen von Margarete Susman zur Verfügung gestellt hat.

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