“Sexualität und das Heilige”

 

Loader Wird geladen...
EAD-Logo Es dauert zu lange?

Neu laden Dokument neu laden
| Öffnen In neuem Tab öffnen

Download [162.00 B]

“Sexualität und das Heilige”

Podiumsdiskussion am 19. April 1996 in der Aula der Universität Zürich

 

(1) Wichtigstes Ereignis, Buch oder Ereignis zum Thema während des letzten Jahres?

Die Vorbereitung meines Kurses an der EHG in der ersten Semesterhälfte machte mir klar, dass die philosophische Auseinandersetzung mit Sexualität und Religion (resp. mit dem Heiligen) in erster Linie eine Klärung der Diskurse über Sexualität und über das Heilige bedeuten muss. Grosse Verwirrung herrscht allein schon in Hinblick auf die Begriffe: Geschlechtlichkeit einerseits (definiert durch Chromosomenmerkmale, Keimdrüsenmerkmale, durch hormonale, zerebrale und morphologische Merkmale), Sexualität (worunter vor allem genitale Sexualität verstanden wird), Erotik (bei der es vor allem um Vorstellungsinhalte geht), Männlichkeit resp. Weiblichkeit als gesellschaftliche, schichtspezifisch definierte und normierte Rollenbilder etc.  Insofern war für mich die von Michel Foucault geleistete Arbeit überaus nützlich – etwa die drei Bände über “Sexualität und Wahrheit”, aber auch seine “Subversion des Wissens”.

Gerade die duale sprachliche Thematisierung – d.h. der sprachlich geschaffene Gegensatz von “Sexualität” und “Heiligem” – führte zur manichäischen Gegensatzerklärung, damit zur Dämonisierung der Sexualität, zu den angstbesetzten und  schuldzuweisenden Diskursen der Vergangenheit, wobei es ausschliesslich um die genitale Sexualität und um genau definiertes männliches und weibliches Rollenverhalten ging, wobei gerade die genitale Sexualität wie durch einen sakralen Zauberspruch – das Sakrament der Ehe und die damit verbundene Prokreationspflicht – entdämonisiert werden konnte. Es ist erstaunlich, dass es bis in die jüngste Zeit nicht möglich war, über Geschlechtlichkeit, zum Beispiel, wie über Vernunft zu sprechen: als Bedingung der Möglichkeit sinnvoller Menschlichkeit, als Bedingung der Möglichkeit, Beziehungen einzugehen, schöpferisch zu sein und sich, je nach Lebensphase, mehr oder weniger als Frau oder als Mann zu fühlen und soziale Rollen zu erfüllen, im Eingeständnis der Fülle möglicher immanenter Differenzen.

 

(2) Christentum und Sexualität?

Ich weiss nicht, wann der Mythos von der jungfräulichen Konzeption Jesu entstand (ist vom Mythos her sowohl in der griechischen wie in der ägyptischen Kultur bekannt). Die Tatsache jedoch, dass dieser zum Dogma erklärt wurde, ist mitverantwortlich für die – religionsgeschichtliche – Verbindung von Sexualität mit Sünde und Laster (Beispiel hiefür liefern die jahrhundertelang immer wieder reproduzierten Beichtspiegel, Predigten, wobei die “Sünde” vor allem bei Frauen namhaft gemacht wurde, etwa in der Rede von den “gefallenen Mädchen”, von der Verführerin etc.), sodann für die Verdrängung und Tabuisierung der Sexualität bei Kindern, bei nicht verheirateten Frauen, Nonnen, Priestern etc.,  so dann für die Instrumentalisierung der Sexualität  im Zusammenhang mit der sog. “christlichen Ehemoral”, einer patriarchalen Instrumentalisierung, die vor allem zur Unterwerfung und Kontrolle der Frauen diente (vgl. etwa die Rede von der “guten”, von der “tugendhaften” Frau, bei der es um “Gehorsam”, Dulden, Schweigen und Kindergebären ging). Daran änderte auch der Protestantismus nichts. Auch diesbezüglich ist vor allem die Diskursgeschichte interessant. – Was Sexualität und “Himmel” miteinander zu tun haben, weiss ich nicht, da  Sexualität resp. Geschlechtlichkeit zur Menschlichkeit und damit zum “pro-fanum” gehören.

 

(3) Gemeinsamkeit resp. Unterschiede von Sexualität und Religion?

Was unter Sexualität von der Philosophie her zu sagen ist, s. oben. Doch was sind Religionen? Vom Standpunkt der Philosophie her können sie vieles sein:

– sinnstiftende Erklärungsversuche für das Absurde, für Entstehen und Vergehen, für Leben und Tod (ohne “condition humaine” keine Religionen);

– oder  betrügerische, aufs Jenseits projizierte Erlösungsangebote für die im Diesseits glücksbetrogene, leidende Menschheit, zur Zementierung ihrer Komplexitätstoleranz und zur Verhinderung ihres Aufbegehrens (ohne Sterblichkeit einerseits, ohne soziale Ungerechtigkeit andererseits keine Religionen);

– oder eine mächtig zementierte Über-Ich-Konstruktion zum Zweck der Aufrechterhaltung von Unmündigkeit und Verhaltenskontrolle (religiös begründete Verbote, Gebote, Sittlichkeitsnormen etc.);

– oder Versuche, den Bereich des Immateriellen, des Geistigen, der Transzendenz zu organisieren, zu hierarchisieren, zu bevölkern, mit Kausalität (Schöpfung) und Finalität Himmel resp. Hölle) zu verbinden, zu verwalten (Kirchen, religiöse resp. kirchliche Funktionäre) etc.

“Religion” ist zu unterscheiden von “Religiosität” resp. Glaube / Gläubigkeit. Zu beachten ist die zweifache etymologische Verwandtschaft mit “religare” – verbinden sowie mit “religere” – noch einmal lesen, noch einmal beachten.

Religion und Sexualität haben insofern mit dem Menschen, mit den Menschen zu tun, als infolge patriarchaler Strukturen seit dem Beginn der Religionen die Kontrolle der Frauen ein zentrales  Machtbedürfnis war. Menschen, welche über wirkliche oder fiktive Macht durch den Hinweis auf das Göttliche verfügen, neigen zum Missbrauch und zum Betrug.

 

(4) Eros und Religion angesichts der Industriegesellschaft etc.?

Erstens ist die heutige Menschheit, wenigstens in unserem Kulturbereich, schon in der post-industriellen Ära angelangt; zweitens haben Eros und Religion mit der Industriegesellschaft nichts zu tun, höchstens mit der Marktgesellschaft, insofern zu den oben erwähnten Missbrauchsmöglichkeiten auch die Kommerzialisierung gehört. Ich weiss jedoch nicht, ob die heutige Vermarktung sich grundsätzlich von der früheren “Vermarktung” (Missionarisierung, Sklavenhandel etc.) unterscheidet. Darüber muss nachgedacht werden.

 

 

Write a Reply or Comment