Zeitvorhersicht zwischen Entsetzen und kreativem Vermögen – Prophetie als leidenschaftliche Gesellschaftsanalyse – “Nur um der Hoffnungslosen wegen ist uns die Hoffnung gegeben”

 

Zeitvorhersicht zwischen Entsetzen und kreativem Vermögen

Prophetie als leidenschaftliche Gesellschaftsanalyse

“Nur um der Hoffnungslosen wegen ist uns die Hoffnung gegeben”[1]

 

Seit Jahren stelle ich fest, dass weite Kreise der Menschheit  von wachsenden Zukunftsängsten beherrscht werden. In der Erwartung des Milleniumswechsels hatten sie sich verstärkt; dieser wurde zum Symbol der nicht vorhersehbaren Folgen destabilisierter Ordnungsstrukturen. Der extreme Wintersturm „Lothar“ wurde mit Schrecken als apokalyptische Warnung gedeutet. Die kollektiven Ängste hatten sich zunehmend schon seit Beginn der 90er Jahre geäussert, in Zusammenhang des Falls der Mauer zwischen Westen und Osten, der zur Virtualität und Digitalität beschleunigten technologischen Entwicklung und der gleichzeitig nicht mehr überblickbaren wirtschaftlichen Globalisierung, der von Wetterkatastrophen begleiteten ökologischen Veränderungen, schliesslich des in Europa und im Nahen Osten, in Tschetschenien, in Afghanistan und Irak, in nicht zählbar vielen, weiteren Ländern und Teilen der Welt sich in Kriege zuspitzenden ethnisch-nationalistischen und religiös-fundamentalistischen Hass- und Herrschaftswahns. So geht es weiter. Zukunftsängste begründen das Bedürfnis nach wissenschaftlichen Prognosen, nach ökonomischen, soziologischen und militärischen, physikalischen und ökologischen, biologischen und medizinischen Garantien, nach stabilisierenden philosophischen und gesellschaftspolitischen Lehren wie nach versicherungsmässigen, psychologisch-ideologischen, religiösen und utopischen Trostangeboten. In allem wirkt spürbar das Bedürfnis nach zukunftsichernder Prophetie.

Selten werden die Ursachen dieser prophetischen Bedürfnisse geklärt, während sie immer wieder durch Medien, durch Religionen, durch politische Ideologien und Parteien, durch Wirtschaft, Kursangebote etc. etc. benutzt und missbraucht werden, durch eine Fülle von Ablenkungs- und Beherrschungsangeboten, von Täuschung oder von Tröstung. Die ängstigende Zukunft wird in der geängstigten Jetzt-Zeit vielfältig genutzt[2]. Walter Benjamin, der die existentielle Not auf unserem Weltstern zutiefst erkannte, eine Not, die nur erträglich ist durch den Traum der erlösenden Zukunft, stellte fest: „Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben“[3].

Ist Hoffnung tatsächlich ein emotionaler Betrug, um die nicht vorausschaubare Zukunft erträglich zu machen? Ist Hoffnung nicht zugleich eine kreative Kraft, welche die Korrektur der menschenverachtenden Destruktivität ermöglicht? Es sind grosse Fragen.

Als Psychoanalytikerin versuche ich, die bewussten und die verdrängten Ursachen wie die geschichtlichen Hintergründe und die aktuellen Beweggründe der auf die  Zukunft ausgerichteten Lebensängste der je einzelnen Menschen, die sich zu kollektiven Ängsten kumulieren, der Abwehrmethoden und Bedürfnisse zu klären; als Philosophin bemühe ich mich, Möglichkeiten der nicht machtgesteuerten und nicht missbräuchlichen Umsetzung von Erkenntnis in Entscheidungs- und Handlungsentwürfe zu erkennen. Auf unterschiedliche Weise sind Verantwortungsgefühl und kritisch intuitives Verstehen massgeblich in der Klärung von Fragen, aus deren Beantwortung sich eventuell eine Unterscheidung zwischen Prophetie und Utopie ergibt. Es stellen sich Fragen: Welche Erwartungen gehen mit Prophetie einher? Gibt es in Hinblick auf die Zukunft missbrauchsfreie Möglichkeiten? Ist eine nicht-pessimistische Vorhersage überhaupt möglich?

„Es sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, dass ich ihnen keinen Trost zu bringen weiss, denn das verlangen sie im Grund alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen“[4].

Als Sigmund Freud 1930 seinen grossen Aufsatz über das „Unbehagen in der Kultur“ abschloss, war die Zeit mit der heutigen vergleichbar ängstigend. Hitlers destruktives Streben nach Beherrschung der Menschen in Deutschland wie anderswo in Europa und der immer stärker zur hierarchisch strukturierten Massenbewegung anwachsende Nationalsozialismus – eine Massenbewegung, welche Hitler als „dem Führer“ in wahnhafter Abhängigkeit und totaler Unterwerfungs- und Gehorsamssucht zerfallen war -, all dies war eine Bedrohung, vor welcher zu warnen Freud aussichtslos erschien. Gleichzeitig erkannte er, dass die Entwicklung der Technokratie, d.h. der „Beherrschung der Naturkräfte“, wie er schrieb, so weit vorangeschritten und nutzbar war, dass es der Menschheit möglich wurde, sich völlig zu vernichten. „Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Masse es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden“[5]. Freud war mehr als skeptisch, dass es den konstruktiven Kräften des „ewigen Eros“ gelingen könnte, sich dem Destruktionstrieb entgegenzusetzen. Mit der Frage „Wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?“ schloss er 1931 den ein Jahr zuvor beendigten Aufsatz fast ironisch ab. Freud liess verstehen, dass er die Erfolglosigkeit des Erkennens, letztlich die Unbeeinflussbarkeit des menschlichen Handelns durch irgendeine Erklärung der Ursachen oder der ängstigenden, leidvollen Folgen einsah, kurz, dass er zum Skeptiker jeglicher Ideologie des optimistischen Trostes geworden war.

Wie erklärt sich  Freuds Entmutigung, „Prophet“ zu sein? Es ging ihm nicht um eine Infragestellung seiner gesellschaftsanalytischen Arbeit, sondern um eine unmissverständliche Unterscheidung dieser Arbeit von der ältesten Bedeutung des Begriffs „Prophetie“ und „Prophet“, wie er sie in festhielt: „Das Volk Israel hatte sich für Gottes bevorzugtes Kind gehalten, und als der grosse Vater Unglück nach Unglück über dieses sein Volk hereinbrechen liess, wurde es nicht etwa irre an dieser Beziehung oder zweifelte an Gottes Macht und Gerechtigkeit, sondern erzeugte die Propheten, die ihm seine Sündhaftigkeit vorhielten, und schuf aus seinem Schuldbewusstsein die überstrengen Vorschriften seiner Priesterreligion“[6].

Freud liess deutlich verstehen, dass im religiösen Zusammenhang die Motive für die Prophetie einerseits mit der Widersprüchlichkeit zwischen dem Gottesentwurf als gütigem Vater und der nicht mehr tragbaren Anhäufung von Unglück verbunden war, andererseits mit der Hoffnung, dass die Unerträglichkeit des Schuldgefühls den Menschen bewegen könnte, die Gebote – insbesondere das Zweite Gebot, den Nächsten zu lieben – so einzuhalten, dass ein besseres Zusammenleben möglich würde. Propheten sollten somit als furchtweckende, warnende und zugleich als tröstliche Autoritätsgestalten eine machtvolle, regulierende Korrektur des destruktiven Unvermögens des menschlichen Zusammenlebens bewirken, falls durch die Vorhersage des Unglücks als einer Strafe die Befolgung der Gesetze und dadurch ein weniger schuldhaftes Handeln erreicht werden könnte, womit das Versprechen eines besseren Jenseits verbunden war. Dass weder durch die Zehn Gebote noch durch die – selten tröstenden, zumeist angsteinflössenden – Jenseitsvorhersagen der Propheten eine Verbesserung des menschlichen Lebens und Zusammenlebens erreicht werden konnte, dass auch keine erreicht werden kann, war das Leiden vieler Denkerinnen und Denker, ein Leiden voller Auflehnung und voller Verhängnis.

Franz Kafka, zum Beispiel, wurde von Walter Benjamin als Prophet gedeutet, der die Zukunft nur unter dem Aspekt der Strafe sehen konnte. „Das Kommende ist ihm nicht als Wirkung einer jüngst vergangenen Ursache, sondern als Strafe einer – unter Umständen längst vergangenen – Schuld zugeordnet. (…) So ist denn, wie Kafka sagt, unendlich viel Hoffnung vorhanden, nur nicht für uns“[7]. Oder Simone Weil, die im englischen Exil in der Ausweglosigkeit ihrer Identitätsverzweiflung, kurz vor den suizidalen Folgen der Anorexie, welche sie sich aus schuldgeprägtem, verpflichtendem Mitleid mit den Hungernden auferlegte, neben Briefen und aufwühlenden Notizen ihr Buch unter dem Titel Enracinement (Einwurzelung) schrieb, worin sie festhielt, dass „l’obligation prime le droit“, d.h. dass nur das Einhalten von Geboten, auf welche sie ausführlich eingeht, Bedingungen für ein zukunftssicheres Nachkriegseuropa schafft, dass die Befolgung der Gebote höher steht als das Streben nach Rechten, Kafka vergleichbar, der Bedeutung der Strafe unterworfen, durch welche Umkehr und Unterwerfung unter die Gesetzlichkeit bewirkt werden könnte. Angesichts des monstruösen Versagens der Vergangenheit und im Wissen um die höchst komplexen Probleme der Gegenwart erachtete sie es als „tâche urgente, essentielle“, als „dringliche, zentrale Aufgabe, jedoch als „Logik des Absurden[8], einen Zukunftsentwurf zu entwerfen, der ins Unerfüllbare verweist.

Auch Margarete Susman, die 1939 mit grosser Klarheit ihren Aufsatz über „Die geistigen Tragkräfte des modernen Kollektivismus“ veröffentlichte[9], in welchem sie auf die verheerenden faschistischen Folgen der nicht aufgearbeiteten nihilistischen und nationalistischen Begründungen des Ersten Weltkriegs einging und die 1946 – also unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs, und 1948 in einer Zweitauflage – ihr Hiob-Buch veröffentlichte[10], worin sie sich in der Einleitung auf schmerzlich-kritische, prophetische Weise zum Staat Israel äusserte, vor allem jedoch die verwirrenden Zusammenhänge der so widersprüchlichen, zugleich von Glücks- und Erkenntnishunger wie von gewaltbesetzter Übergehung aller Gebote geprägte Menschheitsgeschichte untersuchte. Es ist eine emotional bewegende, analytische Untersuchung sowohl des jüdischen Schicksals wie des menschlichen Lebens und Zusammenlebens überhaupt, seit Jahrtausenden besetzt vom dunkeln Todestrieb, ein grosser Bogen von der Tora über zahlreiche Denker bis zu Freud. „Es schien, als bedürfte es einer ungeheuern Offenbarung des Bösen, wie sie unserer Welt widerfahren ist, um beide, Gut und Böse, sichtbar zu machen. Nun aber ist durch diese Offenbarung selbst das Gegenteil geschehen: die Welt ist am Übermass des Bösen erblindet, sie hat sich an dieses Übermass gewöhnt“[11]. Ist eine Sinnhaftigkeit im nicht mehr tragbaren Ausmass von Schuld und Leiden? „Galuth ist die Sühne für alles“, schloss sie eines ihrer Kapitel ab, in welchem sie auf die Fragen nach dem Ursprung, nach dem Warum des Ungeheuerlichen einging und sich dabei sowohl auf Jochanan ben Sakkai stützte, der sie als Antwort nach der Zerstörung des Tempels aussprach, wie auf Freud, diese „atheistischen Europäer“,  der aber als Jude, wie sie schrieb, in sich selber „uralte verschüttete Quellen verdeckt hielt“[12].

Dass Freud zugleich vieles verdrängte und sich der Tatsache der widersprüchlichen Komplexität seit seinen frühesten Arbeiten bewusst war, seit er die Zusammenhänge von Kultur und menschlichem Triebleben untersuchte[13], ist unbestritten. Wie ging er vor? Die vom Judentum wie von den anderen monotheistischen Religionen den Propheten übertragene Autorität deutete er als Antwort auf das psychische Bedürfnis nach einem Ich-entlastenden Über-Ich, gemäss dessen Massstäben das vom Unbewussten gesteuerte Handeln durch die Funktion des Gewissens bewertet wird, mit belastenden Schuldgefühlen oder mit der Ermöglichung des Wohlbefindens. Freuds Skepsis gegenüber dem religiösen Zwang zur Befolgung der Geboten wie gegenüber den mit autoritären Aufgaben versehenen Propheten hängt mit der Erkenntnis zusammen, dass die antagonistische Triebhaftigkeit der Menschen – einerseits der mit dem Hunger nach Glück und nach Fortsetzung des Lebens verknüpfte Liebestrieb, andererseits der destruktive Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb – durch die damit verbundene Härte und Strenge nicht berücksichtigt wird, so dass die Unerträglichkeit der ständigen Schuldgefühle durch die Unterordnung unter andere Autoritäten, z.B. Vertreter politischer und kultureller Ideologien, und durch die zusätzliche oder stellvertretende Aufgabe der Befolgung deren Massstäbe überdeckt wird. Nicht Schuldzuweisungen, sondern allein das Gefühl der Reue, davon ist Freud überzeugt, könnte die fortschreitende Pathologie des menschlichen Zusammenlebens bremsen oder verbessern.

Für Freud ist die sich zuspitzende Selbst-Gefährdung der Menschheit eine Folge dieser Diskrepanz, die auf die ganze Entwicklungs- und Kulturgeschichte von grösstem Einfluss war. Als zu Beginn der Dreissigerjahre das Ausmass an Leiden und menschlicher Zerstörung nach der entsetzlichen Erfahrung des Ersten Weltkriegs erneut durch das Übereinstimmen von aufgerüsteten Finanzmächten und nationalistischen Zielen totaler Herrschaft, durch den destruktiven Gehorsam der Massen unter rassistische und antisemitische Ideologien sowie unter politische Herrschaft extrem angewachsen war, da wurde nicht nach einer Art kollektiver, von Reue getragener Therapie gesucht, um die zerstörerische Geschichte aufzuarbeiten, um das belastende Leiden, das mit Arbeitslosigkeit, Erniedrigung und Schuld einherging, zu heilen und um Rache zu verhindern. Im Gegenteil. Durch die hassbesetzte Feindseligkeit der konkurrierenden Herrschaftsideologien des Nationalsozialismus und des Bolschewismus wurde die Gefährdung der Menschheit noch gesteigert. Da war für Freud klar, dass keine Art von Prophetie korrigierende Einwirkungen würde ausüben können.[14].

Dass Pessismus und Mutlosigkeit miteinander verknüpft sind, ist, wie Freud dies schildert, gerade im Zusammenhang religiöser Gebote und Prophetie, welche die Sinnhaftigkeit des Leidens und den Hunger nach Erlösung in sich tragen, mehr als verständlich. Wichtig ist festzuhalten, dass dadurch die analytische Wachheit, die Verbindung von Denken und Empfinden, von ahnendem oder klarem Verstehen und Deuten – von Intuition und Vorstellungskraft – des Vergangenen, Gegenwärtigen und noch nicht Gegenwärtigen nicht von religiösem Auftrag abhängig gemacht wird. Wichtig ist auch, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Theorien ständig erfordert ist. Was heisst also „Prophetie“ (resp. Prophet/Prophetin/nabi), wenn der Begriff über die vorgegebene religiöse Bedeutung hinaus in philosophischer und in psychoanalytischer Hinsicht zu beachten ist? Gibt es „prophetische“ Methoden, die ich als verlässlich erachte?

Es mag dadurch verständlich werden, dass ich Karl Marx’s grosses Werk, dessen Kritik an den ökonomischen Verhältnissen, die ihn zu seiner Entfremdungstheorie führte und zu einem Entwurf der Gerechtigkeit führte, weniger als Prophetie, denn als Utopie verstehe, die zu Machtzwecken missbraucht wurde. Die Differenz von Prophetie und Utopie geht einher mit der Frage, ob Prophetie im Sinn des skeptischen Denkens überhaupt mit Optimismus vereinbar sein kann.

Ich möchte als Antwort auf diese Frage kurz auf Hannah Arendt eingehen. Ausschlaggebend für menschliches Leben im Werden wie im Zusammenleben ist für sie, trotz aller Tragik, die „Gebürtlichkeit“. Als Korrektur der Destruktivität prägt sie die menschliche Geschichte. „Gebürtlichkeit“ geht mit dem Begriff der Freiheit einher.

Unter den nachgelassenen Fragmenten Hannah Arendts findet sich eine Schlussbemerkung zur Vorlesung, die sie an der Universität von Berkely im Frühjahr 1955 hielt[15]. Darin zitiert sie die Klage Hamlets „Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram, / Dass ich zur Welt, sie einzurichten kam”. („The time is out of joint, the cursed spite that I was born to set it right”). Auch Hannah Arendt war entsetzt über das „Anwachsen von Weltlosigkeit”, über die sich ausbreitende „Wüste in der Welt”. Sie hielt fest, dass dadurch zwei wichtige, unverzichtbare Vermögen des zugleich skeptischen und schöpferischen menschlichen Zusammenlebens bedroht sind, nämlich „das Vermögen der Leidenschaft und des politischen Handelns”. Es sind jedoch diese Vermögen, die nach Hannah Arendt dazu befähigen, das „Anwachsen der Wüste”, in welcher menschliches Leben nicht mehr möglich ist, zu verhindern und “Oasen zu schaffen”, d.h. Räume, in denen Menschen zusammenleben können unter Bedingungen der kulturellen Differenz, die akzeptiert und respektiert wird, unter Bedingungen der Pluralität. Darunter versteht sie sowohl die Freiheit, d.h. das Vermögen zum korrigierenden Neubeginn, wie die gegenseitige, arbeitsteilige Angewiesenheit der Menschen aufeinander.

Bedingungen von Kultur und Pluralität definieren das politische Handeln in der Aktualität wie in der Geschichtlichkeit, somit auch in der Zukunft. Sie gestatten den Menschen, dass sie sich dank ihrer Fähigkeit zum Konsens wie zum Neubeginn in die Gestaltung des Zusammenlebens einmischen. Kultur und Pluralität ermöglichen daher – gemäss Hannah Arendt – die Korrigierbarkeit des Getanen, wodurch das Getane zwar nie ungetan wird, wodurch aber die Geschichte, d.h. der Ablauf der Zeit und der vielen Leben in dieser Zeitgenössigkeit, eine andere Wendung nehmen kann. Doch die Korrigierbarkeit bedarf der Freiheit, mithin des persönlichen Urteils, welches das Verzeihen ermöglicht, und des politischen Handelns in der Auseinandersetzung mit Geboten und Gesetzen, welche den Rahmenbedingungen der gleichen Lebensbedürfnisse der Menschen entsprechen.

Wie können Hass und Rache, diese Zerstörungskräfte der Unkultur, gebändigt werden und sich in eine konstruktive „Leidenschaft“ verwandeln? Hannah Arendt erachtete den mit dem Erkennen und Denken verknüpften Liebestrieb als Korrektur des Destruktionstriebs. Trotz sich wiederholender schwerer Lebensbedingungen, Leiden und Verluste war sie überzeugt, dass die Freiheit aufleuchten und auf den Plan treten kann, eventuell deutlicher oder eventuell verhaltener, je nach den Möglichkeiten, die den Menschen gegeben sind, Geschichte aufzuarbeiten und zu handeln. Freiheit, wie sie sie versteht, verbindet sie mit dem – nicht-theoretischen, sondern im Handeln sich äussernden – „amor mundi”, der bedingungslosen Zustimmung zum „Bezugsgeflecht”, das die Menschen untereinander im Menschsein verbindet. Es ist eine Kraft, die sich ebenso in der Kritik, im Widerstand und in der rückhaltlosen Ablehnung der „weltzerstörerischen” und menschenverachtenden Gewalt äussert und die zugleich Indifferenz und Eskapismus ausschliesst. „Leidenschaft“ im Sinne von Hannah Arendt zeigt sich letztlich als rückhaltlosen Gebrauch des Vermögens, ein persönliches Urteil zu treffen und für dieses einzustehen, ob im Sinn des Gesetzes oder gegen das Gesetz, aber immer zu Gunsten von etwas Grösserem als einem selbst. (Es ist ein seltener Optimismus auch Autorität gegenüber, den Hannah Arendt deutlich werden lässt und der mit ihrer Bezugssicherheit in der frühen Kindheit sowohl mit dem Vater, der in ihrem Vorschulalter starb, wie mit ihrer Mutter während der ganzen Schulzeit zu erklären ist).

Hannah Arendt erachtet es als möglich, dass die von der Befähigung zur Freiheit geschaffene Eigenverantwortung und Autorität das politische Handeln in der Aktualität wie in der Geschichtlichkeit zu beeinflussen vermögen, dass diese Befähigung den Menschen gestatten könnte, sich in die Gestaltung des Zusammenlebens als zu einem Neubeginn einzumischen, dass die Korrigierbarkeit des Getanen tatsächlich möglich ist und der Ablauf der Zeit wie der vielen Leben in dieser Zeitgenössigkeit eine andere Wendung nehmen kann. Die Fragen von Schuld und Strafe werden in die Eigenverantwortung eingeschlossen.

Alle diejenigen, die im Lauf der Geschichte den „zivilen Ungehorsam” wählten und noch immer wählen, bewiesen resp. beweisen, dass die Befolgung von Gesetzen höchstens in formaler Hinsicht entlastet, jedoch in moralischer Hinsicht nicht entlasten kann. Gesetzesbrecher und Gesetzesbrecherinnen zu sein war, resp. ist für sie besser, als moralische Schuld auf sich zu laden. Wenn Schuld allein am persönlichen Urteilsvermögen gemessen wird, sind Reue und Korrektur möglich, wie es Hannah Arendt vor allem im Lauf des Eichmann-Prozesses klar wurde.[16]

Lassen sich diese Erkenntnisse, welche unsere heutige Zeit betreffen, in Hinblick auf morgen übertragen?

Wichtig scheint mir, vor allen Bestrebungen zu warnen, welche Pluralität auf Einheit reduzieren und welche das Recht auf Dissens beschneiden. Die Warnung ist berechtigt, angesichts der  –  theoretisch und parteienpolitisch – breit vertretenen Forderungen nach Vereinfachung der Komplexität, nach klarer „Identität”, ob personaler, nationaler, ethnischer – was auch immer. „Identität” im Singular gerät unweigerlich zur Hypostase. Was für den einzelnen Menschen gilt, dass er eine Vielzahl von Identitäten vorweg entwickelt und verändert, gilt umso mehr für ein Kollektiv von Menschen, für die Gesellschaft innerhalb eines bestimmten Raumes. Seit den jüngsten „ethnischen Säuberungen” in Europa (im sich bis heute fortsetzenden Jugoslawien-Krieg), welche diese „Identität” herzustellen vorgaben, und seit dem Dayton-Abkommen, welches das politische Verbrechen der sog. „Säuberungen” letztlich legalisierte (auch wenn die von einzelnen Tätern vollbrachten Grausamkeiten zum Teil durch ein Menschenrechtstribunal geahndet werden), hat sich jedoch das Zusammenleben kaum verbessert.

Wichtig erscheint mir ebenso, dass der Primat der kulturellen und politischen Verantwortung vor dem ökonomischen zurückgewonnen wird. Das Schwinden dieses Primats in staatlicher Hinsicht ist seit Jahrzehnten zu beklagen, kennzeichnet auch den terrorgeprägten Aufstand der Unterdrückten, der heute das Kriegsbild der Mächtigen prägt. Seit 1989 hat der damit zusammenhängende Werteverlust exponentiell zugenommen und führt zur Verwechslung des Staates mit einer Firma, deren Entscheide kurzfristigen Zwecken dienen sollen, insbesondere der Gewinnsteigerung, Marktexpansion und Kapitalerhöhung und welche zur Erreichung dieser Zwecke möglichst effiziente Mittel einsetzt, dabei auch menschliche Verluste und Verschleiss in Kauf nimmt. Das Politische sollte die Organisation des Zusammenlebens der Menschen in der damit verbundenen Pluralität und Komplexität anstreben, das Zusammenleben aller in Freiheit, im Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit.

Als wichtig erachte ich das möglichst vielseitige, kreative Aushandeln der Regeln des Zusammenlebens, der Machtverteilung und Machtpartizipation, der Integration aller Schichten der Bevölkerung in die Entscheidungsprozesse. Es geht um die Bedeutung von Kultur (lat. cultura – colere), von Pflege des gemeinsamen Lebens auf diesem Planeten. Obwohl Hannah Arendt die Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Verteilung der Güter – auch der Bildungsgüter – und der Mitbestimmung bei der Reinvestition des Mehrwerts nicht zum Bereich des Politischen, sondern des Gesellschaftlichen zählt, ist klar, dass Armut und Verelendung, dass Ausgrenzung und Ausschluss von Menschen das Zusammenleben aller schwächt. Freiheit ist nicht gewährleistet, wenn ein grosser Teil der Menschheit um ihre knappe Subsistenz kämpfen muss.

Damit jedoch Freiheit, die von Hannah Arendt als Vermögen des persönlichen Urteilens und politischen Handelns verstanden wird, damit Freiheit im Gebrauch nicht der „Wüste” anheimfalle, wie sie schreibt, bedarf sie der ständigen Einübung und Hinterfragens, des Lernens und Beachtens. Dies bedeutet, dass sowohl Kinder und junge Menschen wie Ausländerinnen und Ausländer jenen Respekt erfahren sollen, der auch alten und nicht mehr arbeitsfähigen Menschen zukommt, selbst in ihrem begründeten Nichtübereinstimmen mit Regeln und Vorschriften, auch mit Gesetzen. Sie müssen als ebenbürtige Rechtssubjekte anerkannt werden. Sie dürfen nicht länger beeinträchtigt werden. Die Folge davon wäre, dass die Paradoxien des Alltags besser erkannt und gelöst werden könnten. Es ist verhängnisvoll, in welchem Ausmass einerseits Kindheit, Jugend und Alter, andererseits Asylgesuch und Gleichberechtigung geringgeschätzt werden, wie insbesondere in den Bereichen Erziehung und Bildung die Budgets gekürzt, die Lehrstellen und Arbeitsmöglichkeiten gestrichen oder eingeschränkt und verboten werden, wie dadurch die mögliche Partizipation am pluralen, arbeitsteiligen Zusammenleben zum vornherein verwehrt wird, wie dem hilflosen Aufbegehren junger Menschen oder „Fremder“ mit Polizeirepression begegnet wird. Staatlich geregeltes Zusammenleben von Menschen kann nur noch eine Chance haben, wenn verhindert werden kann, dass der Staat zur Firma oder zur Bürokratie verkommt, zur „jüngsten und vielleicht furchtbarsten Herrschaftsform”, zur „Niemandsherrschaft”, zur „Wüste”, wie Hannah Arendt in Macht und Gewalt[17] schreibt.

Die Bedürfnisse nach Freiheit und existentieller Partizipation aller – formal – Rechtlosen, Stimmlosen und Ausgegrenzten, der Kinder und Jugendlichen wie der asyl- und hilfesuchenden Menschen wahrzunehmen und zu erfüllen, auch die Liebe zum Leben, die alte Menschen und Kranke trotz durchgestandenem Leiden prägt, könnte, gemäss Hannah Arendts Entwürfen, jene kreative „Leidenschaft“ zur Entfaltung bringen, die den destruktiven Kräften entgegen wirken könnte.

Ist es eine Utopie? Es ist ein Entwurf, ein Zeitenwunsch, dessen Umsetzung den heute Lebenden wie den Kommenden obliegt.

 

[1]Walter Benjamin. Die Wahlverwandschaften (1921/22), in: Illuminationen. S.135

[2] cf. SCHRIFT/zeichen 01/2000 / Prophetien

[3] Die Wahlverwandschaften (1921/22), in: Illuminationen. S.135

[4] Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur (1930). S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1974, S. 270.

[6] Sigmund Freud. (1930) 1974. S.253

[7] Walter Benjamin über Kafka. Texte, Briefzeugnisse, Aufzeichnungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1981, S. 88

[8] Maja Wicki-Vogt. Simone Weil. Eine Logik des Absurden. Bern/München 1984

[9] Neue Wege. Juli/August 1939, Heft 7/8, S. 305 ff

[10] Margarete Susman. Das Hiob-Buch. Zürich 1948

[11] Margarete Susman 1948, S 118

[12] Margarete Susman 1948,  S.77

[13] Sigmund Freud, 1908: Die ‚kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität. – 1912: Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, ebenfalls 1912-13 Totem und Tabu. – 1915: „Zeitgemässes über Krieg und Tod. – 1927: Die Zukunft einer Illusion. – Schliesslich 1930: Das Unbehagen in der Kultur, 1933: Warum Krieg? im Briefwechsel mit Albert Einstein und von besonderer Bedeutung 1934/38-1939: Der Mann Moses. Drei Abhandlungen.

[14] Arno Plack. Die Gesellschaft und das Böse. Eine Kritik der herrschenden Moral. Ullstein Sachbuch 1977.

[15] Von Ursula Ludz herausgegeben in “Was ist Politik?”, Verlag R.Piper, München 1993

[16] Als vor z.B. Anfang der Neunzigerjahre ÄrztInnen auf Intensivstationen nach einem Gesetz riefen, um in der Überforderung des persönlichen Urteils über Richtlinien des Handelns zu verfügen, welche der “einhelligen Meinung” entsprechen, täuschten sie sich, wenn sie meinten, durch “bindende Richtlinien” entlastet zu werden. Das Gesetz, das zustande kam, ist auch in der heutigen Schweiz nicht das einzige, das vorgibt zu entlasten, das aber durch die Verwechselung von Recht mit partikulären Zwecken – in diesem Zusammenhang mit der Kostenreduktion auf Intensivstationen –  eventuell Unrecht legitimiert und daher diejenigen, für die es Massstab des Handelns sein soll, wiederum vor das “forum conscientiae” zurückversetzt, dem sie sich, überfordert, zu entziehen suchten. Eine Analogie besteht im Gesetz über Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht, das am 1. Dezember 1994 von der Mehrheit der Schweizer Bevölkerung angenommen, wenig später in Kraft gesetzt und vorweg weiter verstärkt wurde.

[17] S. 39, 4. Auflage im Verlag R. Piper & Co, München 1981

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