Etty Hillesum

Etty Hillesum

 

„Also dann los! Dies ist ein peinlicher und kaum zu überwindender Augenblick für mich: mein gehemmtes Inneres auf einem unschuldigen Blatt linierten Papiers preiszugeben. Die Gedanken sind manchmal so klar und hell in meinem Kopf und meine Gefühle so tief, aber sie aufzuschreiben will mir noch nicht gelingen. Hauptsächlich liegt es, glaube ich, am Schamgefühl. Grosse Hemmungen, getraue mich nicht, die Gedanken preiszugeben, frei aus mir herausströmen zu lassen, und doch muss es sein, wenn ich auf die Dauer das Leben rechtschaffen und befriedigend zu Ende bringen will.(Samstag, 9. März 1941) – Ich habe eigentlich keine Angst. Nicht weil ich besonders tapfer wäre, sondern in dem Gefühl, dass ich es immer mit Menschen zu tun habe und dass ich versuchen will, jede Äusserung zu verstehen, von wem sie auch sei, sofern mir das möglich ist. (…) Das Leben wird sehr schwer werden. Wir werden getrennt werden, wir alle, die wir einander teuer sind. Ich glaube, dass die Zeit nicht mehr fern ist. Man sollte sich innerlich bereits darauf vorbereiten. (Freitagmorgen, 27. Februar 1942 (…) Donnerstagabend, 12. März  1942) – Siehst du, ich leide immer noch an demselben Übel: ich kann mich nicht dazu entschliessen, mit dem Schreiben aufzuhören. Ich möchte noch im letzten Augenblick die einmalige erlösende Formel finden. Für alles, was in mir ist, für das übervolle und reiche Lebensgefühl ein einziges Wort finden, mit dem ich alles auszusagen vermag (…), mein Gott, dass es gut und schön ist, in deiner Welt zu leben, trotz allem, was wir Menschen einander antun: Das denkende Herz der Baracke (Dienstagmittag, drei Uhr, 5. September 1942). – Ich bin sehr müde, schon seit einigen Tagen, aber auch das wird wieder vorbeigehen, alles verläuft nach einem eigenen, tieferen Rhythmus (..). Auf diesen Rhythmus zu horchen ist das Wichtigste, was ein Mensch in diesem Leben zu lernen hat.” (Westerbork, 18. August 1943) [1]

Ein schmales Buch von 222 Seiten liegt vor, aus neun aneinandergereihten Heften, in denen Etty Hillesum während der letzten zweieinhalb Jahren ihres Lebens – bevor sie von Amsterdam nach Westerbork kam und von Westerbork nach Auschwitz deportiert wurde – in fast stenographischer Schrift unter spürbarer Dringlichkeit alles festhielt, was ihr wichtig erschien. Seite für Seite ist es ein Dialog der jungen Frau mit ihrem eigenen verborgenen Ich, dessen aufmerksamer, erkenntnishungriger Teil durch die körperlichen Impulse und Bedürfnisse ebenso verunsichert und aktiviert wurde wie durch die vielfachen unterschiedlichen Empfindungen, die einerseits durch das nicht wählbare Beziehungsgeflecht von Herkunft, Zugehörigkeit und Zeitgeschichte, andererseits durch das wählbare und gestaltbare von Freundschaft, Liebe und Glauben geweckt, geformt und ernährt  wurden.

Die kritische Sorgfalt, die Intensität und Dichte der Selbstbefragung stiessen dabei immer wieder an Grenzen, die Etty selber wahrnahm und zu ergründen suchte. Einerseits erlebte sie das Ungenügen der Sprache. Sie ging auf die Auseinandersetzung mit dem Sagbaren und dem Unsagbaren ein sowie mit der symbolischen Kraft der Worte, die wie die symbolische Kraft von Sachen sich mit dem Ungenügen der sprachlichen Übersetzungsmöglichkeit aufwühlender Gefühle verbindet, insbesondere jener von lähmender Angst und von Sehnsucht nach Angstfreiheit, auch von Sehnsucht nach hassfreier, zeitunabhängiger Sinnhaftigkeit des vom Naziregime als unwert erklärten, mit Deportation und Tod bedrohten Lebens. Die Suche nach innerem Halt in einem transzendenten, nicht religions- oder theoriedefinierten Gott war dabei von grosser Bedeutung. Andererseits war es unausweichlich, dass sie die zunehmende Erschöpfung und die durch mangelnde Bewegungsfreiheit, Ernährung und Krankheit bedingte Kraftlosigkeit, die das Schreiben behinderte, zu verarbeiten versuchte. Doch bis zu den letzten Zeilen, die in Briefen aus Westerbork an ihr nahestehende Menschen gelangten, ist der Lebensmut und die ungewöhnliche Kraft des Bewusstseins spürbar, die ihr in der Ausweglosigkeit, die sie mit unzähligen Menschen teilte, das hilflose Weggleiten in die destruktiven Kräfte des Unbewussten, in Verzweiflung oder Hass, wie ein persönlicher Schutzgeist ersparten.

Die Jahre von Etty Hillesum’s Kindheit und Jugend, von Studium und allmählichem  Erwachsenwerden, die der Zeit des immer enger, kälter und dunkler werdenden Ghettolebens vorangingen, in welchem die Niederschriften erst begannen, sie werden ab und zu von ihr angehaucht, jedoch kaum in der ganzen, erlebten Entwicklung geschildert. Der Kenntnis, die J.G. Gaarlandt, der Herausgeber des Buches,  davon hatte, ist zu verdanken, dass auch über diese Zeit eine knappe Darstellung möglich ist.

Esther – Etty wie sie genannt wurde – kam am 15. Januar 1914 im holländischen Middelburg zur Welt, später war das Elternhaus in Deventer an der Jissel. Ihre Mutter, Rebecca Bernstein, musste ihre in Russland lebenden Familienkreise infolge einer der zahlreichen Pogrome verlassen, gelangte auf der Flucht nach Holland und lernte dort Louis Hillesum kennen, einen Altphilologen, der ein Gymnasium leitete und der durch seine Gelehrtheit und innere Ruhe, doch auch durch seine Weltverlorenheit und seinen Humor verblüffte.

Die frühe Kindheit von Etty wie jene der zwei jüngeren Brüder Michael (Mischa) und Jaap war somit durch die Zeitgeschichte des Ersten Weltkrieg wie durch die weit sich von einander differenzierenden Herkunftsgeschichten und Anlagen ihrer Eltern geprägt, die zu häufigen familiären Turbulenzen führten. Religiöse Gebote und Verbote, Wochen- oder Jahresrituale waren ohne Bedeutung. Vielfache, ungewöhnliche Begabungen kennzeichneten alle drei Geschwister. Jaap, der als unauffällig kluger, verlässlicher Mensch galt, wurde Arzt; von Mischa ist bekannt, dass er so unangepasst und eigenwillig war, dass er in der Pubertät für einige Zeit in eine psychiatrische Klinik versetzt wurde, dass jedoch seine Musikalität, insbesondere sein ausserordentliches Klavierspiel ihn in der damaligen Beurteilung zu einem der bedeutendsten Pianisten Europas prädestinierte.

Etty selber hatte nach dem Gymnasium zuerst in Amsterdam das Jura-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, gleichzeitig hatte sie begonnen, slawische Sprachen und Deutsch zu studieren und als Russisch-Übersetzerin und Lehrerin Geld zu verdienen. Das weitere Studium in Psychologie wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, durch die deutsche Besetzung Hollands und die zunehmende Diskriminierung, Ghettoisierung, Aushungerung und schliesslich Deportation der jüdischen Bevölkerung verunmöglicht. Sie hatte ein Zimmer in der Gabriel Metus-Straat 6 in Amsterdam bewohnen können, gemeinsam mit vier anderen jungen Menschen. Der Besitzer, Han Wegerif, war während einiger Zeit sowohl ein Freund wie ein Geliebter von ihr. Am 15. Juli 1942 wurde ihr eine Stelle in der „Kulturellen Abteilung” des Jüdischen Rates in Amsterdam zugesprochen, um welche sie sich auf Anraten ihres Bruders Jaap beworben hatte, doch länger als zwei Wochen hielt sie diese Art Sonderstellung nicht aus, sie empfand sie als  unerträglich. Anfang August 1942 wurde sie ins Ausschaffungslager von Westerbork überwiesen, ohne dass sie sich dagegen sträubte. Es ihr anfänglich noch ein Besuchsrecht in Amsterdam zugesprochen, so dass sie ab und zu einige Tage ausserhalb des Lagers verbrachte, oft krank oder  in schwerem Erschöpfungszustand. Am 7. September 1943 wurde sie wie auch ihre Eltern und ihre zwei Brüder „auf Transport geschickt”. Mischa hätte als anerkannter „Kultur-Jude” sich davor retten können. Doch für ihn stand fest, dass er diese Möglichkeit nur nutzen würde, wenn gleichzeitig seinen Eltern und seinen Geschwistern die Deportation erspart bliebe. Dem Bericht eines Freundes und „Waffenbruders”[2] von Westerbork zufolge  – Jopie Vleeschouver –  erfolgte der „Abstransport” unerwartet plötzlich[3], obwohl alle wussten, dass er bevorstand. Niemand von der Familie überlebte Auschwitz. Etty Hillesum wurde laut einem Bericht des Roten Kreuzes am 30. November 1943 umgebracht.

Was die junge Frau in den knapp zweieinhalb Jahren – zwischen den ersten Eintragungen vom 9. März 1941 und den letzten vom 21. August 1943 – dank ihrer Offenheit und ihrem Mut an Denkleistung und an Lebenssinn zustande brachte, das soll in den kommenden Abschnitten untersucht werden.

Die nicht-wählbaren Gegebenheiten menschlichen Lebens – die Herkunftsgeschichte, das Geschlecht, die gesellschaftlichen und politischen Zeitgeschehnisse und vieles mehr – sind verbunden mit individuell wählbaren Möglichkeiten, damit umzugehen. Was wie eine banale Tatsache klingt, gehört zu den hoch komplexen Umsetzungsprozessen jenes Grundbedürfnisses, das innere Freiheit heisst.

Dieses Grundbedürfnis stösst an vielfache Hindernisse und Bedingungen, die mit der vollständigen existentiellen Abhängigkeit des kleinen Kindes von seinen Eltern sowie von anderen Erwachsenen, die eine hierarchische Position und Funktion innehaben, ihren Anfang nimmt. Die damit verbundene Erfahrung innerfamiliärer oder fremder Macht und eigener Ohnmacht kann von lang anhaltender Prägung sehr unterschiedlicher Art sein: von angstbesetzter Anpassung und Unterwerfung oder von kämpferischem Widerstand, von Selbstschutz durch Rückzug in eine innere, andere Realität, eventuell in eine Phantasiewelt, oder von Mut zum Ausbrechen aus dem engen Netz mit wacher Aufmerksamkeit, mit Erkundungs- und Erkenntnishunger, mit kritischem Infragestellen öffentlicher Werte- und Machtkategorien, mit allmählichen Entdecken und Umsetzen eigener Macht im Empfinden und Denken, im Beurteilen und Tun, trotz der fortbestehenden, zeitbedingten Lebensbedingungen. Erstaunlich ist, dass dieser innere Prozess der Veränderung von angstbesetzter und schambesetzter Ohnmacht zum selbststärkenden und selbsttragenden Wissen der Eigenverantwortung nicht alters- oder zeitgebunden ist, sondern dann einsetzt, wenn das Ich des Menschen sich dazu öffnet.

Etty war sich dieser Entscheidungsfähigkeit bewusst: „Zur Erniedrigung sind zwei Leute notwendig. Einer, der erniedrigt, und einer, den man erniedrigen will, oder vor allem, der sich erniedrigen lässt. Entfällt das letztere, ist also die passive Seite gegen jede Erniedrigung immun, dann verpuffen die Erniedrigungen in der Luft. Was übrig bleibt, sind nur lästige Verordnungen, die das tägliche Leben beeinflussen, aber keine Erniedrigung oder Unterdrückung darstellen, die die Seele bedrängen.” [4]

Das Wagnis, sich aus engen, ängstigenden und erniedrigenden Umklammerungen zu befreien, geht einher mit dem Gewahrwerden und Umsetzen eigener Wahlmöglichkeiten, für das Leben einzustehen. Etty war sich der Gefahr bewusst, unter den Zeitbedingungen menschlicher Entwürdigung den eigenen Ich-Wert als ungebührlich zu erachten und in den Sog kollektiver Wehrlosigkeit zu geraten, ob sich diese in Depressivität, in Aggressivität oder in kaltblütiger Berechnung eigener Vorteile und Aussonderungsmöglichkeiten äussere. „Das grosse Leid überall treibt einen dazu, sich zu schämen, dass man sich selbst mit all seinen Stimmungen so ernst nimmt. Aber man muss sich selbst weiterhin ernst nehmen, man muss selbst im Mittelpunkt bleiben und versuchen, mit allem, was in der Welt geschieht, fertig zu werden. Man darf die Augen vor nichts verschliessen, man muss sich mit dieser Zeit auseinandersetzen und versuchen, eine Antwort zu finden auf die vielen Fragen von Leben und Tod, die diese Zeit einem stellt. (…) Ich lebe nur einmal.”[5]

Sie spürte einen Zwiespalt in ihr als Intellektueller und als Frau, als freier Denkerin und als Gottsucherin, zugleich als Teil der zunehmend rechtlosen und als menschlicher Unwert erklärten jüdischen Bevölkerung. Es erschien ihr dringlich, ihr Verhältnis zu ihren Eltern zu klären, sowohl Mutter wie Vater wie auch die Besonderheit der Brüder besser zu verstehen und zu akzeptieren. Sie fühlte sich hin- und hergerissen.

Einerseits bedeutete Deventer die Weite von Erde und Himmel, da „waren die Tage sonnige Ebenen, jeder Tag war ein grosses, ungebrochenes Ganzes, es bestand Kontakt zu Gott und zu allen Menschen, vermutlich weil ich kaum Menschen sah”[6], andererseits war da „im Haus das sonderbare Gemisch aus Barbarei und Hochkultur. Das geistige Kapital liegt zum Greifen nahe, aber es liegt ungenutzt und unbewacht da, unordentlich auf einen Haufen geworfen. Es ist deprimierend, tragikomisch, weiss der Himmel, was für ein verrückter Haushalt das ist, hier kann ein Menschen nicht gedeihen”[7], in diesem „Gemisch” gleichzeitig die Küche mit „der lieben Mamynka, die ihre ganze Liebe in Hühnerschenkel und hartgekochte Eier verwandelt”[8].

Die Mischung von Mutterliebe und von „Opposition gegen die Mutter”, von Essen  und Essproblemen beschäftigte Etty Hillesum zunehmend. „Mir wird plötzlich klar, dass dieses Essproblem aufschlussreich sein könnte. Es ist letzten Endes nur ein Symbol. Auch in meinem geistigen Leben gibt es vermutlich eine solche Gier. Ich will unmässig viel verschlingen, was dann hin und wieder zu schweren Verdauungsstörungen führt. Irgendwo muss ein Grund dafür vorhanden sein. (…) Mutter redet immer vom Essen, für sie gibt es nichts anderes.”[9]  Die Erinnerung an einen Anlass, bei welchem sie die Mutter beim Essen beobachtete, wie sie „mit Gier und Hingabe” ass, liess sie nicht mehr los, „als hätte sie Angst, im Leben zu kurz zu kommen. Es war etwas erschreckend Klägliches und Abstossendes an ihr. (…) Diese Angst, im Leben zu kurz zu kommen, und wegen dieser Angst kommt man dann erst recht überall zu kurz. Kommt man an das Wesentliche nicht heran.”[10]

Einerseits wurde es für Etty Hillesum dringlich, ihre Mutter sowie ihr Verhältnis zur Mutter besser zu verstehen, andererseits ihr eigenes Ich aus der Opposition gegen die Mutter zu lösen. „Ich habe meine Opposition gegen die Mutter noch immer nicht aufgegeben, und deshalb tue ich die Dinge, die ich an ihr verabscheue, in genau derselben Weise wie sie. (…) Dass ich mir mit Wissen und Willen, oder besser gesagt, gegen mein besseres Wissen immer wieder den Magen verderbe, dahinter steckt etwas. Damit zusammen hängt auch meine grosse Sehnsucht nach Askese (…): Man kann Lebenshunger haben. Aber mit Lebensgier verfehlt man das Ziel.”[11]  Etwas später hält sie fest: „Ich will nichts Besonderes sein, ich will nur versuchen, zu der zu werden, die in mir nach völliger Entfaltung sucht”.[12]

Die Widersprüchlichkeit der Eltern hatte sie auf widersprüchliche Weise geprägt, und so widersprüchlich empfand sie ihr eigenes Empfinden und Verhalten ihnen gegenüber. Als Mischa ihr den Besuch des Vaters ankündigte, untersuchte sie dieses mit ebenso viel Selbstkritik wie jenes der Mutter gegenüber, denn „es ist etwas sehr Prinzipielles und Wichtiges und Schwieriges, deine Eltern innerlich zu lieben. Das heisst, ihnen alle Schwierigkeiten zu verzeihen, die sie dir einzig und allein durch ihre Existenz bereitet haben: die Bindungen, die Abscheu, die Beschwernis, die sie durch ihr eigenes kompliziertes Leben deinem gleichfalls recht schwierigen Leben hinzugefügt haben”.[13] (…) „Schliesslich liebe ich ihn (d.h. den Vater) sehr, aber das ist – oder besser war – eine komplizierte Liebe: überspannt, krampfhaft und mit so viel Mitleid vermischt, dass mir das Herz brach. Aber ein Mitleid, das masochistische Züge hatte. (…) Dann wurde mir ein Zusammenhang klar. Mein Vater hat im vorgerückten Alter all seine Unsicherheiten, Zweifel, vermutlich auch einen gehörigen körperlichen Minderwertigkeitskomplex, Eheschwierigkeiten, mit denen er nicht fertig wurde usw. mit seiner philosophischen Einstellung übertüncht, die völlig echt ist, liebenswert, humorvoll und sehr scharfsinnig, aber bei allem Scharfsinn doch sehr vage. (…) Unter der Oberfläche der resignierten Lebensphilosophie gähnt das Chaos. Und es ist dasselbe Chaos, das mich bedroht, aus dem ich heraus muss, dem zu entkommen ich als meine Lebensaufgabe betrachte und in das ich jedes Mal wieder zurückfalle. Und auch die kleinsten Äusserungen meines Vaters, Äusserungen des Verzichtes, des Humors und Zweifels appellieren an etwas in mir, das ich mit ihm gemein habe, aber aus dem ich mich weiter entwickeln muss.”[14]

Auf den „unnachahmlichen Humor” ihres Vaters ging Etty öfters ein, zum Beispiel als sie zitierte, wie er ihr schrieb, nun habe „das fahrradlose Zeitalter” begonnen, er habe Mischas Rad persönlich abgeliefert. „Was für ein Vorrecht! Wir brauchen jetzt keine Angst mehr zu haben, dass unsere Fahrräder gestohlen werden. Seinerzeit in der Wüste haben wir vierzig Jahre lang auch ohne Fahrräder auskommen können.” [15]

Es ging Etty um viel mehr als um das Aufzeigen und Dulden von Differenzen zwischen Vater und Mutter. Schon im Dezember 1941, als sie bei den Eltern zu Besuch weilte, begann sie, Entfernung und Unbehagen zu hinterfragen. „Viele Menschen sind in ihren Vorstellungen zu stark festgelegt, zu fixiert, und legen dadurch bei der Erziehung ihrer Kinder diese auch wieder fest. Deshalb zu wenig Bewegungsfreiheit. Bei uns war es gerade umgekehrt. Anscheinend wurden meine Eltern von der unendlichen Kompliziertheit des Lebens so sehr überwältigt, und zwar in zunehmendem Masse, dass sie nie eine Entscheidung treffen konnten. Ihren Kindern liessen sie grosse Bewegungsfreiheit; sie konnten ihnen aber auch keinen Halt geben, weil sie selber nie einen Halt gefunden hatten; sie konnten nichts zu unserer Formung beitragen, weil sie selbst nie eine Form finden konnten. Und immer wieder und stets deutlicher erkenne ich unsere Aufgabe: ihren armen, herumirrenden, nie zu Form und Ruhe gelangenden Talenten eine Gelegenheit zu bieten, in uns heranzuwachsen, zu reifen und ihre Form zu finden.”[16]

Für die junge Frau bedeutete das allmähliche Erkennen der „Ungeformtheit” ihrer Eltern ein anderes Verhältnis zu ihnen: Abwehr war nicht mehr nötig, geht doch das Verstehen einher mit einer wachsenden Akzeptanz all dessen, was an Mangel erlebt wurde und was zugleich eine Freiheit der persönlichen Lebensgestaltung zuliess. Diese zu realisieren, hiess für sie “Form finden”. Sie verstand darunter eine Art dialektischen Prozesses, bei welchem aus dem leidvollen Erleben und dem schwierigen Klären – das heisst aus zwei belastenden resp. negativen Erfahrungen – etwas Umfassendes und Einheitliches resultiert, das positiv ist. Ich nehme an, dass es dabei um jene sich ergänzende und nicht hemmende Übereinstimmung von Empfinden und Denken geht, durch welche Verhaltens- und Handlungsentscheide angstfrei werden. „Die Einheit ist nur gut, wenn sie alle Gegensätze und irrationalen Momente in sich einschliesst; sonst wird daraus nur eine Verkrampfung und Fixierung, die dem Leben Gewalt antut.”[17]

Als Einschränkungen und Verbote sich in Holland fast täglich vermehrten – ab Anfang Juni 1942 durften Juden die Gemüseläden nicht mehr betreten, mussten die Fahrräder abliefern, durften die Strassenbahn nicht mehr benutzen, durften auf keine öffentlich Bank sich setzen, durften durch keine Pärke, Gärten oder Wälder mehr spazieren, bald nur noch in wenigen Strassen sich bewegen, mussten abends nach acht Uhr zu Hause sein und vieles mehr -, da wuchs in Etty Hillesum eine noch grössere Achtsamkeit auf Werte, die nicht von Aussen gemindert werden konnten. Die Beziehung zu ihrem eigenen Ich gehörte dazu. „Während ich ging, hatte ich plötzlich das Gefühl, als sei ich nicht allein, sondern ‘zu zweit’. Ich war allein, und doch war mir, als bestünde ich aus zwei Personen, die sich innig aneinander schmiegten und sich wohltuend wärmten. Sehr enger Kontakt mit mir selbst und dadurch grosse Wärme in mir. Und völliges Selbstgenügen. Dabei unterhielt ich mich angeregt mit mir selbst und spazierte vergnügt die Amstelallee entlang, ganz in mich versunken. Und mit einer gewissen Genugtuung stellte ich fest, dass ich allein mit mir selbst in guter Gesellschaft bin und gut mit mir auskomme. Auch am nächsten Tag blieb das Gefühl bestehen.” [18]

Zu den Werten, die nicht durch Gesetze oder fremde Machtwillkür bestimmt werden können, gehörte auch die Beziehung zu nahe stehenden Menschen. Am 27. Juni 1942, als Etty ihren Bruder Mischa nach seinem Klavierspiel in Amsterdam noch ein wenig begleitete, da sei sie vom Gefühl eines rasch nahenden Abschieds übermannt worden. „Vielleicht haben wir überhaupt keine Zukunft mehr”, habe sie zu ihm gesagt. Er habe geantwortet, dass dies zutreffe, „wenn man den Begriff Zukunft im materialistischen Sinn auffasse, ja dann…”.[19]

Es war nicht mehr nur eine Ahnung, sondern ein Wissen, dass, wie Etty drei Tage später festhielt, alle Juden aus Holland deportiert werden sollen, über Drenthe nach Polen. Der englische Sender berichtete, dass seit dem vergangenen Jahr 700’000 in Deutschland und in den besetzten Gebieten umgekommen sind.”[20]

Aus dem Heideland von Drenthe, aus Westerbork, gelangte am 10. Juli 1943 ein Brief von Etty an Maria, eine Freundin und Mitbewohnerin des schmalen Wohnhauses in Amsterdam: „Zehntausende sind von diesem Ort fortgegangen, bekleidet und unbekleidet, Alte und Junge, Kranke und Gesunde (…). Mutter und Mischa wollen noch etwas tun, sie wollen die ganze Welt auf den Kopf stellen, und ich bin vollkommen machtlos dagegen. (…) Barneveld ist für Vater und Mutter abgelehnt worden, gestern haben wir es erfahren. Und es wurde hinzugefügt, dass sie sich für den Transport am Dienstag bereit halten sollen. (…) Vater gibt sich nach aussen sehr gelassen. Aber hier in der grossen Baracke wäre er schon nach wenigen Tagen draufgegangen, wenn es mir nicht gelungen wäre, ihn ins Krankenhaus zu stecken, wo das Leben auch zunehmend unerträglicher für ihn wurde. (…) Als ich zu ihm kam, stand er kerzengerade, mit ruhigem Gesicht vor mir, der Rucksack stand gepackt neben seinem Bett, über die Abreise wurde nicht weiter gesprochen, er las mir verschiedene Texte vor, die er geschrieben hatte, wir philosophierten noch ein wenig. (…) Gegen mein Schicksal fühle ich mich gewachsen, gegen das meiner Eltern nicht. Das ist der letzte Brief, den ich vorläufig schreiben darf.”[21]

Zukunft „im materialistischen Sinn”, die gemäss Mischa ihm und seiner Schwester und vielen weiteren Menschen nicht mehr zustehen sollte, schliesst den Körper ein, diese  tragende und pulsierende „Materie” des Lebens, das geheimnisvolle Hauthaus, in welchem die geistige Kraft – die Seele – ihren Platz hat. Sollte Etty’s jungem Körper, dessen Bedürfnisse ungestüm nach Erfüllung drängten, die Zukunft nicht zustehen? Wie ging sie mit dieser doppelten Realität und deren auseinanderklaffenden Nichtübereinstimmung um?

Einen Monat, bevor Etty Hillesum mit ihren Aufzeichnungen begann, war sie Julius Spier[22] begegnet, einem jüdischen Flüchtling aus Berlin, der doppelt so alt wie sie war und den sie zuerst als übergriffig und übermächtig empfand, der sie aber mit fast magischer Kraft anzog, den sie zunehmend verehrte und während einiger Zeit auch selber begehrte. „S” oder „Jul”, wie sie ihn nannte, war zuerst Bankdirektor gewesen, entdeckte dann seine Fähigkeit, aus der Hand der Menschen deren Leben und Lebensprobleme zu entschlüsseln und begann, Gesangunterricht zu nehmen, bei C.G. Jung in Zürich eine Lehranalyse zu machen und als „Pychochirologe”[23] zu wirken. Von seiner nicht-jüdischen Frau liess er sich 1935 scheiden, und seine zwei Kinder – Ruth und Wolfgang – blieben bei ihr zurück, als er 1939 nach Amsterdam emigrierte.

Wo Julius Spier auftrat, bildete sich eine Anhängerschaft um ihn, insbesondere von Frauen. Etty wird – ein wenig spöttisch und zugleich gelassen –  von seinem „Haarem” sprechen. Sie erachtete ihn als ihren „Lehrmeister”, bezeichnete sich selber als seine „russische Sekretärin”. Was sie für ihn empfand, war jene innere Kraft und Bindung/Verbindung mit dem Namen „Liebe”, die sie als widersprüchlich empfand, als belastend, aufwühlend und sie beherrschend, wogegen sie sich immer wieder wehrte, doch auch als beflügelnd und tragend, als wahr – letztlich als grossen Widerspruch in ihr, den sie zu verstehen und zu lösen versuchte wie jenen der Elternliebe, gerade weil es ein ganz anderer Widerspruch war. Er betraf  ihren weiblichen Körper, die drängende Unruhe des körperlichen Begehrens, die sie spürte, und gleichzeitig den Widerstand gegen den viel älteren Mann, der das Begehren weckte und dessen Nähe bis zum Verschmelzen sie eigentlich nur im Geistigen, ja im Transzendenten wünschte. Es war dieser Teil der Bindung, der nach kurzer Zeit der tragende wurde.

Ein Empfinden der Gottnähe wuchs in ihr an, der gemeinsamen wie der persönlichen, das ausserhalb jüdischer oder christlicher Religionsbedingungen allein den Namen „Gott” trug und für sie zur tragenden Kraft wurde, auch über den Tod von Julius Spier hinaus, der  – „nur noch ein kindischer, ausgezehrter Greis”[24]  – am 15. September 1942 in Amsterdam, in seinem eigenen Bett „ein natürliches Ende” finden durfte. Eine kleine Auswahl aus den Eintragungen macht deutlich, was für Etty diese letzte Erfahrung zuerst heftiger und aufwühlender, dann sich vertiefender, menschlicher und geistiger Liebe bedeutete. „Ich habe manchmal ein Gefühl, als sässe ich in einem höllischen Fegefeuer und würde zu etwas geschmiedet. Zu was? Das ist wiederum etwas Passives, ich muss es mit mir geschehen lassen. Aber dann auch immer wieder das Gefühl, als müssten alle Probleme dieser Zeit im Besonderen und der Menschheit im Allgemeinen ausgerechnet in meinem kleinen Kopf ausgetragen werden. Das ist etwas Aktives. (…) Es ist möglich, dass ich mich zu ‘wichtig nehme’, aber ich möchte auch, dass andere mich ‘wichtig nehmen’. S. zum Beispiel. Ich möchte dass er weiss, wie sehr ich leide, aber gleichzeitig verheimliche ich es vor ihm. Sollte das etwas mit der Oppositiion zu tun haben, die ich so gegen ihn verspüre?”[25] – „Ich bin noch nie einem Menschen begegnet, der über so viel Liebe, Kraft und unerschüttertes Selbstvertrauen verfügte wie S. An jenem gewissen Freitagabend sagte er ungefähr: ‘Wenn ich meine ganze Liebe und Kraft auf einen Menschen losliesse, würde ich ihn zugrunde richten.’ Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich unter ihm verschüttet werde. Ich weiss nicht. Manchmal meine ich, ich müsste bis ans andere Ende der Welt laufen, um ihn loszuwerden, und weiss doch gleichzeitig, dass ich hier an diesem Ort bei ihm und mit ihm klarkommen muss.”[26]– „Ja, wir Frauen, wir törichten, idiotischen, unlogischen Frauen, wir suchen das Paradies und das Absolute. Und doch weiss mein Verstand, mein vortrefflich funktionierender Verstand, dass es nichts Absolutes gibt (…) Wir Frauen wollen uns im Mann verewigen. Das heisst, ich will, dass er mir sagt: Liebste, du bist die Einzige und ich werde dich ewig lieben. Das ist eine Fiktion. Aber solange er es nicht sagt, hat alles andere keinen Sinn (…). Und das ist das Verrückte: ich will ihn ja gar nicht, ich will ihn keineswegs als den Einzigen für immer und ewig, fordere es aber von ihm. (…) Ich würde mir ja keinen Rat wissen, wenn jemand ständig Feuer und Flamme für mich wäre. Es würde mich belasten und langweilen und mir das Gefühl der Unfreiheit geben. O Etty, Etty.”[27] Einige Tage später: „Ich bin kein Weibchentier mehr, und das gibt mir manchmal ein Gefühl der Minderwertigkeit. Das Urkörperliche wird bei mir auf vielfache Weise durch einen Vergeistigungsprozess durchbrochen und abgeschwächt. Und manchmal scheint mir, als würde ich mich gerade dieser Vergeistigung wegen schämen”.[28]

Es wurde Ende Juli 1942, als Etty schrieb: „Der Ring unseres Verhältnisses hat sich geschlossen., ganz einfach und selbstverständlich. Als hätte mich nachts nie etwas anderes zugedeckt als diese geblümte Decke”.[29] Nähe, Eigenleben und Trennung widersprachen sich nicht mehr. „Wir haben genügend Zeit gehabt, um uns auf die katastrophalen Ereignisse dieser Tage vorzubereiten, volle zwei Jahre. Und gerade dieses letzte Jahr ist das entscheidende, das schönste Jahr meines Lebens geworden. Ich weiss mit Sicherheit, dass es eine Kontinuität geben wird zwischen diesem Leben und dem Leben, das nun kommen wird. Denn dieses Leben spielt sich in den inneren Bereichen ab, das äussere Dekor wird immer belangloser.”[30]– „Man sitzt am Boden in einer Zimmerecke bei dem geliebten Mann und stopft Strümpfe, und zugleich sitzt man am Ufer eines gewaltigen, grossen Gewässers, das so kristallklar und durchsichtig ist, dass man bis auf den Grund schauen kann. So etwa ist das Lebensgefühl in einem bestimmten Augenblick, der unvergesslich ist.”[31]

Mit dieser Aufzeichnung vom 29. Juli 1942 ging Etty Hillesums Zeit in Amsterdam dem Ende zu. Sie bekam den „weissen Aufruf”, sich in Westerbork melden zu müssen. Körperlich sehr geschwächt, mit Fieber und dem Gefühl, krank zu sein, bekam sie Anfang September die Erlaubnis, nochmals für kurze Zeit nach Amsterdam zurückzukehren. Ein letztes Mal suchte sie die zwei kleinen Zimmer an der Courbet-Straat 27 auf, wo sie die erste Begegnung mit S. und die weitere Entwicklung der Beziehung erlebt hatte. Nun erlebte sie dessen Sterben und Tod, gelassen und zugleich ergriffen, gemeinsam mit Tide (Henny Tidemann), einer ihr nahestehenden Freundin, die ebenfalls im Bann von Julius Spier gestanden hatte und an wen sie – fast ein Jahr später, am 18. August 1943 – einen ihrer letzten Brief aus Westerbork schrieb:  „Tideke, (…) ich bin sehr müde, schon seit einigen Tagen, aber auch das wird wieder vorübergehen, alles verläuft nach einem eigenen, tieferen Rhythmus (…), auf diesen Rhythmus zu horchen, ist das Wichtigste, was ein Mensch in diesem Leben zu lernen hat. (…) Der Wellenschlag meines Herzens ist hier breiter und zugleich bewegter und ruhiger geworden, und mir ist, als würde mein innerer Reichtum noch grösser.  –  Auf unerklärliche Weise schwebt Jul in letzter Zeit über der Heide, er führt mich weiter von Tag zu Tag. Es gibt doch Wunder in einem Menschenleben, mein Leben ist eine Verkettung innerer Wunder, gut, das wieder einmal jemandem sagen zu können.”[32]

Die stärksten Bemühungen Etty richteten sich ab nun darauf aus, keiner Umklammerung anheim zu fallen, durch welche ihre innere Freiheit – das denkende Herz – beeinträchtigt würde. Dazu gehörten Todesangst, Rachegfühle und Hass, die sie als Folge unverarbeiteter Erfahrungen bei zahllosen Menschen als deren das Denken erstickende, innere Gewalt erkannte.

Was ist das im Menschen, das die anderen vernichten will?” hatte Jan Bool, ein Studienfreund, sie am 19. Februar 1942 gefragt, als bekannt wurde, dass ein Freund von ihen zu Tode gefoltert worden war und dass eine grosse Anzahl der alten Professoren von Amsterdam als Gefangene in einer zugigen Baracke auf erbärmliche Weise eingekerkert waren. „Ich sehe keine andere Lösung, ich sehe wirklich keine andere Lösung, als sich dem eigenen Innern zuzuwenden und dort all das Schlechte auszurotten. Ich glaube nicht mehr daran, dass wir an der äusseren Welt etwas verbessern können, solange wir uns nicht selbst im Inneren gebessert haben. Das scheint mir die einzige Lehre dieses Krieges zu sein. Dass wir gelernt haben, das Übel nur in uns selbst zu suchen und nirgendwo anders.” Jan Bool, selber krank vor Kälte und mangelnder Ernährung, habe ihr zugestimmt.

Es ist so schäbig, sich seinen Rachegefühlen zu überlassen. Sein Leben nur auf den einen Augenblick der Rache auszurichten. Das nützt uns doch gar nichts.[33]

Als Etty am 27. Februar 1943, d.h. Ende des gleichen Monats, am frühen Morgen in einer grosse Gruppe Menschen im Lokal der Gestapo stehen und warten musste, wurde ihr mit grosser Klarheit bewusst, dass es an ihr lag, ob sie Angst hatte und Angst spüren liess oder nicht. „Wir waren alle im selben Raum, die Männer hinter dem Pult ebenso wie die Befragten. Aber das Leben eines jeden war durch die Art bestimmt, wie er sich innerlich dazu stellte. Am meisten fiel ein hin- und herlaufender junger Mann mit unzufriedenem Gesicht auf, er verbarg seine Unzufriedenheit keineswegs und wirkte aufgeregt und gequält. Er suchte nach Vorwänden, um die unglücklichen Juden anzuschreien. (…) Ich fand ihn bedauernswerter als die Angeschrienen, und diese nur insofern bedauernswert, als sie Angst hatten.”[34]  Sie spürte in sich keine Notwendigkeit, Angst zu haben. „Nicht weil ich besonders tapfer wäre, sondern in dem Gefühl, dass ich es immer mit Menschen zu tun habe und dass ich versuchen will, jede Äusserung zu verstehen, von wem sie auch sei, sofern mir das möglich ist.”[35]  Ihr wurde mit zunehmender Klarheit bewusst, dass Angst den Menschen zum Objekt anderer Menschen werden lässt, die dessen Angst benutzen, um sich selber mächtiger zu fühlen und so ihre eigenen Ängste zu unterdrücken. Der junge Uniformierte im Büro der Gestapo in Amsterdam wurde für sie zum Beispiel für viele, die auf Grund eigener Mängel, eigener Ängste und Hassgefühle  zustimmen, Teil eines menschenverachtenden und menschenvernichtenden Systems zu werden. Beängstigend ist (…), dass die Systeme über die Menschen hinauswachsen und sie in ihren satanischen Griff bekommen, und zwar die Erfinder und die Opfer der Systeme gleichermassen, wie grosse Gebäude und Türme, von Menschenhand gebaut, uns überragen und beherrschen, aber auch über uns zusammenstürzen und uns begraben können.”[36]

Es war für Etty eine stete, schwierige Aufgabe, mit sich selber in Übereinstimmung zu sein. Sie gab sich aufs sorgfältigste Rechenschaft. Einerseits war am Morgen bei der Gestapo

„die überaus starke Empfindung, dass ich trotz allen Leides und Unrechts, das überall geschieht, die Menschen nicht hassen kann, und dass all das entsetzliche und grauenvolle Geschehen nicht etwas geheimnisvoll Fernes und Drohendes von aussen ist, sondern uns sehr nahe steht und aus den Menschen hervorgeht.”[37]  Doch ebenso spürte sie rings um sich „diese Todesangst auf den Gesichtern. Alle diese Gesichter, mein Gott, diese Gesichter”[38].

Es kam vor, dass sie selber der Verzweiflung nicht zu entkommen vermochte, dass sie dies auch festhielt und dabei eine Art selbsterzieherischer Kontrolle ausübte. „Heute Mittag (…) da war alles in mir wie ausgelöscht vor Verzweiflung; ich erkannte die Zusammenhänge nicht mehr, und dazu der überwältignde Kummer. Und danach wieder tausend kleine Sorgen, Fussschmerzen nach einem halbstündigen Gang und so starke Kopfschmerzen, dass sie mir den Schädel fast zersprengten und so weiter. Nun ist wieder alles vorbei. Ich weiss, dass ich noch oft kaputt und zerschlagen auf Gottes Erde liegen werde. Aber ich glaube, dass ich sehr zäh bin und immer wieder aufstehen werde. Obwohl sich heute Mittag ein Prozess der Abhärtung und Abstumpfung in mir abspielte, der mich ahnen liess, was extreme Umstände über Jahre hinweg aus einem machen können. (…) Doch ich gehe einen Weg, auf den ich geführt werde. Immer wieder gelange ich zu dieser Erkenntnis, und dann weiss ich besser denn je, was ich tun soll. Nicht, wie ich handeln soll, sondern dass ich es bei der jeweiligen Gelegenheit wissen werde.”[39]

Etwa drei Monate später, am 27. Juli 1942, erschien ihr wichtig, sich dieser inneren Gewissheit noch stärker bewusst zu werden. „Ich glaube, dass irgendwo eine Art Regulator in mir vorhanden ist. Ich werde jedes Mal gewarnt, wenn ich durch eine Verstimmung auf einen falschen Weg geraten bin. Und wenn ich ehrlich und offen bleibe und den guten Willen nicht aufgebe, wirklich diejenige zu werden, die ich sein sollte, und das zu tun, was mir mein Gewissen in dieser Zeit vorschreibt, dann kommt alles wieder in Ordnung. Ich glaube, dass das Leben sehr grosse Anforderungen an mich stellt und viele Pläne mit mir vorhat, aber ich muss auf die innere Stimme horchen und ihr Folge leiste, ich muss offen und ehrlich bleiben, und darf auch meine Gefühle nicht versiegen lassen.”[40]

Etty‘s Aufzeichnungen sind für sie selber oft wie ein moralisches Geländer, mit welchem sie sich einen Halt gibt. Sie ist sich jedoch bewusst, wie widerspenstig, wie verbraucht oder wie  trügerisch die Sprache sein kann. In ihrem Bestreben, „offen und ehrlich” zu sein, befasst sie sich immer wieder damit. „Ich schreibe jetzt nicht gern, es ist als verblassten und alterten die Wörter augenblicklich unter meinen Händen und verlangten nach neuen Wörtern, die  noch längst nicht geboren sind.”[41] Sprache und Angst unterstanden für sie einer Art vergleichendem Massstab. „Ich will nur Wörter schreiben, die sich organisch in ein grosses Schweigen fügen, und nicht Wörter, die nur dazu bestimmt sind, das Schweigen zu übertönen und zu zerstören”[42], hielt sie Ende Mai 1942 fest, doch was sie als ihren Willen empfand, war nicht dasselbe wie das, was sie vom Unbewussten her spürte. Es war „die Angst, die Unsicherheit, die Prüfung nicht zu bestehen.”[43]

Sie wusste, dass das Unbewusste, das sich in der Angst äussert, nur gebändigt werden kann, wenn es in seinen Ursachen durchschaubar wird. So war ihr zumute, als sie nach dem Tod von S., bevor sie wieder nach Westerbork zurückkehren musste, nochmals an ihrem Schreibtisch sass und ihren Lebensprozess zu verstehen versuchte. „Man muss mit sich selbst leben, als lebte man mit einem ganzen Volk von Menschen. Und an sich selbst lernt man dann alle guten und bösen Eigenschaften der Menschen kennen. Man muss zuerst sich selbst die eigenen schlechten Eigenschaften vergeben, wenn man den anderen vergeben will. Das ist wohl das Schwierigste, was ein Mensch lernen muss (…): sich selbst seine Fehler und Irrtümer zu verzeihen.”[44]

Was Etty als Aufgabe sich selbst gegenüber festhielt, ermöglichte ihr zunehmend, auch das Unaussprechbare anderer Menschen zu verstehen. „Ich habe früher einmal in eines meiner Tagebücher geschrieben: Ich möchte mit meinen Fingerspitzen die Konturen dieser Zeit abtasten. Ich sass damals an meinem Schreibtisch und wusste nicht so recht, wie ich an das Leben herankommen könnte. Der Grund dafür war, dass ich noch nicht zum Leben in mir selbst gekommen war. Zum Leben in mir bin ich gelangt, noch während ich an diesem Schreibtisch sass. Und dann wurde ich plötzlich in einen Brennpunkt menschlichen Lebens geschleudert, an eine der vielen kleinen Fronten, die es überall in Europa gibt. Und dort erlebte ich plötzlich dies: Aus den Gesichtern der Menschen, aus Tausenden Gesten, kleinen Äusserungen und Lebensgschichten begann ich diese Zeit – und noch viel mehr als diese Zeit – herauszulesen. Weil ich in mir selbst lesen gelernt hatte, bemerkte ich, dass ich auch in den anderen lesen konnte. (…) Dort, in den Baracken voll aufgeregter und verfolgter Menschen habe ich die Bestätigung für meine Liebe zum Leben gefunden. Das Leben in jenen zugigen Baracken stand keineswegs im Gegensatz zum Leben in diesem geschützten, ruhigen Zimmer. Ich war keinen Augenblick lang vom Leben abgeschnitten, das angeblich vorbei ist, es bestand eine grosse, sinnvolle Kontinuität. Wie soll ich das alles irgendwann beschreiben? (…) Eines weiss nun schon bestimmt: ich werde es nie so niederschreiben können, wie es das Leben selbst mit lebendigen Lettern vor mir hingeschrieben hat. Ich habe alles mit meinen eigenen Augen gelesen und mit meinen Sinnesorganen wahrgenimmen. Ich werde es nie so niederschreiben können. Das könnte mich zur Verzweiflung bringen, wenn ich nicht gelernt hätte, dass man auch mit den unzulänglichen Kräften, die man besitzt, ans Werk gehen und mit ihnen arbeiten muss.”[45]

Es ging ein knappes Jahr vorüber, in welchem Etty das Leben noch zugestanden blieb, dann nicht länger. „Nachdem die Leitung des Jüdischen Rates erklärt hatte, nichts für sie tun zu können, wurde als letzte Chance ein Brief an den 1. Dienstleiter geschrieben mit dem Ersuchen, in ihrem Fall zu intervenieren“[46] – jedoch vergebens. „Ich sehe Mutter und Vater H. und Misch in den Waggon Nr. 1 einsteigen. Etty kommt in den Waggon Nr. 12, nachdem sie eine gute Bekannte in Waggon Nr. 14 besucht hatte, die zuletzt noch herausgolt wurde. Da fährt der Zug an, ein schriller Pfiff und die 1000 ‘Transportfähigen’ setzen sich in Bewegung. Noch ein Blick auf Mischa, der  aus einem Spalt des Güterwaggons Nr. 1 winkt und dann bei Nr. 12 ein fröhliches ‘Taaag’ von Etty, und fort sind sie. – Fort ist sie. Da stehen wir, beraubt, aber nicht mit leeren Händen. Wir werden einander bald wiederfinden (…) Denn eine Freundschaft wie die ihre kann nicht verloren gehen, sie ist und bleibt bestehen.”[47]

Tatsächlich bleibt die Kraft des denkenden Herzens, die den Tod überdauert und den Überlebenden wie den Nachkommenden  den Wert weitergibt, gerade in schwierigsten Situationen mutig zu sein.

Die Frage stellt sich, wie sich unter den heutigen, zunehmend globalisierten, marktdiktatorischen Lebensbedingungen der mit keinem materiellen oder wissenschaftlichen Gewinn vergleichbare Lebenswert jedes Menschen erhalten und entfalten lässt. Wie sich die in Aggressivität und Depressivität, in Misstrauen und Abschottung ausufernden Ängste der heutigen Zeit lösen lassen, ohne dass Ideologien wieder zu gewaltbesetzten Leitplanken der Anpassung, der Unterwerfung und des Missbrauchs benutzt werden.

Wir können die Geschichte nicht rückgängig machen. Trotzdem haben wir Einfluss auf die Korrektur aktueller Entwicklung, die morgen Geschichte sein wird. Wir können uns der kreativen Kraft zeitüberdauernder Visionen menschlicher Gleichberechtigung und menschlichen Friedens erinnern und diese neu entfalten. In der vielseitigen Reziprozität von Menschsein gibt es klare und umsetzbare Entwürfe der je persönlichen wie der zwischenmenschlichen Anerkennung und Entfaltung jener Grundbedürfnisse und Grundrechte, die ein Zusammenleben ohne Machtmissbrauch und ohne Entrechtung, ohne Einschüchterung und ohne Krieg ermöglichen. Sie ist dringlich, der Mut drängt sich beinah auf. Die kreative Vernunft entspricht jenem menschlichen Grundbedürfnis, das in der Suche nach Glück nicht der Fortsetzung von Täuschung durch Ersatz von Glück ausgesetzt sein darf. Wir können mit unserem Wissen und unsern Wahlmöglichkeiten deren tatsächliche Realisierung anstreben und umsetzen.

 

[1] Etty Hillesum. Das denkende Herz. Tagebücher 1941-1943. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek b. Hamburg 1995. (Erste Herausgabe in Deutsch 1983 Freiburg i. Br./Heidelberg. Verlag F. H. Kerle, 1983. Übersetzung aus dem Niederländischen von Maria Csollany. Originaltitel: Het verstoorde Leven. Dagboeck van Etty Hillesum 1941-1943. Verlag De Haan, Haarlem 1981). – Etty Hillesum hatte 1943, vermutlich kurz vor dem Abtransport nach Auschwitz,  der mit ihr nah befreundeten Maria Tuinzing die Tagebücher übergeben mit der Bitte, sie aufzubewahren und später dem Schriftsteller Klaas Smelik und dessen Tochter Johanna (Jopie) Smelik zu übergeben. Nach dem Krieg versuchten diese vergeblich, einen Verleger zu finden. Erst 1980, d.h. vierzig Jahre später, als Klaas Smelik die Hefte J.G. Gaarlandt übergab, konnten diese entziffert und veröffentlicht werden.

[2] Hillesum. 1985 Reinbek b. Hambug. S. 175

[3] Hillesum. Reinbek b. Hamburg. S. 219 ff

[4] Hillesum. S. 114 (vermutlich 21. Juni 1942)

[5] Hillesum. S. 48-49

[6] Hillesum. S. 40

[7] Hillesum. S. 48

[8] Hillesum. S. 85

[9] Hillesum. S. 66

[10] Hillesum. S. 67

[11] Hillesum. S. 67

[12] Hillesum. S. 71

[13] Hillesum. S. 75

[14] Hillesum. S. 76-77

[15] Hillesum. S. 119

[16] Hillesum. S. 85

[17] Hillesum. S. 85

[18] zu Fuss den langen Weg von der Amstelstation zu ihrem Zimmer am 23. August 1941

[19] Hillesum.  S. 119

[20] Hillesum. S. 120

[21] Hillesum. S. 211-212. Der Abstransport von Mischa und von den Eltern nach Auschwitz wurde auf den 7. September 1943 verschoben. Es war gleichzeitig der Abtransport von Etty selber.

[22] geb. 25. April 1887

[23] gr. “cheiros” – Hand

[24] a.a.O. von S. 169 bis S. 175

[25] a.a.O. S. 53-54 (4. September 1941)

[26] Hillesum. S. 55-56

[27] Hillesum. S. 57

[28] Hillesum. S. 60

[29] Hillesum. S. 167

[30] Hillesum. S. 168

[31] Hillesum. S. 168

[32] Hillesum. S. 216-217

[33] Hillesum. S. 91-92

[34] Hillesum. S. 93-94

[35] Hillesum. S. 94

[36] Hillesum. S. 94

[37]Hillesum. S. 94

[38] Hillesum. S.156

[39]Hillesum. S. 154

[40]Hillesum. S. 166

[41] Hillesum. S. 152 (am 14. Juli 1942)

[42] Hillesum. S. 106

[43]Hillesum. S. 107-108

[44]Hillesum. S. 181

[45] Hillesum. S. 181-182 (am 22. September 1942)

[46] Hillesum. S. 220 (aus dem Brief von Joopie Vleeschouver)

[47] Hillesum. S. 221

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