Angst vor der Zukunft

Angst vor der Zukunft

6th ABBOTT Management Forum 3.-4. November 2005, Interlaken

 

Summary der Workshops I und II

 

In beiden Workshops ging es zuerst um das Erkunden der unterschiedlichen Ängste, anschliessend um das Erarbeiten möglicher Veränderungs- und Heilungsprozesse.

Die Inhalte der zwei Workshops werden hier als gemeinsames Resultat der dreistündigen Arbeit zusammengefasst.

 

Wann und wie wird Angst erlebt?

Im Arbeitsalltag:

 

  • Es sind Situationen im Arbeitsalltag, in welchen die beruflichen Aufgaben sich unter grossem Zeitdruck steigern, in welchen der Rhythmus von Aufmerksamkeit, Konzentration und Lösungsmöglichkeit verloren geht, da in kürzester Abfolge unterschiedliche Präsenz, Erkundigung, Information, Erledigung erfordert wird, die nicht gleichzeitig erfüllt werden kann. – Im zunehmend wirren Geflecht von Verantwortung wird Angst in innerlich lähmenden Gefühlen der Unschlüssigkeit und der Überforderung spürbar.

 

  • Es sind Erfahrungen nicht vorhersehbarer Komplikationen in der Leistungserwartung gegenüber der beruflichen Funktion (plötzliche Erkrankung und Fehlen eines Mitarbeiters – z.B. des Kochs -, für welchen bei allen anderen Pflichten innerhalb kürzester Zeit eine Stellvertretung gefunden werden muss; zusätzliche dringliche Anfrage von übergeordneter Stelle, ein Problem zu lösen, deren Erledigung nicht aufschiebbar ist, trotz gleichzeitiger anderer beruflicher Aufgaben, die erfüllt werden müssen). – Die Angst äussert sich im beklemmenden Zweifel, den Aufgaben unter dem Zeitdruck nicht gewachsen zu sein.

 

  • Es ist auf Grund wiederholter Erfahrungen die Vorstellung von Missverständnissen, von Fehlinterpretationen und Fehlentscheiden, von Behinderung oder Verunmöglichung, etwas dagegen zu tun. – Die Angst, die damit einhergeht, lässt mehr und mehr verstummen oder weckt eine zusätzliche Sorgfalt in jeder Art von Kommunikation.

 

  • Es ist die Nichtvorhersehbarkeit der Entwicklung der Firma auf Grund wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Prozesse oder auf Grund “strategischer” Entscheide der Leitungsgremien, die mit Entlassungen, Verschiebungen und Degradierungen einhergehen kann. – Es ist eine Angst, die mit Vorstellungen (oder Erfahrungen) der Wehrlosigkeit des/der Schwächeren einhergeht – des Objektstatus – und die ein anspannendes (Stress), belastendes bis erschöpfendes, ständiges Bestreben weckt, entweder nicht aufzufallen oder sich durch besondere Leistungen hervorzutun.

 

  • Es sind Wiederholungen schwer ertragbarer Unsicherheit, ob Vorbereitungen und Wissen genügen können, um einerseits eine gut gelingende Präsentation, Moderation etc. zustande zu bringen, um andererseits der Beurteilung und Bewertung, die erfolgt, gewachsen zu sein und nicht enttäuscht zu werden. – Es ist eine Angst, die unter dem Druck der Perfektion immer wieder belastende, manchmal auch hemmende Spannungen auslöst und die mit der Vorstellung einher geht, nicht genügen zu können (analog der Prüfungsangst in der Kindheit).

 

1b) Im privaten Leben:

 

  • Es sind im Zusammenhang des privaten Lebens Momente der kaum ertragbaren Vorstellung, einen geliebten Menschen, der verlässlichen Halt und stärkende Nähe bedeutet, zu verlieren und allein gelassen zu werden. – Es ist eine Angst, die mit der Begrenztheit des Lebens und der Unvorhersehbarkeit des Todes einhergeht, eine Angst vor der Zukunft, die sich mit der nicht verhinderbaren Tatsache des möglichen Verlustes einer wesentlichen, nicht ersetzbaren Beziehung verbindet. Diese Angst bewirkt einen seelischen Schmerz wie eine Vorwegnahme verzweifelter Trauer.

 

  • Es sind im gleichen Zusammenhang bedrückende Erwägungen, älter und alt zu werden, nicht mehr leistungsfähig zu sein, einerseits selber der Unterstützung zu bedürfen, andererseits der eigenen Verantwortung, für hilfebedürftige Familienmitglieder aufzukommen, nicht mehr gewachsen zu sein. Damit einhergehen bedrückende Vorstellungen, die emotionale Nähe und geistige Wachheit zu verlieren. – Es ist eine Angst, die mit dem Wissen um die Tatsache der schwindenden Lebenskräfte einhergeht, ebenso mit dem moralischen, vom Beziehungswert geprägten Bewusstsein zwischenmenschlicher, insbesondere familiärer Verpflichtungen, die zu erfüllen eventuell zunehmend schwieriger sein wird.

 

  • Es sind im persönlichen Beziehungszusammenhang auch Vorstellungen körperlicher und seelischer Verletzungen, eventuell sogar lebensbedrohlicher Gefährdung der eigenen Kinder – Tochter oder Sohn – angesichts der Tatsache nicht beeinflussbarer und nicht verhinderbarer äusserer Gewalt (Rücksichtslosigkeit im Verkehr, Tatsache massloser Mutproben der Jugendlichen u.a.m.). – Es ist eine Angst, welche durch zunehmende gesellschaftliche Rücksichtslosigkeit begründet ist, die oft ohne akute Gefährdung einsetzt, jedoch mit beklemmender Unruhe und Gefühlen lähmender Ohnmacht überhand nimmt.

 

  • Es sind im privaten wie im beruflichen Leben Gefühle der Hilflosigkeit angesichts breiter, anwachsender Orientierungslosigkeit und Werteverluste der Jugend, angesichts deren Betörbarkeit resp. Verführbarkeit in wirtschaftlichen und ideologischen Überangeboten, deren Verlust innerer Sicherheit, deren Haltlosigkeit und Flüchtigkeit in Beziehungsfragen. – Es ist eine je individuelle Angst vor der Zukunft, welche mit einem Gefühl der Ohnmacht in Hinblick auf die hilflose Ausgesetztheit der nächsten und der übernächsten Generation einer nicht mehr planbaren, nicht mehr messbaren globalen Entwicklung einhergeht. Die Angst wird verstärkt durch die Tatsache, dass schon die heutige Generation der Erwachsenen die tägliche Beschleunigung der technologischen und marktmässigen Entwicklung als Realität erlebt: als Realität der Virtualität. Die Gefühle der Ratlosigkeit angesichts dieser Entwicklung werden spürbar in einer Angst, die von vielen Menschen mitgetragen wird. Es handelt sich somit um eine sowohl persönliche wie kollektive Angst, die durch die nicht absehbaren Folgen von so genanntem “Fortschritt” anwächst, durch die zunehmende Virtualität in Kommunikation und Information, durch wachsenden Zeitdruck, durch den Verlust stabiler Familien- und Gesellschaftsbande, durch Überangebote von trendmässiger Zerstreuung und von Massenevents sowie von pharmakologischen und anderen drogenähnlichen Ersatzstoffen zum Zweck emotionaler Animation oder nervlicher Beruhigung. Es ist die Angst vor dem Gefangensein des einzelnen Menschen auf einem globalisierten, sich beschleunigenden Massenkarrussell, von welchem das Weggeworfenwerden ins Leere droht: die Angst vor der Realität einer realitätsfremden Zukunft.
  1. Wie mit der Angst umgehen, damit sie nicht überhand nimmt?

    Wie lässt sie sich vermindern? Ist ein angstfreies Leben möglich?

 

2a) Klärung der Ursachen der Angst:

 

  • Wichtig ist das Erarbeiten der Familiengeschichte, insbesondere der persönlichen Geschichte mit frühesten, frühen und späteren Kindheitserfahrungen, welche Angst auslösten: einerseits momentane Angst, welche mit Erschrecken einherging (z.B. Donner und Blitz, Wechsel des Wohnortes, jedoch ohne Erfahrung von Erniedrigung, von psychischer Gefährdung oder von Strafe, auch ohne Verlust von nahen Bezugspersonen etc). Diese momentane Angsterfahrung ist in der Regel als Erinnerung gespeichert; analoges Erschrecken, das Angst bewirkt, lässt sich somit häufig erklären, so dass die Angst sich lösen kann. Sie hat eine warnende Funktion, die das Denken anregt, eine kluge Möglichkeit der Abwehr von Gefährdung, des Schutzes und der Sicherheit zu finden. Diese Art von Angst, bei welcher die Ursachen und die Abwehr-, Rettungs- und Sicherheitsmöglichkeiten bekannt sind, hat eher die Bedeutung von Furcht. Sie stärkt das Bewusstsein eigener Schutzmöglichkeiten und kann somit als Erfahrung im positiven Sinn verstanden werden kann.

 

  • Angstzustände der Kindheit können andererseits mit wiederholten, fortgesetzten Erfahrungen der Verlassenheit einhergehen. Sie sind Ausdruck des Mangels an Sicherheit, an Geborgenheit und Wärme (“holding security”), Erfahrungen des nicht gestillten Hungers und der nicht beachteten Bedürfnisse, Erfahrungen der Wehrlosigkeit gegenüber Willkür und Täuschung, Missbrauch und Gewalt. Es geht dabei um Erfahrungen, die mit der Infragestellung des Existenzwertes, des Lebenswertes, des Ich-Wertes einhergingen, durch welche die vielfache Abhängigkeit des Kindes von Erwachsenen mit einzelnen oder mit zahlreichen seelischen Mangelprägungen verbunden war: sowohl mit der Tatsache eigener, persönlicher Hilflosigkeit wie gleichzeitig mit der Tatsache der bedrohlichen Macht der Erwachsenen, die als Allmacht, Rücksichtslosigkeit und Undurchschaubarkeit erlebt wurde, als Kälte und Härte.

 

2b) Möglichkeiten der Verminderung von Angst sowie der Stärkung von Selbstvertrauen:

 

  • Ein Teil dieser frühen, traumatisierenden Erfahrungen, die zum Teil im Schulzeitalter und später wiederholt wurden, wurden aus Schutznotwendigkeit verdrängt, tabuisiert oder verschönt. Traumata sind jedoch psychische Wunden, die weiter belasten und deren schmerzliche Belastung sich als hemmende bis lähmende Angst steigert, bis ein sorgfältiger Klärungsprozess eine Heilung ermöglicht. Die frühen Erfahrungen können im Heilungsprozess Gefühle der Wut und der Abwehr wecken, die ebenfalls nicht zugelassen waren, die jedoch ebenfalls des Erkennens der Ursachen benötigen, um nicht auf andere – eventuell auf schwächere – Menschen als Ersatzobjekte projiziert zu werden, letztlich um überhaupt Bedürfnisse der Rache unnötig zu machen. Frühe und spätere traumatisierende Erfahrungen lassen sich dann als Teil der eigenen Geschichte verstehen, sie lassen sich einordnen und lassen damit einen Heilungsprozess zu. Dieser ermöglicht, andere Teile der Geschichte ebenfalls neu zu verstehen, die trotz schwer belastender Mangelerfahrungen eine starke Überlebenskraft bedeuteten und deren Wert aktiviert werden kann. Es mag die Erinnerung an Momente sein, in welchen der eigene Mut – die Kraft des “Herzens” – eine Neuorientierung ermöglichte.

 

  • So lässt sich aktuelle hemmende, belastende Angst im beruflichen und öffentlichen Zusammenhang vor übergeordneten Personen und Instanzen, die einhergeht mit sich ducken und schweigen, mit Scheu sich zu äussern, mit innerlich lähmenden Vorstellungen der möglichen Folgen von kritischem Fragen, von Sich-Beschweren oder gar von Auflehnung, aus der Summierung verdrängter, früher Ängste verstehen. Durch die Klärung wird ermöglicht, nicht nur die Ursachen der aktuellen Angstbesetztheit besser zu verstehen, sondern auch zu verstehen, dass diese Angstbesetztheit keiner Fortsetzung bedarf, dass das eigene Ich sich andere Wahlmöglichkeiten zugestehen darf. Die Aktivierung des Grundbedürfnisses nach Freiheit, das einhergeht mit dem Grundbedürfnis nach persönlichem Wert und nach Lebenssicherheit, findet eine Unterstützung durch die neue Erinnerung auch der guten Teile der eigenen Geschichte, durch welche das eigene Überleben und die Möglichkeit zu lernen, sich Ziele zu setzen, beziehungsfähig und verantwortungsbewusst zu sein, letztlich wichtige Werte aufzubauen und zu halten, bestätigt und gestärkt wird. Die negativen Auswirkungen von Angst – Misstrauen, hemmende bis lähmende Abschottung, Rückzug in Passivität, Besetztheit durch Vorstellungen der Gefährdung, belastende innere Gewalt, die nach Umsetzung drängt – lassen sich lösen. Eine Stärkung begründeten Selbstvertrauens wird möglich, dadurch auch zunehmend ein wachsendes Vertrauen gegenüber der Zukunft.

 

  • Da schwere Verlusterfahrungen in der Kindheit die Angst verstärken, nahestehende, geliebte Menschen zu verlieren, mag es nützlich sein, die Lebens- und Zeitgeschichte jener Menschen zu verarbeiten, um deren Verlust auf andere Weise zu verstehen, um eventuell auch eine Trauer, die nicht zugelassen war, nachholen zu können. Die damalige Angst und die aktuelle Angst lassen sich von einander unterscheiden, so dass auch die aktuelle Angst eine andere Bedeutung bekommt. Sie lässt sich verstehen und kann dadurch gemindert werden. Es mag auch die Erinnerung an einen weiteren Menschen von stärkender Bedeutung sein, der weder Enttäuschung noch Erniedrigung bedeutete, sondern eine sichere und stärkende Präsenz, trotz der erlebten und schwer belastenden Verlusterfahrung. Nicht Angst wird mehr die aktuelle Beziehung zu geliebten Menschen beherrschen, sondern Fürsorge und zunehmend auch Vertrauen in eine schützende Kraft, die jedes Leben begleitet.

 

  • Auch die Angst vor dem Älterwerden und vor dem Tod kann gemindert werden, wenn die Ursachen der Angst geklärt werden können, wenn die Angst verstanden werden kann. Es ist nicht leicht, Abschied zu nehmen; es mag hilfreich zu wissen, dass die Philosophie seit der vorsokratischen Antike die Zeitlosigkeit der “psyche” – der menschlichen Seele – annimmt, somit die Möglichkeit der Fortdauer stärkender Werte der Liebe, über den Tod hinaus. Es ist auch nicht leicht, sich mit der Vorstellung des eigenen Älterwerdens sich auf andere Weise wieder abhängig zu fühlen, in vielem vergleichbar der Abhängigkeit des Kindes von Erwachsenen. Wichtig ist, dass eine Zustimmung zum Leben überhaupt in der vielseitigen, reziproken Abhängigkeit der Menschen untereinander zustande kommen kann; dass über die eigene Solidarität zu Menschen, die bedürftig sind, eine Zuversicht geweckt werden kann, selber nicht im Stich gelassen zu werden; dass auch eine Zustimmung zum nicht abbrechenden Lernen, eine Offenheit dem Unbekannten gegenüber wach gehalten werden kann. Durch diese Zustimmung zum Wert des Lebens auch unter anderen, begrenzteren Bedingungen lassen sich neue Möglichkeiten der Erfahrung menschlicher Verlässlichkeit erleben, lassen sich neue Möglichkeiten der Kommunikation – des Verstehens und des Verstandenwerdens – finden.

 

  • Die Angst vor der Zukunft angesichts der bei vielen Jugendlichen spürbaren und feststellbaren Orientierungslosigkeit und Werteverlust, auch angesichts der persönlichen Ängste vor den gesellschaftlichen Auswirkungen nicht messbarer und in vielem massloser Steigerung des sogenannten “Fortschritts” stellt persönliche Aufgaben. Kritisches Denken und Zustimmung zu Werten der gleichen Lebenssicherheit, des gleichen Respekts und der gleichen wohlmeinenden Aufmerksamkeit im je persönlichen Entscheidungs- und Handlungsbereich sowie im gemeinsamen Bereich von Arbeiten und Leben, damit bewusste Sorgfalt im Ausüben von Macht ermöglicht, der zunehmenden Entpersönlichung und Virtualität eine tragbare andere Realität entgegen zu stellen. Globale Entwicklungen lassen sich nur über partielle Gegenentwicklungen beeinflussen, die am Ort, wo sie stattfinden, für Menschen, die sich überfordert und überrollt, haltlos und wertlos fühlen, einen Halt und ein anderes Zeitmass zu bieten, dadurch eine andere Erfahrung menschlicher Ansprechbarkeit und Verlässlichkeit ermöglichen. Es geht dabei um Erfahrungen, die den Verantwortlichen, die diese wagen, mehr Lebenssinn und einen Abbau der Angst ermöglichen. Zugleich erleben sie, dass sie für jüngere Menschen ein Vorbild sein können. Sie ermutigen sich selber und andere, den nicht über Geld messbaren und nicht mit Materiellem vergleichbaren Wert menschlichen Lebens und menschlicher Verlässlichkeit im Beziehungszusammenhang, der durch nichts ersetzbar ist, neu zu verstehen und zu achten. Die grosse Mangelerfahrung, die oft erlebt wurde und erlebt wird, dass das Gesagte und das Getane – Theorie und Praxis – nicht übereinstimmen, kann korrigiert werden. Angst als zutiefst verunsichernde und hemmende innere Gewalt kann vermindert, eventuell sogar aufgelöst werden, wenn die Chance, die Grundbedürfnisse des Lebens für sich selber und für andere zu achten, tatsächlich ernst genommen wird.

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