Erbschaftseinblicke: Wahl und Nicht-Wahl Arnold Zweig – Sigmund Freud / Sigmund Freud – Jacob Freud (7. Kapitel Erbschaften ohne Testament)

Erbschaftseinblicke:  Wahl und Nicht-Wahl

Arnold Zweig – Sigmund Freud / Sigmund Freud – Jacob Freud

 

„Ein Gott vermags. Wie aber, sag mir, soll

ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier?

Sein Sinn ist Zwiespalt. An der Kreuzung zweier

Herzwege steht kein Tempel für Apoll.“[1]

 

Die Untersuchungen der Entwicklungsgeschichte von Frauen – auch in deren Vaterbeziehung und in deren Mut, sich aus Herkunftszwängen zu lösen –, ermöglichen anzunehmen, dass Töchter hinsichtlich des väterlichen Erbes über grössere Freiheit verfügen als Söhne, die das Geschlecht fortsetzen und denen unter dem Blick des Vaters ein Bild der Nachfolge angeheftet wird. Ob es anwächst und mit der Haut verschmilzt, oder ob es abgeworfen und durch ein selber geschaffenes ersetzt wird, das hängt von vielen Faktoren ab und diese bewirken eine Vielfalt an Entwicklungen, sei es als ungenügender Abkömmling, sei es als Rivale, der zum Opfer oder zum überlegenen und überlebenden Sieger wird, sei es als gleichberechtigter Nachkomme, der sich nicht der väterlichen Machtkonkurrenz ausgesetzt fühlt und daher ihrer nicht bedarf.

Dass der gleichzeitig auf den Söhnen ruhende Blick der Mütter wie auch jener der Schwestern von prägendem Einfluss auf das Selbstbild und auf die Wahl späterer Beziehungen ist, zeigt sich deutlich in der Auseinandersetzung mit Sigmund Freuds persönlicher Geschichte. Diese führt eine Spur weiter. Insbesondere lässt sich die Differenz der Beziehung einerseits zum nicht wählbaren Vater, andererseits zu einem verehrten Wahlvater näher betrachten ebenso wie jene des Vaters zu eigenen Töchtern und Söhnen oder zu Wahlsöhnen.

„Neunzehn Jahre, (…), ein schmaler Junge, der bald stirbt. Das ist seine Geschichte. Sie fängt beim Vater an – alle Menschengeschicke fangen bei Vätern an.“[2]

 Als Arnold Zweig[3] 1931 den Band Knaben und Männer veröffentlichte, stand er seit vier Jahren im Briefaustausch mit Sigmund Freud. Erst hatte er ihn mit „Sehr geehrter Herr Professor Freud“ angesprochen und ihn demütig gefragt, ob er ihm sein Buch Caliban oder Politik und Leidenschaft[4] widmen dürfe. Wenig später begannen die Briefe mit „Sehr verehrter und geehrter Herr Freud“, am 11. Dezember 1931 das erste Mal mit Lieber Herr und Vater Freud“, schliesslich am 16. November 1932 mit „Lieber Vater Freud“, später auch mit „Liebster, verehrter Vater Freud“.

Der mit Bewunderung und Hingabe erkorene Vater kam dem dreissig Jahre jüngeren Schriftsteller nach einigem Zögern entgegen. Da dieser nicht zur Wiener „Vereinigung“ und somit nicht zu den eigentlichen „Schülern“ gehörte, traten kaum Rivalisierungsängste auf. Der Gedankenaustausch wurde offen zugelassen und mit den Gedanken der Austausch von Empfindungen und Gefühlen, die mit den Arbeitsprojekten, den körperlichen Beschwernissen und den für beide zunehmend schwierigeren Lebensbedingungen zusammenhingen. Freud bezeichnete Zweig jedoch nicht als Sohn, sondern nannte ihn „Meister“ – „Meister Arnold“ und beendete jeden Brief mit „Ihr Freud“, gegen Ende seines Lebens mit „Ihr getreuer Freud“. Als ein Symbol, das dem geistigen Erbe von Goethes Wahlverwandtschaft entsprach, hatte er ihm aus seinen Sammelobjekten erst drei griechische Goldmünzen, dann Anfang September 1937 einen Ring geschenkt, den Arnold Zweig fortan ständig trug.

Als Arnold Zweig am 4. April 1938 per Telegramm erfuhr, dass die Flucht seines „liebsten Vaters“ aus dem von der Gestapo kontrollierten Wien endlich zustande kam – „Leaving today for 39, Elsworth Road, London N.W. 3. Affect. Greetings, Freud“ -, antwortete er am selben  Tag mit dem Achtzeiler, der dem ganzen Briefwechsel bei dessen  Veröffentlichung vorangestellt wurde und der für die Vielschichtigkeit in der Fragestellung der Aussage einen Fächer an Deutung anbietet.

„Dem Vater Freud:

Was ich war, bevor ich

Dir begegnet,

Steht in diesen Seiten

mannigfalt.

Welches war wie

Deins gesgnet?

Welches Wissen hat wie

Deins Gewalt?“

Bevor Arnold Zweig zum „sohnhaft liebenden“[5] Vertrauten Sigmund Freuds wurde, hatte er mehrere Lebensetappen durchgestanden, die ihn, wie man annehmen könnte, längst ins Erwachsenenalter katapuliert hatten. Er war 40 Jahre alt und selber Vater von zwei Söhnen, hatte den Ersten Weltkrieg als Soldat der Preussischen Armee an der Front in Serbien, Belgien und im französischen Verdun durchgestanden, er kannte die desolate Armut der Landbevölkerung, auch die Notzustände des von Pogromen heimgesuchten Ostjudentums und Martin Bubers sozialistisch-zionistischen Vorstellungen eines besseren Lebens in Palästina. Nach dem Hitlerputsch von 1923  hatte sich Arnold Zweig in München so bedroht gefühlt, dass er mit seiner Familie nach Berlin gezogen war. In breiten Kreisen war er als kritischer Denker und Schriftsteller anerkannt und angefeindet, als 1927 mit der Veröffentlichung von Caliban der Briefwechsel mit Sigmund Freud einsetzte. Es war vier Jahre später, nach Freuds 75. Geburtstag, dass er durch die Anrede „Lieber Herr und Vater Freud“ das Bedürfnis nach einer nicht mehr lösbaren Bindung kund tat.

Warum „Vater Freud“? Arnold Zweig erwähnte in diesem Brief vom 11. Dezember 1931 einerseits den zweieinhalb Jahre früher verstorbenen Hugo von Hofmannsthal, der auf dem Weg zum Begräbnis seines ältesten Sohnes, der sich das Leben genommen hatte, einer Hirnblutung erlag. Andererseits ging er auf den vor knapp sechs Monaten unerwartet vom Tod heimgesuchten Arthur Schnitzler[6] ein. Über Schnitzlers Tod habe er noch zu niemanden kein Wort sagen können, schrieb Zweig, „denn er ähnelte meinem Vater körperlich, nur dass mein Vater ein bäurischer Jude war, und sein ‚Weg ins Freie‘’ hat mir einmal mehr bedeutet als die anderen Erzeugnisse Schnitzlers und seiner Generationsgenossen.“[7]

Vieles ging mit dem Vergleich einher, einerseits die Erinnerung an den  eigenen Vater, der ein emanzipierter und zugleich ein traditionell-jüdischer Handwerker gewesen war, ein Sattlermeister, der dem Sohn das Gymnasium und Studienaufenthalte in Breslau, München, Berlin, Göttingen, Rostock und Tübingen ermöglicht hatte. Andererseits waren es Gedanken an den Tod, war doch Hofmannsthal achtzehn und Schnitzler acht Jahre jünger gewesen als Freud und beide waren infolge eines Herzversagens resp. einer Hirnblutung plötzlich gestorben. Arnold Zweig selber stand in der Lebensmitte, litt jedoch unter zunehmender Kurzsichtigkeit wie unter der Ungewissheit der politischen Entwicklungen in Deutschland.

War es für Zweig ein Ausdruck von Hoffnung, durch die Nähe zu Freud, der seit acht Jahren eine schwere Krebserkrankung und mehrere damit verbundene Gaumen- und Kieferoperationen zu ertragen hatte, den Schutz durch einen dem Tod überlegenen, gottähnlichen Vater zu finden?  Wünschte er sich das Recht zuzugestehen, eine neue Art Sohn zu sein, selber wieder auf kindhafte Weise geliebt und im täglich erforderten Mut unterstützt zu werden? Brauchte er, der den eigenen zwei Söhnen gegenüber als Vorbild und Lehrmeister zu wirken hatte, jedoch immer wieder mutlos wurde und schweren Depressionen anheimfiel, der Bestätigung, von analogem Wert zu sein wie der „verehrte Vater“? War er sich des übergriffigen Besitzanspruchs, der mit seinen Wünschen einherging, bewusst? Tatsächlich öffneten sich hinter Arnold Zweigs „Vater Freud“ unausgesprochene Bedürfnisse.

Wie reagierte Freud darauf? Einerseits war er Arnold Zweig wohlgesinnt, wie er schon am 21. August 1930 zum Ausdruck brachte, als er dessen Glückwünsche zum Goethepreis, den die Stadt Frankfurt ihm zugesprochen hatte und den seine Tochter Anna an seiner Stelle entgegennahm, als die „ergreifendsten“ unter den vielen Glückwünschen bezeichnete. „Beim Durchlesen Ihrer Zeilen machte ich die Entdeckung, dass ich mich nicht viel weniger gefreut hätte, wenn man Ihnen den Preis gegeben hätte, und bei Ihnen wäre er eigentlich besser am Platz gewesen. Aber Ihnen steht gewiss viel Ähnliches bevor.“[8]

Freud, der bis anhin von Arnold Zweig als „Herr Professor“ angesprochen worden war, hatte in diesem Brief fälschlicherweise mit „Lieber Herr Doktor“ geantwortet, worauf Arnold Zweig, der trotz seines ausgedehnten Studiums keinen Doktortitel erworben hatte, beschloss, auch bei Freud den akademischen Titel wegzulassen. Bedurfte er anstelle des Professors eines anderen, ebenbürtigen Titels, jenes des „Vaters“, um seine emotionale Nähe und Abhängigkeit zum Ausdruck zu bringen? Und was wünschte Freud mit dem zwei Jahre später zugesprochenen „Meister“-Titel zu bekunden?  Wollte er die Verwechslung von Arnold Zweig mit Stefan Zweig und dessen Doktortitel korrigieren, die ihm unterlaufen war und die er im Brief vom 10. September 1930 als „von unbekannten Mächten bewirkte Fehlleistung“ bezeichnete, die „als Störung den anderen Zweig aufzeigte (…). Er hat mir im letzten Halbjahr einen starken Grund zur Unzufriedenheit gegeben, meine ursprüngliche starke Rachsucht ist jetzt ins Unbewusste verbannt, und da ist es ganz gut möglich, dass ich einen Vergleich anstellen und eine Ersetzung durchführen wollte.“ [9] Noch beantwortete er Zweigs Briefe weiter mit dem konventionellen „Lieber Herr Zweig“, bis er am 8. Mai 1932, d.h. im fünften Jahr der  Korrespondenz, die Anrede änderte und ihn mit „Lieber Meister Arnold“ ansprach. Im darauf folgenden Brief vom 18. August des gleichen Jahres ergänzte er bloss „Ich glaube, der Name soll Ihnen bleiben“.[10] Sollte Arnold Zweig dadurch bestätigt werden, die „Meister“-Prüfung bestanden zu haben?

Auf jeden Fall verdichtete sich der wechselseitige Austausch an Überlegungen und an Selbstbefragungen, an Auseinandersetzungen mit wissenschaftlicher und literarischer Arbeit, mit gesundheitlichen Problemen und persönlichen Verlusten, mit den Tatsachen des anwachsenden Nationalsozialismus.  Als 1933 Arnold Zweig erlebte, wie seine Bücher verbrannt wurden, floh er zusammen mit seiner Frau und den Söhnen über die Tschechslowakei und die Schweiz nach Sanary-sur-Mer in Südfrankreich, wo er eine Reihe Berliner Freunde wieder traf, unter anderen Lion Feuchtwanger, Annah Seghers und Bertold Brecht. Es war nur ein Zwischenhalt. Er entschloss sich, Europa zu verlassen und nach Haifa auszuwandern.

Doch das damalige Palästina wurde für Arnold Zweig zum belastenden Exil, er fühlte sich in jeder Hinsicht fremd. In den Briefen an Freud klagte er über die araberfeindliche, militarisierte und in sprachlicher Hinsicht einseitig auf Ivrit reduzierte Entwicklung des Zionismus. Gleichzeitig war er beunruhigt, weil sich Freuds Gesundheitszustand verschlechterte. Dieser ging selten darauf ein, viel mehr auf die Arbeit am dritten Teil des Moses, in die er Arnold Zweig einbezog. Für Freud war es die gewagteste und klarste Auseinandersetzung mit der jüdischen Vatergeschichte, die er abschliessen wollte. Als am 11. März 1938 der Einmarsch Hitlers in Wien erfolgte, gab es für die Ausreise von Sigmund und Martha Freud sowie von Anna Freud keinen Aufschub mehr. Am 4. Juni 1938 trafen sie in London ein.

Schon ein gutes Jahr vorher, am 2. April 1937, hatte Freud an Arnold Zweig geschrieben „Mein hereditärer Lebensanspruch läuft, wie Ihnen schon bekannt, im November ab[11]. Ich möchte gern Garantien bis dahin annehmen, aber länger möchte ich wirklich nicht verzögern, denn alles herum wird immer dunkler, drohender, und das Bewusstsein der eigenen Hilflosigkeit immer aufdringlicher.“[12] Für Arnold Zweig ging die Sorge um den „liebsten Vater“ mit Ängsten einher, die er unverblümt mitteilte, „denn Sie müssen daran denken, dass wir ohne Sie eine Herde ohne den Hirten sind und ein Kinderstall ohne Vater, um es biblisch auszudrücken.“[13]

Im Oktober 1938 schaffte es Arnold Zweig, von Haifa über Frankreich nach London zu gelangen, um seinen  „liebsten Vater“  nochmals zu sehen, doch die Begegnung liess keine Nähe mehr spüren. „Es war Ihnen gewiss anstrengend und mir schmerzlich, Ihnen so ungeordnet und überstopft gegenübertreten zu müssen. (Dieser Satz ist nicht ganz in Ordnung, also richtig). Aber ich habe es an Arbeit nicht fehlen lassen, mein Inneres besser aufzuräumen und ich werde es auch weiter tun. Und nun fühle ich beglückt, (…) dass die unablässige Urteilskraft, die Ihnen eignet, wieder an einem eigenen Schreibtisch arbeitet, (…) und dass Ihr Herz, Ihre grosse stumme Liebe, Ihr grosses stummes Leiden an unseren unselig zwiespältigen Menschen eingerahmt wird von Ihrem neuen, verjüngten Heim.“[14]

Zurück in Haifa fühlte sich Arnold Zweig zunehmend entmutigt. „Ich finde es sinnlos, weiter Werke auf so schaurigem Hintergrund loszulassen. Es ekelt einen so. Ich fürchte, das Maschinen-Zeitalter hat die Insektenseele in der Menschheit reaktiviert, und der Kulturabschliff des Krieges hat sie zur Oberfläche gebracht. Ameisen und Termiten bereiten sich vor, den Globus zu überschwemmen. Die Demokratien benehmen sich dabei wie die Blattläuse: sie lassen sich melken.[15]

Die Entfernung zwischen Arnold Zweig und seinem Wahlvater wurde auch in den Briefen spürbar. Es war, als ob sich die Worte aus dem innern Bezug gelöst hätten und die Sprache leeres Konstrukt würde. Freuds Krankheitszustand verschlechterte sich zunehmend. „Kein Zweifel, dass es sich um einen weiteren Vorstoss meines lieben alten Carcinoms handelt, mit dem ich seit 16 Jahren die Existenz teile“[16] Knochenstücke wurden abgestossen, die Schmerzen waren kaum mehr ertragbar.  Arnold Zweig hatte in Haifa einen schweren Autounfall knapp überlebt und erholte sich langsam. Seinem „liebsten Vater Freud“ schrieb er am 23. März 1939: „Ich bin voller Fragen an Sie über Sie selbst, aber Scham und Scheu hinderten mich bisher und werden es wohl immer tun. Die Steinach-Operation, die Karzinom-Operation, die Jahre im resistenten Wien, das Erlebnis mit Jung, mit Stekel, mit Rank: all dies sind Dinge, von denen ich mehr hören möchte.“[17]

Warum hatte Arnold Zweig nicht früher Fragen gestellt? Hatte er sich für die inneren Konflikte des „liebsten Vaters Freud“ überhaupt interessiert? Von Freud traf keine Antwort mehr ein. Das Moses-Buch war erschienen. Arnold Zweig hatte ein Exemplar erhalten und es gleich gelesen. Er hatte erwartet, dass sein Caliban darin zitiert würde. Dem todkranken „liebsten Vater“ machte er aus Enttäuschung eine knappe, freche Bemerkung. „Schade, dass Sie meinen Caliban nirgends zitieren konnten; eine bestimmte Stelle ermutigt mich zu diesem leisen Vorwurf. Zur Strafe wird Adam Ihnen eine ‚Kritik’ des Moses aus der hebräischen Zeitung der Ganz Schwarzen (Agudath Jisrael) übersetzen.“[18]

Arnold Zweig bauschte sich gegenüber dem sterbenden „liebsten Vater“ mit einem Revanchespiel auf und benutzte dazu den eigenen jüngeren Sohn als Instrument. Einen Monat später, im Brief vom 9. September 1939, gab er zum Ausdruck, dass ein „Übermut“ ihn „gezwickt“ habe, als er ihm geschrieben habe, er werde ihm „zur Strafe die Übersetzung der frechsten und unsinnigsten Kritik“ schicken. Doch weder Bedauern noch Entschuldigung fügte er bei, nur dass er sich gräme, nicht Arzt geworden zu sein.

Es war der letzte Brief, den der mit sich und seiner Zugehörigkeit hadernde „Sohn“ an seinen Wahlvater richtete, dessen qualvolles Krebsleiden er ebenso wenig ertragen konnte wie seine eigene Hilflosigkeit. Am wenigsten konnte er ertragen, in seinen Erwartungen  unbefriedigt zu bleiben, im grossen, abschliessenden Moses-Werk des „geliebten Vaters“ keine Erwähnung zu finden und damit auf sich selber gestellt zu sein.

War es der Mangel an Mut, der tragenden und wärmenden Kraft des Herzens, die sich bei Arnold Zweig in deren Kehrseite, in „Übermut“, äusserte und dem triebhaften Aufbegehren nach Macht die Hand bot? Der Beziehungskreis zwischen dem erfolgshungrigen Schriftsteller, der der väterlichen Unterstützung bedurfte, hatte mit Caliban begonnen und endete gewissermassen mit Caliban.

Was Arnold Zweig mit seinem „Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften, dargetan am Antisemitismus“ als Untersuchung kollektiver, insbesondere deutscher Notwendigkeiten der Schuldüberwälzung eigenen Versagens und Mangels an Erfolg, zur Erklärung der Feind- und Hassübertragung erarbeitet und 1927 publiziert hatte, war durch die Titelwahl Caliban eventuell mit kaum kontrollierbarer eigener Unterwerfungshaltung und aggressiver Missgunst vernetzt.  In der Vorrede zum Buch findet sich der Bezug zu Shakespeare’s Patenschaft[19], jedoch auch zu sich selber, schrieb er doch „ja sein (Shakespeare‘s) Caliban war die Verkörperung des Triebwesens und zwar meines ‚Differenzaffekts‘ selbst. Caliban lebt unterhalb von Gut und Böse – ein Bursche, bemitleidenswert, auch noch in seiner bellenden Bosheit. Lust, Zorn, Hass, Rache, Angst, abergläubisches Niederfallen vor dem Fetisch und eine Menge roher Gewalt regieren ihn.  Es war der Differenzaffekt, kein Zweifel, den ich in der Gruppenseele festgestellt, aus dem Unbekannten heraufgeholt und wie ein Botaniker der Seelenflora beschrieben zu haben mir bestätigte. (…) Caliban sagte genug.“[20]  Erschien sich  Arnold Zweig selber als  „bemitleidenswert“?

Sigmund Freud starb am 23. September 1939. Drei Wochen vorher, am 1. September 1939, war mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen der Zweite Weltkrieg Realität geworden.

Arnold Zweig verliess 1948 Haifa und kehrte nach Ost-Berlin zurück, wo er am 26. November 1968, mit 81 Jahren starb, vielfach geehrt, als Mitglied des Weltfriedensrates und als Abgeordneter der Volkskammer der DDR.

Die von Sigmund Freud nach längerer Zurückhaltung zugestandene und wahrgenommene Wahlvaterschaft war meines Wissens nach dem Tod des „liebsten Vaters“ von Arnold Zweig nicht aufgearbeitet worden.  Auch Freud hatte sich nicht anderswo damit befasst. Die Frage stellt sich, wie er mit seiner eigenen väterlichen Erbschaft umgegangen war und wie er seine eigenen Vaterschaften verarbeitet hatte.  Eine Klärung dieser Fragen kann nur annähernd erfolgen.

Auch Sigmund Freud war ungefähr 40 Jahre alt, seit zehn Jahren mit Martha Bernays verheiratet[21] und Vater von sechs Kindern[22], allmählich ein angesehener Arzt und Privatdozent an der Universität Wien in Neuropathologie, als 1895 seine Freundschaft mit dem zwei Jahre jüngeren Wilhelm Fliess[23] einsetzte. Er hatte den aus einer sephardischen Familie stammenden, von Berlin zur Weiterbildung nach Wien gezogenen Spezialisten für Nasen-Halserkrankungen anlässlich einer Abendgesellschaft bei Josef Breuer[24], seinem älteren Freund und Mäzen, kennen gelernt. Freud fühlte sich durch Fliess in seiner Arbeit an der Neurosenlehre bestätigt, während er sich gleichzeitig von Josef Breuer zunehmend unverstanden fühlte und die Beziehung zu ihm abbrach.  Fliess‘ Theorie, dass Probleme im Nasen-Halsbereich in Verbindung mit einer weiblichen und einer männlichen Perioden- und Reflexzone stehen, faszinierte ihn und noch mehr die Theorie der Bisexualität, die er ihm, wie sich herausstellte, bedenkenlos abspenstig machte. Fliess war darob sehr aufgebracht.  Für Freud hatte der Brief- und Gesprächsaustauschs die Bedeutung einer Selbstanalyse, die ihm ab 1997, nach dem Tod seines Vaters, von bedingungslosem Wert erschien. Er hatte dem jüngeren Kollegen gegenüber so hohe Erwartungen, dass er ihm nicht nur aufs ausführlichste seine Träume und Traumdeutungen mitteilte, sondern sich von ihm auch medizinisch und chirurgisch behandeln liess. Zusätzlich vertraute er ihm Patientinnen an, so zum Beispiel Emma Eckstein, bei der die nasenchirurgischen Eingriffe verheerende Folgen hatten.

Zunehmend liess sich die Differenz an Bedürfnissen, an Austausch und Vertrauen nicht mehr leugnen. Von Freuds Seite her waren die Erwartungen einer Hörigkeit ähnlich geworden. Im Herbst 1902 kam es zu einem Abbruch der Beziehung, eine Tatsache, die Freud zutiefst kränkte.

Noch in den Anfängen des Briefwechsels, im Frühjahr 1896, schrieb Freud, sein 81jähriger Vater Kallaman Jacob Freud befinde sich „in Baden in einem höchst wackeligen Zustand, mit Herzkollapsen, Blasenlähmung und ähnlichem. Das Lauern auf  Nachrichten, Reisen zu ihm und dgl. war eigentlich das einzig Interessante dieser zwei Wochen“. Ende Juni 1896 teilte er mit, dass sein Vater „wohl auf dem letzten Bett“ liege. Er selber würde darob krank und fühle das eigene Leben in Gefahr, „eine Influenza mit Fieber, Eiter und Herzbeschwerden hat mein Wohlbefinden plötzlich gebrochen (…). Ich möchte so gerne bis zur berühmten Altersgrenze ca. 51 aushalten“.  Den Tod des Vaters vom 23. Oktober 1896 teilte er dem Freund in einem kurzen Brief drei Tage später mit und ging am 2. November 1896 näher auf  die Gefühle ein, die er erlebt hatte: „Auf irgendeinem dunkeln Weg hinter dem offiziellen Bewusstsein hat mich der Tod des Alten sehr ergriffen. Ich hatte ihn sehr geschätzt, sehr genau verstanden, und er hatte viel in meinem Leben gemacht, mit der ihm eigenen Weisheit und phantastisch leichtem Sinn. Er war lange ausgelebt, als er starb, aber im Inneren ist wohl alles Frühere bei diesem Anlass aufgewacht. Ich habe nun ein recht entwurzeltes Gefühl.“[25]

Tatsächlich beanspruchte der Tod des Vaters zutiefst Freuds Innenleben. Ein Traum, den er in der Nacht nach dem Begräbnis seines Vaters hatte und den er Wilhelm Fliess im Brief vom 2. November 1896 erzählte, den er auch im VI. Kapitel der „Traumdeutung“ wieder aufnahm und in der Darstellung erweiterte[26], lässt dies deutlich werden. Die Zusammenhänge zwischen seiner Herkunftsgeschichte und seiner eigener Entwicklung, d.h. das Verflochtensein mit Vater und Mutter und deren Geschichte drängten nach Klarheit.

Im Vorwort zur zweiten Auflage der Traumdeutung von 1908 (die erste erschien 1900 und fand kaum Beachtung) hielt Freud fest: „In den langen Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es immer wieder die Traumdeutung, an der ich meine Sicherheit wiederfand. (…) Auch das Material dieses Buches (…) erwies  bei der Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, als auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen.“[27]

Der Traum, den Freud vermutlich in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 1896 nach dem Begräbnis des Vaters hatte, handelte von einer Tafel oder einem Plakat, analog zu jenen, auf denen in den Wartesälen der Eisenbahnen das Verbot zu rauchen stand, mit der Inschrift:

„Man bittet, die Augen zuzudrücken“

oder

„Man bittet, ein Auge zuzudrücken.“[28]

Freud hielt fest, dass beide Fassungen einen besonderen Sinn haben. Dass die erste sich auf die heilige Pflicht des Sohnes beziehe, die er dem verstorbenen Vater gegenüber zu erfüllen habe und die er auch erfüllt habe. Dass die zweite einen Wunsch wiedergebe, der sich an die übrigen Familienmitglieder richte, ihn nicht zu bewerten, sondern Nachsicht zu üben,  weil er gegen ihren Willen eine bescheidene Begräbnisfeier organisiert habe und mit Verspätung dort angelangt sei, ein Wunsch, dem ein Schuldgefühl zugrunde liege.

Dass der Traum Gegensätzliches und Widersprüchliches an Aussagen enthielt und dass beides zutraf, war für Freud eine wichtige Erkenntnis. Tatsächlich war er seiner Sohnespflicht dem verstorbenen Vater gegenüber gerecht geworden, der ihm gegenüber nachsichtig und grosszügig gewesen war, der ihm nahe gestanden hatte und gleichzeitig unerreichbar geblieben war.

Unerreichbar war der Vater möglicherweise durch die Anzahl von Söhnen und Töchtern erschienen, die er gezeugt hatte. Sigmund Freud, am 6. Mai 1856 geboren – der Namen Sigismund Schlomo wurde 22 Jahre später offiziell in Sigmund verkürzt -, war der  Älteste von acht Kindern[29] aus der dritten Ehe seines Vaters. Die zweite Ehe war kinderlos geblieben. Zusätzlich gab es noch die zwei Söhne aus der ersten Ehe, deren Mutter früh gestorben war. Der ältere von beiden, Emanuel, war schon verheiratet, und der um ein Jahr jüngere, Philipp, war gleich alt wie die Ehefrau seines Vaters, Amalia Malka Nathanson (geb. 1835). Zwei Wochen nach der Heirat von Jacob Freud mit Amalia kam John zur Welt, der Sohn  von Emanuel und dessen Frau Marie, so dass Jacob Freud schon Grossvater war, noch bevor sein Sohn Sig(is)mund geboren wurde, und dieser war in den ersten drei Lebensjahren, als er John’s nächster Freund und Rivale war, zwar neun Monate jünger als John, aber gleichzeitig sein Onkel.

Gemäss den Aufzeichnungen seines Sohnes war Jacob Freud ein grossgewachsener, nachdenklicher Mann gewesen, der „aus chassidischem Milieu stammte, (jedoch) seinen heimatlichen Beziehungen seit fast zwanzig Jahren entfremdet war“ [30]. Zwar habe er noch Hebräisch gelesen, jedoch in religiöser Hinsicht sei er so aufgeschlossen gewesen, dass er seinen Sohn „unjüdisch erzog“ habe, wie Freud im gleichen Brief festhielt. Als Wollhändler im mährischen Freiberg (heute das tschechische Pribor) war er in den ersten drei Jahren des gemeinsamen Lebens zu einigem Wohlstand gekommen, nicht auf Grund kaufmännischer Begabung,  sondern weil die Verhältnisse ihm damals wohlgesinnt waren.

Die an Tuberkulose erkrankte Amalia Freud befand sich häufig zur Kur in Roznau, so dass im engen Haushalt noch eine Kinderfrau beigezogen werden musste, Monika Zajic, aus der Familie des katholischen Hausbesitzers. Für den Knaben war es ein schwer durchschaubares Familiengefüge. Er nahm einerseits an, dass Jacob, sein Vater, als Grossvater zu betrachten war und mit der Kinderfrau Monika auf einer Ebene stand, dass andererseits Philipp derjenige war, der seiner Mutter Amalia am nächsten stand und ihr sowohl den kleinen Bruder Julius, der sechs Monate nach der Geburt starb[31], wie auch die kleine Schwester Anna „in den Bauch gesetzt hatte“. Als diese zur Welt kam, weckte sie bei Sig(is)mund ein Gefühl von Unmut, von Unklarheit und Eifersucht. „Das noch nicht dreijährige Kind hat verstanden, dass das letzthin angekommene Schwesterchen im Leib der Mutter gewachsen ist. Es ist gar nicht einverstanden mit diesem Zuwachs und (…) wendet sich (…) an den grossen Bruder, der (…) an Stelle des Vaters zum Rivalen des Kleinen geworden ist. Gegen diesen Bruder richtet sich (…) der (Verdacht), dass er irgendwie das kürzlich geborene Kind in den Mutterleib hineinpraktiziert hat.“ [32]

Wer nahm den Platz ein, den der Knabe einzunehmen wünschte, wer stand der Mutter am nächsten? Dass im Alltag trotz allen Vermutungen des Sohnes nicht Philipp, sondern der Vater mit der Mutter im gleichen Bett schlief, erschien ihm unverständlich[33]. All dies gehörte zu den rätselhaften Unklarheiten rings um die Autorität des Vaters und um das Recht der Nähe zur Mutter, wie Freud sie als wichtigen Teil im „Familienroman der Neurotiker“ ausführte: „(…) das Kind begreift, dass ’pater semper incertus est’, während die Mutter ’certissima’ ist. So erfährt der Familienroman eine eigentümliche Einschränkung: er begnügt sich nämlich damit, den Vater zu erhöhen, die Abkunft von der Mutter aber als etwas Unabänderliches nicht weiter in Frage zu stellen.“[34]

Doch wie „erhöht“ war Jacob, der Vater, tatsächlich?  Er erschien dem Kind vermutlich eher machtlos. Ein Beispiel war, dass Jacob Freud nicht verhindern konnte, dass die Kinderfrau Monika von Philipp des Diebstahls angeklagt wurde, weil bei ihr anscheinend „die blanken Kreuzer, Zehnerl und Spielsachen“ gefunden wurden, die, wie es hiess, dem zwei Jahre und acht Monate alten Sig(is)mund entwendet worden seien, worauf sie für zehn Monate ins Gefängnis kam und dem Kind als Ersatzmutter (oder Ersatzgrossmutter) entrissen wurde. Ein weiteres Beispiel von Jacob Freuds Ohnmacht war, dass er vor den Augen seines kleinen Sohns durch einen judenfeindlichen Mitbürger gedemütigt wurde. Sein Vater  musste diesem auf dem Gehsteig den Platz einräumen, der Hut wurde ihm vom Kopf in den Schmutz geschlagen und er hatte sich zu bücken, um ihn wieder aufzusetzen. Schliesslich verlor er 1857, als die grosse Wirtschaftskrise einsetzte, sein Vermögen und musste wenig später, 1859, mit seiner Familie zuerst nach Leipzig und kurz darauf nach Wien ziehen. Der Vater hatte somit nicht verhindern können, dass seinem Sohn Sig(is)mund fast gleichzeitig seine Kinderfrau und sein ländliches, vertrautes Umfeld entzogen wurden, dass er in die Eisenbahn gesetzt wurde und unterwegs nach Leipzig, in Breslau, eine schwere Feuersbrunst erlebte, dass er als Kind in der Grossstadt Wien erfahren musste, was es heisst, Fremder zu sein – und arm.

Die Armut setzte sich fort und belastete Freud sowohl in der Schul- und Studienzeit wie auch später, als er als junger Arzt zu wenig Einkommen hatte und Geld leihen musste – zum Beispiel bei Josef Breuer -, um seine eigene Familie mit den sechs Kindern, für die er ein guter Vater zu sein wünschte[35], zu ernähren wie zusätzlich die mittellosen, unverheirateten Schwestern und seine Eltern. So hatte die bescheidene Begräbnisfeier für den verstorbenen Vater, den er ehren und keineswegs entehren wollte, möglicherweise mit der Fortsetzung des Auszugs aus Freiberg in Verbindung gestanden.

Die vielen Träume, die nach dem Tod des Vaters einsetzten und für Freud erinnerbar blieben –  so wie er sie Wilhelm Fliess erzählte und in die Traumdeutung einbezog – , machen deutlich, wie komplex und widersprüchlich seine Beziehung zum Vater gewesen war, auch dass die frühkindliche Beziehung zur Mutter, die er immer wieder vermisste und deren Nähe er ersehnte, ein wichtiger Teil dieser Komplexität war. Das vielfältige Geheimnis um die Sexualität, um die triebhafte Lust und Zeugungsmacht des „coitus“ war durch die  Familiengeschichte geweckt und gleichzeitig tabuisiert worden, wodurch noch grössere Neugier und noch stärkere Wünsche entstanden, Wünsche nach dem Besitz der unzugänglichen Mutter und geheime Todeswünsche gegenüber dem Vater.

Ernest Jones stellte fest, dass alles darauf hinweise, dass Freuds bewusste Haltung gegenüber seinem Vater trotz dessen materiellem Versagen eine zärtliche, bewundernde und respektvolle gewesen sei. Feindselige Regungen seien völlig auf die Halbbrüder Philipp und Emanuel verschoben worden. Es habe daher Freud tief erschüttert, als er vierzig Jahre später die Verliebtheit in die Mutter sowie die Eifersucht gegen den Vater und damit die packende Macht des Königs Ödipus bei sich selber entdeckte und sich eingestehen musste, dass sein unbewusstes Verhältnis zum Vater ganz anders war als sein bewusstes. Freud selber hielt in seiner Betrachtung über die Bedeutung des Mythos fest, dass König Ödipus’ Schicksal uns nur darum ergreife, „weil es auch das unsrige hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Hass und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen uns davon. König Ödipus, der den Vater Laïos erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer Kindheit. (…) Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der die Moral beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und nach deren Enthüllung möchten wir wohl den Blick abwenden von den Szenen unserer Kindheit.“[36]

Die Aufarbeitung seiner Beziehung als Sohn zum Vater war Freud dank der Traumdeutung, dank der Auseinandersetzung mit der Psychopathologie des Alltags sowie mit Totem und Tabu in weitem Mass gelungen. Die Konfrontation mit seiner eigenen Macht und Ohnmacht als Vater seiner Töchter und Söhne sowie als Vatergestalt für seine Schüler und Schülerinnen, Anhänger und Nachfolger wie auch deren Klärung erfolgte dagegen auf schwierige Weise. Von grösster Bedeutung waren für ihn die Fragen im Verhältnis zum Urvater Moses.

Als Freud seine in mehreren Etappen vorgenommene Aufarbeitung des Mannes Moses und der monotheistischen Religion 1934 für eine Publikation zu ordnen und niederzuschreiben begann, fühlte er sich in seinen Kräften schon sehr geschwächt. Zwar erlebte er endlich eine grössere Anerkennung seiner Publikationen[37] und die Ausweitung der Psychoanalyse nach London und Paris[38],  zusätzlich die Ehrung durch den Goethepreis im August 1930 und ein Jahr später durch seine Herkunftsstadt Freiberg-Pribor, die ihn stärker berührte[39] als die erste. An den Bürgermeister seiner Geburtsstadt schrieb er am 25. 10. 1931: „Ich habe Freiberg im Alter von drei Jahren verlasen, es mit 16 Jahren als Gymnasiast auf Ferien, Gast der Familie Fluss, wieder besucht und seither nicht wieder. Vieles ist seit jener Zeit über mich ergangen (…). Es wird dem nun Fünfundsiebzigjährigen nicht leicht, sich in jene Frühzeit zu versetzen, aus deren reichem Inhalt nur wenige Reste in seine Erinnerung hineinragen, aber des einen darf ich sicher sein: tief in mir, überlagert, lebt noch immer fort das glückliche Freiberger Kind, der erstgeborene Sohn einer jugendlichen Mutter, der aus dieser Luft, aus diesem Boden die ersten unauslöschlichen Eindrücke empfangen hat.“

Damals übernahm zunehmend Freuds jüngste Tochter Anna stellvertretend für ihn seine Präsenz sowohl im Wiener „Comité“ wie an Kongressen,  doch gleichzeitig hatte er viel Belastendes durchzustehen. Sein Gesundheitszustand ging seit der ersten, 1923 in Wien erfolgten  Kieferkrebsoperation  mit ständigen Schmerzen sowie zunehmenden Einschränkungen und Komplikationen einher, die immer wieder neue Operationen in Berlin, schliesslich in London nach sich zogen. Zahlreiche ihm nächst- und nahestehende Menschen waren gestorben, Anfang September 1930 auch seine Mutter. Deren Tod hat anders als der Tod seines Vaters auf ihn gewirkt, „merkwürdig (…), dies grosse Ereignis. Kein Schmerz, keine Trauer, was sich wahrscheinlich aus den Nebenumständen, dem hohen Alter, dem Mitleid mit ihrer Hilflosigkeit am Ende erklärt, dabei ein Gefühl der Befreiung, der Losgesprochenheit, das ich auch zu verstehen glaube. Ich durfte ja nicht sterben, solange sie am Leben war, und jetzt darf  ich. Irgendwie werden sich in tieferen Schichten die Lebenswerte merklich geändert haben“[40], wie er Sandor Ferenczi schrieb, dem nächsten unter seinen Schülern, der selber drei Jahre später, im Mai 1933, nach zunehmender geistiger Umnachtung starb.

In der gleichen Zeit verfinsterte sich die politische Entwicklung in Deutschland und in Österreich. Der Antisemitismus wurde nach Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 von Tag zu Tag gewalttätiger und bedrückender, da er nicht mehr gesetzeswidrig war, im Gegenteil. Es kam zu immer mehr Restriktionen, zu Publikationsverboten und schliesslich 1934 zu den Bücherverbrennungen, auch zur Verbrennung von Freuds Büchern in Berlin. Marthe Robert hielt dazu fest: „Er nahm es zur Kenntnis und zitierte, ’er hörte auf, die Welt zu verstehen!’ Seine Meinung war es, dass dieses barbarische Schauspiel nicht mehr sei als ein Symbol. Er ahnte nicht, dass dies der Auftakt zur tatsächlichen Austilgung – zur Verbrennung – seines Volkes war und dass zwölf Jahre später seine vier Schwestern, die er in Wien zurückgelassen hatte, auch unter den Millionen von Opfern sein würden.“[41]

Bedurfte Freud der Grösse und Tragik der legendären Mosesgestalt, um sich selber als Sohn und als Vater in der sich für das jüdische Volk anbahnenden Tragik zu positionieren, als frei denkender Mensch, der den Mut hatte, eine neue Lehre aufzubauen und diese zu verkünden?

„Angesichts der neuen Verfolgungen“ schrieb er am 30. September 1934 an Arnold Zweig „fragt man sich wieder, wie der Jude geworden ist und warum er sich diesen unsterblichen Hass zugezogen hat“.[42]  Es muss ein drängendes und zugleich ängstigendes Bedürfnis nach Klärung der Frage gewesen sein, das Freud antrieb, der Quelle der Moses-Geschichte und des Judentums, überhaupt der monotheistischen Religionen, nachzugehen, und es müssen widersprüchliche Energien in ihm gewirkt haben, die ihn bewogen, immer von neuem das  Erarbeitete zu überprüfen und klarer zu formulieren, insbesondere im dritten Teil, bis er sich zur Publikation entschliessen konnte.

In der dreiteiligen Abhandlung griff er letztlich die Auseinandersetzung mit dem Vater-Mythos auf wie mit der sich über Jahrhunderte fortsetzenden und ausweitenden Schuld der Söhne, die danach trachteten, sich über den Vater zu erheben. Betraf der eine wie der andere Zusammenhang nicht ihn selber, als Sohn seines Vaters Jacob, der den Namen Jacobs aus der Urvätergeschichte trug, dessen zwölf Söhne, unter ihnen Joseph, der zweitjüngste Sohn, als die Stammesväter Israels gelten, wie zugleich als Vater sowohl seiner leiblichen sechs Kinder[43] wie der grossen Anzahl von „Söhnen“, die sich gegen ihn als ihren Stammesfürsten aufgelehnt hatten mit der Absicht, ihn von seinem Platz zu verstossen?

Auch wenn Freud nicht gläubig war, war er Teil dieses Volkes und dessen Geschichte, und obwohl er die Beziehung zu seinem eigenen Vater nach dessen Tod durch seine Selbstanalyse aufgearbeitet hatte, war in ihm immer noch ein Teil des Schuldgefühls haften geblieben. Im Januar 1936, als er auf die Empfindungen einging, die er anlässlich der 1904 mit Alexander, seinem jüngsten Bruder, realisierten Reise nach Athen und auf die Akropolis erlebt hatte, hielt er fest: „Es muss so sein, dass sich an die Befriedigung, es so weit gebracht zu haben, ein Schuldgefühl knüpft; es ist etwas dabei, was unrecht, was von alters her verboten ist. Das hat mit der kindlichen Kritik am Vater zu tun, mit der Geringschätzung, welche die frühkindliche Überschätzung seiner Person abgelöst hatte. Es sieht aus, als wäre es das Wesentliche am Erfolg, es weiter zu bringen als der Vater, und als wäre es noch immer unerlaubt, den Vater übertreffen zu wollen.“ Er schloss den Brief mit der Überlegung ab, dass im Thema Athen und Akropolis „an und für sich ein Hinweis auf die Überlegenheit der Söhne“ enthalten sei. „Der Vater war Kaufmann gewesen, er besass keine Gymnasialbildung, Athen konnte ihm nicht viel bedeuten. Was uns im Genuss der Reise nach Athen störte, war also eine Regung der Pietät. Und jetzt werden Sie sich nicht mehr verwundern, dass mich die Erinnerung an das Erlebnis auf der Akropolis so oft heimsucht, seitdem ich selber alt, der Nachsicht bedürftig geworden bin und nicht mehr reisen kann.“ [44]

Was bei Sigmund Freud den inneren Zwiespalt bewirkte, mag tatsächlich ein Restbestand des alten „Schuldgefühls“ gewesen sein, selbst in Sachen Religion mehr Wissen anzustreben als der Vater sich hatte zumuten können, und zugleich trotz körperlichem Leiden und existentieller Ungewissheit eine nicht nachlassende Erkenntnislust zu spüren, die wie ein inneres Feuer sowohl die Verzweiflung wie das Restchen Liebe, das er dieser nicht gewählten Herkunft gegenüber empfand, zu erhellen trachtete. Am 4. Mai 1932 hatte er Arnold Zweig geschrieben: „Palästina hat nichts gebildet als Religionen, heiligen Wahnsinn, vermessene Versuche, die äussere Scheinwelt durch die innere Wunschwelt zu bewältigen, und wir stammen von dort (…), unsere Vorfahren haben dort vielleicht durch ein halbes Jahrtausend, vielleicht durch ein ganzes gelebt (aber auch dies nur vielleicht), und es ist nicht zu sagen, was wir vom Leben in diesem Land als Erbschaft in Blut und Nerven (wie man fehlerhaft sagt) mitgenommen haben. Oh, das Leben könnte sehr interessant sein, wenn man nur mehr davon wüsste und verstünde. Aber sicher ist man nur seiner augenblicklichen Empfindungen!“[45]

In der qualvollen Wartezeit nach den Hausdurchsuchungen und Konfiskationen durch die Gestapo sowie mühsamen Befragungen und Verhandlungen, bei denen Freuds Ehefrau Martha sowie die jüngste Tochter Anna den schwierigsten Teil erfüllten, nach Interventionen aus dem Ausland, Bemühungen von Ernest Jones um Einreisevisa in England und Zahlungen von Kautionen, für welche Marie Bonaparte aus Paris ihre Hilfe anbot, als endlich die Bewilligung für die Ausreise Freuds und seiner Familie aus Wien eintraf, in diesen letzten drei Monaten kam Freud zum Abschluss seiner gewagten und lange verzögerten Untersuchung des väterlichen Erbes. Das religiöse Tabu um die von Moses dem einen Teil der Nachfolger Jacobs – dem Josefstamm – verkündete Vaterreligion, die sich bis ins Judentum unter dem Naziregime und bis in die heutige Zeit fortsetzte, in die hinein Sigmund Freud als Kind von Amalie Nathanson und Jacob Freud geboren worden war und die ihm anhaftete, Ungläubigkeit hin oder her, dieses Tabu hatte er anzutasten gewagt, entgegen allen Verboten der Antastbarkeit und allen mit dem Missachten des Verbots verflochtenen Ängsten.

Man muss sich vorstellen, wie viel Konzentration unter den Schmerzen der sich verschlimmernden Krankheit[46] und gleichzeitig unter den existentiellen Schikanen und unabsehbaren politischen Bedingungen erfordert war, zugleich wie viel Mut, um diese historische und analytische Zusammenfassung zustande zu bringen und zu publizieren. Denn die Ergebnisse, zu denen Freud gelangte, waren kaum ein Trost für das jüdische Volk. Gleichzeitig waren sie auch ein Wagnis hinsichtlich der zu erwartenden Reaktionen der katholischen Kurie. Doch für Freud selber entsprachen sie dem Befreienden, das mit dem Aufzeichnen von Erkenntnis einhergeht; ein Aussprechen war seit  der ersten Operation 1923 zunehmend schwieriger geworden. Freud wollte schriftlich festhalten, was ihm wichtig erschien, auch hier in merkwürdiger Analogie zu Moses, der ein „Stotterer“ war und deshalb der Fortsetzung seiner Botschaft durch Andere bedurfte. Deren über Generationen weitererzählte Darstellung konnte erst durch die Schrift zum Nährboden des kollektiven Unbewussten werden.[47]

Für Freud handelt es sich „um etwas Vergangenes, Verschollenes, Überwundenes im Völkerleben, das wir dem Verdrängten im Seelenleben des Einzelnen gleichzustellen wagen. In welcher psychologischen Form dies Vergangene während der Zeit seiner Verdunkelung vorhanden war, wissen wir zunächst nicht zu sagen. Es wird uns nicht leicht, die Begriffe der Einzelpsychologie auf die Psychologie der Massen zu übertragen, und ich glaube nicht, dass wir etwas erreichen, wenn wir den Begriff eines ‚kollektiven’ Unbewussten einführen. Der Inhalt des Unbewussten ist ja überhaupt kollektiv, allgemeiner Besitz der Menschen. Wir behelfen uns also vorläufig mit dem Gebrauch von Analogien. Die Vorgänge, die wir hier im Völkerleben studieren, sind den uns aus der Psychopathologie bekannten sehr ähnlich, aber doch nicht ganz die nämlichen. Wir entschliessen uns endlich zur Annahme, dass die psychischen Niederschläge jener Urzeiten Erbgut geworden waren, in jeder neuen Generation nur der Erweckung, nicht der Erwerbung bedürftig.  (…)  Die Wiederkehr des Verdrängten vollzieht sich langsam, gewiss nicht spontan, sondern unter dem Einfluss all der Änderungen in den Lebensbedingungen, welche die Kulturgeschichte der Menschen erfüllen. (…) Der Vater wird wiederum das Oberhaupt der Familie, längst nicht so unbeschränkt wie es der Vater der Urhorde[48] gewesen war. Das Totemtier[49] weicht dem Gott in noch sehr deutlichen Übergängen. Zunächst trägt der menschengestaltige Gott noch den Kopf des Tieres, später verwandelt er sich mit Vorliebe in dies bestimmte Tier, dann wird dies Tier ihm heilig und sein Lieblingsbegleiter, oder er hat das Tier getötet und trägt selbst den Beinamen danach. Zwischen dem Totemtier und dem Gott taucht der Heros auf[50], häufig als Vorstufe der Vergottung.  Die Idee einer höchsten Gottheit scheint sich frühzeitig einzustellen, zunächst nur schattenhaft, ohne Einmengung in die täglichen Interessen des Menschen. Mit dem Zusammenschluss der Stämme und Völker organisieren sich auch die Götter zu Familien, zu Hierarchien. Einer unter ihnen wird häufig zum Oberherrn über Götter und Menschen erhöht. Zögernd geschieht dann der weitere Schritt, nur einen Gott zu zollen, und endlich erfolgt die Entscheidung, einem einzigen Gott alle Macht einzuräumen und keine anderen Götter neben ihm zu dulden. Erst damit war die Herrlichkeit des Urhordenvater wiederhergestellt, und die ihm geltenden Affekte konnten wiederholt werden.“[51]

Soweit erscheint Freuds Erklärung von der rabbinischen Theologie nicht weit entfernt zu sein. Auch hier handelt es sich um die von Moses an die „Grossen der Versammlung“ resp. an die „Väter“ überlieferte Lehre. „Die Schriftgelehrten haben die dazu notwendige Vollmacht oder Autorität, die sie von Moses herleiten: ’Mose empfing die (schriftliche und mündliche) Tora vom Sinaï her und überlieferte sie dem Josua, dieser den Ältesten, diese den Propheten, diese den Männern der Grossen Versammlung’, gemäss der Sprüche der Väter (1,1). Die ’Väter’ gehen weiter durch die gesamte Zeit des Zweiten Tempels und führen nahtlos in die Zeit nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 nach (Chr.)“.[52]

Freud suchte jedoch keineswegs eine Annäherung an die rabbinische Deutung, im Gegenteil. Er wagte eine andere Deutung, jene der Ambivalenz, die das Verhältnis der Söhne zum Vater prägt. „Die Richtung dieser Vaterreligion war damit für alle Zeiten festgelegt, doch war ihre Entwicklung damit nicht abgeschlossen. (…) Es konnte nicht ausbleiben, dass sich im Lauf der Zeiten auch jene Feindseligkeit regen wollte, die einst die Söhne angetrieben, den bewunderten und gefürchteten Vater zu töten. Im Rahmen der Mosesreligion[53] war für den direkten Ausdruck des mörderischen Vaterhasses kein Raum. Nur eine mächtige Reaktion auf ihn konnte zum Vorschein kommen, das Schuldbewusstsein wegen dieser Feindseligkeit, das schlechte Gewissen, man habe sich gegen Gott versündigt und höre nicht auf zu sündigen.“ Freud erläuterte in der Folge, dass dieses Schuldgefühl, durch die Propheten ständig wach gehalten, zu einem „integrierenden Teil des religiösen Systems“ wurde. Da die auf Gott gesetzten Hoffnungen sich nicht erfüllten und es dem Volk schlecht ging, sei es nur möglich gewesen, „an der über alles geliebten Illusion festzuhalten, Gottes auserwähltes Volk zu sein“, indem die eigene Schuldhaftigkeit als Ursache für das Elend zu gelten hatte, und indem „die Gebote immer strenger, peinlicher und auch kleinlicher eingehalten werden mussten“, dass dadurch wohl „in Lehre und Vorschrift ethische Höhen“ erreicht worden seien, dass diese Ethik jedoch „ihren Ursprung aus dem Schuldbewusstsein wegen der unterdrückten Gottesfeindschaft“ nicht verleugnen könne. „Sie hat den unabgeschlossenen und unabschliessbaren Charakter zwangsneurotischer Reaktionsbildungen; man errät auch, dass sie den geheimen Absichten der Bestrafung dient.“[54]

Was „geheim“ ist, gehört zum Nahen, ja zum Intimen. Es ist unantastbar, es untersteht dem Tabu. Was dem Tabu untersteht, geht mit einer Ansammlung von Verdrängtem einher, das jeder Zwangsneurose zugrunde liegt. Gemäss Freud, wie er hier ausführt, geht die Gläubigkeit in der Befolgung der strengen Gebote, Verbote und Rituale mit dem Beibehalten des Tabus einher. Die weitere Entwicklung – wie jede transgenerationelle Fortsetzung von Ängsten und von Unterwerfungshaltung – fasst Freud zusammen als eine Entwicklung, die über das Judentum hinaus ging und sich über alle Mittelmeervölker ausweitete „als ein dumpfes Unbehagen, als eine Unheilsahnung“. Eine revolutionäre Stimmung breitete sich aus, ein Aufbruchbedürfnis setzte sich durch. „Die Klärung der bedrückten Situation“  geschah durch den Mut, den Jesus an den Tag legte, d.h. „sie ging vom Judentum aus“. Und es sei auch ein jüdischer Mann gewesen, Saulus aus Tarsus, der sich als römischer Bürger Paulus nannte, der erkannt habe, dass das so unglückliche Volk, das Gottvater getötet habe, sich „in der wahnhaften Einkleidung der frohen Botschaft: ‚Wir sind von aller Schuld erlöst, seitdem einer von uns sein Leben geopfert hat, um uns zu entsühnen’, die Versicherung hergestellt habe, dass das Opfer Gottes Sohn gewesen sei.

Beachtenswert erscheint Freud, wie sich die neue Religion mit der alten Ambivalenz im Vaterverhältnis auseinander gesetzt habe. „Ihr Hauptinhalt war zwar die Versöhnung mit Gottvater, die Sühne des an ihm begangenen Verbrechens; aber die andere Seite der Gefühlsbeziehung zeigte sich darin, dass der Sohn, der die Sühne auf sich genommen, selbst Gott wurde neben dem Vater und eigentlich an Stelle des Vaters. Aus einer Vaterreligion hervorgegangen, wurde das Christentum eine Sohnesreligion. Dem Verhängnis, den Vater beseitigen zu müssen, ist es nicht entgangen.“[55]

Worin liegt in psychoanalytischer Hinsicht die Bedeutung von Freuds Untersuchung über den „Mann Moses und die monotheistische Religion“? Worin lag die Dringlichkeit, ja der innere Zwang, unter welcher er bei der beinah geheim gehaltenen Niederschrift stand, die kaum Angst vor der Publikation bewirkt hätte, wenn er sie nicht als wissenschaftliche Untersuchung, sondern als „Familienroman“ [56] hätte erscheinen lassen. In „Totem und Tabu“ hatte Freud festgehalten, dass „die Grundlage des Tabu ein verbotenes Tun ist, zu dem eine starke Neigung im Unbewussten besteht. (…) Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil er die gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, dass sie seinem Beispiel folgen. Er erweckt Neid. Warum sollte ihm gestattet sein, was anderen verboten ist?“[57] Nun hatte er, als Teil des verfolgten Volkes und selber dem Tod nahe, mit seiner Moses-Untersuchung gewagt, ein religiöses Tabu zu übertreten.

Sich selber als Neurotiker zu verstehen, hatte Sigmund Freud seit der mit Wilhelm Fliess begonnenen Selbstanalyse nicht abgewehrt. Er war damals 40 Jahre alt gewesen, als sein Vater als Einundachtzigjähriger starb und seine jüngste Tochter Anna knapp ein Jahr alt war. Mit Hilfe der Traumdeutung das Erkennen des Unbewussten und Verdrängten, damit des Tabuisierten und Verbotenen zu ermöglichen, damit den Einfluss auf das menschliche Empfinden, Verhalten und Handeln besser zu verstehen und in Zusammenhang der grossen Mythen wie jenes des Ödipus, der in Unkenntnis seiner Vatergeschichte zum Mörder des Vaters und zum Ehemann seiner Mutter Jokaste wurde, als Teil der nicht lösbaren Vatergeschichte und damit einhergehender, verdrängter Todeswünsche zu benennen, das war für Freud zum ersten grossen Werk geworden, mit dessen Publikation er 1900  sein Abweichen von der Schulmedizin, seinen Mut zum Aussenseitertum und seine neue Lehre der Psychoanalyse öffentlich bekundet hatte. Dass er dafür während Jahren bestraft wurde und in finanzieller Not lebte, mag die Arbeit an Totem und Tabu von 1912-13  mitbegründet haben.

Auch hier geht Freud auf die verborgenen Kräfte der Neurose, insbesondere der Zwangsneurose ein, die er mit dem Glauben an die „Allmacht der Gedanken“ [58] resp. mit dem Glauben an die die Kraft der Magie in den frühen, animistischen Weltauffassungen in Verbindung bringt.  „Die primären Zwangshandlungen der Neurotiker sind eigentlich durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber zur Abwehr der Unheilserwartungen, mit denen die Neurose zu beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, dass diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. (…) Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den Zauberformeln der Magie.“[59]

War „die Allmacht der Gedanken“ auch 1938/39, als Freud sein Moseswerk schrieb und nach dem Auszug aus Wien zu veröffentlichen wagte, der drängende und tragende Impuls? Marthe Robert hat in ihrer Untersuchung klar diese Meinung vertreten. Während „der Mann der beginnenden Reifezeit, der uns in der Traumdeutung begegnet, versucht, im Traum den gesellschaftlich und intellektuell mediokren jüdischen Vater loszuwerden, der sein eigenes Leben an die unerträgliche Enge einer beschämenden Herkunft kettet, sieht für den Greis, der den Moses schreibt, die Situation ganz anders aus. Er zählt zu den berühmtesten Männern seiner Zeit und ist auf Rang und Titel nicht mehr angewiesen. Gerade weil er seinen Traum ernst zu nehmen verstand, hat er nach und nach seine kühnsten Ambitionen verwirklichen können. Aber bei der Erfüllung lässt ihn doch das Problem seiner Herkunft nicht los, das stets die eigentliche Antriebskraft seines Forschungsdrangs gewesen ist. Oder genauer gesagt: er kann nicht zur Ruhe kommen, ehe er nicht jene letzte Version gefunden hat, die endlich die Kette der Generationen aufbricht und ihn für immer frei macht von all den Vätern, Verwandten und Vorfahren, die ihn die empörende Begrenzung der menschlichen Existenz spüren lassen. Kurz vor der Heimkehr zu seinen Vätern oder, wie es in der Sprache der Bibel heisst, in Abrahams Schoss, erlebt Freud noch einmal einen letzten Sturm der Revolte gegen das unentrinnbare Schicksal der Sohnschaft, das jeden Menschen an Herkunft, Rasse und Namen bindet und so mit unübersteigbaren Schranken einengt. (…) Man kann sogar vermuten, dass er die Geschichte Moses und seines Volkes einzig  und allein darum schreibt, weil er den furchtbaren Augenblick der Wiederkehr – ’Wiederkehr des Verdrängten’ und Heimkehr in den Schoss Abrahams -, den keine Macht der Welt ihm ersparen kann, noch ein klein wenig hinauszögern will.“ [60]

War es zutiefst ein letztes, magisches Abwehrverhalten gegen die Unheilerwartungen, ein  verzweifeltes und zugleich geniales Kräftemessen mit dem Tod, mit welchem Freud sich in die Nähe zu Moses versetzte? Marthe Robert stimmt dieser Deutung zu: „Um nicht sterben zu müssen, erklärt Freud in diesem Buch, das als sein Testament gelten darf, dass er nicht Salomon (Shlomo), der Sohn Jacobs ist und auch nicht Sigmund, der abtrünnig gewordene Sohn, dem schon sein Name ein grosses Geschick verheisst. Er ist so wenig Jude, wie Moses oder Moshe ein Jude war, auch wenn das jüdische Volk diesem fremdstämmigen Führer seine Existenz verdankt. Und so radikal wie Moses mit seiner ägyptischen Heimat und ihren Machthabern gebrochen hat, die ihn wegen seiner zukunftsweisenden Ideen verfolgten, hat auch Freud innerlich alle Bindungen an Deutschland gekappt, hat er nicht nur mit dem Deutschland der Nazis gebrochen, sondern mit allem, was noch deutsch an ihm war. Und so kann er nun in dem Augenblick, da er abtreten muss von der Bühne, auf der er so kühn seine Rolle gespielt hat, von sich sagen, dass er weder Jude noch Deutscher noch sonst irgend etwas ist, das mit Namen zu nennen wäre: er will nichts sein als der Sohn von Niemand und Nirgendwo, der Sohn einzig und allein seiner Werke und seines Werkes, dessen Identität wie die des ermordeten Propheten über die Jahrhunderte hinweg ein verwirrendes Rätsel bleibt.“[61]

 

[1] Rainer Maria Rilke. Die Sonette an Orpheus. Erster Teil, III. In: Sämtliche Werke, Bd. I. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 1955. S. 732

[2] Arnold Zweig. Ein kleiner Held,  in: Knaben und Männer. S. 63, Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 1931.

[3] geb. 10. 11. 1887 in Polen, gest. 26. 11. 1968 in Ostberlin

[4] Arnold Zweig. Caliban. Der Untertitel verweist auf den Inhalt: Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften, dargestellt am Antisemitismus. Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam 1927

[5] Sigmund Freud-Arnold Zweig. Briefwechsel. Hrsg. Ernst L. Freud. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1984, S. 157

[6] Arthur Schnitzler, geb. 1862 in Wien, Sohn des Kehlkopfspezialisten Johann Schnitzler, dessen Assistent er wurde, war ab 1885 mit Sigmund  Freud sowie ab 1890 mit Hugo von Hofmannstahl in nahem Kontakt.

[7] S. Freud – A. Zweig. Briefwechsel. Frankfurt a. M. 1984. S. 42

[8]  S. Freud – A. Zweig. Briefwechsel. Frankfurt a. M. 1984. S. 18-21

[9]  S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984. S. 25-26.  – Stefan Zweig (geb. 28.11.1881 in Wien, gest. 23 02.1942  durch Selbstmord in Petropolis bei Rio de Janeiro) hatte in einem literarischen Essay Freuds psychoanalytische Entdeckung und Auseinandersetzung mit dem Unbewussten mit Franz Anton Mesmer (1734-1815) und dessen Magnetismus sowie mit der Amerikanerin Mary Eddy Baker (1821-1910), der Gründerin der Christian Science und der damit verbundenen Praxis des „christlichen Heilens”, in Verbindung gebracht. –  Stefan Zweig. Die Heilung durch den Geist. Insel Verlag, Leipzig 1931. (Dieses Buch wurde von Stefan Zweig Albert Einstein gewidmet, den er 1928 im Versammlungsraum der Christian Science in Princeton besucht hatte).

[10] S. Freud – A- Zweig. Frankfurt a. M. 1984. S. 55

[11] Es ist ein Hinweis Sigmund Freuds auf seinen Vater Jacob Freud, der mit einundachtzigeinhalb Jahren gestorben war.

[12] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. S. 149

[13] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984.  S. 166

[14] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984.  S. 178

[15] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984.  S. 179

[16] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984.  S. 186

[17] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984.  S. 188

[18] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984.  S. 191

[19] Caliban (Anagramm von canibal), eine fiktive Halbtier-Halbmenschgestalt,  tritt in Shakespeare’s Sturm erst gegen Ende auf (im 3. Akt, 2. Szene), eine bewegende Figur, gekennzeichnet durch wilde Naturhaftigkeit und Unterwerfung unter führungsmächtige Herrschaft.

[20] Arnold Zweig. Caliban. Potsdam 1927. S. 11-12

[21] Martha Bernays (1861-1951), Tochter aus einer Hamburger Rabbiner Familie.

[22] Mathilde (1887-1978), Jean Martin (1889-1967), Oliver (1891-1969), Ernst August (1992-1970), Sophie (1893-1920), Anna (1895-1982)

[23] Wilhelm Fliess (1858 – 1928)

[24] Josef Breuer (1842-1925)

[25] Der Briefwechsel Sigmund Freud-Wilhelm Fliess findet sich einerseits in der Gesamtausgabe im Fischer Verlag, Frankfurt a.M., andererseits bei Didier Anzieu. Freud’s Selbstanalyse. Bd. I 1895-1898; Bd. II 1898-1902. Verlag Internationale Psychoanalyse, 1990 München-Wien: Bd.I, S. 75-76 ff.

[26] Sigmund Freud. Die Traumdeutung.  S. Fischer-Verlag, Frankfurt a. M. 1972 (Erste Publikation 1899 resp. 1900 im Verlag Franz Deuticke, Leipzig/Wien), S. 315 ff

[27] S. Freud. Die Traumdeutung. Frankfurt a. M. 1972.  S. 24

[28] Didier Anzieu. München-Wien 1990.  Bd. I, S. 76 ff

[29] der letztgeborene Alexander stand dem zehn Jahre älteren erstgeborenen Sjg(is)mund am nächsten; die übrigen Geschwister waren Julius, der mit sechs Monaten starb, Anna, Rosa, Marie, Adolfine und Pauli.

[30] Sigmund Freud. Briefe 1873-1939 (ausgewählt von Ernst und Lucie Freud), S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1968 / 1980, S. 411 f  (Brief vom 20. 02. 1930 an A.A. Roback, einen amerikanischen Schriftsteller, mit dessen biografischem Kommentar er unzufrieden war).

[31] Der Tod dieses Kindes war für Freuds Mutter eine doppelte Tragik, da sie während dessen Schwangerschaft  schon ihren zwei Jahre jüngeren Bruder Julius, der ihr am nächsten gestanden hatte, wegen Tuberkulose verloren hatte.

[32] Sigmund Freud. Psychopathologie des Alltagslebens (1904), Gesammelte Werke, Bd. IV. 1970 Frankfurt a. M., S. Fischer Verlag. S. 24

[33]  a) Ernest Jones. Sigmund Freud. Life and Work. Bd. I: The young Freud 1856-1900. Hogarth Press, London 1953-1957. S. 28f . – In deutscher Übersetzung: Das Leben und Werk Sigmund Freuds. 3 Bände. Bern, 3. Aufl. 1982.  Bd. I  Die Entwicklung zur Persönlichkeit und die grossen Entdeckungen 1856-1900. Bd. II.  Jahre der Reife 1901-1919; Bd. III. Die letzte Phase 1919-1939.  – b)  Marthe Robert. Die Revolution der Psychoanalyse. Leben und Werk von Sigmund Freud. Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Wiemers und Elisabeth Mahler.  Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1967, S. 26f . Erstausgabe: La Révolution psychanalytique. La vie et l’oeuvre de Sigmund Freud. Editions Payot, 1964

[34] Sigmund Freud. Der Familienroman der Neurotiker (1908). Studienausgabe Psychologische Schriften. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1970, S. 221-226. (Erstmals erschienen in Otto Rank. Der Mythus von der Geburt des Helden. Verlag Deuticke, Leipzig & Wien  1909; 2.Aufl. 1922, S. 82-86)

[35] Sigmund Freud. Unterdess halten wir zusammen. Briefe an die Kinder. Herausgegeben von Michael Schröter unter Mitwirkung von Ingeborg Meyer-Palmedo und Ernst Falzeder. Aufbau-Verlag, Berlin 2010

[36] S. Freud. Die Traumdeutung. Frankfurt a. M. 1972.  S. 267

[37] 1924 erfolgte die erste Ausgabe von Freuds Gesammelten Werken

[38] Im September 1926, im Anschluss an Freuds 70. Geburtstag, erfolgte die Gründung der Londoner Klinik, ferner die Gründung der „Psychoanalytischen Vereinigung von Paris“ sowie des „Französischen Instituts für Psychoanalyse“.

[39] S. Freud. Briefe. Frankfurt a. M. 1968/80.  S. 425

[40] S. Freud. Briefe. Frankfurt a. M. 1968/80.  S. 418

[41] Marthe Robert. Frankfurt a. M. 1967. S. 342

[42] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984.  S. 102

[43] von denen Sophie Halberstadt-Freud, die von ihrem Vater besonders geliebte zweitjüngste Tochter, 1920 in Hamburg an einer Grippe starb. 1914 hatte sie ihren ersten Sohn Ernst geboren, 1918 Heinz (Heinerle), ihren zweiten, der 1923 an einer Miliartuberkulose starb. Für Freud waren diese Verluste schwer erträglich.

[44] S. Freud. Psychologische SchriftenBrief an Romain Rolland  vom Januar 1936 (Beitrag zur Festschrift zu dessen 70. Geburtstag). Gesammelte Schriften / Studienausgabe. Frankfurt a. M. 1970. S. 292-293

[45] S. Freud – A. Zweig. Frankfurt a. M. 1984. S. 53

[46] Eine ausführliche analytische und medizinisch-anamnestische Abhandlung über Freuds Gaumen- und Kieferkrebs findet sich bei Jürg Kollbrunner. Der kranke Freud. 2001 Stuttgart Verlag Klett-Cotta.

[47] Eine kaum beachtete Erweiterung von Freuds Untersuchung und Deutung der Moses-Gestalt findet sich im kleinen Werk von  Otto Kraus. Moses, der Erfinder der Buchstaben, der Ziffern und der Null. Selbstverlag Otto Kraus, Bederstrasse 123, 8002 Zürich, 1953. Otto Kraus vergleicht Freuds Thesen mit den auch von Freud beigezogenen früheren Moses-Untersuchungen von Eduard Meyer sowie mit jenen von  Rudolf  Kittel; dabei betont er, dass „Freud das Problem in seinem Umfang am genauesten erfasste“ (S. 12). Für Otto Kraus ist eines der massgeblichen Kriterien, die zu beachten sind, dass Moses ein Stotterer war, wie er durch verschiedene Stellen der Schrift geschildert wird. Die grosse Einsicht in die Ordnungskraft des Göttlichen habe sich durch Moses daher nicht – oder nur ungenügend – aussprechen lassen. Er habe anderer Zeichen bedurft, der Zeichen der Konsonanten, die ihm – gemäss der Geschichte vom brennenden Dornbusch, den das Feuer nicht verzehrte – durch die Figur der Flammen offenbart worden seien und die ihm ermöglicht hätten, Jahwes  Gebote, die er im Auftrag  dieses unsichtbaren, transzendenten und alleinigen Gottes den Menschen für ihr Verhalten ihm gegenüber und unter einander zu vermitteln hatte, auf den „Tafeln“ schriftlich aufzuzeichnen.

[48] Die Bedeutung der „Urhorde“ wurde von Freud ausführlich abgehandelt in: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (1912-1913). In: Gesammelte Schriften. Bd. 9, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1974, S. 287-444

[49]„Totem“ ist abgeleitet aus „ototeman“  und hat  gemäss der  Sprache des amerikanischen Indianervolkes Algonkin die Bedeutung „sein geschwisterlicher Verwandter“ oder „sein Bruder“ bzw. „seine Schwester“; „ote“  bezeichnet die Verwandtschaft zwischen leiblichen (sowie Adoptiv)geschwistern und wird mit einem vorangesetzten Personalpronomen ( „o“ – „sein“) und einem possessiven Nominalsuffix (-„m“ – „eigen“) und ev. Mit einem Suffix der 3. Person (-„a“ oder „an“) verbunden; das erste „t“ ist eingeschoben, um den Zusammenstoss der beiden „o“ zu vermeiden. Wörtlich bedeutet „o-t-ote-m-a(n)“ also „sein eigener Bruder-Schwester-Verwandter“. – Der Begriff „ote“ bezeichnet aber nicht der den Verwandten innerhalb der Familie, sondern auch ein Tier, das aus irgend einem Grund zum Symbol einer Familie gemacht wurde, dadurch als verwandt gilt und von einer Generation auf die andere „vererbt“ wird.  (Etymologisches Wörterbuch. Lexikographisches Institut, München 1982)

[50] Häufig wird Moses in der bildenden Kunst gehörnt dargestellt: Gerda Weiler. Das Matriarchat im Alten Israel. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart/Berlin/Köln 1989.  Abbildungen 10, 11 und 12, S. 154 ff. – Auch die ägyptischen Gottheiten wurden vor und nach Echnaton und dessen einem Gott, dem Sonnengott Aton, mit Tierhäuptern dargestellt, wie auch in der griechischen Mythologie die Verbindung von Göttergestalten mit Tier und Mensch von zentraler Bedeutung war. – Noch in der frühchristlichen Bilderdarstellung findet sich z.B. je ein Tier in Verbindung mit den vier Evangelisten.

[51] Sigismund Freud. Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Gesammelte Schriften, Bd. 9. Frankfurt a. M. 1974. S. 577-578

[52] Pnin Navè Levinson. Einführung in die rabbinische Theologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982, S. 1-2

[53] „Mosesreligion“ hat für Freud die Bedeutung der Religion des „Sohnes“ oder „Kindes“. Er stützt sich dabei auf die Erklärung von J.H. Breadsted in dessen Buch  Dawn of conscience ab, „mose“ stamme aus dem ägyptischen Sprachschatz und bedeute „Kind, Sohn“ (so bei anderen  Namen erkennbar, z.B. bei Thut-mose – Tothmes, Ra-mose – Ramses ): S. Freud. Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Gesammelte Werke Bd. 9. Frankfurt a. M. 1974.  S. 472

[54] S. Freud. Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Gesammelte Werke. Bd. 9. Frankfurt a. M. 1974. S. 578-579

[55] S. Freud. Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Gesammelte Werke. Bd. 9. Frankfurt a. M. 1974. S. 580

[56] Auf die Bedeutung war Freud schon 1908 eingegangen in: S. Freud. Der Familienroman der Neurotiker. Psychologische Schriften. Gesammelte Werke. Frankfurt a. M. 1970. S. 223 ff

[57] S. Freud. Totem und Tabu (1912-1913). Gesammelte Werke Bd. 9. Frankfurt a. M. 1974.  S. 324

[58] S. Freud. Totem und Tabu. Gesammelte Werke. Bd. 9. Frankfurt a. M.  S. 374

[59] S. Freud. Totem und Tabu. Gesammelte Werke. Bd. 9. Frankfurt a. M. 1974.  S. 375-376

[60] Marte Robert. Sigmund Freud – zwischen Moses und Ödipus. Die jüdischen Wurzeln der Psychoanalyse. Paul List Verlag KG, München 1975. Aus dem Französischen übersetzt von Hans Krieger. Die Originalausgabe ist: D’Oedipe à Moïse – Freud et la conscience juive. Edition Calmann-Lévy, Paris 1974

[61] Marthe Robert. München 1975.  S. 158

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