“Was heisst als voller Mensch leben”? Rosa Luxenburg

“Was heisst als voller Mensch leben”?

Rosa Luxemburg

Zorn und Zärtlichkeit sind die zwei – scheinbar – so widersprüchlichen Kräfte, die Rosa Luxemburgs Leben und Werk prägten. “Vor allem muss man jederzeit als voller Mensch leben”, schrieb sie ihrer Vertrauten Mathilde Jacob 1917 aus dem Gefängnis in der Barnimstrasse in Berlin. Der Satz, scheint mir, hat die Bedeutung eines existenzbestimmenden Mottos, nicht nur für die letzten Jahre des unruhigen und glühenden Lebens dieser zärtlichen und zornigen Frau, sondern von allem Anfang an.

Das Geburtsdatum Rosa Luxemburgs steht nicht mit Sicherheit fest. Nach den meisten Biographinnen und Biographen (etwa Luise Kautsky, Paul Fröhlich oder Elzbieta Ettinger) ist es der 5. März 1870, gemäss dem Oxforder Politologen Peter Nettl ist es der 5. März 1871, nach Rosa Luxemburgs Basler Eheschein der 25. Dezember 1870. Geboren wurde sie in Zamost, dem galizischen „Klein-Paris”, wie Isaac Leib Peretz das Städtchen südöstlich von Lublin nannte, das seit dem 16. Jahrhundert als Markt- und Handelsplatz bekannt war und Händler und Handwerker aus allen Weltgegenden und Kulturen anzog – armenische, griechische, türkische und jüdische. Schon 1588 muss sich in Zamost eine bedeutende sephardische Gemeinde hervorgetan haben, erhielt diese doch in jenem Jahr Niederlassungs- und Aufenthaltsprivilegien. Doch als Schweden im 17. Jahrhundert Polen mit einem blutigen Krieg überzog, floh fast die ganze sephardische Gemeinde. Die Ashkenasim, die später die Gemeinde wieder aufbauten, erreichten nie mehr den Wohlstand der sephardischen Gemeinde, zumal im 18. Jahrhundert mal Österreich, mal Preussen, dann von 1815 an Russland die Oberhoheit über Polen beanspruchten und die jüdischen Gemeinden, auch jene von Zamost, schweren Einschränkungen unterwarfen.

Rosa Luxemburgs väterliche Vorfahren sollen im 18. Jahrhundert als Landschaftsgärtner aus Bruxelles nach Zamost geholt worden sein. Von Rosas Grossvater weiss man, dass er ein Holzhändler war, und dass seine Geschäfte ihn weit nach Osten und nach Westen führten. Schon der Grossvater wandte sich von der Orthodoxie ab. Rosas Vater, Eliasch Luksenburg, führte das Holzgeschäft weiter und setzte die Assimilation fort.

Rosa Luxemburgs Mutter, Lina Löwenstein, entstammte einer Familie, die siebzehn Generationen zurück lauter Rabbiner und Gelehrte zählte, deren Urahne der berühmte spanische Talmudweise Rabbi Zerachya Halevi war. Vermutlich war der frommen und gelehrten Familie die Heirat Linas mit Eliasch Luksenburg ein Dorn im Auge. Der Sabbat und die Feste wurden bei Luksenburgs wohl gefeiert, doch die Umgangssprache war Polnisch, nicht Jiddisch. Lina Luksenburg-Löwenstein, eine Kennerin der deutschen und polnischen Literatur, erzog ihre Kinder in einem weltoffenen Sinn, allerdings ohne Kontakt zu den Haskalim, der Bewegung der jüdischen Aufklärer, die sich in Zamost gegen die Orthodoxen und gegen die Chassidim nicht durchsetzen konnten. Als nach dem polnischen Aufstand gegen die russische Herrschaft von 1863 eine Reihe von Pogromen und antijüdischen Gesetzen einsetzte, gingen Eliasch Luksenburgs Geschäfte immer mehr zurück, sodass er sich 1873 entschloss, mit seiner Familie nach Warschau zu ziehen.

Rosa Luxemburg war damals drei Jahre alt, die jüngste von fünf Geschwistern. Statt in einem zweistöckigen eigenen Haus lebte die Familie nun in einer Wohnung in einem Miethaus an der Zlota-Strasse, nicht weit entfernt vom jüdischen Quartier, das von Armut und Elend geprägt war. Obwohl die Zlota Strasse  eine „gute Adresse” war, hatte sie eine Rückseite, und auf der Rückseite einen schmutzigen und armseligen Innenhof. Der Gegensatz zwischen Vorder- und Hinterseite war Rosa Luxemburgs erste Einführung in die Härte der Klassengegensätze. Fast dreissig Jahre später, als sie in Zwickau im Gefängnis sass, erinnerte sich Rosa Luxemburg an diesen Hof. Sie schilderte ihn in einem Brief an Luise und Karl Kautsky und hielt dann fest: “Damals glaubte ich fest, dass das ‚Leben’, das ‚richtige’ Leben, irgendwo weit ist, dort über die Dächer hinweg. Seitdem reise ich ihm nach. Aber es versteckt sich immer hinter irgendwelche Dächer. Am Ende war alles ein frevelhaftes Spiel mit mir, und das wirkliche Leben ist gerade dort, im Hof, geblieben”…

Eine weitere einschneidende Erfahrung machte sie wenig später. Wegen eines Hüftleidens musste sie zwischen dem vierten und fünften Altersjahr das Bett hüten, regungslos, eingezwängt in ein Korsett. Als sie mit fünf wieder gehen lernte, war das eine Bein beträchtlich kürzer, eine Missbildung, unter der sie ihr ganzes Leben litt. In der Zeit, als sie bettlägrig war, lernte sie lesen und schreiben, zugleich in Deutsch, Polnisch und Russisch, sie schrieb kleine Gedichte und korresponierte vom Bett aus mit den Eltern und Geschwistern, kurz, sie legte sich jene Fähigkeit zu, die sie später, während der vielen Jahre, die sie in Gefängnissen zubrachte, auszeichnete: jede Einschränkung als Chance zu nutzen.

Eine dritte tiefgreifende Erfahrung, die sie als Kind machte, hatte mit der “condition juive” zu tun, eine Erfahrung gesellschaftlicher Minderwertigkeit und Ungleichbehandlung. Der Besuch des sogenannten “Ersten Gymnasiums” war ihr, wie allen jüdischen Kindern, verwehrt. Auch das sogenannte “Zweite Gymnasium” gestattete jüdischen Kindern den Besuch nur, wenn sie eine schwierige Aufnahmeprüfung bestanden. Rosa Luxemburg bestand als Zehnjährige die Prüfung glänzend, doch die antisemitischen Schikanen nahmen damit noch kein Ende. Sie fühlte sich durch den Nationalismus der polnischen Mitschülerinnen gleich ausgrenzt wie durch die mit grosser Festlichkeit gefeierten christlichen Feiertage, auch wenn sie alle unter der russischen Oberhoheit zu leiden hatten. Die antipolnischen Massnahmen spitzten sich jedoch mit antisemitischen Beigaben gegenüber den jüdischen Schülern und Schülerinnen zu.

Als Rosa Luxemburg noch nicht zwölf Jahre alt war, machte sie die einschneidenste Erfahrung jüdischer Rechtlosigkeit. Ein nichtiger Grund löste an Weihnachten 1881 unter den Besuchern der Heilig-Kreuz-Kirche in Warschau eine Panik aus, die sich zu einem brutalen Pogrom ausweitete. Rosa Luxemburg’s Familie musste sich tagelang versteckt halten. Die ausgestandene Lebensgefährdung versuchte sie zu verdrängen, doch es blieb in ihr die Angst vor der Unberechenbarkeit und vor der nicht kontrollierbaren Brutalität aufgepeitschter Menschenmassen. Mehrmals hielt sie fest, zum Beispiel in einem Brief an Lusie Kautsky von 1917 aus dem Gefängnis, dass sie angesichts von Menschenmassen stets nur das Bedürfnis habe wegzurennen.

Man muss sich nicht wundern, dass Rosa Luxemburg schon während ihrer Gymnasialzeit an der illegalen Tätigkeit der politischen Opposition teilhatte. Auch lässt sich durch die Erfahrungen der Jugenzeit die Tatsache erklären, dass sie, sobald sie erwachsen war, einerseits nichts mehr mit dem Judentum zu tun haben wollte, dass sie andererseits keine Art menschlicher Demütigung, keine schicht- oder klassenspezifische Diskrimierung anzunehmen gewillt war, auch dass sie sehr früh zu einer hellsichtigen Warnerin vor nationalistischen Entwicklungen wurde.

In der Einleitung zu ihrer Korolenko-Übersetzung hielt Rosa Luxemburg später fest,  dass die achtziger Jahre, die sie in Warschau als Gymnasiastin verbrachte, “eine Periode starrster Hoffnungslosigkeit” waren. Massgeblich beeinflussten sie in jener Zeit die Werke des Dichters Adam Mickiewcz, der, ein politisch Verfolgter und Emigrant, im Jahr 1855, fünfzehn Jahre vor ihrer Geburt, auf ungeklärte Weise in der Türkei starb und der nicht nur zur sozialistischen Verbrüderung, sondern auch zum jüdischen  u n d  zum polnischen Freiheitskampf aufgerufen hatte.

Als Rosa Luxemburg am 14. Juni 1887 das Gymnasium abschloss, war sie geheimes Mitglied der „Revolutionär-Sozialistischen Partei Proletariat”. Nur weil sie ihre Mitgliedschaft geheimhalten konnte, war es möglich, dass ihr am 5. März 1888 ein Pass ausgestellt wurde. Ein Jahr später, im Februar 1889, kam sie in Zürich an. Die Schweiz und insbesondere die Universität Zürich, die damals noch im südlichen Flügel der ETH untergebracht war, konnte sich rühmen, ein Sammelbecken der polnischen und russischen Opposition zu sein, zumal an den Schweizer Universitäten Frauen damals schon zum Studium zugelassen waren.

Rosa Luxemburgs Vorbilder waren die jungen polnischen und jüdischen Rebellinnen, die ein leidenschaftliches Leben einem sicheren und ordentlichen Leben vorzogen: etwa Sofia Perovskaja, die nach dem Zarenattentat von 1881, als Rosa Luxemburg elf Jahre alt war, erhängt wurde. Oder Aleksandra Jentys, die ein Doppelleben führte, tagsüber als verehrte Lehrerin am Institut für “Töchter höherer Abkunft”, nachts aber als “Verschwörerin” agierte und heimliche Geliebte eines verheirateten Mannes war, und die, als Rosa Luxemburg dreizehn Jahre zählte, gemeinsam mit ihrem Geliebten Ludwig Warynski, dem Gründer der Arbeiterpartei “Proletariat”, in der Warschauer Zitadelle eingekerkert wurde, bevor sie, wiederum zwei Jahre später, nach Russland deportiert wurde. Oder zwei weitere Frauen, die, als Rosa fünfzehn Jahre alt war, in der Warschauer Zitadelle inhaftiert wurden: die polnische Adlige Maria Bohuszewicz, die als Neunzehnjährige Leiterin des Zentralkommitees der Arbeiterpartei “Proletariat” wurde, und deren Freundin Rosalia Felsenhard, eine jüdische Lehrerin, die während des Dezemberpogroms das Leben von dreissig ihr anvertrauten Kindern schützte und retten konnte. Als Rosa Luxemburg das Gymnasium abschloss, wurden die beiden Frauen nach Sibirien deportiert und erlitten unterwegs den Tod. Politischer Widerstand, Mut und Liebe wurden für Rosa Luxemburg zu Leitplanken ihrer intellektuellen, emotionalen und existentiellen  Entfaltung.

Dies waren die prägenden Erfahrungen und Vorbilder, die Rosa Luxemburg in sich und mit sich trug, als sie sich an der Zürcher Universität einschrieb: einerseits Erfahrungen, die aus der gering geachteten jüdischen Herkunft und aus ihrer körperlichen Behinderung stammten und die vor allem Ausgrenzung bedeuteten, die aber auch den Willen wachsen liessen, dagegen aufzustehen.  Andererseits Erfahrungen, die aus ihrer politischen Untergrundtätigkeit ein theoretisches und erlebtes Fundament der sozialistisch-proletarischen Solidarität sowie der beispielhaften Unerschrockenheit einzelner Frauen entstehen liessen. Auf diesen Voraussetzungen baute sie ihr Verhältnis zur Herkunft – zum Judentum – auf, ihr Verhältnis zur politischen Aufgabe in ihrer Zeit, ihr Verhältnis zu sich als glückshungriger, tatenhungriger, hochbegabter Frau. Jede Art von Verhältnis konkretisierte sich in Beziehungen – Ausdruck davon sind ihre Briefe -, in ihren öffentlichen Auftritten und in ihrem theoretischen Werk.

Als Rosa Luxemburg sich 1889 in Zürich immatrikulierte (zuerst an der Philosophischen Fakultät, wo sie Zoologie, Botanik und Mathematik belegte, wobei sie nach drei Jahren an die Juristische Fakultät wechselte, an der sie 1897 mit einer Disseration über die industrielle Entwicklung Polens doktorierte), da wusste sie schon, dass sie nicht in der Schweiz bleiben wollte, dass ihr Wirkungsfeld Deutschland sein würde. Zwar knüpfte sie von Zürich aus Kontakte mit den führenden russischen und polnischen sozialistischen Emigranten und Emigrantinnen, die sich in der Schweiz aufhielten (etwa mit Zofia Daszynska, mit Julian Balthasar Marchlewski, mit Georg Plechanow u.a.m.), auch mit einzelnen Schweizer Sozialisten und Sozialistinnen (so mit Mathilde und Robert Seidel, mit Paul Axelrod). Am III. Sozialistenkongress, der im August 1893 in Zürich stattfand, lernte sie August Bebel, Karl Liebknecht, Friedrich Engels, Clara Zetkin und Karl Kautsky kennen, mit dessen Familie, insbesondere mit dessen Frau Luise, Rosa Luxemburg ihr Leben lang befreundet blieb. Über die “Sprawa Rabotniza“ sodann, das Organ der “Sozialdemokratie Polens und Litauens”, das in Paris herauskaum und wofür Rosa Luxemburg während Jahren verantwortlich war, kam sie auch in Kontakt mit bedeutenden französischen Sozialisten, z.B. mit Eduard Vaillant.

Am bedeutungsvollsten aber war, dass sie zu Beginn ihrer Zürcher Zeit Leo Jogiches begegnete, dem aus einer grossbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie von Wilna gebürtigen Theoretiker der revolutionär-marxistischen Bewegung, der schon als Jugendlicher wegen konspirativer Tätigkeit inhaftiert worden war und der sich durch seine Flucht nach Zürich dem Militärdienst entziehen konnte. Leo Jogiches’ und Rosa Luxemburgs Beziehung war eine Liebesbeziehung, die alle Abstufungen der Nähe, der gegenseitigen Bewunderung, der Enttäuschung, Abgrenzung und Trennung, dann der erneuten freundschaftlichen und politischen Verbundenheit durchmachte. Jogiches nahm später aktiv an der russischen Revolution in Polen teil, stellte sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in den Dienst des Spartakusbundes, bekämpfte die Gründung der KPD und fiel 1919, nach dem Januarputsch, in die Hände der Ordnungskräfte. Nachdem er alle seine Kräfte eingesetzt hatte, damit der Mord an Rosa Luxemburg aufgedeckt und die Mörder zur Veranwortung gezogen wurden, wurde er selber wenig später in seiner Zelle meuchlings ermordet.

Rosa Luxemburg und Leo Jogiches waren von 1891 an ein Paar, nach Jogiches Wunsch und zu Rosa Luxemburgs Leiden in aller Heimlichkeit. Die beiden hätten nicht unterschiedlicher sein können: Jogiches war ein kühler, systematischer Denker, ein überaus disziplinierter, beinah asketischer Denker, für den es nichts ausser der politischen Arbeit gab. Rosa Luxemburg dagegen war ebenso scharfsinnig wie überschwenglich, sie war Idealistin und zugleich, nach ihren eigenen Worten, “ins ganze Leben verliebt”. Ihre Briefe, die in grosser Zahl erhalten geblieben sind, sind eine ständige Klage über vermisste Wärme und Zärtlichkeit von Seiten Jogiches, zugleich aber auch Bestätigung ihrer Liebe sowie des nie abbrechenden Austauschs über die politische Arbeit.

Rosa Luxemburg hatte später noch andere Lieben und Liebschaften, ich werde nicht darauf eingehen. Zu erwähnen ist jedoch, dass sie am 19. April 1898, nach Beendigung ihres Studiums, mit Gustav Lübeck, dem Sohn ihrer Freundin Olympia Lübeck, eine Scheinehe einging, damit sie einen deutschen Pass erhielt, der ihr erlaubte, sich in Deutschland frei zu bewegen. Die Ehe, die nie vollzogen wurde, wurde fünf Jahre später von der preussischen Regierung anerkannt und wieder geschieden.

Interessant ist, dass sich Rosa Luxemburg auf dem Trauschein noch als “israelitisch” eintragen liess, sich später jedoch immer als kofessionslos bezeichnete. Vom Judentum löste sie sich zunehmend, im gleichen Mass, wie ihr politisches Engagement wuchs. Eine Erklärung gibt sie selbst in einem Brief, den sie am 16. Februar 1918 an Mathilde Jacob aus dem Gefängnis Wronke schrieb: “Vor allem muss man jederzeit als voller Mensch leben”. Und sie fuhr fort: “Was willst Du mit den speziellen Judenschmerzen? Mir sind die armen Opfer der Gummiplantagen in Ptumayo, die Neger in Afrika, mit deren Körper die Europäer Fangball spielen, ebenso nahe. Weisst du noch die Worte aus dem Werk des Grossen Generalstabs über den Trotha’schen Feldzug in der Kalahari Wüste; ‘Und das Röcheln der Sterbenden, der Wahnsinnschrei der Verdurstenden verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit? – O diese erhabene Stille der Unendlichkeit, in der so viele Schreie ungehört verhallen, sie klingt in mir so stark, dass ich keinen Sonderwinkel im Herzen für das Ghetto habe. Ich fühle mich in der ganzen Welt zuhause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.”

Bezeichnend erscheint mir, dass Rosa Luxemburg sich wegen ihrer Abkehr vom Judentum nicht mit Selbstvorwürfen oder Schuldgefühlen quälte. Das mag mit der schon im Elternhaus eingesetzten Assimilation zusammenhangen, sicher aber mit ihrem Bedürfnis, sich ohne Einschränkung und ohne Hinderung durch psychische Belastungen für ihre politische Arbeit einzusetzen. Doch war nicht gerade ihr leidenschaftliches politisches Engagement Ausdruck ihres Wunsches zu verdrängen, was eine nicht wählbare Zugehörigkeit bedeutete? – ein Zwiespalt in ihr, der sich nicht verdrängen liess, da Name, Aussehen und Geschichte, resp. ihre Herkunft sich nicht leugnen liessen, auch weil.der Antisemitismus von 1880 an in Deutschland immer mehr an Boden gewann. 1893 sassen im Deutschen Reichstag schon 16 Abgeordnete aus antisemitischen Parteien. Rosa Luxemburg muss sich dieser bedrohlichen Entwicklung bewusst gewesen sein, als sie im Mai 1898 nach Berlin zog und von diesem Augenblick an begann, mit einem unermüdlichen Einsatz für die Befreiung der Arbeiterschaft aus den unwürdigen Bedingungen von Ausbeutung, Abhängigkeit, materiellem Elend und Bildungsnotstand zu kämpfen.

Als Rosa Luxemburg im Oktober des selben Jahres am Stuttgarter SPD-Parteitag teilnahm, war sie eine von sechs Frauen unter 252 männlichen Delegierten, eine von sechs Delegierten mit einem akademischen Titel, dazu als polnische Jüdin Vertreterin einer verschwindenden jüdischen Minderheit inmitten nicht-jüdischer, häufig antijüdisch gestimmter Kongressteilnehmer. In ihren Briefen liess Rosa Luxemburg kaum etwas über die wachsende antisemitische Stimmung verlauten, als hätte sie sich davor gescheut. Leo Jogiches gegenüber, der damals noch in Zürich war, hielt sie in ihren Briefen jedoch immer wieder fest, dass sie sich in Deutschland “allem und allen gegenüber fremd fühle”. Ihre Herkunft konnte sie tatsächlich nicht aufheben, doch sie verschönte sie, wie Luise Kautsky in ihren Erinnerungen festhält. Von ihrem Vater Eliasch, zum Beispiel, der als Holzhändler bei seinen Geschäften Jiddisch sprach, erzählte sie, er habe Eduard geheissen und sei ein aufgeklärter Vorkämpfer sozialer Reformen gewesen.

Die tatsächlichen Beziehungen zu ihrer Familie reduzierte sie auf ein Minimum. Als die Mutter im April 1897 an Magenkrebs erkrankte und Rosa durch Briefe der älteren Schwester Anna erfuhr, wie sehr sie sich danach sehnte, ihr jüngstes Kind zu sehen, antwortete Rosa mit Ausreden, versprach immer wieder zu kommen und fuhr doch nicht zu ihr. Als Lina Luksenburg am 30. September 1897 starb, befand sich Rosa für eine Ferienwoche in Weggis am Vierwaldstättersee. Auf den Tag genau zwei Jahre später starb auch der Vater. Rosa Luxemburg hielt sich damals am Kongress der Internationalen in Paris auf und “kümmerte sich um die dringenden Sorgen der Menschheit”, wie sie in einem Brief bemerkte. Ein Jahr zuvor hatte sie mit dem Vater im Spätsommer zwei Wochen in einer Badekur zugebracht, wobei sie sich ihrer Ablehnung und Fremdheit ihm gegenüber bewusst wurde. An Jogiches schrieb sie, wie unangenehm es ihr war, mit dem gebeugten, schlurfenden alten Mann, den die Leute anstarrten, einen Spaziergang zu machen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters die – zum Teil unbeantworteten – Briefe ihrer Eltern durchlas, wurde sie von Schuldgefühlen und Schmerz überwältigt, wie sie Jogiches schrieb. Vermutlich wurde ihr bewusst, dass das, was ihre Eltern als Lieblosigkeit empfunden haben mussten, zugleich ihr eigenes innerstes Leiden war. Auch dass dieses Leiden unabtrennbar verbunden war mit der nicht versöhnbaren Kontingenz existentieller Widersprüche.

Der eigentliche Stachel, der ihrem Widerspruchswillen zugrundelag, war das entwürdigende Elend der Arbeiterexistenz. Hier war der Motor ihrer unermüdlichen politischen Aktivität. Sie begnügte sich nicht mit einer weitgespannten publizistischen Tätigkeit, mit Beiträgen, die sie für die verschiedensten Parteizeitungen schrieb, sondern sie reiste unentwegt quer durch Deutschland, hielt Vorträge und Reden vor Arbeitern, vor allem in den grenznahen polnischen Industriebezirken, “an der Grenze zwischen der Zivilisation und der Barbarei”, wie sie einmal den Kautskys schrieb, bestritt nächtelange Diskussionen mit den Arbeitern, hielt Reden vor SPD-Parteitagen und stand – wiederum nächtelange – parteiinterne Debatten durch, in denen sie gegen den Bernsteinschen Revisionismus  – d.h. gegen Bernsteins These, die kommunistische Bewegung sei als Bewegung schon das Ziel des Marxismus – und für eine echte proletarische Revolution kämpfte, in denen sie für eine gerechte Verteilung des Mehrwerts, für Meinungsfreiheit und Menschlichkeit stritt.

Im Dezember 1905 folgte Rosa Luxemburg unter dem Namen Anna Matschke dem geliebten Jogiches (der sich das Pseudonym Otto Engelmann zugelegt hatte) nach Warschau, wo sie am 4. März 1906 verhaftet und in der Warschauer Zitadelle eingekerkert wurde, bis sie im Juni dank der Bemühungen ihrer Geschwister und einzelner Parteifreunde wieder freikam. Nach einem Abstecher nach St. Petersburg und nach Finnland nahm sie von Frühherbst an wieder all ihre Tätigkeiten auf, wirkte von 1907 an zusätzlich als Dozentin für Nationalökonomie an der Parteihochschule in Berlin, musste kürzere Gefängnisaufenthalte absitzen, kämpfte gegen Lenins Organisationsprinzipien, die, wie sie feststellte, einen antifreiheitlichen Kern hatten. Luise Kautsky hielt in ihren Erinnerungen fest: “Das war’s, was sie vor allem auszeichnete, was ihrem Dasein solchen Schwung verlieh, bei der Arbeit wie beim Geniessen, im Lieben wie im Hassen: sie war sie stets von der gleichen Glut beseelt, lautete doch einer ihrer Lieblingssprüche: Man soll sein wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt”. Und Luise Kautsky schloss: “Sie war eine Zaubererin in der Kunst, Menschen zu gewinnen, natürlich nur dort, wo sie es darauf anlegte”.

Rosa Luxemburg hatte allerdings nicht nur die Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen. Sie brachte Menschen auch gegen sich auf, wurde zur Zielscheibe antidemokratischer und antisozialistischer, antisemitischer und persönlicher Angriffe. Sie liess sich nicht einschüchtern. Für sie galt, wie sie an Otto Hue schrieb, dass “die freie und offene Kritik, der lebhafte Meinungsaustausch, das rege geistige Leben geradezu die Existenzbedingungen, die Lebensluft für die moderne Arbeiterbewegung sind, sowohl für ihren ökonomischen wie für ihren politischen Teil”.

An dieser Linie hielt sie allen Anfeindungen zum Trotz fest. 1918, ein Jahr, bevor sie ermordet wurde, schrieb sie aus dem Breslauer Gefängnis in einem der “Spartakusbriefe”: Es ist „eine offenkundige, unbestreitbare Tatsache, dass ohne freie, ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben gerade die Herrschaft breiter Volksmassen undenkbar ist (…). Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für die Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur die Freiheit der Andersdenkenden. (…). Das öffentliche Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit ist eben deshalb so dürftig, so armselig, so schematisch, so unfruchtbar, weil es sich durch Ausschliessung der Demokratie die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts absperrt. (…). Der einzige Weg zur Wiedergeburt ist die Schule des öffentlichen Lebens selbst, uneingeschränkteste, breiteste Demokratie, öffentliche Meinung”.

Der Marxismus, für den Rosa Luxemburg kämpfte, war nicht der Bolschewismus, den Lenin und Stalin durchsetzten. Ihr ging es auch nicht, wie etwa Kautsky, in erster Linie um die Hebung des materiellen Wohlergehens der Arbeiterschaft, sondern um die Schulung der Menschen zur Freiheit. Dem Missbrauch der Arbeitermassen zu Machtzwecken suchte sie mit allen Mitteln entgegenzuwirken. Am 5. Kongress der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in London von 1907 machte Rosa Luxemburg auch mit aller Deutlichkeit klar, dass, was mittels einer Revolution erreicht werden sollte, nicht  e i n e r  Nation zugute kommen sollte, sondern der Menscheit überhaupt. Sie warnte vor nationalistischen Zielsetzungen. Gegen die Ausschliesslichkeitsansprüche nationaler Gruppierungen, gegen Terror und ausgrenzende Machtansprüche proklamierte sie die Vision einer friedlich zu verwirklichenden Gemeinsamkeit der Lebensinteressen.

Ihre grösste Sorge galt der Verhinderung des Weltkriegs, der eigentlich nicht mehr zu verhindern war. Sie rief zu internationalen pazifistischen Meetings auf, organisierte in Berlin eine Friedenskundgebung, an der 100’000 Menschen teilnahmen, appellierte an die Vernunft der Menschen an der letzten Sozialistischen Friedenstagung vor dem Krieg in Brüssel. Doch ihr verzweifeltes Bemühen war vergeblich. Die deutschen Sozialdemokraten waren zutiefst zerstritten. Sie begingen den Verrat und willigten in die Kriegskredite ein.

Im Februar 1914, bei Ausbruch des Kriegs, wurde Rosa Luxemburg zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Wegen eines Krankenhausaufenthaltes wurde der Strafantritt auf Februar 1915 verschoben. Ein Jahr später kam sie frei, Anfang März 1916 schrieb die Junius-Broschüre und im Juli wurde sie erneut verhaftet und in “Sicherheitshaft” verbannt, zuerst in der Festung Wronke, dann in Breslau, nachdem Karl Liebknecht gleich nach den Maidemonstrationen gefasst und Clara Zetkin in ein Irrenhaus gesteckt worden waren. Nach angestrengten Bemühungen ihrer Rechtsanwälte, denen Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis selbst die Weisungen erteilte, wurde sie schliesslich am 9. November 1918 wegen ihrer Magenerkrankung aus der Haft entlassen. Noch auf dem Breslauer Domplatz hielt sie die erste Rede, reiste dann nach Berlin, wo am 14. Dezember 1918 das Programm des Spartakus-Bundes beschlossen und am 8. Januar1919 in der “Roten Fahne” veröffentlicht wurde. Jede freie Minute verwendete Rosa Luxemburg auf die Herausgabe dieser einzigen “wirklich sozialistischen Zeitung”.

Der Spartakus-Bund, dessen Führung aus Rosa Luxemburg, Leo Jogiches und Karl Liebknecht bestand, strebte die Verwirklichung des humanistisch und pazifistisch geprägten sozialistischen Programms an, das Rosa Luxemburg immer schon vertreten hatte, gegen Kompromisse (à la Kriegskredit-Zustimmung) und gegen Terror. Das hiess deutlich und unmissverständlich gegen den anpasserischen Kurs der SPD und gegen den bolschewistischen Terror.

Die Arbeit war unvorstellbar schwierig. Antisemitische Hetze, Angriffe und Verleumdungen, Terror und persönliche Bedrohung gehörten zum Alltag. An Clara Zetkin schrieb Rosa Luxemburg vom täglichen Wohnungswechsel, von der stündlichen Gefahr, von Gehetzheit und Gejagtheit. Sie riet ihr, unter diesen Umständen nicht sofort nach Berlin zu kommen, sondern zu warten, bis sich, vielleicht in einer Woche, die Situation etwas beruhigen würde.

Aber die Situation beruhigte sich nicht. In Berlin herrschte eine nicht mehr kontrollierbare Pogromstimmung. Am 15. Januar wurden Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Pieck, der politische Leiter der KPD, von einem Rollkommando der Garde-Kavallerie verhaftet und ins Eden-Hotel gebracht, das voll von aufgetzten Soldaten und Offizieren war. Pieck kam wieder frei, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden voneinander getrennt. Pieck berichtete in der Folge, wie ein Hauptmann den Soldaten Zigaretten verteilte und ihnen sagte, die Bande dürfe das Hotel nicht lebend verlassen. Er hielt fest, wie ein Dienstmädchen sich einer Kollegin in die Arme warf und schluchzte, sie könne das nicht vergessen, wie die verhaftete Frau – Rosa Luxemburg – niedergeschlagen und herumgeschleift worden sei.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht müssen kurz hintereinander erschossen worden sein. Rosas Körper wurde in den Landwehr-Kanal geworfen, aus dem er erst vier Monate später, am 31. Mai 1919, geborgen wurde.

Als Rosa Luxemburg am 13. Juni 1991 auf dem Friedhof Friedrichsfeld beigesetzt wurde, folgte dem Sarg eine unabsehbare Menschenmenge: Arbeiter, Matrosen, uniformtragende Soldaten, eine schweigende Demonstration der Trauer um diese ungewöhnliche, widersprüchliche Frau, die den humanistischen Kern von Marx’ Lehre mit dem biblischen Gebot der Gerechtigkeit zu verbinden suchte, unermüdlich, ohne Schonung ihrer Kräfte, im ständigen Ertragen der eigenen existentiellen Widersprüchlichkeit, letztlich im Glauben an das unteilbare Recht aller Menschen auf das “ganze Leben”, auf Freiheit, auf Glück.

 

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