Präliminarien für ein Konzept zur Aktivierung von Demokratie und Kultur

Präliminarien für ein Konzept zur Aktivierung von Demokratie und Kultur

 

 

(I) Analyse:

 

(I.  1.) Ausgangslage ist die nationale  Krise  der Schweiz. Die Polarisierung in der Bevölkerung nimmt  auf erschreckende Weise  zu,  vor allem  angesichts   der  Handlungsschwäche  und  der unklaren  Haltung  der  Regierung.  Die  Ursachen   der Krise  sind vielfältig.  Zwei  Hauptstränge bedürfen der dringenden Aufmerksamkeit:

(I.2.a)  Ursache  ist einerseits die  wirtschaftliche Krise  mit  der  –  unter   dem  Vorwand   der Globalisierung  sich  durchsetzenden  –  rücksichtslosen  Desolidarisierung  der  Arbeitgeberseite mit  den Arbeitnehmern und  Arbeitnehmerinnen und  der  daraus  folgenden völligen Destabilisierung der Arbeitsmarktsituation, mit den wachsenden  Zahlen  von Erwerbslosen und Ausgesteuerten  (vor  allem  mit der  erschreckenden  Jugenderwerbslosigkeit),  deren Ausgrenzung aus dem produktiven Teil der Gesellschaft  mit dem damit verbundenen schweren Selbstwertverlust nicht  nur  Abängigkeit von Fürsorge-,   Sozial-  und  IV-Leistungen bedeutet, sondern häufig auch von Alkohol-  und Drogenkonsum sowie von anderen  – selbst kriminellen – Sinnkompensationen,  die wiederum   einhergehen  mit wachsender  politischer  Indifferenz  oder mit   rechtsradikalen   Gruppenbildungen.   Zur   Demoralisierung  der    schon    Ausgegrenzten kommen  die Status- und  Besitzwahrungsängste des in seinem Sicherheitsbedürfnis bedrohten Mittelstandes, der sich von der Regierung geprellt vorkommt und der sich immer mehr in eine reaktionäre  Abwehr-  und  Anklagehaltung versteift,  in welcher  er  einen  –  stets latenten,  seit Generationen  tradierten –  Sündenbockreflex aktiviert,  der sich – als mehr oder weniger offener und aggressiver  – Rassismus  und Antisemitismus gegen Ausländer,  Fremde und Juden äussert.

(I.2. b)  Ursache  ist andererseits die jahrzehntelange  Verweigerung   einer wahrheitsgetreuen, nicht-mythologisierten   Wahrnehmung  und  Aufarbeitung  der   Geschichte   der  Schweiz  im Vorfeld und während des Zweiten  Weltkriegs.  Durch  den Druck,  der seit dem Spätherbst  1996 durch  die USA  und die jüdischen  Weltverbände  auf den Bundesrat und  das Land  insgesamt ausgeübt wird,  sehen sich die Regierung  sowie  die Spitzen  der Wirtschaft  gezwungen,  endlich “über die Bücher”  zu gehen (buchstäblich,  nämlich die seit Jahren von jüngeren Historikern und Historikerinnen  publizierten Recherchen ernst  zu  nehmen)  und  eine  eigene  nationale  Schuld öffentlich einzugestehen, sowohl       bezüglich    der    antijüdischen,    menschlich    schäbigen Flüchtlingspolitik wie bezüglich der Kollaboration von Regierung,  Nationalbank und wichtigen Industrien   mit  Nazideutschland. Das heisst auch, dass  die Schweiz   sich  öffentlich  bereit erklären  muss,  ihre  Schulden  zurückzuzahlen,   resp.  aus  der unrechtmässigen  Bereicherung durch   die   Gold-   und   übrigen    Geschäfte    mit   den   Nazis   sowie   aus  den   –   tatsächlich nachrichtenlosen   –   Vermögen  der  Opfer einen  Fonds   zu  äufnen, der den noch lebenden notleidenden  Opfern  der  Naziverfolgung,   deren Nachkommen  sowie  Opfern neuer Verfolgungen  zugute  kommen  soll.   (Es handelt sich dabei nicht um eine  humanitäre  Geste”, wie  nun allenthalben  geschrieben  wird,  sondern  um Schulden).  Der  Grossteil  der Bevölkerung reagiert  auf die – auferzwungene  – Dekonstruktion  des Mythos Schweiz  (des Mythos  von  der humanitären,   anständigen,  rechtschaffenen,   wehrhaften   Schweiz)   störrisch,   widerwillig   und verunsichert.  Dass  nicht  die  Armee, sondern  der  vorauseilende  Gehorsam  der  damaligen Regierung dem Hitler-Regime gegenüber und die Kollaboration von Nationalbank, Geschäftsbanken  und  Industrie  mit Nazideutschland  bewirkt  haben, dass  die  Schweiz  vom Krieg verschont  blieb, ist für sie eine böswillige Erfindung  der Juden und der von den Juden gekauften   Medien   sowie   der  jüdisch beeinflussten Linken, die als “Nestbeschmutzer” angegriffen werden. (Bemerkenswert ist, dass beim heute hemmungslos zutagetretenden Antisemitismus  zwischen den “guten Schweizer Juden” und den “typischen Juden” unterschieden  wird,  wobei  die Hetze sich trotzdem  pauschal gegen  “die Juden”  richtet).  Mit dem  Sündenbockreflex  einher geht  die Umkehrung  der  Opfer-Wahrnehmung:  die verunsicherte,  wirtschaftlich betrogene  oder  sogar ausgegrenzte,  konservativ-störrische   und traditionelle Schweiz empfindet sich selber als Opfer und verlangt “Genugtung”.

(I.3.)  Erschreckend  (und daher höchst beachtenswert)  ist  die Tatsache,  dass der Widerstand gegen  die Schuldanerkennung  und  -aufarbeitung  der  Schweiz  nicht  allein  von rechtskonservativer bis rechtsradikaler Seite kommt,  sondern  grossspurig und schamlos  auch von den Spitzen  der FDP  vertreten und  sogar “begründet”  wird (s.NZZ,  11.  2.  97, Nr.  34, Franz Steinegger “Kein Grund zur Scham”). Durch die Behauptung, die Schweiz brauche  sich weder “der Täter- noch der Gehilfenschaft” anzuklagen, erklärt Steinegger zum vornherein die bevorstehende  Arbeit der Historikerkommission für überflüssig. Die “pazifistischen, armeekritischen  und  linken Kreise”,  welche  die Aufarbeitung  fordern,  werden  als “selbsternannte  Tugendwächter”  lächerlich  gemacht  und  gar  bezichtigt,   den  “Finanzplatz Schweiz”  schädigen zu wollen.  Auf perfide Weise wirft Steinegger  der “Linken”  vor,  aus der “grössten Tragödie  der letzten Jahrhunderte  auch noch parteipolitisches Kapitel  schlagen zu wollen”. Diesen Vorwurf muss er sich allerdings selber gefallen lassen.  Es ist alarmierend, dass der politische Freisinn die liberale Verpflichtung der primären Verteidigung  der  Grundrechte zugunsten einer populistischen Übernahme rechtskonservativer Revanchismen aufgibt. Da wichtige  Vertreter  der FDP  gleichzeitig  auch  Vertreter eines harten  neoliberalen Wirtschaftskurses sind und somit in hohem Mass für die soziale und politische Destabilisierung unseres Landes verantwortlich  gemacht werden müssen,  mutet  es doppelt merkwürdig, wenn nicht gar absurd an, dass sich der Parteipräsident  der FDP zum Wortführer  des sich in seiner wirtschaftlichen Sicherheit bedrohten Mittelstandes  macht.  (Mit grosser  Schlauheit schirmt er sich auch zum voraus gegen den Vorwurf der rassistischen Aufhetzung ab, indem er in  seinem Artikel der “Linken” den Vorwurf macht,  mit ihrer  “gesinnungspolitischen  Fahndungsaktion” eine Inflation der Rassismusanklage verschuldet zu haben.)

 

(I. 4.) Fazit:   Es gibt in der Bevölkerung der Schweiz  einen wachsenden Anteil, der tatsächlich ausgegrenzt ist  – in wirtschaftlicher,  sozialer,  kultureller  und zunehmend  auch in politischer Hinsicht, der unter oder knapp über dem Existenzminimum lebt, vielfache Abhängigkeiten und soziale  “Entmündigungen” (Fürsorge-  und  Sozialhilfesystem)  kennt, jedoch  kaum  Optionen wahrnehmen  kann,  da  der  “Markt”, resp.  die  Gesellschaft  nur  den  Tüchtigsten  offensteht, sodass  der – vermutlich gravierendste  – Aspekt der Armut der Verlust der Freiheit ist.  Dieser Teil der Bevölkerung  hat keine eigene parteipolitische Interessenvertretung, da die SP es nicht geschafft hat„  die Frage der Erwerbs- und Arbeitslosigkeit sowie der der gesellschaftlichen Ausgrenzung zu  ihrem Anliegen zu machen.  Es  besteht  eine grosse  Gefahr sowohl  in  der politischen  Indifferenz  dieses  grossen  Bevölkerungsanteils   wie  in   der  Übenahme   deren Interessen  durch Rechtsaussenparteien.  – Es gibt einen weiteren  Bevölkerungsanteil,  der sich vor  allem aus  dem traditionellen  konservativen  Mittelstand  zusammensetzt,  der  zwar  noch keien Armut kennt, jedoch, unzufrieden und  verunsichert, sich von der Mitte weg nach rechts aussen hin orientiert. Vor allem dieser Bevölkerungsanteil  muss als prä-faschistisches Potential betrachtet  werden,  während  der  erste durch  eine  entsprechende  Aktivierung  dazu  gemacht werden kann.

Diese so definierte Zweidrittel-Schweiz von der besseren Option der Offenheit, der Unvoreingenommenheit,  der  Wahrnehmung von  Chancen  durch  Lernen  und durch  breite gesellschaftliche Partizipation  aller zu überzeugen,  ist überaus schwierig,  muss jedoch Inhalt und Zielsetzung des  ”Projekts” sein.

(I.5.) Welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden? Um eine Veränderung zu erreichen,  müssen wir

–  mehr wissen über die Ursachen (und die Verursacher) der Krise,

–  Koalitionen  mit  Kräften   ausserhalb  unserer   eigenen  Gruppierung   schaffen,   damit  die Ursachen beeinflusst,  ev.  gar behoben werden können (betrifft sowohl die Erwerbslosigkeit  wie die Verunsicherung des Mittelstandes),

– die Jugend, nicht nur die privilegierte, sondern auch die nicht-privilegierte, für das Ideal einer besseren, gerechteren,  angstfreieren  und  damit  überhaupt   freieren  Gesellschaft  gewinnen, indem ihr Chancen und Möglichkeiten  zu einer aktiven kulturellen,  sozialen und  politischen Partizipation geboten werden.

 

(II) Massnahmen:

(II.1.a)  Es  bedarf  einer Untersuchung,  wie  und wann  es in  der  Schweiz  zur  Priorität der Wirtschaft vor der Politik und vor der Kultur kam,  resp.  womit der  Verlust des Politischen zusammenhängt.  Dieser Verlust,  nehme ich  an,   ist die  verhängnisvolle Bedingung  sowohl für die Fehler, welche die schweizerische Regierung und das sog.  “Establishment” in der jüngsten Vergangenheit  begangen haben wie für die heutige Krise.  Die Ursachen  dieser Krise  können nicht  verändert  werden,  solange  die  Bedingungen  hierfür  nicht  geklärt  sind.  (Unter  dem Politischen verstehe ich das demokratische Aushandeln und Beschliessen  aller Geschäfte und Probleme, die das Zusammenleben der vielen verschiedenen Menschen – sowohl der Bürger/Bürgerinnen   wie   der   Nicht-Bürger/Nicht-Bürgerinnen  –   auf  innovative    Weise optimieren  sollen,  nach  moralischen  Kriterien,  resp.  nach  Kriterien  der  grösstmöglichen Freiheit  auch der Schwächeren  und Schwächsten,  d h.  nach Kriterien  der Gerechtigkeit,  die das gute  Leben  möglichst  aller  anstreben.  –  Die Priorität  der  Wirtschaft bedingt, dass das Handeln nach Kriterien der Besitzwahrung  oder der partikulären  Profitmaximierung  erfolgt, dh.   nach  –  mehr  oder  weniger-   amoralischen   Kriterien,   bei  denen  die  Interessen  der Schwächeren und Schwächsten keine Rollen spielen, wo allein das gute Leben der Stärksten zählt und wo daher Grundwerte wie Gerechtigkeit oder gar Solidarität verschwinden.)  – Mit anderen Worten:  Es gilt zu untersuchen, wann der politische Liberalismus begann,  vor  dem Manchester-Liberalismus  klein beizugeben  und  eine  Allianz mit  konservativen,  ständischen Interessenvertretungen aufzunehmen. Weiche Rolle spielt in dieser Allianz der ständische schweizerische Konservativismus    (Katholisch-Konservative  Partei/CVP,  der – gemässigte?  – Flügel der SVP,  die übrigen Parteien  der Mitte,  die Kirchen),  der nicht nur  Öffnungen nach aussen verhinder hat und weiterhin verhindert (UNO-Beitritt, Ratifikation von UNO- Konventionen, EWR- und EU-Beitritt etc.), sondern der auch die geistige und politische Innovation  im  Innern  verhindert  hat  oder  weiterhin  blockiert  (Frauenstimmrecht, Ausländerrechte, Kinderrechte  etc.)? – Darf sich der Wert einer Demokratie  an der Wirtschaft messen (wobei der “Erfolg” der Wirtschaft ja nur noch der    schmalen Schicht der profitabrahmenden “shareholders”  zugute  kommt)?    Welche  Rolle  spielt  das  Milizsystem unserer Parlamente,  dessen Vertreter  zugleich in  einem Filz mit  Finanz und Wirtschaft  sowie mit   dem   militärischen    Miizsystem   stecken,   beim   ständigen   wachsenden   Missstand    des Politischen?

(II. l. b) Der  Verlust  des Politischen bedeutet  eine Einbusse  und Schwächung der Demokratie. Diese zeigt  sich  nicht  zuletzt  in  der massiven Diffamierung der  “Linken”   (unter  der ich  nicht nur  die  Parteien   links  von  der  Mitte,   sondern  das  gesamte  intellektuelle,  künstlerische  und politische kritische Potential verstehe). Wie ist zu erklären,  dass sich die schweizerischen “Intellektuellen”  nie  eine  Akzeptanz  als  zivilgesellschaftliches Korrektiv   schaffen  konnten? Welche Bedeutung hat die Tatsache,  dass die Arbeiterbewegung  sich parteimässig vor allem in der Sozialdemokratie “institutionalisierte”, die mit dem “Arbeitsfrieden”, mit der Einbindung  in “Zauberformel”  und  “Konsenspolitik”  sich der  Möglichkeit   einer  wirksamen  demokratischen Opposition    beraubte?   Hat    die   “institutionalisierte   Linke”    selbst   zur   Diffamierung   der “innovativen Linken”  beigetragen (z.B. Desolidarisierung bei der jahrzehntelangen “Kommunisten”hetze, Desolidarisierung mit Basisbewegungen, Rivalitäten mit Gewerkschaften etc.)?  Hat  die in  der  Schweiz  in  allen Bereichen und  Schichten  so manifeste  “Unerträglichkeit der Ambivalenz” (s. Zygmunt  Bauman.  Modeme und Ambivalenz)  auch dazu geführt,  dass die “Linke”   sich dem konservativen  “mainstream”  angepasst  hat?

(II.1.c) Wie kommt es, dass in der Schweiz “Kultur” negativ besetzt  ist? Wie hat sich das Kulturmisstrauen des  grossen  Teils  der Bevölkerung herausgebildet?  – resp.  die Konnotation von  “Kultur” mit “subversiv”? Zwar  stehen  “Kulturgüter”  als Vermögens- oder  Prestigewerte “hoch im Kurs” (Gemälde, Opernhäuser mit Star-Engagements etc.), die Tätigkeit  der “Kulturschaffenden”   ( ein  merkwürdiger  Begriff,   den  es  so nur  in  der  Schweiz  gibt)   wird dagegen  als überflüssig, wenn  nicht gar als schädlich bewertet. Welchen Einfluss übt dabei das ständisch-konservative  Grundmuster aus,  das ja  an den  öffentlichen  Schulen, Gymnasien  und an  den  Universitäten  dominiert,   d.h.   dort,   wo   “Kultur”   als  allgemeines,   nicht-materielles Wertesystem generiert  werden  sollte?

(II. l. d)  Zu untersuchen ist ferner,  wie und in welchem  Mass  der Identitätsbegriff der Schweiz und des “männlichen Schweizers” die Möglichkeit pluraler – auch aktiver oppositioneller – Loyalitäten  verhindert. Hängt   mit  diesem  Identitätsbegriff das  Grundmisstrauen  gegenüber Frauen,   Juden,  Ausländern,    “Linken”,  Intellektuellen,   Armeedienstverweigerern,  suchenden jungen  Menschen  etc. zusammen?  Wie lässt sich ein traditionell-männlich-konservativ besetzter Identitätsbegriff,  der  als gesamt-nationales Identitätskonstrukt dient,  dekonstruieren, variieren und pluralisieren?

(II. l. e)  Zu  klären  ist  insbesondere  eine  Kernfrage  der  politischen   Moral,   nämlich  wie  und warum  in  der  Schweiz  die  Umkehrung  von  Unrecht   in Recht,   resp.  die  Legalisierung  von Unrecht   im  Bereich   des  Ausländer-   und  Asylrechts   von  einem  Grossteil   der  Bevölkerung gutgeheissen wird,  sowohl  im Vorfeld und während  des Zweiten  Weltkriegs wie in unserer  Zeit (Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht, höchst problematische Rückschaffungspraxis von Asylsuchenden    etc.).     Ist     diese     “doppelte    Moral”     (ein    je     anderes     Rechts-     und Unrechtsempfinden Einheimischen resp. Ausländern  und Ausländerinnen oder “Fremden” gegenüber)  ausschliesslich  eine Folge  des weit verbreiteten Rassismus  resp.  Antisemitismus?  – oder  ebenso  sehr eine Folge  des  “typisch schweizerischen”,  chauvinistischen Nationalismus? – oder  eventuell  eine  Folge  der  Autoritätshörigkeit  und  des  mangelnden   kritischen Urteilsvermögens bei einem Grossteil  der Bevölkerung? – oder von allem etwas?

(II.2.) Koalitionen  schaffen, um sowohl  den verunsicherten, besitzstandängstlichen Mittelstand wie die von Erwerb  und gesellschaflticher Partizipation Ausgegrenzten zu erreichen.

(II.2.a) Einen intensiven, wiederholten und verpflichtenden Dialog mit den wichtigen Arbeitgebern,  Wirtschaftsführern   etc.   aufnehmen  (ev.  über  eine  sowohl  ökonomisch   wie ethisch und politisch kompetente “Task force”), um zu erreichen, dass die Erwerbs- und Beschäftigungslage  in der Schweiz verbessert  wird.   Der Vergleich der heutigen Entwicklung mit jener in den Dreissigerjahren muss deutlich machen,  dass die Verantwortung  für die soziale und  politische  Destabilisierung   der  Bevölkerung   wie  auch   die  Verantwortung    für   die zunehmende Verarmung  des Staates durch die enorm anwachsenden sozialen Folgekosten  der Erwerbs-  und  Arbeitsplatzverluste  von Hundertausenden  von Menschen schwerwiegend  ist, und dass die Konsequenzen  unabsehbar sind. Durch Einzelgespräche,   Seminarien, Workshops etc.,  durch  die Ausarbeitung  von  Szenarien,  prospektiven  Statistiken u.a.m.  muss vermittelt werden,  dass  die  mit Firmenfusionen,  -restrukturierungen  und  Massenentlassungen verbundenen kurzfristigen Gewinnmaximierungsstrategien nicht nur zu enormen Konjunktureinbussen führen, sondern auch zu gefährlichen sozialen Frustrationen  mit allen denkbaren  politischen  Weiterentwicklungen. Können  Firmen  tatsächlich  die  Verantwortung dafür übernehmen?

(II. 2. b)   Gespräche   ähnlichen   Inhalts   sind   mit   den   Vertretern   und   Vertreterinnen    der Gewerkschaften  zu führen sowie mit den Exekutiven wichtiger Städte und Gemeinden, damit Bildungsanliegen vorrangig budgetiert und unterstützt  (resp. auf keinen Fall  gekürzt)  werden, damit z.B. Projekte zur Verbesserung der Lebensqualität vor allem in   unterprivilegierten Quartieren  geschaffen  und realisiert  werden,  unter  Einbezug  der  Bewohner  und Bewohnerinnen,   damit  in   den   Schulen   die  Schaffung   von   “Elternräten”   und   “Schüler-/Schülerinenräten”    unterstützt    wird,    die   zu   gleichen  Teilen   aus   einheimischen   und verschiedenen  ausländischen  Mitgliedern  zusammengesetzt   sind,   damit  kulturelle/ interkulturelle Veranstaltungen unter Einbezug der Quartierbewohner und -bewohnerinnen realisiert werden können etc. Ziel muss die Aktivierung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen  für  die  Anliegen  des  erspriesslichen,  angenehmen  und  angstfreien Zusammenlebens  sein,  wodurch  neue,   nicht-konfessionelle,   nicht- “ethnische”  Formen   der Solidarität entstehen könnten.

(II. 2. c)   Gespräche  ähnlichen Inhalts  und  ähnlicher Zielrichtung  sind mit Vertreterinnen  und Vertreter der Lehrer-/Lehrerinnenverbände  aller  Stufen zu führen.  Es  könnte  z.B.  angeregt werden,  dass anlässlich  der  obligatorischen  Weiterbildungen  des  Lehrkörpers  Modelle  des guten, nicht-rassistischen, angstfreien, nicht-ausgrenzenden Zusammenlernens und Zusammenlebens vorgestellt und diskutiert werden, z.B. gemischte einheimisch-ausländische Kinder-/Eltern-Patenschaften    für   neu   eintretende   Schüler    und    Schülerinnen,    Schüler-/Schülerinnenräte   oder   -parlamente,   Lernen   in  gemischten Lerngruppen   etc.   Bei   diesen Gesprächen müssen auch die Vorzüge eines nicht-chauvinistischen, nicht-rassistischen Unterrichtsmaterials erörtert werden. sodann, auf der Oberstufe, jene eines politisch- demokratischen  Trainings sowie  einer frühzeitigen  Orientierung  über möglichst chancenreiche Berufs- und Studienwahlmöglichkeiten für alle Jugendlichen.

(II.2.d)   Grosses   Gewicht   müsste   der   kulturellen   Reintegration   der   Erwerbslosen   und insbesondere der  Ausgesteuerten  beigemessen  werden,  sei  dies  im  Rahmen  der Quartieraktivierung,  sei  dies über  spezielle Kultur-  und Bildungangebote  (z.B.  Laientheater- und Gesangsgruppen,  Vorträge,  Workshops oder   Kurse  etc.  allgemeinbildenen Inhalts,  von Kunstbetrachtungen   in den Museen  der  Städte über Sprachkurse,  Koch-  und  Tanzkurse,  zu Workshops im Geschichtenerzählen, im Malen und Zeichnen mit Kindern und für Kinder bis zu Bauprojekten, Restaurierungen  etc, die im Quartier eventuell angepackt werden könnten etc.).

(II.2.e) Eine professionelle freie Theatergruppe  müsste mit einer – in unserem Sinn – packenden Produktion   als   Wandertheater,   ohne  Kulissen,   in   den  Werkhallen   der  Fabriken,   in   den Schalterhallten   der  Banken,   auf  den  Plätzen   in   den  Aussenquartieren   der   Städte  und Gemeinden, in  den  grossen  Altersheimen,  auch  in  den Kirchen  und  Fussballstadien  zu  den Menschen gehen und für  die Menschen  dort spielen,  wo sie sind,  um die vielen zu erreichen, die nie ins Theater gehen.

(II.3.) Die Medien müssen für unser Projekt gewonnen werden, sowohl die regionalen wie die überregionalen, insbesondere die populären Medien wie “Blick” (Gespräche mit Chefredaktor Sascha Wigdorowits und Michael Ringier) und die unterhaltenden Nachmittags-  und Abendsendungen   beim Radio   und   Fernsehen   DRS   (z.B.   “Arena”   etc.,   Gespräche   mit Chefredakteur Peter Studer und den Leitern der entsprechenden Sendungen) wie bei den Privatstationen, nicht, um einen einzelnen Beitrag zu beeinflussen, sondern um gewissermassen alle  Beiträge  zu beeinflussen,  damit  anti-demokratische, rassistisch-aufhetzende,  reaktionär- revanchistische  Sendungen (Filme,  einzelne Bilder,  tendenziöse Debatten  oder  Kommentare etc.) unterbleiben.  Diese Einflussnahme ist überaus  heikel und  muss vom Vorgehen  her gut überlegt werden,  da die Redaktionen in der Regel keine Einmischungen dulden.

 

(III) Zeitliche Abfolge und Dauer der Projektplanung und -umsetzung:

Planung ca.  ein halbes Jahr (bis Ende August 1997), Umsetzung während fünf Jahren (bis Ende 2002); jedes halbe Jahr eine Evaluation der Arbeit der vergangenen Periode und Rechenschaftsbericht  für  die verschiedenen Bereiche,  darauf weitere  Detailplanung  für  das nächstfolgende  halbe  Jahr.  Enge Zusammenarbeit  mit  den Kulturplanungen  von  Bund,  Pro Helvetia,     Kantonen,   Theater   der Nationen  etc.  für   1998     sowie  für  die  Jahrhundert/- tausendwende.  Einbezug aller Sprachregionen der Schweiz.

(IV) Finanzierung:

Jährliche  Beiträge  von  Pro  Helvetia,  Fundraising  über  “Stiftung”  (ev.   auch  bei  Banken, Industrien etc.). Budget bleibt zu erstellen.

 

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