Schmerz – Ist Heilung möglich?

Schmerz

Ist Heilung möglich?

 

KURSE IN KAPPEL

  1. Juni 2004

 

“Im Meer aus Minuten

jede einzelne verlangt Untergang

Rettung – Hilfe haushoch verschlungene Worte

nicht mehr Luft

nur Untergang

raumlos

(…)

Erde

Träne unter den Gestirnen –

…”[2]

 Viel Schmerz klingt aus den diesen Zeilen Nelly Sachs, wie aus all ihren Gedichten – und trotzdem keine Verbitterung. Es ist eine Klage wie jene Hiobs vor Tausenden von Jahren. Eine zentrale Frage stellt sich: Warum ist menschliches Leben – Erdenleben – gekennzeichnet durch die Tatsache des Schmerzes? Warum ist die Erde, welche Raum und Boden, Herkunftsgeschichte und Zeitgeschichte menschlichen Lebens bedeutet, die “Träne unter den Gestirnen”? Warum wird sie mit dem “Überfluss” von Leiden und Trauer von vielen Menschen nur noch als “Untergang”, als “raumlos” erlebt? Ist die Erde nicht ebenso der Raum von Leben wie von Tod, von Streben nach Glück wie von Schmerz?

“Erde – Träne unter den Gestirnen”

Dem Menschen wird viel aufgebürdet mit dieser widersprüchlichen Gleichzeitigkeit. Doch wird ihm/ihr aufgebürdet, Leiden einfach zu ertragen, ohne weiter zu fragen? Liegt hierin die Forderung zu dulden, welche die meisten Religionen vertreten? – einerseits das körperliche Leiden,  das mit dem Schmerz der Geburt beginnt, andererseits das seelische Leiden in langer Unkenntnis der Ursachen, sowohl als Individuum in der rätselhaften Besonderheit wie als Beziehungsteil in der vielfältigen zwischenmenschlichen Abhängigkeit, gleichzeitig im engeren Rahmen der Familienzugehörigkeit wie im weiteren der gesellschaftlichen und politischen Zeitgenössischkeit.

Wie ist es aber, wenn wir von den Religionen einen Schritt weitergehen, wenn wir die Bereiche der Philosophie befragen, die existenzphilosophischen und erkenntniswissenschaftlichen Bereiche, wie sie sich in Psychologie, Psychoanalyse und Gesellschaftsanalyse Antworten auf Fragen erarbeiten, die sich im Zusammenhang des menschlichen Leidens stellen? Wird hier auch eine Akzeptanz der schmerzhaften Geschehnisse und Zusammenhänge gefordert, die als Geschichte nicht wählbar waren, die jedem Menschen in der persönlichen Besonderheit, die ihn/sie mit allem kennzeichnet, was Körper, Psyche und Intellekt bedeuten, auferlegt wurden und angetan werden?

– Ist menschliches Leiden nicht ständig wiederholt durch die Tatsache, dass die meisten Menschen Objekt anderer Menschen sind und sich deren Macht ausgesetzt fühlen? Wird Schmerz vor allem verursacht durch das Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit, der Tatsache, Objekt zu sein – eine Fortsetzung von Erfahrungen, welche die Kindheit prägen? Wie ist es möglich, diese Erfahrung von Schmerz zu heilen?

– Ein anderer Bereich von Schmerz ist jener, in welchem der Mensch sich als Subjekt beklemmt fühlt und seelisch leidet, weil er/sie durch das eigene Verhalten, durch Hemmungen oder Übergriffe bei anderen Menschen – häufig bei nächststehenden Menschen – Schmerz verursacht hat und weiter verursacht? Weil eine Mitschuld an Schmerz zu tragen ist. Kann dieser Schmerz – der Schmerz des Täters/der Täterin – Heilung finden?

– Worin liegt der Sinn des Lebens? Was ist die Bedeutung von Heilung? Ist ein Aufbegehren gefordert, eine Rebellion gegen den Schmerz? Doch welcher Art? Ist ein anderes Menschsein, ein anderes Handeln und Empfinden möglich? Worin bestehen die heilenden Kräfte im Menschen? Wie können sie geweckt werden? Gibt es Möglichkeiten der Korrektur von Geschichte resp. Korrektur der Vergangenheit in der Aktualität von Schmerz? Ist der Mensch selber dazu in der Lage?

– Ist Heilung eventuell Teil der verschlüsselten kreativen Befähigung jedes menschlichen Wesens, das durch die Seele – die “psyche” – am göttlichen “eros” teilhat, entsprechend der griechischen Mythologie, wie sie im sokratischen Text, der in Platons “Symposion” wiedergegeben wird, erklärt wird? Geprägt ist jede “psyche” durch “eros”, geschildert zugleich als Kind von “penia”, welche die Bedürftigkeit symbolisiert, und von “poros”, der als “Wegefinder”, wie er verstanden wird,  aus verfahrenen, düstern Situationen herausfinden kann und damit Wahlmöglichkeiten in sich trägt, die auf der Liebe zum Leben und auf dem menschlichen Grundbedürfnis nach Realisierung dieser Liebe, das “Sehnsucht” heisst, beruhen. Bedeutet dies, dass Bedürftigkeit und Schmerz unausweichlich sind, dass sie jedoch verknüpft sind mit der Fähigkeit des Denkens und neu Entscheidens? – d.h. mit dem Vermögen des Verstehens und der Freiheit?

Eine Fülle von Fragen stellt sich im Zusammenhang von Schmerz.

 

“Einsamkeit – lautlos samtener Acker”

Jeder Schmerz – ob als Objekt oder als Subjekt erlebt – ist mit dem Schmerz von Einsamkeit verbunden. Einsamkeit ist der Schatten jedes Schmerzes, und so steht die Einsamkeit im Mittelpunkt meiner Untersuchung. Nelly Sachs bezeichnet die Einsamkeit in einem ihrer späten Gedichte als “lautlos samtenen Acker”[3], ein Bild, das sich wieder auf die Erde bezieht, auf die mit vorgepflügten Reihen von Menschen bearbeitete Erde, auf die Erde voller Geschichte, auf welcher in eng verflochtener Dichte das, was wächst, vermischt wird in der Farbe, erstickt wird – lautlos.

Nelly Sachs, aus deren Gedichten ich für heute einige ausgewählt habe und die mit ihren Sprachbildern an unseren Gesprächen teilhat, ist ein Beispiel im Umgehen mit Schmerz. Ich will kurz ihre Geschichte zusammenfassen: Sie kam als Leonie Sachs am 10. Dezember 1891 in Berlin zur Welt, als einziges Kind einer wohlhabenden Familie, die den Vater – William Sachs – früh verlor, die auch schon früh in Gedichten und Dramen festhielt, was sie bewegte, wovon jedoch beinah nichts erhalten blieb, da ihre Bücher – wie viele Bücher und Bilder – in der nationalsozialistischen Diktatur ausgelöscht wurden. Am 16. Mai 1940, als sie 48 Jahre zählte und als Leben – Überleben – ihr kaum mehr gewährt war, konnte sie dank der Hilfe einer deutschen Freundin und dank der Garantie der schwedischen Dichterin Selma Lagerlöf mit ihrer Mutter nach Schweden flüchten. In den gleichen Minuten des knappen Überlebens wusste sie um die Verschleppung, um das Verhungern und um die Tötung von Kindern, von Frauen und von Männern, die ihr nahe standen oder ihr fremd waren, deren Leben jedoch ebenso zur “Erde” gehörte wie ihr eigenes, das ebenso der Unsicherheit und dem Schmerz ausgesetzt war, letztlich der Infragestellung von Wert, letztlich dem bedrohlichen Tod. Nelly Sachs fand eine Heilungsmöglichkeit, indem sie Worte fand für das Unsagbare, Wortbilder und Tonbilder mit welchen sie das Durchgestandene und das Unbekannte, Vergangenheit und Zukunft, im kleinen Durchgang der Gegenwart überbrückte.

 

“Die Betten werden für die Schmerzen zurechtgemacht

Das Leinen ist ihre Vertraute

Sie kämpfen mit dem Erzengel

Der niemals seine Unsichtbarkeit verlässt

Steinbeladener Atem sucht neue Wege ins Freie

Aber der gekreuzigte Stern

Fällt immer wieder wie Fallfrucht

Auf ihr Schweisstuch –”[4]

Das Erstaunliche ist, dass Nelly Sachs sich von ihrem Schicksal nicht entfernte, aber es mit dem menschlichen Schicksal überhaupt zusammenbrachte. Sie war eine unter den Menschen, deren “Betten für die Schmerzen zurechtgemacht werden“, die zur Welt kommen unter Schmerz, ohne wählen zu können wann, wo und in welcher Abhängigkeit von welchen Eltern, deren eigener Atem mit dem Beginn des Lebens einsetzt, der mit dem Schmerz der Trennung aus der Wärme und dem Getragensein im Mutterbauch einhergeht – “steinbeladener Atem sucht neue Wege ins Freie”, vom ersten Augenblick an. Sie empfand das Leben als grosse Aufgabe: dank dem Atem eine stärkende Kraft zu spüren, um zur Sprache zu finden und dank der Sprache dem Schmerz Ausdruck zu geben, der “steinbeladen” lastet.

Nelly Sachs spürte, dass nicht die Wiederholung des nicht Tragbaren die Gegenwart tragbar machen kann und ebenso wenig die Zukunft. Zugleich spürte sie, dass sie der Klage bedurfte, um den Schmerz ausatmen zu können. Sie wusste zutiefst, dass, wenn der Schmerz sich der Sprache entzieht, wenn das Leiden ohne Ton und ohne Spuren wie in sich selbst verstummt und erstarrt, der Mensch im leeren, grauen  Geflecht der Einsamkeit versinkt und verdurstet, wie ins zeitlos Endlose weggeschwemmt wird, weder Halt spürt noch festes Ufer sieht. So hält sie in einem anderen Gedicht fest:

 

“Immer ist die leere Zeit

hungrig

auf die Inschrift der Vergänglichkeit –

In der Fahne der Nacht

mit allen Wundern eingerollt

wissen wir nichts

als dass deine Einsamkeit

nicht die meine ist –”[5]

Was Nelly Sachs zum Ausdruck bringt, ist vielleicht Sprache für viele, obwohl, wie sie festhält, jede Einsamkeit immer die je eigene eines Menschen – jedes Menschen – ist, in seiner/ihrer Besonderheit, in seiner/ihrer Ausgesetztheit in die spürbare Nähe des verstummenden Weggleitens – in die “Vergänglichkeit”, die der “Inschrift hungrig ist”, in das “Eingerolltwerden” in die Verzweiflung, ins Nicht-mehr-Leben, ins Sterben, das letztlich nur der Bestätigung bedarf. Sie wusste, was die “leere Zeit” bedeutet und ebenso, was die volle Zeit ist, die je eigene, besondere Zeit jedes Menschen, die innere Zeit, die mit der geregelten äusseren Zeit – der Stunden – und Minutenzeit, der Zeit der gezählten Jahre, die für alle gilt – nicht übereinstimmt.

Wichtig ist zu wissen, dass Nelly Sachs in diesen Zeiterfahrungen ausharren konnte, dass sie über die Sprache zum Gespräch fand mit sich selbst und mit Kräften in ihr, die sie – dem Leben verpflichtet – hielten. Die Sprache half ihr, der Ohnmacht entgegenzustehen. Hätte sie nicht als Begleitkraft die Sprache gehabt, sie hätte kaum die Aufgabe tragen können, Menschen verlieren zu müssen, zurückzubleiben und übrig zu bleiben, wie sie immer wieder in ihren Gedichten vermittelt:

 

“Immer ist die leere Zeit

hungrig

(…)

Vielleicht dass ein Traum – verwirklichtes Grün

Oder ein Sang

Aus der Vorgeburt schimmern kann

Und von den Seufzerbrücken unserer Sprache

Hören wir das heimliche Rauschen der Tiefe”…

Nelly Sachs’ Werk wurde noch zu ihrer Lebenszeit mit zahlreichen Preisen geehrt, 1966 mit dem Nobelpreis, vorher in Deutschland mit Literaturpreisen und mit dem Friedenspreis – Anerkennungen, die sie nicht abwehrte, sie, die zutiefst eine Vermittlerin der Sprachlosen war und sich selber so empfand.

 

Grenzüberschreitungen in der Tragbarkeit von Schmerz

Es gibt kaum Menschen, deren Beziehung zum eigenen Ich – die Selbstbeziehung – in allen Lebenszusammenhängen so sicher und zugleich so offen ist, wie die Beziehung zu einem Du ersehnt wird. Was als persönlicher Wert und als Beziehungswert in der frühen Kindheit durch Mutter, Vater, Geschwister etc. vermittelt und erlebt wurde, bleibt häufig als Mangelerfahrung im Menschen haften:  als Mangel an Wärme, an Verlässlichkeit, oder an Aufmerksamkeit und Mass, letztlich als Mangel an Wert zu leben. Wenn neue Erfahrungen von Enttäuschungen und Verlusten dazu kommen, Erfahrungen von Missbrauch, von Gewalt und geforderter Unterwerfung,  kann der angstbesetzte, entwürdigende Schmerz der Seele überhandnehmen und einen Rückzug im eigenen inneren Ghetto bewirken,das manchmal mit kaum erträglicher Enge und Dunkelheit, mit einem Gefühl der Verlorenheit und Ausweglosigkeit bis zur Verzweiflung führt.

Das Mass an Leiden, das für einen Menschen tragbar ist, ist ungleich. Es ist ungleich im Vergleich der Menschen untereinander, und es ist ungleich in den Lebensetappen und Lebenszusammenhängen des einzelnen Menschen, ob die  Schmerzempfindungen den Körper oder die Seele betreffen. Das Mass der Tragbarkeit von Leiden und Schmerz hängt vom Mass der lebenszustimmenden, stärkenden inneren Sicherheit ab, das heisst vom persönlichen Ich- und Selbstwert des Menschen, einem inneren Gleichgewicht, das der Mensch in der tatsächlichen Übereinstimmung oder im Mangel selber spürt. Es kann weder vorausgesetzt noch gefordert werden, es hängt nicht vom Alter ab, nicht vom sozialen Rang und nicht von materiellen Werten, über welche verfügt werden kann oder nicht. Die erstaunliche Tatsache, dass Menschen selbst jahredauernde Folter und Kerkeraufenthalt aushalten können, ohne zu zerbrechen, oder dass Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen oder mit nicht mehr heilbaren körperlichen Erkrankungen eine grosse Lebenskraft, eine Heiterkeit und Offenheit anderen Menschen gegenüber besitzen, dass andererseits Menschen in suizidale Gefährdung kommen, wenn sie eine Prüfung nicht bestehen, wenn ihnen gekündigt wird oder wenn ein Partner/eine Partnerin sie verlässt, oder dass kaum tragbare Ängste überhandnehmen, wenn existentielle Probleme auftreten oder wenn eine Krankheit diagnostiziert wird, die während einiger Zeit Einschränkungen bewirkt, aber heilbar ist.

Es ist möglich, Leiden und Schmerz, auch grosses Leiden zu ertragen und zu heilen, wenn die Beziehung zum eigenen Ich die Bedeutung der guten und damit heilenden Beziehung zu einem Du – jene der Fürsorge, der Sorgfalt und der stärkenden inneren Achtung – erlebt, wenn sie diese eventuell gerade über das Leiden lernen kann resp. umsetzen lernt: in Gefühle der Zustimmung zum Wert des Lebens, trotz Alleinsein, auch trotz vielfältigem Leiden und Schmerz.

Alleinsein wird nicht zur Einsamkeit, wenn die Selbstbeziehung zum stärkenden Ich und Du werden kann. Wenn selbst das Schweigen ertragen werden kann oder eine Antwort findet in einer anderen Sprache – im Verstehen der eigenen inneren Sprache, in jener der Empfindungen, der Bilder, die sich einprägen und die begleiten, der Bilder des Traums. Wie ist dies möglich? Kann eine andere Konzentration möglich sein, ein Horchen auf den Ton der eigenen Sprache, ein Fragen nach den Farben und Gestalten der Bilder, ein Beachten der Ursachen der Ängste und des Schmerzes, auch der fortgesetzten Reaktionen darauf, der Versteifung und Verhärtung des ganzen Körpers, der Furcht vor jeder Bewegung und vor jedem Stillstand, vor der Nacht wie vor dem Tag? Kann beachtet werden, warum andere Möglichkeiten lange wie ungeöffnet blieben oder wie nicht zugelassen waren?

 

Was ist die heilende Kraft der Erinnerung?

Nochmals will ich auf die Literatur eingehen, um eine Antwort zu übermitteln. Ich mache dafür einen weiten Bogen um die Erde. Was wir hier in der Schweiz, was wie in Europa erleben, prägt den Menschen auch anderswo, irgendwo, ist doch die Tatsache der Besonderheit jedes Menschen gleichzeitig geprägt durch das gleiche  Menschsein. Vor einigen Jahren erschien erstmals in deutscher Sprache ein Band mit Erzählungen des chinesischen Autors Lu Xun[6]. Die chinesische Originalausgabe war 1923 in Peking erschienen. Im Vorwort hält der Autor fest: “Auch ich hatte in meiner Jugend viele Träume, aber später habe ich die meisten davon wieder vergessen, worüber ich nicht einmal betrübt bin. Was landläufig als Erinnerung gilt, mag zwar durchaus Vergnügen bereiten, macht aber manchmal unweigerlich einsam und beschwört zudem die Einsamkeit vergangener Zeiten herauf.”

Als Sohn einer angesehenen Familie – deren Name Zhou lautete – wurde er 1881 geboren. Der Vater sei Literat gewesen, die Mutter Bäuerin, die sich selber das Lesen beigebracht habe und die irgendwann den Mut fand, sich die Füsse aufzubinden – was in der ganzen Sippe Auflehnung bewirkt habe. Irgendwie war diese Frau von besonderer Stärke, obwohl ihr Leben schwer war; man weiss, dass sie  ihren Sohn um sieben Jahre überlebte. In einer kurzen Autobiographie hält er fest, dass nach dem Tod des Vaters, als er 13 Jahre zählte, der grosse Landbesitz habe verkauft werden müssen. Zwar habe er noch vier Jahre studieren dürfen, doch sei die Familie der völligen Mittellosigkeit ausgesetzt gewesen. Die Geschichte Chinas war in jener Zeit geprägt von Aufständen, Intrigen und immer wieder von Gemetzel zwischen Volksgruppen wegen Fanatismus und Feinderklärungen. Er hatte die Aufgabe, für die Mutter zu sorgen. Er begann zu schreiben und unter dem Namen Lu Xun zu publizieren. Während einigen Jahren war er Lehrer, dann Dozent und Professor an Universitäten, doch infolge von Säuberungsaktionen wurde er verfolgt, zumal er der Liga für Menschenrechte und der Liga linker Schriftsteller beigetreten war. Er musste fliehen, in anderen Städten zu leben versuchen. Was er seit 1926 veröffentlicht hatte, wurde verboten. Er musste untertauchen, die Angst begann, ihn zu besetzen. Immer schwerer wurde es für ihn, seine Herkunft und sich selbst zu akzeptieren, immer schwerer lasteten Geschichte und Zukunftslosigkeit auf ihm. Das Projekt einer Zeitschrift unter dem Namen “Neuleben”, für deren Herausgabe er sich während Jahren eingesetzt hatte, versandete im Nichts.

Am 3. Dezember 1922 hielt Lu Xun in einer Aufzeichnung fest: “Eine nie gekannte innere Leere stellte sich ein. Zunächst wusste ich dafür keine Erklärung, später dachte ich, wenn jemand für seine Meinung Zustimmung erntet, bringt es ihn voran, stösst er jedoch auf Widerspruch, macht es ihn kämpferisch. Aber wirklich tragisch ist, wenn einer unter seinen Mitmenschen laut die Stimme erhebt, aber keinen Widerhall findet, weder Beifall noch Ablehnung, wie in einer grenzenlosen Ödnis und ohne die Möglichkeit, irgendwie einzugreifen. Daher begann ich, mich einsam zu fühlen. Diese Einsamkeit wuchs von Tag zu Tag und begann, sich wie eine riesige Giftschlange um meine Seele zu winden.”[7]

Wie kam Lu Xun dazu, die Einsamkeit, die er auch mit einer “eisernen Kammer” vergleicht, aufzubrechen? Er schildert, wie er jahrelang in einem versteckten Raum an einem Tisch sass und täglich nichts anderes tat, als alte Gedenktafeln zu kopieren, und wie diese Kopien sich anhäuften. Da sei eines Tages ein Freund zu ihm gekommen.

“Wozu soll diese Kopiererei nützlich sein?” habe er mit allem Nachdruck gefragt, ja, er habe von ihm Rechenschaft verlangt.

“Zu rein gar nichts.”

“Wozu kopierst du also die Sachen?.

“Einfach so.”

Darauf habe er ihn angeschaut und gesagt:

“Ich finde, du solltest schreiben…”[8]

Lu Xun begann zu schreiben. Die erste Erzählung, die er schrieb – “Das Tagebuch eines Verrückten” -,  ist der Bericht eines von der Wahnvorstellung verfolgten Menschen, er sei von Menschenfressen zum gesuchten Objekt gemacht worden. Von Erzählung zu Erzählung finden sich in anderen Gestalten seine eigene Geschichte – so auch das Verhältnis zur Mutter, die Tragödie einer Liebe, die Probleme des Lebensunterhalts, die Tatsache, Opfer zu sein, die Suche nach Heimat –, bis er mit sich selber wieder wie gesättigt ist, so dass er als Titel “Applaus” wählt – “Applaus”, den er sich selber gibt, im Erkennen der geheimen Kraft seiner lebensrettenden Sprache, die ihm die Entschlüsselung der “eisernen Kammer” der Einsamkeit ermöglichte.

 

Heraussteigen aus dem Abgrund Schmerz

Die beiden Geschichten – eine weibliche und eine männliche, zeitlich nicht weit, jedoch kulturell weit auseinander -, mögen deutlich machen, dass das, was Schmerz heisst, einhergeht mit einem Ausmass an Traurigkeit, das schwer auf Menschen lastet, das den Namen Einsamkeit hat und das auf je persönlichen Ursachen beruht. So ist es auch heute. Düstere, trostlose, lähmende Leere  beherrscht unzählbar viele Menschen auch heute, Erwachsene bis ins hohe Alter, auch Jugendliche, selbst Kinder, ein Schmerz zu leben, der den Körper beherrscht und die Seele. Es ist, was in der medizinischen Diagnostik als Depressivität bezeichnet wird, was seit der Antike unter Melancholie verstanden wurde und was im Volksmund Schwermut heisst. Lebenserfahrungen fügen sich aneinander, die so schwer lasten, dass sie beherrschend werden. Sie lassen keinen Platz mehr für die Erinnerung an lebensstärkende Kräfte und an gute Erfahrungen, die eine Verarbeitung der belastenden und schmerzlichen zulassen würden. Die Einsamkeit, die mit dem Schmerz einhergeht,  lässt jeden Klang zum schrillen oder leisen, ständig sirrenden Gleichklang werden – zum lähmenden Ton, der wie zu erstarren scheint, so dass auch Gespräche wie sinnlos erscheinen. Wie wird es umsetzbar,  dass der Mensch auf den Freund – oder die Freundin -, der/die ihn aufsucht, achtet und hört, wie Lu Xun es tut? – dass er/sie “frierend vom Ausgang die Augen aufschlägt”, wie Nelly Sachs in einem anderen Gedicht schreibt?

 

“Wenn der Tag leer wird

in der Dämmerung,

wenn die bilderlose Zeit beginnt,

die einsamen Stimmen sich verbinden –

die Tiere nichts als Jagende sind

oder gejagt –

die Blumen nur noch Duft –

wenn alles namenlos wird wie am Anfang –

gehst du unter die Katakomben der Zeit,

die sich auftun denen, die nahe am Ende sind –

dort wo die Herzkeime wachsen –

in die dunkle Innerlichkeit hinab

sinkst du –

schon am Tod vorbei,

der nur ein windiger Durchgang ist –

und schlägst frierend vom Ausgang

deine Augen auf

in denen schon ein neuer Stern

seinen Abglanz gelassen hat -“[9]

Es ist tatsächlich so, dass der Schmerz einem Abgrund gleichkommt, aus welchem ein Aufstieg und Ausstieg möglich ist, wenn der Mensch sich selber darin erkennen kann: wenn er/sie den inneren Blick so auf sich selber werfen kann, dass er/sie versteht, was es heisst, sich zu halten – oder selber im Stich zu lassen und sich selber preiszugeben. Dieses Verstehen mag ein Schock sein, wie das Erwachen aus einem schweren Traum. Plötzlich wird klar, dass Ereignisse, die von Aussen an einen Menschen herankamen, ein Gewicht annahmen, durch welches die Verteidigung des eigenen Lebenswertes keine Beachtung mehr fand, als ob ein inneres Übergewicht die Atem- und Erholungsmöglichkeit der Seele erstickte. Dies mögen  tatsächlich fortgesetzte Herabsetzungen im Beruf gewesen sein bis zur Entlassung, ständige Schikanen im Freundes- oder Familienkreis, Erfahrung von Betrug und Entwertung im Beziehungszusammenhang, Verlust durch Tod  – Tod in irgend einer Form – von Menschen, deren Besonderheit im Beziehungsgeflecht nicht ersetzbar ist. Oft ist es eine nicht mehr rekonstruierbare Anhäufung von Unterwerfung unter Pflichtforderungen, oder eine ständige Ausnützung der Arbeitskräfte ohne Anerkennung, oder ein Gebot des ständigen Schweigenmüssens, eventuell verbunden mit einem Tabu, das ein Mensch nicht zu lösen resp. zu öffnen vermag. Oder es mag ein Leiden des Körpers sein, das zusätzlich beklemmende Ängste weckt.

In der eigenen psychischen Struktur Teile des Widerstands gegen diese innere Gewalt wecken zu können, um nicht zu erfrieren, um aus der “dunkeln Innerlichkeit” herauszufinden ist möglich. Dies ist eine Erfahrung der Genesung, die zu den erstaunlichsten gehört: es ist die Erfahrung, aus der Nähe zum totalen Schweigen, letztlich aus der Todesnähe, wieder zu erwachen.

Spüren zu können, dass ein Überleben gewährt wurde, weckt ein Glücksgefühl, ein dankbares Staunen. Wie konnte es, wie kann es gelingen? Es geht um jene Aufmerksamkeit, die dem Verstehenkönnen der Ursachen von Schmerz und Traurigkeit vorangeht, so dass sich diese nicht mehr in Einsamkeit verschrauben. Wenn die tatsächlichen Ursachen erkannt werden, darf auch Traurigkeit einen Platz haben, ohne jenen der Zustimmung, ja des Glücks zu leben  zu ersticken. Es bedarf des ständigen aufmerksamen inneren Dialogs des Menschen mit sich selber, damit jede Erfahrung einen Platz finden kann in der grossen Bibliothek der Lebensgeschichte – ob diese vier Jahre zähle oder vierzig oder achtzig. Immer begleiten uns im verborgenen Teil der inneren Zeit Hunderte von Jahren und Hunderte von Lebensgeschichten von Vorfahren, welche den Erfahrungen der gegenwärtigen Zeit einen Begleitton verursachen.

So ist und besteht immer die Tatsache des Todes, mitten im Leben: Geburt und Tod.  Dabei  das Leben zu verstehen als täglich erneuertes Geschenk, so dass beim Erwachen aus dem Schlaf zugleich ein Staunen und ein Hinnehmen der Aufgabe, den eigenen Teil in der Zeitgeschichte zu akzeptieren, erwacht und wieder umsetzbar wird – auch das ist möglich. Es mag sogar möglich sein, dadurch angstfrei zu werden im Nichtwissen um die Zukunft, in welcher irgendwann ein Nichtmehrerwachen Tatsache sein wird, irgendwann eine Rückkehr des eigenen Körpers in den “samtenen Acker” und zugleich eine andere Präsenz der “psyche” – Geist und Seele – in der Zeitlosigkeit, die wir ahnen können durch das Gefühl von unvergänglicher Dauer, durch das, was letztlich Liebe bedeutet – das Bild des “neuen Sterns”. Welch kostbarer Ton kommt da der Stimme eines Menschen zu, der/die versteht, was dem anderen Menschen nur noch als dunkler Abgrund erscheint. Immer wieder gelingt es, dass das Verstehen eines anderen Menschen die Tür zum eigenen Verstehen öffnet – zum Verstehen seiner selbst, der Hintergründe von Traurigkeit und Angst, von Schmerz, Dunkelheit und Leiden, damit der Sehnsucht nach dem Wert des eigenen Lebens.

Dies ist die zugleich schwierige und wichtige Aufgabe, die dem Menschen in der Beziehung zu sich selbst und in der Beziehung zu anderen Menschen zukommt. Es ist die Aufgabe, aus dem Verstehen eine Umsetzung ins ganze Leben zu finden. Vielleicht liegt hierin das Geheimnis von Heilung. Der Augenblick, in welchem das Verstehen möglich ist, kann einen Neubeginn einläuten. Hannah Arendt, welche von der Kraft der Freiheit, die jedem Menschen inne ist, überzeugt war, hatte als deren nobelste Umsetzung das Verzeihen verstanden. Verzeihen, was in der Vergangenheit an Schmerz, dem wir heute ausgesetzt sind, verursacht wurde, kann nicht das Geschehene ungeschehen machen. Aber es löst das Beklemmende, Hemmende, Lähmende, das dem Schmerz inne wohnt, auf. Es hebt den Schmerz auf, wehrloses und wertloses Objekt zu sein resp. gewesen zu sein. Der Mensch, der fähig ist zu verzeihen, befreit sich vom Druck des Leidens wie vom Druck der Rache, die neues Leiden schafft.

 

“Immer ist die leere Zeit

hungrig

auf die Inschrift der Vergänglichkeit –

(…)

Vielleicht dass ein Traum – verwirklichtes Grün

oder

ein Sang

aus der Vorgeburt schimmern kann

und von den Seufzerbrücken unserer Sprache

hören wir das heimliche Rauschen der Tiefe –”

 

(…)

“Alles ist im Werden

zwinkert der Schmetterling”[10]

 

[2] Nelly Sachs. Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1961, S. 186

[3]Nelly Sachs.  Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1965, S. 161

[4] a.a.O., S. 163

[5] ibid. S. 180

[6] unter dem Titel “Applaus” im Unionsverlag,  Zürich 1993

[7] ibid. S. 11

[8] ibid. S. 13

[9] Nelly Sachs. Fahrt ins Staublose. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1988. S. 137

[10]a.a.O., S. 180 – 181

Write a Reply or Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.