“Praktische Naturphilosophie” – Der Mensch in der Pluralität der Beziehungen

“Praktische Naturphilosophie”

Der Mensch in der Pluralität der Beziehungen

Beitrag zur Diskussion um das Buch von Klaus Michael Meyer-Abich

 

 

Begrüssung

Dank an Wolfgang Vogelmann für die Einladung zu diesem Austausch in Bad Segeberg. Ich verstehe diesen Austausch als “philosophia in actu”, gemäss der Tradition der platonischen Akademie, Philosophinnen und Philosophen aus der Einsamkeit des Denkens herauszuholen und zu einem pluralen Prozess des Denkens zusammenzuführen. Die Einladung erfolgte, bevor ich das Buch von Herrn Meyer-Abich kannte, und auch der Titel meines Beitrags wurde vorher festgelegt. Dies machte mit über die Ostertage, als ich mich gründlich mit dem Buch auseinandersetzte, nicht wenig zu schaffen. Ich werde zu erläutern versuchen, weshalb.

Zu meiner Person ein paar Stichworte, damit Sie meinen Beitrag besser einordnen können: Ich arbeite – ohne feste Professur, als frei praktizierende Dozentin und Analytikerin –  in den Bereichen der Politischen Theorie, der Gesellschaftsanalyse und der Freud’schen Psychoanalyse, war früher lange Zeit als politische Journalistin tätig, während einiger Jahre auch in einer Kaderstelle der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (Dachorganisation der Flüchtlingshilfswerke), wo ich den politischen Bereich leitete und eine Koordinationsgruppe zur Erfassung und Erfüllung der psycho-sozialen Bedürfnisse der Flüchtlinge mit schlechtem Status (mit provisorischem Status) aufbaute und leitete. In diesem Zusammenhang resp. im Zusammenhang mit meinen nahen und über Jahre sich fortsetzenden Begegnungen mit Überlebenden der Nazi-Vernichtungslager sowie der ethnischen Säuberungen und Lager im ehemaligen Jugoslawien war ich auch das erste Mal nach Hamburg gekommen – ich bin nun das zweite Mal hier -, um am Kongress über Therpiemöglichkeiten von Menschen mit schweren, durch Verfolgung und Krieg verursachten Traumen teilzunehmen, insbesondere Therapiemöglichkeiten von Kindern. Ein Teil dieser Therapie- und Menschenrechtsarbeit geht weiter, auch nachdem ich mich von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe getrennt habe, nicht zuletzt im Rahmen meiner psychoanalytuschen Arbeit. – Ich habe vier Kinder, die erwachsen sind und die auf je verschiedene Weise im praktischen Leben stehen, die mir nahe geblieben sind, auch wenn zwei von ihnen im fernen Ausland, in Indien und in den USA, arbeiten (bin geschieden, seit vielen Jahren). Die älteste Tochter, die Künstlerin ist, hat auch wiederum ein Kind hat, das z.T. bei mir aufwächst.

Zum Buch von Herrn Meyer-Abich: Es ist schwierig für mich, diesem Buch, das den Anspruch und und Umfang einer Summa hat, das zudem streckenweise in der 1. Person geschrieben ist und dadurch – einen beinah mystischen, zeitweise schwärmerischen – Bekenntnischarakter annimmt, gerecht zu werden, zumal es “geschrieben ist, um möglichst rechtzeitig zu überlegen, wie die Katastrophe noch zu vermeiden wäre” (S. 429)womit sein prophetisch-apokalytischer und preskriptiver Ton zusammenhängt – schwierig, wenn man auf der Trennung von theologischer und philosophischer Argumentation besteht, auch auf der Trennung von theoretischem und polemischem Diskurs, wenn man romantische Nostalgie, insbesondere für kollektive, gesellschaftliche Zusammenhänge, ablehnt und für gefährlich hält, wenn man sich einer Linie der Skepsis, resp. der Ideologiekritik in der Denkgeschichte verpflichtet fühlt (die ebenfalls vorsokratische Anfänge hat), wenn man daher, auch in diesem Diskurs, einfach analytisch vorgehen möchte. Das bedeutet, dass ich, wie immer in meiner Arbeit, einerseits die vorgestellten Theorien zur Kenntnis nehme und diese auf das hin befrage, was sie meinen, etwa die Geschichte der Menschheit, die bei Herrn Meyer-Abich als Geschichte der Natur deklariert wird; dass  ich andererseits das, was gesagt wird, resp. was sprachlich in Erscheinung tritt, darauf hin untersuche, wie es in Erscheinung tritt, in welcher Sprache, mit welchen Worten, ob ob es präzise oder diffus, ob es knapp oder redundant daherkommt, ferner daraufhin, ob ich als Leserin, als Philosophin, angesprochen und gemeint werde oder nicht, sodann dass ich den Text auch auf das hin befrage, was darin ausgelassen, verdrängt, klein gemacht oder gar verlächerlicht wird.

Erlauben Sie mir, (1) kurz auf  das einzugehen, was ich am Buch anerkennen möchte; (2) dann auf das, was mich befremdet, und meinen Dissens vorweg auch zu begründen. Zuletzt (3) werde ich etwas aus meiner eigenen Arbeit zum Diskurs beitragen.

(1) Anerkennung zuerst für die ausführliche Einführung in die Grundfrage der Ethik – die Frage des rechten Handelns – mit Hilfe der sorgfältigen Aufbereitung des “Kriton”-Textes. Ich habe sie mit Vergnügen gelesen.  Die präzisen und umfassenden Platon-Kenntnisse Herrn Meyer-Abichs, die sich auch bei der Ausleuchtung der Ideenlehre zeigen, verdienen diese Anerkennung. Anerkennung ist auch der interessanten Ausdeutung der Bedeutung der Renaissance zu zollen, insbesondere was den Nachweis in der Malerei betrifft. Dass indessen bei dem, was “Kopernikanische Wende” heisst,  verschwiegen wird, dass das “movens”  zur Wende”, resp. zum epochalen Aufbruchs, die Skepsis ist, die Infragestellung überlieferter und autoritär verteidigter Weltbilder, gehört schon zu (2), resp. zu meiner Kritik am Buch.

(2) Ich hätte mit dem Buch vermutlich keine Mühe, wenn es einfach als Nachweis der platonischen Ideenlehre in der abendländischen Philosophiegeschichte daherkäme und nicht als holistisch verstandener Schlüssel zur Erklärung dessen, was von M.A. “Krise der Natur” genannt wird, mit dem Anspruch, für diese Krise und für die damit verbundenen Schäden die allein richtigen Lösungen zu kennen. Diese Lösungen empfehlen einen voluntativ herzustellenden “retour à la nature”, wobei, analog zu Rousseau, die gesamte Natur und die “Natur” des Menschen als gut vorausgesetzt werden. Damit allerdings habe ich grosse Mühe,  wird doch die Geschichte der Menschheit als Geschichte des Machtmissbrauchs, als Geschichte von Herrschaft (auf der einen Seite) und von Leiden (auf der anderen Seite) in allen nur denkbaren Bereichen, auch im Nahbereich und im Nächstbereich, ausgeblendet, die Geschichte der Menschenverachtung, die Walter Benjamin in seinen “Geschichtsphilosophischen Betrachtungen” als die noch schreibende Geschichte der Opfer bezeichnet, die Geschichte jener Abermillionen von Menschen, die zu Opfern gemacht wurden aus dem Bedürfnis der Täter (manchmal auch der Täterinnen), die eigene Defizienz, das eigene Mängelwesen, wettzumachen durch Kleinmachen, Verachten, Quälen und Töten anderer Menschen – entgegen allen holistischen Naturbeschwörungen.

Der Syllogismus “Die Natur ist gut. Der Mensch ist Natur. Also ist der Mensch gut” mit dem Nachsatz “Er muss nur Natur sein wollen” erscheint mir auf verhängnisvolle Weise falsch. Was die erste Prämisse betrifft, so ist meiner Auffassung nach die Natur – die anorganische wie die organische – weder gut noch schlecht, da sie keine Optionen des Handelns – keine Freiheit –  kennt, sondern den Gesetzen der Notwendigkeit gehorcht (Reproduktion und Überleben bei der organischen Natur). Was die zweite Prämisse betrifft, so ist der Mensch zwar Natur (durch seine/ihre Physiologie, Chemie, Physik, resp. infolge seiner/ihrer Sterblichkeit), zugleich aber anders als Natur, nämlich begabt zu erkennen, zu zweifeln, resp. Fragen zu stellen, und innovativ zu handeln, oder, nach Hannah Arendt, begabt, einen Anfang zu setzen, dank seiner “Gebürtlichkeit”,  d.h. dank der Fähigkeit zum Neubeginn – dank der Freiheit -, ins Geflecht von Geschichte und innerhalb der Pluralität der gleichzeitig lebenden Menschen einen neuen Faden zu schlagen, dabei zwischen Erkenntnis und Abwehr der Erkenntnis wählend, zwischen gutem, weniger gutem und bösem (zerstörerischem) Handeln, unterschiedlichste Zweck-Mittel-Rationalitäten erwägend und zugleich fähig, zweckfrei zu handeln, erfinderisch in Hinblick auf die Überwindung der Notwendigkeit, nach Sinn und Bedeutung fragend.

Weder Pflanzen noch Tiere zögern in Hinblick auf ihr Handeln, die Optionen von “gut”, “weniger gut” und “schlecht” resp. “böse” gibt es nicht nach ethischen Kriterien (es gibt höchstens z.B. effizientere, zweckmässigere Wege der Nahrungsbeschaffung oder weniger zweckmässige), die Sinnfrage stellen sie nicht. Zwar sind die meisten höher entwickelten Tiere beziehungs- und leidensfähig, und die Verbechen ihnen gegenüber müssten weltweit strafrechtlich geahndet werden, resp. durch ein Verbot der Zuchttierhaltung zu  Fleischzwecken präventiv verhindert werden  (s. Peter Singers “Ethik”, die hierauf aufbaut, sowie seine persönliche Konsequenz einer total vegetarischen Ernährung; kein Hinweis im Literaturverzeichnis). Ich finde es jedoch mehr als befremdend, ausführlich das Leiden der Pflanzen zu bedauern, gleichzeitig aber das millionenfache Leiden der Kinder, nicht erst heute, sondern seit Beginn der Weltgeschichte, zu verschweigen (s. Ariès, Hört ihr die Kinder weinen? – fehlt ebenfalls im Literaturverzeichnis), das Leiden der Kinder in den Gold- und Silberbergwerken in Südafrika und in den Andenländern, auf den Baustellen in Indien und Pakistan, in den Bordellen, in den unzähligen Fabriken und Heimwerkstätten, in unzähligen von Kälte, Gewalt und Terror beherrschten Familienverhältnissen (auch in den mittleren und oberen Gesellschaftsschichten, auch in Akademikerkreisen), das Leiden der in grösster Armut und täglicher Erniedrigung lebenden Kinder, nicht erst seit der Industrialisierung, sondern seit eh und je, der an Hunger und Durst leidenden Kinder, der Kinder, die Opfer sind von Krieg und Verfolgung, Opfer des alltäglichen Zynismus der Erwachsenen, ich rede gar nicht von den Kindern in den polnischen Ghettos und in den Vernichtungslagern.

So komme ich schliesslich zum Folgesatz im Syllogismus.  Dieser folgesatz ist falsch (gemäss den Gesetzen der Logik muss er falsch sein), weil die Prämissen falsch sind. Der Mensch ist nicht gut – zumal unter “Mensch” schon in der Antike nur der kleine Kreis der besitzenden, freien Männer verstanden wurde, nicht die Frauen, nicht die Sklaven, nicht die Fremden. Die Ausgeschlossenen waren zahlreicher als diejenigen, die sich selbst auf Grund ihrer (auto-arrogierten) Defnitionsmacht dazu zählten – und so ging es in der Geschichte weiter. Die “Déclaration des droits de l’homme”  von 1789 betraf nicht “Menschen”rechte, sondern Männerrechte. Als Olympe de Gouges mit ihrer “Déclaration des droits de la femme et citoyenne” in aller Öffentlichkeit, vor der Assemblée nationale, eine Korrektur anbrachte, war sie gegen den Zorn Robespierre’s machtlos; sie wurde verhaftet, in der Bastille gefangen gehalten und nach einem Scheinprozess, bei dem sie sich selber verteidigte, auf der Guillotine ermordet. Auch die totalitären Regimes unseres Jahrhunderts unterschieden zwischen “Menschen” und “Untermenschen”, und die zweite Gruppe hatte wenger Wert als Dinge. Selbst in der Schweiz wurden die Frauen erst vor gut 25 jahren, im Jahre 1971, “Menschen”, im Sinn der “Menschen”rechte, als die Männer ihnen endlich zugestanden, politisch  ebenbürtig zu sein, resp. fähig zu sein, mitzuhandeln, mitzuentscheiden im Raum des Politischen. Nochmals: der Mensch ist nicht gut, und es ist eine Leistung der Kultur, resp. des kollektiven Prozesses in der Erkenntnis, dass Regeln und Absprachen für das Zusammenleben nötig sind, deren Nichtbefolgung Sanktionen nach sich zieht.

Ich werde im dritten Teil auf mein Verständnis von Kultur weiter eingehen. Hier möchte ich nur meinen klaren Dissens mit der Meyer-Abich’schen Gleichsetzung von Natur und Kultur formulieren, auch meinen Dissens mit dem aus dieser Gleichsetzung – indirekt – abgeleiteten Identitätssbegriff. Es genügt meines Erachtens nicht, Differenz zu andern Menschen festzustellen, sei dies – nach Meyer-Abich – “das Ensemble von meinsgleichen” oder “das Fremde und Gegensätzliche, das andere Züge trägt” (S. 302). Das erscheint mir trivial; einerseits beinhaltet es die Gefahr der hierarchischen, elitären Differenzerklärung, welche das “basso continuo” allen Familiendünkels, Wissenschaftsdünkels, Klassendünkels, Schicht- und gar Rassedünkels und aller damit verbundenen Verachtung der “anderen” ist. Solange nicht die Differenz in der eigenen Person erkannt und ernstgenommen wird, resp. die Vielzahl von Differenzen und damit von sich wandelnden Identitäten im einen und selben Menschen, nicht nur im Lauf seiner Entwicklung, sondern in der je aktuellen Selbstbefragung, solange das Unbewusste geleugnet wird, dessen Wirken sich gerade im Vorhandensein dieser – in psychischem Leiden, in Verstimmungen, Depressionen, auch in schmerzhaften Somatisierungen, überhaupt in vielfältigen, jedoch nicht nur negativen Kompensationen – zeigt, solange dies nicht gelingt, gerinnt der Identitätsbegriff zur ontologischen Hypostase, die wie ein Besitz, wie etwas, das ein- für allemal feststeht und das nur nach Eigentumskriterien verteidigt werden kann.

Wie gefährlich dies ist, kommt in den Passagen zum Ausdruck, in denen Meyer-Abich von seinem Identitätsbegriff auf die Forderung nach Assimilation zu sprechen kommt, resp. auf die – von ihm so thematisierte – Dichotomie von “Assimilation durch Angleichung” und “Assimilation durch Besonderung” (S. 303). Meiner Ansicht nach ist eine falsche Dichotomie. Assimilation erfolgt immer “nach oben”, entspricht immer der Anpassung von Weniger-Handlungsmächtigen oder von Anhängigen an die Massstäbe des Verhaltens und des Handelns der machtausübenden Schicht oder der machtausübenden Instanzen, seien dies die Eltern für das Kind, die Firmenleitung für die Angestellten, die Parteileitung für die Parteimitglieder, der Papst für die katholischen Gläubigen, sei dies die Bourgeoisie für das Proletariat, die christliche Gesellschaft für die Juden zu Beginn und während des 19. Jahrhunderts (s. Hannah Arendts Biographie Rahel Varnhagens, oder Kafka in seinen Tagebüchern und Briefen, s. meinen Beitrag), die deutsche Gesellschaft für die “second generation” der immigrierten Türken etc. Assimilation bedeutet immer Unterwerfung unter das Gebot des Stärkeren aus der – vielleicht trügerischen – Option des besseren Überlebens (also sehr darwinistisch), bedeutet immer Verzicht und Leiden, ist immer mit dem Verlust oder doch mit einer starken Einschränkung der Partikularität verbunden. Es gab in der Geschichte Assimilationszwänge, bei denen durch List die Partikularität erhalten bleiben sollte, so bei den spanischen und portugisischen Marranen, den im 15. Jahrhundert durch Zwangstaufe christianisierten Juden und Jüdinnen, die im Verborgenen die jüdischen  Lebensformen, die religiöse Überlieferung, ja selbst die Feiertage aufrechterhielten, in einer Art und Weise der Dissoziation des privaten Lebens vom öffentlichen, die aus anderen Zusammenhängen bekannt ist, etwa bei der – infolge gesellschaftlichen Drucks – bis vor kurzem häufigen “bürgerlichen” Eheschliessung von Homosexuellen und der im Verborgenen weiter gepflegten  gleichgeschlechtlichen Sexualität etc. Es gibt keine “Assimilation durch Besonderung”, das ist eine “contradictio in adjecto”. Was sich von Assimilation unterscheidet, ist das auf gegenseitiger Übereinkunft beruhende Zusammenleben in der Pluralität von Partikularität und Differenz, wobei gerade die Übereinkunft den politischen Rahmen bildet, der die Unterdrückung und Ausgrenzung von Minoritäten, von Rebellen und Rebellinnen verhindern sollte, der auch die paternalistische, besserwisserische Haltung des “sie werden uns schon noch näher kommen” überflüssig macht, der auch Konflikte, Widerspruch, Ablösung,  Dissens und vorweg erfolgendes neues Beginnen  als Garantie jeden durch Erkenntnis erfolgenden Wandels, als Garantie der Freiheit anerkennt, und nicht als Bedrohung von Identitätshypostasen fürchtet, verteufelt und zu verhindern versucht. Aus den Hypostasierungen vin “Identität” resultiert – leider – ein konservatives Machtgefüge, das gewaltimmanent ist und nur durch Gewalt verändert werden kann.

Ich würde infolge all dieser Überlegungen nicht von einer “Naturkrise” sprechen, in der unsere Zeitgenossenschaft steht, sondern von einer Gesellschafts- und Kulturkrise, von einer Krise des Zusammenlebens der Menschen in der Pluralität der Beziehungen (zu denen auch die vielfältigen Beziehungen zur Tier- und Pflanzenwelt wie zur anorganischen Natur gehören, das ist unbestritten), von einer Krise auch des Politischen. (Ich möchte allerdings feststellen, dass ich von keiner Epoche der Geschichte weiss, die von denjenigen, die in ihr lebten, nicht als krisenhaft erlebt worden wäre). Die – nicht nur begrifflliche, sondern analytische und theoretisch – Verschiebung des Untersuchungsgegenstandes betrifft im Grunde genommen den wichtigsten Dissens, den ich dem Werk von Herrn Meyer-Abich gegenüber formuliere.

Erlauben Sie mir, zuerst kurz auf einige theoretische Aspekte einzugehen, abschliessend dann nochmals auf meinen Kultur- und Politikbegriff.

Der hauptsächliche theoretische Rekurs bei Herrn Meyer-Abich auf Platon, Nikolaus von Kues und Herder sowie auf die christliche Schöpfungsgeschichte mach den idealistischen, auf mystische Harmonie und romantische Vergangenheitsverklärung hintendierenden Grundaspekt des Werks aus. Mein theoretischer Rekurs gründet dagegen auf Aristoteles (insbesondere auf der Paradoxienlehre in der “Ethik”), auf Kants “Kritiken”, auf den frühmarxistischen Entfremdungskritiken, auf Freuds Erkenntnis des Unbewussten, auf Wittgensteins sprachanalytischer Arbeit, auf Hannah Arendts Herrschaftsanalyse und den sich anschliessenden kommunikationstheoretischen Ansätzen. Meine kognitiven “Hilfsinstrumente” sind nicht Glaube und nicht Sehnsucht nach Aufhebung der Gegensätze, sondern Verstehen dessen, was, nach Wittgenstein, “der Fall ist” (nicht “sein soll”) sowie Skepsis allen Heilslehren, allen Ideologien und “totalen” (ev. ganzheitlichen) Erklärungs-, Lehr- und Handlungsangeboten gegenüber.

(3) Erlauben Sie, dass ich nun kurz auf meine Ansätze eingehe, resp. ein paar alternative Vorschläge zur Diskussion unterbreite.  Könnte ich wünschen, was Kindern in der Schule angeboten wird (nicht “was sie lernen müssen”), so wäre es, von der Grundstufe an, die Lust am Fragen und die Erfahrung, dass auf die meisten Fragen kaum Antworten, sondern neue Fragen folgen. Es wäre, ebenfalls im Modus des Fragens, eine zuerst vereinfachte, dann immer komplexere Vermittlung von Aristoteles’ Pardoxienlehre, resp. ein Training, eine Einübung der Fähigkeit, Widersprüche in gleichzeitigen Anforderungen oder Handlungsangeboten zu erkennen (etwa den widerspruch zwischen dem, was der Vater sagt und dem, was die Lehrerin oder der Lehrer sagt, oder der Pfarrer, oder dem, was verschiedene Lehrerinnen oder Lehrer sagen etc.), sodann ein Training der Fähigkeit zum eigenen begründeten Widerspruch  allen Lehrmeinungen oder Handlungsanweisungen gegenüber, auch Training der Korrigierbarkeit dieses Widerspruchs resp. der einmal geäusserten Meinung oder des einmal getroffenen Urteils.

Ich wünschte sodann eine Vermittlung, ebenfalls zuerst auf sehr vereinfachter, später auf komplexerer Basis, der beiden Kant’schen Imperative aus der “KdpV”. Schon dem Kind auf der Grundschulstufe kann die Frage gestellt werden, was geschähe, wenn alle Menschen täten, was es (er / sie) zu tun gut findet oder  was es zu tun beschliesst, resp. wenn das, was es zu tun gut findet, zur Regel oder zum Gesetz für alle erklärt würde. Selbst der praktische Impertiv, das Instrumentalisierungsverbot, ist für Kinder schon einleuchtend, machen doch leider die meisten Kinder die Erfahrung der Erniedrigung, als Mittel zu einem ihnen fremden Zweck gebraucht zu werden, sei es als Mittel zum Gaudi der Klasse durch Verlächerlichung oder Verhöhnung (etwa Kinder, die stottern, die ungeschickt sind im Turnen etc.) oder zur grösseren Kohärenz der Mehrheit der Klasse durch Ausgrenzung (etwa ausländische, fremdsprachige Kinder, jüdische oder muslimische Kinder in mehrheitlich christlichen Klassen etc), sei zur Selbstwertsteigerung der Eltern, der Lehrer/Lehrerinnen oder gleichaltriger Kinder, sei es sogar im Sinn materieller Ausbeutung. Dass der praktische Imperativ eine wirklich valable Prävention von Machtmissbrauch, von persönlicher und struktureller Gewalt sein könnte, ging – leider – auf verhängnisvolle Weise vergessen, oder wurde als nicht gewünschte, als befürchtete Möglichkeit der Infragestellung von autoritärem und totalitärem Handeln lächerlich gemacht oder verschwiegen. Ich würde selbst die Kerninhalte der “KdrV” sehr früh schon vermitteln: dass es keine absoluten Wahrheiten gibt, resp. dass es auf jede Frage verschiedene, jedoch eventuell nie definitive Erklärungen und Antworten gibt, dass alle Erklärungen und Antworten von Menschen in einem bestimmten Kontext gegeben werden, dass diese ergänzt, revidiert, korrigiert werden, dass vorweg die eigene Erfahrung die vielleicht wichtigste, aber immer auch wieder korrigierbare Erklärung bieten kann – all dies vermittelt über Fragen. Geschichten, Fabeln etc. Dass dies so nicht vermittelt wird, hängt kaum an Kant, sondern an den bei den meisten Eltern und Lehrerinnen/Lehrern so ausgeprägten eigenen Ängsten vor Verlust vor autoritärer Geborgenheit, hängt mit deren eigenem Ideologiebedürfnis zusammen.

Ich wünschte auch, dass von der Mittelstufe an mit Sorgfalt Marx’ “Philosophisch-Ökonomische Fragmente” gelesen und diskutiert würden, könnten sie doch eine wichtige Erkenntnishilfe sein bei der Unterscheidung von existentiellen Bedürfnissen und von suggerierten Ersatzbedürfnissen. Gerade für die Prävention der vielfältigen Süchtigkeiten – nicht nur der Drogensucht, diese ist lediglich eine der jüngsten – könnte Marxens  Entfremdungstheorie überaus nützlich sein. (Freud bezeichnet bekanntlich aus die Religionen als Wahn).

Sodann würde ich wünschen, dass Kinder sich früh in demokratische Entscheidungsfindungsprozesse einüben, dass sie einerseits lernen, was es braucht, Konsens auszuhandeln, und wie mit der daraus sich ergebenden kollektiven Handlungsfähigkeit umgegangen werden muss, dass sie andererseits mit Dissens und den damit verbundenen Diskurs- und Respekterfordenissen umgehen lernen, dass sie selber schon im Kindesalter und in der Adoleszenz die Erfahrung von Macht als einem – rechenschaftspflichtigen – Mandat auf Zeit machen können, ferner dass sie partikuläre eigene oder fremde Zwecke und übergeordnete Ziele, welche die Bedürfnisse, resp. das Wohlergehen aller betreffen, unterscheiden lernen, dass sie Macht von Gewalt unterscheiden lernen, d.h. dass sie auf praktische Weise lernen und erfahren, dass Konflikte nur gelöst werden können, wenn sie ausgehandelt werden, nicht wenn sie mit Fäusten oder mit anderen “Waffen”  – und seien es psychologische Waffen, etwa erpresserische Konditionalität – erstickt werden etc.

Kultur verstehe ich als die praktische Umsetzung all dieser Einübungen.  Kultur bedeutet meiner Auffassung nach nichts Elitäres, sondern bedeutet eine ständig zu befragende und zu erneuernde Haltung des Respekts vor der Freiheit und vor der existentiellen Bedürftigkeit aller, die zusammenleben, eine Haltung des Respekts, die Ausdruck findet in einer impliziten Übereinkunft. Nicht die Kenntnis der gesamten Werke Goethes oder Brahms bedeutet Kultur. Diese Kenntnis bedeutet Bildung, Wissen und, im Sinne Kants, Geschmack. Bildung, Wissen und Geschmack beflügeln, und sie verleihen Macht, bedeuten jedoch nicht Kultur. (Es ist bekannt, dass viele der an den nationalsozialistischen Verbrechen direkt oder indirekt Mitbeteiligten gebildete, ja zum Teil hoch gebildete Menschen waren). Kultur, so wie ich sie verstehe, ist somit unvereinbar mit jeder Art von Dünkel, mit persönlichem Dünkel oder Standesdünkel oder Rassismus, kurz mit jeder  Form der Menschenverachtung. Sie ist auch unvereinbar mit der Tatsache der Ausgrenzung von Menschen, sei es durch Armut und Erwerbslosigkeit, sei es wegen eigenwilliger Unangepasstheit, sei es wegen eines falschen Passes, sei es wegen anderer Gründe. Wer in grosser Armut lebt, geht jeder Freiheit verlustig. Kultur bedeutet daher gelebte Solidarität, auch im Sinn der Reinvestition des akkumulierten Mehrwerts zum Zweck der besseren Lebensqualität der vielen, die zusammenleben, ihrer Bildung, ihrer Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten, ihrer Partizipationsfähigkeit an den Entscheidungsprozessen, welche die Zukunftsfähigkeit aller betreffen, statt der kaum mehr realisierbaren Steigerung des Profits weniger. Daraus ergibt sich auch ein Masshalten und ein Respekt der Tier- und Pflanzenwelt, kurz der Natur gegenüber. Die ökologischen und sozialen Erfordernisse sind in diesem Verständnis von Kultur miteingeschlossen (gerade über die praktische Einübung des Instrumentalisierungsverbots resp. der vorweg erfolgenden Kontrolle und Korrektur von Machtmissbrauch). Geschichte und technologische Entwicklung können nicht rückgängig gemacht werden; es kann höchstens gelernt und geübt werden, alle neuen Handlungsentscheide auf deren Korrigierbarkeit hin zu befragen.

Ich komme zum Schluss. Ich habe keine Rezepte anzubieten wie Herr Meyer-Abich, auch weder apokalyptischen Szenarien noch Paradiesvisionen. Ich stelle nur fest: Die Geschichte der Menschheit ist zugleich eine Geschichte der Neuanfänge und des Lernens – und deine Geschichte der lernverweigerungen, nicht von eiten der jeweils lernhungrigen Kinder und nicht, weil ihnen nichts zum Lernen angeboten worden wäre, sondern weil diejenigen Erwachsenen, die über Macht und Privilegien verfügten, ihnen zumeist – es gab Ausnahmen – nur das vorsetzten, was ihre eigenen Herrschaftspositionen nicht beeinträchtigen sollte. Mir scheint, dass auch heute enorme Ängste vor den komplexen Paradoxien des pluralen Zusammenlebens bestehen und vor den Urteils- und Handlungsanforderungen, die infolge dieser Paradoxien an jeden einzelnen Menschen gestellt werden, dass daher immer wieder vereinfachende Gesamtrezepte erwünscht sind, selbst wenn diese so rückwärtsgewandt und so zeitverneinend sind wie diejenigen von Herrn Meyer-Abich. Ist denn wirklich der “Konsum” das grösste Problem? Ist denn die erstaunliche technologische Entwicklung nur schlecht? Profitieren wir nicht alle davon? Was tragen alle diese Verneinungen zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen der grossen und weiterhin wachsenden Städte und der in ihnen lebenden Frauen, Männer und Kinder bei? Was zu jenen der weltweiten, durch Hunger, Gewalt und Kriege ausgelösten Migrationen von Millionen von Menschen, der an die dreissig Millionen Heimatlosen und Flüchtlinge weltweit? Wie gerne wären diese “sesshaft”, wie Herr Meyer-Abich empfiehlt. Ich kann nur sagen: Ich liebe die Welt und die Zeit, in der ich lebe, ich wende mich ihr täglich zu, dieser komplexen, ums Überleben kämpfenden, urbanen, vielgestaltigen zeitgenössischen Welt, ich habe keine andere, ich wünsche mir keine vollkommene und wünsche mir vor allem keine vergangene zurück, ich möchte jedoch meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass sie zukunftsfähig sei. Wie weiter? Vielleicht führt unsere Diskussion weiter. – Danke.

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