“Glück” und “Identität”: Die Suche nach dem Glück – die Suche nach der eigenen Identität

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“Glück” und “Identität”: Die Suche nach dem Glück – die Suche nach der eigenen Identität

 

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie die zwei Begriffe nebeneinander wahrnehmen, lesen, vernehmen? In welchem Zusammenhang stehen die zwei Begriffe?

Wie lässt sich über die Sprache erklären (in Ergänzung zum ersten Seminarabend), was “Glück” bedeutet?

z.B.  –    Wohlbefinden

  • Freude, Sicherheit
  • Genuss / Sinnesgenuss
  • geistige Übereinstimmung
  • Empfinden der Zeitlosigkeit

–    in der eigenen Besonderheit verstanden werden

–    sich akzeptieren können und sich akzeptiert fühlen

–    nicht einsam sein

–    nicht überflüssig sein

–    Lebenssinn erleben

–    angstfrei sein

 

Wie lässt sich “Identität” erklären?

 

Die Suche nach Identität ist Teil der Suche nach Glück. Der Identitätsbegriff ist schillernd. Dabei stellt sich die Frage:

 

Ich bin wer?- warum und wie?

 

Die Suche nach Identität ist bei der Suche nach Glück in starkem Mass verknüpft mit der Suche nach Übereinstimmung der vielen Teile im eigenen Ich. Seit der Antike findet sich das Bestreben, die unterschiedlichen Teile des Menschen zu verstehen und so in Übereinstimmung zu bringen:

  • jene des Körpers (Geschlechtlichkeit, Bewegungsfähigkeit, Stärke oder Feinheit der Glieder und der Muskulatur, Grösse und Gewicht, Hautfarbe, Besonderheit der Hände und des Gesichts, insbesondere Augen, Nase, Mund und Ohren, der Ton der Stimme, die Organe und deren Aktivität usw.),
  • jene des Intellekts (Wissenshunger, Fragen und Erkunden, Erkennen und Denken, Skepsis oder Glauben, Behinderungen und/oder Erweiterungen des Wissens) sowie
  • jene der Psyche (Liebesbedürfnisse, Empfindungen von Sicherheit oder von Bedrohung, Gefühle von Vertrauen oder von Angst und Abwehr, wovon jegliches Beziehungsgeflecht resp. Verhalten sich selber gegenüber und anderen Menschen gegenüber – ev.auch dem Göttlichen gegenüber – geprägt wird, Zeit-  und Lebensgefühl im Sinn hemmender oder stärkender Kräfte).

 

Bei jedem Menschen geht die Suche nach Identität als Suche nach Übereinstimmung von Körper, Intellekt und Psyche einher mit der Suche nach Ergründung und Akzeptanz der nicht wählbaren Herkunfts- und Zeitgeschichte sowie mit der Suche nach Übereinstimmung der wählbaren Lebens- und Beziehungsformen mit Kriterien von Moral und Ethik, von Lebenssinn und Lebenswert

Ich gehe zuerst auf Einzelheiten der philosophischen Klärung von “Identität” ein, sodann über zwei geschichtliche Beispiele – Etinne de la Boëtie und Rahel Varnhagen – auf zeitgeschichtlich bedingte Begleitumstände im intellektuellen und psychischen Bereich der Suche nach Identität – der suche nach Glück.

 

1) “Identität” in sprachanalytischer Hinsicht:

Tagtäglich und in den verschiedensten Zusammenhängen ist von Identität die Rede: von Identitätspapieren bei Grenzübertritten oder bei Personenkontrollen durch die Polizei, am PTT-Schalter, an der Hotelrezeption oder auf dem Zivilstandsamt, es ist die Rede von Identitätszeichen in der Mathematik, von Identitätsbestätigung im Zusammenhang mit Warenprüfungen bei Import, Export und Kauf (schon beim Kauf eines Paars Schuhe), aber auch von Identitätserziehung bei Kindern und Jugendlichen, von Identitätskrise oder gar Identitätsverlust bei sogenanntem Fehlverhalten oder diffusem Rollenverhalten Erwachsener, sodann von weiblicher Identität und von männlicher Identität, von Berufsidentität und Standesidentität,  von kultureller Identität zumeist in der Konnotation mit “gefährdet” oder “bedroht”, von nationaler Identität am 1. August oder bei militärischen Appellen – kurz, die Verwendung des Identitätsbegriffs ist inflationär. Was “Identität” bedeutet, ist unklar.

Das im Begriff enthaltene lateinische Wort “idem” heisst “derselbe” und “dasselbe”; für “diesselbe” gibt es eine eigene Form, “eadem”. (Anstelle von weiblicher “Identität” müsste somit von weiblicher “Eadität” gesprochen werden). “Idem” ist eine Art Wiederholungs- oder Verdoppelungsform des Personal- und Demonstrativpronomens “id” in der Reihe “is, ea id”, was sowohl “er, sie, es” wie “der, die, das” bedeutet.  Abgeleitet von “idem” ist auch das Adverb “identidem” – in der Bedeutung von “zu wiederholten Malen” , “mehrfach”, “immer wieder”.

In allen lateinischen Wortkombinationen von “id” findet sich die Bedeutung der Übereinstimmung oder der Wiederholung von etwas, von einem und einem, ohne dass Übereinstimmung “mit sich selbst” oder “Gleichheit” gemeint wäre. Wenn etwa die Rede von Identität zwischen Waren und Warendeklaration oder zwischen Person und Personalausweis ist, so entspricht diese Begriffsanwendung einer konventionellen Bedeutung von Identität, die immer einen Vergleich zwischen etwas und etwas anderem einschliesst. Diese Bedeutung findet sich selbst noch in einer der wenigen – zumeist unbestrittenen – Identitätserfahrungen, die darin besteht, dass wir uns heute als das gleiche Individuum erkennen, das wir vor einer Woche, vor einem Jahr oder vor zwanzig, dreissig oder mehr Jahren waren, auch wenn die meisten äusseren Erkennungsmerkmale sich verändert haben. Wir belegen diese Erfahrung durch die rekonstruierbare individuelle Geschichte, rekonstruierbar durch Geschichten, einerseits an Hand von Dokumenten und Bildern, andererseits über die erzählbare eigene Erinnerung ebenso wie über den Rekurs auf die Erinnerung anderer Menschen, die in die eigene Geschichte miteingeflochten sind.

Die Rekonstruktion erfolgt über die Sprache, die zugleich die sinnliche Form, der Ausdruck der Geschichten und der Geschichte ist, wie auch Teil dessen ist, was mit Identität erfasst werden soll. Sprache ist, wie Berührung, wie Nahrung und Sättigung, früheste Erfahrung des eigenen Selbst als eines/einer Angesprochenen, früheste Erfahrung von Ich und Nicht-Ich, eines Namens, der für dieses Ich gilt und der als Konstante sich in den Veränderungen, die ja Geschichte bedeuten, hindurchzieht, als Erkennungs- und Selbsterkennungschiffre. Die Sprache ist Konvention und Regelsystem, durch welche in der frühern Kindheitsphase das eigene Ichbewusstsein wie das Bewusstsein der Nicht-Ichs – der Anderen-  wie das Weltbewusstsein geprägt werden, indem diese Bewusstseinsinhalte sich in der Sprache widerspiegeln, sich fassen und sich austauschen lassen, über die Sprache als Muttersprache und als Fremdsprache, über die Sprache als persönlicher Ton in der Übersetzung vom Empfindungen (von Wohlbefinden, Ängsten etc) und Bedürfnissen wie von Fragen, Feststellungen und Überlegungen, durch welche schon früh die Verbindung von Sinnlichkeit, Wahrnehmung und Intellekt zum Ausdruck kommt, in all dem über die Sprache als Grenze zum Nichtsagbaren hin, auch über die Sprache als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse.

 

2) “Identität” in in relationaler Hinsicht

Identität in der konventionellen Bedeutung ist ein relationaler Begriff, dessen verschiedene Teile klar erkennbar sind. Auch in älteren identitätsphilosophischen oder religiösen Ansätzen ging es um eine Relation, wenn auch zumeist um eine metaphysische, etwa zwischen dem absoluten Sein und dem menschlichen Sein, oder zwischen dem Fürsten und den Untertanen, dem Familienoberhaupt und den Kindern. Identitätsforderungen bestanden im Angleichungsdruck des einen Teils an den anderen, des Abbilds an das Bild oder das Vorbild, des Untergeordneten an den Übergeordneten, des Sohn und der Tochter an Vater und Mutter, des Lehrlings an den Meister, der Frau an den Mann. Der patriarchalisch gelenkte Angleichungsdruck hatte eine Disziplinierungsfunktion gegenüber dem bedrohlich Wilden der Individualität, gegenüber dem Unbekannten, Anarchischen, das möglicherweise allein schon Kindsein oder Weiblichkeit beinhaltete. Er machte den zumeist verschwiegenen zweckgerichteten Teil der patriarchalen Geschlechterordnung sowie der Normativität vieler Erziehungstheorien aus. Funktion und Zweck der Identitätsforderungen und des damit verbundenen Angleichungsdruck waren (oder sind zum Teil noch immer), die Tatsache des Anderen, des Fremden, des Ungleichen als bedrohlich erscheinen zu lassen.

Dieser Anpassungsdruck als Bedingung der Zugehörigkeit liegt – auch heute noch – nicht nur familitären und religiösen, sondern auch politischen und wirtschafltichen Programmen zugrunde, denen zufolge Nicht-Anpassung mit Ausschluss bestraft wird: eine geheime Diktatur selbst in demokratischen Verhältnissen. Der Anpassungsdruck ist generell mit dem ideologisch genährten, bürgerlichen Weltbild verbunden, das sich nicht nach Freiheitsvorstellungen konstituiert, sondern nach Angstvorstellungen und daher hierarchische Ordnungs- und Identitätsforderungen verteidigt[1].

Die innerfamiliären Strukturen mit der Prägung jeder Generation durch die existentielle und psychische Abhängigkeit der Kinder von Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern wurden mit der Entwicklung der existenzphilosophischen und psychoanalytischen Erkenntnisse seit Mitte des 19. Jahrhunderts unter anderen Aspekten untersucht, geklärt und verarbeitet. Dabei geht es im geschichtlichen Zusammenhang um den je einzelnen Menschen in seiner Besonderheit: auch um die Besonderheit der individuellen Suche nach Glück. (Darauf einzugehen wird sich in den nächsten Vorlesungen sowie im Lauf der Diskussion ergeben).

 

3) “Identität” im Zusammenhang von Lebensentwicklung: zwei historische Beispiele

Wohl gab es seit dem Beginn der Neuzeit Denker und Denkerinnen, die die programmatische Unterwerfungs- und Zähmungsabsicht identitätsorientierter Weltbilder und damit verbundener Erziehungssysteme durchschauten und kritisierten. So etwa der 1530 in Sarlat (in Frankreich im Périgord, östlich von Bordeau) geborene Etienne de la Boëtie, der mit 33 Jahren in Germignan starb, von dem posthum – im Jahre 1577 – ein Buch erschien (von seinem Freund Michel de Montaigne herausgegeben[2]), vermutlich sein einziges Werk, dessen Titel “Contr’un” oder “Discours de la servitude volontaire” schon Aufruhr verursachte, dessen Inhalt umso mehr. Es ist eine bittere Kritik am mangelnden Widerspruch gegen Unterwerfungsforderungen, die durch Herrschaftsstrukturen und Erziehung vermittelt werden. “Wohl bestimmt die Natur den Menschen zur Freiheit und verleiht ihm den Willen dazu, aber sein Wesen ist so, dass er die Züge trägt, die die Erziehung ihm aufprägte. Daraus folgt, dass dem Menschen alles, wozu man ihn erzieht und gewöhnt, zur zweiten Natur wird[3]. Gemäss Etienne de la Boëtie kommt es daher zum sklavischen Angleichungsstrebens der Untertanen an den Fürsten, an den “Tyrannen”. “Sie müssen nicht nur tun, was er sagt, sondern denken, was er will und oft noch seinen Gedanken zuvorkommen, um ihn zu befriedigen. Es reicht nicht, ihm zu gehorchen, sie müssen ihm auch noch zu Gefallen sein, (…) sein Vergnügen für das ihre halten, den eigenen Geschmack um seinetwillen aufgeben, ihren Charakter verändern und ihre Natur verleugnen. (…) Heisst das wohl glücklich leben? Heisst das leben?[4]” fragt Etienne de la Boëtie.

Etienne de la Boëtie stellt fest, dass autoritäre Identitätsforderungen, denen widerstandslos stattgegeben wird, nicht nur die Freiheit, den Geschmack, den Charakter, ja die “Natur” der Menschen pervertieren, sondern zutiefst das Glück zu leben, damit das wirkliche Leben in Frage stellen. Zweihundert Jahre später formuliert Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) seine in “Emile” niedergelegte Erziehungskritik einer ähnlichen Linie entlang, die dann weitere Erziehungstheoretiker aufnahmen, so etwa Karl Philipp Moritz oder Pestalozzi, Fröbel und später viele andere mehr. Rousseau ist der Überzeugung, dass Erziehung der naturgemässen Entwicklung der individuellen Anlagen des Kindes keine Hindernisse entgegenstellen darf, auch dass die von der Gesellschaft diktierten Angleichungs- und Unterwerfungsforderungen “die Natur des jungen Menschen verderben”. Dass Angst vor der Besonderheit des Andersseins den im Unbewussten angestauten Druck bewirkt, der jedes Bedürfnis nach hierarchischer Macht trägt, aber auch das mit der  geforderten Anpassung verbundene Leiden prägt, erwies/erweist sich über die spätere existenzphilosophische, analytische und genetische Fülle von Erkenntnissen als Fortsetzung der Aufgabe, mit Sorgfalt und Skepsis jede Art von Macht, Abhängigkeit und Ohnmacht zu untersuchen.

(zu Rahel Varnhagen s. “GlücksucheFremdUnsSelbstIdentitPAZ0304”)

[1] Ein Beispiel schweizerischer Prägung, an welches ich mich erinnere: Als im Sommer 1992 Bundesrat Kaspar Villiger sich in einem “Appell” an die Truppenkommandanten der Schweizer Armee wandte, beschwor er sie, angesichts des militär- und waffenmüden Zeitgeists “Geschlossenheit” und “Einheit” zu beweisen und eigene Differenzen zu unterdrücken. Optionen einer Schweiz ohne Armee, wie die GSoA sie entwickelt und ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung – darunter vor allem junge Menschen und Frauen aller Altersgruppen – unterstützt hatte, wurden von der bürgerlichen Seite nicht als eine diskutierbare andere Option, sondern als d i e  grosse innere Bedrohung des Landes verstanden. Diesbezüglich entspricht die bürgerliche Schweiz den patriarchal-nationalen Einheitsvorstellungen, die – überall in der Welt –  angstbestimmt und veränderungsmisstrauisch Pazifismus, “Internationalismus” und Feminismus unter Subversionsverdacht stellten und aufs heftigste bekämpften – und dies heute noch tun. Noch heute, 23 Jahre nach der so späten formellen Anerkennung der politischen Gleichberechtigung, haben Frauen, die sich nicht dem patriarchalen Identitätsmuster fügen wollen, schwer, Ämter und Stellen mit öffentlichem wissenschafltichem oder politischem Ansehen einzunehmen und dafür Anerkennung zu finden – auch trotz des nationalen Frauenstreiktages am 14. Juni 1991 und trotz Bildungsmöglichkeiten, die heute Mädchen und Knaben tatsächlich auf analoge Weise zustehen.

[2] Michel de Montaigne’s Skepsis (1533 – 1592) gegenüber jeder Art von Wahrheitserklärung, sein fortgesetztes “Que sais.je?”, sein Bezug zur Natur in den Fragen des Menschseins und der Zeitlichkeit, seine Skepsis gegenüber jeder Form gesellschaflticher Herrschaft und persönlicher Eitelkeit prägten zutiefst die Fortsetzung des kreativ-emanzipatorischen Denkens (cf. Spinoza, Descartes, Pascal, Rousseau, Bergson, Landauer, Benjamin etc. bis in Existenzphilosophie und zeitkritische Philosophie hinein).

[3] Etienne de la Boëtie. Von der freiwilligen Knechtschaft. Hrsg. von Horst Günther. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 1980, S.63

[4] a.a.O. S. 85

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