… den Müttern gewidmet

 

 … den Müttern gewidmet

 

„Alle Mütter waren einmal klein.

Kinder können das oft gar nicht fassen.

Wenn die Kinderschuhe nicht mehr passen,

fällt es ihnen wohl zuweilen ein.

Grosse Kinder suchen fremde Gassen.

Mütter bleiben später oft allein.

 

Alle Kinder werden einmal gross.

Mütter können das oft nicht begreifen.

Kleines Mädchen mit den bunten Schleifen,

spieltest gestern noch auf ihrem Schoss;

kleiner Sohn, musst du die Welt durchstreifen,

Mütter haben oft das gleiche Los.

 

Alle Stuben werden einmal leer,

Kahl der Tisch, verwaist und stumm der Garten.

Diele knarrt. Und Mütter schweigen, warten.

Manchmal kommt ein Brief von weitem her.

Stern verlischt. Und all die wohlverwahrten¨

Tränen tropfen ungeweint ins Meer.“[1]

 

„Alle Mütter waren einmal klein“ und hatten Mütter und Grossmütter, und die Grossmütter waren klein gewesen und hatten Mütter und Grossmütter gehabt, und so weitet sich der Blick in die Vergangenheit  über Jahrhunderte zurück bis zu den grossen Müttern der Vorgeschichte, die zu Göttinnen wurden oder zu Heiligen. Da waren auch Väter, gewiss, doch das Zeugen der Kinder und die Namengebung, das Geldverdienen und Erziehen hat nichts Vergleichbares mit dem Tragen und Gebären, Stillen und Tragen, Trösten und Pflegen, Kleiden und Nähren, Begleiten und Unterstützen beim Sichentfalten der Sinne, beim Wachsen der Glieder und der Lust am Ertasten, Erkunden und  Sichbewegen, beim Lernen zu fragen und zu verstehen, zu sprechen und zu gehen, beim Weinen, beim Aufbegehren und beim Grösserwerden –  unentwegt Tag und Nacht mit dem nie schlafenden Blick des Herzens und der haltenden oder sich öffnenden Hand. So wachsen die Kinder heran, manchmal mit Schnupfen, mit  wilden Blattern und Fieber, mit Ängsten und Leiden, mit Neugier, Trotz  und Stolz, doch plötzlich sind sie gross und ziehen weg, „die Stuben werden leer“. Manchmal, wie Mascha Kaleko schrieb, „kommt ein Brief von weitem her“, eine Telefonanruf, ein kurzer Besuch mit einem Lächeln und fragendem Blick, manchmal mit Klage und Hader, manchmal mit einem eigenem Kind im Arm oder mit mehreren Kindern, die nun von der Grossmutter Aufmerksamkeit und Fürsorge brauchen. Manchmal mit stützenden Händen für die krank oder schwächer gewordene, alte Mutter.

Schrieb Mascha Kaleko dieses Gedicht, eines unter ungezählten, in denen Mutter und Kind in Dur- und Mollvariationen mitschwingen, als Tochter von Rozalia Chaja Reisel Aufen, an deren Hand sie aus Galizien nach Deutschland floh, erst nach Frankfurt am Main, dann nach Marbach und schliesslich nach Berlin –  oder schrieb sie es als Mutter von Evjatar Alexander Michael Vinover, den sie Steven nannte, als sie 1938 im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs mit  ihm nach Amerika fliehen musste und den sie verlor, als er erst 31 Jahre alt war? Maschas Mutter war unverheiratet gewesen, als sie im heute polnischen Chrzanow zur Welt kam – „in einer kleinen klatschbefliessenen Stadt, die eine Kirche, zwei oder drei Doktoren und eine grosse Irrenanstalt hat“[2], wie sie in einem anderen Gedicht festgehalten hat – und wo zu Beginn des Ersten Weltkriegs für ihren Vater Fischl Engel keine Bleibe mehr war. Da er in Deutschland mit seiner russischen Herkunft gleich in ein Gefangenenlager kam und erst nach Kriegsende seine Frau heiraten konnte, trugen Mascha und Lea, ihre Schwester, während der  Kindheitsjahre den Familiennamen der Mutter. Letztlich  blieb sie lebenslang Mascha Aufen, das Kind ihrer Mutter, auch wenn sie  vom zwölften Altersjahr an Mascha Engel hiess, dann nach der ersten Eheschliessung  – sie war einundzwanzig Jahre alt –  Mascha Kaleko und als sie diesen Namen  auch nach der Scheidung und nach der Vermählung mit dem Vater ihres Sohnes  beibehielt.

In der Herzverbindung zwischen Mutter und Kind besteht eine geheimnisvolle Unlösbarkeit,  die trotz dem Durchschneiden der Nabelschnur  und trotz allem Freistrampeln über Fluchtwege und über neue, andere Liebesstränge anhält bis ins hohe Alter von beiden. Es ist „Liebe“ mit den Urklängen von Erde und Wasser, von sengender Sonne und  wechselndem Mondlicht inmitten flimmernder Sterne, jene Kraft, die zugleich naturhaft und geistig, gebend und fordernd Halt und Hunger verbindet. Wie viel Nähe und wie viel Sehnsucht nach Freiheit sind miteinander vereint und streiten gegen einander, wie viel Verehrung und zugleich Abwehr und Überdruss,  wie viel Schönheit und wie viel Leiden!  Die empfindsamste Verlässlichkeit und aufwühlendste Widersprüchlichkeit findet sich in der Verbindung von Mutter und Kind. Sie ist weder Besitz noch Wahl,  und nichts davon ist neu, Verehrung und Klage bis in die ersten Anfänge der Menschheit zurück, wie Lieder aus der orphischen Zeit wiederspiegeln.

„Höre mich, göttliche Königin,

Mene[3], mit Hornschmuck der Stiere geziert,

lichtspendende, hehre Selene,

(…)

Fruchtspenderin, Mutter der Zeit;

schimmernde, herzbeschwerende,

allüberstrahlende Späherin der Nacht,

allsehende Freundin fehlenden Schlafes,

übersäht von der Schönheit der Sterne,

Freundin erquickender Ruhe

und des freundlichen Wohlgeschicks!

(…)

Komm, Selige, Freundliche, Sternenfreundin,

rette, schimmernd im Lichte

deiner neuen Schützlinge Schar!“[4]

Ich war noch „klein“ und kaum erwachsen, als ich erstmals schwanger war,  gleich doppelt Mutter wurde und bis zum dreissigsten Lebensjahr drei weitere Kinder gebar, eines von ihnen nach der Geburt mit nicht  versiegender Trauer verlor, die anderen in ihrer Besonderheit von Begabungen und Verletzbarkeit, von Schwierigkeiten  und Eigenwillen beim Grosswerden begleiten konnte und sie freilassen musste, bevor sie wirklich flügge waren, ohne dass ich die Sehnsucht nach der Liebe meiner Mutter je hätte mindern können.  Sie selber hatte vor meiner Geburt  einen Sohn verloren, und als ich zwei Jahre alt war, starb ihre Mutter. Den schmerzhaften Mangel übertrug sie auf mich als Kind, ungewollt, jedoch unabwendbar, und die sechs Kinder, die sie nach mir gebar – fünf Töchter und einen Sohn – erlebten auf je eigene Weise Nähe und Einsamkeit. Dass sie mich von sich wies, als ich dreizehn Jahre alt war und ich gegen meinen Willen Abschied nehmen musste, versetzte mich in einen Hunger nach ihrer Liebe, der durch keine andere Nahrung stillbar war, oder bloss ersatzweise und nicht wirklich, wie ich nach vielen Fehlschlägen zu erkennen vermochte,  nach Jahrzehnten des Suchens und Lernens, als sie plötzlich starb und ich fünfzig Jahre alt war. Zwar war ich selber vielfach Mutter geworden und kannte die tiefe Bindung an meine Kinder, war aber das Kind meiner Mutter geblieben und musste erneut Abschied nehmen.

Es gibt mit dem Tod keinen Abschluss in der Beziehung zwischen Mutter und Kind, bloss eine Veränderung: eine Vertiefung der Beziehung als Geschichte und zugleich eine Erweiterung durch die Aufhebung der zeitlichen Schranken, eine Fortsetzung des inneren Gesprächs durch das Verstehen und Verzeihen. Erinnerung ist Rückkehr in die Anfänge und zutiefst Hoffnung, wie Nelly Sachs nach dem Tod ihrer Mutter schrieb:

„Mutter

(…)

Umzogen von göttlicher Ellipse

mit den beiden Schwellenbränden

Eingang

und

Ausgang.

Dein Atemzug holt Zeiten heim

Bausteine für Herzkammern

und das himmlische Echo der Augen.

Der Mond hat sein Schicksal

in deine Erwartung gesenkt.

Leise vollendet sich

die schlafende Sprache

von Wasser und Wind

im Raum deines

lerchenhaften Aufschreis.“[5]

 

 

(Der Essay wurde auf Anfrage der Kultur-Zeitschrift von Appenzell-Ausserhoden OBACHT Kultur geschrieben, deren nächste Nummer den Müttern gewidmet sein wird).

[1] Mascha Kaleko (geboren am 7. Juni 1907 im damals galizischen, heute polnischen Chrzanow, gestorben am 21. Januar 1975 in Zürich). Alle Mütter… in: Das lyrische Stenogrammheft. – Kleines Lesebuch für Grosse. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1956 ( 1978). S. 137

[2] Mascha Kaleko. Interview mit mir selbst, in: Verse für Zeitgenossen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg  1958 (1980/ 2010). S. 53

[3] „Mene“ ist in der griechischen Mythologie eine Bezeichnung des Mondes, eine andere ist „Selene“. Sie ist die Mutter von „Pandia“, dem Licht, und von „Herse“, dem Tau, beide von Zeus gezeugt,  sowie von fünfzig Sternen, die unter dem Licht von Menes Schwester Helios, der Sonne, leuchten, darunter „Phosphoros“, der Morgenstern, und „Hesperos“, der Abendstern, deren Vater Endymion war, der König von Elis, dem Selene aus Liebe den ewigen Schlaf geschenkt hatte.

[4] Orpheus. Altgriechische Mysterien. Übertragen und erläutert von J. O. Plassmann. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1982. S.33

[5] Nelly Sachs (geboren am 10. Dezember 1891 in Berlin-Schöneberg, gestorben am 12. Mai 1970 in Stockholm).  Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1965. S. 42

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