“Spiegel: noch nie hat man wissend beschrieben, was ihr in euerem Wesen seid” …

“Spiegel: noch nie hat man wissend beschrieben, was ihr in euerem Wesen seid” …

 

Wer hat den Film über Frida Kahlo gesehen, die mexikanische Malerin? Die Erinnerung an Bilder in Spie­geln ist geblieben, das leuchtende oder schmerzverzerrte Frauengesicht mit der bänderdurchflochtenen Haarkrone darüber vor der Staffelei oder im Bad oder auf Kissen, verdoppelt, mit dem Raum zusammen vervielfacht, aber ebenso von diesem abgesondert, als Gesicht und nur als dieses bestätigt, in dieser Bestätigung jedoch gebrochen, gedämpft und seitenverändert und immer, in jeder Regung, kontrolliert.

Als ich Kind war und den Spiegel entdeckte und täglich mehrmals zu Hilfe nahm auf der Suche nach mir selbst, da wurde ich gewarnt, dass ich mein Gesicht drin verlöre. “Dein Gesicht wird drin hängen bleiben”, sagte man mir. Die Drohung ängstigte mich, und so zerschlug ich eines Tages den schweren Handspiegel, um der Magie auf die Spur zu kommen. Was ich fand, war nichts als die schwarze Rückseite, den hauchdünnen dunkeln Hintergrund vor der Transparenz des Glases; und die Schichtung von Hintergrund und Glas war so fugenlos dicht, dass sie an der Bruchkante nur knapp erkenntlich wurde, an der schillernd scharfen. Damals ahnte ich, was ich später wusste: Dass die Magie nicht mit dem Objekt zu tun hat, sondern mit dem schauenden Auge, d.h. mit dem suchenden, denkenden, wollenden Subjekt. Und noch etwas kristallisierte sich allmählich aus dem Haufen spitzer Scherben heraus: kein Misstrauen vor dem Abbild, aber ein Wissen um die Zufälligkeit des Abbilds. Die Realität des Abbilds konnte zerbrechen, ohne dass die Realität des Ursprungs zerstört wurde, das hatte sich erwiesen: Meine Augen im Spiegel, die mich anschauten, als wäre ich, das lebendige Ich, das Objekt meines Spiegel-Ichs, diese Spiegel-Ich-Realität konnte in Stücke gehen, ohne dass dies meine eigene Realität veränderte. Mein Spiegel-Bild und ich waren voneinander verschieden, ich  konnte mein Gesicht nicht im Spiegel verlieren. Welch nachdenklicher Kindertriumph, die erzieherisch gemeinte Drohung der Unwahrheit überführt zu sehen, spürbar, mit den blutenden Fingern über den Scherben!

Aehnlich hat Annette von Droste-Hülshoff ihr Spiegelbild beschworen: “Phantom”, schreibt sie, “du bist nicht meinesgleichen”, und ein paar Strophen weiter: “Es ist gewiss, du bist nicht Ich, ein fremdes Dasein, dem ich mich wie Moses nahe, unbeschuhet” … , gegen Ende des Gedichts aber das Geständnis: “Und dennoch fühl’ ich, wie verwandt, zu deinen Schauern mich gebannt und Liebe muss der Furcht sich einen” …

Liebe? Wiederholung ältester Spiegelerfahrungen? Denn die Magie liegt ja vor allem im liebenden Auge! Und die “Furcht” (wie auch die erzieherisch gemeinte Drohung) hat vor allem mit dieser Magie zu tun, und diese Magie hängt, seit Jahrtausenden überliefert, mit jenem archaischen Schrecken zusammen, den die Erzählung von der Verwandlung des schönen Narziss bewirken sollte. Ovid berichtet davon in den “Metamorphosen”: Die Bergnymphe Echo hatte sich in den Jüngling verliebt, der Echos Liebe verschmähte und der daher von der zürnenden Aphrodite mit unstillbarer Liebe zu seinem eigenen Spiegelbild bestraft wurde, das er jedesmal, wenn er sich beim Trinken über die Quelle beugte, unerreichbar vor sich sah. Und er verzehrte sich danach so sehr, dass er sich in die Blume verwandelte, die seither seinen Namen trägt. (Echo aber magerte vor Gram derart ab, dass nur noch ihre Stimme übrig blieb).

Die Moral aus der traurigen Geschichte ist, dass zuviel Selbstliebe lauter Unheil nach sich zieht! Nicht aber Selbstbetrachtung! Von Sokrates wird berichtet, er habe seinen Schülern geraten, sich häufig im Spiegel anzuschauen: Diejenigen, die sich schön fänden, sollten dadurch angespornt werden, ihrer Schönheit entsprechend würdig zu leben; die Hässlichen aber sollten so lernen, den Mangel durch Bildung wettzumachen!

Nicht umsonst trug die allegorische Darstellung der Klugheit im Mittelalter meistens einen Spiegel in der Hand. Der Grund dafür hat auch mit dem sokratischen Rat zu tun, reicht aber, wie die Furcht vor dem Spiegel, in noch weitere Vergangenheit zurück. Das kostbarste Menschengut, das Feuer, wurde nämlich mittels eines Spiegels auf die Erde gebracht. “Prometheus hat das Feuer nicht durch das Aufeinanderschlagen von zwei Steinen erzeugt, sondern mit Hilfe eines Spiegels”, schreibt der jüdische Gelehrte Raphael Mirami aus Ferrara in seiner “Wissenschaft der Spiegel” von 1582; denn Prometheus hat mit List und Geschicklichkeit gegen die Allherrschaft des Zeus gekämpft, nicht mit Kraftaufwand. Und auf Prometheus’ Spuren soll später Pythagoras mit einem Spiegel das Licht des Mondes eingefangen haben, so klug und kunstvoll, dass dank dessen Leuchtkraft selbst bei Nacht weit entfernte Dinge wahrgenommen werden konnten. Und ob es zutraf oder nicht, dass Archimedes die Schiffe des Marcellus, die Syrakus belagerten, mit einem sechseckigen Spiegel, um den herum er kleinere viereckige Spiegel angebracht hatte, in Brand setzte und vernichtete, bleibt offen (Descartes bestritt es mit mathematischer Akribie), auf jeden Fall wurde bei der Belagerung von Byzanz durch Vitalian im Jahre 514 “nach dem Vorbild des Archimedes” ein Brennspiegel gebaut, dessen Wirkung die feindlichen Schiffe in Flammen aufgehen liess.*)

Aber lassen wir die wissenschaftlichen Anwendungen der Spiegel, die vielfältigen Dienste, die sie in Astronomie und Medizin, in Biologie und Optik und selbst in der Feindbekämpfung leisten, lassen wir auch die kunstvollen Anwendungne im Theater und in der Wahrsagerei  – bleiben wir bei dem, was die Spiegel sind, zauberhafte Sammelgefässe von Licht und von Leben (in Häusern, in denen ein Toter liegt, werden die Spiegel verhängt), eindimensionale Vervielfältiger vieldimensionaler  Realität (und wer durch die Spiegelfläche hindurchtreten will wie durch eine transparente Tür in einen Raum, der dahinter liegt, muss selbst ein Zauberer sein oder ein Träumer oder ein Kind, wie Lewis Carroll’s Alice, die durch den Spiegel hindurch ins Land der Wunder gelangt, oder Jean Cocteau’s Dichter, der den Spiegel lautlos durchquert), auch Symbole sind sie für den inneren Dialog mit der Realität, für deren Brechung und Wiedergabe, wodurch im Nachdenken, im Traum oder im Werk eine neue Realität geschaffen wird. Jedem Werk geht der Sprung durch die  dünne, dunkle Membran voraus, welche die vordergründige Realität vor der hintergründigen trennt, wie Franz Kafka es in sein Tagebuch schreibt (am 15.November 1910): “Ich werde in meine Novelle hineinspringen, und wenn es mir das Gesicht zerschneiden sollte!”

Spiegl über Spiegel! Die Welt selbst ist der Spiegel des Menschen, das gebrochene Abbild seiner Unruhe und seiner Wünsche, seiner Schöpfungslust und seiner Zerstörungswut, die Welt ist verschwenderisch in tausendfachen Spiegelungen, in jedem Augenpaar spiegelt sie sich  als innere und als äussere Welt und in den blanken Fenstern und in jeder Pfütze und in jedem Tümpel und See und in den regennass glänzenden Asphaltstrassen und im gläsernen Luftgeflimmer über dem heissen Sand und im Mond und in den silbrigen Wolken und in den Spiegeln selbst: In den dämmrig verschleierten, bevor im Raum die Lichter brennen, da haben ” alle Spiegel Schlaf, seit ihr Blick den Abend traf”, wie es bei Paul Celan in einem Gedicht steht, und die festlich lichtsprühenden bei Nacht, nach dem Kerzen oder Lampen angezündet wurden, oder die merkwürdig leeren, welche einander gegenüberhängen und Fluchtkorridore ins Unendliche zu eröffnen scheinen. Selbst Spiegel können einander wiedergeben, allein das Nichts kann sich nicht spiegeln, denn wenn es sich spiegelte, wäre es kein Nichts mehr, sondern ein Etwas!

Nur Rilkes Eingeständnis (aus den “Sonnetten an Orpheus”) bleibt zum Schluss wiederholt: “Spiegel: noch nie hat man wissen beschrieben, was ihr in euerm Wesen seid!”

 

 

*) ungezählte Spiegel-Anwendungen und Spiegel-Geschichten wurden von Juris Baltrusaitis gesammelt und in einem reich illustrierten Buch herausgegeben: Jurgis Baltrusaitis, Der Spiegel: Entdeckungen, Täuschungen, Phantasien, Anabas-Verlag, Giessen 1986. (Aus dem Französischen übersetzt von Gabriele Ricke und Ronald Voullié, Editions du Seuil, Paris 1978).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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