Der falsche Ausweis

Der falsche Ausweis

 

Noch immer fassungslos ob der Gewalt,  die 59 armen Menschen angetan wurde,  die das Pech hatten, mit nichts als einem falschen Ausweis in der Hand um den Schutz ihres Lebens in diesem Land nachzusuchen,  erinnere ich mich einer Traumgeschichte,  einer Vision,  die Milena Jesenska am 14.Juni 1921 in der Prager “Tribuna” veröffentlicht hatte.  Milena Jesenska war nicht nur die ungewöhnliche Frau gewesen, die Franz Kafka nahegestanden hatte, sie war auch eine unerschrockene Journalistin und Widerstandskämpferin und hatte im Dienst ungezählter Entrechteter und Verfolgter gewirkt.1939 wurde sie selbst von der Gestapo in Prag verhaftet und über verschiedene Gefängnisstationen schliesslich ins KZ Ravensbrück deportiert,  wo sie 1944 starb.

Diese Geschichte, die betitelt ist “Ein Traum*),  beginnt mit einer Katastrophe.  Welcher Art die Katastrophe ist, erfahren wir nicht, sie wird nicht geschildert, nur erwähnt.  Jede der Katastrophen,  die Menschen heute zur Flucht bewegen,  könnte es sein.  Denn auch sie ist von solcher Bedeutung,  dass sie eine grosse Flucht auslöst. Dabei spielt ein falscher Ausweis eine verhängnisvolle Rolle

” …  Ueber die Katastrophe hörte ich nichts Genaues.  Aber wahnsinnige Hast und Eile und Aufregung rissen mich mit fort. Wohin wir flohen,  wusste ich nicht. Ich erforschte auch nicht, warum wir flohen. Aus einem Bahnhof fuhren endlose Züge in die Welt hinaus,  einer nach dem andern, alle überfüllt. Der Bahnbediensteten bemächtigte sich Panik, keiner wollte als letzter zurückbleiben. Die Menschen kämpften um Sitzplätze wie um ihr Leben.  Zwischen mir und dem Bahnsteig waren unüberschaubare Menschenmassen, und es war aussichtslos,  sich hindurchdrängen zu wollen. Ich war verzweifelt.

“Ich bin jung,  ich kann nicht sterben”,  schrie ich. Aber auch vor mir standen junge Menschen. Und die Fahrkarten waren gleich ausverkauft. Der Zug,  der gerade abgefertigt wurde, war der letzte. Die grünen und roten Lichter des Bahnhofs schimmerten im Tageslicht als drohende Signale. Nirgendwo gab es Rettung. Da berührte jemand meine Schulter. Als ich mich umwandte, steckte mir ein unbekannter Mann einen Zettel in die Hand und sagte:  “Damit kommen sie durch die ganze Welt. Sie gelangen über die Grenze und erhalten einen Platz im Zug. Fürchten Sie sich nicht und seien Sie tapfer. Nun,  gehen Sie, gehen Sie schon,  es ist höchste Zeit.”

Ohne zu wissen,  wo ich sein Gesicht gesehen hatte, war mir klar,  dass es ein alter Bekannter und guter Freund war. Vielleicht war er mein Freund, und ich kannte ihn nicht. Ich spürte weder Vertrauen noch Dankbarkeit,  schöpfte nicht einmal Hoffnung. Aber ich gehorchte wie jemand, dem nichts anderes übrigbleibt.  Angst hatte ich nicht. Mir war, als hätte ich s.chon immer erwartet,  dass etwas Grauenvolles geschehen würde.  Und ich atmete freier,  weil es endlich eingetreten war.

Ich zwängte mich zwischen den Menschen durch,  und mir kam der Gedanke,  dass es gemein sei,  sich angesichts Tausender Wartender zu retten.  Eine boshafte Stimme in meinem Innern sagte zu mir:

“Du hoffst also doch,  dass du dich retten kannst?”

“Nun ja, möglicherweise, vielleicht”, dachte ich mir.

Und die Stimme:  “Ist ein Mensch,  für den es eine Rettung gibt, ein nichtswürdiger Mensch?”

“Nein, nein, nein, nein”, wehrte ich mich.

Als der Zug abfuhr, begann die Katastrophe. Die Erde sank in einen Abgrund, ur1d   die Welt verwandelte sich in ein Eisenbahnnetz,  auf dem Menschen fortrasten, Menschen, die ihre Heimat verloren hatten. Die Gleise lagen über der Tiefe, und die Lokomotiven stürmten in wildem Wahnsinn dahin. Endlich hielten sie an der Grenze.

“Aussteigen zur Kontrolle”, schrie ein Schaffner. Die Menge strömte zur Zollbude;  ich allein blieb abseits zurück,  ohne Pass,  ohne Gepäck.  In der Hand hielt ich krampfhaft den Zettel. Kälteschauer liefen mir über den Rücken. Ein Zollbeamter trat zu mir und forderte die Papiere. Die Sekunden wurden zur Unendlichkeit.  Ich fal­ tete den Zettel auseinander. Der Beamte, ungeduldig auf der Stelle tretend, streckte die Hand danach aus. Er schien entschlossen zu sein, mich nicht durchzulassen.  Ich blickte auf den Zettel. Darauf stand in zwanzig Sprachen:

“Zum Tode verurteilt.”

Eisiger Schweiss trat mir auf die Stirn.  Mein Herz hörte auf zu schlagen.  In der Brust ballte sich zuckendes,  schmer­zendes Entsetzen.  Todesangst schnürte mir die Kehle zu. Mit schwächlicher Hoffnung,  schon im Sterben, mit dem letzten Atemzug,  sagte ich flehend zu dem Beamten:

“Vielleicht ist das nur eine Losung,  damit ich besser  auf die  andere  Seite  der  W e l t  g e l an g e ?”

 

*) Aus: Milena Jesenska, Alles ist Leben, Feuilletons und Reportagen 1919-1939, Verlag Neue Kritik, Frankfurt a.M.  1984. Aus dem Tschechischen übersetzt von Reinhard Fischer (l.Teil) und Lisette Buchholz, Eva Hoffmann,  Wilma Löwenbach (2.Teil)

 

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