Ein Nichtangriffsvertrag – Gibt es einen Modus der Beschwichtigung zwischen Israel und Iran?

 

Gibt es einen Modus der Beschwichtigung zwischen Israel und Iran?

 

Ein Nichtangriffsvertrag

Was von gleichem Vorteil für zwei Staaten ist, bedarf der verbindlichen Umsetzung

 

Maja Wicki

 

Die tägliche Sorge um Israel ist gleichzeitig die Sorge um den ganzen Nahen Osten. Es ist die Sorge um Menschenleben, unabhängig von nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit. Damit einher geht die Sorge um die Glaubwürdigkeit von Grundwerten der Moral und der Religion, die auf gleichen monotheistischen Erbschaften beruhen und die der tatsächlichen Beachtung bedürfen, um nicht infolge fanatisierter Feindbilder und wechselseitiger Kriegsandrohungen zur blutbefleckten Spreu zu werden.

Eine lange Lebensgeschichte ermöglicht, aus der Sorge nicht Angst und Verhärtung, sondern die Kraft kreativer Vernunft wachsen zu lassen. Zusätzlich gibt es ein Wissen der Verpflichtung, Erbschaften mit Respekt und gleichzeitig nach Kriterien eigener Wahl – in Freiheit – umzusetzen. Im Blick ist daher ein dritter Weg, auf welchem die bedrohliche Spannung zwischen Israel und dem Iran besänftigt und – darin besteht die Hoffnung – beigelegt werden kann.

Es geht um die Möglichkeit eines bindenden Vertrags zwischen den zwei Staaten, von Gewalt abzusehen und einander in Ruhe zu lassen: um einen Nichtangriffspakt, der sich – entgegen unzählbarer Erfahrungen mit betrügerischen Nichtangriffspakten während des 20. Jahrhunderts – im 21. Jahrhundert als erster zum Beweis einer glaubwürdigen Verhinderung von Krieg erklären und umsetzen liesse resp. umsetzen lässt. Im Wissen um die Erbarmungslosigkeit und Sinnlosigkeit jedes Einsatzes von Waffen, überhaupt um die erschütternden Folgen kriegerischer Interventionen ist die Zielsetzung die Verhinderung neuen menschlichen Leidens und eines nicht vorstellbaren Ausmasses an Zerstörung. Was von gleichem Vorteil für beide Staaten und für deren Bevölkerung ist, bedarf der verbindlichen Umsetzung.

Was utopisch klingt, ist umsetzbar, wenn die Sinnhaftigkeit einer Öffnung der durch Feindbilder verengten Sichtweise und eine Neuorientierung politischer Zielsetzung überzeugt, wenn vor allem die Angewöhnung an das von Shakespeare im Macbeth den Hexenmeistern in den Mund gelegte Muster des politischen Betrugs  – „Fair is foul und foul is fair“[1]– „das Schöne ist widerlich und das Widerliche ist schön“ – durchbrochen wird.

Gewissermassen handelt es sich um die Besinnung auf die einfache und zugleich komplexe Logik jeder Art von Nachbarschaft, das heisst um ein Regelsystem, das die Tatsache des Nebeneinanderlebens von Menschen unter gleichen Zeitbedingungen, jedoch unter ungleichen Raumbedingungen prägt. Während die Grundbedürfnisse die gleichen sind, sind die Möglichkeiten für deren Erfüllung sehr verschieden, so dass im Lauf der Jahre Spannungen und Anfeindungen durch Lebensformen des Misstrauens oder Neides, der Abschottung und der Angst so sehr verengt wurden, dass sie nicht mehr tragbar sind.  Damit das Leben der Einen wie der Andern nicht länger dieser seit Generationen überlieferten Schraube ausgesetzt ist und durch diese zermalmt wird, bedarf es eines Innehaltens sowie eines Entscheids zur Veränderung und zur Öffnung: zu einer Veränderung der wechselseitigen Wahrnehmung und zu einer Öffnung von Räumen der Begegnung. Das System der Schraube löst sich, da ein solcher Entscheid nicht auf einseitigen Forderungen, sondern auf einer Wechselseitigkeit der Beachtung beruht und so der Grammatik der Reziprozität folgt: auf der schmalen Linie des Augenblicks, der das Vergangene („recus“) zurücklässt und das Kommende („procus“) beachtet, wird die Wechselseitigkeit im Geben und Erhalten von Respekt realisiert.

Was  mit dem wechselseitigen Vertrag eines Nichtangriffs angestrebt wird, ist zuerst nichts mehr wie ein gegenseitiges Ertragen. Es darf jedoch auf keinen Fall einem zeitlichen Aufschub in der Umsetzung des Waffenarsenals dienen, wie dies leider die trügerische Bedeutung der bilateralen Verträge zwischen den grossen und kleineren europäischen Staaten nach den verheerenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs im Rahmen des Völkerbundes war. Im Anschluss an den Vertrag von Locarno von 1925, dem mehrere bilaterale Verträge vorausgegangen waren und dem viele folgten,  auch nach dem 1933 erfolgten Austritt des nationalsozialistischen Deutschlands aus dem Völkerbund, gab es wohl zahlreiche Nichtangriffspakte, jedoch kaum einen, der nicht gebrochen worden wäre und keinen einzigen, der zur Verhinderung des Zweiten Weltkriegs beigetragen hätte.

Ein glaubwürdiger, bindender Nichtangriffspakt bedingt auf der Ebene der Staaten die Entspannung und Öffnung nationalistischer Einpanzerung sowie das Einsehen der Sinnlosigkeit, die mit der Steigerung von Feindseligkeit, mit dem Aufbau waffentechnischer Allmacht und der Androhung deren Umsetzung einherging. Zwischen Israel und Iran könnte ein solcher Vertrag eine politische Neuorientierung in die Wege leiten, die aussenpolitisch mit dem Abbau wechselseitiger Aufhetzung in den Medien, mit der gleichen Verpflichtung in beiden Staaten zur Abrüstung resp. zur Entsorgung von Waffen, in der Folge mit kulturellem und wirtschaftlichem Austausch einherginge.  Diese aussenpolitische Entspannung könnte auch den innenpolitischen Raum in Israel öffnen und zu einer völkerrechtlich gerechten Lösung der israelisch-palästinensischen Land- und Rechtsprobleme beitragen. Die Vertuschung schwerer menschenrechtlicher Diskriminierungen liesse sich endlich aufheben und eine zivil- wie  staatsrechtliche Gleichstellung der zwei Völker könnte zustande kommen, damit eine sichere Voraussetzung für ein Ende iranischer Anfeindung.

In meinen Überlegungen folge ich dem Spätwerk von Henri Bergson  – Les deux sources de la morale et de la religion -, das 1932 erschienen ist. Es finden sich hier Denkentwürfe und Erkenntnisse, die im aktuellen Zusammenhang von grosser Bedeutung sind.  Der damals 72jährige Denker ging nochmals auf die Fragen der Menschheitsentwicklung ein, deren Klärung ihn seit seiner Jugend in Bann gezogen hatte. Er war am 18. Oktober 1859 in Paris zur Welt gekommen, als zweites Kind von Kate Levinson und von Michel resp. Michaïl Jozef Sonnenberg Bergson – ursprünglich Berekson -, einem damals berühmten Komponisten und Pianisten aus Warschau, war in Paris vom achten Lebensjahr an in einem jüdischen Knabeninternat aufgewachsen, nachdem sich seine Eltern mit seinen Schwestern nach Ausbruch des Deutsch-französischen Kriegs nach London zurückgezogen hatten. Als Achtzehnjähriger wurde er mit einem Mathematikpreis geehrt, der ihm seine erste Publikation in einer Fachzeitschrift ermöglichte.  Auch das Studium in Philosophie und Literatur an der Ecole Normale Supérieure (ENS) schloss er mit Bravour ab, im gleichen Semester u.a. wie Jean Jaurès, der spätere französische Sozialistenführer, wie auch Emile Durkheim, der in Frankreich die Sozialwissenschaften aufbaute.

Der vorzügliche Studienabschluss ermöglichte Bergson, Louise Neuburger zu heiraten, die auf der mütterlichen Linie mit Marcel Proust verwandt war[2]. Gleichzeitig wurden ihm sofort erste Lehrstellen angeboten, in Angers und in Clermont-Ferrand, wo er sich in mystische und hypnotische Erfahrungen vertiefte, ebenso ins Werk von Lukrez und wo er an seiner Dissertation – in Frankreich „la thèse d’Etat“ – arbeitete, die er 1888 unter dem Titel Essai sur les données immédiates de la conscience einreichte (dt. Zeit und Freiheit), auf die wir eingangs schon hingewiesen haben. Dieses Werk war, wie ich schon erwähnte, in Verbindung von Philosophie, Psychologie und Naturwissenschaften, zugleich von literarischer Sprache so verblüffend, dass Bergson vom Moment der Publikation an einen Kreis von Bewunderern, von Schülern und Schülerinnen wie von Freunden um sich scharte, der sich ständig erweiterte. Dazu  gehörten – neben Marcel Proust – u.a. Eugène Minkowski, Paul Valéry, Jacques Maritain und dessen Frau Raïssa Maritain, Henri Matisse und andere Maler und Malerinnen, dann, als er schon älter war, auch Maurice Merleau-Ponty, mit der Zeit ebenso Denker und Schriftsteller aus dem anglo-amerikanischen und deutschen Bereich wie Henry Miller, William James, Georg Simmel und viele mehr.

Der Erste Weltkrieg hatte ihn in grösste Verzweiflung versetzt. Er war kurz vorher noch zum Mitglied der Académie française erklärt worden, ferner zum Vorsitzenden der Académie des Sciences morales et politiques wie zum Mitglied der Ehrenlegion – eine Summierung von Amt und Würde, die ihn verpflichtete, sich für seine Heimat und die unzähligen Soldaten auf den Kriegsfeldern einzusetzen, für die er herumreiste, Vorträge hielt und Zeitungsartikel schrieb. Gleichzeitig fühlte er sich in moralischer Hinsicht zutiefst erschüttert, war doch durch die Familiengeschichte seiner Frau und durch die zahlreichen Freunde auch das verfeindete Deutschland Teil seiner inneren Zugehörigkeit. Dem sinnlosen, durch nationale Machtgier als legitim erklärten Zerstören und Töten musste Einhalt geboten werden. Als schliesslich 1917 auch die USA in den Krieg eintraten, wurde er in eine diplomatische Delegation einbezogen, die zu Gunsten Frankreichs zu vermitteln suchte.

Was durch diesen Krieg geschaffen wurde – das Ausmass an Zermürbung, Hunger und Leiden beim Militär wie bei der Zivilbevölkerung, an Toten und Verstümmelten in den Gräben, Bunkern und auf den Schlachtfeldern, an technisch neu entwickelten Waffen im Bereich der Artillerie, der Flugwaffe und der chemischen Waffen, an Zerstörung von Städten, Dörfern und landwirtschaftlichen Lebensgrundlagen, an feindbesetzter Zersetzung der moralischen Grundlagen in allen vierunddreissig am Krieg beteiligten Staaten und deren Kolonien – letztlich bei Dreivierteln der damaligen Weltbevölkerung -, all dies war nie mehr heilbar. Der Waffenstillstand von Compiègne am 11. 11. 1918, der auf die Oktoberrevolution in Russland folgte, und ebenso der sogenannte „Friedensvertrag“ von Versailles, um den unter den Allierten (mit Ausschluss von Deutschland und Österreich-Ungarn sowie deren Verbündeten)  vom 18. Januar 1919 an bis zum 21. Januar 1920 verhandelt wurde, setzte den Krieg auf andere Weise fort, mit Demütigungen, Zahlungsforderungen und neuen nationalen Grenzlinien. Die grosse Wirtschaftskrise folgte, archaische Revanche-Triebe wurden geschürt, der Nationalsozialismus wuchs zur tragenden Partei in Deutschland an und zersetzte auch die konservativ-nationalistischen Kräfte in den übrigen europäischen Ländern. Der Völkerbund Société des Nations -, der etwa gleichzeitig mit dem „Friedensvertrag“ ab dem 10. Januar 1920 in Kraft trat (ohne Einbezug der USA) und der zum Zweck der Einhaltung der darin aufgeführten völkerrechtlichen Verpflichtungen gegründet worden war, blieb leider ein ungenügendes oder untaugliches Versuchsgebilde. Als Ergänzung dazu wurde  die Commission Internationale de Coopération Intellectuelle  – die Vorstufe der UNESCO –  geschaffen, ein Projekt, das von besonderem Engagement getragen wurde, mit Henri Bergson als erstem Präsidenten und mit Marie Curie, Albert Einstein und weiteren bedeutenden Denkern und Denkerinnen als Mitgliedern, gewissermassen ein Ansatz kollektiver Hoffnung in Hinblick auf eine Zukunft ohne Krieg.

Bergson suchte in Hinblick auf die Zukunft einen Ausweg aus der Verengung und Verstrickung. Obwohl er körperlich unter schweren rheumatischen Schmerzen litt, war er in seiner geistigen Wachheit auf mehr als auf sich allein ausgerichtet. Er war sich in grosser Sorge der Gewohnheiten bewusst, die auf Grund hierarchischer Ordnungen für Generationen mit einem System der tauben Unterordnung einhergingen. „Jede dieser Gewohnheiten des Gehorchens übt einen Druck auf unsern Willen aus. Wir können einer solchen Gewohnheit zwar entschlüpfen, aber dann werden wir zu ihr hingezogen, zu ihr zurückgeführt, wie das Pendel, das sich von der senkrechten Richtung entfernt hat. Es ist dann eine gewisse Ordnung gestört – und sie sollte wieder hergestellt werden. Kurz, es ist wie bei jeder Gewohnheit: wir fühlen uns genötigt.“[3]

„Sich genötigt fühlen“ widersetzt sich der Freiheit, die gemäss Bergson’s Verständnis[4] eine dem Ich innewohnende zeitliche Beziehung bedeutet, die diesem ermöglicht, aus der abgelaufenen, vergangenen Zeit, die sich zur Dauer im Sinn einer Einklammerung angestaut hat, ins Jetzt der ablaufenden Zeit einzusteigen, einen Entscheid zu treffen und eine Handlung auszuführen. Besteht somit dank der Freiheit die Möglichkeit, aus der „Nötigung“ auszusteigen? Für Bergson war klar, dass dies möglich ist, dass jedoch kein Ausstieg aus den Verpflichtungen denkbar war, die mit der Freiheit im Austausch stehen, diesbezüglich in Fortsetzung von Kants Erklärung der Freiheit als Voraussetzung der „Sittlichkeit“. Die Abwendung des Einzelnen von der Gesellschaft konnte nicht dem Guten, somit auch nicht dem Schönen entsprechen, dagegen wohl der Einbezug der Freiheit in das System der Gesellschaft, damit deren Befreiung von der „zur Dauer erstarrten Gewohnheit“ der Unterwerfung unter autoritäre Befehle, Befreiung von der Beuge-Disziplin und von den Opferforderungen, Befreiung von der „ganzen Wucht“ der „Gewohnheiten des Gehorchens“, die auf den Einzelnen lastet, vergleichbar der sklavenhaften, immer gleichen Pendelbewegung, die erst in der völligen Ermattung endet.

Die Befreiung vom äusseren Zwang  setzt jedoch die Befreiung von den inneren Zwängen voraus: das Freiwerden von der Angst des eigenständigen, selbständigen Urteilens und Entscheidens. Für Bergson war klar, dass kein „retour à la nature“ als Lösung gelten kann, da die Natur selber als System der Unterwerfung funktioniert; der Staat der Bienen wie jener der Ameisen, auf welche er einging, macht deutlich, dass im System der Natur die transgenerationelle Wiederholung blinden Gehorsams nicht wegzudenken ist, auch nicht der Kampf um Besitz und um Grenzziehung zur Verteidigung des Besitzes, nicht die daraus wachsenden Feinderklärungen noch die gewalttätigen Streitereien und Kriege. Gleichzeitig wiederholte er, dass in jedem einzelnen Mitglied des menschlichen Staates die widersprüchlichen Kräfte von Antrieb und Anziehung resp. Rückzug und Abwendung zu beachten seien, dass diese die Fähigkeiten des Geistes – des Intellekts und der Gefühle – kennzeichnen und dass im Umsetzen dieser Fähigkeiten nicht unbedingt ein Zwang bestehe, sondern die Möglichkeit der Wahl: der Mensch könne sich selber für offenere, gerechtere Verpflichtungen „des Menschen gegenüber den Mitmenschen“ entscheiden. Voraussetzung sei allerdings, führte Bergson illusionslos weiter aus, dass diese nicht von den Verpflichtungen gegenüber den „Mitbürgern“ unterschieden würden. Es sei die Differenz zwischen „Mitmenschen“ und „Mitbürgern“ resp. die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit zu einem Staat oder einer Nation, welche die Enge der gesellschaftlichen und politischen Bedingungen begründe, von denen die Beachtung und Umsetzung – oder Ungleichbeachtung und Nicht-Beachtung – der Verpflichtungen abhingen. „Zwischen Nation (wie gross sie auch sei) und Menschheit liegt der ganze Abstand (…) des Geschlossenen vom Offenen.“[5]

Die Gründung der Commission Internationale de Coopération Intellectuelle, die Bergson 1920 mitbegründete, nachdem die Kriegführenden mit der Kriegführung sich nicht mehr weiter zu überbieten wussten, mag als praktischer Entwurf einer neuen Ethik des menschlichen Zusammenlebens gedient haben: dem angstfreien Zusammenleben. Bergson verstand darunter die „offene Ethik“, die „Ethik der offenen Seele“. Er fand sie in einer aufklärerischen jüdischen Gesinnung ausgesprochen, die er mit Jesus‘ Bergpredigt in Verbindung brachte. Die sich darin manifestierenden Widersprüchlichkeiten erachtete er als Anstoss an die schöpferischen Kräfte der Freiheit, „wenn man die Absicht der Maximen betrachtet, die darin besteht, einen Seelenzustand zu erregen“, der das herkömmliche Gehorchen in Frage stellt. „Nicht für die Armen, sondern um seiner selbst willen soll der Reiche seinen Reichtum aufgeben: Selig der Arme ‚im Geiste‘! Das Schöne ist nicht, beraubt zu sein, nicht einmal sich selbst zu berauben, sondern die Entbehrung nicht zu fühlen. Der Akt, durch den die Seele sich öffnet, hat die Wirkung, eine in Formeln eingesperrte und materialisierte Ethik zu erweitern (…). Diese Ethik wird dann im Verhältnis zur andern wie eine photographische Momentaufnahme von einer Bewegung. Das ist der tiefe Sinn der Gegenüberstellungen, die in der Bergpredigt aufeinanderfolgen: ‚Man hat euch gesagt… Ich aber sage euch…‘. Auf der einen Seite das Geschlossene, auf der anderen Seite das Offene. Die landläufige Moral wird  nicht beseitigt, doch sie erscheint wie ein Moment im Verlauf des Fortschritts (…), so wie es geschieht, wenn das Dynamische das Statische in sich aufsaugt, das dann zu einem Sonderfall wird. (…) Daher möchten wir das Undurchführbare, das in gewissen Vorschriften des Evangeliums enthalten ist, mit dem vergleichen, was die ersten Erklärungen der Differentialgrösse an Unlogischem aufweisen.“[6]

Unmissverständlich erschien Bergson die mit diesem Vergleich einhergehende Erkenntnis, dass der denkende und entscheidende Geist den Grundbedürfnissen des Gemüts – des „Seelenzustandes“ – einen Antrieb geben  k a n n  (nicht muss), der im Moment des Denkens geschieht, der ein Anhalten im Ablauf des Handelns ermöglicht und eine andere Orientierung als die gewohnte ermöglicht, ein Staunen – schliesslich ein Gefühl der Freude. Für Bergson konnte trotz der erschreckenden Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht der „Fortschritt“ als „Fortschritt“ für ungültig erklärt werden, nein. Es galt,  die Bedeutung von „Fortschritt“ zu hinterfragen. Fortschritt bedurfte des nachdenklichen Anhaltens, einer Neubesinnung und Neuorientierung. „Die Menschheit seufzt, halb erdrückt, unter der Herrschaft der Fortschritte, die sie gemacht hat. Sie weiss nicht genügend, dass ihre Zukunft von ihr abhängt. Es ist an ihr, zunächst zu entscheiden, ob sie weiterleben will (…).“[7] Für diesen grundsätzlichen Entscheid braucht es, wie ich in Hinblick auf einen Nichtangriffsvertrag zwischen Israel und Iran festhalte, eines Anhaltens resp. einer Unterbrechung des automatisierten Ablaufs von Denken und Handeln. Es bedarf des Innehaltens und des Nach-Denkens bis in die Tiefe des Gemüts, das zum intuitiven Erkennen eines anderen, vom gewohnten abweichenden, „unlogischen“ Entscheids führt, der wiederum der Grammatik  der Reziprozität gerecht wird.

Im praktischen Umsetzen ethischer Maximen des menschlichen Zusammenlebens löst dieser „unlogische“ innere Prozess des Erkennens den Gehorsam des in erstickende Gewohnheiten „eingesperrten“ Menschen auf, der spürt, dass er aus dem angstbesetzten Unterwerfungsvollzug des Müssens und Sollens in jenen des sich öffnenden, lichtvollen des Könnens einsteigen darf, dass er dazu ebenso berechtigt ist wie jeder andere Mensch. Es geht dabei um die gleichen Regeln der Ethik – jene, die sich ebenso in der Bergpredigt wie in Kants kategorischem und praktischem Imperativ finden -, jedoch um ein völlig neues Verstehen der schöpferischen Möglichkeiten des „élan vital“, die sich aus dessen neuen, anderen Beachtung und Umsetzung ergeben. Bergsons Verständnis von „Kunst“, das er in seiner Jugend mit dem Erkunden und Umsetzen der Gefühle, der Aufmerksamkeit und Intensität mit den körperlichen und geistigen Befähigungen in Verbindung dichterischer, malerischer, musikalischer und wissenschaftlicher Werke gebracht hatte, öffnete sich nun für den politischen Entscheid der Gestaltung menschlichen Weiterlebens im Zusammenleben, letztlich für den Entscheid der Erhaltung der Menschheit in der Weite von Raum und Zeit, „damit sich auch auf unserem widerspenstigen Planeten die wesentliche Aufgabe des Weltalles erfülle, das dazu da ist, Götter hervorzubringen.“[8]

Mit dieser „Zweckerklärung“ der Freiheit des Einzelnen zu Gunsten der Vielen schloss Bergson sein letztes philosophisches Werk ab[9], eher warnend als ermutigend, doch im Wissen um die Kraft der Hoffnung, die für ihn erhalten blieb – all dies unter den Zeitentwicklungen von 1933 mit den damals wachsenden Verengungen menschlicher und zwischenmenschlicher, innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Bedingungen des Weiterlebens durch die anwachsende und sich zunehmend aufblähende Macht und Gewalt des Nationalsozialismus und Stalinismus.  Der Zweite Weltkrieg kündigte sich an. Die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland wie der Abtransport in Arbeitslager, die zunehmend zu Vernichtungslagern wurden, die Verfolgung politischer Oppositioneller und „lebensuntüchtiger“ Kinder und Erwachsener hatten schon begonnen. Als am 1. September 1938 die Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht erfolgte, wurde der Krieg zur Tatsache europaweiter, zunehmend weltweiter Verdüsterung des menschlichen Zusammenleben. Die Destruktivität des „Fortschritts“ in der Wiederholung und vielfach gesteigerten Fortsetzung des archaïschen Zahn-um-Zahn, das schon im Ersten Weltkrieg über die Grenzen des Ertragbaren umgesetzt worden war, die staatlich befohlene und von Menschen umgesetzte Entmenschlichung zertrat und zerfleischte jegliche Erbschaft der Bergpredigt.

Bergson starb mit dem gelben Stern an der Brust in Paris am 4. Januar 1941, nachdem die Stadt wie ein grosser Teil Frankreichs sich ein halbes Jahr vorher ohne Widerstand der deutschen Wehrmacht unterworfen hatte. Mit seinem Spätwerk hinterliess er eine Erbschaft der Klugheit, die zur Umsetzung auffordert.  Ich sehe sie einer aussenpolitischen und innenpolitischen Neuorientierung Israels, die durch einen Nichtangriffsvertrag mit Iran einen Anfang setzt.

 

[1] Henri Bergson. Die beiden Quellen der Moral und der Religion. 1980 Olten Walter-Verlag. S. 26 (Reprint von 1933 Jena Diederich Verlag, Übersetzung aus dem Französischen von Eugen Lerch. – Original: Les deux sources de la morale et de la religion. 1832 Paris Presses Universitaires de France).

[2] Bei der Heirat war als Page Marcel Proust[2] anwesend gewesen, ein weit entfernter Cousin von Louise Neuburger; mit dessen Heranwachsen verstärkte sich die Freundschaft zwischen Proust und Bergson.

[3] Henri Bergson. 1980 Olten Walter-Verlag. S. 3-4 (Presses Universitaires de France).

[4] cf. Zeit und Freiheit. 1911 Jena. S. 173-174

[5] Henri Bergson. 1980 Olten. S. 27

[6] Henri Bergson. 1980 Olten Walter-Verlag. S. 55-56

[7] Henri Bergson. 1980 Olten Walter-Verlag. S. 317

[8] Henri Bergson. 1980 Olten Walter-Verlag. S. 317

[9] Der Nobelpreis für Literatur war ihm als erstem jüdischem Denker 1927 für sein zwanzig Jahre vorher erschienenes Werk L’évolution créatrice zugesprochen worden (für Philosophie gibt es keinen).

 

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