«Der grosse Luftzug» – Kommunikation – ein missbrauchtes Grundbedürfnis? Die Gleichsetzung von Virtualität und Realität im Zeitalter der digitalen Kommunikation ist für den Menschen verhängnisvoll.

 

«Der grosse Luftzug» –

 Kommunikation – ein missbrauchtes Grundbedürfnis?

 Die Gleichsetzung von Virtualität und Realität im Zeitalter der digitalen Kommunikation ist für den Menschen verhängnisvoll.

 

Mit dem ersten Atemzug des Kindes, abgetrennt vom Atem der Mutter, geschieht das Erwachen der Freiheit und eine erste kommunikationstechnische Leistung im Verhältnis zum eigenen Dasein. Schmerzhaft ist die erste Mitteilung nach aussen, Sehnsucht nach dem Wiederfinden der warmen, umhüllenden Berührung im Mutterbauch mit allen feinen und starken Vibrationen, nach dieser innerräumlichen Kommunikation, die noch namenlos war, eventuell später «Liebe» genannt wird und um deren Erfüllung sich bald alle Sinnesorgane, alle körperlichen und geistigen Aufnahmezellen bemühen aufzunehmen, was von aussen aufgenommen werden kann. Das Bedürfnis nach Kommunikation liegt in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes «communis» – «gemeinsam», als «Wort und Ding lagen eng aufeinander, die gleiche Körperwärme bei Ding und Wort», wie Hilde Domin in ihrem 1970 erschienenen Gedichtband festhielt.

«Wir sind die erste Generation in der Geschichte, die neben der Eroberung des Weltraums (…) auch die Entdeckung einer letzten Energieform erlebt haben, der kinematischen Energie, einer Energie in ‹Bildform› oder, wenn man es vorzieht, in ‹Informationsform›, die somit noch zur potentiellen und kinetischen Energie hinzukommt», stellte Paul Virilio anlässlich eines ersten Gesprächs fest, das ich mit ihm um 1988 in Paris führte. Als wir uns auf den Holzbänken im Arbeitsraum der École Spéciale d’Architecture am Boulevard du Montparnasse trafen, war eben Virilios jüngstes Buch «La machine de vision» erschienen. Virilio erinnerte an die Fernsehsendung über das Mondlandemanöver von Apollo XI. rund 20 Jahre früher, als erstmals aus dem Fenster aus 300000 Kilometern Entfernung der kleine Mond und gleichzeitig erdenähnliche Nahaufnahmen vom Mond selber zu sehen waren. Die Raum-Zeiterfahrungen hatten sich entgrenzt und zugleich minimisiert. Der Blick des klein gewachsenen, bäuerlich wirkenden Architekten Virilio war offen und warm, die Stimme voller Besorgtheit. Einen Teil seiner früheren Werke kannte ich, wie die 1984 erschienene Untersuchung zu «Guerre et cinéma» mit der darin enthaltenen «Logistique de la perception». Von Werk zu Werk ging er fächerartig den unterschiedlichen, ineinander vernetzten und auseinander drängenden Bedingungen und Auswirkungen des «dromos» nach, der «Rennbahn» des menschlichen Wettlaufs um Geschwindigkeit im Erobern und Besitzen von Boden und Raum, der «Fortschritt» heisst. Aus dem sich zunehmend vom Boden enthobenen Antrieb der Beschleunigung und dem sich blähenden Sog der Masslosigkeit kann es gemäss Virilios Untersuchungen keinen anderen Ausweg geben als jenen, der zum «rasenden Stillstand» führt, wie er 1990 in «L’inertie polaire» festhielt.

Paul Virilio war einer der fortschrittskritischen und forschungsfreudigen Denker, die des wechselseitigen Austauschs bedurften. Die individuelle Erkenntnis in Zusammenhang mit der technischen Entwicklung schien Vorstellungskraft und Denken zu sprengen. So war Mitte September 1988 auf Einladung des Merve-Verlags unter anderen in Linz das Symposion «Philosophien der neuen Technologie» zustande gekommen. Der weder utopische noch illusorische Wissensaustausch gehörte im Umfeld der damals brodelnden Veränderungen im politischen Bereich zu den anregendsten, an die ich mich erinnere.

 

Künstliche Vorgänge

Die Rede vom «kinematischen» oder vom «digitalen» Zeitalter war damals voller Zwiespältigkeit. Seit Internet, Cyberspace und virtuelle Realität alltäglich anwendbare Technologien geworden waren, bekam diese Erweiterung der Information und des Informationsaustausches für viele ältere Menschen etwas Bedrohliches, für jüngere aber weltweit etwas brennend Erstrebenswertes, sowohl was den Besitz der Instrumente wie was deren technische Kenntnis und Nutzung betraf.

Zwischen verweigernder Skepsis und beinah fanatisch oder ideologisch anmutender, oft naiver Begeisterung schien kaum Berechtigung für das sorgfältige und kritische Befragen der Funktionszusammenhänge, der Tauglichkeit und des Zwecks der neuen Kommunikationstechnologien zu bestehen. Über Lektüre und Gespräche versuchte ich mich vorzutasten.

Als 1996 Vilém Flussers «Kommunikologie» in der Erstausgabe erschien, verfügte ich schon seit einiger Zeit über einen Computer, wobei ich beim Einrichten des Instruments wie beim Erlernen des Gebrauchs mich durch junge Fachkundige leiten lassen musste, jedoch zunehmend meinen Briefaustausch oder wissenschaftliche Erörterungen und Vortragstexte dem geheimnisvollen, digital erreichbaren Lichtstrom anvertrauen konnte und in meinem technischen Unwissen über das Gelingen staunte. Flussers Erklärung, «ein Phänomen der Freiheit» darin zu sehen, verlangte zusätzlich zur theoretischen Auseinandersetzung einen praktischen Entscheid.

Für Flusser galt die Erkenntnis, dass «die menschliche Kommunikation ein künstlicher Vorgang ist», dass sie «auf Kunstgriffen, auf Erfindungen, Werkzeugen und Instrumenten, auf zu Codes geordneten Symbolen beruht». Die Frage stellte sich, in welchem Mass das künstlich oder kunstvoll Angelernte der Sprache unter den neuen Bedingungen und Methoden der Kommunikation noch den geheimen, gefühls- und erkenntnismässig vorstrukturierten Klangvibrationen oder Farbspektren des Ungesagten entsprechen konnte, das der Mitteilung an andere Menschen bedurfte respektive bedarf? Die Frage liess sich und lässt sich nicht theoretisch, sondern nur empirisch beantworten.

 

Kulturelle Umwälzung

Wie steht es heute? Bei der gemäss Virilio «letzten Energieform», über die wir für die Kommunikation verfügen, geht es auf jeden Fall um eine kulturelle Umwälzung, die noch keineswegs abgeschlossen ist. Was ebenfalls feststeht, ist, dass, wer auf diesem Tummelfeld mitlaufen und mitspielen will, in erster Linie ein spezifisches Fachwissen und ein spezifisches technisches Instrument braucht. Materielle Voraussetzungen sind ohne Zweifel erfordert. Geht es somit noch um Kommunikation im herkömmlichen, privaten Sinn, wie sie in Form des schriftlichen oder mündlichen Gesprächs verstanden wurde? Kann es in politischer Hinsicht angesichts der sich ständig erweiternden virtuellen Möglichkeiten von Einflussnahme und Kontrolle, von Täuschungsmöglichkeiten und Schamlosigkeit noch um die Diskursregeln des demokratischen Aushandelns im Sinn der Kommunikationstheorien der Sechzigerjahre gehen? Und in wissenschaftlicher Hinsicht, wie steht es da? Wird dem einzelnen Menschen durch die fortschreitende Hermetisierung der Codes und die fortschreitende Spezialisierung ihrer Zweige nicht zunehmend die eigenständige denkerische Teilnahme am Diskurs entzogen, wie Vilém Flusser schon 1996 festhielt: Dass kein menschliches Gehirn die Information speichern könne, welche durch diesen Diskurs verteilt werde, denn kein menschliches Gedächtnis könne für die Unzahl wissenschaftlicher Codes programmiert sein, geschweige denn die beinah zahllosen Informationsbrocken synthetisieren. Es gebe zwar kybernetische Maschinen, die theoretisch über Gedächtnisse verfügen, aber es bleibe fraglich, ob solche Gedächtnisse je eine Systemanalyse durch Menschen zulassen werden. Wenn aber der menschliche Diskurs ohne Maschine keinen menschlichen Empfänger mehr habe, werde er in der umfassenden technologischen Abhängigkeit letztlich unmenschlich und sinnlos: Er könne die Intention aller menschlichen Kommunikation, nämlich Information von Mensch zu Mensch aufrecht zu halten, um dem Leben eine Bedeutung zu geben, nicht mehr erfüllen.

So stellt sich die Frage, ob sich die Befürchtung Virilios bestätigt, dass im digitalen Zeitalter der Virtualität das menschliche Zusammenleben im Bereich des Privaten und Öffentlichen gefährdet ist? – dass sich das Bedürfnis nach körperlich und seelisch erlebbarem Berühren und Berührtwerden auf Phantasien und den technologisch umgesetzten visuellen Ersatz einschränkt? – dass Demokratie sich vom wirklichen Aushandeln und Umsetzen politischer und sozialer Verantwortung weit entfernt und im virtuellen Strom überbordender Informationen und ängstigender Zukunftsprognosen zu einem marktähnlichen Wettkampf um grösstmöglichen Gewinn zerfällt?

Die Maximierung der technologischen Entwicklung, wie sie sich in den mit Lichtgeschwindigkeit übertragenen Informationen zeigt, bedeutet auf dem Weltmarkt einen unbestreitbaren Gewinn. Doch was bewirkt dieser Gewinn? Nimmt die Warnung vor den Folgen nicht ab, weil die ins Masslose angewachsene Betörungskraft der Macht durchschaut wird, weil diese, selbst wenn sie möglichweise virtuell ist, gleichzeitig mit der ebenfalls ins Masslose anwachsenden Tatsache der Arbeitslosigkeit und Unterernährung von Millionen von Menschen einher geht? Sind es die Erbschaften des Fortschritts, welche die direkten und indirekten Beziehungen zwischen Menschen bedrohen, hemmen oder zum Zerbrechen bringen?

 

Virtuelle Realität

Während Jahrhunderten war es nötig gewesen, dass die Menschen sich zueinander hinbewegen, um sich zu verständigen. Dies ist überflüssig geworden. Die «Geister», die Kafka in seiner Hellsichtigkeit als Bedrohung des Austauschs unter Menschen bezeichnet, haben mit dem Erreichen der Lichtgeschwindigkeit in der Telekommunikation gesiegt. Mit den Simulationstechniken kann die Realität, können Nähe, Begegnungen und Widerstände durch virtuelle Realität abgelöst werden. Es braucht den Weg nicht mehr, es braucht die wirklichen Bahnhöfe, das wirkliche Ankommen und Sich-Begegnen nicht mehr. Doch was bedeuten diese sinnlichen Einbussen an Wegstrecken und Erwartung? Verarmen mit den emotionalen Verlusten nicht auch intellektuelle Fähigkeiten, da Erkennen und Denken immer mit der sinnlichen Erfahrung und mit Gefühlen gekoppelt sind? Ist nicht zu befürchten, dass diese gewaltigste Steigerung der Geschwindigkeit sowie der Ersatz der echten Begegnung durch Virtualität den Fortschritt in sein Paradox verkehrt: dass die Menschen trotz unablässiger Kommunikation einander noch fremder werden?

Die Virtualität wird vermutlich noch eine Weile das Tummelfeld der technologischen Weiterentwicklung sein. Was allerdings nie virtuell werden kann, sind die wirklichen Bedürfnisse der Menschen sowie das körperliche und seelische Leiden an deren Nichterfüllung. Die moderne Kommunikation verändert das menschliche Zusammenleben auf bedeutsame Weise.

Nicht die Tatsache der digitalen Kommunikation ist verhängnisvoll, nicht die Kenntnis über deren Benutzung und Umsetzung, im Gegenteil. Deren Hypostasierung ist verhängnisvoll, die Austauschbarkeit respektive Gleichsetzung von Virtualität und Realität. Es bedarf eines Bewusstwerdens und dessen Umsetzung, welche die durch die Teletechnologien geschaffenen Schäden im Bereich des Ungleichgewichts von Rhythmus und Mass, von Realitätserfahrung und Ersatzrealität, in allen Zusammenhängen der Entfremdung analysiert und korrigiert. Und ebenso bedarf es einer neuen Sorgfalt und bewussten, kritischen Wahlmöglichkeit im Konsum von Informationen, letztlich eine sinnvolle und angemessene Auswahl und Benutzung, entsprechend dem kleinen Gebet Hilde Domins: «Damit es anders anfängt zwischen uns allen.»

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