Olympe-Tagung, Helferei Zürich, 12.-13. Juni 1999 – Anregungen zu einer dialogischen Kultur

Olympe-Tagung, Helferei Zürich, 12.-13. Juni 1999

Diskursbeitrag: Anregungen zu einer dialogischen Kultur

 

Bald bin ich sechzig Jahre alt, und habe mich einen grossen Teil meines aktiven Erwachsenenlebens für die gleichen Rechte und die gleiche Würde der Frauen eingesetzt. Dies berechtigt mich, folgende Überlegungen zum Diskurs beizusteuern:

Die Tatsache, dass die Frauen jahrhundertelang durch das Patriarchat diskriminiert wurden, dass sie entmündigt blieben, dass sie vom Zugang zu den Universitäten und von der Partizipation an der öffentlichen Macht ausgeschlossen wurden, dass sie buchstäblich  „depriviert“, d.h. auf den Privatraum eingeschränkt wurden, liess sie nicht zu besseren Menschen werden. Auch im privaten Raum kann Macht ausgeübt und missbraucht werden, und jeder Machtmissbrauch impliziert Gewalt. Stricknadeln können als Waffen gebraucht werden. Dass heute eine junge Frau, hier in der Schweiz, als Justizministerin Notrecht gegen die Flüchtlinge proklamiert, darf leider nicht als Frauenausnahme angesehen werden. Norecht wird in Kriegszeiten proklamiert, wwenn das Land auf schwerwiegende Weise bedroht wird, und damit wird suggeriert, dass der angreifende Feind die Flüchtlinge sind. Sowohl vom moralischen wie vom Demokratiestandpunkt her, ist dies eine zutiefst schreckliche, verwerfliche Haltung und eine Proklamation der persönlichen und politischen Schwäche, dsie sich – auf Grund der Macht – in Arroganz umkehrt.

Es gibt kein unschuldiges Geschlecht, ausser jenes der Kinder, und zwar  beiden Geschlechts. Dass daraus sowohl Täter und Täterinnen wie Opfer werden – wobei viele Menschen sowohl das eine wie das andere sind – folgt zumeist aus einer innerpsychischen Logik  der früh erlebten Nicht-Anerkennung des so prekären, beziehungshungrigen und zuwendungshungrigen Ich. Damit das aus dem Mangel erwachsende Leiden ertragem werden kann, erfindet die Psyche eine breite Palette von – häufig untauglichen – Abwehrmechanismen. Dazu gehören auch die Dominanz- und Unterwerfungsbedürfnisse, die nicht selten kombiniert sind mit sadistischen Triebbefriedigungsbedürfnissen, d.h. mit der Lust, herbabzusetzen, zu demütigen und – buchstäblich – fertigzumachen. Dies geschieht je individuell, im geschlossenen privaten Raum, in den Familien wie in den Folterzellen, aber auch in den grösseren Räumen, in den sich kollektive Perversionen austobrene, so in all den  zeitgenössichen Kriegen, ob diese durch nationalistische, antisemitische und allgemein rassistische oder ethnizistische Perversionen legitimiert werden. Bei allen Tätern und Täterinnen geht es auf ganz zentrale Weise darum, den eigenen prekären Selbstwert durch die entmenschlichende Verachtung und Quälerei des anderen, von ihm verschiedenen Menschen zu erhöhen, ob dieser Mensch „anders“ sei durch sein Geschlecht oder durch das Alter oder durch die Herkunft, Hautfarbe, Religion etc. Die Vergewaltigungen von Frauen gehört dazu, der vielfache, auch sexuelle Missbrauch von Kindern, die Misshandlungen, auch sexueller Art, der auch Männer durch andere Männer ausgesetzt sind – wir wissen darum, wenn wir das Wissen nicht ausblenden, wenn wir in uns nicht selektive Bilder speichern, welche die alleinige Opferrolle der Frauen fixieren.

All diese unendliche Gewalt ist Missbrauch momentaner Macht durch Einzelne. Was seit 1991 im ehemaligen Jugoslawien geschieht, in den letzten Wochen in Kosovo, auch in Serbien, hat nicht mit der speziellen Bosheit einer speziellen sog. „Ethnie“ zu tun, sondern wird „mitgetan“ und mitverantwortet durch die Männer und zum Teil auch durch die Frauen ausserhalb des Kriegsgebiets. So wie es kein unschuldiges Geschlecht gibt, gibt es kein unschuldiges Volk.

Müssen wir dies einfach so hinnehmen? Gibt es Möglichkeiten der Veränderung? Ich möchte aus dem emanzipatorischen Geist des ursprünglichen Feminismus drei Vorschläge machen, die eine Ära der dialogischen Kultur begründen sollten, durch welche sich eine wirklich partizipative Demokratie entwicklen könnte. Diese setzt den Respekt vor der Komplementarietät voraus, resp. die Lust am Aushandelne, Einüben und Einhalten der Regeln des Zusammenspiels der vielfachen Differenz:

Dazu gehört

  • Das Einüben eines dialogischen Verhaltens in allen Beziehungen, in denen wir stehen, schon Kindern gegenüber, d.h. des Respekts vor der Differenz, nicht allein der Geschlechtedifferenz, sondern der Differenz von Alter, Herkunft, Geschmack, Weltbild etc., selbst des Respekts vor der Nichtübereinstimmung, da allein dieser Respekt, den wir der Differenz der anderen Menschen entgegenbringen, uns des Respekts unserer eigenen Differenz versichern kann. Aus dieser Einübung könnte anstelle des Gefühls der ständigen persönlichen Bedrohtheit, der gegenseitigen Rivalisierung, ja Ausmerzung ein Gefühl der gelassenen Sicherheit entstehen. Was daraus entstehen könnte, als Resultat, wäre eine bessere Unterscheidungsfähigkeit menschenverachtender politischer Propaganda sowie eine zunehmende Unverführbarkeit durch populistische Programme.

(2) Das Einüben komplementärer und paritätischer Arbeits- und Existenzzeitzeitmodelle, bei denen Erwerbsarbeit, häusliche und Betreuungsarbeit, Bildung und Weiterbildung, politische Tätigkeit und Erholung als ebenwertig gelten, nicht nur für beide Geschlechter, und nicht nur für ein kleines Segment von Privilegierten, sondern unabhängig von Berufsstand, Herkunft und Pass, mithin für Schweizer/Schweizerinnen wie für Ausländer/Ausländerinnen. Was daraus als Resultat herauswachsen könnte, wäre eine Verminderung der Polarisierung zwischen sog, „nützlichen“ und sog. „unnützen“ Menschenleben, eine Verminderung der sozialen Ausgrenzung, damit mehr effektive Gerechtigkeit.

  • Das Einüben eines Referenzssystems, in welchem die je Stärkeren für die je Schwächeren auf verlässliche Weise einstehen. Da die Differenz immer auch eine Differenz der Kräfte, des Wissens, der Kenntnisse und der Handlungsmöglichkeiten ist, sollten die je Stärkeren für die je Schwächeren Rekurspersonen sein, und ihnen in einer momentanen Schwäche oder Notlage unterstützend zur Seite stehen, ohne je berdohlich oder gar entmündigend zu werden. Dabei kann die Rollenausübung je nach Belangen abwechseln. (Beispiel: Jeder rechtlos gemachte Mensch, Frau oder Mann, ob Flüchtlinge, Kriegsvertriebene, Obdachlose, Erwerbslose etc., unabhängig von seinem/ihrem Status, sollte eine handlungsfähige, über alle Rechte verfügende Person im Aufnahme- oder Wohnland sich zur Seite gestellt wissen, damit der menschenrechtliche Anspruch auf Schutz der persönlichen Integrität und Würde, und damit einzelne wichtige Bedürfnisse erfüllt werden). Was anzustreben wäre, als Resultat, wäre eine Anerkennung der gegenseitigen Dependenz und allmählich eine rechtliche Gleichstellung der einheimischen und ausländischen Wohnbevölkerung in unserem Land, indem die politischen Rechte dort zugestanden und ausgeübt werden, wo der Wohnsitz und das Tätigkeitsfeld von Frauen, Männern und Kindern ist.

Ich möchte Sie bitten, aus dem Geist eines emanzipierten Feminismus, diese Anregungen zu einer dialogischen Kultur, als Voraussetzung einer wirklich partizipativen Demokratie, zum Gegenstand von Klärungen, Diksussionen, eventuell gar von Programmen der Umstzung zu machen. Ich danke Ihnen.

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