Nazigold und Flüchtlingsgeld – Politik und Moral der offiziellen Schweiz in der Kriegszeit und seither

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Nazigold und Flüchtlingsgeld

Politik und Moral der offiziellen Schweiz in der Kriegszeit und seither

Gespräch in der Aula der Universität am 16. 12. 1996

Eine Veranstaltung der Evangelischen Hochschulgemeinde der Universität Zürich. Leitung. Pfr. Leo Suter

 

 

Am Podium nehmen teil:

Dr. Sigi Feigel, Rechtsanwalt, Zürich

Prof. Dr. Georg Kohler, Philosophie/Politische Theorie, Uni. Zürich

Dr. Jacques Picard, Historiker, Bern

Herr Hans Vontobel, Banquier, Zürich

 

Die Leitung hat:

Dr. Maja Wicki, Philosophin und Pubizistin, Zürich

 

Konzept: Nazigold und Flüchtlingsgeld

Die heutige Schweiz leidet unter ihrer jüngsten Geschichte. Interne Verunsicherung und externer Imageverlust sind die Folgen. Es ist dies nicht das erste Mal. Es ist dies nicht das erste Mal. Jede dieser grossen kollektiven Verunsicherungen führte zu einer gründlicheren Aufarbeitung der Geschichte, damit zu deren Neuschreibung. So führte das Bekanntwerden der Schweizer Verantwortung für den J-Stempel in den Pässen deutscher und österreichischer Juden 1954 zum bundesrätlichen Auftrag an Prof. Carl Ludwig, die Flüchtlingspolitik der Schweiz von 1933 bis 1955 zu untersuchen; die Aufdeckung neutralitätsverletzender  Absprachen des  Bundesrates mit den kriegführenden Mächten führte zum Auftrag an Prof. Edgar Bonjour und dessen Bericht über die Politik der Schweiz. Heute stehen wir wieder an einem Wendepunkt, ist doch jede  – individuelle und kollektive – Krise ein Wendepunkt: entweder zu mehr Wissen und damit zu grösserer Freiheit, oder zu erstickender, verhängnisvoller Tabuisierung.

Was ist der Tatbestand: Ungewisse Mengen von Gold, das die Nazis entweder privaten jüdischen Verfolgten entwendet oder aus den Staatskassen eroberter Länder gestohlen hatten, sollen von der Schweiz gegen Devisen aufgekauft und damit reingewaschen worden sein. Zugleich sollen Schweizer Banken von jüdischen Verfolgten und später Ermordeten Vermögenswerte in unbekannter Höhe angenommen und verwahrt haben, ohne dass diese Gelder deren direkten oder indirekten Erben – den Überlebenden der Shoa – ausgehändigt worden seien.

Ein Teil des Nazigoldes wie des Flüchtlingsgeldes soll – in unbekannter Höhe – heute noch auf Schweizer Banken liegen.

 

Welches sind die wichtigsten Fragen?

  1. Teil:

An Picard: Wie war in Bezug auf diese zwei Tatbestände die Lage während des Kriegs?

An Vontobel: Wie beurteilen sie die Praxis der damaligen Verantwortlichen in den Banken?  Hätte die Sorgfaltspflicht – ein Gebot der Berufsethik – verlangt, dass das Raubgold der Nazis hätte zurückgewiesen werden müssen?

An Feigel: Haben Sie Kenntnis von der ungefähren Höhe der von Flüchtlingen auf Schweizer Banken deponierten Gelder? – resp. von den heutigen “nachrichtenlosen Vermögen”?

An Kohler: Lässt sich von der Philosophie her die Frage beantworten, ob während des Kriegs für die politischen und wirtschaftlichen Verantwortlichen andere Normen des Handelns galten (gelten) als in Friedenszeiten? Sodann, ob für die Machtträgereine andere Moral gilt als für Private?

 

Teil II:

An Picard: Wenn für die damalige Zeit schwerwiegende Fehlentscheide festgestellt werden müssen, stellt sich die Frage, weshalb es so lange dauerte, bis diese in der Schweiz thematisiert wurden. Wie ist die verzögerte Geschichtsaufarbeitung in der Schweiz zu erklären?

An Vontobel: Ist nich das Bankgeheimnis ein geeignetes Instrument auch für moralisch fragwürdige Geschäfte? Sind die Banken bereit, zur Klärung der hängigen Fragen das Bankgeheimnis aufzuheben?

An Feigel: Was wird von Seite der Kinder und Nachkommen der Verfolgten von der offiziellen Schweiz erwartet?

An Kohler: Ist, von der Philosophie her, Wiedergutmachung überhaupt ein sinnvolles Konzept? resp. Wie muss sich Handeln aus dem Bewusstsein der Schuld oder des falschen handelns neu definieren?

 

Teil III:

An Vontobel: Sind die Schweizer Banken heute in Hinblick auf die ev. kriminelle Herkunft von Geldern umsichtiger und verantwortungsbewusster? – oder sind sie es nicht? (Zu erinnern etwa an die Mafia-Gelder, an die Gelder des philippinischen Diktators Marcos, an die Millionen des zairischen Gewaltherrschers Mobutu etc.). Bräuchte es Ihrer Meinung nach eine ethisch stärker verpflichtenden Handlungskodex für die Schweizer Banken?

An Feigel: Sie haben sich nicht nur für die jüdischen Verfolgten eingesetzt, sondern für verfolgten Minderheiten, für Flüchtlinge und Opfer von Rassismus überhaupt. Ist die Gewichtung der offiziellen Schweiz zwischen der Aufnahme verfolgter menschen und der Aufnahme von Gold und Geld heute anders als in den dreissiger und vierziger Jahren?

An Kohler: Wodurch kennzeichnet sich die Schweiz in ihrer politischen Praxis? Lässt sich von der poltischen Theorie her, der ja immer auch eine analytische Aufgabe zukommt, eine gemeinsame Diagnose für den Bereich der Wirtschaftspolitik wie für jenen der Flüchtlings- und Asylpolitik aufstellen? Was wäre zu tun?

An Picard: Stimmen Sie mit Kohler überein? Wie erwägen sie, dass die Geschichtsschreibung in fünfzig Jahren unsere heutige Zeit schildern wird? Können Sie als Historiker, aus der Kenntnis der Vergangenheit, eine Prognose wagen?

 

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