Frieden machen mit Europa – Perspektiven für die Schweiz hinter den Bergen – Ideenwerkstatt für Gesellschaftsentwürfe einer Schweiz der Zukunft

Frieden machen mit Europa – Perspektiven für die Schweiz hinter den Bergen

Ideenwerkstatt für Gesellschaftsentwürfe einer Schweiz der Zukunft

zum 1. August 1998: GSoA

 

Visionen sind konkreter wie Utopien, Projekte sind verpflichtender wie Visionen. Eines der Projekte, mit denen die Schweiz einen Zukunftsentwurf in Händen hält, ist die auf 1998 vorgesehene Verfassungsrevision. Wir hatten in Zürich vor dem Abschluss der Vernehmlassung einen ganzen Sonntag lang im Schauspielhaus und im Stadthaus eine öffentliche Debatte angeboten, doch das Interesse und die Teilnahme waren enttäuschend gering gewesen. Immerhin schälte sich heraus, dass die vom Bundesrat vorgesehene “Nachführung” der alten BV für eine Schweiz von morgen nicht genügt, sondern dass die Schweiz einer anderen “Kultur” bedarf, welche die Übereinstimmung hehrer Vefassungsgrundsätze mit der Gesetzes realität, ja mit der Alltagsrealität herstellt. Freud, der grosse Gesellschaftskritiker, gebraucht für Kultur auch den Begriff “Technik der Lebenskunst”. Kultur ist für ihn ein anderes Wort für Therapie. So verstanden lässt sich schliessen, dass unsere Gesellschaft leidet, ja dass das Leiden unter den Folgelasten einer alles beherrschenden  Entfremdung und daraus resultierender Ängste übermächtig geworden ist. Wenn wir davon ausgehen, dass dem so ist, reicht es nicht mehr, dass in den verschiedenen gesellschaftlichen Untersystemen – in der Wirtschaft, in der Politik, in der Verwaltung, im Gesundheitswesen, im Bildungswesen, im Asylwesen, im Transportwesen etc.- partielle Korrekturen versucht werden. Es bedarf einer systemischen Analyse und in der Folge einer systemischen Korrektur.

Die systemische Analyse lässt sich zum Beispiel an Hand einer umfassenden Liste aller Mangelerfahrungen machen, unter denen die Menschen von heute leiden. Operationalisieren lässt sich diese Untersuchung zum Beispiel (1) mit Hilfe des Suchtverhaltens (Sucht nach Akohol, Tabak, Drogen, Glückspiel und Psychopharmaka, Magersucht, Esssucht, Erotomanie und Sexsucht, Arbeitssucht (Workaholics), Kaufsucht, Sammelsucht, Fernseh- und Unterhaltungssucht, Risikosucht, Geschwindigkeitssucht, Bereicherungssucht, Gewalt- und Zerstörungssucht, Erfolgssucht, Herrschsucht usw., (2) mit Hilfe der Zahlen über die Beteiligung an Wahlen und Abstimmungen, (3) der Scheidungsrate resp.der Fragmentierung und Desolidarisierung der Gesellschaft (4) der Gewaltdelikte vor allem junger Menschen, (5) der wachsenden Verarmung, und, in der Folge, der Fürsorge- und Sozialhilfeabhängigkeit, (6) der zurückgewiesenen, ausgeschafften und heimatlosen Menschen, die als Flüchtlinge und Asylsuchende in unserem Land Schutz suchten usw. Das Resultat, das sich aus dieser Untersuchung ergibt, ist, dass die Menschen von heute ihre Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllen können, seien es die materiellen (nach genügender, gesunder Nahrung, nach medizinischer Versorgung bei Erkrankung etc.), seien es die immateriellen, die psychischen und intellektuellen (nach Erkennen und Lernen, nach Bildung und Erfahrung, nach Freiheit), seien es die sozialen (nach selbstbestimmter, menschenwürdiger Arbeit, nach Respekt und Anerkennung, nach Schönheit und Erholung), seien die politischen (nach einem Zusammenleben in Frieden). Der allgegenwärtige Stress ist ein Spiegel all dieser Mangelerfahrungen in allen Bereichen. Die Menschen versuchen, durch Unersättlichkeit zu kompensieren – oder sie resignieren völlig.

So stellen sich die Probleme in der Schweiz – und so stellen sie sich in allen Ländern Europas.

Was tun? Im materiellen Bereich genügt es nicht, z.B. einfach mehr Finanzen “für die Armen bereit zu stellen” (Beispiel: das mit 100 Millionen Franken dotierte sog. “Anti-Armuts-Programm” der EU für die Jahre 1993 bis 1997 wüde jedem und jeder der heute rund 50 Millionen Armen in Europa pro Person und pro Jahr etwa 40 Rappen bescheren). Es braucht sinnvolle Arbeit für alle Menschen, die arbeiten können. Ich schlage daher eine Halbierung der Vollarbeitszeit vor. Vier Arbeitsstunden Pro Person und pro Tag ist eine längst fällige Reform, datiert doch der Achtstundentag als Resultat langer Kämpfe aus den dreissiger Jahren. Ergänzend mit einher ginge die Einführung eines Grund-resp.Existenzlohns für alle.

Im psychischen Bereich genügt es ebenso wenig, die verschiedenen Therapieangebote zu multiplizieren. Es bedarf der Rückbesinnung auf den Wert der Beziehungen. Diese dürfen nicht länger Waren- und Wegwerfcharakter haben, d.h. Menschen dürfen nicht länger ersetzt weren wie Strümpfe. Beziehungen eingehen, pflegen und erhalten bedarf jedoch der Zeit, resp. einer grösseren Langsamkeit im Alltagstempo sowie im Ablauf der geforderdeten  Arbeitsleistugnen. Dies kann erreicht werden durch Reduktion der Vollarbeitszeit auf die Hälfte. Es bedarf auch der Rückbesinnung auf die Bedeutung des Bildungswesens, das mit Sorgfalt der Diversität und Differenz der Kinder und Jugendlichen gerecht werden muss, damit diese in ein Modell des respektvollen Zusammenlebens hineinwachsen, statt in das verhängnisvolle  Wettbewerbsmodell der heutigen Erwachsenen, das – wie dieses – mit normierten Leistungskriterien und mit Ausschluss operiert, mit der Dichotomisierung von Starken und Schwachen, Gefälligen und Schwierigen, Reichen und Armen usw.

Im politischen Bereich genügt zu Veränderung der demokratischen Qualität der politischen Entscheide auch nicht, dass die Werbe- und Propagandabudgets der Parteien ständig erhöht werden. Es braucht nicht nur eine andere, gerechtere Verteilung und Reinvestition des gesellschaftlichen Mehrwerts, sondern es braucht auch, damit dies geschieht, eine anderes Zustandekommen und eine andere demokratische Zusammensetzung der Entscheidungsmacht, resp. der Parlamente und Regierungen auf allen Stufen. In massgeblicher Weise sollten die jungen Menschen und die Frauen mitbestimmen können. Das heisst, das die herkömmlichen, patriarchal bestimmten Parteienverhältnisse  durch andere Vertretungen demokratisch abgelöst oder wenigstens ergänzt werden müssen (zum Beispiel durch Vertretungen aus politischen Bewegungen, auch aus den Basisbewegungen, aus NGOs etc). Politische Entscheide müssten auf vier Grundätze hin geprüft werden, bevor sie umgesetzt werden (gemäss dem alten schottischen Verfassungskämpfer): (1) Are they victime-free? (2) Are they empowering people? (3) Are they error-absorbant? (4) Are they future-friendly?

Mir scheint, dass durch diese Reformen eine Schweiz der Zukunft sichtbar werden könnte, in welcher die Ängste auch in Hinblick auf einen Zusammenschluss mit Europa einer Haltung der emanzipatorischen Zustimmung weichen würden: eine Schweiz, die – nicht nur in finanzpolitischer Hinsicht – offen ist zur Welt hin, die, da die Menschen in ihren wichtigsten Grundbedürfnissen gesättigt sind, keiner Abwehr- und Feindbilder bedarf, somit auch keiner waffenstrotzenden Armee, deren vom Bundesrat vorgesehene Einsatz gegen Flüchtlinge an der Grenze die Absurdität und die politische Gefahr der allein mit der Tatsache von bewaffneten Militäreinheiten verbundenen Feindbildkonstruktionen anzeigt – kurz eine Schweiz,  die trotzdem noch genug (lästige) Eigenheiten behält, um sich als Nation auch im solidarischen Zusammenschluss mit Europa weiterhin zu erkennen.

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