Zum 80. Geburtstag von Margareta Hehl am 12. Mai 2016

Zum 80. Geburtstag von Margareta Hehl am 12. Mai 2016

 

Liebe Margareta

Es ist ein Glück, Dich zu feiern und Teil Deines festlichen Kreises zu sein, ein Glück, Dir wünschen zu dürfen, dass der festliche Geburtstag für alle kommenden Jahre für Dich ein wunderbar wärmender Boden bleibe! Aufs herzlichste meinen Dank für die Einladung – auch an Richard, an Matthias und an Nicolas, die mich ein wenig in die Vorbereitung des Festes einbezogen haben!

Was darf ich dazu beitragen, liebe Margareta? Wir werden gemeinsam ein wenig, tatsächlich ein wenig,  in die 80 Jahre Deines Lebens zurückschauen dürfen! Ich sage „wir“, da wir ungefähr gleich alt sind und uns nahe stehen, an unterschiedlichen Orten zur Welt kamen und in der gleichen Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre hier in der Schweiz aufwuchsen, auf ähnliche Weise freiheitshungrig, rebellisch und sehnsüchtig waren. Zurückschauen ist nichts Ungewöhnliches, Erinnerungen drängen sich auf, im Erfreulichen wie im Belastenden. Wir schauen Fotos an und staunen, dass wir dieselben sind, die wir einst waren, und gleichzeitig sehr anders. Es gelingt uns zunehmend, die verschiedenen Phasen des Lebens mit uns selber als stets Lernende in Einklang zu bringen.

So werden wir nun in eine Abfolge von Filmausschnitten einsteigen, die der Gesellschaft gelten, in der wir gross wurden, Kindheit und Jugendjahre erlebten, mit dem Korsett von patriarchalen Machtstrukturen, von religiösen Verboten und Geboten, von schulischen Kontroll- und Bestrafungsmethoden, aber auch mit den magischen Erfahrungen der Kräfte und Düfte der Natur, der Gewitter im Sommer und der Schneegestöber im Winter, der rauschenden Bäche im Frühjahr, der Fülle von Blumen und Kräutern, der wilden Beeren und Pilze, der Hasen und Rehe im Wald, der geduldigen Kühen auf den Wiesen mit den Kälblein, der einzelnen Vogelrufe am Morgen und der üppigen Konzerte vor Sonnenuntergang, bis wir nach der Revolution in Ungarn unversehens erwachsen waren, uns verliebten, heirateten,  Kinder erwarteten und zur Welt brachten – wir beide fünf Kinder. Mit Heirat und Kindern wurden wir Teil der Gesellschaft, die uns nicht behagte, wurden hin- und hergeschüttelt zwischen Pflichten und Erkundungsfreude, zwischen spielerischem, statt erzieherischem Begleiten der Kinder und heftigem politischem Erwachen, zwischen dem selber geschaffenen familiären Eingebundensein, stets mit echter Liebe, doch ebenso mit der Dringlichkeit, die Enge der traditionellen Forderungen zu sprengen, den Kindern die Freiheit zuzugestehen, die wir selber vermisst hatten, die sie möglicherweise überforderte,  die wir aber selber brauchten.  Wirbeteiligten uns an politischen Protesten, setzten die Suche nach Erkenntnis und Wissen wie die Leidenschaft für Musik und Kunst um, tauchten in die Welt ein, in die erstickte Revolution in Prag, in den Kampf gegen die Apartheit in Südafrika, den Krieg in Afghanistan, die Kriege im Kongo und in anderen afrikanischen Ländern. Wir durften und konnten nicht wegschauen und scheuten kein Wagnis, besorgten gleichzeitig den Haushalt, wuschen die Wäsche und kochten für viele  – all diese verrückten Widersprüchlichkeiten, während die Kinder heranwuchsen und die Gesellschaft  sich mit technischen Errungenschaften zubetonierte, gleichzeitig mit beschleunigten Leistungs- und Gewinnforderungen das soziale Zusammenleben wegkapultierte. Wir wurden älter, hatten den Vietnamkrieg, die Tötung von J. F. Kennedy, die Bootsflüchtlinge erlebt, verfügten endlich über politische Rechte und erlebten den politischen Aufstand der Generation unserer Kinder, den plötzlich anwachsenden Drogenmarkt, die Polizeiaufgebote,  Aids-Erkrankungen und Tote, gleichzeitig eine andere Art von Musik auf den Strassen, den Fall der Berliner Mauer, dann den Jugoslawienkrieg in nächster Nähe, während der eigen Staat mit dem wachsenden Verwaltungs- und Beamtensystem zur nationalen-nationalistischen Firma regredierte, die sich zunehmend zum Zweck des neoliberalen Wettbewerbs virtualisierte, die das Misstrauen gegenüber Fremden, Notleidenden und Asylsuchenden zur Pflicht erklärte und zunehmend mit empörenden neuen Gesetzen, Kontrollapparaten in den Bahnhöfen und überall präsenter, uniformierter Fremdenfeindlichkeit uns und unzählige Unbekannte einzuschüchtern versucht.

Zwar sind wir älter und alt geworden, liebe Margareta, die Haut wurde runzlig wie das Herbstblatt einer Platane, aber wir lassen uns auch heute weder einschüchtern noch lassen wir uns entmutigen. In der Gesellschaft, wie sie heute ist, bleiben unsere kritischen und kreativen Kräfte wach, wir setzen sie weiter um. Unsere Liebe zu den Menschen, die uns nahe stehen, ist weiter unser tägliches Brot.  Deren Liebe erfüllt uns mit Dankbarkeit. Gleichzeitig gilt unsere Liebe weiter auch den Wehrlosen und Schutzlosen, deren Entrechtung und Erniedrigung uns zuwider ist. Was wir selber nicht ertragen könnten, wenn es uns angetan würde, darf niemandem zugemutet werden. Das ist ein zentrales Mantra für uns, und  so setzen wir uns weiter ein für deren Recht auf ein gutes, angstfreies Leben.

Doch ebenso gestehen wir uns zu, dass wir selber bedürftiger geworden sind, dass wir den Rückzug und die Ruhe brauchen, Räume, in denen wir uns wohl fühlen. So wurde das Stürlerhaus  mit seinem weiten Garten für Dich und für Richard zum schönen Schutzort, den Ihr mit Freundinnen und Freunden teilt, und ich bestehe darauf, weiter in  der Mietwohnung an der Bellerivestrasse zu wohnen, vor mir den See und die Weite des Himmels, und die vielen Treppenstufen hinauf und hinunter nicht zu scheuen. Auf den vier Fahrspuren zwischen dem alten Haus und dem See sausen täglich Tausende von Autos vorüber, hinter dem Haus auf der Seefeldstrasse  zusätzlich Trams und Busse, parallel dazu die vielen Züge, auch in der Nacht Güterzüge Richtung Osten. Du und ich, wir leben anders, nach den Möglichkeiten der Wahl, die uns zustehen, aber wir leben wohl.  Wir werden mehr und mehr zu Betrachtenden und bewundern den Mut im Werdegang unserer Söhne, Töchter und Grosskinder in der Gesellschaft, wie sie heute ist. Die Vogelrufe am Morgen und das Spiel der Wolken am Himmel bleiben, wie sie immer waren.

„Ich liebe dich / sagt ein Wort / dem andern  //   Ich liebe dich / fühlt / ein Mensch zum andern  //  Ihr seid verbunden / sagt das Licht  //  Mit dem Wort / von Mensch zu Mensch“           Rose Ausländer

Und nun sind wir bereit einzutauchen in die Bilderwelt der Jahrzehnte von Deiner Geburt bis in die Siebzigerjahre. Ich bin voller Neugier, ich freue mich sehr!

 

Write a Reply or Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.