Zukunft – Das Ich und die Anderen im Verhältnis zum Unbekannten

Zukunft – Das Ich und die Anderen im Verhältnis zum Unbekannten

 

„ Wie geht die Zeit behend vorbei, als wenn sie früher scheu gewesen sei,

verpflichtet, achtungsvoll zu zagen, nun aber dürft sie ungehindert fortzujagen wagen.“[1]

 

Wohin „jagt“ die Zeit? In den Zeilen von Robert Walser, diesem Dichter von Wachträumen, der nie den Blick des Kindes verlor, findet sich keine Antwort. Es sind Bilder, die die „scheu“ verlaufende, zeitlos wirkende Kinderzeit und die „ungehindert“ dahinjagende Zeit im Erwachsenenalter knapp wiedergeben. Das vielschichtige Verhältnis zum Unbekannten, das die  Zeit als Raum des Werdens und Vergehens bedeutet,  widerspiegelt sich darin, einerseits als immanente Erfahrung des Daseins, die sich in der Erinnerung erhält und „Dauer“ bewirkt, andererseits als externe Regelung von Stunden, Minuten und Sekunden, die den Ablauf von Tag und Nacht ordnet und bald schon den kleinen Menschen unter Gebote von Pünktlichkeit, von Genügen oder Ungenügen einpfercht. Die Erfahrung der Flüchtigkeit der Zeit und der Blick auf die noch offene, noch nicht erfahrene Zeit wird erst durch die geregelte, berechnete Zeit, erst durch das zeitliche Ungenügen zum Zeitpfeil. „Zukunft“  ist das aus weiter Entfernung auf den Menschen „Zukommende“, das nicht in einem Verhältnis des mit dem Ich verschmolzenen Realen steht wie das Jetzt und das Gestern und Früher, sondern von diesem in ein Objektverhältnis der Vorstellung hineinversetzt wird, die mit Ängsten oder mit Hoffnungen, mit Visionen oder mit konkreten Zielsetzungen die Vorstellungkraft aktiviert.

Oft wird durch Trennungen und Verluste, durch Risse und Brüche, durch Leere oder Gehetztheit  in den Zeiterfahrungen der Kindheit und Jugend der Duktus des menschlichen Werdens blockiert – und geht trotzdem weiter. Zu diesem inneren Widerspruch der Zeitempfindung gesellt sich Angst ob der Bedingungen der gesellschaftlich geregelten und bewerteten Zeit, denen zu genügen mit Zweifeln, Anspannungen und neuen Ängsten einhergeht, mit dem Erfüllungs- und Leistungszwang durch die  zu fremdem Zweck instrumentalisierten, materialisierten und virtualisierten Lebenszeit, Angst vor dem unvermeidbaren Ablauf der Zeit, Angst vor Sterben und Tod. Darauf gilt es einzugehen. Insbesondere gilt es auf die Frage einzugehen, ob und wie eine Zeit-Existenzwert-Gleichung geschaffen werden kann, in welcher die materielle Berechnung der Zeit aufgehoben wird und ein anderes Zeitgefühl möglich werden kann, in welchem das Bedrohliche und Ängstigende des Zeitablaufs verschwindet und jede Art von Zeiterfahrung sinnvoll wird:  mit dem Staunen Robert Walsers, dass die Widersprüchlichkeit von Flüchtigkeit und Dauer durch das Verstehen der im Unbewussten gespeicherten Zeiterfahrungen und -empfindungen sich löst und in der zeitlich begrenzten Lebenszeit zu einem Wissen wird von tragendem Wert.

Es gibt nichts im menschlichen Leben, das nicht einbezogen wäre in die Zeit, keine Sinneswahrnehmung, keine Begegnung und keine Erfahrung, kein Bedürfnis und kein Empfinden, kein Denken und keine Übersetzung von Denken und Empfinden in Sprache, kein Entscheiden und kein Tun, ob wir uns dessen bewusst seien oder nicht. Und es gibt nichts im Beziehungsgeflecht mit anderen Menschen – ob es sich um den privaten Kreis handle mit den grossen Differenzen von Lebenszeit in der Gleichzeitigkeit oder um den beruflichen, gesellschaftlichen oder politischen Kreis -, es gibt keinen Tagesablauf, keine Begegnung, keine Vereinbarung und keinen gemeinsamen Entwurf ohne die Vernetzung in einen Zeitcodex mit präzisen Kalender- und Uhrzeiten. Selbst im geheimen Beziehungsgeflecht des Menschen zu sich selbst wirkt das Empfinden des bewussten wie des unbewussten Eingebundenseins in die Zeit stets mit, zum Teil mit dem inneren Halt an dem, was war und der Hoffnung auf das, was sein wird, zum Teil mit den psychischen und körperlichen Belastungen dessen, was war und dem hemmenden Nichtwissen dessen, was sein wird.

Was ist und was geschieht, ist und geschieht gleichzeitig mit dem, was war und mit dem, was sein wird, sowohl in der individuellen Zeitgeschichte, die das persönliche Leben bedeutet, wie in der nicht gewählten oder gewählten Vernetzung und Verbindung des individuellen Lebens mit dem gleichzeitigen Dasein anderer Menschen und deren Zeitgeschichte wie in der Unausweichbarkeit, ein Mikrowesen in der unfassbaren, grossen Zeitgeschichte zu sein. Jedes Leben ist geprägt von der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Dazu gehören die ungleichen Zeitprägungen der gleichzeitig lebenden verschiedenen Generationen, und ebenso gehört dazu die Diskrepanz zwischen dem „gesellschaftlichen Code”, wie Norbert Elias[2] die Zeit bezeichnete, und dem – wie Anna Freud schrieb – „inneren Kompass“ jedes Menschen. Immer von neuem stellt sich die Frage: Was ist die Zeit?

„Früher Morgen.

Eine Krähe krächzt –

näht

Zeit und Raum

zusammen

mit einem groben Garn.“[3]

Von den zwei massgeblichen Konstrukten, die als individuelle und als soziale Bedingungen die Existenz jedes Menschen prägen – Räumlichkeit und Zeitlichkeit – ist die Zeit das rätselhaftere Phänomen.

Während der Raum in seiner kosmischen Dimension schon früh als unmessbar erkannt wurde, der irdische Raum jedoch seit Beginn der Kulturgeschichte gemessen, eingeteilt, eingegrenzt und als Eigentum Einzelner oder als Raum für viele erklärt wurde – etwa die Allmenden oder die Strassen und Plätze, später die Länder und Nationen -, blieb die Zeit ein Geheimnis. Mit Hilfe von Mythologien über die Schöpfungsordnung der Gestirne und der Erde wurde die Zeit zu deuten gesucht, etwa in der israelitischen Mythologie mit dem Buch Genesis, das vom Christentum übernommen wurde und als biblische Schöpfungsgeschichte gilt. Doch ebenso setzte schon früh durch die Beobachtung der Gestirne, insbesondere des Mondes und der Sonne, eine Einteilung der Zeit in Tag und Nacht und in wiederkehrende Perioden ein. Noch Platon (427 – 347 vor Chr.), der in der Tradition der vorsokratischen Denker – etwa Anaximanders oder Heraklits – über die Entstehung der Zeit nachdachte, hielt in seinem Dialog Timaios fest, der Schöpfer des Weltganzen habe ein bewegliches Bild der Unvergänglichkeit gestalten wollen, und habe dabei, zugleich den Himmel ordnend, dasjenige gemacht, dem wir den Namen Zeit beigelegt haben. Platon fuhr fort, dass es sich daher nur „von dem in der Zeit fortschreitenden Werden gezieme” zu sagen, es „war” und es „wird sein”, dass dagegen dem Unvergänglichen nur das „ist” zukomme.[4] So findet sich in Zusammenhang der Zeit ein fliessender Übergang von der Mythologie zur Philosophie, das heisst ein Übergang vom Geschichtenerzählen zur fragenden Reflexion des skeptischen Denkens, das sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse abstützt.

Hin- und hergerissen zwischen Glaube und Philosophie bewegen sich die aufwühlenden Fragen Augustins zur Bedeutung der Zeit. Er hielt sie im 11. Buch seiner Bekenntnisse fest, wobei es ihm nicht wie bei Platon um die Gegenüberstellung der Idee der Unvergänglichkeit mit dem Werden und Vergehen ging, sondern um die Ewigkeit Gottes, die – darüber gab sich Augustin Rechenschaft – eigentlich gar nicht sprachlich abgehandelt werden kann, da alles Sprechen in der Zeit geschieht. „Was also ist Zeit?” fragte Augustinus, und er fuhr fort: „Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiss ich es nicht. Aber zuversichtlich behaupte ich zu wissen, dass es vergangene Zeit nicht gäbe, wenn nichts verginge, und nicht künftige Zeit, wenn nichts herankäme, und nicht gegenwärtige Zeit, wenn nichts seiend wäre. Diese beiden Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, wie sollten sie seiend sein, da das Vergangene doch nicht mehr ‘ist’, das Zukünftige noch nicht ‘ist’? Die Gegenwart hinwieder, wenn sie stetsfort Gegenwart wäre und nicht in Vergangenheit überginge, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit? Wenn also die Gegenwart nur dadurch zu Zeit wird, dass sie in Vergangenheit übergeht, wie könnten wir dann auch nur von der Gegenwartszeit sagen, dass sie ist (…)? Rechtens also nennen wir sie Zeit nur deshalb, weil sie dem Nichtsein zufliesst.”[5]

Augustinus‘ Fragen machen deutlich, wie unabschliessbar die Auseinandersetzung mit der Zeit ist, nicht zuletzt, weil sie mit der eigenen Erfahrung der Vergänglichkeit zu tun hat: mit der Erfahrung, dass die Zeit dem „Nichtsein zufliesst”. Diese Erfahrung hat einerseits existentielle Folgen, Folgen hinsichtlich des Sinns, der Sinngebung oder Sinnlosigkeit der flüchtigen Frist. Andererseits hatte diese Erfahrung schon früh regulative Folgen: die entschwindende Zeit musste eingeteilt, kontrolliert und festgehalten werden. So entstanden die ersten „Kalender“strukturen, die es erlaubten, den Fluss der Zeit  zu kontrollieren, mithin die Zeit und die Zeitintervalle verbindlich zu machen: „calendae” hiessen bei den Römern die ersten Tage jedes Monats, an denen die Schuldner „gerufen“ wurden („calare“ – rufen), die Schulden zu zahlen („calendarium“  – das Schuldverzeichnis). Der Gregorianische Kalender, den wir heute benutzen, wurde erst im Jahr 1582 durch Papst Gregor XIII festgelegt, nachdem der Julianische – d.h. der von Julius Caesar eingeführte – Kalender sich als revisionsbedürftig erwiesen hatte.[6]

Die Festsetzung des Kalenders war resp. ist somit ein Ordnungsakt, der wieder aufgehoben oder korrigiert werden kann. Die gesellschaftliche Übereinkunft, die aus diesem Ordnungsakt resultiert, hat nur einen begrenzten und relativen Anspruch auf Bedeutung.[7]  In unserem Kulturkreis, zum Beispiel, beansprucht neben dem Gregorianischen Kalender der Jüdische Kalender, in dem die berechnete Zeit vor über 5000 Jahren beginnt und der Ablauf der Jahre nach einem eigenen Ordnungssystem erfolgt,  eine gleichzeitige Geltung, und in anderen Kulturkreisen, zum Beispiel in der chinesischen, gelten wiederum andere Kalender. Die grossen Zeiteinteilungen sind Menschenwerk.

Auch die Feineinteilung der Zeit, die Uhrzeit, hat noch keine lange Geschichte. Wie sehr änderten sich seit der Kindheit  Arbeitszeit und Ruhezeit, Sommerzeit und Winterzeit! Die Erinnerungen überschneiden sich in ungleichen Perioden.

„Hin und her: Aus den Tiefen des Raums

erlangt das Pendel im Kirchturm – die Zeit.“[8]

Die Uhrzeit ist ein Regulierungs- und Kontrollsystem. Noch Augustinus rief aus: „Weh mir Armen, da ich nicht einmal weiss, was ich nicht weiss”, denn es werde etwas gemessen, das gar nicht gemessen werden könne, da nicht bekannt sei, was es sei. „Weder die zukünftigen noch die vergangenen noch die vorübergehenden Zeiten können wir messen, und doch messen wir die Zeiten”[9], hielt er mit Resignation fest. Im 13. Jahrhundert begann die Räderuhr die anderen Zeitmesser abzulösen – die Schatten werfende Sonne, den verrinnenden Sand oder das tropfende Wasser -, doch erst 1657 wurde durch Christian Huygens die erste Pendeluhr gebaut, eine Zeitmessung, die 1674 durch die Erfindung der Spiralfederuhr perfektioniert wurde. Das heisst, dass die Zeitmessung nach Stunden, Minuten und Sekunden, wie wir sie durch die uns geläufigen Chronometer kennen, erst seit ungefähr dreihundertsechzig Jahren geläufig ist. Doch auch die viel feineren und komplizierteren elektronischen und anderen Zeitmessmethoden, die zur Erfassung der Lichtgeschwindigkeit, der Mikroprozesse in der Biologie, Physik und Chemie oder für die Koordination der unterschiedlichen Weltzeiten entwickelt wurden, auch sie beruhen, wie letztlich alle älteren Uhren, auf dem einen Prinzip: dass eine Dimension, die Zeit genannt wird, in Einheiten eingeteilt wird, und dass die Einheiten oder Intervalle verglichen werden, kurz, dass Vergängliches mit Vergänglichem in einen Bezug, in eine Relation gesetzt wird.

Dabei stellt sich heraus, dass der dialektische Prozess, der sich mit der Zeit verbindet, etwas schafft, was unvergänglich ist: die Relation selbst, den Bezug zwischen Sein und Werden. Es ist Simone Weil, die 1943 mit 34 Jahren im englischen Exil starb, die den Bezug zwischen Vergangenem und Zukünftigem als ewigen Bezug verstand, dadurch den Ablauf der Zeit überhaupt als ewig. Oder  Maurice Merleau-Ponty, der in ähnlichem Sinn betonte, dass gerade der Ablauf der Zeit nicht der Zeit unterworfen sei.  Tatsächlich ist es der Bezug zwischen Werden, Vergehen und Sein, der die Bedeutung von „Zeit“ am deutlichsten verständlich macht.

Die Fähigkeit, etwas und etwas anderes in einen Bezug zu setzen, bezeichnete Kant in der Transzendentalen Ästhetik als dassynthetische Vermögen a priori”, eine dem Menschen inne seiende, quasi angeborene Fähigkeit. Sie bildet die Voraussetzung für jegliche Erfahrung, für jegliche Verknüpfung und Erklärung von Wahrnehmungen. Für Kant steht daher fest, dass die Zeitempfindung, resp. das Zeitgefühl dem einzelnen Menschen als eine „Form der inneren Anschauung” vor jeder Erfahrung und daher vor jedem Wissen vorgegeben ist, als eine subjektive Bedingung des menschlichen Verstandes, dank der die sinnlichen Wahrnehmungen und Ereignisse in eine zeitliche Abfolge gebracht werden. Kant gibt dabei zu bedenken, dass diese apriorische Fähigkeit nicht zu verwechseln sei mit den Trugschlüssen der Empfindung, die scheinbare Gültigkeit beanspruchen, obwohl sie keine ordentlichen Denkprozesse voraussetzen, so etwa die Empfindung, dass die Zeit dahinfliege oder dass sie sich nicht vom Fleck bewege.

Die Psychologie, insbesondere die Entwicklungspsychologie von Jean Piaget, hat im 20. Jahrhundert die Kant’sche Erkenntnis zugleich korrigiert und erweitert, indem sie nachwies, dass das Zeitgefühl nicht als voraus gegebenes gelten könne, sondern dass es auf sehr unterschiedliche Weise im Lauf der Sozialisation dem Kind vermittelt und vom Kind angeeignet werde. Schon einige Jahrzehnte vorher hatte Henri Bergson festgehalten, dass die qualitativen Zeiterfahrungen nicht einfach als Trugschlüsse abgetan werden dürfen, eine  bahnbrechende Erkenntnis, die er erstmals 1889 in seinem Essai sur les données immédiates de la conscience in Frankreich[10], 1911 in Deutschland unter dem Titel Zeit und Freiheit[11] veröffentlicht hat. Bergson kritisiert, dass zeitliche Momente ausschliesslich wie räumliche gemessen werden, d.h. dass die Zeit auf etwas Quantitatives reduziert werde. Zeitliche Momente oder Intervalle seien jedoch nicht nach quantitativen Kriterien messbar, sondern allein nach qualitativen, d.h. allein nach den Kriterien der Intensität.

Für Bergson gilt daher als das eigentliche Zeitphänomen die gelebte Zeit. Diese wird in Bewusstseinszuständen, die einander durchdringen, erlebt, wobei die aktuell erlebte Zeit mit der vergangenen und der vorweg sich einstellenden in eine Synthese gebracht werde, die er als das Phänomen der Dauer erklärt. Dauer ist jedoch, nach Bergson, nicht eine Eigenschaft, die zur Existenz hinzukommt. Die Existenz selbst ist ein Dauern: als Erleben, als Bewahren der erlebten Zeit, als Vorwegnahme der kommenden. Dass die innere Verschiedenheit zwischen dem unmittelbar Erlebten und dem vorher Erlebten erfasst werden kann, erklärt Bergson durch eine spezifische Erkenntnis, die er Intuition nennt. Die Intuition (lat. „intueri“ – genau hinschauen) ist für Bergson gewissermassen die Methode der Zeiterfassung resp. der Zeiterkenntnis.

Ohne die von Bergson geleistete Arbeit hätte weder das psychoanalytische Ergründen und Lösen der Angst vor der unbewältigten vergangenen Zeit wie vor der unbekannten anrollenden Zeit zustande kommen können, noch hätte die Erkenntnis der Existenzphilosophie formuliert werden können, dass die Bedingung der Zeitlichkeit für den einzelnen Menschen nur ertragbar ist, wenn er dem gelebten Leben vorweg Sinn geben kann. Die Sinngebung ist zugleich Aufgabe und vorweg Resultat der Freiheit , der „Gebürtlichkeit“ im Sinn Hannah Arendts, d.h. der Fähigkeit, immer wieder einen Anfang zu setzen und zwischen Möglichkeiten des Entscheidens und Handelns zu wählen. Die Tatsache der Freiheit, d.h. der Wahlmöglichkeiten dank der Erkenntnis- und Denkfähigkeit,  schafft die Verantwortung für das Suchen nach Erkenntnis, für das Entscheiden zu handeln wie für die Folgen des Handelns. Daraus wächst die Mitverantwortung für die persönlich gelebte Zeit wie für jene der mit uns gleichzeitig lebenden Menschen.

Die Zeit in der Kindheit zu ergründen ist eine psychoanalytische Aufgabe. Sie stellt sich, um die philosophischen und physikalischen Erkenntnisse zur Zeit aus der Abstraktion zu lösen und besser zu verstehen. Dabei müssen wir bereit sein, einen weiten Zeitraum zu ertasten, zurück in die Vorzeit jeglicher Zeitempfindung, in die Vorzeit der Erinnerung und der Sprache, in die Vorzeit von Verstand und Wissen. In welchem „Ur“gefilde ist die Kindheit? Was bedeutet dort die Zeit, wie erlebt sie das Kind?

(…) „Niemals eine Atempause wie in Ur  –

Da ein Kindervolk an den weissen Bändern zog  –

Mit dem Mond Schlafball zu spielen – (…)“[12]

 Die Zeit ist in psychoanalytischer Deutung ein transgenerationelles Geflecht, eine Gleichzeitigkeit der dem neuen Leben übertragenen Ahnengeschichte und dessen Entwicklung innerhalb weniger Monate im verschlossenen Raum des Mutterbauchs, in deren Wärme, im Summen der warmen Blutkanäle, in deren pulsierendem Plätschern und Sausen, im Zeitrhythmus des pochenden Herzens der Mutter, pausenlos geschaukelt vom Atem der Mutter, genährt mit der Wärme ihres Körpers, angeheizt manchmal schier bis zum Verbrennen von glühender Lust am Rand des kleinen Innenraums, vielleicht bei der Gleichzeitigkeit von Vaters Pulsschlag in anderen Fächern, oder benachteiligt und fast verhungernd, wenn mit Unbeachten getragen, eventuell von atemlähmender Angst eingeengt und sich selber überlassen, im Dunkeln gefangen unter der beklemmenden Not der Mutter vor der auf ihr lastenden und bevorstehenden Zeit: so oder so im ständigen Wiegen der Mutter getragen, im  stärkenden oder im beklemmenden Gespräch mit der Sprache ihrer Seele, die ihr Körper übermittelt.

Dann, wenn zu klein der mütterliche Innenraum wird, freigelassen, losgestossen aus Atem- und Blutsymbiose ins vielfach hilfebedürftige, geheimnisvoll unbekannte, nicht wählbar geformte, unverwechselbare und besondere, eigene Ich-Leben in der eigenen Haut, die nun verletzbarer Halt wird wie Instrument der Wahrnehmung von Wärme und Kälte und von jeder Berührung, dieses eigene Hauthaus, aus der „Genesis“ geschaffen (sowohl im Sinn von gr. „gennan“ – erzeugen, hervorbringen und gr. gignesthai“ – entstehen, geboren werden), diese körperliche Umgrenzung der verborgenen „psyche“ nach Aussen, wie vor der Geburt das Dasein unter der Mutterhaut war, nun als feines Geflecht der sinnlichen Wahrnehmung über dem eigenen pulsierenden Herzen und dem Ateminstrument der Lungen, mit dem Zeichen des eigenen Geschlechts, das dem Ausstossen des Verdauten wie der sinnlichen Hungerstillung im Ablauf der sich folgenden Stunden dienen wird, mit den sich öffnenden Fenstern und Türen der Sinne – Augen, Nase, Mund und Ohren -, mit deren je eigenen, langsam erwachenden Fähigkeit der Vermittlung von Helligkeit, Farben und Dunkelheit, von Gerüchen und von Geschmack, von Klängen und Tönen, von Hunger, von Freude und von Angst, dieser präzisen Wahrnehmungen, die sich zugleich ins grosse Empfindungsregister der Seele und der cerebralen Funktionen übersetzen über den dialogischen Kontakt mit dem Blick, mit der Bewegung der Hände, dem Betasten und Spüren und allmählich, zusätzlich zur Sprache von Haut und Atem über die hörbare Sprache mit den vielfältigen Tonkomponenten, durch welche über Bronchien und Mund der Dialog mit der Mutter sich fortsetzt, nicht mehr in ihrem Inneren, sondern nun aus dem von ihr getrennten, aber noch tief mit ihr verbundenen eigenen Körper, allmählich dann Austausch mit anderen Menschen auf unterschiedliche Weise, vielleicht mit dem Vater, mit weiteren Gesichtern und Gestalten, die allmählich neben einander oder gegen einander das Kind umringen – all dies auf eigene, persönliche Weise, die das Kind als Individuum kennzeichnen(lat. „individuum“ – das Unteilbare, Ungeteilte, aus der Negativform des Verbs „dividere“ teilen), jedoch auch in der sich fortsetzenden Entwicklung verwandt mit Völkern von Ahnen auf Mutter- und Vaterseite, mehrmals vierhundertvierzigtausend bis zurück zum Anfang des Menschseins zu Beginn der zählbaren Zeit, gleichzeitig in allem vernetzt und geleitet durch die eigene Zeit, Atemzeit, Tag- und Nachtzeit, Existenzzeit im Dasein und Hiersein, durch die persönliche Raumzeit.

So ist die erste Zeit des persönlichen Ich im nicht wählbaren, zwar genetisch und anthropologisch erklärbaren, zugleich aber geheimnisvollen innersten Teil des In-der-Welt-Seins zu finden, im Innenraum des Entstehens der Lebenszeit, im Mutterbauch. Hier ist der Beginn der seelischen und körperlichen Entwicklungsgeschichte, der  inneren Zeit des Ich, auf welche die weitere Entwicklungsgeschichte folgt, die mit der Geburt einsetzt, wenn die nach den äusseren Zeitmassstäben berechnete Zeit mit dem eigenen Atem eine Sekunde zählt, dann einen Tag, der einen Namen trägt – Geburtstag -, auf den die Kindheitsjahre folgen, Geburtstag Jahr für Jahr – die lange Geschichte im persönlichen Hauthaus, die zum Raum und Ort des Erfahrens und Lernens, der Beziehungen und des Handelns wird, als Teil der zuerst nah bekannten anderen Menschen, dann der unzählbar vielen, die je eine eigene Geschichte haben.

„Einmal verschlossen

in der Geburtenbüchse der Verheissungen

seit Adam

die Frage schläft zugedeckt

mit unserem Blut“[13].

Kurze Zeit später, mit dem Eintreten in Kindergarten und Schulzeit, vielleicht schon vorher in Kinderkrippte und Hort, wird das Kind in die geregelte und bewertete Zeit des sozialen Systems einbezogen. Es geschehen Brüche und Zerwürfnisse in den frühkindlichen Zeiterfahrungen, die vielfache, unterschiedliche Reaktionen bewirken, Angst und Widerstand, Angst und schnelle Anpassung, Verlustängste und Traurigkeit, Verlorenheit und Trauer, allmähliche Kenntnis des Ablaufs von fort und zurück, der zu jenem von dunkel und hell hinzukommt, allmählich mehr oder weniger Akzeptanz. Auf jeden Fall ist das soziale Zeitsystem mit den berechneten Minuten und Stunden, in welches das Kind hinein versetzt wird, schon Teil des grossen Marktsystems der Erwachsenen, dem der individuell strukturierte, innere Zeitbedarf des Kindes fremd ist. Die Zeit ist nicht länger sein offener, weiter, unstrukturierter Raum, sie wird eingehagt oder gar ummauert, gezählt und berechnet. Letztlich ist schon jedes Kind durch das Zeitempfinden der Erwachsenen, durch deren Unruhe, deren Ängste und deren Strukturnotwendigkeit der bedrückenden Widersprüchlichkeit zwischen der inneren Zeit und der gezählten und berechneten, durch Leistung bewerteten Zeit ausgesetzt, oft auf verhängnisvolle Weise.

Dass die individuelle Zeit, die Existenzzeit, über die Kategorie der berechneten Zeit zum Marktwert wurde, dass diese in Geld gemessen und je nach gesellschaftlicher Funktion des Menschen mit höherem oder geringerem Wert gemessen wird, dass sie gar als wertlos erklärt wird – diese Tatsache ist die erschreckende Fortsetzung einer seit Beginn der menschlichen Kulturgeschichte geschaffenen Ungleichheit innerhalb des gleichen Menschseins, Fortsetzung der Unterwerfung Machtloser unter Mächtige sowie der Benutzung menschlicher Fähigkeiten, Kräfte und Zeit zu Gunsten des Gewinns der Besitzenden und Mächtigen. Es ist die Fortsetzung des in der Umsetzung nicht auf die Folgen hinterfragten Fortschritts, damit der grossen Entfremdungsursachen des Menschen von sich selbst und von der inneren Zeit, in verstärktem Mass seit Beginn der Moderne, die mit der Lebenszeit der Ururgrosseltern begann, mit dem Beginn der Industrialisierung, und die sich mit der daraus folgenden Massenverelendung grosser Bevölkerungsteile Europas in die Vorbereitung und sinnlose Umsetzung menschlicher Vernichtung ohne anzuhalten steigerte, in die Weltkriege mit der von Menschen umgesetzten industriellen Tötung von Millionen von Menschen, deren Masslosigkeit seit der chemischen und atomaren Vernichtungsgewalt kaum mehr gesteigert werden kann und die trotzdem nicht inne hält. Sie entwickelte sich weiter in die heutige postindustrielle Krise hinein mit der damit verbundenen skrupellosen Logik, der zufolge wiederum Millionen von Menschen auf Grund virtueller Wertekategorien als überflüssig erklärt werden, weil deren Arbeits- und Lebenszeit nicht mehr markt- und gewinnkonform eingesetzt werden kann, weil diese Zeit entsprechend der Herrschaftslogik weniger Mächtiger nicht mehr für die Mehrwertsteigerung instrumentalisiert werden kann und daher zu teuer wird. Es ist die Entwicklung der Monetarisierung resp. Kommerzialisierung, schliesslich der Virtualisierung menschlicher Lebenszeit, damit der – wirtschaftlich definierten – Ungleichwerterklärung menschlicher Existenzzeit, die zu immer absurderen und menschlich entwertenderen, zu immer ängstigenderen Folgen führte und die sich in der Aktualität fortsetzt.

Sollen diese Tatsachen beschleunigter Zeitentwicklung, mit welchen wir alle in unserer Lebenszeit konfrontiert werden, Resignation bewirken? Doch Resignation würde Unterwerfung unter ein gewaltbestimmtes und hemmendes, äusseres Zeitdiktat bedeuten, Resignation würde die kreativen Kräfte der eigenen inneren Zeit unbeachtet lassen. Resignation kann nicht sinnvoll sein.

Eine Kinderstimme am Telefon, Knabenstimme: „Meine Mutter ist krank. Sie ist gefallen. Sie hat gesagt, sie könne nicht mehr weiter gehen, heute im Park, mit dem kleinen Bruder an der Hand. Eine Frau hat mir im Park Ihre Nummer gegeben, ich weiss nicht wer Sie sind.  Wann kann die Mutter zu Ihnen kommen? Nicht ich komme mit ihr, der grössere Bruder wird mit der Mutter zu Ihnen kommen. Wo können er und die Mutter Sie finden? Bitte, ich schreibe auf, langsam bitte, Buchstaben bitte.“  Der Knabe, der um Hilfe für seine Mutter anrief, war acht Jahre alt, der „grössere“ Bruder, der gegen Abend mit ihr in die Praxis kam, zählte zwölf Jahre, die Augen überweit geöffnet, kein Lächeln, nichts Kindliches im Blick, die Stimme klar, trotzdem fast tonlos schwer. Die Mutter mit bitterem, dumpfem Gesicht, auch sie ohne Lächeln, kaum grösser, aber zehnmal schwerer und wie verloren neben dem Sohn, der ihre Seele zu tragen schien wie einen Berg. Er war Kind und gleichzeitig hatte er nie Kind sein dürfen. Er hatte die Funktion des schützenden Begleiters der Mutter.

Wie er im Sessel sass, getrennt von der Mutter, doch untrennbar von ihr als Übersetzer, wurde langsam seine Stimmer vor Weinen erstickt. Er schluchzte und weinte, so wie ein Kind weint, weinte voller Erschrecken, dass er das Weinen nicht hatte anhalten können. Und seine Mutter? Sie blickte ihn an, selber hilflos klein und herrschend alt, vielleicht zum ersten Mal bewusst der Grenze zwischen ihr und dem Kind. Es konnte nun weinen, was sie sich nie zugestanden hatte – und ebenso wenig ihrem Kind. Mehrmals während des Gesprächs betonte sie, dass ihr schweres Hautleiden unmittelbar nach der Geburt dieses Sohnes begonnen habe, dass damals die auf ihr lastende Armut noch schwerer wurde, nach dem ersten Knaben noch zwei weitere Kinder plus Ehemann und sie, zusammengepfercht in einem Zimmer im niedrigen Haus der Schwiegereltern, in welchem zusätzlich zwei Brüder ihres Ehemannes mit Frau und Kindern in je einem Zimmer lebten, ohne Einkommen und kaum zu essen, gleichzeitig die stete Präsenz der Besatzungspolizei mit Schlagstöcken und Geldforderungen. In der Schweiz angelangt mit der Hoffnung, besser leben zu können, dann die von den Behörden geforderte Rückkehr in die Heimat, aus der sie geflohen war – der Ausschaffungstermin, all die Angst, die tagsüber und nachts, Stunde für Stunde, den Sohn und die Mutter besetzt hielten. Wie die Zeit sinnvoll nutzen, wenn Angst den Atem erdrosselt und den Innenraum des Körpers wie mit Steinen füllt?

Auch damals stellte sich mir die Frage, die sich immer wieder stellt: Welche Art von Zeiterfahrung braucht ein Kind, damit der Lebensimpuls, der während der Monate im Innenraum der Mutter sich zum persönlichen Leben entwickeln konnte, unter den zahlreichen nicht wählbaren Lebensbedingungen sich entfalten kann? Können vielfältige Noterfahrungen und Angst mit dem Zeitdruck, der von den Erwachsenen auf das Kind übertragenen wird, seine Entwicklung so beeinflussen, dass Überleben und geistige Wachheit nur noch Pflicht bedeuten, eine psychische Klammer, die das langsam und spielerisch erkundende innere Wachstum überdeckt? Geht die Frage des Lebenswertes, damit des Ich-Wertes des Kindes mit diesem auferlegten, nicht wählbaren Pflichtempfinden gegenüber der Zeit einher, letztlich mit dem Mangel an angstfreier und pflichtenfreier Kindheitszeit? Wächst daraus eine Verstärkung des Wissens um die Existenzzeit oder eine Verminderung? Was bewirken früheste Erfahrungen dessen, was „Beziehung“ heisst – mit der Mutter, dem Vater, mit Grossmutter, Ersatzmutter usw. – im Zeitempfinden des Kindes? Wie und was können spätere Erfahrungen – Veränderungen, Trennungen, Verlust, Ersatz – dazu beitragen? Was heisst Ersatz? Bleibt das Ich intakt, zu dessen Innenzeit und Seinswert kein Ersatz taugen kann? Sind Verlust- und Ersatzerfahrungen letztlich gar nicht heilbar, höchstens erkennbar und dann – eventuell – akzeptierbar als zeitgeprägte Geschehnisse? Können sie durch das Erkennen korrigierbar werden, da die innere Zeit im Moment des Erkennens das, was war, in ein neues Licht der Gegenwart versetzt: dessen, was ist und sein wird?

Wie sehr die biographische, insbesondere die analytische Aufarbeitung dem menschlichen Klärungsbedürfnis gerecht werden kann, ist bekannt. Zu wenig wird dabei beachtet, dass die Tatsache der Klärung allein nicht genügt. Es genügt nicht, die schweren Belastungen der auferlegten Zeit aufzuarbeiten, wenn das Erkennen der Zusammenhänge nicht zum kreativen Prozess wird, in welchem eine Versöhnung mit den schweren Belastungen, mit den Verlusten und Mangelerfahrungen der auferlegten Zeitgeschehnissen erfolgen kann. Wenn dies nicht geschieht, nehmen Hader und Verzweiflung überhand.

Ein Beispiel unter so vielen anderen ist Sarah Kofman, deren autobiographische Notizen[14]  mit der Benennung der überlebensbedingten Strapazen ihres Ich und den damit verknüpften Emotionen sie erst nach langen Jahren der intellektuellen Flucht in theoretisch-philosophische und zeitanalytische Denkübungen, dann in die mitfühlende Aufarbeitung des Berichts von Robert Antelme[15] über dessen Erfahrungen[16] sowie nach einer sich über zehn Jahre erstreckenden Psychoanalyse zu formulieren vermochte. Die festgehaltenen Überlegungen und Notizen – sowohl in Paroles suffoquées wie in Rue Ordener, Rue Labat – sind knapp, präzise, aufwühlend, als habe sie bei deren Niederschrift unter Zeitdruck gestanden. Was sie mit acht Jahren erlebt hatte, hatte bei ihr einen Abbruch im inneren Zeitgefüge der Kindheit bewirkt, ohne dass diese mit einem anderen Namen hätte bezeichnet werden können, doch der Name und das, was der Name tatsächlich bedeutete, stimmten nicht überein. Nachdem sie sich eingehend mit Freud und mit Nietzsche befasst hatte, mit der Aussagekraft der Bilder und der Bedeutung von Kunst, hatte sie sich auf die Abfolge ihrer eigenen Erinnerungen eingelassen, durch welche die gelebte Zeit für sie etwas Unauslöschbares und Andauerndes darzustellen begann, das durch die kleine Anzahl an Jahren umso gewichtiger und letztlich ausschliesslich wurde. Kurz nach Erscheinen von Rue Ordener, rue Labat schied Sarah Kofman aus dem Leben.

Warum war sie so gnadenlos gegenüber der eigenen, noch offenen Lebenszeit? Warum gestand sie sich keine mehr zu? Warum brach sie selber den Lebenslauf ab? Hatte sie sich zu sehr in die Theorie des Schreibens versetzt, an Hand welcher sie sich zehn Jahre vorher mit ihrer Arbeit über E.T.A. Hoffmanns Kater Murr[17] auf das Schreiben der Autobiographie konzentriert hatte? Sie hielt damals fest, dass durch das Schreiben der Autobiographie zwar ein Selbst konstruiert werde, jedoch das eigene Ich verloren gehe. War bei Sarah Kofman mit dem definitiven, schriftlichen Festhalten der vergangenen, erlebten Zeit ein Abbruch und Abschluss der weiteren, noch möglichen eigenen Existenzzeit geschehen? Es ist beklemmend, ohne Antwort zu bleiben auf die Frage, warum in ihr die Kraft der kindlichen Neugier auf das Unbekannte der noch nicht gelebten Zeit nicht wieder geweckt werden konnte, warum sie sich selber diese Lebenskraft nicht länger zugestand. Anzunehmen ist, dass bei ihr die Trauer tatsächlich nicht in Verstehen und Sich-Versöhnen-Können überging, nicht in eine daraus wachsendes Vertrauen in die geheimnisvolle noch bevorstehende Lebenszeit, sondern dass die in der Kindheit erlebte Ohnmacht durch die Erkenntnis der Zusammenhänge in Hader, Gram und Verzweiflung mündete, die nur noch die Macht über die eigene Lebenszeit akzeptierte.

Das Aufarbeiten der gelebten Zeit bedarf der Versöhnung. Sigmund Freuds Erkenntnis der Bedeutung der Träume, d.h. der Möglichkeit, die verschlüsselte, verborgene Sprache des Unbewussten angeboten zu bekommen, diese zu verstehen und durch das Verstehen als kreative Kraft zu nutzen, hilft weiter.  In der Traumwelt wird die Zeit zum magischen Phänomen.

Als Sigmund Freud 1899 das Manuskript seines Buches Die Traumdeutung abschloss und mit dem Datum des folgenden Jahrs 1900, dem Beginn des neuen Jahrhunderts, erstmals veröffentlichte, hoffte er auf einen grossen Erfolg. Er ahnte damals nicht, dass es noch einige Jahre bräuchte, bis sich dieser einstellen würde, obwohl er kurz darauf, 1902, mit 46 Jahren, den Titel eines ausserordentlichen Titular-Professors zugesprochen bekam.  Auch ahnte er nicht, dass zu jeder Neuausgabe des Buches strukturelle Änderungen und inhaltliche  Erneuerungen hinzukommen würden. Als 1930 in einer zweibändigen Ausgabe die 8. Auflage[18] erschien, war im Vergleich zur ersten viel zusätzliches Material hinzugefügt worden, ohne dass in den Erkenntnissen und Theorien der Erstausgabe grosse Einbussen geschehen wären. Schon dieser Erstausgabe war eine über Jahre dauernde, vielfache Vorarbeit vorausgegangen, die in Entwürfen sowie in Briefen  – erst an seinen Lehrer Josef Breuer, allmählich insbesondere an seinen Freund Wilhelm Fliess – festgehalten und laufend erweitert wurde.

Wiederum ist es aus zeitlichen Gründen nicht möglich, im Rahmen dieses Aufsatzes auf Freuds grosse theoretische Entwicklung einzugehen, die für ihn von der anatomischen Lehre der Neuronen ausging, deren Zustands- und Tätigkeitsveränderungen während des Schlafs Träume bewirken, die er später mit der metapsychologischen, schliesslich psychoanalytischen Erkenntnis erweiterte und zu einer umfassenden Traumdeutung entwickelte. Wichtig erscheint mir, dass Freud in seinem Bestreben, die Träume zu verstehen und über das Verstehen zu deuten, sich einerseits wohl auf die Schilderung von Träumen seiner Patientinnen abstützte und diese in den Anfängen mit der Annahme verknüpfte, dass früh erlebte, nicht erinnerbare, sondern verdrängte sexuelle Gewalt dafür Anlass gab, Annahmen, die er später nicht mehr in dieser Einseitigkeit vertrat, sondern vielseitig erweiterte. Dass er sich andererseits mit der Tatsache befasste, dass ihm selber beim Aufwachen die Erinnerung an seine eigenen Träume klar bewusst blieb und dass deren Deutung sich aufdrängte. Diese Erkenntnis  war in Zusammenhang des Sterbens und des Todes seines Vaters von bahnbrechender Bedeutung[19]. Freud bedurfte aufwühlender Selbsterfahrungen, um im Lauf der Jahre von dem, was er in den Anfängen als die psychologische Analyse der Neurosen verstand, zur Bedeutung und zum Erkenntniswert der Symbolik zu gelangen und um so den Anschluss an die grosse Erweiterung und Vertiefung der Deutung über die Mythen, die Dichtung, die Farben- und Klangerinnerungen, die körperlichen Impulse sowie die vielfach verkapselte Bedeutung der Worte zu finden.

Ich werde als Beispiel kurz auf die Abfolge von drei Träumen eingehen, bei welchen die magische Auslösung und Auflösung von Zeitzusammenhängen deutlich wird, durch welche jede Art von Zeitdifferenz aufgehoben wird und eine verblüffende Gleichzeitigkeit von früher und jetzt, von Zusammenhängen der allgemeinen, grossen Zeitgeschichte und der je persönlichen Geschichte vermittelt wird, die ermöglicht, die verdrängten  Kindheitserfahrungen ebenso zu verarbeiten wie Tagesrestbestände.

Die drei Träume der damals 50jährigen Clara M. mögen verdeutlichen, in welchem Mass die Traumsprache ihr ermöglichte, die schwierige Beziehung zur Mutter, überhaupt zur Familie, aufzuarbeiten, sowohl die in der Kindheit erfahrene Beziehungsarmut wie die sich daraus fortsetzenden Zweifel am persönlichen Wert, die eine Abfolge enttäuschender Liebesbeziehungen und Freundschaften nach sich zog, bis zu den wachsenden Ängsten, auf der schmalen Linie, die ihr unter dem gesellschaftlichen Kontroll- und Erfolgsdruck für sich selber blieb, den Ort, der ihrem Ich zustand, nicht mehr zu kennen und die eigene Identität zu verlieren.

Clara M. hielt fest: „Es war am Sonntag, ca. 17.30 Uhr. Den ganzen Tag hatte ich gearbeitet. Gegen fünf Uhr abends legte mich aufs Sofa für einen kurzen Schlaf. Ich erwachte aus folgendem Traum: Meine verstorbene Mutter sitzt vor mir auf dem Sessel in meinem Wohnraum neben dem Fenster, in einem leuchtend roten, bis zum Hals geschlossenenen Kleid aus feiner Wolle, ohne Schmuck, mit schön gelocktem braunem Haar. Ein helles Sonnenlicht fällt auf sie. Erstaunt frage ich: ‚Bist Du schon zurück?’, doch da fällt mir ein, dass sie ja gar nicht mit nach Rom gereist ist mit dem Vater, der von seiner neuen Freundin begleitet wird. Lächelnd sagt sie: ‚Du weisst doch, ich bin so gerne daheim’. Im gleichen Augenblick bemerke ich den dreijährigen Enkel meiner Schwester, der neben ihr steht, mit seinen strahlenden, dunkeln Augen und einem zustimmenden, verschmitzten Lächeln. Er trägt eine Zipfelmütze im gleichen Rot wie das Kleid meiner Mutter. Die Zipfelmütze wirkt ganz neu, sie hat einen umgelegten breiten Rand, ist mit zwei Bändeli unter dem Kinn festgebunden und fällt ihm bis in die Mitte des Rückens. Auf ihm liegt das gleiche warme Licht. Es ist ein Bild voller Glück. Ich erwache, und das Bild sowie das Gefühl von Glück bleiben in mir.“

Nach einiger Zeit wurde die Schilderung fortgesetzt:

„Schon vor zwei  Jahren, im Frühsommer, vermutlich im Mai, hatte ich einen Traum, der mit meiner Mutter zu tun hatte und der mir wieder einfällt. Es war ein akustischer Traum ohne Bild. Es war damals mehr wie ein Jahr her, dass D. mich verlassen hatte, und noch immer quälte mich, was ich als Verrat empfand. Ich erfuhr damals von der Hochzeit eines mit uns befreundeten Paars in Florenz, das häufig mit uns zu Abend gegessen hatte. Auch erfuhr ich von D.’s Verwandter in Strasbourg, dass D. wegen eines Anlasses von England nach Italien geflogen sei. Da wurde mir klar, dass er mit der viel jüngeren Frau, mit welcher er schon während unserer Beziehung eine Liebesgeschichte begonnen hatte, an jener Hochzeit in Florenz teilnahm. Ich grämte mich vor Eifersucht. Eines Morgens erwachte ich von einem Traum, aus welchem mir nur die Stimme meiner Mutter blieb, die sagte: Das mit Italien ist schon in Ordnung’. Nichts weiter. – Ich erinnere mich, dass mir dieser eine Satz während den darauf folgenden Tagen und Wochen half, mich vom Gefühl meiner Abhängigkeit von D. zu befreien, mit der ich mich selber entwertet hatte. Mir wurde klar, dass die Zeit in mir seit der Trennung stagniert hatte und sich mit diesem Traum von der Stagnation lösen konnte. Nun scheint mir, dass vielleicht ein Teil der Stagnation bis in die Kindheit zurück geht. Auf jeden Fall half mir die knappe Traumsequenz, mit mir selber wieder voran zu kommen.“

Einige Wochen später kam für Clara M. ein weiterer Traum hinzu:

„Der Traum muss kurz vor dem Erwachen gewesen sein. Ich lag auf einem ‚Befragungstisch’ mit Kleidern aus kürzeren oder längeren Stoffbahnen. Ich muss dort schon lange gelegen haben, fühlte mich voller Angst und kraftlos, denn ich konnte mich meiner Adresse nicht mehr erinnern, wusste auch den Strassennamen nicht mehr. Mehrmals sagte ich: ‚Früher wohnte ich an der Efstrasse, genügt das nicht?’ Ich fühlte starre Augen und grelles Licht auf mich gerichtet und fürchtete, ich würde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Ich erwachte und hörte mich laut sagen: ‚Zestrasse 10’. Ich musste für mich leise lachen, doch nur aus Verlegenheit. In mir blieb das Erschrecken ob dem schmalen Schragen, auf dem ich befragt und beurteilt – oder verurteilt  – wurde. Das Bild liess mich nicht mehr los, auch nicht die Angst, die ich spürte. Warum wusste ich im Traum nicht den Ort, wo ich lebe? Heisst das, dass ich nicht weiss, wohin ich gehöre und wer ich bin?“

Tatsächlich ermöglichten die drei Träume Clara M. eine umfassende Aufarbeitung sowohl der Kindheitsjahre wie der späteren Entwicklung, ein Verstehen der Verlusterfahrungen und der Einsamkeit, in welcher sich ihre Mutter befunden hatte und deren Folgen sich auf das Kind ausgewirkt hatten, allmählich eine Versöhnung mit der Mutter und infolge dieser Versöhnung auch ein Abbau der Eifersucht gegenüber ihrer Schwester, ebenso eine andere Beziehung zu ihrem Vater und zunehmend zu sich selbst.

Beim Eingehen auf die drei Träume wurden Nacht- und Tagerinnerungen lang zurückliegender Zeit geweckt und waren so nah wie das therapeutische Gespräch selber, es entstand eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, durch welche das gelebte Leben mit grosser Intensität, jedoch mit einem anderen inneren Blick nochmals gelebt wurde. Zunehmend staunte Clara M. über sich selber, über ihre Fähigkeit, mehr und mehr zu verstehen, über das lange nicht Verstandene weinen zu können, allmählich vom Hader frei zu werden.

Die Abwesenheit ihres Vaters sowohl für die Mutter wie für sie und ihre Schwester, nicht  eine räumliche Abwesenheit, sondern eine innere Abwesenheit, welche zu einer Sehnsucht nach Nähe geführt hatte, die nie erfüllt werden konnte, dies gehörte zu den schwierigsten Schmerzstellen. Über lange Zeit war die Beziehung zum Vater wie zu einem fernen göttlichen Wesen unantastbar erschienen, da alle Vorwürfe auf die Mutter als Verursacherin des seelischen Leidens projiziert worden waren. Bei diesem anderen Erkennen ging es nicht um eine andere Anklage, sondern um einen neuen, anderen Kontakt mit der verstorbenen Mutter wie mit dem Vater, der damals noch lebte, 82jährig. Dieser wehrte die Fragen seiner Tochter nicht ab, im Gegenteil. Er selber bedurfte der Möglichkeit aufzuarbeiten. So vieles wurde Frau M. zunehmend klar, die Fremdheit zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter, eine kulturelle und sprachliche Fremdheit, ohne dass die Ehe in diesem bürgerlichen Milieu je hätte in Frage gestellt werden dürfen, die psychische Ursache für die körperlichen Leiden, die während Clara M.’s Kindheit und Jugend zu Spitalaufenthalten der Mutter wie des Vaters geführt hatten, Ursache auch für die symbiotische Nähe der Mutter zur jüngeren Schwester, die ihr Trost bedeutete, wie für die Schwermut, die sie immer mehr belastete, als die Töchter erwachsen wurden und anderswo lebten, schliesslich für ihren frühen Tod.

Als Clara M. die Schuldgefühle ihres Vaters wahrnehmen konnte, der den Tod seiner Frau als Schicksalsschlag und Strafe gedeutet hatte, da er ihre zunehmend schwindende Lebenskraft nicht hatte beleben können, verstand sie ihr eigenes Leiden auf ganz andere Weise. Waren nicht auch bei ihr Schuldgefühle immer schwerer geworden? Es war, als ob ein verborgener See von Tränen sich lösen konnte, ihre eigenen und jene, die sie gewünscht hätte, mit ihrer Mutter zu weinen und sie dabei halten zu können.

Dass ihr das Zeichen der Verzeihung und Versöhnung von ihrer Mutter selber in den zwei ersten Träumen klar vermittelt worden war, sowohl durch das warme Licht wie durch den versöhnlichen Rat, das beinhaltete tatsächlich viel mehr, als sie unmittelbar nach dem Traum verstanden hatte. „Italien“  bedeutete auch eine Versöhnung, die ihrem Vater gegenüber galt, wie sie spürte, als sie ihm davon erzählte. Und beide Träume waren eine Bestätigung ihrer Liebe zur ihr, der ältesten Tochter, in deren Wohnraum sie ein Gefühl von Glück vermittelte, das sowohl ihr wie auch dem Enkel ihrer Schwester galt, diesem Kind, das die vierte Generation darstellte und zum Symbol für die neue Orientierung des inneren Blicks auf die Herkunftsgeschichte wie auf die damit verbundenen Beziehungen wurde, zurück und über den Augenblick hinaus: zur Mutter ebenso wie zum Vater wie zur Schwester und zu deren Kind und ebenso zu Clara M. selber.

Mit dem Verstehen der umfassenden Zeit- und Beziehungszusammenhänge, mit deren Aufarbeitung und Neuorientierung wurde es Clara M. möglich, die vielen Spannungen und Ängste zu lösen, für deren Ursachen der dritte Traum eine Vermittlung bot. Es bedurfte nicht mehr des Zweifels. Das grelle Licht, das auf den Schragen gerichtet war, und die bewertenden Augen konnte sie als Erfahrung des Zwangs, sich ihrer selbst nicht sicher fühlen zu dürfen, von sich lösen. Sie hob den rechten Arm zu einer hohen Kreisbewegung, atmete langsam ein und atmete tief aus, alles was an Belastungen angestaut war, nachher den linken Arm, wie eine feste Raum- und Zeitzusicherung ihres Lebens. Und so wurde es für Clara M., da sie sich selber nicht mehr in Frage stellte, allmählich möglich, das Älterwerden und das Alleinsein zu akzeptieren, allmählich zu sich selber Vertrauen aufzubauen. Es war für sie, als sei sie nochmals erwachsen geworden, auch nochmals Kind und Kleinkind gewesen, gleichzeitig durch das Überstehen der schweren Krise sich eines inneren Halts für die Zeit, die ihr noch unbekannt war, bewusst geworden.

Die innere Zeit ist die gelebte Zeit in der Erfahrung des flüchtigen Augenblicks, in der die Wahrnehmung des Unmittelbaren und Neuen einhergeht mit dem Gefühl des schon Bekannten, das durch die Kraft der Erinnerung gespeichert wurde als  unheimliche oder stärkende Dauer, und ebenso ist sie die sich verringernde Lebenszeit in Abwehr oder in Erwartung des Todes.

Auf besondere Weise berührte mich der amerikanische Schriftsteller Harold Brodkey[20], der, 1930 geboren, 1996 in New York an den Folgen des damals noch nicht heilbaren Aids-Virus starb. Er schildert sich selber als „Hypochonder“ während seiner ganzen Lebenszeit, die für ihn erfahrungsreich und beziehungsreich gewesen sei, geprägt durch einen äusserst festen Sockel für seine Stimmungen und Geisteszustände, für seine „mentale Landschaft”. Eines Tages aber musste er die Symptome einer völlig neuen Krankheit in sich entdecken. Sein Leben hatte sich irreversibel aufs Sterben hin verändert. Um verständlich zu machen, was die „irreversible Veränderung“ für ihn bedeutete, nahm er frühere Erlebnisse und Denkprozesse nochmals auf und erlebte ein sich leise öffnendes „echtes Staunen“. „Man möchte das Wirkliche noch hie und da erspähen. Gott ist etwas Unermessliches, während diese Krankheit, dieser Tod, der in mir steckt, dieses kleine, banale Ereignis, lediglich real ist, restlos, ohne ein Wunder zu bergen – oder eine Lehre. Ich stehe auf einem frei dahintreibenden Floss, einem Kahn, der sich auf der biegsamen, fliessenden Oberfläche eines Stroms bewegt. Eine unsichere Situation. Ich weiss nicht, was ich da tue. Die Unwissenheit, die angespannte Balance, die abrupten Stösse und die Instabilität breiten sich in kleinen, immer weitere Kreise schlagenden Wellen über all meine Gedanken aus. Frieden? Den hat es auf der Welt nie gegeben. Doch auf dem geschmeidigen Wasser, unter dem Himmel, unverankert, reise ich nun dahin und höre mich lachen, zuerst vor Nervosität und dann vor echtem Staunen. Ich bin davon umgeben.“

Der Weg „auf dem dahintreibenden Floss“, der durch ein selber zu verantwortendes, „banales Ereignis“  verursacht wurde, dessen Tragweite erst im Rückblick erkennbar ist, dieser Weg kann zeitlich nicht gelenkt werden, doch es ist nicht ein Gefühl der Ohnmacht oder der  Verzweiflung, das damit einhergeht. Freiheit steht trotzdem zu, in der offenen Wahrnehmung, in der Neugier und Aufmerksamkeit, die bei der wachsenden Einschränkung ein anderes Tätigsein ermöglicht: eine besondere Werterfahrung der Zeit.

Die besondere Werterfahrung der Zeit findet sich im Bewusstwerden des Augenblicks. Bei Brigitte A. waren es andere Ursachen für die tödliche Krankheit, jedoch eine mit Harald Brodkey vergleichbare, innere Entwicklung, die ihr eine zugleich gelassene und klärende, innere Arbeit ermöglichte.

Brigitta A. war knapp fünfzig Jahre alt, seit sieben Jahren an Krebs erkrankt, als sie die Unheilbarkeit und die sich beschleunigenden Todesnähe nicht mehr verdrängen konnte und mich bat, dass wir gemeinsam auf das gelebte Leben und das noch bevorstehende, sich verengende Leben eingehen. Sie war weder in einem Bildungsmilieu aufgewachsen wie Brodkey noch Literatin wie er, sie stammte aus einer ländlichen Schweizer Familie und bezeichnete sich selber als Geschäftsfrau. Mit ihrem ästhetischen Bedürfnis und ihrer überzeugenden Kommunikationsfähigkeit hatte sie einen erfolgreichen Kunsthandel aufgebaut. Die eigene „Abschlussarbeit“, die sie trotz steter Schmerzen und Müdigkeit zustande brachte, entsprach einer ausklingenden Komposition. Was ich aus den Gesprächen während der letzten Lebenstage notierte, findet sich hier zusammen gefasst.

„In der Welt sein ist Teil der Welt sein. Dies ist der Zustand, den ich kenne. Er ist gleichbedeutend mit Lebendigsein. Er schliesst alles ein, was meine Existenz ausmacht, was ich seit der frühesten Kindheit erfahren habe: erwachen, tätig sein, ruhen, durch Strassen und über Plätze eilen, dem Fluss entlang oder durch Wiesen streifen, allein sein oder nicht allein sein, ständig lernen, planen, Pläne ausführen, eine Hand halten, lieben, geliebt werden, Verluste erleben, Trauer und Verzweiflung durchstehen, sich stark oder krank und verlassen fühlen, Hunger haben, mich gesättigt fühlen, einen Platz ausfüllen in einem Tätigkeitsbereich, in einer Familie, in einem Dorf oder in einem Freundes- und Freundinnenkreis, Entscheide fällen, Entscheiden ausweichen oder fremde Entscheide annehmen müssen, schuldig werden, Gutes tun, Verzeihung erfahren oder selbst verzeihen, nützlich sein, leiden, Angst kennen und Ausweglosigkeit, die Nähe des Todes spüren, Distanz nehmen, loslassen und zugleich mich noch verwurzelt fühlen in dieser befristeten Zeit. So ist das Leben, mein Leben.

Nur dies kenne ich, vielleicht kennen wir alle sonst nichts, nur diese Welthaftigkeit. Über deren Grenzen und Bedingungen aber, über deren Ursprung und Ziel  möchte ich nachdenken. Nicht zu spät ist es. Diese Welthaftigkeit ist zugleich Geisthaftigkeit, Ahnung einer geheimnisvollen und verborgenen Zugehörigkeit zu einer jenseitigen Welt, vielleicht, von der ich als Lebende keine Kenntnis habe, die sich erst jenseits der Zeit und jenseits des Todes erschliesst. Was Sterben genannt wird, ist die Passage von dieser Welt in die unbekannte.”

„Was weisst du vom Sterben”, fragte mich Brigitta A. eine Woche vor dem Tod. Sie hatte mich nachts gerufen, weil, wie sie sagte, erstickende Angst sie in der Dunkelheit überfiel wie Hundegebell. –  Ich weiss nur wenig, nur was ich aus beobachtender Nähe erfahren konnte, mehr nicht”.[21] – „Ist es schrecklich?” – „Ich denke nicht, da die Angst dann ein Ende hat”. – „Dann ist es etwas Friedvolles?” – „Ja, gewiss friedvoll, der Übergang zum wirklichen Frieden.“

Es gibt Verszeilen von Karl Kraus, in denen Gott – wie immer Gott verstanden wird –  zum sterbenden Menschen spricht. Als ich am Morgen jener Nacht von Brigitta A. wegging, fielen sie mir ein:

„Im Dunkel gehend, wusstest du ums Licht,

nun bist du da und siehst mir ins Gesicht.

Sahst hinter dich und suchtest meinen Garten.

Du bliebst am Ursprung. Ursprung ist das Ziel”.

Ursprung ist das Ziel? Wenn das Leben der Ursprung ist, so ist das Ziel wiederum das Leben? Ist deshalb Sterben etwas Friedvolles? Weil es eine Passage ist aus dem „Gehen im Dunkel” der unbeantwortbaren Fragen ins Licht? Aus der zerfliessenden, gehetzten Existenz unter dem Diktat des Chronometers, der erbarmungslos tickenden Zeit, in die Stille des zeit- und bedingungslosen, lichten  „Gartens“?

Der Ursprung ist das Ziel. Vielleicht findet sich in diesem knappen Satz die Antwort auf die Frage, was jeder Existenz unter den Bedingungen der Zeit auferlegt ist. Was im Zwiespalt von Ausgesetztsein und Freiheit zu erfüllen ist. Die Antwort kann heissen, dass das Leben ernst zu nehmen ist, so wie es ohne Wahlmöglichkeit von Herkunft und Zeit als Welthaftigkeit erfahren wird, wie es gleichzeitig dank der menschlichen „Gebürtlichkeit“, dank der gleichzeitigen Körperlichkeit und Geisthaftigkeit, dank den Talenten und Befähigungen gestaltet und verwirklichet werden kann. Denn immer ist die Zeit nur als Gegenwart erlebbar, als Abfolge von nicht wiederholbaren, einmaligen Augenblicken, die in ihrer Einmaligkeit und Nichtwiederholbarkeit, in ihrer Unaustauschbarkeit jeden Atemzug, jeden Schritt, jede Begegnung und jede Berührung, auch jede Erkenntnis einmalig machen. Mir scheint, dass auch Brigitta A. gegen Ende ihres Lebens darum wusste. Mehrmals sprach sie vom Glück, frühmorgens dem ersten Lied einer Amsel zu lauschen, oder sich im Vorfrühlingsgarten von der Nachmittagssonne wärmen zu lassen, oder einfach eine Hand zu halten.

Existenz nach den Bedingungen der Zeit ernst nehmen, heisst auch, Wahlmöglichkeiten nutzen und so der Befähigung wie den Aufgaben gerecht werden, die jeder einzelne Mensch für sich selbst als verpflichtend erachtet, so verschieden diese Aufgaben und die Auffassungen davon sein mögen. Brigitta A. war in ihrer Pflichtauffassung unbeirrbar. Ordnung in den Dingen und Pünktlichkeit gehörten dazu, geregelte Formen, grösste Präzision in Abmachungen und im  Einhalten von Abmachungen, und was sie von sich selber forderte, erwartete sie mit fragloser Selbstverständlichkeit von den anderen Menschen, die sie umgaben. Möglicherweise habe sie damit einigen oder vielen Unrecht getan, überlegte sie sich in einem unserer letzten Gespräche.

Warum hatte Brigitta A. diese Ordnungsliebe? Mag sein, dass Angst vor dem Unberechenbaren und Undurchschaubaren, auch vor dem Unverfügbaren dahinter stand. Mag sein, dass Ordnung ihrem ästhetischen Bedürfnis entsprach, dem Bedürfnis nach Regeln der Harmonie. Nur Deutung ist möglich.

Dass Harmonie selbst eine Übereinstimmung ist, die sich nicht durch Regeln erzwingen lässt, nicht durch Willensanstrengung und Durchsetzungskraft, dass sie als Geschenk erfahrbar wird – als „Gnade“ im Sinn von Margarete Susman -, wenn der Mensch bereit ist, loszulassen und vom eigenen Verfügen abzusehen, das hatte Brigitta A. eigentlich nur durch die unerfüllte Sehnsucht nach Harmonie erfahren, nur durch den inneren Mangel. Diese Unerfülltheit mag der Kern ihres Leidens und ihrer Lebenstrauer gewesen sein. Gegen Schluss der schweren Krankheit, die sie mit der gleichen Ordentlichkeit und mit dem gleichen Stil zu bestehen suchte wie jede andere Aufgabe, sagte sie, sie habe dies alles nun verstanden, sie sei bereit, das Lebenskonto abzuschliessen.

Wie unterschiedlich und vielfältig wirkt sich die Zeit aus! Woran sich halten? Die gesellschaftlichen Polarisierungen auf Grund wachsender Diskrepanz im Wert gelebter und berechneter Zeit, die Überaktivierung auf der einen Seite und auf der anderen die Hilflosigkeit und Verlorenheit zahlloser Menschen, der damit verbundene soziale Stress mit den anwachsenden politischen und wirtschaftlichen Engpässen, in denen die aktuelle Zeitgeschichte steckt, die daraus resultierenden Überbelastungen und Ängste, die zu Erschöpfungsdepressionen, dem Burnout-Syndrom, und zu vielen anderen psychischen Erkrankungen führen, zu  Gewaltausbrüchen und Fluchten in Suchtverhalten und Ideologien, all diese Tatsachen sind verknüpft mit der während des vergangenen Jahrhunderts betriebenen manischen Beschleunigung und masslosen destruktiven Erweiterung der Zeitabläufe, durch welche die gelebte Zeit des einzelnen Menschen in ihrem Wert zerrieben wird.

Es erweist sich als dringliche Aufgabe, im Sinne von Bergson die Kräfte der Intuition zu wecken und auf die Bedeutung der Intensität zeitlicher Erfahrung einzugehen, im je individuellen Alltag sowie entsprechend den Fähigkeiten im privaten, beruflichen und sozialen Umkreis. Es ist ein Projekt kreativer Vernunft.  Durch das Verstehen kann es gelingen, die Folgen der durch Industrialisierung und Virtualisierung der Zeit, durch deren Verdinglichung und Vermarktung, durch deren Missbrauch und deren Beschleunigung im Mass der Lichtgeschwindigkeit geschaffene Entfremdung des Menschen von sich selbst und der ihm gegebenen Lebenszeit zu korrigieren, sachte und klar: Die Zeit bleibt durch das menschliche Zusammenleben geregelt, doch sie wird von der Entwertung gelöst. Jede gelebte Zeit ist von unbedingtem Wert. Und es gibt Momente der Erkenntnis, die Staunen wecken, wo die Zeit anhält – „für den Bruchteil eines Moments“:

„Mit allen bekannt –

nimmt der Wind

bei der Hand: ‚Na, gehen wir!‘

„Ich ging   hinaus vor das Tor

Und kam zurück durch das Tor:

Wie jemanden mit mir

Brachte ich mit.

Die Sonne geht unter:

Mit zwei Augen schaue ich ins dritte.

Es ist, als dürften wir

für den Bruchteil eines Moment

Hinter die Dinge schauen.“ [22]

 

Sprachlos werden und zeitfremd

 

„Wenn der Atem

Die Hütte der Nacht erreicht hat

und ausgeht

seinen wehenden Himmelsort zu suchen

(…)

Dann zündet ein schönes Wettergeleucht

die Zeit an“ –[23]

 

Doch „was ist ‚Zeit‘? Wer könnte das leicht und kurz erklären? Wer vermöchte es auch nur gedanklich zu begreifen, um sich dann im Wort darüber auszusprechen?“[24] Wie gedanklich Begriffenes oder Nicht-Begriffenes aussprechen, wenn Worte mehr verfügbar sind?

Als Augustinus die „Confessiones“ schrieb und sich im 11. Buch nach der Bedeutung der Zeit und nach seinem Verhältnis zur Zeit befragte, war er 43 Jahre alt. Er stand am Anfang seiner Tätigkeit als Bischof; zehn Jahre vorher hatte sich fürs Christentum entschieden, in starkem Mass beeinflusst durch das Vorbild seiner Mutter, hatte Frau und Sohn davon überzeugt und sie verlassen, seinen hohen Posten in der römischen Administration Mailands aufgegeben und sich zurückgezogen, um in eine neue Lebensaufgabe hineinzuwachsen. Seine Auseinandersetzung mit der Flüchtigkeit der Zeit und der Mühe, diese zu verstehen und zu akzeptieren, da sie doch im Widerspruch steht zur nicht endenden Wiederholung von Zeit – zu Zeitlosigkeit und Ewigkeit – hatte mich seit meiner Jugendzeit und dem Beginn des Philosophiestudiums begleitet. In einer späteren Etappe meines Lebens, als die Potenz der Sprache plötzlich versagte, bot sie meinem Denken Halt.

Augustinus’ „Confessiones“ hatten somit in erster Linie nicht eine  theologische, sondern eine existenzphilosophische Bedeutung für mich. Sie wurden ergänzt durch Henri Bergson’s Überlegungen zum Begriff der Dauer, auf die ich immer wieder einging, wie zum Zusammenwirken von Zeit und Freiheit, dessen Einfluss auf mein Denken wiederum durch den Einbezug der Physik in die Philosophie dank Hermann Minkowski erweitert wurde, insbesondere durch die Bedeutung von Kraft und Bewegung sowie durch das Kontinuum von Raum und Zeit, sich zusätzlich durch Einsteins Relativitätstheorie auf mathematische Weise ergänzt fand, gleichzeitig durch diese vom gelebten Leben in eine abstrakte Dimension abgerückt wurde, jedoch abgefangen und verwoben mit allen menschlichen Zeiterfahrungen durch Sigmund Freuds psychoanalytische Erkenntnisse, durch Simone Weils verzweifelte Suche nach Aufhebung der Widersprüchlichkeit zwischen der Sehnsucht nach umfassender Erkenntnis und der hilflosen Vernetzung in eine Zeitgeschichte sinnloser Entwurzelung und Gewalt, durch Hannah Arendts optimistische Vision der Kraft der Gebürtlichkeit resp. des steten Neubeginns dank der auf Erkenntnis- und Entscheidungsmöglichkeit beruhenden inneren Freiheit des Menschen.

Doch früh schon wusste ich, dass der grosse Fundus von Wissen, den Philosophie und Physik, Psychologie und Soziologie bieten, Teil einer intellektuellen, letztlich abstrakten Bibliothek bleibt, wenn er nicht einbezogenen wird in die Hürden und Fallstricke, in das Gefälle und auf die Inseln des eigenen Lebensflusses, wenn diese nicht bewusst erlebt und verarbeitet werden. Die Geburt meiner Kinder nach Monate dauernder Erwartung , deren Begleitung bei der Weltendeckung, beim Wachstum, beim Lernen und Sich-Entfalten, der Tod einer kleinen Tochter, der Ablauf der Lebenszeit meiner Eltern und vieler mir nahestehender Menschen, die ungleich lang gewährte Lebenszeit der Menschen, mein eigenes Älterwerden, die Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit von selbstbestimmter Lebensweise hier in der Schweiz, wo mein Standort war, und von lebenszerstörender Gewalt in der Wiederholung entmenschlichter Kriege hier in Europa und in anderen Teilen der Welt, in die ich einbezogen wurde, die wachsende Beschleunigung in allen technologisch beeinflussten Gebieten, die den menschlichen Alltag beeinflussen – die gelebte Zeit bot jede Möglichkeit an, mein Verhältnis zu ihr stets neu zu sehen und zu hinterfragen. Zunehmend wusste ich, dass Zeit und Werden, Zeit und Vergehen synchron sind, wie eine musikalische Suite. Dass Dauer nicht ein Widerspruch ist, sondern der bildhaft gespeicherten Abfolge von Wahrnehmungen und Empfindungen entspricht resp. dem zum Teil bewussten, zum Teil unbewussten, geheimnisvollen Innenleben, das zeitfremd ist und dank der Erinnerung abrufbar bleibt. Dass einzelne Phasen des Zeitablaufs durch die Art und Weise zu leben mitbestimmbar sind, ein Teil jedoch nicht, dass es eine genealogische Zugehörigkeit gibt, die früher „Schicksal“ genannt wurde. Ich will näher darauf eingehen.

Kurz vor meinem 60. Geburtstag hatte ich eine Hirnblutung. Während weniger Minuten oder Sekunden geschah eine gewaltige Veränderung meines Lebens, damit meines Verhältnisses zur Zeit. War es das „schöne Wettergeleucht“, das sie „angezündet“ hatte, wie Nelly Sachs einmal schrieb?

Ich erlebte diese Veränderung nicht als Schrecken. In einem Zustand grosser Müdigkeit erlebte ich ein plötzlich warm leuchtendes Licht. Danach keine Erinnerung. Grosse Dunkelheit. So wie ein Vulkanausbruch mit dem versengenden Blutstrom der Erde den Ablauf des pflanzlichen Wachstums unterbricht, so erscheint mir im Rückblick der mir durch meinen Körperhaushalt auferlegte Rückzug in den Dämmerzustand. Während sechzehn Tagen war ich im Koma, wie ich später erfuhr, eine Zeit ohne bewusste Erfahrung. Als ich daraus erwachte, erlebte ich mit Staunen, dass ich nicht mehr verstehen konnte, was die Menschen sprachen, die sich an mich wandten, noch konnte ich in Sprache übersetzen was ich dachte, was ich fühlte oder zu fragen wünschte. Ebenso wenig konnte ich mehr gehen, da infolge der Hirnblutung noch ein Treppensturz erfolgt war, der einen Beckenbruch und den Bruch der Schulterblätter bewirkt hatte. Ich war sehr verwirrt und meinte, mich irgendwo in Russland, vielleicht in Sibirien in einer Psychiatrie zu befinden

Als ich in der Rehabilitationsklinik erstmals wieder den Ablauf der Tageszeit wahrnehmen konnte, vom Erscheinen des Morgenlichts mit der darauf einsetzenden Abfolge der Tagesstunden bis zur Dämmerung und bis zum Aufleuchten der Sterne, erfüllte mich ein Gefühl von Glück, das ich seither oft beim Erwachen aus dem Schlaf neu erlebe, frühmorgens, wenn mir bewusst wird, dass ein neuer Tag offen steht, dass ich die Umdrehung der Erde um sich selbst im Kreislauf der Erde um die Sonne wieder erleben darf, ein kleines Wesen unter unzählbar vielen. Ich kann mich erinnern, wie ich damals mein Herzklopfen anders zur Kenntnis nahm, auch meinen Puls, den ich am linken Handgelenk unterhalb des Daumens erstmals wieder zu zählen wünschte, um meine innere Uhr zu kennen. Sie pochte und pochte und pochte, mir wurde beinah schwindlig ob dieser Bestätigung meines eigenen Kreislaufs, der offenbar nicht still gestanden war. Ich war abwesend gewesen im Zeitgefühl, jedoch nicht abwesend im Rhythmus der Zeit. Zwar war ich ohne Erinnerung an die im Dunkeln durchlebten Tage und Nächte, doch das Dunkel hatte sich nicht ausserhalb und nicht jenseits der Zeit befunden, sondern war Teil meines inneren Zeitraums gewesen, meines Körperraums und meiner Körperzeit.

In den Tagen und Nächten meiner inneren Absenz war der Winter eingebrochen. Schnee war gefallen, der Schnee fiel weiter, der Blick durch das Fenster bot ein anderes Bild als vor der erinnerungslosen Zeit. Ein grosser Wandel war geschehen. Durch das Fenster sah ich nicht auf den See und nicht auf das gegenüberliegende Ufer mit dem zum Albis aufsteigenden Teil der Stadt, sondern auf weisse Hügel und auf vereinzelte Bäume, die schwer bezuckert sich beugten. Ich war in einem fremden Raum. Ein Bett, ein Tisch und ein Sessel befanden sich dort und ich, wortlos, mehr nicht. Ich musste wieder gehen lernen, musste wieder Worte finden. Hatte sich mein Lebensrad rückwärts gedreht? Erinnerungen an weit entfernte Tage wurden geweckt in einer der ersten Nächte.

Auch als ich sechs Jahre alt war, hatte ich nicht mehr gehen und kaum mehr sprechen können. Erst war das Kriegsende gefeiert worden, wenige Wochen später war ich von einem Auto überfahren worden und hatte drei Monate im Spital bewegungslos auf dem Rücken gelegen, das rechte Bein an einen Galgen gehängt. Als ich nach der endlos wirkenden Zeit aus dem Krankenzimmer entlassen wurde, war es nicht Winter geworden, sondern Spätsommer mit heiss vibrierender Luft, die kaum mehr einzuatmen war. Mir schien, es hätte doch möglich sein sollen, aus dem versengten Garten, in welchen ich gesetzt wurde, in den Wald zu gelangen, unter die dichten Kronen der Bäume. Doch was ich mir vorstellte und wünschte, war ein raschelndes Blätterwerk von Vorstellungen, die ich nicht umsetzen konnte. Gehörte ich nicht mehr zu den Kindern, sondern zu den alten Leuten, die ebenso  kraftlos im Altersheim sassen? Würde ich nie mehr gehen können? Damals hatte mir geschienen, die Zeit sei ausserhalb von mir und ohne mich in der Sommerhitze verglüht.  Gleichzeitig hatte ich gespürt, dass ich es nicht ertragen konnte aufzugeben, dass ich Hilfe brauchte – vielleicht einen Zauberspruch -,  zu welchem ich jedoch selber etwas beisteuern musste, um wieder zurückzufinden in den Zeitrhythmus der Kindheit.

Ob ich Franz, dem Knaben aus Wien, der bei uns lebte und der drei Jahre älter war wie ich, erklären konnte, was ich brauchte?  Ich denke kaum. Was wusste er aus welcher Erfahrung, dass er mir eine Seifenkiste baute, mit der ich wieder lernen sollte zu gehen, ja vielleicht lernen konnte?

Es war damals Frühherbst geworden, noch immer waren die Tage warm und lang, als Franz die Seifenkiste neben mich stellte, ich irgendwie darin Platz nahm und mit klopfendem Herzen den steilen Hügelweg hinterrasselte, mit Franz in Sprüngen mal voraus, mal nebenher. Doch wie gelangte ich wieder hinauf? Gestützt auf die Kiste mit den wackligen Rädern, die Franz von hinten stützte und schob, erst nur einen Schritt, dann lange Pausen, dann zwei oder drei. Ich gab nicht auf, und Franz half weiter.

Die Erinnerung an die Seifenkiste zu Beginn des Erwachens in der Rehabilitationsklinik war von grosser Bedeutung. Sie versetzte mich in die gelebte Erfahrung des kindlichen Erschreckens und in dessen Überwinden, letztlich in das neu zugängliche Zurechtfinden mit der Zeit. Inzwischen war ich tatsächlich alt geworden, es war Winter. Seit der Kindheit, schien mir, hatte ich zahlreiche Leben gelebt, doch nun war die Zeit ohne mein Wissen verflossen, sie war in Bewegung gewesen, ohne dass ich sie weder hatte wahrnehmen noch spüren können. Als ich wieder zu mir gekommen war und erfasst hatte, wer ich war – dieselbe wie vorher und zugleich ganz anders – durchdrang mich das früher gelesene und oft diskutierte Wissen ganzer Generationen wie eine Neuentdeckung: die Zeit war stets dieselbe und gleichzeitig war sie Vergehen und Werden, sie stellte Bewegung dar, Raum hin oder her, sie hielt nicht an, toc-toc, toc-toc, voran-voran, zurück in die Kindheit und weiter voran-voran, sie war von Dauer, zurück und voran, wie weit? Wie weiter? Mir war bewusst geworden, dank der Erinnerung an die Erfahrung der Kindheit, dass ich und mein Leben Teil der Zeit waren, ein Teil des Zurück und Voran, die gleiche und zugleich andere damals und heute, heute wie damals. Auch dass ich auf der Linie meiner eigenen Mutter, meiner Tanten und meiner Grossmutter für die zukünftige Zeit eine zweite Hirnblutung zu erwarten hatte, die endgültig sein würde. Mein Verhältnis zur Zeit hatte an Tiefe und Weite gewonnen, da war ein Fächer von Emotionen, der sich öffnete –  ein Gefühl von Dauer, ja von Zeitlosigkeit, zugleich von nicht vorhersehbarem Verglühen.

Mir wurde klar, dass ich mich zu entscheiden hatte, ähnlich wie Jahrzehnte zurück, als ich Kind war. Dass ich erneut der Hilfe bedurfte. Zu früh, spürte ich, um aufzugeben, selbst wenn sprechen und gehen nicht wieder auffindbar wären. Zu früh, um dem tobenden Vulkan im Kopf das Gedächtnis zu opfern und damit die eigene, innere Zeit. Ich wünschte, die noch unbekannte Zeit zu erleben, wie damals dank der Seifenkiste. Der Tag ging zu Ende, ich blickte zum Fenster. Die Nacht begann, der Wind setzte ein mit heulenden Böen und steigerte sich in einen Nachtorkan, der pausenlos tobte und Schnee vor sich trieb wie weissen Sand in der Wüste. Ich hatte entschieden. Ich lag im Klinikbett unter der Decke, die drei Finger der rechten Hand auf dem Pulsschlag der linken, ich zählte nicht, sondern spürte das Glück der Kindheit, mitten im jagenden Zischen der Windflut, das gleiche „Zu-früh-noch“ wie damals. Der nächste Morgen wurde nicht hell, der Sturm zerriss den Rhythmus der Zeit, doch der Entscheid blieb in mir wie eine starke Krücke.

Das Lernen setzte ein, Bild für Bild und Wort für Wort, ein Suchen im Bilderwörterbuch, das mein ältester Sohn mir gebracht hatte, dann ein Skizzieren und Notieren ins leere Heft: Tisch/der, Fenster/das, Türe/die und weiter und weiter. Schwierig war, Deutsch und Französisch unter unerkennbaren Wortfetzen zu unterscheiden. Ich konnte nicht gehen und trotzdem zerfloss die Zeit. Tage später begannen Logopädiestunden nach einer Methode aus Deutschland, Versuche zu lesen und zu erinnern, ein Stolpern, verzweifeltes Üben und Wiederholen. Weshalb hatte ich so Mühevolles entschieden zu tun? Wie konnte es wieder gelingen, Wörter im Durcheinander der Wörterwüsten zu ordnen? Bedeuteten Babylon und Hirnblutung dasselbe? Töchter und Söhne besuchten mich, auch meine Enkel, sie waren, wie ich staunend empfand, weit über mich hinausgewachsen. Einzelne Freundinnen und Freunde, einzelne Geschwister legten lange Reisen zurück und verharrten ein wenig im Zimmer an meinem Tisch, bevor sie sich wieder entfernten. Die Nähe tat gut, ich war dafür dankbar. Doch ich spürte, dass niemand mir abnehmen konnte, was mir oblag: den Entscheid umzusetzen, den ich nach dem ersten Erwachen getroffen hatte. Mit den Veränderungen, die in mir geschehen waren, ein Gleichgewicht zu schaffen. Ob den Beeinträchtigungen nicht zu verzagen. Das Leben zu lieben.

Die Tage tickten über in Nächte, die Nächte in Tage, und langsam lernte ich, kleine Sätze zu stottern, Linie für Linie zu schreiben. Ich hörte Musik und wagte, den Rhythmus zu suchen für kürzere und längere Schritte, allmählich wieder zu gehen.

Fortan war die Zeit – anders wie vorher – Begleiterin von Augenblick zu Augenblick, untrügerisch selbst in der Stille der Nacht, sie war die Wirklichkeit meiner Geschichte, das war mit bewusst, wenngleich allein von Tag zu Tag, beschränkt auf eine Anzahl von Stunden. Würde ich wissen wie viele? Waren es nicht pro Tag 24, pro Monat 720, pro Jahr 8’750? Auch die Zahlen wieder zu lernen ging Schritt für Schritt in Begleitung der Zeit, ein Ordnungsgefüge, das den Raum erfüllte, den Körperraum mit dem Herzraum, den Raum im Raum und diesen wieder im Raum, Innen und Aussen, und nach dem Tod im Erdinnenraum oder im Erdaussenraum, das erschien mir gewiss, die Zeit war gezählt und zugleich nicht zählbar. Unendlich endlich.

Das tägliche Lernen verdichtete die Zeit, das Lernen von Worten und deren Bedeutung, das Lernen von Hören und Verstehen dessen, was Andere sagten, von Übersetzen in Worte und Sätze dessen, was ich dachte und fühlte, zugleich das Lernen mich zu bewegen, erst irgendwie dem Bett entlang, dem Tisch entlang, dann entlang einer Linie im Raum und später von Stufe zu Stufe. Das neue Lernen versetzte mich in alle Variationen eines Prozesses – im Sinn des lateinischen  „procedere“ – voranrücken –  mit den Gefühlen der Neugier, der Genugtuung und der Enttäuschung, des schleppenden Rhythmus, der Müdigkeit und des Rückschritts, der Fülle von Erinnerungen oder des lähmenden Mangels – in alle Variationen gelebten Lebens.

Ich hatte als Übungslektüre Pessoa‘s Buch der Unruhe[25] vor mir. Mit dem über sein Unwissen Klagenden ergab sich ein Gespräch. Auf ein Blatt Papier schrieb ich ab, was im Buch stand, später konnte ich das Eine mit dem Anderen vergleichen.  „Ich weiss nicht, was die Zeit ist“ hatte er geschrieben. „Ich weiss nicht, welches ihr wahres Mass ist, falls sie überhaupt eines hat. Ich weiss, dass die Uhrzeit falsch ist. Sie unterteilt die Zeit räumlich, von Aussen. Die gefühlte Zeit, weiss ich, ist ebenfalls falsch. Sie unterteilt nicht die Zeit, sondern unsere Empfindung von der Zeit. Die Zeit der Träume ist gleichfalls falsch. In ihnen streifen wir das eine Mal eine verlängerte, das andere Mal eine verkürzte Zeit, und, was wir erleben, ist übereilig oder langsam infolge irgendeines Vorgangs beim Verfliessen der Zeit, dessen Natur ich nicht kenne. Zuweilen meine ich, alles sei falsch, und die Zeit sei nur ein Rahmen, um das einzufassen, was ihr fremd ist. In der Erinnerung an mein vergangenes Leben sind die Zeiten aus sinnlosen Ebenen angeordnet (…). Ich überlege mir, ob die Bewegungen wirklich synchron sind, die die gleiche Zeit beanspruchen, in denen ich eine Zigarette rauche, diesen Abschnitt niederschreibe und auf dunkle Weise nachdenke“. Später hielt Pessoa fest: „Sich bewegen heisst leben, sich aussprechen heisst überleben. (…) Alles ist, was wir sind, und alles wird für diejenigen, die uns in der Mannigfaltigkeit der Zeit nachfolgen werden, so sein, wie wir es uns intensiv vorgestellt haben, das heisst, wie wir es dank unserer Phantasie wahrhaft gewesen sind. Ich glaube nicht, dass die Geschichte mit ihrem grossen farblosen Panorama mehr ist als eine Abfolge von Deutungen, ein verworrener Konsens zerstreuter Zeugen.“[26]

Der geheime Dialog mit Pessoa war für mich wichtig; in vielem war ich mit ihm nicht einverstanden. Die gelebte Zeit empfand ich nicht als Illusion, nicht die vergangene und nicht die kommende, selbst wenn für diese unbekannte Grenzen sein würden. Die Zeit in ihrer ganzen Komplexität, in allem, was in ihr „heimlich und unheimlich“[27] erscheint, war/ist/wird sein als eine aus dem Gewesenen sich vorweg weiter entwickelnde Tatsache, meine Lebenszeit wie diejenige meiner Vorfahren und meiner Kinder ebenso wie die grosse, kaum erfassbare Zeitgeschichte der Welt.

Bevor ich die Klinik verliess, um zurückzukehren in die Stadt, die ich nicht mehr kannte, erschien es mir wichtig, meine Überlegungen über die Zeit und über die Veränderungen im Verhältnis zur Zeit zu notieren und daraus für die Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Logopäden, für die Physiotherapeuten und für einzelne Patientinnen ein kleines Abschiedsgeschenk zu stricken, für diese vielschichtige Innenwelt der Klinik, von welcher ich ein Teil geworden war. Die Vorbereitung hatte viele Wochen beansprucht, sie kam mir vor wie Arbeit in einem Bergwerk. Mein Wunsch war gewesen zu stricken, tatsächlich musste ich meisseln. Meine Kinder hatten mir seit Beginn des Klinikaufenthalts einzelne Bücher aus meiner Bibliothek gebracht –  Gedichte von Nelly Sachs, einen schmalen Band Spinozas, die Confessiones von Augustinus, Kants Kritik der praktischen Vernunft, ein Lehrbuch in Neurologie, Zeit und Freiheit von Bergson, wie schon erwähnt Das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa, Vita activa von Hannah Arendt, einen Band der Cahiers von Simone Weil und einiges mehr. Mich wieder in gedruckte Texte hinein zu versetzen, deren Bedeutung in mir zwar gespeichert, jedoch nicht mehr abrufbar war, Inhalte wieder zu wecken und neu zu lesen erschien mir, als müsste ich mich in verschüttete Stollen vortasten, um Leuchtkäfer zu finden. Welch ein Geheimnis war dieser Speicherkasten von Zeit und Erinnerung, Zeit des Erkundens und Verarbeitens. Einmal mehr fühlte ich mich zurückversetzt an den Anfang.

Als ich am vorliegenden Buch arbeitete, las ich den Text von damals wieder durch und fragte mich, wie das mühselige Mosaik verstanden werden kann. Augustinus’ Fragen, das wurde bestätigt, vernetzen sich darin in ihrer Unabschliessbarkeit; sie vernetzen sich mit jedem Zeitbezug, mit jeder Zeiterfahrung und allen Zeitverhältnissen. Sie finden sich auch in Pessoas Klage über die ständig entschwindende Zeit. Doch würde Zeit nur in der menschlichen Vorstellung bestehen, wie Pessoa sie empfand, so wäre sie nichts anderes denn ein subjektives Produkt. Gewiss, sie ist es insofern als die Zeit auf je subjektive Weise erfahren und erlebt wird. Daraus ergeben sich Zeitbilder, die dazu beitragen, das, was Simone Weil als „Bezug“ zur Zeit verstand, als ein Verhältnis zu erarbeiten. Das Verhältnis zur Zeit betrifft die persönliche Mitbeteiligung am Verstehen der Zeit und am Umgehen mit der Zeit. Es beruht – wie jedes andere Verhältnis – auf dem Wert der Reziprozität, der sich auf der schmalen Linie des Augenblick zwischen „recus – rückwarts“  und „procus – vorwärts“ immer wieder neu entscheidet. Es sind die Knoten im Geflecht und Muster des Lebensteppichs, die zu knüpfen dem Menschen zusteht und die ermöglichen, das Vergangene und Gewesen, selbst wenn es dunkel war, zu akzeptieren und zu integrieren, die Angst vor dem noch nicht erlebten Unbekannten zu mindern und die stärkende Kraft der Neugier und des Selbstvertrauens wieder zu wecken, die das Leben dem Kind als Entdeckung einer Palette von Farben, die es benutzen darf, anbietet.

Was jede Vorstellung sprengt, ist die grosse Zeitgeschichte, in welche die eigene Zeit eingeflochten ist und mit deren „Unruhe“ in Pessoa’s Bedeutung, deren nicht beeinflussbaren Macht und sich steigernden Destruktivität keine Übereinstimmung möglich ist. Es ist die Verzweiflung ob dem Druck der berechneten und gewerteten Zeit, die seit Menschengedenken durch jede Art von Sklavschaft geschaffen wurde, es ist die Unfreiheit in der Lebensgestaltung und die Verunmöglichung, dem eigenen Zeitrhythmus gerecht zu werden. Mit der Unterwerfung des menschlichen Zeit- und Arbeitsrhythmus unter das industrialisierte Produktionstempo der Maschine, die seit den Anfängen einherging mit der gewinnorientierten Kontrolle über Zeitmass und Lebenswert, setzte sich eine Verdinglichung der Menschen durch, die mit der Digitalisierung und Virtualisierung ins Masslose gesteigert wurde. Die Forderung tempo-tempo, die schon vor Generationen die Menschen krank machte, übersteigt heute das Aussprechbare. Die Masslosigkeit menschlicher Destruktion, die sich schon im Ersten Weltkrieg ankündigte, wurde mit dem Zweiten Weltkrieg und den Kriegen, die seither eine Tatsache der Sinnlosigkeit waren, vielfach bestätigt. Jede Art von Grenze wurde aufgehoben, auch das mit der Tonsprache verbundene Mass, auch die Erfahrung des Raums resp. der Distanz zwischen einem Teil der Erde und einem anderen durch den Aufwand von Zeit. Was heute als  Fortschritt erklärt wird, hat seit dem ersten Golfkrieg mit der digitalen Kommunikation die Lichtgeschwindigkeit erreicht und mit dem atomaren wie auch mit dem chemischen Waffensystem die Möglichkeit der Vernichtung der gesamten Menschheit.

Dass jegliches Mass und hiermit auch jegliches Zeitmass überschritten ist, löst so grosse Ängste aus, dass viele Menschen darob erkranken. Während einer kurzen Etappe mag die Anpassung an die durch Technik und Wirtschaft geforderte Tempo- und Leistungssteigerung gelingen, doch jede Art von Masslosigkeit bewirkt Atemlosigkeit und Erschöpfung. Herzbeschwerden, Kreislaufprobleme und viele weitere Leiden sind die Folge. Ihnen zu Grunde liegt die Angst, die sich als unsichtbare Herrschaft seit Generationen gesteigert hat und die schon Heinrich Heine in seiner Zeitbetrachtung meinte, als er schrieb, dass  eine Solidarität der Generationen herrsche, die aufeinanderfolgen, jadass  die Völker, die hintereinander in die Arena treten, eine solche Solidarität übernehmen, und die ganze Menschheit liquidiere am Ende die grosse Hinterlassenschaft der Vergangenheit.

Wie lässt sich trotz der nicht mehr messbaren und nicht mehr steigerbaren Beschleunigung, die den Äther durchzieht, für jeden einzelnen Menschen wieder ein Zeitmass finden, dass sein Verhältnis zum Leben, zu seinem eigenen Leben und zum Leben der anderen Menschen auf gute Weise ordnet und begleitet?

Der Rekurs auf die Vernunft mag nützlich sein; die Vernunft kann ordnende und regulierende Kriterien anbieten, doch sie genügt nicht. Die Vernunft lässt sie sich zu jedem Zweck benutzen oder missbrauchen. Es bedarf der sorgfältigen Prüfung des Zwecks, um den es geht, wenn bei Entscheidungen der Rekurs auf die Vernunft vorgegeben wird. Es bedarf des kritischen Denkens und zugleich bedarf es der „raison du coeur“, das heisst, es bedarf des Muts als der Sprache des Herzens, es bedarf dieser probeweisen Aktivierung mit kleinen Energiemengen, um zu spüren, dass es andere Möglichkeiten gibt als Unterwerfung unter die Angst, andere Möglichkeiten als Mutlosigkeit, auch andere Möglichkeiten als Flucht in eine der zahlreichen ideologischen oder pharmakologischen Ersatzmöglichkeiten, die angeboten werden. Der damit einhergehende Zweck bewirkt nach kurzer Zeit neue Ängste. Es ist wichtig zu wissen, dass die Angst nur so lange auf Notwendigkeit beruht, als sie eine warnende Funktion hat. Wenn sie zur konstanten inneren Gewalt wird, hat sie diese Funktion verloren. Die Angst zu hinterfragen und ihre Ursachen zu klären ist, gehört zu den grossen Chancen.

Die Angst vor der Zeit als einer mächtigen, lähmenden „Klammer“ oder als einem bedrohlich jagenden „Torpedo“ – Zeitbilder, die sich aus Gesprächen ergaben -, beruht auf Erfahrungen psychischer oder körperlicher Gewalt, die weit zurückliegen, die jedoch ein Gefühl der Machtlosigkeit oder der Wertlosigkeit bewirkt haben, das sich fortsetzte und verstärkte. Dies zu erkennen ermöglicht einen anderen Blick auf sich selber, auf den eigenen Lebenswert und auf den persönlichen Wert des Überlebens. Es gewährt die Genesung aus dem bedrückenden Mangel an innerer Sicherheit, welcher der Angst zugrunde liegt; es ermöglicht eine andere Beachtung lebenswichtiger Bedürfnisse und eigener Wahlmöglichkeiten in Hinblick auf deren Erfüllung. Ein solches Erkennen kommt nie zu spät, es gibt in der Lebenszeit hierfür keine Schranke. Der Zeitpunkt ist immer der richtige, um Bergson’s  „Intuition“ wirken zu lassen und aus dem verborgenen Leiden durch das Erkennen der Ursachen jene Leidenschaft oder  „Intensität“  der Lebenszustimmung wachsen zu lassen, die den Sinn auch dieses Lernprozesses spürbar werden lässt, des ganzen Lernprozesses, der mit dem Leben, über das wir verfügen, angeboten wird. Hannah Arendt hatte auf einem ihrer späten Notizblätter festgehalten, dass  – ich zitiere ungefähr, ohne den Text vor mir zu haben – denjenigen, die unter Wüstenbedingungen die Leidenschaft fürs Leben aushalten können, zuzutrauen ist, in sich jenen Mut zu sammeln, der an der Wurzel des richtigen Tuns liegt.

Seit der Hirnblutung, wie ich sie mit dem Verlust der Sprache und dem Zeitempfinden erlebt habe, sind wieder mehr als zehn Jahre vergangen. Im vergangenen Jahr machte ich einen kleinen, unkontrollierten Schritt nach hinten und brach mir das Bein. Während Wochen konnte ich nicht mehr gehen. Schritt für Schritt musste die vertikale Haltung des Körpers wieder gelernt werden, und auf vielfältige Weise war ich erneut der Hilfe bedürftig. Diesmal war es zuerst mein Enkel Julian, der sie mit bot, später mein ältester Sohn Balthasar, wie zehn Jahre vorher alle vier Kinder, Freundinnen und Freunde mir zu Hilfe gekommen waren und mehr als sechzig Jahre zurück der Knabe Franz aus Wien.

Hilfe, die im Fall der Not erlebt wird, tangiert den Kern der Lebenskraft. Sie stimmt zutiefst dankbar, sie stärkt den Mut, die wortlose Sprache der Seele. Nicht der Mutlosigkeit anheimfallen heisst, um das Leben derjenigen wissen, denen das Leben der anderen, auch mein Leben, Wert bedeutet. Es ist ein Wissen, das auf Erfahrungen beruht, die den nicht messbaren Wert des Lebens kundtun: die Unersetzbarkeit der menschlichen Wärme und des tiefen Atems, mit welchem jedes menschliche Wesen seit dem Augenblick der Geburt dem Leben eine Zustimmung vermittelt. Die persönliche Lebenszeit, die damit beginnt, bedarf gleichzeitig der wärmenden und stärkenden Nähe anderer Menschen, sie bedarf in jeder Phase der Hilfe, des Austauschs und des Teilens von Wissen und von Kräften in der Beachtung der Bedürfnisse, die selber nicht erfüllt werden können.

Das Verhältnis zur Zeit wird geprägt durch diese auf die Beachtung der Grundbedürfnisse abgestimmte Erfahrung der Verlässlichkeit  – der Liebe – der Menschen untereinander und zueinander. Sie ist ohne Ausnahme Voraussetzung für wachsende Angstfreiheit. Auch wenn diese während langer Zeit brüchig war oder gefehlt hat, lässt sie sich nachholen, sobald der Erkenntnisprozess gewagt wird, wie ich es, gestützt auf meine Erfahrungen, vermitteln kann. Das Verhältnis zur Zeit  kann tatsächlich angstfrei werden, obwohl der Ablauf der Zeit pausenlos abrollt und das Ausmass an Zeitgeschichte nicht mehr erfassbar erscheint. Wahrnehmen und Beachten des menschlichen Zeitrhythmus in Hinblick auf die Begrenztheit des Lebens heisst letztlich, zur Zustimmung zurückfinden, die den Anfang des Lebens gekennzeichnet hat.

 

 

[1] Robert Walser. Gedichte und Dramolette. Hrsg. von Robert Mächler. Band IX. Verlag Helmut Kossodo, Genf und Hamburg 1972, S. 407

[2] Norbert Elias. Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Mai 1984

[3] Ales Rasanau (geb. 1947 in Sjalez / Weissrussland, lebt seit 1999 als Flüchtling im Ausland). Das dritte Auge. Punktierungen. Weissrussisch und Deutsch, übersetzt von Elke Erb. Verlag Urs Engeler, Weil am Rhein 2007. S. 57.

[4] Platon. Sämtliche Werke. Bd. 5. Nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher und Hieronymus Müller, Rowohl Verlag, Reinbek bei Hamburg 1961. S. 160-161

[5] Augustinus. Confessiones – Bekenntnisse. Lateinisch-deutsch. Kösel Verlag, München 1955. S.629

[6] Diese Kalenderrevision gilt bis heute nicht für die Zeiteinteilung der orthodoxen Kirchen Griechenlands, Serbiens, Russlands u.a.m..

[7] So hat z.B. im Lauf der Französischen Revolution der Konvent das Jahr 1792 zum Jahr 1 erklärt; zudem sollte  ab dem Jahr 1794 und der Abschaffung des Christentums ein neuer Kalender mit Monaten à je drei Wochen und à je 10 Tagen gelten.

[8] Ales Rasanau. Weil am Rhein 2007.  S. 89

[9] Augustinus,. München 1980. S. 655

[10] Es handelt sich dabei um die Doktorarbeit von Henri Bergson, die in der Edition F. Alcan, Paris, erschienen ist.

[11] Damals wie ein Nachdruck 1920 im Verlag Eugen Diederichs in Jena. – Spätere Ausgabe: Henri Bergson. Zeit und Freiheit. Athenäum-Verlag, Frankfurt a.M. 1989.

[12] Nelly Sachs. Späte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1981, S. 225

[13] Nelly Sachs. Späte Gedichte. Frankfurt a. M. 1981. S. 32

[14] Sarah Kofman (geb. 14. 09. 1934 – gest. 15. 10. 1994). Rue Ordener, Rue Labat. Editions Galilée, Paris 1994; deutsche Übersetzung: gleicher Titel, Passsagen Verlag, Wien 1995.

[15] L’espèce humaine. Gallimard, Paris 1957; deutsche Übersetzung: Das Menschengeschlecht, Carl Hanser Verlag, München 1987.

[16] Sarah Kofman. Paroles suffoquées. Edition Galilée, Paris 1987; deutsche Übersetzung: Erstickte Worte, Passagen Verlag, Wien 1988.

[17] Sarah Kofman. Schreiben wie eine Katze. Zu E. T. A. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr. Passagen Verlag Graz-Wien 1985

[18] Ab der 4. Auflage war Otto Rank der Herausgeber

[19] Freuds Oedipus-Theorie beruht in erster Linie auf den mit dem Tod seines Vaters einhergehenden Erkenntnissen.

[20] Harold Brodkey. This wild darkness. Die Geschichte meines Todes. Übersetzerin: Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1996

[21] Die Begleitung von  Brigitta .A. war vor meiner eigenen Hirnblutung erfolgt.

[22] Ales Rasanau. Punktierungen. Aus: Das dritte Auge. Weil am Rhein 2007

[23] Nelly Sachs. Frankfurt a. M. 1993. S. 93

[24] Augustinus. München 1980. S. 627

[25] Fernando Pessoa (geb. 1888, gest. 1935); Buch der Unruhe. Amman Verlag, Zürich 1986. (Livro do Desassossego. Übersetzung aus dem Portugiesischen ins Deutsch von G. R. Lind)

[26] Fernando Pessoa. Zürich 1985. S. 252 ff / S. 294.

[27] Julia Kristeva. Fremde sind wir uns selbst. Edition Suhrkamp 1604, Frankfurt a. M. 1990. S. 199 f

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