„Laut sagen, was ist“ Über die Masslosigkeit von Allmachtsanspruch – über Möglichkeiten der Korrektur

 „Laut sagen, was ist“

Über die Masslosigkeit von Allmachtsanspruch – über Möglichkeiten der Korrektur

 

Während Präsident Bush den Abwurf modernster Bomben und Raketen auf Irak und auf die dort lebenden Menschen mit der Begründung rechtfertigt, das Land vertrete Terrorismus und Sadam Hussein halte Massenvernichtungswaffen geheim, bleibt der Terror, den die USA mit ihrem seit Jahren geplanten Krieg ausüben, kaum ausgesprochen. Der Blindheit der Kriegführenden gegenüber der Ohnmacht und dem Leiden der Opfer, gilt es nachzugehen, um sowohl die partikuläre wie die kollektive Verantwortung für die Verbrechen gegen “die Menschheit in jedem einzelnen Menschen”, gegen “den Status des Menschseins” (Hannah Arendt) zu klären.

Der Satz, die „revolutionärste Tat ist zu sagen, was ist”, geht auf Ferdinand Lassalle zurück und wurde von Rosa Luxemburg in ihren Friedensbemühungen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs aufgenommen, auch während des Kriegs in den Briefen und öffentlichen Texten immer wieder erwähnt, die sie im Gefängnis schrieb. Immer wieder hielt sie fest, “laut sagen was ist” sei die einzige Möglichkeit, nicht über das Schweigen mitverantwortlich für die Vernichtungsgewalt des Kriegs zu werden.

Der Satz gilt allen diktatorialen Regimes gegenüber, letztlich auch dem heutigen Regime der USA gegenüber, das sich als neo-konservatives, oligarchisches Weltbeherrschungsregime manifestiert, dessen Pressefreiheit mehr und mehr limitiert wird, das von einer Regierung und einem Regierungschef beherrscht wird, dessen “Wahl“ nach demokratischen Kriterien mehr als fragwürdig ist und der in allem, was er sagt und entscheidet, eine fanatische und zuglei kalte Megalomanie deutlich werden lässt. Der aktuelle Krieg gegen Irak wird von George W. Bush mit manischem Rechtsanspruch als militärischer Welt-Rache-Akt erklärt – wie schon der Krieg gegen Afghanistan. Zu befürchten ist, dass der Verlust von Menschenleben, die schwerwiegende Traumatisierung von Überlebenden, die Zerstörung von ökologischen, kulturellen und gesellschaftlichen Werten ebenso masslos sein wird.

Es ist unbestritten, dass in Saddam Hussein’s Despotie, die bis 1991 von westlichen Staaten gestärkt und in den folgenden zwölf Jahren durch Wirtschaftssanktioinen gedemütigt und beinah erstickt wurde, Menschlichkeit keinen Platz hatte. Trotzdem ist es nicht Amerikas Auftrag, diese Despotie durch Krieg zu beenden.

 

Trümmerhaufen, die zum Himmel anwachsen

Mit dem gegenwärtigen Krieg übt George W. Bush, der vorgibt, Terror zu bekämpfen, eine Masslosigkeit an Terror aus.

Es ist die  Masslosigkeit seines Allmachtanspruchs, seiner zugleich christlich-fanatischen und anti-islamischen Begründungskonstrukte eines Kampfes gegen die “Achse des Bösen”, damit einer verbissenen Feinderklärung. Damit einhehr geht die  Masslosigkeit seiner persönlichen Verfügungsmacht über technologisch höchst entwickelte Massenvernichtungswaffen, die er als Marionette einer republikanischen Clique in paranoidem Narzissmus zur Schau stellt und ausübt. Dabei manifestiert sich eine Masslosigkeit der Bedenkenlosigkeit, zum Zweck der “Terror”bekämpfung die Lebensmöglichkeit der Zivilbevölkerung von Irak – wie schon jene von Afghanistan – aufs extremste zu gefährden. Der Begriff  „Terror“ wird benutzt, ohne dass je die Ursachen des Aufbegehrens von Menschen nach Generationengeschichten der Entrechtung untersucht wurden, ohne dass die Folgen wirtschaftlicher Ausnutzung, grosser Armut  und menschlicher Entwertung in Betracht gezogen werden, ohne dass je Angeboten der Gutmachung des zugefügten oder mitverursachten Verlustes von menschlicher Würde und Lebenssinn erwogen werden, durch welche “Terror“ nutzlos würde.

Masslosigkeit zeigt sich in George W. Bush’s wirtschaftlichen/weltwirtschaftlichen Ansprüchn, die darin bestehen, jene Staaten zu kontrollieren und letztlich zu beherrschen, deren Öl und weiteren Bodenschätze von Interesse sind. Keine „Intervention“ wird in Ländern als nötig erachtet, die wirtschaftlich und strategisch uninteressant sind, auch wenn Bürgerkriege bis zum Genozid dort Realität sind. Mit all dem einher geht die Masslosigkeit der eigenen Unantastbarkeit durch die Verweigerung der menschenrechtlich-strafrechtlichen Untersuchung amerikanischer Militärs etc. durch das Internationale Strafgericht, z.B. im Zusammenhang der Kriegsgeschehnissen im ehemaligen Jugoslawien, in Afghanistan etc. All dem voraus geht die Masslosigkeit der sozialen Verantwortungslosigkeit gegenüber der zunehmenden Ohnmacht und Armut in den USA selber. Die Folgen sind kaum mehr erträgliche gesellschaftliche Diskrepanz, sowohl hinsichtlich der Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, der Arbeits- und Wohnmöglichkeiten wie der  Gesundheit und der medizinischen Versorgung, letztlich des frei gestaltbaren Leben der breiten Bevölkerung. Die soziale Indifferenz der Bush-Regierung ist so inhuman wie die militärische; sie ist mitverantwortlich für das wachsende Ausmass an Strafverfahren und Gefängnisüberweisungen,  inklusive Todesurteilen und deren Vollzug. Eine weitere Tatsache ist die Masslosigkeit in der Beherrschung und Kontrolle der Medien, in täuschenden  Behauptungen, Ursachenerklärungen, Verschleierungen etc.

Eine Erinnerung an ein Bild von Paul Klee wird in mir geweckt, das Bild des “Angelus Novus”, auf welches Walter Benjamin sich in seinem Essay “Über den Begriff der Geschichte” bezieht, kurz vor seiner Flucht aus dem von Nazi-Deutschland besetzten Frankreich, auch kurz vor seinem Tod  am 27, September 1940. Der “Angelus Novus”, den Walter Benjamin als Engel der Geschichte deutet, der auch das neue Leben jedes Kindes, das in die Geschichte der Zeit hineingeworfen wird, darstellen kann, “ist im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Er hat das Gesicht der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie vor die Füsse schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Der Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.”

“Trümmerhaufen” bestehen aus der nicht verarbeiteten Geschichte und wachsen an durch die  verdrängten Angstzuständen und Leiden der Menschen, auch aus geleugneter Schuld. Es sind tabuisierte Schäden und Lasten, die über Generationen anwachsen und welche die Identität der Menschen prägen. Misstrauen und Abschottung, Identitätsprobleme und Feinderklärung von Fremden sind Teil davon, häufig ein kaum mehr kontrollierbares Bedürfnis nach Rache, andererseits ein Hunger nach Anerkennung des eigenen Wertes und nach Liebe, auch im kollektiven und nationalen Zusammenhang, ein Bestreben nach Anpassung an Forderungen, deren Erfüllung eine wachsende Dominanz im Bereich des Handels und Marktes, sodann im Bereich der Ideologien wie der politischen und militärischen Macht, letztlich im Zusammenhang dessen, was als “Fortschritt”  verkündet wird. Fortschritt, mit der Erwartung eines sich in die Zukunft öffnenden Weg, wird in der heutigen Zeit zum masslos treibenden Sturm.

Der Begriff „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, der in deutscher Sprache so gebraucht wird, ist insofern ungenügend, als es nicht um eine attributive Abstraktion des Menschlichen geht. Es geht um Verbrechen gegen das Menschsein überhaupt – gegen das Leben der Menschen, gegen die Zukunft der Kinder. Es geht auch nicht um eine spezifische Qualität der Verbrechen, nicht um mehr oder weniger grosse Brutalität und Gemeinheit des verbrecherischen Handelns, sondern es geht um den Zweck der Verbrechen, der darin besteht,  Menschen zu vertreiben, zu erniedrigen, zu quälen und zu töten, allein weil sie Mitglieder eines bestimmten Volkes sind, allein weil diesem Volk als Volk in der Strategie des/der Mächtigen weniger Lebenswert erklärt wird als dem eigenen Volk. Die Terrorismusanklage der USA gegenüber dem Islam und damit gegenüber Menschen, deren nationale Zugehörigkeit nicht wählbar war/ist, die aber von generationenlangen imperialistischen, wirtschaftlichen und religiösen Unterdrückungs- und Missbrauchsbedingungen geprägt wurden, hat eine rassistisch-ethnizistische Einseitigkeit, die verhängnisvoll ist. Terror hebt sich auf, wenn die Ursachen geklärt, ernst genommen und behoben werden.

 

Lässt sich “Fortschritt” aus der Destruktivität lösen?

“Trümmerhaufen” und ängstigende Zukunft unter dem Namen Fortschritt sind die Bedingungen, unter denen heute Kinder und Jugendliche aufwachsen – in Irak und in den USA, im ehemaligen Jugoslawien, in Tschetschenien und in Afghanistan, in der Türkei, in Kolumbien, Elfenbeinküste und hier in der Schweiz – auf Grund der globalisierten Wirtschaft in der ganzen Welt.

Reicht es zu „sagen, was ist“, um zu verhindern, dass Waffengewalt und Krieg, dass Gewalt, Armut und Angst sich weiter fortsetzen? Was braucht es zur Verhinderung?

Nachdem der UNO-Sicherheitsrat mit seinem Entscheid machtlos ist, nachdem schon Monate vor Kriegsbeginn der Truppenaufmarsch der USA und Grossbritanniens in der Golfregion stattfand, nachdem die Vorbereitung der Flugzeugrouten und der Bomben, der Strategien und Eskalationen auf Computern vorprogrammiert wurden, als handle es sich um abstrakte Erwachsenenspiele – was wäre noch nötig gewesen, um den Krieg zu verunmöglichen? Bedürfte es nicht in den USA selber – wie auch in Grossbritannien und anderswo –  des totalen Widerstandes der Soldaten? Oder bedürfte es auf globaler Ebene des Abbruchs amerikanischer Markt- und Handelsgeschäfte? Wäre es nicht dringlich, zum Zweck der Aufdeckung der wirtschaftlichen und politischen Ursachen und Hintergründe der amerikanischen Kriegserklärungen und Kriegsausübungen – seit Vietnam bis heute – die Grösse und Schwere der heutigen “Trümmerhaufen” als Gegenstand der Anklage zu erheben, um die Fortsetzung der Waffenindustrie und der Kriegsausübung zu verhindern?

Hannah Arendt hielt im Zusammenhang ihrer Überlegungen zum Eichmann-Prozess fest, jeder Massstab von Menschenrechtsverletzung sei “ein Angriff auf die menschliche Mannigfaltigkeit als solche, also auf ein Wesensmerkmal des Menschseins, ohne welches wir uns Menschheit oder  Menschengeschlecht nicht einmal vorstellen können”. Es geht Hannah Arendt dabei um die Tatsache, dass die kreative und korrektive Kraft der Freiheit, welche jedem Menschen mit seiner nicht wählbaren Gebürtlichkeit gegeben ist und jedem Menschen zusteht, nur sinnhafte Umsetzung durch die vielfache Pluralität des Menschseins entfalten kann. Voraussetzung ist Bildungs- und Entfaltungsmöglichkeit ohne Hunger, ohne ängstigende Herabsetzungen und ohne Bedrohung. Eine weitere Voraussetzung ist die freie, unabhängige Presse sowie ein Leben in sicherer Freiheit und in freier Sicherheit.

Wenn “laut sagen, was ist” nicht mehr gewünscht oder nicht mehr  gestattet ist, wie dies heute auch in weiten Bereichen der republikanischen USA der Fall ist, zerfällt ein Staat in die Diktatur und damit in die Herrschaft vielfachen Terrors. Die Schriften von Frantz Fanon, dem algerischen Psychiater und Widerstandskämpfers, oder von Ulrike Meinhoff’, der deutschen Intellektuellen auf der Suche nach sozialer Gerechtigkeit, bieten wichtige Erklärungen an.

Es bedarf der Korrektur der Verursachung von Terror. Es bedarf der spürbaren Umsetzungsmöglichkeit der kreativen Kräfte der Freiheit, die dazu nur in der Lage sind, wenn die alltäglichen Lebensbedingungen den Wert des Menschseins von jeder Art der Herabsetzung, der Lebensnot und Angst, des Bedürfnisses nach Rache auf Grund nicht tragbarer Armut und erstickender Abhängigkeit lösen und so ohne Täuschung stärken. Nie ist eine Korrektur der “Trümmerhaufen”  durch Verstärkung der Gewalt möglich. Der Sturm, der “Fortschritt” heisst, bedarf der Lebenssicherheit und der Angstfreiheit der jungen Menschen, damit deren Blick in die Zukunftmöglich wird und nicht von den “Trümmerhaufen ” besetzt wird.

 

Verhindern, dass die Welt in Feindbildern erstarrt und in Gewalt verblutet.

Es grenzt an Zynismus, der zu globalisierter Norm wurde, dass für politische Entscheide nicht die Opfer angehört werden,  nicht Kinder und junge Menschen, Frauen und Männer, die in ihrem Recht zu leben und eine Zukunft aufbauen zu können, bedroht sind,  dass nicht die Millionen von Stimmen angehört und ernstgenommen werden, die weltweit gegen Krieg demonstrieren und. Frieden fordern.

Ein beachtenswertes Beispiel der Korrektur der Ursachen von Aufbegehren und Verzweiflung, die in Terror ausartet, bietet das wirtschaftlich arme, kleine Land Jemen an. Junge Menschen, die auf Grund von Angeboten aus reicheren Ländern als fanatisierte Anhänger von Terrorgruppen ausgebildet und benutzt wurden, werden zurückgeholt und quasi “umgebildet”. Auf dialogischem Weg soll ihnen eine neue Verantwortung der humanitären Verpflichtung vermittelt werden, die nicht nur Pflicht ist, sondern ihnen selber zugute kommt – und die letztlich auch mit den ursprünglichen, nicht in Fanatismus entarteten Glaubenslehren übereinstimmt.

Was Jemen jungen Menschen über den klärenden Dialogs vermittelt, müsste politisch und wirtschaftlich Machthabenden nicht nur angeboten werden, sondern als Bedingung der Machtausübung vorausgesetzt werden: im Sinn des Lernens einer nicht-destruktiven Umsetzung von Freiheit und von Macht sowie einer nicht missbräuchlichen Erfahrung von Abhängigkeit.

Trotz der Abgestumpftheit der heutigen Zeitgenossenschaft kann der Aufschrei nach Frieden von Millionen von Menschen nicht einfach beiseite geschoben werden. Entscheidend scheint mir, dass die Macht der Medien nicht verschmelzen darf mit der Masslosigkeit der Gewalt von Weltbeherrschungsstrategien, auch nicht mit der Ausnutzung schwacher Menschen zu politischen und militärischen Zwecken. Entscheidende scheint mir auch, dass Rollenspiele auf Regierungsebene nicht mehr unter der Vorgabe von Demokratie oder von “göttlichem Auftrag” legitimiert werden dürfen; dass es nicht mehr zugelassen werden darf, dass sie unter dem Vorwand “höherer Aufträge” mit wirtschaftlicher Ausbeutung von Armen einhergehen und mit der Steigerung des Gewinns der Reichen, insbesondere vielfacher Profiteurs von Rüstungsindustrie und Waffenhandel. Wichtig scheint mir auch, dass männliche Tötungsphantasien nicht mehr unter dem Konstrukt der Notwendigkeit von Kriegführung realisiert werden dürfen, dass äusserste Erniedrigung von Frauen nicht länger unter “Normalität” schubladisiert wird, dass jeder Masslosigkeit der Waffengewalt und des Fanatismus, jeder Zerstörung des Lebenswertes und jeder Zukunftsgefährdung von jungen Menschen und von Kindern Einhalt geboten wird.

Menschliche Zeitgenossenschaft ist verpflichtende Mitverantwortung im sozialen und menschenrechtlichen Bereich, aus der sich niemand stehlen kann, auch hier in der Schweiz nicht. Die gegenseitige Abhängigkeit von einander ist heute im globalen Ausmass Tatsache, so oder so.

Write a Reply or Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.